2 Verlauf des Lebens reflektorische Fähigkeiten hinzukommen, die dem Kleinkind nicht zur Verfügung stehen. (vgl. Grossmann/ Grossmann, a.a.O.)
Mary Ainsworth hat ein Konzept der Feinfühligkeit gegenüber den Signalen des Säuglings entwickelt, die die Voraussetzungen für ein sicheres bzw. positives Bindungsverhältnis beschreibt. (Vgl. Ainsworth, Bell & Stayton 1974; Gross- mann 1977; zit. n. Grossmann/Grossmann, 1994, 29) "Feinfühligkeit ist nach Ainsworth die Fähigkeit..., die Signale ...des Kindes..., richtig wahrzunehmen und zu interpretieren, und ..., auf die Signale angemessen und prompt zu reagieren. Um die Signale zu bemerken, muß die Mutter [bzw. die Bindungsperson, d. Verf.] häufig für das Kind verfügbar sein....(...) "Angemessen" reagieren heißt, dem Baby geben, was es braucht, es weder zu überreizen noch zu isolieren, die Wünsche... anzuerkennen....(...) Je feinfühliger die Bindungsperson ist, desto sicherer entwickelt das Kind das Gefühl, daß es Herr der Lage ist und im Falle einer Gefahr nicht alleine bleibt, und daß eine sichere Basis vorhanden ist." (Grossmann/Grossmann 1994, 29) Die sozial-emotionalen Bindungen des Kindes sind wie o.a. nicht nur auf diesen ersten Lebensabschnitt beschränkt. Besonders in der Zeit nach dem "Fremdeln" werden weitere Personen für die Entwicklung des Kindes bedeutsam. Fthenakis (1985) beschreibt z.B., dass die Bedeutung des Vaters für die frühkindliche Entwicklung in den letzten 20 Jahren zunehmend besser erkannt wurde. (zit. n. Schmidt-Denter 1993, 338)
1.2. Die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung des Kindes
Schmidt-Denter (1984) teilte die Vätertypen bezüglich der Beteiligung an der Erziehung, nach einer repräsentativen Erhebung, folgendermaßen ein:
Der Spielstil der Väter ist nach Clarke-Stewart (1980) und Lamb (1980) lebendiger, körpernäher und origineller als der der Mütter, das lebhaftere Spiel wirkt sich positiv auf die kognitive Entwicklung des Kindes aus.
3 Nach Daten Schmidt-Denters besteht eine enge emotionale Beziehung zwischen Vätern und ihren Kindern im Klein- und Vorschulalter, die emotionale Funktion des Vaters nahm unter allen väterlichen Funktionen den ersten Rangplatz ein. (zit .n. Schmidt-Denter 1993, 338-339) Töchter sammeln in den Interaktionen mit den Vätern Erfahrungen, die grundlegende Bedeutung für ihre späteren Beziehungen mit Männern haben.
Parson und Bales (1950) wiesen in ihrem rollenspezifischen Konzept dem Vater eine große Bedeutung bei der kindlichen Geschlechtsidentifikation, moralischen und kognitiven Entwicklung zu. ( zit. n. Schmidt - Denter 1988, S. 61) Nach Biller (1981) beeinflusst die Geschlechtsrollenidentität des Vaters seine Zuwendung und die Gebote und Verbote innerhalb der Erziehung, was wiederum die Geschlechtsrollenidentität seiner Söhne beeinflusst (zit. n. Schmidt - Denter ebd.). Insgesamt konnte dem Vater eine spezifische Einflussnahme in verschiedenen Entwicklungsbereichen nachgewiesen werden: Erwerb moralischer Werte und Normen, Entwicklung der Geschlechtsrollenidentität, Förderung der Leistungsmotivation, intellektuelle Entwicklung, Entwicklung sozialer Kompetenzen und des Selbstwertgefühls. (Vgl. Schmidt-Denter 1984; zit. n. Schmidt-Denter 1993, 339)
1.3. Veränderungen innerhalb der Eltern-Kind-Beziehungen
