die Wahrheit des Dargestellten. Zwar ist eine Autobiographie nicht fiktiv, aber fiktive Elemente sind nicht auszuschließen, um bestimmte Ereignisse 'auszuschmücken' und somit interessanter für den Leser zu machen. Auch kann die rückwirkende Interpretation der beschriebene Zeit (mit den mittlerweile neu gewonnen An- und Einsichten des Autors) eine mimetische Abbildung der Wirklichkeit verzerren. Formal zeigt sich diese Identität, daß der Held häufig den Namen des Autors trägt. Darüber hinaus sind die meisten Autobiographien in der Ichform geschrieben. Das "Ich" gibt dem Leser eine Bestätigung der Identität, ebenso die Fakten der Lebensbeschreibung, die auf konkrete, mit dem Autor verbundene historische/ private Ereignisse, Orte und Daten verweisen.
Inwieweit sich Fiktion und Wirklichkeit bei einer Autobiographie vermischen, bleibt dem Leser verborgen, und nur der Autor selbst kann darüber entscheiden, wie er die eigene Geschichte präsentiert und wieviel "Eigenes" er dafür hergeben mag.
1.1.2 Der autobiographische Pakt Ãukrñs
Den ersten Hinweis dafür, daß es sich bei Das nackte Brot um eine Autobiographie handelt, gibt der Untertitel Ein autobiographischer Roman. Es lassen sich auch innerhalb des Textes, also textintern, verschiedene Charakteristika für eine Autobiographie finden. An verschiedenen Stellen erfahren wir, daß der Held mit Vornamen Mohamed (Mu…ammad) heißt 3 und mit Nachnamen Choukri (Ãukrñ) 4 . Auch Personennamen aus der Verwandtenkreis des Autors, vor allem die der Geschwister und Eltern 5 , werden erwähnt. Ãukrñ bezieht in seine autobiographische Erzählung auch bekannte Cafés, Plätze und Viertel in Tanger und Tetuan ein, ebenso wie reale, historische Ereignisse Marokkos, z.B. die Niederschlagung der Demonstration zum 40. Jahrestag des Französischen Protektorats am 30.März 1952 6 . Dieser geschichtliche
3 Choukri, Mohamed: Das nackte Brot, S. 9.
4 Ibid: S. 182.
5 Ibid: S. 69, 70 und 71.
6 Ibid: S.112-122.
und lokale Zusammenhang ist eine Voraussetzung für den autobiographischen Pakt seitens des Autors 7 , den Ãukrñ erfüllt. Textextern gibt es Belege für eine Autobiographie, wenn man die überprüfbaren Fakten über das Leben des Autors hinsichtlich seiner Herkunft, seiner Familie und seines Werdegangs betrachtet. Eigens gemachte Aussagen Ãukrñs in Interviews über seine Kindheit, Jugend und die Absicht des Werkes sind ein grundlegender Faktor. Häufig finden sich in diesen Aussagen Szenen und Ereignisse, die auch im Text geschildert werden 8 . Die letzten Zweifel können wohl ausgeräumt werden, wenn Ãukrñ über Das nackte Brot sagt:
"Ich habe die erste Person benutzt, weil ich über mich selbst schreibe." 9 In einem Interview mit Edwar al-Kharrat (u.a.) belegt Ãukrñ nochmals den autobiographischen Pakt, indem er von sich selbst und seiner Familie spricht, wenn er die Personen seines Werkes Das nackte Brot meint: "I had actually attempted a semi-documentary endeavor about an oppressed social group that included myself and my family. (...) In my autobiographie, however, I did not overload my characters (including myself) with cultural dimensions." 10
1.2. Der moralische Pakt
Wie es den autobiographischen Pakt gibt, so gibt es nach von Matt auch den moralischen Pakt zwischen Autor und Leser 11 . Der Autor ist zwar weder bei diesem, noch bei dem autobiographischen Pakt zwingend an ihn gebunden. Aber so wie es bei dem autobiographischen Pakt um den Wahrheitsanspruch des Lesers geht, so sollte der Autor beim Verfassen seines Werks im Hinterkopf behalten, daß der Leser durchaus auch einen moralischen Anspruch hegen kann. Der moralische Pakt wäre eine stille Übereinkunft von Autor und Leser, daß das Geschrieben nicht das moralische Verständnis sprengt. Diese Übereinkunft muss nicht lückenlos sein, doch zu viele Unstimmigkeiten könnten den Leser verärgern, da er den Pakt als verletzt ansieht.
7 Sigge, Barbara: Entbehrung und Lebenskampf, S. 12.
8 Ibid: S. 13.
9 Ibid: S. 14.
10 Choukri, Mohamed: Being and Place, S. 220.
Im Gegensatz zum autobiographischen Pakt setzt der moralische eine gemeinsame (Vor-)Kenntnis, ein ähnliches Verständnis von Moral und ein geteiltes Wissen über das Geschilderte voraus. Ein dem Leser unbekannter Mythos beispielsweise kann die beabsichtigte Anspielung nicht liefern. Der Autor ist jedoch von der Bringschuld befreit, da durch eine Erklärung die Ästhetik der Intertextualität leiden würde 12 . Soll z.B. ein Text mit religiösen Anspielungen als Literatur gelesen und verstanden werden, ist abzusehen, daß er die Opposition oder gar Feindseligkeit eines religiösen Lesers weckt. Diesem ist es zwar überlassen, ob er das Lesen des Textes verweigert o der aber ihn als blasphemisch interpretiert, wie es im Fall von Salman Rushdies Satanische Verse war. Obwohl Rushdie immer wieder auf die Fiktion des Textes verwies, griffen ihn vor allem muslimische Leser an, da sie einen Unterschied zwischen Fiktion und Wahrheit ablehnten.
