Die Autoren und ihr Publikum. Die überlieferten mittellateinischen Texte weisen erheblich Qualitätsunterschiede auf. Ein großer Teil der Texte war Sachliteratur, in Form von Schulbüchern, Kommentare zu Schriften, Archivaufzeichnungen und Berichte, die meist keine literarischen Besonderheiten aufwiesen. Bis ins 11 Jh. hinein waren die Verfasser der eigentlichen Literatur überwiegend Geistliche, die man clerici nannte. Im 11Jh. kamen die clerici vagantes hinzu, die fahrende Schüler oder Spielleute waren, die in den Kloster- oder Domschulen Latein gelernt hatten. Literarisch tätige Frauen hat es nur wenige gegeben; es waren im allgemeinen Nonnen. Erst im 12 Jh., als sich das Bürgertum entwickelte, nahm auch die Zahl der Laien unter den Literaten zu, welche meist Magister waren oder in Schreibstuben Beschäftigte. Dies erklärt die Bindung der mittellateinischen Literatur an die Kirche.
Die Erneuerung unter Karl dem Großen. Die erste Blütezeit der mittellateinischen Literatur fand unter Karl dem Großen statt, der den christlichen Völkern Europas das Bewusstsein einer politischen und geistigen Einheit vermittelte.
794 gründete Karl der Große in Aachen eine feste Residenz und holte bedeutende Gelehrte dorthin, die den Bildungsstand der Geistlichen heben, wissenschaftliche Kenntnisse vermitteln und literarisch tätig sein. Damit dies gelingen konnte, musste zuerst eine neue klare Schrift geschaffen werden, die karolingische Minuskel. Ferner gründete Karl Schulen und Bibliotheken. Der Hof in Aachen entwickelte sich zu einem Zentrum der Begegnung verschiedener europäischer Bildungstraditionen und eine verbindende Kultur konnte sich entfalten.
Der Angelsachse Alkuin (ca. 735-804) und der aus dem Maingau stammende Einhard (ca. 770-804) waren die bekanntesten Schriftsteller jener Zeit, die durch ihre Werke die Einheit Europas forderten.
Die Dichtung des 9. und 10. Jahrhunderts. Die vielen kulturellen Zentren in den Regionen des Reiches wurden von der Mitte des 9. Jh. an die Trägern der karolingischen Kultur, weil sie den Ausbau der Schulen und Bibliotheken in starkem Maße förderten.
Gele hrte und Mönche entwickelten eine rege schriftstellerische Tätigkeit. So auch der aus Mainz stammende Hrabanus Maurus (ca. 784-856), der ein hervorragender Lehrer, Verfasser vieler theologischer Schriften, Gedichte und Predigten war. Vielleicht ist er auch der Verfasser des wohl ältesten Hymnus in lateinischer Sprache auf den Heiligen Geist Veni, creator spiritus. Beim Hymnus nutzt die Rhythmik die natürliche Betonung der Wörter zu einem geordneten Wechsel von betontem und unbetonten Silben. So decken sich Vers- und Wortakzent, lassen sich die einzelnen Verszeilen mit fester Silbenzahl leicht zu Strophen binden; daher bereitet der Gesang dieser Lieder keine Schwierigkeiten. Nunmehr schrieb man auch lateinische Dichtung in gereimter Form. Zuerst entwickelte sich der gleiche Einzelvokal (Assonanz), dann der einsilbige, der reine zwei- oder sogar dreisilbige Endreim und schließlich auch der Binnenreim des Hexameter. Ferner wurden auch neue Strophenformen entwickelt. Zu den bekanntesten Dichter jener Epoche gehören Gottschalk von Orbais (ca. 805-869) und Walahfried Strabo (ca. 808-849).
Einige Jahrzehnte später kam in Frankreich die Dichtung der Sequenz auf , deren bekanntester Dichter Notker Balbulus (der Stammler) von St. Gallen (ca. 840-912) war. Die Sequenz i st ein hymnenähnliches, das ausschließlich für die Messfeier bestimmt ist und vor dem Evangelium gesungen wird. Sie stellte sich ganz in den Dienst der Verkündung der christlichen Heilslehre.