Entwicklungen des Kindes oder der Eltern haben, bei einer positiven Eltern-Kind-Beziehung, Einfluss auf die Anforderungen an die Beziehung und es ergeben sich neue Entwicklungsaufgaben, z.B. bei der Geburt des ersten oder jedes weiteren Kindes oder beim Beginn der Schulpflicht etc..(vgl. Willi 1985; zit.n. Schmidt-Denter 1993, 341) "Die Geburt des zweiten Kindes verändert die Dynamik der familiären Beziehungen.. . Die erweiterte Struktur ermöglicht vielfältige Konstellationen in den Eltern-Kind-Beziehungen (Kreppner, 1988). Des weiteren kann sich ... ein eigenes Geschwister-Subsystem entwickeln.... Das jüngere Kind zieht ... die Aufmerksamkeit und Zuwendung der Mutter auf sich. Der Vater ... dagegen nicht..., so daß er zugunsten des Erst-geborenen für... Ausgleich sorgt. Das ältere Kind versucht.. mit der gleichen Intensität zu beiden Elternteilen Kontakte zu initiieren, bevorzugt dann aber nach acht bis neun Monaten den Vater." (Schmidt-Denter 1993, 342)
Der Interaktionsstil und das Zuwendungsverhalten der Mutter bleibt, laut Meyer (1985), gegenüber beiden Kindern sehr stabil. (zit. n. Schmidt-Denter 1993, 342)
Laut Ullich (1988, zit. n. Schmidt-Denter 1993, 344) gehören Geschwisterbeziehungen zu den intensivsten und dauerhaftesten Erfahrungen überhaupt. Die Emotionen innerhalb dieser Beziehungen schwanken zwischen Liebe und Hass einerseits und Rivalität und Loyalität andererseits.
Durch den Wettbewerb um die elterliche Zuwendung, Bevorzugung des jüngeren Kindes oder durch den sozialen Vergleich der Geschwister durch die Eltern oder im sonstigen Umfeld kann es zu Rivalitäten und Hass kommen. (vgl. Bryant 1982; zit. n. Schmidt-Denter, ebd.) Bank und Kahn, (1982; zit. n. Schmidt-Denter, ebd.) gaben jedoch auch Beispiele von ausgeprägter Loyalität und Opferbereitschaft innerhalb von Geschwisterbeziehungen, diese sind geprägt durch aktives Suchen nach Zusammensein, einer speziellen Sprache, gegenseitigem Verteidigen, häufige niederlagenlose Konfliktlösungen und bestimmten Ritualen des Verzeihens.
Sie sehen den Grund für solche Geschwisterbeziehungen in einem schwachen elterlichen Beitrag zum Bindungssystem, denn wäre die elterliche Beziehung emotional befriedigender, wäre die geschwisterliche unbedeutender.
Weiter gehen sie davon aus, dass Geschwister untereinander eine Pionierfunktion erfüllen, die zur Folge hat, dass die anderen Geschwister in ähnlichen Situationen eher eine Erlaubnis erhalten, z.B. wenn es darum geht, wie lange die Kinder abends draußen bleiben dürfen.
"..Kinder ..beschreiben die Beziehung zu ihren Geschwistern... mit "Macht" und "Unterstützung". Ältere Geschwister und insbesondere ältere Brüder werden als dominant und kontrollierend erlebt (Bryant, 1982). (...)..von den älteren Schwestern werden Hilfeleistungen erwartet. (...)Ob Abhängigkeit von den Geschwistern bzw. deren Macht und Kontrolle akzeptiert wird, hängt u.a. vom Altersabstand ab; ca. drei Jahre scheinen diesbezüglich eine kritische Grenze zu sein. ..Cicerelli (1972) [konnte] nachweisen, daß helfendes Verhalten von den jüngeren Geschwistern bei einem größeren Altersabstand eher als angenehm erlebt wird. Bei geringerem ..kann es zu Konflikten kommen, ...(...)..daraus darf nicht geschlossen werden, daß geringere Altersabstände ungünstige Entwicklungsbedingungen bedeuten. (...)Die Kinder beschäftigen sich intensiver miteinander und beeinflussen sich gegenseitig mehr. (Abramo- vitch/Pepler/Corter, 1982)."(Schmidt-Denter 1993, 344-345)
2. Empirische Studie über Bindungen in der Familie
2.1. Fragestellung
Da nach Ainsworth (a.a.O.) die prompte und angemessene Reaktion auf Signale des
5 Kindes eine Grundvoraussetzung für eine sichere Bindung ist, lässt sich annehmen, dass bereits vorhandene Kinder bei der Geburt eines weiteren Geschwisterkindes ihre Beziehung zur Mutter bedroht sehen, da das Neugeborene einen großen Teil der Aufmerksamkeit der Mutter verlangt.