1.2.1 Der moralische Pakt Ãukrñs
Auch bei Mu…ammad Ãukrñs Das nackte Brot sehen einige Leser den moralischen Pakt als verletzt, wenn nicht sogar von Ãukrñ mißbraucht. Die romanhafte Autobiographie zeichnet die Hölle des Hungers, der Armut und Gewalt in Ãukrñs Kindheit und Jugend im Rifgebirge und in den Städten Tanger und Tetuan. Bei der Beschreibung dieser brutalen Welt, in der sich anarchische Dimensionen widerspiegeln, geht Ãukrñ nicht zurückhaltend mit seiner Sprachwahl um: schamlos, abstoßend, verwegen und vor nichts zurückschreckend führt er den Leser in seine lebensbedrohliche Welt ein. Auch wenn ihm der Vorwurf gemacht wird, eine neue arabische Sprach der Gewalt kreieren zu wollen 13 , so ist ihm zumindest gelungen, seine Gefühlswelt und Not sehr deutlich zu machen. Sprachlich und thematisch hat er für viele die Grenzen des moralischen Paktes überschritten. Aber Überschreitung und Verstoß kann in manchen Fällen nur dann Sinn machen, wenn es damit etwas zeigt, daß selbst überschreitet und verstößt. In Ãukrñs Fall sind es der Vater und die gesellschaftliche und politische Ordnung.
11 Wild, Stefan: A Tale of two Redemtions, S. 349.
12 Ibid: S. 350.
1.3 Das Pikareske in Ãukrñs Autobiographie
Der Pikaroroman 14 (picaro, spanisch: gemeiner Kerl von üblem Lebens-wandel) ist eine Sonderform des Abenteuerromans, in dessen Mittelpunkt ein spitzbübischer Schelm steht. Aus der Sicht eines sozial Niedrigstehenden oder Benachteiligten erlebt dieser Schelm eine Reihe von Abenteuern, die häufig sozialkritische Züge tragen und aus der Ichperspektive geschildert und kommentiert werden. Der Held, ein vom Schicksal Umhergetriebener, wird mit den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten konfrontiert. Bei seinem Herumtreiben oder Vagabundieren ist der Hunger ein Leitmotiv, und die Mittel, zu denen er zum Überleben greift, sind Bettelei, Diebstahl und Betrug 15 . Die meisten dieser Aspekte sind auch typisch für den Helden in Das nackte Brot und lassen deshalb Ãukrñs Helden zu einem pikaresken Helden werden. Primäres Motiv für die Lebensform der beiden Helden ist der Hunger. Aber auch die Tatsache, daß Ãukrñs Held von niederer Herkunft ist, seiner Ehre nicht gerecht wird und damit keine Aufstiegschancen in der Gesellschaft sieht, stattdessen vagabundiert, stiehlt, prostituiert, schmuggelt und betrügt, macht ihn zu einem beispielhaften Pikarohelden. Die episodische Erzählstruktur von Das nackte Brot, innerhalb deren sich eine zunehmende Desillusionierung des Helden vollzieht, ist nicht minder typisch für den Pikaroroman. Mit dieser Struktur erreicht Ãukrñ, wenn auch nicht explizit geäußert, eine teilweise derb und ironisch dargestellte Bloßstellung und Kritik an der Gesellschaft und der Regierungsgewalt.
2. Der Autor
2.1 Mu…ammad Ãukrñ - Autor und Held
Am 25. März 1935 wurde Mu…ammad Ãukrñ in Beni Chiker, einem kleinen Ort im Rifgebirge geboren. Anfang der 40er Jahre migrierte er mit
13 Wild, Stefan: a.a.O., S. 359.
14 Trägt seine Wurzeln in der spanischen Literatur. Der Pikaro war zunächst ein realer
Typus in der spanischen Gesellschaft des. 16.Jhd., der zum Vorbild eines fiktiven
Helden wurde.
seinen Eltern, die arme Berberbauern waren, und seinem jüngeren Bruder nach Tanger, um der Hungersnot zu entkommen. Doch die Hoffnung auf Arbeit und einer Besserung der Situation ließ auch in der Stadt auf sich warten. Kurz nach der Ankunft kam es zu einer familiären Tragödie, als der Vater in einem Jähzornanfall den Bruder erwürgte. Nachdem die Mutter Arbeit als Obst- und Gemüseverkäuferin auf dem Markt fand, mußte Ãukrñ ihr von Kindesbeinen an dabei helfen. Der Vater verbrachte seine Zeit entweder im Gefängnis oder in den Cafés, wo er das Geld verspielte und sich betrank oder die Familie tyrannisierte. Mit ca. 15 Jahren beschaffte ihm der Vater einen Job als Laufjunge für ein Café. Dort kam er durch die Gäste erstmals mit kñf (Haschisch) und Alkohol in Berührung. Diese Drogen sollten schon bald zu einem fast täglichen Konsum werden. Bei einem Sommeraufenthalt bei seinen Verwandten in Oran machte er die ersten Erfahrungen als Strichjunge, lernte diese Art des Geldverdienens schätzen und verging sich sexuell an einem Nachbarjungen. Dies hatte zur Folge, daß er von den Verwandten nach Tanger zurückgeschickt wurde. Dort beschloß er, mit seinen Eltern zu brechen und sein familiäres Heim gegen die Straße auszutauschen. Raub, Prostitution, Drogen und Schmuggel wurden elementare Bestandteile seines Alltags, eine Schule hat er bis dahin noch nicht besucht. Eine Wende in diesem Leben als Vagabund auf der Straße kam 1956. Bei einer politischen Demonstration gegen die Spanier wurde er verhaftet. In den wenigen Tagen im Gefängnis erkannte er, wie demütigend es ist, nicht lesen und schreiben zu können, denn er mußte ein Formular mit seinem Daumenabdruck unterzeichnen, da er seinen eigenen Namen nicht schreiben konnte. Nachdem ihm ein Häftling die ersten drei arabischen Buchstaben Alif, Ba, Ta zeigte, beschloß Ãukrñ, lesen und schreiben zu lernen. Kurz nach seiner Freilassung gelang es ihm mit Hilfe eines Empfehlungsschreibens von einem Bekannten und der Alphabetisierungskampagne der neuen Unabhängigkeitsregierung, in Larache eine Schule zu besuchen. Er schaffte den Abschluß, besuchte
15 "Schelmenroman", Microsoft Encarta-Enzyklopädie. 1998.
anschließend ein Leherkolleg und arbeitete 21 Jahre als Arabischleher in Tanger an einem Gymnasium.
