Wie kann daraus ein Modell entwickelt werden? •
Bei dem Betrachten von Migrationsmodellen muss, wie bei jedem theoretischen Modell, der Rahmen der zeitlichen Umstände berücksichtigt werden. So absurd ein Erklärungsmuster erscheinen mag, so können Zusammenhänge erkannt werden, wenn die Hauptdenkrichtungen der Wissenschaft und die Form der damaligen Erscheinung der zu untersuchenden Phänomene berücksichtigt werden.
Eine solche Betrachtungsweise kann uns auch bewusst machen, welche „Dogmen“ oder „Hauptgedankenströme“ in unserer Zeit existieren, in denen wir uns oft mitbewegen, ohne es zu merken.
Es lassen sich zwei Ebenen bei Migrationsmodellen unterscheiden 1 :
1. Makroansätze. Sie suchen die Gründe für Migration auf struktureller Ebene. (Gravitationsmodelle; ökonomische Ansätze; ökologische Ansätze)
2. Mikroansätze. Sie suchen die Gründe für Migration bei dem Individuum. (Lebenszyklusmodell; erweitertes push-pull Modell)
Frank Kalter veröffentlichte in seinem Buch Wohnortwechsel in Deutschland 2 (S.37) einen guten Beitrag zur Beurteilung von Makromodellen: Kalter hebt hervor, dass es den Makro-Ansätzen zu verdanken sei, durch die ökonomische Betrachtung der Lohnniveaus und Arbeitslosenquote die grundsätzliche Wirkung von Migration ausfindig gemacht zu haben. Je feiner aber die regionale Differenzierung werde, desto schlechter lassen sich diese Modelle auf die empirische Realität anwenden. Das Problem der makrosoziologischen Gesetze und der damit verbundenen makrosoziologischen Erklärungen kann generell mit dem Problem der Unvollständigkeit (vgl. Gadenne 1979; Lindenberg 1983: 25; Esser 1919: 40) umschrieben werden. (S. 38)
Die von Günther Albrecht als „Soziale Physik“ bezeichnete Idee, menschliches Verhalten nach dem Prinzip der Newtonschen-Gravitationsgesetze zu erklären, ist Mitte des vorigen Jahrhunderts unter anderen von Laplace aufgenommen worden.
1885 veröffentlichte Ravenstein in seiner Schrift unter anderem eine Formel, die die Zuwanderung in eine Stadt von einem Punkt aus beschreibt 4 : iMj = f(Pi) / Dij
(iMj = Wanderung vom Ursprungsort j nach dem Aufnahmeort i; f(Pi) = eine Funktion der Bevölkerungszahl von i; Dij = Distanz zwischen Ausgangs- (j) und Zielort (i))
1 Kalter, Frank: Wohnortwechsel in Deutschland. Opladen, 1997: Leske & Budrich. ISBN: 3-8100-1783-3: S. 21.
2 Kalter, Frank: Wohnortwechsel in Deutschland. Opladen, 1997: Leske & Budrich. ISBN: 3-8100-1783-3.
3 Albrecht, Günther: Soziologie der geografischen Mobilität. Stuttgart, 1972: Ferdinand Enke. ISBN: 3-432-01754-5: S. 92-109.
4 E. G. Ravenstein: The Laws Of Migration (1885 & 1889). Deutsche Übersetzung: Ravenstein, 1972.
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Damit wurde ein Grundstein zur Auseinandersetzung mit Migration auf mathematische Art und Weise gelegt. Es entstanden eine Menge Gleichungen, die allesamt ihren Ursprung in der exakten-mathematischen Naturwissenschaft fanden. Es wurden nach dem Vorbild von z.B. Hydrodynamischen-Theorien interdisziplinäre Theorien der Bewegungsprozesse entworfen, die die räumliche Bewegung von Menschen auf die gleiche Weise betrachteten, wie die Bewegung von Gütern oder Wasser. Dabei wurden soziologische Faktoren berücksichtigt, die, in Zahlenwerte umgewandelt, in die Formeln integriert wurden. 5 So entstanden und entstehen Migrationsmodelle die das Phänomen der Migration auf mathematische Art und Weise erklären. Doch die Mehrzahl der Modelle geht von sehr unrealistischen Prämissen aus. Die soziologischen Variablen sind sehr schwer oder gar nicht zu ermitteln und nur bedingt mathematisch umzuwandeln. 6
Aus den statistischen Ergebnissen wurden soziologische Erklärungen entworfen. Ravenstein z.B. klassifizierte typische Wandertypen 7 , den a) local migrant, b) short-journey migrant, c) migration in stages, d) long-journey migrant und e) temporary migrant. Bei seinen Untersuchungen im United Kingdom Ende des 19. Jh. lag sein Augenmerk jedoch auf den Massen der MigrantInnen, sowie ihre zurückgelegten Entfernungen und der statistischen Erfassung dieser Phänomene. Mikroansätze, wie die Motivationsgründe waren sekundär. Er arbeitete im Auftrag der englischen Krone, die sich mit den Wirkungen der Industrialisierung konfrontiert sah.