Darauf stützt sich meine Hypothese, dass, aus Sicht des Kindes, das "neue" Geschwisterkind, zumindest in der ersten Zeit, als eine Bedrohung der eigenen Bindung zur Bezugsperson gesehen wird und sich die Kontaktaufnahme gegenüber der Bezugsperson verändert.
Eine weitere Hypothese entwickelt sich, wenn man bedenkt, dass bei älteren Kindern, wie bei Grossmann/Grossmann (a.a.O.) erwähnt, reflektorische Fähigkeiten bezüglich der Bindungsqualität hinzukommen. Dadurch wird sich die Intensität der Kontaktaufnahme, nicht wie bei Kreppner (a.a.O.) angenommen, die ersten 9 Monate zu beiden Elternteilen gleich gestalten, sondern Kinder, die bereits eine Geburt eines Geschwisterkindes miterlebt haben, werden sich schneller dem Vater zuwenden.
2.2. Die untersuchte Familie
Tabelle 1:
Die Familie im Überblick
Die Eltern haben 1990 in Mettmann geheiratet, sind 1994, von Mettmann aus, in ein freistehendes Haus (Eigentum) nach Birgelen gezogen. Im März 1999 zog die Familie zurück nach Mettmann in eine 2-Zimmer-Wohnung der Eltern der Mutter, da sie
6 mittlerweile ein Haus in Mettmann bauten und die Kosten zu hoch wurden. Im Juli 2000 bezog die Familie ihr freistehendes Eckhaus in einem Neubaugebiet am Rande Mettmanns.
Der Mann war durchgehend bei der selben Firma, nur in verschiedenen Niederlassungen, beschäftigt.
2.3. Methode des Interviews
Das Interview werde ich mit der Mutter im Haus der Familie führen. Die Kinder 1-3 sollten möglichst nicht anwesend sein. Die vorbereiteten Fragen formuliere ich frei, wobei mir der mitgebrachte Fragenkatalog als Orientierung dienen wird. Das Interview wird auf Kassette aufgezeichnet.
Die Formulierung des Fragenkataloges hält sich an die sprachliche und methodische Form des "Adult-Attachment-Interviews", welches von. K.-H. Brisch 1999 beschrieben wurde, inhaltlich sind die Fragen auf den von mir betrachteten Sachverhalt abgestimmt.
Fragenkatalog:
1. Können sie versuchen mir zu beschreiben, wie es war, als Kind 2 (beim Interview
benutze ich die Namen der Kinder) zur Welt kam?
Falls Schwierigkeiten bei der Beantwortung aufkommen, eventuell: Wo kam er zur Welt? Kannten sie das Krankenhaus? War ihr Mann bei der Geburt dabei? Waren sie lange in der Klinik? Wer hat sich während des Klinikaufenthaltes um den Erstgeborenen gekümmert?
2. Wie hat Kind 1 auf das neue Geschwisterkind reagiert? Welche Unterschiede lagen
zwischen seinem Verhalten vor und nach der Geburt?
Nennen sie jeweils 3 Eigenschaftswörter, die sein Verhalten vor und nach der Geburt beschreiben.
eventuell:
Wusste er damals, dass er einen Bruder bekommt? Konnte er überhaupt realisieren, was ihre Schwangerschaft bedeutet? War er eifersüchtig? War er von ihm angetan? Hat er verstärkt versucht, ihre oder die Aufmerksamkeit ihres Mannes zu erlangen?
3. Versuchen sie sich zu erinnern, ob sich sein Verhalten ihnen, ihrem Mann oder
Kind 2 gegenüber nach etwa einem Jahr veränderte.
eventuell:
Zu wem ging er, wenn er traurig war? ...spielen wollte? ...schmusen wollte?