Da die Lehrertätigkeit ihn nie besonders begeisterte, arbeitete Ãukrñ nebenbei als Literaturkritiker, Schriftsteller und Redakteur einer Kultursendung bei R adio Tanger. 1966 wurde erstmals eine seiner Kurzgeschichten veröffentlicht:
al-
2.2 Tanger - der Lebensraum des Autors und Helden
Als Wahlheimat Ãukrñs ist die Stadt Tanger nicht nur Zentrum seines Lebens und Schreibens, sondern hat auch eine tragende Rolle in der schriftstellerischen Entwicklung. Denn in der internationalen Künstlerszene dieser Stadt hatte Ãukrñ Begegnungen, die ihn beeinflußten und maßgeblich zu seiner internationalen Berühmtheit beitrugen.
1912 erhielt Tanger als Hafenstadt in unmittelbarer Nähe zu Spanien/ Andalusien den Status einer zoll- und steuerfreien internationalen Zone. Ein Protokoll von 1925 mit der Signatur Großbritanniens, Frankreichs und Spaniens sollte ihre Sicherheit auf Dauer garantieren. Allerdings besetzte Spanien Tanger 1940-1945, im Oktober 1945 konnten Großbritannien und Frankreich den internationalen
Kontrollmechanismus erzwingen. Dies brachte der Stadt wieder ihren internationalen Status, der bis 1956 bestehen blieb, als Marokko die Unabhängigkeit erlangte.
Sowohl dieser internationale Status, als auch die Funktion des Brückenkopfs zwischen Europa und Afrika machte Tanger zu einem Schmelztiegel verschiedener Völker und Kulturen. Schon im 19.
Jahrhundert zog vor allem der 'orientalische Flair' so viele Ausländer an, daß es seinerzeit schon als kosmopolitische Stadt bezeichnet wurde 16 . Anfang des 20. Jahrhunderts entstand eine Neustadt nach europäischem Muster. An den Randbezirken und in der Altstadt lebten die Einheimischen (in erster Linie zugewanderte Landbevölkerung) im größten Elend und an der Armutsgrenze.
Als Hauptanziehungspunkte für die 'westlichen' Besucher und Bewohner können die Faszination des Fremden, das billige Leben, der Rausch und die sexuelle Freiheit (vor allem für die homosexuelle Szene) genannt werden. In den 30er Jahren etablierte sich eine internationale Künstlerszene, und Tanger galt als Inbegriff des Rausches, an das man schnell und billig kam, mit den traditionellen Rauschmitteln kñf (Haschisch, der geraucht wird) und ma<™ýn (eine Art Haschischgebäck oder - konfitüre). In den 50er und 60er Jahren kam noch eine Welle von Beatniks und Hippies, die billiges Haschisch rauchten und ihre sexuelle Freiheit ausleben wollten. Bis heute hat sich wohl etwas von dem Mythos Tanger bewahrt, der damals entstand 17 .
2.2.1 Paul Bowles - Ãukrñs bedeutende Begegnung
In dieser Künstlerszene traf Ãukrñ auf verschiedenste Schriftsteller und Intellektuelle. Eine wichtige Begegnung war wohl die mit dem amerikanischen Schriftsteller Paul Bowles. Dieser siedelte schon Ende der 40er Jahre in Tanger an, schrieb viele Romane und Kurzgeschichten, die in Nordafrika und Südamerika spielten, und übersetzte zahlreiche Werke arabischer Schriftsteller, wobei Ãukrñ der einzige marokkanische war, der lesen und schreiben konnte.
Zusammen mit dem Verleger Peter Owen motivierte er Ãukrñ, seine Lebensgeschichte in Form einer Autobiographie zu schreiben. Zwischen dieser Anregung und der Veröffentlichung lag nur ein Jahr 18 . Und obwohl Ãukrñ lesen und schreiben konnte, verlief die Übersetzung von Das nackte Brot bzw. damals noch For Bread alone, sehr abenteuerlich. Bowles
16 Sigge, Barbara: Entbehrung und Lebenskampf, S. 34.
17 Für mich als späte-80er/ 90er Kind schwer zu bestätigen.
18 In Das nackte Brot, S.152, schreibt Ãukrñ: "Ich schreibe diese Erinnerungen 1972
nieder", die erste Veröffentlichung war bekanntlich 1973.
beherrschte nicht das Schriftarabisch, sondern nur marokkanischen Dialekt, Ãukrñ konnte kaum Englisch. Die Übersetzung der einzelnen Kapitel, die jeweils zum Übersetzungstermin schriftlich vorlagen, geschah vor allem auf Spanisch, marokkanischen Dialekt und Französisch. Ãukrñ bestand auf eine bis zum Komma unveränderte Übertragung aus dem Arabischen ins Englische 19 . Bowles Kommentar zu dieser schwer realisierbaren Bedingung:
"Ich habe zu ihm gesagt, Englisch ist nicht Arabisch. Schließlich habe ich ihn in die andere Zimmerecke geschickt." 20
Der Erfolg von For Bread alone ließ nicht lange auf sich warten, nicht zuletzt wegen dem großen Interesse an dem orientalisch Exotischen und der Geschichte eines kleinen Mannes, der sich selbst aus der Gosse zog.
