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2.1 Die Alpen - ein europäisches Hochgebirge
2.2 Grenzen der menschlichen Siedlungen und des landwirtschaftlichen Anbaus
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3.1 die gemeinsamen Wurzeln
3.2 Entwicklung der Bündnerromanen 3.2.1 Lokalisierung der Bündnerromanen
3.2.2 geschichtliche Entwicklung bis zur frühen Neuzeit 3.2.3 aktuelle Situation der Bündnerromanen in Graubünden 3.2.3.1 Bevölkerungsentwicklung der Bündnerromanen
3.2.3.2 Stellung der Bündnerromanen innerhalb der Schweiz 3.3 Entwicklung der Dolomitenladiner 3.3.1 Lokalisierung der Dolomitenladiner 3.3.2 geschichtliche Entwicklung bis zur frühen Neuzeit 3.3.3 aktuelle Situation der Dolomitenladiner 3.3.3.1 Bevölkerungsentwicklung der Ladiner 3.3.3.2 die Stellung der Dolomitenladiner innerhalb Italiens 3.4 Entwicklung der Friulaner 3.4.1 Lokalisierung der Friulaner 3.4.2 geschichtliche Entwicklung bis zur frühen Neuzeit 3.4.3 aktuelle Situation der Friulaner 3.4.3.1 Bevölkerungsentwicklung der Friulaner 3.4.3.2 die Stellung der Friulaner innerhalb Italiens
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Die Alpen - traumhaft schön und Sinnbild für unberührte Natur.
Dies oder ähnliches wird wohl ein jeder Befragter im Hinterkopf haben, wenn er versucht, sich ein Bild über die grösste europäische Berglandschaft zu machen. Weisse Gipfel, grosse schneebedeckte Hänge die zum Wintersport einladen, Wandern, Klettertouren, Paragliding, um nur einige Aspekte zu nennen, die einem spontan beim Gedanken an diese durchaus faszinierende Bergwelt durch den Kopf schiessen.
Jedoch sind diese Gedanken eher neuzeitlicher Natur, soll heissen, sie beziehen sich auf Aktivitäten oder Umstände, die sich erst im Laufe des vergangenen Jahrhunderts herausgebildet haben. Nun sind die Alpen aber mit ihren unzähligen Erhebungen, Tälern, Schluchten und Hängen ein regelrechtes Labyrinth, an manchen Stellen so gut wie nicht passier-, geschweige denn erreichbar. Gerade dieser Umstand aber dürfte eine wesentliche Rolle dafür spielen, dass die Alpen, und das ist durch archäologische Funde nachgewiesen, schon seit Menschen Gedenken und sogar noch länger Lebensraum für den Menschen darstellen - dies trotz ihrer vor allem klimatischen Ungunsträume. Somit entwickelten sich die Alpen schon früh vor allem für kleinere Volksgruppen zu Rückzugsräumen, in denen sie weitgehend ihre Kultur entwickeln und besonders ihre Sprache ohne grössere äussere Einflüsse bis in die heutige Zeit retten konnten.
Jedoch scheint gerade diese Schutzfunktion durch technische Errungenschaften der Moderne wie dem Automobil aufgehoben zu werden und ethnische Minderheiten, jahrhundertelang sozusagen abgeschieden vom Rest der Welt, sehen sich mit der Herausforderung konfrontiert, ihre Sprache und Kultur gegenüber grösseren Sprachgemeinschaften behaupten zu müssen. Ein Kampf David gegen Goliath scheint für diese Minderheiten begonnen zu haben.
Im Folgenden soll anhand der Beispiele der Rätoromanen im schweizerischen Kanton Graubünden, der Dolomitenladiner und der Friulaner in Italien deren Entwicklung von ihren gemeinsamen Anfängen bis in die heutige Zeit verfolgt werden. Dabei scheint es vor allem wichtig, einen Überblick über die jeweilige heutige Situation zu geben, um zu sehen, in wie fern diese Minderheiten von ihrem Umfeld beeinflusst werden und welche Stellung sie innerhalb der Staaten in denen sie sich befinden, haben.