Man griff damals aber auch gern auf die antiken Metren zurück, vor allem auf den Hexameter und das Distichon.
Am Ende dieser Epoche, trat mit Hrotsvitha von Gandersheim (ca. 935 geb.) die erste deutsche Dichterin hervor; sie schrieb Legenden, Epen und Dramen und war von Terenz beeinflusst. Ihr Versuch, den antiken Komödiendichter durch eine Mischung von dialogisierter Erzählung und geistlichem Spiel zu überwinden, blieb allerdings ohne große Wirkung.
Die Blütezeit. Ausgelöst durch die tiefgreifenden politischen, religiösen und geistigen Veränderungen, setzten sich im 12 Jh. verschiedenartige Kräfte frei.
Innerhalb der zahlreichen Dynastien, die sich in den europäischen Ländern bildeten, entfalteten sich die nationalen Kulturen. Das Christentum breitete sich nach Norden und Osten aus; das lateinisch geprägte Europa wurde also größer. Religiöse und wissenschaftliche Impulse trugen zur Erneuerung der Kirche bei und die Auseinandersetzungen zwischen dem deutschen Kaiser und der geistlichen Macht festigte nicht nur die Stellung des Papsttums, sondern stärkte auch die Macht der weltlichen Fürsten, des Rittertums und einzelner Städte. Auch die Literatur wurde dadurch beeinflusst. Es änderte sich die Art und Zweckbestimmung der Texte erheblich und damit zugleich Adressat und Leserschaft.
Man griff wieder vermehrt auf die Antike zurück. Die Philosophie der französischen Schulen wurde durch die Wiederentdeckung von Platon und Aristoteles angeregt. Im Bereich der Dichtung waren es vor allem Vergil, Horaz und Ovid, die man eifrig las. Aus der geistlichen entwickelte sich so d ie weltliche Dichtung, in der sich der Bogen formal von einfacher schulischer Imitation antiker Gedichte bis zum originellsten Spiel mit Rhythmus und Reim. Trotzdem entfaltete sich auch weiterhin die geistliche Dichtung und andere literarische Gattungen wie Epos, Lehrgedicht, Brief, Heiligenlegende, Predigt, geistliches Drama und philosophischer Traktat, wobei das kirchliche Weltbild nicht in Frage gestellt wurde.
Ein sehr gutes literarisches Beispiel für die engen Kontakte, die damals zwischen den Völkern Europas bestanden sind die Carmina Cantabrigensia (Lieder aus Cambridge), 50 Gedichte, die vermutlich ein deutscher fahrender Sänger in der Mitte des 11 Jh. zusammengestellt hat und welche verschieden in Inhalt, Form und Ursprung der Sprache sind.
Unter den französischen Dichtern dieser Zeit nimmt zunächst Hildebert von Lavardin (1056-1134) einen besonderen Rang ein. Er bevorzugte das Distichon und behandelte vor allem biblisch-kirchliche, aber auch antike Stoffe. Sehr bekannt geworden ist er durch sein elegisches Gedicht auf Rom.
Der erste große Vertreter der Vagantenlyrik ist Hugo von Orléans (ca. 1093-ca. 1161), als Dichter Primas genannt. Den größten Teil seiner Dichtung, die Zeugnis geben von seiner guten Kenntnis antiker Autoren und von seiner großen Sicherheit in Metrik und Rhythmik, machen Gelegenheitsgedichte aus.
Ihm folgt im deutschen Sprachraum der sog. Archipoeta (ca. 1135-nach1167), der als der genialste Dichter des lateinischen Mittelalters gilt. Sein Gönner und Förderer war Friedrich I. Barbarossa.
Wir kennen 10 Gedicht von ihm, von denen der Kaiserhymnus, ein Loblied auf Kaiser Friedrich I., und die Vagantenbeichte die berühmtesten sind.