3. Das Werk - Das nackte Brot (al-¾ubs al-…æfñ)
In 14 Kapiteln zeichnet Mu…ammad Ãukrñ schonungslos den Hunger, die Armut und Gewalt in seiner Jugend im marokkanischen Rifgebirge, in Tanger und Tetuan nach. Er führt den Leser in den Kampf des Überlebens ein, Gewalttätigkeit ist dabei ein Grundton der Autobiographie. In seiner Rekonstruktion dieser brutalen Welt zeigen sich Hungersnot, Krieg und Armut als Koordinaten. Wenn die erste Koordinate Hunger ist, ist die zweite zwangsläufig Angst, die dritte Abneigung und Haß, und die vierte Koordinate Gewalttätigkeit. 21 Um sein psychisches und physisches Überleben zu sichern, eignet er sich eine Kette von Strategien an. Doch zunächst müßte im Einzelnen geklärt werden, welche Faktoren einen (Lebens-)Kampf zwingend machen. Barbara Sigge hat in ihrer gleichnamigen Analyse 22 das Leben unterteilt in Entbehrungen, denen der Held materiell wie geistig ausgesetzt ist, und Lebenskampf, also die Strategien, mit denen der Held diese Entbehrungen zu kompensieren versucht. Vereinfacht und plakativ
19 Sigge, Barbara: Entbehrung und Lebenskampf, S. 48/ 49.
20 Ibid.: S. 49.
21 Wild, Stefan: A Tale of two Redemeptions, S. 360.
22 Sigge, Barbara: Entbehrung und Lebenskampf. Berlin, 1997.
könnte man die Autobiographie entlang der Frage "Was ist die Ursache der Krankheit und was bringt Heilung?" analysieren.
3.1 Entbehrung und Verzicht
Ein zentrales Motiv und Teilbestand des Alltags in Das nackte Brot ist die b.g. Entbehrung des Helden.
Auf materieller Ebene findet diese sich bereits im Lebensraum, der sozial, politisch und wirtschaftlich geprägt ist und den Helden in eine bestimmte Gesellschaftsgruppe drängt. Die Gesellschaft in Marokko war Anfang der 40er Jahre sehr krass gespalten: auf der einen Seite die arme Landbevölkerung, für die die Hungersnot im Rifgebirge eine lebensbedrohliche Phase war. Auf der anderen Seite die städtische (meist ausländische) Elite. Diese D ichotomie trifft auch auf den Hauptlebensraum des Helden Tanger und Tetuan zu. Um der einen Entbehrung, Hunger und Armut, zu entfliehen, migriert der Held mit seiner Familie nach Tanger. Dies hat seine Entwurzelung zur Folge. Er verliert seine Heimat und den Zusammenhalt der Großfamilie, ein unentbehrlicher Faktor für das Heranwachsen eines Kindes. Diese Migration hat nicht das gewünschte Ende des Hungers gebracht, sondern eine weitere Not. In Tanger kann sich der Held nicht mehr zu den Verwandten flüchten, wenn der Vater mit Jähzorn und Gewalt die Familie tyrannisiert. Familiär verschiebt die Entwurzelung die Struktur, da die Mutter diejenige ist, die das Geld auftreibt und die Familie zusammenhält. Der Vater erlebt einen sozialen Abstieg, schlägt die Zeit auf der Straße und in den Cafés tot, und verspielt oder versäuft das wenige Geld, das die Mutter mit harter Arbeit verdient hat. Individuell hat die Entwurzelung Konsequenzen für die Orientierung des Helden in der neuen fremden, städtischen Umgebung. Als zugewanderter Bauerssohn kann er sich nicht integrieren und kann sich auch nicht auf einen Rückhalt aus der Familie oder einer Gruppe stützen:
"Ich fürchte, daß sie sich über mich hermachen. Es ist kein guter Freund unter ihnen, bei dem ich Hilfe finde, wenn ich mit mehr als einem in eine Keilerei gerate. Denn sie halten zusammen gegen die Neuankömmlinge in der Stadt! 23 Der zunächst geographischen Entwurzelung folgt eine gesellschaftliche, psychische und moralische Entwurzelung in Form einer Desorientierung, dem Verlust von Zugehörigkeit und Identität. Mit dem späteren Bruch mit dem Vater verliert er endgültig seine traditionellen Bindungen. Herkunft und Armut sind die Folgen für die Diskriminierung, der er sich stellen muß. Die soziale Ungleichheit und Diskriminierung werden anhand von konkreten Erfahrungen ebenfalls als entbehrend empfunden. Der Held erkennt schon sehr bald die Trennlinie zwischen Stadt- und Landbevölkerung, und die Abgrenzung zwischen arm und reich, Christ und Muslim. Dem machthabenden ausländischen Arbeitgeber steht abhängig der machtlose einheimische Arbeitnehmer/ Bediensteter gegenüber. Auch der Held arbeitet für eine Weile als Bediensteter für ein spanisch-italienisches Paar. Der Höhepunkt des ungerecht empfundenen sozialen Unterschieds ist für ihn erreicht, als der Hausherr von ihm erwartet, seine Unterhosen zu waschen 24 . Die Gewalt ist seit frühester Kindheit ein dominantes Element im Leben des Helden, somit auch eine Form der Entbehrung. Zum einen erfährt er ständige Gewalt vom Vater, sowohl verbal als auch körperlich. Das Elternhaus dient im besten Falle als Zufluchtsort für ein Kind. Durch die Enge und die Tyrannei des Vaters wird es aber zu einem unerträglichen Ort für den Helden. Die Gewalttätigkeit des Vaters ist omnipräsent und manchmal sogar im neuen Zufluchtsort, der Straße, zu fürchten:
"Oft überraschte mich mein Vater auf der Straße, packte mich von hinten am Kragen meines Hemds oder dreht mir den Arm auf den Rücken, um mit seiner freien Hand die Schläge prasseln zu lassen, bis das Blut fließt. Dann weiß ich, daß zu Hause der dicke Soldatengurt wartet." 25
23 Das nackte Brot, S. 12.
24 Das nackte Brot, S. 57.
25 Das nackte Brot, S. 72.
Diese Gewalttätigkeit entfacht nicht nur den Haß des Helden gegen ihn, sie ist auch lebensbedrohlich für ihn und die Mutter, der jüngere Bruder hat sie nicht überlebt 26 . Die Liebe von und zur Mutter stellt nur einen marginalen Ausgleich, da sie dieser Gewalt ebenso hoffnungslos ausgeliefert ist.
