Ursachen bekämpft. So erhält die Parole “Unwissenheit ist Stärke” 3 eine neue Dimension.
“Der Gouverneur, von mir befragt, was nötig wäre
Den Frierenden in unserer Stadt zu helfen Antwortete: Eine Decke, zehntausend Fuß lang Die ganze Vorstädte einfach zudeckt.” 4
Das Gedicht “Die große Decke” zeigt, dass nicht nur die Medien uns “zudecken” sondern auch die Politik sich der Schönmalerei und der “Politisierung der Ästhetik” bedient. Medien sind zunehmend ein Instrument gesellschaftlicher Manipulation geworden und vermitteln uns ein utopisches Bild einer Idealwelt und eines Idealmenschen, dem kaum jemand entspricht. In der Fernsehwerbung und von Werbeplakaten lächeln uns die Idealmenschen einer surrealen fiktionalen heilen Welt entgegen, die nichts mit der Realität und dem deutschen Durchschnittsmenschen gemein haben. Der Idealmensch ist intelligent, erfolgreich, glücklich und vor allen Dingen jung, hübsch, schlank- Konfektionsgröße 36. “Umfragen zufolge sind 70% (!) aller Fauen” 5 mit ihrem Gewicht unzufrieden. Diese immer größer werdende Kluft zwischen Realität und imaginärer Idealwelt- zwischen biologischer und utopischer gesellschaftlicher Identität ist mitverantwortlich für die Entstehung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen. Psychosomatisch erkrankte Menschen werden noch immer leichtfertig als Simulanten verkannt, da auch die Problematik des okkulten Charakters hinzukommt. Diagnostizierbare körperliche Leiden werden anerkannt und behandelt und daher bedient sich auch die erkrankte Psyche oftmals körperlicher Symptome, um “behandelt” zu werden.
3 George Orwell, “1984”
4 Brechtsche Bearbeitung des Originals von Po Chü-yi; entstanden im Rahmen der Überarbeitung und Übersetzungen der insgesamt 12 chinesischen Gedichte aus dem Englischen ins Deutsche. 5 Dr. med. Wolf-Jürgen Maurer, “Die heimliche Krankheit der Frau”
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2.1. Anorexia nervosa
“Jeder siebte Jugendliche ist ein Magersuchtrisikofall” 6 , da sie dem genormten Idealbild des Menschen nacheifern, in dem Glauben, nur dann geliebt, akzeptiert und respektiert zu werden. Diese Überangepasstheit und Abwertung des eigenen Körpers und darüber hinaus der gesamten eigenen Person wird häufig schon in den frühsten Jahren der Kindheit durch die strenge und leistungsorientierte Erziehung geprägt. Magersüchtige verweigern asketisch die Nahrungsaufnahme aus panischer Angst an Gewicht zuzunehmen. “Der Gewichtsverlußt bedeutet für die Frauen Glück” 7 . Sie sind der Ansicht, “daß man von 500 cal. täglich leben könnte” 8 Die Betroffenen entwickeln eine unglaubliche Kreativität um die Nahrungsaufnahme zu umgehen. Die gemeinsamen Mahlzeiten mit der Familie oder sonstige Mahlzeiten mit Freunden, Kollegen oder anderen Menschen werden vermieden. Sie kochen gerne und viel für andere um eine harmonische Einstellung zum Essen zu simulieren, essen aber selbst nichts davon, täuschen vor zu essen, oder verstecken die Lebensmittel. Auf diese Weise minimieren sie ihren Feind den Körper, und meinen durch die Ausmergelung ihres Körpers ihren Geist befreien zu können und schaffen sich eine, durch Verdrängung idealisierte Welt, deren eigentliches verborgenes Ziel es ist, ihr unterdrücktes Selbst zu entfalten. Neben der körperlichen und nahrungsbezogenen Askese haben Magersüchtige oftmals einen übertriebenen Reinlichkeits-und Sparsamkeitstrieb und Abneigungen gegen lustbetonte Handlungen. “Trotz ihrer Ausmergelung sind sie sehr ehrgeizig und erstaunlich leistungsfähig” 9 . An der Stelle des für Bulimie typischen Kontrollverlußt und Chaos steht bei Anorektikern harte Selbstdisziplin und Ordnung. Die Erkrankten fühlen sich aufgrund ihrer Selbstdisziplin und ihrer und ihres ausgeprägten Perfektionismus ihren Mitmenschen gegenüber oft überlegen und isolieren sich von ihrem sozialen Umfeld.
