PS Klassiker der Soziologie Alexander Stoll Seminarleiter : Heinz Zipprian WS 2000/2001
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den wissenssoziologischen Perspektiven von einerseits Alfred Schütz und andererseits Karl Mannheim.
Nacheinander wird der Versuch gemacht, die wichtigsten Punkte der beiden theoretischen Ansätze zusammenzufassen.
Die unterschiedlichen Vorstellungen der beiden Soziologen von Wissenssoziologie als Wissenschaft hinsichtlich ihrer Definition, Zielsetzung, Struktur der Theorie sowie Nutzungsmöglichkeiten werden dargestellt. Der Einfachheit und Übersichtlichkeit halber ist die Struktur der Quelltexte hier in großen Teilen übernommen worden. Ein möglicher Bezug ihrer denkerischen Ausgangspunkte zur historischen Situation ihrer Entstehung, also zum politisch-gesellschaftlichen Hintergrund und zum soziologischen Forschungsstand, soll in einer kurzen Gegenüberstellung des Werdeganges und der wissenschaftlichen Zielsetzung der beiden Soziologen Beachtung finden. Es ist zu klären, wo mögliche Parallelen bzw. Differenzen der beiden Ansätze liegen, welche soziologischen Erkenntnisse grundsätzlich aus der Schütz'schen Herangehensweise und welche aus der Mannheim’schen gewonnen werden können und
ob eine Kombination der beiden Theorien möglich und sinnvoll ist, wenn ja, welche Ergebnisse könnte eine solche hervorbringen ?
Als Quellenmaterial für die Analyse der beiden wissenssoziologischen Ansätze wurden hierbei hauptsächlich herangezogen :
1. Alfred Schütz, Thomas Luckmann : Strukturen der Lebenswelt; Frankfurt Main 1979, Kapitel IV, Teile A,B,C,D, S. 293-392 1
2. Karl Mannheim, Wissenssoziologie, aus Handwörterbuch der Soziologie S.659-680, Ferdinand Enke Verlag Stuttgart 1959,
3. Karl Mannheim : Ideologie und Utopie, vierte Auflage, Frankfurt 1965 4. David Kettler und Volker Meja : „Karl Mannheim“ Martin Endreß : „Alfred Schütz“
Aus : Klassiker der Soziologie, München : Beck 2000, Dirk Kaesler (Hrsg.)
1 Anmerkung : Die unter 1. genannte Quelle blieb nach Schütz Tod 1959 unvollendet. Sein Schüler Thomas Luckmann „vollendete“ das Werk anhand von Aufzeichnungen,
erhebt diesbezüglich allerdings (verständlicherweise) keinen Anspruch auf exakte Wiedergabe der Schützschen Ideen. Trotzdem werden in der vorliegenden Arbeit Zitate und Positionen aus den „Strukturen der Lebenswelt“ vereinfachender Weise Alfred Schütz zugesprochen.
Der schöpferische Anteil Thomas Luckmanns soll damit in keiner Weise abgewertet werden.
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2. Die Wissenssoziologie nach Alfred Schütz, Wissen und Gesellschaft
Das folgende Kapitel setzt sich mit Alfred Schütz' Vorstellung von Wissenssoziologie auseinander. Hierfür wird es notwendig sein, Schütz' Vorstellung des Aufbaus von gesellschaftlicher / sozialer Welt zu beschreiben. Diese soll hier jedoch nur kurz umrissen werden, da sie nicht hauptsächlicher Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist. Schütz unterteilt die Sozialwelt in räumlich und zeitlich unterschiedlich gelagerte Schichten und Zonen, in denen das Individuum sich "verhält" und / oder "handelt". Es besteht in diesem Sinne ein Unterschied zwischen "geplantem", entwurfsgeleiteten Handeln mit der vollzogenen Handlung als im Voraus gesetzten Zielpunkt und bloßem ungeplanten Verhalten.
Dem Handlungsentwurf liegt nach Schütz ein bestimmtes Motiv zugrunde und zwar das "Umzu-Motiv", also eine Zweckbestimmung des vorgesehenen Handelns, wohingegen die abgeschlossene Handlung rückbezüglich auf den in der Vergangenheit liegenden Standpunkt des Individuums mit dem "Weil-Motiv" beschrieben werden kann. "Der Handlungsentwurf ist abhängig vom Wissensstand zum Zeitpunkt des Entwerfens." 2 Dieser Wissenstand jedoch verändert sich im Zuge des Handelns, was erklärt, daß kein Anderer außer dem Handelnden selbst Anfang und Endpunkt des Handelns definieren kann, ebenso wie sich das Verstehen einer Handlung nur aus einem Verstehen des Motivs des Handelnden ergeben kann. Dieses Verstehen wiederum setzt ein Quantum gemeinsamen Wissens voraus; hierzu jedoch später mehr.