Die erfahrene Gewalt endet aber nicht im Elternhaus, sondern ist auch ein Bestandteil des Lebens auf der Straße. Immer wieder gilt es, das eigene Leben und das wenige Hab und Gut (und sein es nur die Schuhe) vor Dieben zu verteidigen. Raub und Vergewaltigung, vor allem an Jungen und Mädchen, ist keine Seltenheit 27 . Aber auch staatliche Institutionen und die Regierungsgewalt dienen als Repräsentanten der Gewalt. Durch sie erfährt der Held, wie beim Vater, körperliche Gewalt und Willkürherrschaft. Die Kolonialherrschaft in Marokko bedeutet auf kollektiver Ebene eine ähnliche Bedrohung wie der Vater auf der individuellen Ebene. Auf diese erfahrene Gewalt reagiert der Held selbst mit der Gewalt. Viele beschriebene Ereignisse lassen ihn, vor allem als Heranwachsenden, als ausgesprochen gewaltbereit erkennen, verbal und körperlich. Er eignet sich z.B. eine Technik an, Rasierklingen in Mund und Hände zu verstecken, um seinen Gegner in einem Kampf damit zu überraschen 28 . Aber weder diese Technik noch seine allgemeine Gewaltbereitschaft nutzt er gegen die zwei Hauptrepräsentanten der Gewalt: Vater und Staat.
Geistige Entbehrung erfährt der Held dadurch, daß er ein Analphabet ist. Diese Unwissenheit und geistige Unterlegenheit ist für ihn ebenfalls ein Gefühl der Machtlosigkeit und des Ausgeliefert seins. Er beobachtet u.a. in Cafés wie denen, die Nachrichten aus den Zeitungen vorlesen, ein ehrfurchtsvolles Schweigen entgegengebracht wird. Gleichzeitig erkennt er aber auch die Arroganz, mit der die 'Wissenden' den 'Unwissenden' entgegentreten 29 . Dies und die Erfahrung im Gefängnis, wo er mit seinem
26 Kurz nach der Ankunft in Tanger erwürgt der Vater den Bruder in einem
Jähzornanfall: Das nackte Brot, S. 8.
27 Das nackte Brot, S. 93.
28 Das nackte Brot, S. 70
29 Das nackte Brot, S. 197.
Daumenabdruck unterschreiben muß, sind die geistige Form der Demütigung und Minderwertigkeit, die der Held erlebt.
3.2 Strategien zur Kompensierung der Entbehrung - der Lebenskampf
Es hat sich gezeigt, daß der Lebensraum des Helden in vielerlei Hinsicht entbehrend und lebensfeindlich ist. Diese Tatsache zwingt ihn, Verhaltensweisen anzunehmen, um diesen Kampf materiell und geistig zu überleben. Er eignet sich gewissermaßen (Über-)Lebensstrategien an, die in ihrer Funktion sehr unterschiedlich sein können. Die Geduld ist eine Strategie, die ihm empfohlen wird, um die Misere zu ertragen. Die Mutter ermahnt ihn, sich seinen Bruder als Vorbild zu nehmen, der ihrer Meinung nach geduldig ist 30 . Diese Geduldsstrategie ist ihm allerdings fremd und auch nicht seinem Naturell entsprechend, deshalb kommt er mit ihr von Anfang an nicht zurecht. Darüber hinaus ist sie völlig ungeeignet in einem Lebensraum, der von Hunger und Armut dominiert wird. Warten und verweilen auf das, was da kommen möge, bringt mit Sicherheit den Tod, entweder durch Verhungern oder durch die Hand des Vaters. Die sog. Geduld des Bruders hat sich auch nicht als erfolgreich erwiesen, wobei stark zu bezweifeln ist, ob das Verhalten seines Bruders Geduld genannt werden kann, wie es B. Sigge tut 31 . Ein kleiner Junge, vom Hunger völlig geschwächt und krank, mit einem jähzornigen Vater, der beim leisesten Wimmern die Nerven verliert und zuschlägt, ist m.E. höchstgradig verunsichert und verängstigt, nicht aber strategisch klug.
Eine weitere Strategie, die dem Helden von der Mutter offeriert wird, ihm aber ebenso wirkungslos erscheint, ist die Religion. Da sie trotz Bemühungen nicht aktiv etwas an seiner Situation ändert, kommt sie für ihn nicht in Frage. Denn alle religiösen Möglichkeiten, die die Mutter nutzt (Gebete, Amulette, Besuche der Heiligengräber) bleiben wirkungslos. Der Held sieht, daß Gott nicht eingreift, weder in das Schicksal eines Einzelnen noch in die soziale Ordnung. Im Gegenteil,
30 Das nackte Brot, S. 9.
31 Sigge, Barbara: Entbehrung und Lebenskampf, S. 77.
selbst in der Religion ist Diskriminierung und Ungerechtigkeit zu finden: niemand schmückt die Gräber der Armen oder liest über ihnen aus dem Koran. Vielleicht schafft es die Mutter deshalb nicht, ihn religiös zu sensibilisieren:
"Ich fand im Friedhof das Kraut, das mir meine Mutter [für das Mittagessen] beschrieben hatte. (...) Beim Mittagessen sagte sie zu mir: 'Dieses Kraut ist wunderbar, wo hast du es gesammelt?' 'Auf dem Friedhof Bouarrakia.' (...) Sie brachte den Mund nicht mehr zu. (...) Ihr Gesicht war versteinert. (...) 'Was im Friedhof wächst, darf man nicht essen.' (...) Ich aß mit Appetit weiter." 32 Eine sehr wirkungsvolle und wichtige Strategie sind hingegen die Phantasien. Sie helfen dem Helden, die Entbehrungen zu kompensieren und sein inneres Gleichgewicht zu behalten. Sie reichen von Träumen materiellen Überflusses 33 , verbalen Auseinandersetzungen (vor allem mit dem Vater), Gewalt- u nd Sexphantasien. Imaginationen und Träume werden teils bewußt, teils unbewußt vom Helden gesteuert. Sie setzen in solchen Momenten ein, wo der Held weiß, daß er jetzt keine Erfüllung seiner Bedürfnisse haben kann oder diese Wünsche und Sehnsüchte unerfüllt bleiben. Sie legitimieren und erfüllen, was in der Realität nicht verwirklicht wird. In einem Traum fällt er wollüstig über eine Frau her, vor der er in der Wirklichkeit schüchtern mit gesenktem Haupt steht 34 . In seinen quasi-Dialogen mit dem Vater fallen die wüstesten Schimpftriaden, die nicht selten mit dem brutalen Mord des Vaters enden. In der Realität bringt der Held keinen Ton vor seinem Vater raus 35 . Der Held spricht nur in der Phantasie aus, was er fühlt, tun und haben möchte oder sich vorstellt. Erst der Autor der Erzählung veröffentlicht diese Rechtfertigungsphantasien und macht sie publik. Diese Phantasien und quasi-Dialoge haben einen großen Rehabilitationswert, da sie für die Gefühle des Helden ( Angst, Haß, Aggression) einen Katalysator darstellen. Aber auch für die des Autors. Sollten Held und Autor ein und dieselbe Person sein, erreicht diese zum einen, sich selbst zu rehabilitieren und zum anderen unbequemen