Körperliche Folgen sind Absinken des Stoffwechsels, Ausbleiben der Menstruation, Veränderungen der inneren Organe, Absinken der Vitalfunktionen wie Puls und Körpertemperatur. 10% aller Magersüchtigen sterben an ihrer Anorexie. 60% aller Magersüchtigen werden bulimisch.
6 Barmer, “Esstörungen bie Kindern & Jugendlichen”
7 Dr. med. Wolf-Jürgen Maurer, “Die heimliche Krankheit der Frau”
8 Dr. med. Georg-Ernst Jacoby, Facharzt für psychotherapeutische Medizin und Psychatrie, Chefarzt des Fachzentrums für gestörtes Essverhalten. 9 Barmer, “Esstörungen bie Kindern & Jugendlichen”
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2.2. Bulimia nervosa
“3,5% der weiblichen Bevölkerung erkranken an einer Bulimie” 10 . Ess-Brechsucht ist eine sehr stark mit Scham und Ekel verbundene Esstörung. Bulimische Mädchen führen daher meist ein Doppelleben und können ihr auffälliges Essverhalten oft geschickt vor ihrer Umwelt verbergen. Nach außen hin sind sie erfolgreiche, beliebte und anscheinend fröhliche Menschen doch in der Sicherheit ihres Zuhauses stillen sie ihren unbändigen emotionalen Hunger durch Ess-Brechanfälle. Daraus ergibt sich ein Konflikt zwischen Innen und Außen, zwischen Es und ÜberIch, zwischen dem Drang nach Individualismus und den starren Rollenmustern der Gesellschaft. Diese Zerrissenheit ist charakteristisch für Bulimie und drückt sich auch in dem Essverhalten aus: Ein ewiges Schwanken zwischen “Symbiose und Separation” 11 . Im Gegensatz zu dem für Ess- Brechsüchtige typischen Schwarz-Weißdenken finden die Erkrankten in ihrem Essverhalten einen symbolischen Kompromiß für die gegensätzlichen Ansprüche, die an sie gestellt werden. Auf der einen Seite steht die Unfähigkeit, die selbstauferlegten Diätpläne einzuhalten, auf der anderen Seite der Wunsch, dem genormten Idealbild der Frau in der heutigen Gesellschaft zu entsprechen. “In der Bulimie spiegelt sich in besonderer Weise der Widerspruch unserer Gesellschaft: Einerseits verführerische Werben für einen hohen Konsumgenuß, andererseits das Propagieren eines asketischen Schönheitsideals” 12 .