7 Gab es Veränderung in seinem Freizeitverhalten? Legte er Gewohnheiten ab oder kamen neue hinzu? Gab es Veränderungen in seinem Verhalten anderen Personen gegenüber, z.B. Opas & Omas?
4. Als sie mit Kind 3 schwanger waren, wie haben sich die Geschwister dazu
geäußert? Wie schätzen sie ihre damaligen Emotionen ein? Nennen sie pro Kind je 3 Eigenschaftswörter für das Verhalten vor und 3 für das Verhalten nach der Geburt.
eventuell:
Haben sie sich ein Mädchen oder einen Jungen gewünscht? Wie äußerten sie dies? Haben sie sich gefreut? Hat Kind 2 realisieren können, was eine Schwangerschaft bedeutet?
5. Gab es Besonderheiten bei der Geburt?
z.B.
Komplikationen, längerer Krankenhausaufenthalt, wer kümmerte sich um die Kinder?...
6. Versuchen sie zu beschreiben, ob sich das Verhalten von Kind 1 im Vergleich zu
seinem Verhalten bei Kind 2´s Geburt verändert hat. Bei Problemen mit der Beantwortung, vergleichende Rückfragen bezüglich des bereits Berichtetem.
7. Sehen sie Parallelen zu Kind 1 und Kind 2´s Verhalten? Wie erklären sie diese?
evtl.
Hat sich Kind 2 ähnlich wie Kind 1 bei der ersten Geburt verhalten?
8. Welches Verhältnis hatten die Brüder vor und nach Kind 3´s Geburt?
evtl.
Stritten sie viel? Spielten sie oft miteinander? Wer war dominanter? Wie haben sie Streitigkeiten beigelegt? Wie war der Zusammenhalt?
9. siehe Frage 3 (auf beide Kinder bezogen)
10. Wie hat sich Kind 3 in das Geschwistergefüge integriert? Welche Rolle nimmt sie
im Gesamtgefüge ein? Gibt es Unterschiede, wenn sie mit Kind 1 oder Kind 2 alleine ist?
evtl.
Wie würden sie ihre jeweilige Rolle benennen? Anführer, Clown, Prinzessin...?
11. siehe Frage 4
12. siehe Frage 5
13. siehe Frage 6 (auf Kind 1-2 bezogen)
16. Hat sich das Geschwistergefüge nach Kind 4´s Geburt verändert? Wie äußert sich
das?
2.4. Besonderheiten der Durchführung
Als wir das Interview führten, waren die Kinder 1-2 mit dem Vater außer Haus, Kind
3 spielte im Garten und Kind 4 war anwesend.
Die Anwesenheit von Kind 3 wirkte sich nicht störend aus, da sie sich durchgehend im Garten aufhielt und unser Gespräch im Inneren des Hauses nicht verfolgen konnte. Ich hielt die Anwesenheit der Kinder 1-3 für unangebracht, weil persönliche Dinge über sie ausgetauscht wurden. Die Anwesenheit von Kind 4 empfand ich als sinnvoll, da durch das Stillen, bzw. Beschäftigen mit dem Kleinkind, eine natürliche Situation entstand, in der die Mutter ungezwungen erzählte.
Ansonsten verlief das Interview, wie es unter 2.3. geplant war.
2.5. Ergebnis des Interviews
2.5.1. Allgemeines
Bei der Geburt sämtlicher Kinder gab es keine Komplikationen, die Mutter und die Kinder waren stets nach 3-5 Tagen wieder zu Hause.
Während die Mutter im Krankenhaus war, sorgte der Vater für die Kinder, als dieser bei den Entbindungen im Krankenhaus war, betätigte sich eine Nachbarin als "Babysitter".
Die teils wertenden Aussagen stammen von der Mutter und sind keine eigenen Schlussfolgerungen.
Beziehungen zu anderen Familienangehörigen sind hier nicht aufgeführt, da keine festen existieren.
