Inhaltsverzeichnis
Einleitung - 2 -
Sachanalyse - 3 -
Didaktische Analyse - 6 -
Darstellung des geplanten Unterrichtsverlaufes - 10 -
Tabellarischer Verlaufsplan - 11 -
Nachbetrachtung der gehaltenen Stunde - 13 -
Literaturverzeichnis - 15 -
Sachanalyse - 15 -
Didaktische Analyse - 15 -
Anhang: Materialien - 15 -
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Einleitung
Im Rahmen eines Fachdidaktischen Tagespraktikum im Sommersemester 1999 haben wir eine Unterrichtsreihe unter dem Thema “Industrielle Revolution - Veränderung aller Lebensbereiche” in einer neunten Klasse der Realschule Wolbeck gehalten. Das Thema bot die Möglichkeit es in geeignete Sinneinheiten zu unterteilen, die jeweils von einem Praktikanten oder einer Praktikantin in selbstgestalteten Stunde behandelt werden konnten. Nach einer Stunde, die einen Überblick über die Industrialisierung verschaffen und die Schülerinnen und Schüler in das Thema einstimmen sollte, wurden in zwei weiteren Einheiten mit den Anfängen der Industriellen Revolution in England und dem Industriestaatwerden Deutschlands die Grundlagen und großen geschichtlichen Bezüge dargelegt. Die weiteren Themen waren “Kinderarbeit während der Industriellen Revolution”, “Die Wohnsituation im Arbeitermilieu”, “Die Arbeiterbewegung: Marx und Engels” und “Lösungsversuche zur sozialen Frage”. Daneben organisierte ein Praktikant ein Begleitprojekt, in dem die Schülerinnen und Schüler mit Hilfe von neuen Medien Informationen zum Thema Industrielle Revolution oder Industrialisierung beschaffen sollten und ihre Medien sowie die Ergebnisse ihrer Recherchen vorstellen sollten. Dazu wurden Projektgruppen gebildet, die entweder verschiedene multimediale CD-ROMs oder das Internet als Informationsmedium vorgeschrieben bekamen.
Die im folgenden ausgearbeitete Stunde war die dritte der Reihe zum Thema “Deutsch-land wird Industriestaat”. Sie fand am 22. April 1999 im Geschichtsunterricht der Klasse 9c in der Realschule Wolbeck bei Herrn Plümpe statt.
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Sachanalyse
1 Die Begriffe “Industrielle Revolution” oder “Industrialisierung” beschreiben den wirtschaftlichen Umbruchsprozess, der in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahr- 2 hunderts in Großbritannien begann und sich nach und nach auf andere Länder ausdehnte . Das wichtigste Merkmal dieses Prozesses war ein bis dahin unbekanntes Wirtschaftswachstum, gemessen durch die reale Steigerung des Sozialprodukt pro Kopf. Durch interdependente strukturelle Veränderungen wurde dieses Wachstum dauerhaft und selbsterhaltend. England hatte durch seine Vorreiterrolle im Vergleich zum europäischen Festland um 1800 einen unbestrittenen Entwicklungsvorsprung, von dem auf das übrige Europa bald ein starker Sog ausging, diesen aufzuholen.