Die Abnorm dieser Esstörung äußert sich darin, daß in kürzester Zeit von den Erkrankten riesige Mengen an Nahrung zu sich genommen werden. Pro Anfall nehmen Bulimiker 6.000-8.000, in anderen Quellen bis zu 30.000 (!) Kalorien zu sich. Bevorzugt werden vor allem süße und fettige Speisen, die schnell zuzubereiten und verzehrbar sind. Oftmals führt die Krankheit wegen dem Einkauf großer Nahrungsmengen zum Finanziellen Ruin der Patienten. Ein “Fressanfall” kann bis zu 70DM kosten. Die Heißhungerattacken werden durch
10 Dr. med. Wolf-Jürgen Maurer, “Die heimliche Krankheit der Frau”
11 Dr. med. Georg-Ernst Jacoby
12 Dr. med. Wolf-Jürgen Maurer, “Die heimliche Krankheit der Frau”
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verschiedenste Mittel wie dem selbst herbeigeführten Erbrechen der Nahrung nach den Mahlzeiten, der Einnahme von Abfuhr-/ Entwässerungsmitteln oder tagelangem Fasten ungeschehen gemacht. Dieser Zyklus von Überessen und Erbrechen wird als “bequeme” Lösung angesehen, gerät aber schnell außer Kontrolle. Der Kontrollverlußt äußert sich in immer größer werdenden Nahrungsmengen und der Häufigkeit der Heißhungerattacken. Die Häufigkeit der Attacken schwankt bei verschiedenen Patienten zwischen 2x pro Woche und in Extremfällen bis zu 6x pro Tag und öfter. Bis zum völligen Kontrollverlußt über das Essverhalten, der Einsicht, kompetente Hilfe zu benötigen und der Wendung an spezialisierte Einrichtungen vergehen oftmals, je nach psychischen Druck und Schwere der Erkrankung zwei bis fünf Jahre. Schamgefühl und depressive Einbrüche der Betroffenen führen oft zu sozialer Isolation. Häufig können Bulimiker aufgrund ihrer chaotischen Situation und ihrer impulsiven, spontanen Lebensweise Termine nicht halten und vernachlässigen soziale Kontakte. Um der oftmals parallelen Depression entgegenzuwirken wird eine Bulimie meist von anderen Süchten wie Alkohol-, Nikotinsucht, Medikamentenmißbrauch oder Selbstverletzung begleitet. Die Folgeerkrankungen sind zahlreich und reichen neben allgemeinen Mangelerscheinungen von Ödemen, Nierenschäden, Zahnschäden, Entzündungen der Magenschleimhaut und der Speiseröhre, Magengeschwüren, Zyklusstörungen und Speicheldrüsenschwellungen, den sogenannten “Kotzbäckchen” bis zu lebensgefährlichen Herzrhytmusstörungen und Gehirnblutungen.
Allgemein sind Statistiken zufolge die Chancen der vollkommen Heilung und längerfristigen Normalisierung oder gar des vollständigen Verschwinden der Symptome sehr gering. Die Tatsache, daß immer noch mehr Frauen als Männer an Essstörungen erkranken begründet sich in dem Umstand, daß Mädchen noch immer eine Rolle und ein Idealbilder in der Gesellschaft zugewiesen werden, welche ihrem biologischen Identität nicht entsprechen.
3.1. Der Ursprung narzißtischer Störungen und psychischer/psychosomatischer Erkrankungen in der frühkindlichen Trotzphase
Die Trotzphase eines Kindes ist eine Zeit der intensivsten Selbsterlebung und leidenschaftlichen Entdeckung der eigenen Gefühlswelt. Diese fundamentale Periode sollte jedem Kind zugestanden werden. Dieses intensive Selbsterleben sollte gefördert und nicht um sogenannter gesellschaftlicher Wertvorstellungen willen unterbunden werden. Ich kann mich lebhaft an meine eigene Trotzphase erinnern. Ich bin seitdem nie wieder in den Genuß solch intensiver
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Gefühlserlebnisse gekommen. Ich möchte bezweifeln, dass ein Erwachsener zu solch starken Gefühlen fähig ist. Miller spricht sogar davon, dass die Gefühlsintensivität eines Kleinkindes mit der eines Psychotikers vergleichbar ist. Die Gefühle des kleinen Menschen sind echt und ein Erwachsener ist kaum in der Lage, die Gewalt der Gefühle über das Kind zu verstehen. Die Gefühle eines Kindes sind ernst zu nehmen, so klein es auch sein mag. Ein Kind in der Trotzphase ist noch nicht in der Lage zwischen Gefühlen wie Wut, Enttäuschung, Sehnsucht, Verzweiflung, Haß oder Liebe zu differenzieren. Im Laufe der “Sozialisation” oder sagen wir besser Anpassung und Erlernen von Verdrängung schiebt der Heranwachsende sein wahres Selbst in das Unterbewußtsein ab. Die Zulassung und freie Auslebung seiner Gefühle werden zugunsten der Ausführung einer erwarteten Rolle untersagt. So erlebt es nun noch einen Schwall von allen Gefühlen