Der ausbleibende Abendgruß des Mannes an seinem Todestag wird nun am Tag seiner Beerdigung durch das „Schlafe nun wohl“ seiner Verlobten ersetzt. Es kommt einem so vor, als ob keine fünfzig Jahre sondern nur ein Tag vergangen wäre. Überhaupt verhält sich die Frau so, als ob es ihr Hochzeitstag mit ihrem Verlobten wäre (Z.61 „es ist mein Verlobter“, Z.80ff. „und begleitete ihn ... in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre“). Außerdem wird auch vom Erzähler das „kühle Hochzeitbett“ (Z.84) mit dem Grab gleichgesetzt. Das „Unverhoffte Wiedersehen“ ist ein Zeichen dafür, dass das Paar mit Hilfe von Treue und Liebe der endlos erscheinenden und vergehenden Zeit entkommt. Mit einer souveränen Überlegenheit gegenüber der Zeit sagt die Frau: „...noch einen Tag oder zehen ... und laß dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, ... (Z.83ff.). Sie zeigt keine Angst vor ihrem eigenen Tod, weil in ihr die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen mit ihrem Bräutigam im Jenseits schlummert (Z.86 „und bald wird’s wieder Tag“). Um eine Verbindung zwischen der vergänglichen Welt, dem Leben, und der Ewigkeit herzustellen, wird im Text dreimal das Motiv des Schlafes genutzt (Z.49, 52, 83). Dadurch werden die Schrecken des Todes verringert und der Glaube an eine Auferstehung im Himmel und ein neues Leben aufrecht erhalten.
Trotz des tragischen Hintergrundes ist diese einfache Erzählung einfühlsam und bewundernswert. Sie macht jedem Menschen Mut an die Liebe mit ihren Höhen und Tiefen zu glauben. Man sollte sich nicht von der Vergänglichkeit des Lebens einschüchtern lassen.
Arbeit zitieren:
Tina Richardt, 2001, Hebel, Johann Peter - Unverhofftes Wiedersehen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Arbeiten Sie die stilistischen und inhaltlichen Eigenarten des Flugbla...
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Seminararbeit, 10 Seiten
"Romulus der Große" als Parodie der Tragödie
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
Analyse und Interpretation des Sonetts "Römische Fontäne" vo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 24 Seiten
Über Rainer Maria Rilkes "Römische Fontäne"
Eine Interpretation und Ausein...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 21 Seiten
Die Ironie in Thomas Manns Erzählungen „Tonio Kröger“ und „Der Tod in ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Ironie in den frühen Erzählungen Thomas Manns
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Untersuchungen zu Mörikes „Der alte Turmhahn“ und „Auf eine Lampe“
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Das lyrische Ich in der Dingdichtung Rilkes
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Die ewige Last mit dem Tod - Ein Vergleich der mutmaßlichen Sterbeszen...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 11 Seiten
Textanalytische Übung zu Eduard Mörike "Auf eine Lampe"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Die Komödie als Parodie der Tragödie in Romulus der Große
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 23 Seiten
Rainer Maria Rilke - Sein Leben und seine Gedichte
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 29 Seiten
Was ist eine Kalendergeschichte? Wie interpretiert man Hebels "Un...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 19 Seiten
Ransmayrs, Christian - Die Schrecken des Eises und der Finsternis - De...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Der Begriff der Satire und der Ironie in Thomas Manns 'Betrachtung...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Tina Richardt hat den Text Hebel, Johann Peter - Unverhofftes Wiedersehen veröffentlicht
Tina Richardt hat einen neuen Text hochgeladen
Johann Peter Hebel am Oberrhein. Literarische Orte
Ein Literaturführer
Franz Littmann, Hansgeorg Schmidt-Bergmann
Eine Hommage an Johann Peter H...
Jutta Schloon, Stefanie Stegmann, Szilvia Szarka, Werner Witt
0 Kommentare