Der Zusammenhang von Sprache, Denken und Handeln
In dieser Hausarbeit soll der Zusammenhang von Sprache, Denken und Handeln erörtert werden. Dazu werden Thesen verschiedener Linguisten wiedergegeben und verglichen. Am Ende wird ein eigenes Urteil hinzugefügt.
Wohl eine der bekanntesten Thesen zu diesem Thema ist die sogenannte „Sapir-Whorf-These“.
Nach ihr ist die Sprache für die Gesellschaft ein Medium des Ausdrucks, welches bestimmte Interpretationen der Welt vorgibt. Somit werden Bedeutungen nicht so sehr von den Menschen entdeckt, sondern sie werden ihnen eher aufgezwungen durch den Einfluß, den die sprachliche Form auf ihre Orientierung in der Welt ausübt, ohne daß sie dies selbst wahrnehmen.
B.L. Whorf erweiterte diese These n och radikal: Nach ihm gibt uns die Sprache jegliche Auffassungen der alltäglichen Dinge vor. Sie hat Einfluß auf jegliche kulturellen sowie persönlichen Aktivitäten. Ohne Sprache ist kein Denken möglich. Wir können nur in Termini unserer Einzelsprache sprechen und nehmen die Welt auch nur in diesen Termini wahr („Gefängnis unserer Sprache“). Man kann sprechen ohne zu denken, aber nicht denken ohne zu sprechen.
Zwei verschiedene Sprachen schaffen auch zwei unterschiedliche Weltansichten. Die verschiedenen S prachen sind nicht nur alternative Wege um über dieselbe Realität zu sprechen, sondern sie tragen jeweils eine unterschiedliche Theorie der Realität in sich. Somit ist eigentlich auch keine Übersetzung von Sprachen möglich. Andere Sprachen werden nur mit den eigenen Ansichten gesehen:
Erlernen wir eine Fremdsprache, so versuchen wir diese durch unsere eigene Sprache zu verstehen und zu analysieren. Wir drücken sie sozusagen in unser Sprach- und somit Denkschema.
Whorf vergleicht nun, um seine These zu verdeutlichen, unsere Sprache mit der der Hopi- Indianer und stellt entscheidende Unterschiede fest:
Die Hopi haben durch ihre Sprache eine ganz andere Weltansicht als die SAE- Kulturen 1 . Bei ihnen gibt es keine direkte Unterscheidung der Zeiten durch die Sprache. Sie sehen die Geschehnisse als ein Dauern und nicht als Vergangenes oder Zukünftiges („Time isn’t a separate entity. It’s part of the flow of events.“ 2 )
Außerdem kennen die Hopi keine räumlichen Metaphern und keinen imaginären Plural. Bei uns (SAE-Kultur) hingegen läßt es sich leicht von „einem Glas Wasser“ oder von „zehn Mann“ sprechen.
Es gibt noch viele weitere Unterschiede zwischen der Hopi- und den SAE- Sprachen, dennoch wird wohl schon an diesen wenigen Beispielen deutlich, daß sich bei den Hopi durch eine ganz andere Sprachstruktur auch eine ganz andere Weltsicht ergibt. Die Menschen werden also in eine Sprachgemeinschaft hineingeboren und nehmen somit die Auffassungen, die durch diese Sprachstrukturen gegeben sind, als Wirklichkeit hin. Auch die grammatischen Kategorien wie Mehrzahl, Geschlecht, belebt/unbelebt, Tempora, Aktiv, Passiv oder Zusammensetzung von Wörtern setzen nach Whorf unbewußt bestimmte Charaktere der Dinge voraus.
Um dazu ein Beispiel zu geben, führt Whorf C.G. Jung an.
Nach Jung ist das Denken eines der vier psychischen Grundfunktionen, zu denen auch Empfindung, Gefühl und Intuition zählen.
Das Denken hat nun einen starken sprachlichen Anteil struktureller Natur, wogegen das Gefühl, die Empfindung und die Intuition eher nichtsprachlich sind. Jung behauptet, daß das „Denken der ureigenste Bereich der Sprache“ sei.