zugleich. Es ist völlig natürlich, dass ein Kind, welches von vielen Ritualen, die sonst seine libidinösen Bedürfnisse befriedigten entwöhnt wurde nun nach möglichst gleichwertigem Ersatz strebt. Das Kind wird nicht mehr gestillt oder getragen und geht zunehmend in die eigene Selbständigkeit und Selbstverantwortung- das heißt auch Verantwortung für den Umgang mit seinen Gefühlen. Es wird nun beginnen, den Kindergarten zu besuchen und das Gefühl bekommen, “abgeschoben” und nicht mehr genügend geliebt zu werden. Das Urvetrauen zur Mutter muß erneut aufgebaut werden. Die Phase der intensiven Zuwendung der Mutter und der “physischen Interaktion” wird abgelöst durch eine vom Kind als Vernachlässigung empfundene Periode der Interaktion in der Mutter-Kindbeziehung. Es muß für andere Formen der Zuwendung und Interaktion erst sensibilisiert werden, damit es sie wahrnimmt und annimmt. So versucht das Kleinkind nun auf jede erdenkliche Art die Aufmerksamkeit der Mutter zu erregen oder seine Bedürfnisse durch materielle Ersatzobjekte zu befriedigen. Hiervon zeugt der, für die Trotzphase so typische Aufstand an den Kassen der Supermärkte, wenn das Kind mit all seiner emotionalen Kraft nach dem Besitz eines Objektes strebt, der Kauf aber von der Mutter abgelehnt wird. Das Kind ist es gewohnt, daß auf sein Schreien reagiert wird und so probiert es nun auch in der Trotzphase wieder diese Form, um seinem Verlangen Ausdruck zu verleihen. Die unangemessenste Reaktion von Eltern auf einen Wutausbruch ihres Kindes ist wohl, die Gefühle des Kindes zu mißachten und es in seinem, für den Erwachsenen merkwürdig anmutenden Betragen auszulachen oder gar zu ignorieren. Kann es für ein Kind etwas Schlimmeres geben, als dass es nicht respektiert wird? Eine belächelnde Zurkenntnisnahme der Gefühlsausbrüche ist eine weitere Provokation und läßt das Kind in dem Glauben unverstanden zu sein und rückt es noch weiter von seinem eigentlichen Ziel, die Zuwendung der Mutter zu erlangen ab. Schon durch die Reaktion der Eltern auf den Trotz ihres Kindes lernt das Kind, seine Gefühle als lächerlich und negativ anzusehen und da das Erleben und Handeln von einem Kind diesen Alters in dem unverfälschten, unverzogenen
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Urzustand seines Selbst von seinen Gefühlen geleitet ist, verliert es bereits früh den Respekt vor der eigenen Person. Ein trotziges Kind wird den Grund seines Gefühlsausbruchs schnell wieder vergessen haben aber die Brechung seines Stolzes und seiner Selbst wird es nie vergessen. Das Erlebnis, im Taumel der quälensten und zugleich schönsten Gefühle ausgelacht zu werden, und die damit verbundene Entwertung seiner Selbst wird das Kind unter Umständen ein Leben lang prägen, da die Trotzphase die Grundlage der Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung legt. Ein Kind, dessen Selbstauslebung- und findung in der Trotzphase unterbunden wurde und sich Selbst und seine Gefühle als etwas Abzuwertendes kennengelernt hat, wird sich im Laufe seiner Entwicklung stark an Leistungen, der Erfüllung von Verhaltenserwartungen und materiellen Ersatzbefriedigungen orientieren, um seine emotionalen Defizite zu kompensieren. Das überangepaßte Kind würde sich ohne Ersatzbefriedigungen, Leistungen und dem Eifer, sich den Idealvorstellungen seines sozialen Umfeldes anzugleichen, als wertlos empfinden. Zur Selbstliebe wird dieser Mensch nie fähig sein, weil die Wahrnehmung seines Selbst stark gestört ist. Soziale Interaktionen tiefgreifender Art werden diesem Kind immer Schwierigkeiten bereiten, da es an einer scheinbaren Emotionslosigkeit durch die Verdrängung dieser Emotionen leidet. Die Gefahr psychosomatischer Erkrankungen durch ins Unterbewußtsein verdrängte Konflikte, Sehnsüchte, Wünsche und Bedürfnisse ist sehr groß. Die Instanz Es wird völlig vernachlässigt und das Ich ist lediglich gewillt, den Anforderungen des ÜberIchs und der Außenwelt zu entsprechen. Durch die Beherrschung des Es durch die Instanz Ich und dem gleichzeitig unbewußten Verlangen der Triebauslebung ist die Gefahr einer psychosomatischen Störung wie Anorexie gegenüber einem Gleichgewicht der Instanzen stark erhöht. Magersucht entsteht durch die kontinuierliche Orientierung am ÜberIch bei gleichzeitiger Unterbindung der Forderungen des Es.