2.5.2. Kind 1
Kind 1 konnte die erste Schwangerschaft der Mutter realisieren, war vor der Geburt glücklich und nicht eifersüchtig, war nach der Geburt glücklich, nicht eifersüchtig, fürsorglich, interessiert, hilfsbereit, liebevoll, vorsichtig, selbstständig. Sein Verhalten in Hinsicht auf die Geburt seiner Schwester wurde vor der Geburt von "besorgt sein" ergänzt, nach der Geburt fiel dies jedoch weg, er war aber seltener zu Hause als nach Kind 2´s Geburt, ging viel zu Freunden und wollte in den
9 Fußballverein. Diesen gab er nach zwei Wochen auf und ging auf eigenen Wunsch in den Handballverein.
Bei der Geburt des vierten Kindes empfand er den Zuwachs als zu teuer und unnötig, war enttäuscht, wütend und traurig; nach der Geburt beruhigt, sorgfältig, behütend, liebevoll und froh.
Die Beziehung der Brüder war vor Kind 3´s Geburt harmonisch, sie stritten selten, einigten sich schnell, Kind 1 war sehr kompromissbereit, nach der Geburt war er fordernder und dominanter, sie stritten häufiger und heftiger, der Schwester gegenüber verhielt er sich stets sehr rücksichtsvoll, sie streiten selten.
Das Verhältnis zu seiner Mutter war vor der Geburt des Bruders sehr liebevoll, nach der Geburt suchte er ihre Nähe, half bei der Pflege, wurde nach einiger Zeit selbstständiger (etwa halbes Jahr nach der Geburt), äußerte vor den folgenden Geburten Sorge, "sie könnte weniger Zeit haben".
Sein Verhältnis zum Vater war gut und stets gleichbleibend.
Während der Schwangerschaft und nach der Geburt des vierten Kindes unternahm er viele sportliche Aktivitäten gemeinsam mit dem Vater.
2.5.3. Kind 2
Kind 2 hat die Geburt seiner Schwester nicht bewusst wahrgenommen, so dass eine Beschreibung seines Verhalten vor der Geburt schwierig ist.
Nach der Geburt wurde er sehr still, traurig, krank und verließ kaum noch das Haus. Dem Säugling gegenüber verhielt er sich liebevoll und aufmerksam. Die Schwangerschaft mit dem vierten Kind nahm er zur Kenntnis, war aber nicht sonderlich interessiert. Einige Wochen vor der Niederkunft begann er sich für die biologischen Details zu interessieren.
Nach der Geburt verhielt er sich sehr liebevoll und fürsorglich dem Säugling gegenüber. Er ist sehr sorgfältig in seiner Pflege, an der er sich beteiligt, sitzt oft stundenlang mit dem Säugling im Schoss da und beobachtet jede seiner Bewegungen. Seine sozialen Kontakte zu Freunden vernachlässigt er nicht, geht in den KiGa und unternimmt viel mit seinem Vater.
Vor Kind 3´s Geburt waren die Brüder eine Einheit, stritten selten, einigten sich schnell, er nahm die Hilfe seines Bruders an; nach der Geburt veränderte sich dies. Gegenüber seiner Schwester verhält er sich wenig rücksichtsvoll und hilfsbereit, sie streiten oft.
10 Kind 2 hatte vor der Geburt des 3. Kindes eine sehr innige Beziehung zu seiner Mutter, die sich nach der Geburt verstärkte, er wollte sie nicht mehr allein lassen. Etwa ein Jahr später änderte sich dieses Verhalten und er ging wieder zu Freunden und er fing ebenfalls an, Handball zu spielen.
Das Verhältnis zur Mutter blieb aber weiterhin wichtig. Vor und nach der Geburt des vierten Kindes hat sich in dieser Hinsicht nichts geändert.
Das Verhältnis zum Vater war stets gleichbleibend gut.
2.5.4. Kind 3
Kind 3 realisierte erst einige Wochen vor der Geburt, was die Schwangerschaft bedeutet, ab diesem Zeitpunkt beschäftigte sie sich intensiv damit, fragte nach biologischen Details und konnte die Niederkunft kaum erwarten. Nach der Niederkunft war sie sehr stürmisch, etwas rabiat, "knatschig" und froh. Bei ihren älteren Brüdern versucht sie in allen Konstellationen die Führungsrolle zu übernehmen, was ihr beim ältesten Bruder gelingt und beim anderen zu Streitigkeiten führt.