3
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Sicherlich gibt es viele Menschen die gerne ihre freie Zeit in den Alpen verbringen. Was gibt es schöneres, als nach einer Bergtour oben am Gipfelkreuz zu stehen und die Majestätik und Schönheit dieser Bergwelt auf sich wirken zu lassen. Zu unzähligen Gedichten und Geschichten haben sie inspiriert.
Wer jedoch könnte sich vorstellen, freiwillig sein gesamtes Leben in diesen Höhenregionen zu verbringen? Nachdem aber ein Grossteil der im Folgenden analysierten Minderheiten genau hier leben, scheint es angebracht, einen kurzen Überblick über die Alpen als menschlichen Lebensraum bzw. Rückzugsraum zu geben. Interessant sind in diesem Zusammenhang vor allem ein Überblick über die Alpen an sich, als auch über die mit der grossen Höhe verbundenen Siedlungsgrenzen des Menschen.
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Die Alpen, von denen man sagt, dass sie das am besten erforschte Hochgebirge der Welt sind 1 , weisen einen bogenförmigen Verlauf auf, der sich auf einer Gesamtlänge von 1200 km von Ost nach West von der ungarischen Tiefebene bis zum Golf von Genua erstreckt, was einer Längserstreckung von elf Längengraden entspricht. Von Nord nach Süd erstreckt sich das Gebiet der Alpen mit Wien als nördlichsten und Nizza als südlichsten Punkt über fünf Breitengrade. Die Gesamtfläche der Alpen beträgt ca. 180.000 km², wovon etwa 72.500 km² (=40%) auf die Westalpen und 107.500 km² (=60%) auf die Ostalpen entfallen. 2 Die Alpen zählen zu den sogenannten Höhengebirgen, welche in der Literatur eine rege Aufmerksamkeit erfahren. Dies führt jedoch dazu, dass die Meinung der Wissenschaftler über
die Definition des Begriffes +RFKJHELUJH nicht immer übereinstimmen. Auf der Basis mehrerer in der Alpengeographie bedeutender Wissenschaftler hat -HQWVFK deshalb versucht,
eine Definition der Kriterien für das Hochgebirge zu geben. Demnach wird das Hochgebirge von folgenden Aspekten bestimmt 3 : 1) die Erhebung über die Waldgrenze
2) die erkennbare Wirkung jahreszeitlicher Bodengefrornis mit Frostsprengung, Strukturböden und Solifluktion
1 z.B. Jentsch, Ch.: S. 32; Grötzbach, E.: S. 12
2 Glauert, G.: S.8
3 Definition auf Basis von Troll, Krebs, Rathiens, Höllermann, et al. In: Jentsch, Ch.: S. 30
4
3) eine rezente Vergletscherung oder Spuren quartärer Vergletscherung mit Karen, Trogtälern und Hängetälern
4) ein Gebirgszug, der sich aus Voll- und Hohlformen zusammensetzt und Reliefenergie von mehr als 1500 m aufweist
5) eine weitgehende Aufzehrung von flachen Altformen 6) das Auftreten von Graten, Gipfelpyramiden und Hörnern 7) ein steiles Relief (mehr als 30 Grad) mit aktiven Hangschutthalden 8) mehrere übereinander liegende Höhenstufen 9) ein rauhes Klima im Vergleich zum wärmeren tieferen Umland
Andererseits melden sich aber auch Zweifel über eine Zeitmässigkeit einer Definition des
Begriffes +RFKJHELUJH, da es fraglich sei, ob sich das Hochgebirge in puncto Wirtschaft und
Kultur auch heute noch so stark von den anderen Räumen unterscheide. 4 Der stellenweisen Unwirtlichkeit und Unzugänglichkeit trotzend, wiesen die Alpen vor ca. fünf Jahren 58 politische Einheiten, 70 Gebirgsgruppen, 80 Land- und Talschaften, 143 Städte, 600 Tourismusorte und 6000 Gemeinden auf. 5 Dies ist bezeichnend dafür, welch hohen Stellenwert die Alpen im europäischen Besiedlungskontext einnehmen, trotz der Tatsache, dass der im Hochgebirge lebende Mensch nicht nur den naturräumlichen Gefahren wie Muränen, Lawinen oder Gebirgsstürzen ausgeliefert ist. Vielmehr muss er neben diesen „alpinen Elementarereignissen“ 6 auch den Höhen- und Reliefhindernissen, also der extremen Steilheit des Untergrundes, als auch der Höhenstufung des Gebirges trotzen.