Im Gebietes des späteren Deutschen Reichs (ab hier der Einfachheit halber Deutschland genannt) gab zu diesem Zeitpunkt nur regional erste Ansätze der Industrialisierung. Deutschland hatte allerdings eine ganz andere Ausgangslage als Großbritannien. Die starke territoriale Zersplitterung Deutschlands, das zudem immer wieder Schauplatz von Kriegen war, wirkte sich hemmend auf die wirtschaftliche Entwicklung aus. Hinzu kamen die Vielfalt der Zollsysteme, -schranken und verschiedenen Maß-, Münz und Gewichtssysteme sowie eine schlechte verkehrsgeographische Situation, die einen interregionalen Handel erschwerten. Im noch die Wirtschaft prägenden Agrarsektor überwogen die ertragsschwachen Kleinbetriebe, von denen kein anregender Impuls an den Markt ausgehen konnte. Die noch vorherrschende Feudalordnung, die vor allem die Entwicklung der Landwirtschaft behinderte, und die zunftorientierte Gewerbegesetzgebung waren weitere entwicklungshemmende Faktoren. Während eine vollständige Gewerbereform in manchen Teilen Deutschlands erst nach Gründung des Reiches Einzug hielt, wurden die agrarischen Hemmnisse durch die Bauernbefreiung größtenteils im ersten Drittel des Jahr-hunderts beseitigt. Diese Agrarreformen, neben der Bauernbefreiung die Einführung von klaren Rechtstiteln auf den benutzten Boden und Flurbereinigungen, sowie produktionstechnische Verbesserungen - rationellere Düngung und Nutzung des Bodens, etc. -
1 Ich werde im folgenden die beiden Begriffe synonym verwenden. In der Unterscheidung drücken sich eher verschiedene Weltanschauungen oder Forschungabsichten aus als große inhaltliche Differenzen. Ich verweise hier nur noch auf Pandel, S. 11f
2 Der Text folgt in seinen Aussagen zum größten Teil der Darstellung bei Hahn, S. 1-39. Aus Platzgründen verzichte ich auf den genauen Stellenverweis. Aussagen anderer Autoren werden hingegen gesondert ausgewiesen. Pascal Lagemann Fachdidaktische Seminararbeit - 3 -
sorgten für eine Dynamisierung der Landwirtschaft, die so zu beachtlichen Fortschritten fähig wurde. Durch diese Entwicklung wurden positive Rahmenbedingungen zu einer allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung geschaffen, aber die Rückkopplungseffekte des ersten Sektors gegenüber dem zweiten waren zu gering, als dass von einer Initialzündung durch die Landwirtschaft gesprochen werden könnte.
Zum Durchstarten der Industrialisierung in Deutschland brauchte es erst eine wirtschaftliche Einigung der einzelnen souveränen deutschen Staaten untereinander, um die handelshemmenden Faktoren auszuschalten. Unter der Initiative von Preußen kam es 1834 mit der Mehrheit der deutschen Staaten zur Gründung des Deutschen Zollvereins, der einen von Handelschranken freien Binnenmarkt schuf und eine Vereinheitlichung im Währungs- und Maßwirrwarr brachte. Diese Ziele des Zollvereins wurden allerdings nicht direkt mit der Gründung verwirklicht, sondern traten als mittelfristige Auswirkungen auf. Aber der Zollverein schuf die Rahmenbedingungen, in denen sich der Eisenbahnbau, der ebenfalls in den 1830er Jahren begann, im nachfolgenden Jahrzehnt zum Führungssektor der deutschen Industrialisierung entwickeln konnte.
Die durch die Gründung des Zollvereins geförderten gesamtwirtschaftlichen Expansionstendenzen und der Aufbau großgewerblicher Produktionsbereiche, vor allem im Kohlenbergbau und der Eisenindustrie, sowie die Entwicklung im Agrarbereich bedingten eine Steigerung der Nachfrage nach Transportkapazitäten. Der zum großen Teil von privaten Aktiengesellschaften betriebene Eisenbahnbau verzeichnete vor allem zwischen 1841 und 1847 hohe Zuwachsraten und erwies sich als Reaktion auf entstandene Engpässe als sehr profitabel. Durch den Bahnbau entstand eine hohe Nachfrage in den Bereichen Schwerindustrie, Steinkohlebergbau und dem Maschinenbau, dem die inländische Industrie noch nicht gewachsen war. Der Konkurrenzdruck der englischen und belgischen Eisenindustrie beflügelte aber den Anpassungsprozeß an deren moderne Produktionstechniken und führte so zu einen starken Entwicklungsschub. Der Steinkohlbergbau profitierte doppelt von dem neuen Massentransportmittel: Einerseits stieg durch die Eisenbahn die Nachfrage nach Kohle und zum anderen konnte man durch die schnelleren und mit niedrigeren Kosten belegten Transporte neue Märkte erschließen. Diese vom Bahnbau in den 1840er Jahren angeschobene Entwicklung schuf die Grundlagen für den schwerindustriellen Führungssektor aus Eisenbahn, Eisen- und Stahlindustrie, Steinkohlenbergbau und Maschinenbau, der bis in die 1870er Jahre als Motor
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der industriellen Revolution in Deutschland fungieren sollte. Das Bankenwesen entwikkelte sich ebenfalls durch die große Kapitalnachfrage weiter. Da die herkömmlichen Privatbanken den riesigen Kapitalbedarf der Eisenbahn nicht mehr decken konnten, entstanden Aktienbanken, deren an der Finanzierung des Eisenbahnbaus erprobten Arbeitstechniken später den anderen Sektoren zu Gute kamen, als ihr Kapitalbedarf ein 3 entsprechend hohes Niveau erreicht hatte .
