zurückgewichen ist. Diese Sache hatte Faber verschwiegen, und somit schlicht und einfach aus seinem Bewußtsein, aus seinen Berechnungen verdrängt. Seit er Sabeth kennen und lieben gelernt hat, hat sich sein Blick sowieso zumindest erweitert. Er weigert sich zwar oft noch, wie bei bei der Erinnye, die durch den speziellen Lichteinfall wie lebendig zu wirken scheint (S.111), die Dinge mit Sabeths romantischem Blick zu sehen, doch er ist dem nicht mehr vollständig verschlossen.
Sabeth scheint mehr und mehr eine Seite von Faber hervorzubringen, die er bisher verdrängt hat. Als Sabeth jedoch unter anderem durch Fabers Verschulden stirbt, sieht er sich in ein Loch gestürzt. Dazu kommt noch das Wiedersehen mit Hanna, was eine weitere enorme psychische Belastung für ihn darstellt. Er flüchtet sich wieder in seine mathematische Welt, um sich selbst zu "beweisen", dass Sabeth nicht seine Tochter sein kann. Doch es gelingt ihm nicht mehr überzeugend. Als er schließlich in Düsseldorf seine alten Filmaufzeichnungen von Sabeth ansehen muß scheint etwas in ihm vollständig zu zerbrechen. Ihm wird die Sinnlosigkeit seiner Selbsttäuschung klar, der gigantische Fehler, den er Zeit seines Lebens begangen hat.
Er fühlt sich mit einem Male wie "blind" (S.192) und läuft völlig ziellos durch den Stadtverkehr von Düsseldorf, nachdem er mit einer Ausrede vor der Filmvorführung geflüchtet ist. Als er dann im Zug sitzt und aus dem Fenster sieht, wird ihm klar, dass er Sabeth nie wieder sehen wird, dass er sie für immer verloren hat.
Deshalb möchte er überhaupt nichts mehr sehen, er sieht keinen Sinn mehr in seinem Augenlicht. Er möchte nur noch "nie gewesen sein" und "die Augen loswerden" (S.192).
Dies ist zum einen ein deutlicher Bezug auf das Oedipusmotiv der griechischen Sagenwelt, zum anderen der Moment, in dem Faber selbst bewußt wird, dass er sich sein ganzes Leben lang selbst geblendet hat.
Dies ist schon ganz zu Beginn des Berichtes ersehbar, nämlich an der Stelle, wo beim Start der Maschine von La Guardia solch ein heftiger Schneesturm wütet, dass Faber sich "wie ein Blinder" vorkommt, weil er das Blinklicht des Flugzeugs nicht sehen kann, also in gewisser Weise ein Symbol für die Technik aus den Augen verliert.
Weiter ist die Filmmanie Fabers, das fast zwanghafte Festhalten von allem auf Zelluloid ein Symbol für die Blindheit Fabers. Er will der Natur auf diese Weise die Einmaligkeit des Moments nehmen und kann gleichzeitig alles durch die Distanz der Linsenoptik sehen, ohne direkt am Geschehen beteiligt sein zu müssen.
Nach seiner Zeit mit Sabeth legt er dieses Verhalten ab, am deutlichsten wird dies währen seines Aufenthaltes in Kuba. Dort sitzt er in einem Gewitter am Strand und lässt das Naturspektakel auf sich wirken (S.175). In den kurzen Lichtstößen der Blitze sieht er die "schwefelgrüne Palme im Sturm" und den Rest der Natur mit Sabeths Blick. Doch sofort danach, als es wieder dunkel um ihn ist, fühlt er sich "wie blind" (S.175).
Auf diese Textstelle findet sich ganz am Ende des Buches, kurz vor der wahrscheinlich tödlichen Operation, ein Rückbezug. In einem fast verklärt wirkenden Abschnitt definiert Faber das "auf der Welt sein" mit "im Licht sein", dem "Licht standhalten" (S.199). Hier hat er endgültig erkannt, was für ihn das ganze Leben lang hätte zählen müssen, doch es wird ihm zu spät klar. Durch Sabeth ist er zwar näher zu sich selbst gekommen, doch mit ihrem Tod hat er das in gewisser Weise auch gleich wieder verloren. An dieser Stelle, auf S.199, wäre er wohl soweit gewesen ein neues Leben mit Hanna zu beginnen, doch seine "Sünden" der Vergangenheit holen ihn ein, schließkich hat er lange Zeit wegen seines naiven Glaubens, der Natur überlegen zu sein, sein Magenkrebsleiden ignoriert.
An den Schluß dieser Interpretation möchte ich noch zwei Zitate stellen, die meiner Meinung nach perfekt auf die Figur des Walter Faber passen:
"Man muß erst einmal ganz aus sich selbst heraus gegangen sein, um zu sich selbst zu finden." und
"Die Zeit verwandelt uns nicht. Sie entfaltet uns nur."
Arbeit zitieren:
Dennis Seichter, 2001, Frisch, Max - Homo Faber - Die Entwicklung des Motivs der Blindheit und dessen Bedeutung. Weltsicht und Selbstbild Fabers., München, GRIN Verlag GmbH
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