Als Faust schließlich ihren Namen ruft, um sie zur Besinnung zu bringen, erkennt sie ihn endlich (Z.4460ff) und fühlt sich befreit. In ihrer Freude springt sie auf und ruft erleichtert: "Er rief Gretchen! Er stand auf der Schwelle. Mitten durchs Heulen und Klappen der Hölle, [...] erkannt ich den süßen, den liebenden Ton". Zu diesem Zeitpunkt verkörpert Faust für sie noch die Rettung. sie liebt ihn, also bedeutet er für sie das Gegenteil der Hölle. Erst später wird sie begreifen, dass er mit dem Teufel persönlich verbündet ist und sie ihn deshalb aufgeben muss. Aber schon als sie sich ihm nähert, stellt sie eine Veränderung fest: "Warum wird mir an deinem Halseso bang?" (Z.4487); "O weh, deine Lippen sind kalt, sie sind stumm. Wo ist dein Lieben geblieben? Wer brschte mich drum?" (Z.4493ff). Sie fühlt sich von Faust abgewiesen und wird sofort skeptisch, deshalb wendet sie sich wieder von ihm ab. Faust geht auf ihre Zweifel nicht ein, sondern drängt Gretchen, ihm zu folgen, mit ihm zu fliehen. Aber plötzlich erinnert Gretchen wieder an das, was sie getan hat, an ihre Schuld der Familie gegenüber: "Meine Mutter hab ich umgebracht, mein Kind hab ich ertränkt" (Z.4507f.) . Sie bekommt Schuldgefühle und glaubt, dass sie ja eigentlich zurecht zum Tode verurteilt wurde. "Deine liebe Hand! [...] Wie mich deucht, ist Blut daran. Ach Gott! Was hast du getan!" Mit dem Symbol des Blutes an Fausts Händen erinnert sie auch ihn vor allem an den Mord an Valentin. Sie macht ihn darauf aufmerksam, dass er, ebenso wie sie, schuldig ist, was er jedoch verdrängt: "Lass das Vergangne vergangen sein" . Er verlangt von Gretchen, zu vergessen, was geschehen ist, sich auf ihre gemeiname Zukunft zu konzentrieren und schnell aus dem Kerker zu verschwinden. Doch damit erwartet er von Gretchen zu viel. Sie ist verwirrt, misstrauisch und fühlt sich schuldig. In den Zeilen 4521 bis 4530 spricht sie von Gräbern; von denen ihrer getöteten Angehörigen und von ihrem eigenen. Sie weiß also, dass sie für das was sie getan hat sterben muss und will Faust nun klarmachen, dass sie ihn aufgrund ihres "bösen Gewissens" nicht begleiten kann und fürchtet, dann für immer verfolgt und gejagt zu werden (Z.4545ff). Faust beschwört sie mehr und mehr, aber umso mehr plagt Gretchen auch ihr Schuldgefühl. Als er erklärt, er wolle bei ihr bleiben, wird sie wieder von Wahnvorstellungen gequält: "Rette dein armes Kind! [...] Fass es nur gleich! Es will sich heben, es zappelt noch!" (Z.4551ff). Die Erinnerungen mischen sich in die Realität und Gretchens Angst ist so groß, dass sie beides nicht mehr auseinander halten kann. "Besinne dich doch! Nur einen Schritt so bist du frei!" (Z.4563f). Auch mit diesen Imperativen kann Faust sie nicht wieder zur Besinnung bringen. dass Faust mit solchen Appellen reagiert, verdeutlicht, dass auch er Angst hat und zur Eile drängt, dass er Gretchen unbedingt retten will. Das wird noch deutlicher, als er es in Betracht zieht, sie "hinwegzutragen" (Z.4575), als sie weiter panisch an ihre tote Mutter denkt: "Da sitzt meine Mutter auf einem Stein und wackelt mit dem Kopfe" (Z.4568). Sie winkt nicht, sie nickt nicht, der Kopf ist ihr schwer, sie schlief so lange, sie wacht nicht mehr" (Z.4570ff). Mit dieser Aussage bekräftigt Gretchen, dass sie zwar weiß, dass ihre Mutter tot ist, zeigt aber auch, dass sie trotzdem von den Toten "verfolgt" wird, dass sie den Gedanken an ihre Schuld nicht los wird und immer wieder die Leiche der Mutter vor Augen hat. Ihre große Angst drückt sie noch in der Metapher "Es fasst mich kalt am Schopfe" (Z.4568) aus. Der Gedanke an die Mutter scheint sie zutiefst zu quälen. Faust versucht, sie aus dem Kerker zu bringen, worauf Gretchen sehr heftig reagirt: "Lass mich! [...] Fasse mich nicht so mörderisch an!" (Z.4576f). Das zeigt, wie sehr auch ihr Misstrauen gegen Faust gewachsen ist, dass sie sich inzwischen auch von ihm verfolgt fühlt.