Zwischen 1845 und 1847 kam es zum ersten, vom schwerindustriellen Führungssektor initiierten Wachstumszyklus in der deutschen Wirtschaft. Besonders die Führungsregionen wie Sachsen und das Ruhrgebiet konnten in dieser Zeit des Aufschwungs ihren Vorsprung vergrößern und eine Dynamik entwickeln, die den Durchbruch zum selbsttragenden Wirtschaftswachstum ermöglichte. Es zeichneten sich schon alle wichtigen qualitativen Merkmale der industriellen Welt ab: “der breitere Einsatz der neuen Produktionstechniken; die massenhafte Nutzung von Rohstoffen wie Kohle und Eisen; das Fabriksystem als Organisationsform arbeitsteiliger Wirtschaft und die freie Lohnarbeit.” Zusammenfassend kann man die Mitte dieses Jahrzehnts “als eine wichtige Zäsur im Verlauf der deutschen Industrialisierung ansehen”, die den industriellen Durchbruch in Deutschland einleitete.
Nach einer Krise am Ende der 1840er Jahre setze im folgenden Jahrzehnt ein neuer und wesentlich kräftigerer Aufschwung ein, der bis 1873 anhielt. Die Wechselwirkungen und Rückkoppelungseffekte der wirtschaftlichen Entwicklungen sowohl im innerdeutschen als auch im internationalen Bereich hatten eine so starke Dynamik und Verzahnung erreicht, dass die modernen Volkswirtschaften gegenseitig wachstumsstimulierend wirkten. Innerdeutsch blieb der schwerindustrielle Führungssektor die treibende Kraft. Aber auch die Konsumgüterindustrie erlebte ab der Mitte des Jahrzehnts einen kräftigen Aufschwung, der vor allem auf der Steigerung der Massenkaufkraft beruhte. Dieser gesamtwirtschaftliche Aufschwung wurde zwar von einigen Krisen in den folgenden Jahren immer wieder gebremst, endete aber erst in der Gründerkrise von 1873. “Mit ihr endete jene große Wachstumsphase, in der die industrielle Revolution zum Durchbruch gelangte und die deutsche Wirtschaft die Grundlagen jenes Aufhol- und Überholprozesses legte, der sie am Jahrhundertende zur führenden Volkswirtschaft in Europa werden ließ.”
3 Vgl. Tilly, S. 68ff Pascal Lagemann Fachdidaktische Seminararbeit - 5 -
Didaktische Analyse
“Geschichtsunterricht befaßt sich mit den historischen Zusammenhängen und Ordnungen im Leben von einzelnen Menschen oder Menschengruppen. In die Betrachtung sozialer Prozesse geht nach Habermas unvermeidbar ein Vorverständnis geschichtlicher 4 Situationen ein.” Die Schülerinnen und Schüler sollen durch geistige Auseinandersetzung mit Überliefertem und Gegenwärtigem eine verantwortungsbewußte Verselbständigung erreichen und fähig werden zu Mitsprache und demokratischen Verhalten. Die Ausein-andersetzung mit historisch gewachsenen Strukturen und Normen der Gesellschaft soll 5 zur bewußten Einordnung in gesellschaftliche Gruppen befähigen . Zum Erreichen dieser allgemeinen fächerübergreifenden Lernziele muß der Geschichtsunterricht laut Richtlinien die Schülerinnen und Schüler befähigen zur Anwendung seiner fachspezifischen Arbeitsweisen, distanzierten Betrachtung von Geschichte und Gegenwart, kritischer Aufklärung von Identifikation und Indoktrination, Erkenntnis der Bedingtheit menschlichen Han- 6 delns und Indentitätsfindung und Entscheidung für Demokratie . Kriterien zur Auswahl, Gewichtung und Ordnung von Lerninhalten, die dieses leisten können, sind insbesondere die Chronologie, d.h. ob der Lerninhalt die Veränderung und Entwicklung in der Zeit beispielhaft deutlich macht, historische Strukturen, d.h. das Aufzeigen von in bestimmten historischen Zeiträumen relativ konstanten Phänomenen, das historische Erkennen von Strukturen durch den Lerninhalt, das neben der historischen Erfahrung von Veränderungen steht, Aktualisierbarkeit, den Bezug der Geschichte zu aktuellen existenzellen Problemen der Gegenwart und didaktischer Aufschließbarkeit, der Möglichkeit zur Realisierung in der Schule und Orientierung an Bedürfnissen und Interessen der 7 Schülerinnen und Schüler .