32 Das nackte Brot, S. 14.
33 Das nackte Brot, S. 64.
34 Das nackte Brot, S.55.
Situationen aus dem Weg zu gehen. Statt sich vor den Vater zu stellen und ihm seine Abneigung und seinen Haß zu präsentieren, wählt der Autor die romanhafte Erzählform. So ist zum einen "der Kummer von der Seele gesprochen", zum anderen kann sich der Autor hinter Kunst und Fiktion flüchten, sollte der Vater eine Rechenschaft verlangen. Die Phantasie dient dem Helden nicht nur zur 'Verbesserung' seiner Welt, sondern auch um sie zu vergessen, so wie der Rausch. Kñf, ma<™ýn und Alkohol werden schon sehr früh zur täglichen Gewohnheit. Sie ermöglichen ihm nicht nur, die reale Welt für einen Moment zu vergessen, sondern seine Phantasien intensiv, fast ekstatisch, zu erleben, wie es der Leser sonst nur aus seinen sexuellen Phantasien kennt. Dadurch verbinden sich häufig Sexualität und Rausch. Phantasien im weitesten Sinne ermöglichen dem Helden, Elend, Not und Bedrängnis durch einen ungestörten Raum auszutauschen, in dem er nicht nur unbeschwerter lebt, sondern auch anerkannt und respektiert ist 36 .
Eine weitere existenzielle Strategie des (Über-)Lebenskampfes ist die Flucht und das Vagabundieren, was sich, gleich der Gewalt und Phantasien, wie ein roter Faden durch die gesamte Erzählung zieht. Die erste Flucht, die der Leser mitbekommt, ist die kollektive. Gemeinsam mit den Eltern flüchtet der kindliche Held vor der Hungersnot aus dem Rifgebirge in die Hafenstadt Tanger 37 . Auf individueller Ebene flieht bzw. vagabundiert der Held, um dem Vater zu entkommen. Hier ist das Motiv wieder ein lebensbedrohliches. Sowohl gezwungen, als auch aus freien Stücken erschließt sich der Held allmählich einen neuen Lebensraum, der für ihn zur Heimat wird: weg vom elterlichen Haus, hin auf die Straße mit ihren Cafés und Bordellen. Die Defizite und Bedrohungen, die dieser neue Lebensraum mit sich bringt, sind weitaus erträglicher als die Gegenwart des Vaters. Durch das Vagabundieren kann der Held eine Art Selbstverwirklichung erleben und
35 Das nackte Brot, u.a. S.85, 91.
36 Das nackte Brot, S. 80-84.
37 Das nackte Brot, S.5/6.
sich psychisch entwickeln, wie es unter der Obhut der Eltern nicht möglich gewesen wäre.
An diese Entwicklung schließt sich die Kampfstrategie, Gegenmoral und Provokation bewußt auszuüben. Der Held weigert sich, sich an das Werte- und Normensystem der Gesellschaft anzuschließen, und beginnt, herrschende Sitten und Normen umzukehren. Sei es in Form des Diebstahls, der als harmloser Mundraub begann 38 . Schon bald erkennt er den Diebstahl als legitimes Mittel, um sich in der Gesellschaft das zu holen, was ihm zum Überleben zusteht:
"Ich werde alle bestehlen, die mich ausbeuten, sogar wenn es mein Vater oder meine Mutter ist. So habe ich gelernt, den Diebstahl als rechtmäßig zu betrachten, in der Sippschaft der Unberührbaren." 39 Die Form des Betruges, der List und der Gewalt gehören auch zu dieser Gattung, nicht nur das Überleben zu sichern, sondern gleichzeitig bewußt gegen die Moralvorstellung der Gesellschaft anzugehen. Eine empfindliche Stelle der Gesellschaftsmoral ist wohl die Prostitution. Sich bei weiblichen Prostituierten die sexuelle Befriedigung zu holen, erscheint ihm nicht etwas Frevelhaftes zu sein. Zumindest erfährt der Leser an keiner Stelle, daß der Held mit großem Unbehagen eine Prostituierte aufsucht. Daß er sich selbst auch als Strichjunge prostituiert, erscheint ihm anfänglich ebenso unbedenklich, obwohl es eigentlich wie ein Widerspruch zu seinem Bemühen klingt, seine Männlichkeit und Ehre in der Welthierarchie bewahren zu wollen. Es ist schnell und leicht verdientes Geld, somit eine legitime Arbeit:
"Ungefähr fünf Minuten dauert es, und während dieser fünf Minuten saugen sie einzig und allein an dem Ding. Dafür geben sie einem 50 Peseten. (...) Ein neuer Beruf kam zu den anderen beiden hinzu, zum Betteln und zum Stehlen. (...) Mein Ding kann mir also auch das materielle Überleben gewährleisten." 40 Doch das Schmuggeln, mit dem er erstmals zufällig als 'ein Gefallen für einen Freund' konfrontiert wird 41 , erscheint ihm später dann doch als die
38 Vom Hunger getrieben, stiehlt der Held Birnen vom Baum des Nachbarn: Das nackte
Brot, S. 16.