Die anfangs angesprochene Unterteilung der sozialen Welt gestaltet sich nach Schütz wie folgt:
In unmittelbarer Umgebung des Individuums existiert die "soziale Umwelt", welche das Individuum mit den "Mitmenschen" in zeitlicher sowie räumlicher Dimension teilt. Hieran schließt sich die "soziale Mitwelt". In ihr existieren "Nebenmenschen", welche potentiell in die Umwelt des Individuums eintreten, also zu Mitmenschen werden, aber auch bereits vormals Teil der Umwelt gewesen sein können.
Weiterhin existieren die zeitlich vergangene soziale Vorwelt der Vorfahren des Individuums und die in der Zukunft liegende Folgewelt, welche das Individuum den Nachfahren hinterlässt. Darüber hinaus entwickelt Schütz eine konzentrische Anordnung von Zonen der "aktuellen, wiederherstellbaren oder erlangbaren Reichweite" 3 um den Mittelpunkt des Individuums im Hier und Jetzt, der Welt, die sich in seiner unmittelbaren Reichweite befindet. Im Zusammenhang mit diesen raum-zeitlich charakterisierten Zonen existieren für jeden Lebensbereich (sei es der Alltag, Religion, Wissenschaft oder auch die Welt des Traumes) unterschiedliche "Wirklichkeitsbereiche", welche in Intensität der Aufmerksamkeit, in der Abhängigkeit von bestimmten Relevanzen sowie in ihrem spezifischem Erkenntnisstil differieren.
2 Endreß, Martin : Alfred Schütz, S.339 in : D. Käsler (Hrsg.), Klassiker der Soziologie, Bd.1, München 1999
3 ebenda S.342, Endreß zitiert aus Schütz : "Über die mannigfaltigen Wirklichkeiten"
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Potenziert wird die Anzahl der Wirklichkeitsbereiche, betrachtet man nicht nur ein Individuum, sondern Individuen und Gruppen im sozialen Kontext.
Menschen werden in der sozialen Interaktion immer wieder konfrontiert mit den Wirklichkeiten der Anderen, welche ihrerseits spezifische "Orientierungs- und Relevanzschemata" 4 besitzen. Soziale Wirklichkeit ist immer verknüpft mit einer bestimmten Quantität sowie Qualität von Wissen. Bei einer Berührung individueller Wirklichkeitsbereiche muß es also in irgendeiner Form zu einem Transfer oder zu einer Modifizierung von Wissen in den beteiligten Individuen kommen. Wie die Deutung von Erfahrungen und die Entstehung und Weitergabe von Wissen in der Begegnung von individuellen Wirklichkeiten vonstatten geht, wird im Folgenden beschrieben.
2.1 Die Entstehung subjektiven Wissens und die gesellschaftliche Bedingtheit des subjektiven Wissensvorrats
Jeder Mensch wird in eine historische Sozialwelt, in eine gegebene Sozialstruktur hineingeboren (z.B. Familie). 5
In dieser Sozialwelt existieren bestimmte Individuen mit bestimmten teils institutionalisierten Rollen und dem dazugehörigen Verhalten, welche individuelle und gruppenspezifische Interpretations- und Motivationsrelevanzen 6 besitzen.
Ebenso besitzen diese Individuen einen bestimmten subjektiven Wissensvorrat, welchen sie potentiell weitergeben können.
Das neu in die Sozialstruktur hineingeborene Kind wird mittels intersubjektiver Vorgänge mit den in der Sozialstruktur vorhandenen Individuen Wissen erwerben und eine eigene personale Identität ausformen.
Die an der "intersubjektiven Spiegelung" beteiligten "Anderen" haben ebenso vormals ein personales Selbst in frühen Wir-Beziehungen entwickelt und später verfestigt. 7 Voraussetzung für einen intersubjektiven Vorgang, eine Intersubjektive Spiegelung, ist also zuallererst eine Wir-Beziehung. Denn nur in einer Wir-Beziehung kann dem Kind durch die Reaktion des Gegenüber (z.B. der Mutter) Verantwortung für das eigene Handeln auferlegt werden. Diese Verantwortung, dieses Wissen um die eigene Handlung, ist Bestandteil des Personalen Selbst. Schon vor der eigentlichen Existenz eines personalen Selbst kann eine (quasi-) Wir-Beziehung bestehen, z.B. indem eine Mutter Handlungen des Kindes als Reaktion auf das eigene Handeln interpretiert, also eine Reziprozität der Beziehung voraussetzt. Der Vorgang der intersubjektiven Spiegelung vollzieht sich laut Schütz folgendermaßen :
Das handelnde Kind übt mittels seiner Handlung eine unmittelbare Wirkung auf den Anderen aus. Dieser, beeinflußt durch gesellschaftliche Institutionen, geprägt durch eine relativ
4 Endreß S.343, München 1999
5 vgl. Schütz / Luckmann : Strukturen der Lebenswelt; Frankfurt 1979, S. 293
6 Interpretationsrelevanzen = Auslegungsmodelle, Motivationsrelevanzen = Muster von Weil- und Um-zu Zusammenhängen; vgl. Strukturen d. Lebenswelt S.298
7 ebenda S.296
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natürliche Weltanschauung, reagiert auf die Handlungen des Kindes und vermittelt diesem dadurch eine Erfassung des Selbst.