Die Industrialisierung als herausragendes Ereignis des 19. Jahrhunderts und als eine universalhistorische Zäsur in der Geschichte der Menschheit gehört mit Recht zum traditionellen Bestand des Geschichtsunterrichts. Der didaktische Wert dieses Themas “beruht vor allem darauf, dass sich in einzigartiger Weise Vergangenheitsdeutung,
4 Richtlinien und Lehrpläne für die Realschule in NRW, Kapitel 1.1.1. S. 7
5 Vgl. Richtlinien und Lehrpläne für die Realschule in NRW, Kapitel 1.1.2, S. 7
6 Vgl. ebenda, Kapitel 1.3.1.1, S. 8
7 Vgl. ebenda, Kapitel 1.3.1.2, S. 8ff Pascal Lagemann Fachdidaktische Seminararbeit - 6 -
8 Gegenwartsdiagnose und Zukunftsbedeutung verschränken” . Dieses geschieht auf mehreren Ebenen:
Die Industrialisierung ist neben der Hominisation, neolithischer, urbaner und rationaler Revolution eine von fünf evolutionären Durchbrüchen in der Geschichte, die unumkehrbare Veränderungen aller Lebensbereiche mir sich gebracht haben. Hominisation ist der evolutionäre Schritt, der den Menschen vom Tier schied und gekennzeichnet ist durch Werkzeugherstellung und Totenbestattung. In der neolithischen Revolution (ab ca. 7000 v. Chr.) wurde der Mensch sesshaft und ging ab circa 3000 v. Chr. in der urbanen Revolution zum Leben in Städten über. Die rationale Revolution nimmt ihren Anfang um 300 v. Chr. mit der Entstehung der rationalen Denkweise. Als vorerst letzter entscheidender Durchbruch gehört die Industrialisierung in die Reihe dieser weltgeschichtlichen Zäsuren und ist als ein solcher auch bewusst zu machen. Pandel sieht in einem durch diese Zäsuren strukturierten Unterricht eine Möglichkeit universalgeschichtliches Denken 9 besser zu fördern als es der herkömmliche, durch Epochen gegliederte Unterricht kann . Der didaktische Wert der Behandlung der deutschen Industrialisierung vor allem darin, dass an ihr das Prinzip eines den Wachstum und die Entwicklung anschiebenden Füh-rungssektors besonders deutlich wird. Der wirtschaftlichen Entwicklung, hier vorangetrieben durch den Eisenbahnbau, mußte aber erst eine wirtschaftliche Einigung des uneinheitlichen Großraumes Deutschland vorangehen. Besonders vor dem Hintergrund der europäischen Einigung und der Bildung des EURO- Wirtschaftsraumes erhält das Thema so eine große Aktualität. Auch daran läßt sich erkennen, dass der Prozess der Industrialisierung noch nicht abgeschlossen ist. Dies gilt sowohl für die industrialisierten Länder, die gerade mitten in der digitalen Revolution stecken, und bezieht auch die noch 10 nicht industrialisierten Länder global mit ein . Der Unterricht über die Industrialisierung kann den Schülerinnen und Schüler somit ein Werkzeug an die Hand geben, um heutige Industrialisierungsprozesse zu analysieren.