3.2. Die Bedeutung der narzißtischen Erziehung für psychische/psychosomatische Störungen
Den Idealzustand einer Persönlichkeit darzustellen ist ein unerfüllbares Bemühen, da die Konstellation der Persönlichkeitsinstanzen und die Ausprägung des Narzißmus völlig individuell ist. Die “Verbreitung narzißtischer Ideale”, ob nun interfamiliär oder gesamtgesellschaftlich gesehen ist für die Ursachen von Esstörungen von zunehmend großer Bedeutung. Alle psychosomatischen Störungen haben die Symptome gemein, die als Folge krankhaften Narzißmus` zu verstehen sind. Ich möchte bei den Formen des Narzißmus bei Erwachsenen
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unterscheiden zwischen der “leistungsorientierten” und der “emotionalen” Erscheinung. Als leistungsorientierten Narzißmus bezeichne ich die Übertragung von gescheiterten Entsprechung der Ideale narzißtischer Eltern auf ihre Kinder, was für die Kinder mit großem Leistungsdruck verbunden ist. Das äußere Erscheinungsbild und das Einhalten gesellschaftlicher Normen ist in solchen Familien außerordentlich wichtig. Patienten mit Esstörungen stammen oftmals aus Familien, in denen über Gefühle nicht geredet wird und viel Wert auf Leistung und Erfolg gelegt wird. Das Kind dient mit den Leistungen, die es erbringt dazu, die Eltern in ihrer Aufgabe, in ihrem Kind Erwartungen zu verwirklichen, an denen sie selbst gescheitert sind, zu bestätigen. Diese Aufgabe aber, Bestätigung in ihrer Erziehung durch den Erfolg des Kindes zu erlangen ist lediglich eine Ersatzbefriedigung auf der Suche nach dem wahren Selbst und dem Nachholen libidinöser Befriedigung. Dem Kind, das Opfer leistungsorientiert narzißtischer Eltern geworden ist, ist häufig der Zugriff auf das wahre Selbst völlig versagt. Als emotionalen Narzißmus verstehe ich, daß das Kind narzißtischer Eltern oder eines narzißtischen Elternteils der emotionalen Stabilisierung und Stütze seiner Eltern dient. Der emotional narzißtische Elternteil ist möglicherweise selbst das Kind leistungsorientiert narzißtischer Eltern, das nun versucht mittels der Erziehung seines Kindes zum einen die eigenen emotionalen Defizite zu kompensieren und zum zweiten den Fehler seiner Eltern auszuschließen und dem Kind eine Atmosphäre zu schaffen, dass eine größtmögliche Entfaltung aller Gefühlsfacetten gewährleistet. Töchter werden oft in die Angelegenheiten und Konflikte der Eltern eingebunden, zu denen sie keinen Bezug haben und womit sie völlig überlastet sind. Das Kind wird früh mit der Gefühlswelt seines narzißtischen Elternteils konfrontiert und entfaltet daher oftmals eine ausgesprochene Fähigkeit der Introspektion und Einfühlung in andere Menschen. Die Bulimikerin “ist Meisterin geworden, andere zu verstehen und sich nach ihnen zu richten” 13 (besonders in Bezug zur Mutter). So ist das Verhältnis zur Mutter oftmals ausgesprochen gut. Die Umsorgung von der narzißtischen Mutter birgt den Konflikt, dass die Tochter zwar ausleben soll, was die Mutter in ihrer Kindheit nicht konnte, wird aber in ihrer scheinbaren Freiheit dennoch an die Mutter gebunden, um ihr als emotionale Stütze erhalten zu bleiben. Aus diesem Grunde bezeichne ich Anorektiker als Opfer einer leistungsorientiert narzißtisch geprägten Erziehung, da sie oft als besonders gute, überangepasste Schüler mit guten Leistungen gelten und Bulimiker als Objekte einer emotional narzißtischen Erziehung, da ihnen meist ein gutes Sozialverhalten und Einfühlung in ihre Mitmenschen nachgesagt wird. Gemein haben die Patienten beider Störungen aber, daß ihnen die Auslebung ihrer eigenen Gefühle und ihres wahren
13 Gisela Graf-Scheffl, “Bulimie- Ess-Brech-Sucht”
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Selbst untersagt wurde. Ihre Essstörung kann nach Jacoby daher auch als versteckter Autonomieversuch verstanden werden.