Das Verhältnis zur Mutter war vor der Geburt sehr zärtlich und liebevoll. Nach der Geburt hat sie sich mit teilweise der gleichen Zärtlichkeit dem Vater zugewandt, was vorher nicht der Fall war.
Freizeitaktivitäten mit dem Vater und den Brüdern nimmt sie seit etwa acht Wochen vor der Niederkunft des Bruders an.
Diese initiiert sie nicht, sondern ist eher ein "Mitläufer".
2.6. Diskussion der Ergebnisse
Bei allen drei Kindern lässt sich eindeutig eine Veränderung des Verhaltens bezüglich der Mutter und eine Beschleunigung der Kontaktintensivierung zum Vater feststellen.
Kind 1 nahm nach der Geburt vom zweiten Kind, über die Pflege des Säuglings, verstärkt Kontakt zur Mutter auf und war im ersten halben Jahr sehr anhänglich. Vor der Geburt seiner Schwester fühlte er sich anfangs durch ein weiteres Kind bedroht. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass er noch in Erinnerung hatte, dass ein Säugling viel Zeit der Mutter in Anspruch nimmt.
Diesmal steuerte er die Kontaktaufnahme nach der Geburt allerdings nicht über die Pflege zum Kind, sondern verstärkte den Kontakt zu seinen Freunden und über die Aufnahme des Fußball-, bzw. kurze Zeit später, des Handballspiels. Das
11 Handballspiel wurde deutlich vor Ablauf der von Kreppner (a.a.O.) angenommen 9 Monate begonnen und diente meiner Meinung nach hauptsächlich der Kontaktaufnahme zum Vater, da dieser ebenfalls Handball spielt.
Bei der Geburt des vierten Kindes begann er bereits in der Schwangerschaft den Kontakt zum Vater durch häufige Freizeitaktivitäten zu stärken, dies lässt sich auch mit seinen Äußerungen gegenüber der Schwangerschaft in Einklang bringen, da er einerseits seine Wut zum Ausdruck bringen wollte, da die Mutter nun wieder weniger Zeit haben wird, sich aber andererseits noch vor der Niederkunft dem Vater zuwandte, um die Beziehung zu festigen.
Diese Veränderung des Verhaltens entspricht der V ermutung Grossmann & Grossmanns (1994), Dass im Verlauf der kindlichen Entwicklung reflektorische Fähigkeiten, bezüglich der Bindungsqualität, eine Rolle spielen.
Bei Kind 2 äußerten sich die Emotionen und Bemühungen zwar anders als bei seinem Bruder, folgen aber dem gleichen Muster. Im ersten Jahr nach der Geburt von Kind
3 nahm er durch sein stilles, trauriges Verhalten und der Weigerung, außer Haus zu
gehen, verstärkt Kontakt zur Mutter auf, da er ihr damit ein gewisses Maß an Zuwendung abverlangte. Danach tat er es seinem Bruder gleich und begann mit dem Handballspielen, darüber intensivierte er den Kontakt zu Vater und Bruder.
Bei der Geburt des vierten Kindes verstärkte er die Beziehung zur Mutter durch starkes Interesse am Bruder, ohne hier aber wieder in sein ablehnendes und isoliertes Verhalten zu fallen. Er dürfte registriert haben, dass die Geburt eines weiteren Geschwisterkindes nicht bedeutet, dass die anderen Kinder nicht mehr beachtet werden, und wählte deswegen ein weniger drastisches Mittel der Kontaktaufnahme. Die Zuwendung zum Vater verlief in der gleichen Weise wie bei Kind 1 bei dieser Geburt.
Kind 3 weicht ein wenig vom Verhalten der Brüder ab und beginnt ebenfalls, schon vor der Geburt, das Verhältnis zum Vater zu intensivieren, wobei sie dies nicht selber initiiert, sondern "Mitläufer" ist, dieses Verhalten also eher bei den Brüdern kopiert. Sie ist auch diejenige, die nach der Geburt dem Vater mehr Zärtlichkeiten als zuvor zukommen lässt, was die Brüder nicht taten. Dies lässt vermuten, dass der Vater den Jungen gegenüber eher ein burschikoses (Spiel-) Verhalten entgegnet, was Zärtlichkeiten eher erschwert, sich bei ihr aber anders verhält. Sie legt auch der Mutter gegenüber kein verändertes Verhalten an den Tag.