Die industrielle Umwelt, die für Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse einer Realschule zu einem erheblichen Teil in absehbarer Zeit zu einer Lebens- und Arbeitswirklichkeit wird, erhält durch dieses Thema eine geschichtliche Grundlage. Die Schüle-
8 Pandel, S. 16
9 Vgl. Pandel, S. 16
10 Vgl. Pandel, S. 17 Pascal Lagemann Fachdidaktische Seminararbeit - 7 -
rinnen und Schüler bekommen die Möglichkeit am Beispiel der historischen Strukturen, die sich während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert herausgebildet haben - hier seien besonders die Veränderungen in der Arbeitswelt durch die Maschinen und die Verstädterung genannt, auch und vor allem in Hinblick auf die Bedeutung dieser Vorgänge für den Menschen -, für die eigene Zukunft zu lernen.
Als letztes fordert die alltägliche Konfrontation mit der Industrialisierung eine Ausein-andersetzung mit ihr. So sind im Schülerbewußtsein zwar Begriffe wie Entwicklung, Wachstum und Fortschritt gegenwärtig, aber sie sind ideologisch sehr stark infiziert worden, so dass sie ohne eine saubere Definition nicht als kognitive Werkzeuge dienen 11 können . Zudem bilden “Pseudomarxismus, Nostalgie, Mitleid, Technikbegeisterung, Gegenwartslegitimierung und Zukunftsoptimismus” im Schülerbewußtsein ein wider- 12 sprüchliches aber wirkungsvolles Geflecht . Die Schülerinnen und Schüler sehen zwar einzelne Aspekte richtig, es fehlt ihnen aber an der Fähigkeit diese zu gewichten und 13 zueinander in Beziehung zu setzen . Dabei muß der Geschichtsunterricht Hilfestellung und Anleitung geben. Nur so sind sie auch in der Lage an Diskussionen über die sowohl als Prozess wie auch als Begriff in die Krise geratene Industrialisierung teilzunehmen, sei es aktiv oder passiv. Auf Umweltproblematik, Fortschrittsschelte und Vernunftkritik basierend wird die Industrialisierung als grandiose Fehlentwicklung und Irrweg angesehen. Es wird dabei eine noch zu benennende Alternative zu unserem heutigen System von liberalen Menschenrechten und kapitalistischer Marktwirtschaft gefordert. Aber gerade der Zusammenbruch des Kommunismus hat vorerst die einzige Alternative wegfallen lassen und ein dritter Weg zeichnet sich noch nicht ab. Es geht also im (Geschichts-) Unterricht auch darum, aufzuzeigen, dass sich Konsumgesellschaft und Demokratie nicht wiedersprechen, sondern vielmehr miteinander zusammenhängen, was dringend ein 14 grundlegendes Wissen über den Prozess der Industrialisierung erfordert . Diese grundlegenden didaktischen Ausführungen betreffen vor allem die gesamte Unterrichtsreihe zur Industrialisierung. Insbesondere können die dabei sich herauskristallisierenden Lernziele in ihrer Gesamtheit auch nur durch das ganze Spektrum der
11 Vgl. Pandel, S. 17
12 Vgl. Pandel, S. 15
13 Vgl. ebenda
14 Vgl. ebenda Pascal Lagemann Fachdidaktische Seminararbeit - 8 -
geplanten Lerneinheiten erreicht werden. Es bleibt also im folgenden noch den speziellen didaktischen Wert des Themas der hier vorgestellten aufzuzeigen. Die deutsche Industrialisierung bekommt im Geschichtsunterricht in deutschen Schulen als Unterrichtsthema durch ihre Zugehörigkeit zur nationalen Geschichte eine gewisse Berechtigung. Die heutige industrielle Situation in Deutschland beruht zum Teil auf Entwicklungen des 19. Jahrhunderts in diesem Land. Die Grundlage für das Schienennetz zum Beispiel wurde im 19. Jahrhundert geschaffen, was wiederum von Fragen des industriellen Bedarfs abhing, da die Bahn ja größtenteils als Transporteur großer Mengen fungierte, die nur in speziellen Regionen benötigt wurden. Aber auch die demographische Verteilung auf Stadt und Land in Deutschland wurde in dieser Zeit durch den Verstädterungsprozess grundlegend beeinflusst.