Als Erweiterung der Gravitationsmodelle gilt der makroökonomische Ansatz. Das Augenmerk richtete sich von der Distanz der Regionen hin zur Differenz zwischen regionalen Lohnniveaus 9 :
Arbeitskräfteangebot und Arbeitskräftenachfrage bestimmen im Gleichgewicht das Lohnniveau. Dieses Gleichgewicht ist zunächst aber nur regionaler Art. Als Reaktion auf unterschiedliche Lohnniveaus in verschiedenen Regionen treten Wanderungen auf. Erwerbstätige emigrieren von Gebieten mit niedrigen, in Gebiete mit hohen Lohnniveaus und bewirken - da Zuwanderung zu einer Senkung des Lohniveaus und Abwanderungen zu einer Anhebung des Lohniveaus führendas Zustandekommen eines globalen Gleichgewichtsprozesses. Dies wird jedoch empirisch nicht bestätigt. 10
5 Siehe bei: Martin Beckmann; Dodd; Harold Hotelling; M. J. Lighthill; Paul I. Richards; Speare; Steward; G. M. Whitham; Zipf; etc..
6 Albrecht, Günther: Soziologie der geografischen Mobilität. Stuttgart, 1972: Ferdinand Enke. ISBN: 3-432-01754-5: S. 95.
7 E. G. Ravenstein: The Laws Of Migration (1885 & 1889). Deutsche Übersetzung: Ravenstein: 1972.
8 Kalter, Frank: Wohnortwechsel in Deutschland. Opladen, 1997: Leske & Budrich. ISBN: 3-8100-1783-3: S. 31-37.
9 Siehe bei: Hicks 1963.
10 Siehe bei: Clark 1982; Greenwood 1975; Hicks 1963; Shields/Shields 1989; Sjastaad 1962.
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Eine zentrale Bedeutung nimmt die Erweiterung des klassischen Modells um den Faktor der Arbeitslosenquote ein. Doch auch hier gibt es Zweifel, ob dies ein ausschlaggebender Faktor sei. 11
Eine weitere Entwicklung aus der makroökonomischen Gleichgewichtsidee ist die Integration nichtökonomischer Faktoren. Einen Rahmen bilden hier vier Hauptelemente, die als ecological complex bezeichnet werden: 12
1. Bevölkerung (deren Standort, Größe, Zusammensetzung, räumliche Verteilung) 2. Umwelt (externe Kräfte, andere Populationen) 3. Technologie (Vielfalt und Effizienz der eingesetzten Werkzeuge) 4. Organisation (Versorgung der Bevölkerung)
Während bei den meisten ökologischen Studien dabei die Organisation als abhängige Variable im Vordergrund steht, nimmt bei Sly diese Position die Bevölkerung, ihr Migrationsverhalten, ein.
Die Grundidee ist, dass Migration einen Prozess darstelle, durch den ein Gleichgewicht zwischen der Bevölkerung (Größe, Zusammensetzung) und deren Organisationsstruktur hergestellt wird. Dies wird durch die Faktoren Umwelt und Technologie beeinflusst.
Die Vorgehensweise bei Gleichgewichtsmodellen ist immer die gleiche: Es werden unter Annahme der Gleichgewichtsidee Hypothesen über den Zusammenhang von
Migrationsverhalten und anderen Komponenten des Komplexes entworfen, die empirisch überprüft werden.