39 Das nackte Brot, S. 26.
40 Das nackte Brot, S. 103.
41 Das nackte Brot, S. 140 ff.
beste Arbeit 42 . Damit hört Ãukrñ auch erst auf, nachdem er mit der Lehrtätigkeit als Arabischlehrer sein Geld verdient. Der Held, von der Gesellschaft zum Außenseiter deklariert, macht also die Not zur Tugend 43 . Die gewählten Strategien entstehen nicht nur aus einer Lebensnot heraus, sondern dienen als Verteidigung und Selbstbehauptung (besonders die Gewalt), und sind auch eine Form der Revolte, Provokation und des Widerstandes gegen die Gesellschaft und Staatsautorität.
3.3 Bildung - Die Erlösung und Befreiung
Die große Wende in der von Entbehrung und Kampf geprägten Welt des Helden kommt mit dem Entschluß, lesen und schreiben zu lernen, sich somit zu bilden. Dieser Wende geht ein Schlüsselerlebnis voraus, als der Held sich an eine politischen Diskussion beteiligen will, aber als unwissender Analphabet beleidigt wird, der den Mund halten soll 44 . Der Leser lernt von Anfang an den Helden als wissbegieriger und neugieriger als die anderen in seinem Umfeld kennen, er hinterfragt mehr. Demnach bekommt er die Demütigung als Unwissender und Ungebildeter stärker zu spüren als die anderen. Diese Bildungsentscheidung erweitert seinen Lebensraum um eine Dimension, denn er sieht seine Welt erstmals in einem anderen Licht. Ihm ist bewußt, daß Bildung der Machtlosigkeit entgegenwirken kann, deswegen wird es zum Ende von Das nackte Brot zu einer Herausforderung, gar Obession. In der zweiten autobiographischen Erzählung Ãukrñs Die falsche Zeit (zamæn al->a¾ƒæ>), die zeitlich dort einsetzt, wo Das nackte Brot aufhört (1956), wird deutlich, daß dem Helden diese Herausforderung so wichtig ist, daß er erneut Hunger und Armut, aber auch Demütigung (als 20-jähriger unter jungen Schülern) in Kauf nimmt, um sein Ziel zu erreichen 45 .
42 Sigge, Barbara: Entbehrung und Lebenskampf, S. 93/ Das nackte Brot, S. 145.
43 Sigge, Barbara: a.a.O., S. 95.
44 Das nackte Brot, S. 200
45 Sigge, Barbara: Entbehrung und Lebenskampf, S. 110.
4. Schlußfolgerungen
4.1 Die populare Autobiographik
Der autobiographische Roman Das nackte Brot hat einem Unterprivilegierten Helden und Autor. Klaus Bergmann stellt die These auf, daß 'Lebensgeschichten von unten' erstmals in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts und dann nochmals Ende der 60er/ Anfang der 70er Jahre im Westen den literarischen Markt eroberten 46 . Zu dieser Zeit wuchs das Interesse an Lebensgeschichten von Unterprivilegierten, da man besonders die unverdorbene Naivität des Autors und die Ursprünglichkeit, Derbheit und Schwerfälligkeit der Erzählung genoss. Außerdem übten diese Autobiographien 47 , deren Verfasser einer bildungsfernen Schicht entstammte, eine gewisse Suggestion. Dies mag auch erklären, weshalb Ãukrñ schnell einen großen Erfolg im Westen genoss. Die Ausgangssituationen und Antriebe, die eigene Geschichte publik zu machen, mögen ebenso vielseitig sein wie die Autoren selbst. Wichtig ist allerdings, daß die 'kleinen Leute' zu einer bestimmten Zeit an den Punkt kamen, ihre Position und ihr Leben zu verstehen, eine Voraussetzung dafür, es überhaupt kritisch betrachten zu können. Die nächste Voraussetzung (und auch eine Gemeinsamkeit der Autobiographien aus der Unterschicht 48 ) ist, daß sie sich das Medium Schreiben erst aneignen mußten, um es einer literarischen Öffentlichkeit zu präsentieren. Diese Voraussetzung schien auch Ãukrñ unumgänglich. Wie bereits erwähnt, ist es nicht mit einer Kategorie getan, die Beweggründe herauszufinden. Sicherlich haben viele Autoren gemeinsamen, daß sie das autobiographische Schreiben zur Selbstwahrnehmung, als Selbststilisierung oder Stigmabewältigung nutzten, um sich Gehör und Eintritt in die höheren Schichten zu verschaffen. Leider
46 Bergmann, Klaus: Lebensgeschichte als Appell., S. 9.
47 Ich lasse bewußt eine Analyse über die typische arabische Autobiographie aus. Schon
der Begriff Autobiographie als solches ist in der arabischen Sprache nicht bekannt,
sondern der Begriff sñra (Lebenslauf). Wenn man die Tradition der arabischen und
westlichen Autobiographie vergleicht, hat die westliche häufig einen interpretatorischen
und bewertenden Ansatz, wie auch Ãukrñs Autobiographie.
48 Bergmann, Klaus: Lebensgeschichte als Appell, S. 15.
wird die Möglichkeit, sich schreibend mit sich und seiner Umwelt kritisch auseinander zu setzen, von sehr wenigen aus der Unterschicht wahrgenommen. Dazu fehlt den meisten die Voraussetzung, Alphabet zu sein.
Bergmann stellt es als Merkmal heraus, daß in vielen Autobiographien von Unterprivilegierten, auffallend viele Brüche und Sprünge zu finden sind 49 , die mit der psychischen Disposition des Autors zusammenhängen: ein Herausgerissen werden aus vertrauten Umgebungen, Prozesse sozialen Auf- und Abstiegs, Begegnungen mit fremden Menschen und Kulturen, Aufenthalte im Gefängnis. Eben diese Faktoren sind alle in Das nackte Brot wiederzufinden: die Entwurzelung durch die Migration der Familie nach Tanger, der soziale Abstieg des Vaters und Ãukrñs Aufstieg, der multikulturelle Lebensraum Tanger mit der wichtigen Begegnung Paul Bowles und Ãukrñs Aufenthalt im Gefängnis.