Daraus folgert er auch, daß das Denken das ist, was die einzelnen Morpheme und Wörter miteinander zu einem Sinn verknüpft. Diese Verknüpfungen geschehen in jeder Sprachkultur auf unterschiedliche Art und Weise.
(„Der Verknüpfungszustand der korrespondierenden, nichtmotorischen Prozesse richtet sich durch ihre eigene Natur nach der Struktur der jeweiligen partikulären Sprache. Alle Aktivierungen dieser Prozesse und alle Verknüpfungen- ob nun mit, ohne oder unabhängig neben Bewegungen der Sprechorgane geschehend und gleichgültig, ob bewußt vorgenommen oder unbewußt verlaufend- sind Operationen sprachlicher Strukturierung. Und sie alle können mit Recht als Denken bezeichnet werden.“ 3 )
1 SAE=Standard Average European (Standard-Durchschnittseuropäisch)
2 Agar. Language Shock; Seite 63, Zeile 29
3 Whorf. Sprache, Denken, Wirklichkeit; Seite 113, Zeile 4-11
Als Beispiel nennt er das Phänomen der Namen in den SAE-Sprachen. Ein Name selbst gibt keinerlei Hinweis darauf, ob durch ihn ein Mann oder eine Frau bezeichnet wird. Trotzdem können wir mit verschiedenen Namen, z.B. Karl, Susanne, Eva,.. bestimmte Geschlechter verknüpfen.
Dabei können wir an die Namen denken, ohne gleichzeitig immer an die Wörter „männlich“ oder „weiblich“ zu denken und ohne ständig über die Frage nach dem Geschlecht nachdenken zu müssen.
Dieser Vorgang ist nach Jung ein l inguistischer Rapport (Denken) und keine sprachliche Äußerung.
Ein weiteres Beispiel dafür, daß Sprache das Denken und Handeln beeinflußt, ist nach Whorf das Verhalten von Menschen bei Deutungen von sprachlichen Formulierungen in einer bestimmten Situation.
So verbinden viele Menschen mit der Formulierung „leeres Benzinfaß“ die Ungefährlichkeit, da das Wort „leer“ für sie auf keinerlei Gefahr hinweist. Dennoch sind leere Benzinfässer weitaus gefährlicher als gefüllte, da diese Dämpfe abgeben, welche leicht entzündbar sind. Zu diesen sprachlichen Phänomenen gibt er noch viele weitere Beispiele an. Zunächst ähnlich Whorfs These scheint die D. Slobins. Dennoch ergeben sich entscheidende Unterschiede:
Slobin nimmt an, daß Menschen umfassende mentale Bilder oder auch Konzepte der sie umgebenden Welt besitzen. Jede Sprache hat durch die Festlegung einer Bedeutung in der grammatischen Form, bestimmte Schwerpunkte gesetzt.
Er schlußfolgert aus seinen Untersuchungen, daß sprachliche Strukturen den Sprechern charakteristische Sichtweisen der Welt nahelegen.
Das Kind erwirbt also mit dem grammatischen System einen interpretativen Rahmen, anhand dessen es seine Erfahrungen der Welt nach charakteristischen Prinzipien strukturiert und kategorisiert ( „Learning to think for speaking“- Denkenlernen für das Sprechen) Slobin nimmt somit an, daß grammatische Systeme, die z.B. temporale oder räumliche Verhältnisse, Modalität (wahres oder mögliches Geschehen), Genus Verbi oder anderes beinhalten, Bedeutungen vermitteln, die weitaus allgemeiner sind als die einzelner lexikalischer Einheiten.
Er schwächt somit die These Whorfs ab, indem er sagt, daß alle gleich denken, es aber unterschiedlich ausdrücken. Solange die Menschen mit unterschiedlichen Sprachen sprechen,
Arbeit zitieren:
Kathrin Schwarz, 1999, Der Zusammenhang von Sprache, Denken und Handeln, München, GRIN Verlag GmbH
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