Wie oben schon ausgeführt, erhält die deutsche Industrialisierung zum Teil ihren Wert durch die hohe Aktualität der Frage nach wirtschaftlicher Einigung in einem Großraum. Waren es damals die vielen deutschen Staaten, so stehen wir heute vor der wirtschaftlichen Vereinigung der europäischen Staaten. Beide Prozesse geschehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Notwendigkeit auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Die deutsche Industrialisierung erhält ihre Berechtigung als Unterrichtsthema nicht zuletzt auch durch die Notwendigkeit für andere Themen, wie die soziale Frage, ein grundlegendes Wissen über die Hintergründe und gesamtwirtschaftlichen Prozesse zu schaffen. Gerade die soziale Frage kann erst dann gestellt und verstanden werden, wenn Verstädterungsprozesse und Veränderungen in der Arbeitwelt bekannt sind.
.
Pascal Lagemann Fachdidaktische Seminararbeit - 9 -
Darstellung des geplanten Unterrichtsverlaufes
Die Klasse als Ganzes zeigt sich recht leistungsstark. Um ein Unterrichtsgespräch in Gang zu bringen sind keine besonderen Lehrerimpulse zu geben. Der Anstoß kommt besonders von einer kritischen, mit- und weiterdenken Schülerin und einem - in allen Fächern - leistungsstarken Schüler. Aber auch der Rest der Klasse arbeitet gut mit und scheint am Unterrichtsgeschehen interessiert. Ein in anderen Klassen häufig auftretender Unruhepol scheint in dieser Klasse zumindest nicht so auffällig zu existieren. Um den komplexen Zusammenhang der wichtigen Prozesse zu verstehen, die die deutsche Industrialisierung erst ermöglichten, und die damit zusammenhängende Material- und Informationsfülle, die es zu beachten gilt, innerhalb einer Unterrichtsstunde bearbeiten zu können, empfiehlt sich eine klassenteilende Gruppenarbeit. So können die drei Hauptschienen der Entwicklung wirtschaftliche Einigung im deutschen Staatenbund, die Fortschritte und Reformen in der Landwirtschaft und der Führungssektor aus Eisenbahn und Schwerindustrie jeweils detailliert von den jeweiligen Gruppen bearbeitet werden. Um die Gruppen nicht zu groß werden zu lassen, was erfahrungsgemäß dazu führt, dass die Aufgaben nur von zwei drei besonders leistungsfähigen Schülern bearbeitet werden, während der Rest versucht sich unauffällig mit anderen Dingen zu beschäftigen, ist es sinnvoll je zwei Gruppen pro Thema zu bilden. Das würde in dieser Klasse eine Gruppenstärke von fünf Schülerinnen und Schülern bedeuten, eine angesichts der Materialfülle angemessene Größe. Diese Gruppenarbeit soll im Mittelpunkt der Stunde stehen, braucht aber eine Einleitung, die die Überleitung vom Thema der vorangegangenen Stunde, der englischen Industrialisierung, zum Stundenthema schafft. Nachdem durch den Vortrag ihrer Hausaufgabenergebnisse durch einige Schülerinnen und Schüler diese wieder in Erinnerung gerufen wurde, soll eine im Unterrichtsgespräch zu erarbeitende Overheadfolie mit einer Gegenüberstellung der Wirtschaftsdaten von England, Deutschland und den USA im 19. Jahrhundert das Zurückhängen der deutschen Entwicklung verdeutlichen, dass also Deutschland nicht mit England im Gleichtakt seine Entwicklung erlebt hat. Dies führt dann zur übergeordneten Fragestellung für die Gruppenarbeitsphase, wie sich die deutsche Industrialisierung vollzogen hat. Die einzelnen Arbeitsblätter enthalten drei Leitfragen, anhand derer sich der Inhalt des reichhaltigen Materials aufschließen und gliedern läßt. Dafür müssen den Schülerinnen
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und Schüler gute zehn Minuten zur Verfügung stehen, ebensoviel Zeit wie für das Vorstellen der Ergebnisse. Diese Phase soll von den Schülern inhaltlich allein gestaltet werden, während der Lehrer nur eine Moderationsaufgabe übernimmt, also die Reihenfolge der Vorträge regelt. Als Hilfestellung zum Vortrag stehen den Gruppen Folien mit den wichtigsten Grafiken und Tabellen oder Karten zur Verfügung. Es ist an dieser Stelle besonders wichtig, sich viel Zeit zu nehmen, da die jeweils anderen Gruppen sich ja nicht mit dem vorzustellenden Thema beschäftigt haben. Im Anschluss daran findet eine Ergebnissicherung an der Tafel statt. Zu den einzelnen Themen kann dies allerdings schon während beziehungsweise direkt im Anschluß an die Vorträge geschehen. Zur Ergebnissicherung gehört an dieser Stelle aber auch eine Gewichtung und Bezugherstellung zwischen den Einzelergebnissen, damit die Abhängigkeiten der einzelnen Prozesse voneinander deutlich werden.