3.3. Der Versuch einer Erklärung von Essstörungen anhand des Freudschen Instanzenmodell
Die Existenz psychosomatischer Erkrankungen bestätigt Sigmund Freuds Theorie, die besagt, daß große Teile der Persönlichkeit dem Bewußtsein unzugänglich sind. “Unterdrückte Gefühle spielen eine große Rolle bei Esstörungen” 14 . Verdrängte Konflikte werden in das Unterbewußt abgeschoben und das Unterbewußtsein wiederum hat einen großen Einfluß auf das körperliche Befinden. Schon ein uraltes Sprichwort sagt: In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist! Ob man Esstörungen nun zu psychosomatischen Erkrankungen zählt, kann man diskutieren. Psychosomatische Symptome sind ein Hilferuf der Psyche, ob sie nun selbst herbeigeführt sind oder nicht. Ein Kranker erhält Zuwendung und Aufmerksamkeit, die Salbe für seine seelischen Wunden bedeuten. Das könnte ein Erklärungsansatz für die Funktion des Destrudotriebes sein, wenn er sich in masochistischer Form äußert und der eigene Körper das Objekt der Auslebung ist. Die masochistische Auslebung des Destrudotriebes begründet sich in der hilflosen Wut auf die eigene Person, über das Gefühl des so scheinenden Versagens. Die körperliche “Folter” ist also als Hilfeschrei der Seele zu interpretieren. Ein Erlebnis, welches längst verdrängte Gefühle oder Gefühlsdefizite zurückruft und eine drastische Wendung für das Erleben und Wahrnehmen von Gefühlen bedeutet, kann für das Individuum, das nun mit einer ungewohnten Menge von Gefühlen konfrontiert wird völlig überfordern und somit zum plötzlichen Instanzenkonflikt führen. Der Konflikt kann durch verschiedenste unverarbeitete Erlebnisse ausgelöst werden. Durch den Tod eines geliebten Menschen, Mißbrauch, Scheitern in schulischer oder beruflicher Laufbahn, Probleme sozialer Interaktion, Wendepunkte im Leben....Alle Erlebnisse, die das Individuum verunsichern und sein Selbstwertgefühl schwächen, können einen solchen Konflikt auslösen. Der Verlust des Selbstwertgefühls bedeutet eine Entrückung der Instanzen von ihrem Ursprungs-/Normalzustand. Ein negatives, traumatisierendes Erlebnis kann die Auffassung von angemessenen Verhalten, Vertrauen, Normen-/Wertbegriffen und Realität erheblich verändern. Das richtige Verhältnis der Instanzen zur Außenwelt und die optimale Wechselwirkung der Instanzen untereinander ist dann nicht mehr
14 Dr. med. Wolf-Jürgen Maurer, “Die heimliche Krankheit der Frau”
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gewährleistet. Durch die Verdrängung von Konflikten und die seelischen Wunden entsteht ein Ungleichgewicht bezüglich des Persönlichkeitsbewustseins auf den Ebenen des unbefriedigten Es und des gleichzeitig unbefriedigten Ichs. Die vernachlässigten Komponenten beider Instanzen, des Es und des Ichs drängen nach Befriedigung, Beachtung und Auslebung. Um seine Selbstsicherheit und sein Ansehen für die Außenwelt wiederzuerlangen, versucht sich das Individuum sich durch Anpassung