"Der Tag graut!" Dieser Ausruf, mit dem Faust Gretchen erneut zur Eile mahnt, erreicht genau das Gegenteil. Gretchen wrd an die nahende Hinrichtung erinnert: "Zum Blutstuhl bin ich schon entrückt" (Z.4592) und sieht ihren baldigen Tod vor Augen: "Stumm liegt die Welt wie das Grab" (Z.4595). Spätestens jetzt wird klar, dass sie keine Möglichkeit sieht, dem Tod zu entkommen, dass sie es nicht versuchen wird. Mephisto taucht auf und drängt zur Eile. doch letztendlich seine Gegenwart schreckt
Gretchen so sehr ab, dass sie endgültig beschließt, faust aufzugeben um ihr Seelenheil zu retten. "Gericht Gottes! Dir hab ich mich übergeben!" ruft sie, wie, um ihren Entschluss zu besiegeln und sich gegen Mephistos Anwesenheit zu wehren. Sie bittet also um die Errettung durch das Himmelreich und wird auch "gerettet", wie eine "Stimme von oben" verkündet (Z.4612), während Mephisto Faust mit sich zieht und ihn damit der Errettung entzieht.
Margarete ist sich an dieser Stelle "des rechten Weges wohl bewusst", was ja die Worte des Herrn im Bezug auf Faust waren.
Diese letzte Szene des Faust I ist sehr dramatisch, da sich Gretchen immer mehr in den Wahn steigert und Faust immer ungeduldiger und sogar panisch wird. Bis zur endgültigen Entscheidung Gretchens zwischen Himmel und Hölle wir die Spannung so mehr und mehr aufgebaut. Letztendlich verliert Faust gretchen, denn sie schafft es nicht, ihn auf den rechten Weg zu leiten und er schafft es nicht, sie zur Flucht zu bewegen, um ihr Leben zu retten. Aber Gretchen hat es geschafft in ihrem gestärkten Glauben ihre und Fausts Schuld zu erkennen und die Verantwortung für ihr Tun zu tragen.
Arbeit zitieren:
Stefanie Deventer, 2000, Goethe, Johann Wolfgang von - Faust I: Szene "Kerker", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Szenenanalyse der Kerkerszene aus "Faust" von Johann Wolfgan...
Referat / Aufsatz (Schule), 6 Seiten
Goethe, Johann Wolfgang von - Faust - Interpretation eines Dramenauszu...
Referat / Aufsatz (Schule), 4 Seiten
Goethe, Johann Wolfgang von - Faust I - Interpretation der Garten-Szen...
Referat / Aufsatz (Schule), 5 Seiten
Analyse Goethes Faust: Margarete im Kerker
Einzelne Aspekte der Kerker-Sz...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Goethe, Johann Wolfgang von - Faust I: Interpretation der Szene "...
Referat / Aufsatz (Schule), 3 Seiten
Knigge - enfant terrible seines Standes
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 31 Seiten
Bernhard Schlinks "Der Vorleser" im Zentrum der Projektarbei...
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Faust - Die Szene Wald und Höhle
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Ich- und Ach-Laute. Korrektive Phonetik für fortgeschrittene bulgarisc...
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Seminararbeit, 22 Seiten
Die Funktionen und Rollen des Gretchen in Johann Wolfgang Goethes &quo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Literatureinsatz im DaF-Unterricht an Beispiel von Theodors Fontane Jo...
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Seminararbeit, 21 Seiten
Zur Schuldfrage Gretchens in Goethes Faust I
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Stefanie Deventer hat den Text Goethe, Johann Wolfgang von - Faust I: Szene "Kerker" veröffentlicht
Stefanie Deventer hat einen neuen Text hochgeladen
torrero hat den Text Goethe, Johann Wolfgang von - Faust I: Szene "Kerker" kommentiert
Zur Faust-Rezeption in der Musik des 19. Jahrhunderts
Goethes Dichtung und die Kompo...
Carolin Bunke
Die Geschichte der Faust-Forschung (in 2 Bänden)
Weltanschauung, Wissenschaft u...
Rüdiger Scholz
Johann Wolfgang Goethe.10 Gedichte
Erläuterungen und Dokumente
Elisabeth Böhm, Johann Wolfgang von Goethe
Gedichte von Johann Wolfgang Goethe. Interpretationen
Johann Wolfgang von Goethe, Bernd Witte
Johann Wolfgang Goethe, Iphigenie auf Tauris
Inhaltsangabe, Analyse des Tex...
Johann Wolfgang von Goethe
jenny
danke, wirklich gut.
Die Analyse und zusammenfassung ist wirklich gut, jetzt habe ich die szene richtig verstanden. ;)
Guter Textbezug und Belege
am Thursday, October 04, 2001-
Klaus
Herr.
Geiles Teil
am Tuesday, December 18, 2001-
sandra
super.
Einfach spitze, Danke, hat mir sehr geholfen
am Tuesday, March 05, 2002-
Chris
Sehr gut!.
Also deine Analyse war sehr aufschlussreich. Vor allem Kombination aus gedanklichen Verknüpfungen (Assoziationen) und Text waren SUPER!! Danke
am Thursday, April 01, 2004-
Melody
OK!.
Wer eine ausführliche Interpretation braucht, sollte sich damit noch nicht zufrieden geben, es gibt weitaus mehr was deiner Analyse entgangen ist. Aber insgesamt nicht schlecht!
MfG
Melody
am Sunday, March 18, 2007-
torrero
STARK.
ganz stark setffi
am Thursday, December 06, 2007-