Diese Modelle gehen davon aus, dass im Verlauf eines menschlichen Lebens zu bestimmten Zeitpunkten Handlungen notwendig sind, die eine räumliche Mobilität verursachen können. Solche Zeitpunkte sind etwa: Einschulung, Schulwechsel auf eine weiterführende Schule, Ausbildung/Studium, Heirat, Geburt von Kindern, Auszug der Kinder, Ehescheidung, Pflege der Eltern, Tod des Ehepartners, Ruhestand.
Aufbauend auf diesem Grundgedanken entstanden viele Modelle, die einzelne Aspekte in einem Lebenszyklus untersuchten und diese in Bezug zueinander setzten. 14 Ishmael Okraku wendete als erster die Lebenszyklustheorie der Migration auf eine Entwicklungsländergesellschaft an 15 . Er spaltete den Faktor „Stellung der Familie im Lebenszyklus“ in vier verschiedene Dimensionen auf: 1. Alter des Hausvorstandes 2. Wohnungsstatus (Mieter/Eigentümer)
11 Siehe bei: Greenwood 1975.
12 Kalter, Frank: Wohnortwechsel in Deutschland. Opladen, 1997: Leske & Budrich. ISBN: 3-8100-1783-3: S. 35.
13 Albrecht, Günther: Soziologie der geografischen Mobilität. Stuttgart, 1972: Ferdinand Enke. ISBN: 3-432-01754-5: S. 83 & 120.
14 Siehe bei: Albrecht 1972; Kemper 1985; Rossi 1980.
15 Ishmael Okraku: The Family Life-Cycle And Residental Mobility In Puerto Rico. In: Sociology & Social Research 55 (1971): S. 324-340.
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3. Personenzahl des Haushaltes 4. Erwartung weiterer Kinder
Damit wollte er untersuchen, welcher der genannten Dimensionen wirklich ausschlaggebend für geografische Mobilität ist.
Seine Ergebnisse stützen die Annahme, dass Wohnungsfragen in Zusammenhang mit der Stellung im Lebenszyklus einen wichtigen Auslöser für Nahwanderungen darstellen.
Aufbauend auf dem ökonomischen Rationalismus, der davon ausgeht, dass Migrierende bestrebt sind, ihre ökonomische Situation zu verbessern, teilt das push-pull Modell die Ursachen für Migration in zwei Bereiche:
1.
werden die Faktoren für „Vertreibung“
2.
werden die Faktoren für „Anziehung“
Als erstes schrieb diesen Gedanken Everett S. Lee in der Schrift: Eine Theorie der Wanderung 1972 nieder.
Zentraler push-, wie pull-Faktor ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt, die im Heimatland wesentlich unattraktiver ist, als im Zielland. Dabei wird unterteilt in a) Beschäftigungs-Situation (job-vacancy-Hypothese) und in b) Einkommenssituation (income-differential-Hypothese). Eine Erweiterung des Grundmodells stellt der Faktor der persönlichen Beziehungen (Informationsmöglichkeiten) zu bereits Emigrierten dar (migrant-stock-Variable). Nach Rosemarie Feithen muss das push-pull Modell zusätzlich erweitert werden: Neben Beschäftigungs-, Einkommens-, und Informationsmöglichkeiten seien a) der Wunsch nach beruflicher und sozialer Statusverbesserung, b) Distanzfaktoren und c) die persönlichen Eigenschaften der Wandernden für die Migration relevant. Der Faktor der persönlichen Eigenschaften zeigt auf, dass es nicht nur ökonomische Interessen sein können, die zu einer Migration führen können, ansonsten wäre es nicht zu erklären weshalb Menschen, die sich in der gleichen ökonomischen Situation befinden, nicht alle emigrieren. Im Diskurs wurden die push- und pull-Faktoren noch weiter gefasst. Politische Migrationsfaktoren wurden genauso aufgenommen, wie soziale, z.B. durch Heirat, verursachte. So entstanden viele push-pull Modelle mit eigenen Faktoren, sowie jeweils einer unterschiedlichen Gewichtung der push-, und pull-Faktoren.
Die Arbeit Lees stellt einen Versuch dar, eine explizit individualistische Interpretation des push-pull-Modells zu liefern, um so zu einer Erklärung der in der Empirie auftretenden Abweichungen zum Grundmodell zu gelangen. 17 Es ist beispielsweise nicht zu erklären,
16 Treibel, Annette: Migration in modernen Gesellschaften. Weinheim, München, 1999: Juventa. ISBN: 3-7799-0399-7: S. 39-45.