Eine zentrale Rolle in der Vermittlung von Wissen über Wirklichkeiten und somit für den Vorgang der Intersubjektiven Spiegelung ist die Sprache. Denn sie entspricht einer relativ natürlichen Weltanschauung, indem ihre Sinnstrukturen mit den Sinnstrukturen der relativ natürlichen Weltanschauung korrelieren.
Und : Sprache besitzt die Fähigkeit zu objektivieren, indem sie Klassifizierungen und Begrifflichkeiten für Dinge und Vorgänge der Realität beinhaltet. S.298 : „ Die semantische und syntaktische Struktur der Sprache zeichnet der subjektiven Erfahrung typische Aufmerksamkeitszuwendungen (thematische Relevanzen), Auslegungsmodelle (Interpretationsrelevanzen) und Muster von Weil- und Um-zu-Zusammenhängen.“
Demzufolge ist je nach sozialem Standpunkt der Personen, die durch Sprache Wissen über Wirklichkeiten vermitteln, der Inhalt (die Interpretations- und Motivationsrelevanzen und die Weil- und Um-zu-Zusammenhänge) ein anderer. Denn je nach sozialer Verortung sind nicht nur die typischen Erfahrungen unterschiedlich sondern auch die Struktur der Sprache und ihr Wortschatz. 8
Das Kind muß und wird also die Sprache als Träger von Bedeutungen erlernen, um mehr Wissen über Wirklichkeiten erfassen zu können. Dies vollzieht sich folgendermaßen :
Der "Andere", der Mitmensch, spricht zu dem Kind; die Sprache wirkt in Verbindung mit Mimik, Gestik und typischem, rollenspezifischen Verhalten auf das Kind ein, wobei ein unmittelbarer Bezug der gesprochenen Sprache zu den Erfahrungen der aktuellen Situation besteht. Das Kind vollzieht einen Abgleich der semantischen und syntaktischen Struktur der Sprache mit seinen vorsprachlichen Erfahrungen und erlernt somit den Zusammenhang zwischen einzelnen Bestandteilen der Sprache (Worten, Sätzen) und Dingen und Handlungen in der Realität.
Nach dem Erwerb der Sprache kann diese "Wissen über Wirklichkeiten vermitteln, die nicht die jeweilige aktuelle Erfahrung des Einzelnen transzendieren, sondern ihm praktisch, wenn auch nicht grundsätzlich, unzugänglich sind,
Wissen also, das in den Erfahrungen und Auslegungen der Vorfahren oder Zeitgenossen seinen Ursprung hat.“ 9
Wissen kann dann sprachlich weitervermittelt werden ohne direkten Zusammenhang zur aktuellen Situation (z.B. durch Lehrer).
Die Beherrschung der Sprache führt zu einer Entlastung des Einzelnen von der Notwendigkeit ständig neuer Typenbildung durch Rückgriff auf die objektivierende Eigenschaft der Sprache und die ihr innewohnenden Kategorisierungen.
Darüber hinaus ermöglicht Sprache die Vergleichbarkeit von subjektiven Erfahrungen, die Interpretation von Vergangenheit und die Fähigkeit, Handlungen zu entwerfen. Und : Es entstehen mitteilbare Auslegungsresultate, die potentiell dem gesellschaftliche Wissensvorrat zugeführt werden können.
8 vgl. S.302, Strukturen der Lebenswelt
9 S.300
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Alexander Stoll, 2000, Alfred Schütz und Karl Mannheim - Ein Vergleich zweier wissenschaftlicher Perspektiven, München, GRIN Verlag GmbH
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Vielen lieben Dank, dass du diese Arbeit frei zur Verfügung gestellt hast. Ich musste nämlich für eine Proseminararbeit den Text von Mannheim besprechen und habe ihn schlicht und einfach nicht verstanden nachdem ich aber deine Arbeit mehrfach gelesen hatte war ich endlich auch in der Lage mir eine eigene Meinung über den Text zu machen (besonders der Teil über die Seinsverbundenheit war toll)!!!!!!!
Nochmals DAnke!
am Thursday, September 20, 2001-