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Welche Auswirkungen die naturräumliche Beschaffenheit für die in diesen Ungunsträumen lebenden Menschen hat, soll im folgenden Überblick gezeigt werden. Dabei soll, soweit auf nützliche Quellen zurückgegriffen werden konnte, auch bereits vereinzelt auf die im Folgenden behandelten Minderheiten eingegangen werden. Zunächst stellt sich die Frage, warum sich eine Volksgruppe im Bereich dieser Ungunsträume ansiedelt. Dies ist vor allem unter historischen Gesichtspunkten zu betrachten, denn es würden wohl nur die Wenigsten den Entschluss fassen, freiwillig in siedlungsfeindlichem Gebiet zu siedeln, wenn man doch auch in den fruchtbaren und
4 Bätzig, W.: s.v. Hochgebirge, S. 120
5 ders.: S.5
6 Grötzbach, E.: S. 6
5
klimatisch besser gelegenen Ebenen leben könnte. Man sollte deshalb wissen, dass gerade die unzugänglichen Hochgebirgstäler und -becken seit jeher zu den Rückzugsräumen von Volksgruppen gehörten, die durch Ausweichen in diese Regionen ihr Volk z. B. vor anderen eindringenden Völkern schützen wollten. Somit wird klar, dass das Ansiedeln im Hochgebirge in den eher selteneren Fällen freiwilliger Natur gewesen sein dürfte. Jedoch führte es letztendlich auch dazu, dass gerade diese Volksgruppen in ihrer Abgeschiedenheit die Möglichkeit hatten, religiöse, ethnische und besonders sprachliche Eigenheiten zu entwickeln und diese bis in die heutige Zeit zu bewahren, so eben die Bündnerromanen, Dolomitenladiner und Friulaner.
Im Vorangegangenen wurde bereits des öfteren der Begriff 8QJXQVWUDXPverwendet.
Dass dieser keiner weiteren Erklärung an sich bedarf liegt auf der Hand. Jedoch sollte an dieser Stelle eine Erklärung folgen, warum diese Gegend zu den menschlichen Ungunst- bzw. siedlungsfeindlichen Räumen zählt. Zum einen wäre bereits der relativ banale Unterschied zwischen Sonnen- und Schattenseite zu erwähnen. So konnte man anhand archäologischer Funde nachweisen, dass die Sonnenseiten bereits in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt wurden, da dort zum einen die Tagesdauer länger und die landwirtschaftlichen Anbaubedingungen günstiger sind als auf der Schattenseite. Somit kann man also feststellen, dass sich (bäuerliche) Siedlungen vor allem auf der Sonnenseite niederlassen, während Verkehrs- und Bergwerkssiedlungen vermehrt auf den schattigen Seiten zu finden sind. 7 Natürlich gibt es auch Ausnahmen, diese sind jedoch dann meist Siedlungen, die in jüngerer Zeit entstanden sind, wie z. B. die ladinische Bevölkerung des Mittelalters. 8 Zum anderen weisen diese Gebiete auch klimatische und geologische Nachteile auf. So sinkt die Durchschnittstemperatur um ca. 0,5 Grad pro 100 Höhenmeter, wobei aber gleichzeitig die Intensität der Sonneneinstrahlung zunimmt und die Niederschlagsmenge bis zu 3000 mm pro Jahr erreicht. In den Tälern und Becken können im Winter Temperaturminima bis zu -35 Grad Celsius entstehen. 9 So kann man in der Montagna Friulana aufgrund der Stauwirkung des meernahen Gebietes eine grosse Niederschlags- und Bewölkungsbildung feststellen, welche zu niedrigen Jahresdurchnittstemperaturen führt - die Montagna Friulana gehört zu den niederschlagsreichsten Gebieten Europas. Bezüglich der Bodenbeschaffenheit dieser Region ist anzumerken, dass sie vor allem von grossen Schotterflächen überzogen wird, was die