12 Stewart (1980) und Lamb (1980) stellten diesbezüglich fest, dass das Spielverhalten der Väter originell und körpernah ist, was die Vermutung, bezüglich des Spielverhaltens in diesem Fall, bestärkt.
Ihr Verhalten in diesen beiden Punkten erweckt den Eindruck, dass die Nachahmung des geschwisterlichen Verhaltens, welches Schmidt-Denter (1980) als "Identifikation" bezeichnet, zu einem schnelleren Zuwenden zum Vater führt, was auch schon bei Kind 2 zu erkennen war und dass Kinder, die von Geburt an in einer vielköpfigen Familie aufwachsen, die Bedrohung durch ein weiteres Geschwisterkind als weniger intensiv empfinden.
Diese abschließende Erkenntnis beantwortet auch die Frage, inwieweit geschwisterliche Beziehungen wichtig für Kinder sind, da Kind 3 eindeutig am besten mit der neuen Situation zurecht kam und Kind 1, welches lange Zeit Einzelkind war, sich am bedrohtesten von den jeweiligen Geburten fühlte.
3. Sozialpädagogische Konsequenzen
Eine Schlussfolgerung dieser Arbeit besteht aus dem H inweis an die sozialarbeiterische und sozialpädagogische Praxis, Geschwister nicht prinzipiell, wie mancherorts üblich, bei der Einteilung in KiGa-, Hort- und Heimgruppen etc. zu trennen, sondern erst zu überprüfen, ob eine gemeinsame Unterbringung überhaupt schädlich wäre. Dies wird in einigen Fällen der Fall sein, wenn z.B. die Gefahr besteht, dass durch die geschwisterliche Beziehung eine Integration in die Gesamtgruppe dauerhaft gefährdet wird oder ein Geschwisterteil extrem vom anderen Teil unterdrückt wird, doch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass eine gemeinsame Unterbringung das Eingewöhnen auch erleichtern kann.
Weiter sollten SA/SP die Elternteile dahingehend sensibilisieren, dass der Erstgeborene gegebenenfalls noch mehr liebevolle Zuwendung benötigt, als ein jüngeres Kind, da diesem die Situation des "Zweitkindes" stets geläufig war und weniger fremd und beängstigend erscheinen wird.
Ebenfalls halte ich es für nötig, dass Bank und Kahns (a.a.O.) Annahme, dass starke geschwisterliche Bindungen nur nötig sind, wenn die elterliche Bindung nicht befriedigend ist, überdacht werden sollte, da dies die Vermutung aufkommen lässt, es wäre besser, wenige Kinder zu haben, da man ansonsten Gefahr läuft, dem Erstgeborenen zu wenig Zuwendung zukommen zu lassen. Dass ein Neugeborenes einem viel Zuwendung abverlangt, lässt sich zwar nicht abstreiten, jedoch zeigt dieses Beispiel aus der Praxis, dass die väterliche und geschwisterliche Zuwendung einen
13 positiv beeinflussen und die Veränderung besser verarbeiten lässt, die Beziehung zur Bezugsperson aber nicht nachhaltig negativ gestört wird.
Für das Studium der Sozialarbeit empfand ich diese Aufgabenstellung als sehr hilfreich, da sie einen darin bestärkt, die herrschende Lehrmeinung zu hinterfragen und / oder nach weiteren Zusammenhängen zu suchen.
14
Verzeichnis der Abbildungen
Abbildung 1: Anteil der Vätertypen nach Schmidt-Denter S.2
Verzeichnis der Tabellen
Tabelle 1: Die Familie im Überblick S.5
Literatur:
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Willi, J. (1985). Koevolution. Reinbeck, Rowohlt
Arbeit zitieren:
Klaudia Horvat, 2001, Bindungen in der Familie, München, GRIN Verlag GmbH
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