und Entsprechung der Ideale wieder in die Gesellschaft einzugliedern, da ihm ein anderer Weg aufgrund des ungelösten Konfliktes nicht direkt möglich ist. Der essgestörte Mensch hat möglicherweise Angst, vor Mitmenschen Schwächen zuzugeben und schützt seine emotionale Seite durch eine verstärkte Konzentration auf seinen Körper. Die disziplinierte Beherrschung des Es wird als eine großartige Leistung angesehen, da durch Unterdrückung des Es eine scheinbare Emotionslosigkeit und leistungsstörende Faktoren abgeschirmt werden. Eine Essstörung ist ein Beispiel des Ungleichgewichts des Libido- und Destrudotriebes. Der Libidotrieb, vertreten durch das Hungergefühl oder Appetit strebt nach Nahrung und Genußmitteln. Der Destrudotrieb dagegen drängt auf Selbstzerstörung und Bestrafung von angeblichem Versagens. Schon im Es besteht also ein Konflikt und das Konfliktpotenzial zwischen Es und Ich ist ebenfalls außerordentlich groß. Die Persönlichkeits-Instanz Ich verwendet einen Großteil seiner zur Verfügung stehenden Energie darauf, die Anforderungen des Es zu unterdrükken, um den Anforderungen der Außenwelt gerecht werden zu können. Essen
oder Nichtessen wird ein Ausgleich für emotionale Verluste oder Verlangen. Trotz den Bemühungen Ersatzbefriedigungen für libidinöse Defizite zu finden, bleibt das Ungleichgewicht zwischen den Instanzen Es und Ich bestehen. Das Es ist unbeachtet, weil seelische Wunden nicht geheilt werden, der Hungertrieb nicht befriedigt wird. Das Ich ist eingeschränkt, weil das Verhalten nicht zu essen oder zu viel zu essen kein vernunftorientiertes Handeln ist. Auf der Suche nach Bedürfnisbefriedigung spielt auch das ÜberIch eine Rolle, da das Individuum sich und seinen Körper mit den Idealen der Gesellschaft vergleicht und Differenzen oder Parallelen feststellen kann. Daher spielen auch die Medien, die (Schönheits)Ideale, Normen und Werte der Gesellschaft vermitteln bei der Entstehung von Essstörungen eine große Rolle. Das ÜberIch verinnerlicht bestehende Normen und Werte des sozialen Umfelds und wird durch den Sozialisierungsprozeß und Erziehung geprägt. Das Individuum versucht sich folglich dem, durch die Gesellschaft geprägten Ideal-Ich anzugleichen. Das Problem besteht wohl auch darin, dass in der Massengesellschaft und dem kapitalistischen Leistungsdruck der Individualismus vergessen wird und versucht wird, Individuen starren Rollenmustern anzupassen. Streß und Leistungsdruck verhindern in Konfliktsituationen eine aktive Auseinandersetzung mit Wünschen, Träumen und Gefühlen. Gefühle werden in der lei-
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stungsorientierten Gesellschaft als Störfaktor angesehen, der die Konzentration und Leistungsfähigkeit herabsetzt. In unserer heutigen Gesellschaft werden soziale Werte stark vernachlässigt, vielfach wird nur auf geistige Leistungen Wert gelegt. Ein Betrieb möchte disziplinierte, leistungsfähige Mitarbeiter einstellen.