Am Ende der Stunde sind noch fünf Minuten für eine Projektbesprechung vorgesehen, in der der Stand in den einzelnen Projektgruppen besprochen werden soll.
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Nachbetrachtung der gehaltenen Stunde
Die Stunde nahm aus meiner Sicht einen guten Verlauf. Die rege Aufmerksamkeit und Mitarbeit der Schüler waren sehr förderlich für den Unterricht. Ich konnte allerdings mein Zeitgerüst nicht ganz einhalten und mußte den Zeitrahmen, der am Ende der Stunde für die Projektbesprechung vorgesehen war, noch für meinen Unterricht nutzen. Ein erstes Problem trat mit dem Einstieg auf, da ich mir darüber nicht viele Gedanken gemacht hatte, wie ich Begrüßung und Motivation der Schüler zu Beginn der Stunde gestalten könnte. Es ist der hohen Bereitschaft der Klasse zur Mitarbeit zuzuschreiben, dass der Übergang von der Pause zur ersten Unterrichtsphase trotzdem gelang. Die Hausaufgabenüberprüfung brachte zum Teil sehr gute Überlegungen zu Tage. Da sich ein Großteil der Klasse, soweit ich dies abschätzen kann - ich habe nur freiwillige Meldungen beachtet - zu Hause mit dem Thema auseinandergesetzt hatte, war eine fruchtbare Arbeit mit der Gegenüberstellung der Wirtschaftsdaten der drei Länder möglich. Dabei stellten einige Schüler schon Überlegungen an, die Leitideen meiner Unterrichtsplanung waren. Durch die so schon auf Schülerseite entstandenen Fragen konnte ich die Aufgabenstellungen für die Gruppenarbeitsphase motivieren.
In dieser wurde konzentriert gearbeitet. Ich habe es allerdings versäumt, durch direkte Ansprache der einzelnen Gruppen diese noch enger an das Thema zu bringen und ihnen bei Problemen neue Denkanstöße zu geben. Die Ergebnisse waren gehaltvoll und lagen weit über meinen Erwartungen. An der Präsentation der Ergebnisse durch Vortrag vor der Klasse und Sicherung an der Tafel durch die Schüler zeigten sich allerdings große Unterschiede in der Fähigkeit und Bereitschaft dazu. Hierbei waren Mädchen in der Regel kompetenter und konnten freier und lockerer vor der Klasse sprechen. Sie konnten zum Teil sogar ein wenig Begeisterung für ihre Thematik erzeugen, während die meisten Jungen dagegen sehr gelangweilt und mit ‘Händen in den Hosentaschen’ so knapp wie möglich ihre Ergebnisse vortrugen. Diese Einteilung ist allerdings sehr pauschalisiert, es gab in beide Richtungen einige Ausnahmen.
Die Diskussion der Ergebnisse wurde leider von einer unbedachten Äußerung meinerseits überschattet. Da ich das Abschreiben des Tafelbildes angesprochen hatte, war die Aufmerksamkeit der Klasse eher darauf gerichtet, was in der Konsequenz die Beteiligung an der Diskussion etwas einschränkte.
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Aber trotz dieser Probleme im Ablauf kann man sehr zufrieden sein mit den Erkenntnissen der Schüler zum Übergreifen der Industrialisierung auf Deutschland, die meine Erwartungen übertroffen haben und auf einer sehr regen Beteiligung gründen, mit der ich in dieser Form nicht gerechnet hatte. Ich hätte meinerseits die Lehrerrolle stärker betonen müssen. Es fehlte ein Spannungsbogen, der durch Akzentuierung der wichtigen Momente die Schüler immer wieder anstieße und motivierte. In direkten Gesprächen mit den einzelnen Gruppen hätte ich den angerissenen Problemen bei der Präsentation ihrer Ergebnisse durch Hilfestellungen vorbeugen können. So hat zum Beispiel Gruppe Eins die Möglichkeit der plastischen Darstellung des durch Zollgrenzen zerstückelten Deutschlands nicht gesehen.