7 Glauert, G.: S. 11 f.
8 Metz, Fr.: S. 43
9 Glauert, G.: S. 22
6
landwirtschaftliche Nutzung dort unmöglich macht. 10 In den Dolomiten hingegen ist das Ausmass der Niederschläge eher gering, was damit zusammenhängt, dass sie relativ zentral liegen und sich somit die Wolken meist schon vorher abregnen, jedoch ist der Winter schneereich und im Sommer herrschen kühle Temperaturen. Aus geologischer Sicht wechseln sich in den Dolomiten weiche, leicht verwitterbare Gesteine aus denen fruchtbarer Boden hervorgeht, und harte Gesteine, die gegen Verwitterung widerstandsfähig sind und deshalb nur kargen Boden liefern, ab.
Wie wirken sich diese naturräumlichen Ungunstfaktoren nun auf die Siedlungsverteilung aus? Ein genereller, auf die gesamten Alpen bezogener Überblick zeigt, dass sich der grösste Teil der Alpengemeinden im Bereich zwischen 500 und 999 m befindet, genauer gesagt ca. 51 %, jedoch nahm 1990 die Alpenbevölkerung in dieser Höhenstufe mit ca. 4,5 Mio. Menschen nur den zweiten Platz ein. Bezogen auf die Alpenbevölkerung steht an erster Stelle die Höhenstufe von 30 bis 499 m: hier wohnten 1990 an die 5,8 Mio. bzw. 53 % der Alpenbewohner, auch wenn die Zahl der Gemeinden nur 33 % ausmacht. In der dritten Höhenstufe von 1000 bis 1499 befanden sich im selben Jahr nur 14 % der Gemeinden, in denen ca. 6 % der Alpenbewohner lebten. Schliesslich fanden sich in der Höhenstufe zwischen 1500 und 2042 m noch ungefähr 76.000 Menschen in 109 (= 2 %) Alpengemeinden. 11 Im Friaul, wo die Höhenstockwerke über 1000 m 63 % Nordfriauls ausmachen und somit die flächengrösste Zone dieser Gegend darstellt, treffen wir 1981 auf lediglich 17 Siedlungen, was zu einer geringen Bevölkerungszahl in den Höhen über 900 m führt. Hier lag der Schwerpunkt der Siedlungen mit 62 % der angelegten Ortschaften im Bereich zwischen 300 - 700 m, auch wenn dieser Bereich den flächenmässig kleinsten darstellt. 12 Anders hingegen in den Dolomiten, wo die besiedelten Täler ausschliesslich in einer Höhe über 900 m liegen und Gruppensiedlungen sogar bis 1750 m hinaufreichen. 13 Im Laufe der Besiedlungsgeschichte ist hier ein Höherrücken der Besiedlungsgrenze erfolgt. So liegen die bäuerlichen Siedlungen in Gröden zwischen 1660 und 1720 m, in Abtei zwischen 1600 und 1700 m, in Oberfassa zwischen 1627 und 1698 m und in Buchenstein zwischen 1602 und 1747 m. 14 In Graubünden beobachten wir, dass ca. 22 % der Berggebietsbevölkerung in einer Höhe unter 450 m leben, während ca. 52 % der Bevölkerung
10 Steinicke, F. (1991): S. 57 ff.
11 Bätzig, W.: s.v. Bevölkerungsverteilung, vertikale; S. 62 f.
12 Steinicke, F. (1991): S. 59
13 von Klebelsberg. In: Becker, H.: S. 12
14 Metz, Fr.: S. 44; Rother-Hohenstein, B.: S. 17
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Arbeit zitieren:
Dipl. Kulturwirt Univ. David Altmann, 2002, Ethnische Minderheiten in den Alpen, München, GRIN Verlag GmbH
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