17 Kalter, Frank: Wohnortwechsel in Deutschland. Opladen, 1997: Leske & Budrich. ISBN: 3-8100-1783-3: S 42.
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warum eine Person von A nach B wandert, eine andere Person entgegengesetzt, wenn die push- und pull-Faktoren ausschließlich auf struktureller Ebene gesucht werden.
Zusammenfassend lässt sich durch die Vielzahl der verschiedenen existierenden push-pull Modelle sagen, dass jeder Wanderungsstrom eine unterschiedliche Zusammensetzung der genannten, sowie eigene, spezifische Faktoren aufweist und dass innerhalb eines Wanderungsprozesses phasenweise die Faktoren variieren. Es entsteht eine Eigendynamik einer jeden Migration. 18
Neuere Ansätze der Migrationssoziologie, die die Betrachtungen weniger auf den Verlauf einer Migration, als auf d ie soziologischen Bedingungen und Auswirkungen einer Migration richtet, stellen eine Suche nach Möglichkeiten dar, zeitgenössische Formen der Migration und der kulturellen Komplexität begrifflich zu fassen. Die Debatte bewegt sich im Rahmen eines Paradoxa der heutigen globalen Situation: Die Zunahme von transnationaler Migration führt nicht notwendigerweise zu einem Rückgang von Nationsbildungsprozessen oder gar zum Verschwinden der Nation und seiner institutionellen Form, des Nationalstaates. Nation kann gleichzeitig nicht mehr eindeutig als an einen bestimmten geographischen Raum gebunden betrachtet werden.
„Raum“ wird nicht weiterhin als gegebene Variable unhinterfragt verwendet. Dieser Begriff wird als Produkt einer bestimmten gesellschaftlichen Praxis verstanden, was einen sog. „space turn“, in Anlehnung an den „literary turn“, bewirkte. Zentraler Begriff in dieser Debatte ist „Transnationalismus“. Diesen als Konzept zur Betrachtung zeitgenössischer Migrationsprozesse zu verwenden ist aus der Forschungsarbeit dreier Sozialwissenschaftlerinnen mit MigrantInnen aus Haiti, Grenada und den Philippinen entstanden. Diese Arbeit von Basch, Glick-Schiller und Szanton Blanc versucht durch die Untersuchung sozialer Beziehungen die Art und Weise zu erfassen, wie Migranten durch ihre Lebensstile und Alltagspraktiken zu einer Rekonfiguration des Raumes beitragen, die ihnen die gleichzeitige Teilnahme an der Konstitution zweier oder mehrerer Nationalstaaten ermöglicht.
Diese Betrachtung hat als Grundannahme, dass durch die Globalisierung eine Verschiebung von einem zweidimensionalen, euklidischen Raum mit bestimmbaren Zentren und scharfen Grenzen, zu einem multidimensionalen globalen Raum, mit verschwimmenden, diskontinuierlichen Grenzen und sich überschneidenden Sub-Räumen, stattfand.
18 Treibel, Annette: Migration in modernen Gesellschaften. Weinheim, München, 1999: Juventa. ISBN: 3-7799-0399-7: S. 45.
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Albrecht, Günther: Soziologie der geografischen Mobilität. Stuttgart, 1972: Ferdinand Enke. ISBN: 3-432-01754-5.
Kalter, Frank: Wohnortwechsel in Deutschland. Ein Beitrag zur Migrationstheorie und zur empirischen Anwendung von rational-choice Modellen. Opladen, 1997: Leske & Budrich. ISBN: 3-8100-1783-3.
Treibel, Annette: Migration in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit und Flucht. Weinheim/München, 1999: Juventa. ISBN: 3-7799-0399-7.
Wagner, Michael: Räumliche Mobilität im Lebensverlauf. Eine empirische Untersuchung sozialer Bedingungen der Migration. Stuttgart, 1989: Ferdinand Enke. ISBN: 3-432-97-801-4.
Basch, Linda - Glick Schiller, Nina - Szanton Blanc, Cristina:
Cohen, Robin (Hrsg.): Theories Of Migration. UK, Cheltenham, 1996: Elgar Reverence. ISBN: 1-85898-001-1.
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Wilpert, C./Morokvasic, M.: Bedingungen & Folgen internationaler Migration. •
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Mathias Fuchs, 2001, Migrationsmodelle, München, GRIN Verlag GmbH
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