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Literaturverzeichnis
Sachanalyse
Hahn, Hans-Werner: Die industrielle Revolution in Deutschland; München, 1998 (Enzyklopädie deutscher Geschichte; Bd. 49)
Kiesewetter, Hubert: Industrielle Revolution in Deutschland 1815 - 1941; Frankfurt am Main, 1989
Tilly, Richard: Die deutsche Industrialisierung; in:
Porter, Roy und Teich, Mikulás [Hrsg]: Die Industrielle Revolution in England, Deutschland und Italien; Berlin, 1998, S. 59 - 96
Didaktische Analyse
Richtlinien und Lehrpläne für das Gymnasium - Sekundarstufe I - in Nordrhein-Westfalen - Geschichte -, 1993 (Heft 3407)
Richtlinien und Lehrpläne für die Realschule in Nordrhein-Westfalen - Geschichte -, 1980 (Heft 3316)
Pandel, Hans-Jürgen: Industrialisierung im 19. Jahrhundert; in: Geschichte lernen, Heft 41, 1994, S. 11-18
Anhang: Materialien
Pascal Lagemann Fachdidaktische Seminararbeit - 15 -
Arbeitsblatt Gruppe 1: Der deutsche Staatenbund und die Zollschranken
Aufgabe: Bearbeitet bitte anhand der beigelegten Materialien folgende Fragen. 1. Erläutert die Karten “Der deutsche Zollverein” und “Zollschranken” unter Beachtung der Karte des Deutschen Bundes! (Deutschland als Bund vieler kleiner Staaten) 2. Welche Probleme ergaben sich aus der Situation für den Handel in Deutschland? 3. Welche Gegenmaßnahmen schlug List vor?
Landwirtschaft und Landflucht Arbeitsblatt Gruppe 2:
Aufgabe: Bearbeitet bitte anhand der beigelegten Materialien folgende Fragen. 1. Welche Bedeutung hatten die Erfindungen in der Landwirtschaft, z.B. Dünger von Liebig oder Maschinen, für die Landwirtschaft? 2. Wie wirkte sich das auf die Menschen, die in der Landwirtschaft tätig waren, aus? 3. Was kann man über das Bevölkerungswachstum vermuten? Wo fand es wahrscheinlich statt? Wodurch wurde es möglich? (Gibt es noch andere Gründe?)
Verwendung von chemischen Dünger je h a Wachstum einiger Großstädte im 19. Jahrhundert landwirtschaftlicher Nutzfläche in Deutschland in kg: (In 1000 Einwohnern):
Industrie und Eisenbahn Arbeitsblatt Gruppe 3:
Aufgabe: Bearbeitet bitte anhand der beigelegten Materialien folgende Fragen. 1. Beschreibt die Entwicklung der Eisenbahn in Deutschland. (Ausbau des Eisenbahnnetzes, Transportzeit und -kosten 2. Beschreibt die Entwicklung der Industrie in Deutschland. (Größe der Fabriken, Produktion) 3. Zieht Vergleiche zwischen diesen Entwicklungen. Wie hängen sie zusammen?
1877 1855
1840
Tafelbild
Der deutsche Staatenbund und die
Zollschranken
<
Verzögerung durch
<
die vielen kleinen Staaten
<
ihre Zollgrenzen
< <
Es konnte kein durchgehender Handel in Deutschland betrieben werden
<
-> Aufhebung der Zollschranken durch den deutschen Zollverein 1834 -> Eisenbahnbau -> Einführung von freiem innerdeutschen
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Handel Fazit: Die Industrialisierung setzte in Deutschland verspätet ein. Sie brachte gemeinsam mit der Zolleinigung und dem Eisenbahnbau wirtschaftliche Fortschritte. Bevölkerungswachstum und -wanderung, Mechanisierung und modernisierte Erzeugung in der Landwirtschaft, maschinengestützte Produktion in Fabriken und Verstädterung waren Merkmale der Industriellen Revolution.
Arbeit zitieren:
Pascal Lagemann, 1999, Die Industrielle Revolution, München, GRIN Verlag GmbH
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