4.2 Autobiographie als Stadtbiographie (Metapher und Reflexionen)
Gesellschaftliche Zustände, Lebensverhältnisse und Ereignisse einer Stadt werden in der Großstadtliteratur vom Autor in einer subjektiven Anschauung poetisch bzw. literarisch erfasst. Dabei hat die Großstadt im wesentlichen zwei verschiedene Bedeutungen in der Literatur. Zum einen dient sie als Szene der Handlung, Ort der Erinnerung oder als zeitweiliger Schauplatz des Geschehens. In diesem Fall spielt sie eine untergeordnete, sekundäre Rolle. Zum anderen wird die Stadt zu einer Metapher oder zu einem Symbol der Zeit, d.h. veränderte Bewußtseinsstrukturen werden durch die moderne Stadterfahrung wahr- und aufgenommen. Das Phänomen Großstadt mit seinen sich ständig ändernden Strukturen hat eine Wirkung auf das menschliche Bewußtsein und reflektiert die gesellschaftlichen Zustände.
In dem Punkt, ob der Autor aus der Unterschicht repräsentativ ist für die Bevölkerungsschicht, aus der er kommt, widersprechen sich Bergmanns und Sigges Ansichten leicht. Da die Störungserfahrungen Leidensdruck schaffen und die kognitive Dissonanz des Autors ermöglicht, Vertrautes
49 Bergmann, Klaus: Lebensgeschichte als Appell, S. 192.
mit Distanz zu betrachten, ist er (der Autor) lt. Bergmann nur in einem sehr vermittelten Sinne Repräsentant oder Metapher seiner Gesellschaftsschicht 50 . Für Sigge ist Ãukrñs Autobiographie eindeutig die Biographie der marokkanischen Gesellschaft. Die Erfahrungen des Helden sind nicht nur seine, sondern die der armen Bevölkerung, somit steht der Held als Metapher für das Volk 51 . Bergmanns These ist m.E. auch für Ãukrñs Autobiographie zulässig, somit ist eine Synthese beider legitim. Da der Leser in Das nackte Brot sehr viel über das Stadtbild, das allgemeine Leben und die ungeschriebenen Gesetze zwischen den einzelnen Gesellschaftsschichten und dem Verhältnis zum Staat erfährt, trifft das Phänomen der Autobiographie als Stadtbiographie auch auf dieses Werk zu.
In der Art, wie Ãukrñ die dichotomische Gesellschaft Tangers und Marokkos beschreibt, ist wohl eine Sozialkritik nicht auszuräumen. Ebensowenig die Möglichkeit, daß Ãukrñ mit dem Medium Schreiben sich selbst stilisiert, sein Stigma zu bewältigen versucht, das Bild der marokkanischen Gesellschaft entmystifiziert und letztlich die Autobiographie als Katharsis und Ontologie nutzte.
50 Bergmann, Klaus: Lebensgeschichte als Appell, S. 192.
51 Sigge, Barbara: Entbehrung und Lebenskampf, S. 58.
Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Choukri, Mohamed: Das nackte Brot. München 2000 (5. Auflage).
Sekundärliteratur:
Bergmann, Klaus: Lebensgeschichte als Appell. Autobiographische
Schriften der 'kleinen Leute' und Außenseiter. Opladen 1991.
Choukri, Mohamed: Being and Place. In: Ghazoul, F. & Harlow, B.: The
view from within. Writers and Critics on Contemporary Arabic Literature.
Kairo 1994, S. 220-227.
Mikhail, Mona N.: Muhammad Shukri, Al-Khubz al-hæfñ: An
Autobiography 1935-1956. In: IJMES 22/4 (Nov. 1990), S. 504-506.
Neumann, Bernd: Identität und Rollenzwang. FFM 1970.
Shuiskii, S.A.: Some Observations on Modern Arabic Autobiography. In:
JAL 13 (1982). S. 111-123.
Sigge, Barbara: Entbehrung und Lebenskampf. Berlin 1997.
Wild, Stefan: A Tale of two Redemtions. A comparative analysis of Taha
Husayn's The Days and Muhammad Shukri's For Bread alone. In:
Neuwirth, Angelika (Hrg.): Myths, Historical Archetypes and Symbolic
Figures in Arabic Literature. Beirut 1999, S. 349-361.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S.1
1.1 Die Autobiographie - S.1
ein "trigonometrischer" Pakt
1.1.2 Der autobiographische Pakt Ãukrñs S.2
1.2. Der moralische Pakt S.3
1.2.1 Der moralische Pakt Ãukrñs S.4
2. Der Autor S.5
2.1 Mu ammad Ãukrñ - Autor und Held S.5
2.2 Tanger - der Lebensraum des Autors und Helden S.6
2.2.1 Paul Bowles - Ãukrñs bedeutende S.8
Begegnung
3. Das Werk - Das nackte Brot (al- ubs al- æfñ) S.8
3.1 Entbehrung und Verzicht S.9
3.2 Strategien zur Kompensierung S.12
der Entbehrung - der Lebenskampf
3.3 Bildung - Die Erlösung und Befreiung S.16
4. Schlußfolgerungen S.16
4.1 Die populare Autobiographik S.16
4.2 Autobiographie als Stadtbiographie S.18
(Metapher und Reflexionen)
Literaturverzeichnis S 20
Arbeit zitieren:
Martina Möller, 2000, Mohamed Choukri: Das nackte Brot. Eine Autobiographie als Katharsis, München, GRIN Verlag GmbH
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Zur Ideengeschichte der Stadt ...
Vittorio Magnago Lampugnani, Katia Frey, Eliana Perotti
saratu
hallo.
hallo,danke für die interessante arbeit..haben sie noch mehr über die arabische literatur geschrieben??
am Tuesday, November 27, 2001-