Erst als ich es wagte, mich ein paar Schritte zu bewegen, kam ich dem Rätsel auf die Spur und hätte, wenn es mir die Ehrfurcht vor diesem geheimnisvollen und auch etwas unheimlichen Ort nicht verboten hätte, fast laut aufgelacht über meine kindliche Naivität: Der Raum war keinesfalls von unendlicher Weite, vielmehr waren seine Wände und die Zimmerdecke vollständig mit Spiegeln ausgekleidet, die durch die ständige Reflexion des Lichtermeers den Eindruck einer riesigen unfassbaren Fläche erzeugten. Wenn ich mich anstrengte, konnte i ch in diesem Dämmerlicht ebenfalls mein eigenes Spiegelbild verfolgen, das vor, neben und über mir tausende Male meine Bewegungen ausführte. Ich fing gerade an, Gefallen an dem Spiel mit Bewegung, Licht und Schatten zu finden, da bemerkte ich, dass ich nicht allein im Raum war. Ach, da waren sie wieder! Etwa sieben Schritte vor mir - oder war es hinter mir? Ich hatte durch die unzähligen Spiegelbilder die Orientierung und mein Raumgefühl verloren - sah ich die beiden weißen Gestalten, die sich nun langsam durch den Raum bewegten. Sie schienen ihre weit ausladenden Kleider als Flügel zu gebrauchen, denn sie schwebten beinahe, so geschmeidig und sanft, voran; dabei jedoch auch so vorsichtig, dass sie den vielen Kerzen nicht zu nahe kamen und ihr Lichterspiel nicht durcheinander brachten.
So wie ich es zuvor in meiner Phantasie mir nicht schöner auszumalen wagte, bereitete mir der Kerzenschein, der auf ihren wallenden Haaren und auf dem hauchdünnen Stoff ihrer Kleider Widerschein fand, eine heimliche Freude und Sehnsucht. Und so, wie die tausend Lichter rings um mich brannten, wurde durch diesen Anblick, voll Anmut und Verführung, meine Liebe zu den beiden Geschöpfen entzündet. Mir war gar, als dränge der reine Duft ihrer seidigen Haut, umspielt von einem Hauch blumigfrischer Aromen edelster Parfums, bis zu mir heran, so dass ich ein euphorisches Seufzen kaum zurückhalten konnte.
Irgendetwas ganz Besonderes strahlten die beiden Traumwesen auf mich aus, denn wie hypnotisiert folgte ich ihren Bewegungen. Als ob i ch meinen Verstand vor dem Schlosse zurückgelassen hatte, schritt ich durch die Halle, nur darauf bedacht, den beiden näher kommen und sie genauer betrachten zu können. Doch sie wichen mir immer wieder geschickt aus, und ich konnte in dem weißen Nebel ihrer Gewänder ihre Körper und Gesichter nur erahnen. Einige Male griff ich nach ihnen, doch alles was ich zu spüren bekam, war die kalte glatte Fläche eines Spiegels, dessen Bild mich getäuscht hatte. Auf einmal jedoch schienen die Damen dem Spiel ein Ende setzen zu wollen. Sie hielten inne, öffneten eine mit bis dahin verborgen gebliebene Geheimtür hinter einem der Spiegel und gaben mir zu verstehen, ihnen zu folgen. Etwas irritiert wusste ich zunächst nicht, ob ich mich auf dieses Versteckspiel einlassen wollte, allerdings war meine Neugier größer als meine Vorbehalte, und so folgte ich den beiden, immer darauf bedacht, keine Kerze umzustoßen oder gegen einen Spiegel zu laufen. Langsam tastete ich mich in die Richtung, in der ich die beiden zuletzt gesehen zu haben glaubte, doch bis ich mich aus dem Spiegelkabinett befreit hatte, dauerte es noch eine ganze Weile.
Erleichtert trat ich ins Freie und fand mich auf einer Terrasse wieder, die scheinbar in den hinteren Teil des Schlossparks führte. Inzwischen stand der Mond strahlend und voll am Himmel und erleuchtete durch die großen Baumalleen hindurch die weitläufigen Wege. Es duftete nach Rosen und dem Harz der alten Bäume. Etwas weiter entfernt hörte ich einen Brunnen plätschern, auf dessen feine Wasserstrahlen das Mondlicht hüpfte. Von den beiden Gestalten jedoch, die mich auf so faszinierende Weise verzaubert hatten, war nichts mehr zu sehen, nicht einmal die geringste Spur zu erahnen. Obwohl mich eine nähere Bekanntschaft durchaus gereizt hätte, beschloss i ch, mich nicht auf die Suche nach ihnen zu machen. Schließlich hatte ich für meinen momentanen Aufenthaltsort keinerlei Anhaltspunkt als die Kulisse der Stadt Wien.
Das Glück war mir hold, denn als ich mich gerade zu Fuß auf den Weg in die Stadt machen wollte, begegnete ich einem italienischen Händler, der allerlei Haushaltswaren und südländische Delikatessen auf seinem Wagen geladen hatte. „Wohin der Weg zu so später Stund‘?“ rief er mir im Vorbeifahren zu. „In die Stadt“, antwortete ich, nicht ohne Schmunzeln, da ich nicht vor gar zu langer Zeit eine ähnliche Frage gestellt bekam, an deren Folgen ich wohl noch oft mit Entzücken zurückdenken werde. „Italia?“ fragte er mich und forderte mich mit einer einladenden Geste auf, ihn zu begleiten. Ohne zu zögern sprang ich in Erwartung eines neuen Abenteuers auf. Mir war, als hörte ich ein leises, doch unbeschreiblich helles und klares Lachen, das vom Schloss her an mein Ohr drang.
Arbeit zitieren:
Eva Köberlein, 2001, Eichendorff, Joseph von - Fortsetzung des "Taugenichts" in romantischer Manier, München, GRIN Verlag GmbH
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Sylvia
Wirklich gut!.
Dise Fortführung des 1. Kapitels ist so gut an die Sprach Eichendorffs angepasst, dass man meinen könnte, er habe es selbst geschrieben. Ein durchaus lesenswerter Beitrag!
am Saturday, November 03, 2001-