In diesen Jahrzehnten erlebte auch die geistliche Dichtung eine Blütezeit. Das Tegernseer Antichristspiel (Ludus de Antichristo) entstand um 1160 und ist ein in monumentaler Größe angelegtes Spiel.
Dieses Spiel besteht aus 424 metrisch verschiedenartig gestalteten Versen, behandelt das Thema des Antichrist, der vor der Wiederkunft Christi ein antichristliches Reich errichten will und gliedert sich in zwei Hauptteile.
In der zweiten Hälfte des 12. Jh. traten unter den französischen Dichtern besonders zwei hervor; Adam von St. Victor (ca.1110-1192), der als Augustinermönch in Paris viele formvollendeten Sequenzen verfasst hat, und Walther von Chatillon (ca. 1135-ca. 1200).
Seine Gelehrsamkeit und gute Kenntnis antiker Autoren spiegeln sich wider in seinem Epos über Alexander den Großen (Alexandreis), das aus knapp 5500 Hexametern besteht. Heute spric ht er mehr durch seine lyrischen Gedichte an, in denen das moralisch-satirische Element überwiegt. Er wandte sich gegen Missstände in der Geistlichkeit, gegen Habgier und Macht des Geldes und scheute dabei nicht zurück bekannte Persönlichkeiten der Zeit anzugreifen.
Ein Teil seiner Gedichte ist anonym in den Carmina Burana (Lieder aus Benediktbeuern) überliefert, der bekanntesten Sammlung mittellateinischer Dichtung, die über 240 Lieder und Gedichte enthält.
Die Sammlung stammt aus dem bairischen Sprachgebiet und wird wohl bis zur Mitte des 13 Jh. abgeschlossen gewesen sein. Der Sammler hat versucht die Dichtungen in vier große Abteilungen zu ordnen: moralisch-satirische Gedichte, Liebeslieder, Trink- und Spielerlieder und geistliche Spiele.
Ihre Verfasser sind Kleriker und Studenten gewesen, sesshafte Dichter ebenso wie Vaganten. In unserer Zeit sind es die Vertonungen von Carl Orff, denen die Carmina Burana eine neue Vergegenwärtigung verdanken.
Der bedeutendste Geschichtsschreiber dieser Zeit ist Otto von Freising (ca. 1114-1158). In seiner in klarer, schlichter Sprache abgefaßten Weltchronik deutet er den Gang der Weltgeschichte. Diese ist für ihn zugleich Reichs-, Kirchen- und Heilsgeschichte, die in das bevorstehende Weltgericht Gottes einmündet.
Der Ausklang der mittellateinischen Literatur. In der zweiten Hälfte des 13 Jh. vollzogen sich in Europa erneut tiefgreifende Veränderungen. Die Nationalsprachen traten häufiger vor und die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen nahm stark zu. In der geistlichen Literatur erlebten zwei literarischen Gattungen noch einmal einen Höhepunkt:
Thomas von Aquin, Mitglied des Dominikanerordens und einer der bedeutendsten Gelehrten des Mittelalters, dichtete Sequenzen, die zu den besten dieser Form der geistlichen Dichtung gehören. Etwa zur gleichen Zeit bildete auf dem Gebiet der christlichen Lehrdichtung die Legendensammlung des Dominikaners Jacobus de Voragine (ca. 1230-1298) einen bedeutsamen Abschluss dieser im Mittelalter oft verwendeten literarischen Gattung. Etwa drei Jahrzehnte zuvor hatte er eine volkstümlich gehaltene Sammlung von Lebensbeschreibungen der Kalenderheiligen verfasst, welche mit dem Anfang des Kirchenjahres am 1. Adventssonntag beginnt. Weil sie das am meisten gelesene Buch des Spätmittelalters wurde, bezeichnete man sie als Legenda aurea.
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Elizabeth Unger, 2001, Das lateinische Mittelalter, Munich, GRIN Publishing GmbH
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