In der Dominanz des Ichs oder des ÜberIchs setzt der Unterschied zwischen anorektischen und bulimischen Menschen an, obwohl eine begriffliche Trennung kaum vorgenommen werden kann, da die Grenzen zwischen Magersucht und Ess-Brechsucht kaum zu differenzieren oder schlichtweg nicht vorhanden sind. Bei bulimischen Menschen ist der Es-Konflikt zwischen Libido- und Destrudotrieb, und der Wettstreit zwischen Es und ÜberIch wohl ausschlaggebend für die Störung. Der Libidotrieb ist so stark, dass er vom Ich nicht kompensiert werden kann, aber gleichzeitig arbeitet der Destrudotrieb dagegen, der dem bulimischen Menschen den Genuß nicht zugesteht. Ebenfalls verbietet die Orientierung an Schönheitsidealen den übermäßigen Genuß von Genußmitteln. Der Destrudotrieb ist mit mehreren Funktionen überstark ausgeprägt, in seiner masochistischen Variante wie in der Form des Dranges nach “Zerstörung” der Nahrungsmittel. Die Arbeit des Destrudotriebes und der Einfluß des ÜberIchs führt letztlich zum Erbrechen der Nahrung nach den teilweise regelrechten Fressanfällen. Bei anorektischen Menschen wird der Libidotrieb vom Ich erfolgreich unterdrückt. Die Nahrungsaufnahme wird von vornherein verweigert und nicht wie bei Bulimikern wieder ungeschehen gemacht. Der Destrudotrieb äußert sich in der kontinuierlichen Schädigung des Körpers. Neben der “Ich-Konsistenz der Magersüchtigen” 15 ist das ÜberIch ist sehr stark ausgeprägt, die Ansprüche an die eigene Person sind sehr hoch und häufig erbringen Anorektiker ausgesprochen gute Leistungen. Emotionale und geistige Energien werden auf, in der Gesellschaft respektierte Leistungen und Tätigkeiten umgelenkt. Jeglicher Einfluß des Es wird vermieden. Anorektische Mädchen sind überangepaßte Menschen, die sich den übertriebenen Schönheitsidealen und Leistungsanforderungen der Gesellschaft anpassen - in einer panischen Angst vor einem, von ihnen so empfundenen Kontrollverlußt unterdrücken sie mit eiserner Disziplin den Libidotrieb. Gute Leistungen, Respekt und Anerkennung bestätigen Magersüchtige in ihrer Disziplin und verzerren durch ein anscheinend makelloses, perfektes Auftreten das Bild der Realität. Hungern wird von ihnen mit Erfolg gleichgesetzt: Schlank, schön, erfolgreich. Magersüchtige sind nur schwer zu überzeugen, dass ihre Nahrungsverweigerung krankhaft ist und dass sie Hilfe benötigen. Kommt es im
15 Dr. med. Georg-Ernst Jacoby
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Verlauf der Anorexie zu einem psychischen Kollaps, zu einem plötzlichen Zusammenbruch der Konstellation der Persönlichkeitsinstanzen, zu einer unkontrollierten Übermacht des Es und explosionsartigem Drängen auf Auslebung der Triebe kann die Anorexie bulimischen Charakter erhalten. Bulimiker haben häufig eine gespaltene Persönlichkeit, da das Ich wechselnd versucht en Anforderungen des überstarken Es oder des ÜberIchs gerecht zu werden. Das “psychische Ökosystem” von, an Bulimie erkrankten Menschen ist äußerst labil und kann durch geringste Anlässe aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Bulimiker neigen zu manischen Depressionen und Grandiosität bei gleichzeitiger Depression. Bei bulimischen Menschen ist das Über-Ich wohl vorhanden, der Einfluß auf das Ich ist wohl auch sehr groß, aber aufgrund der zeitaufwendigen und teilweise ritualähnlichen Ess-Brechanfälle können die Ansprüche des Ichs an die eigene Person und die Anforderungen der Außenwelt an die Person von dem Individuum kaum befriedigend erfüllt werden. “Speziell die Bulimie kann als Störung der Impulskontrolle mit temporärer Ausblendung von Teilaspekten des Über Ichs verstanden werden.” 16 In diesem Teufelskreis wächst der Leistungsdruck und der Konflikt zwischen allen Instanzen bis zur Eskalation und zum Kontrollverlußt über das Essverhalten an. Die Person wird dann weitestgehend vom Libidotrieb gesteuert, wobei das Vorhandensein der übrigen Instanzen ein erhebliches Konliktpotential birgt. Dieser Kontrollverlußt entfernt den Ess-Brechsüchtigen aufgrund seines auffälligen Essverhaltens immer mehr von seinem eigentlichen Streben, sich in die Gesellschaft einzuordnen. Dieses erneute Versagen mindert das Selbstwertgefühl erneut und kann zu schweren Depressionen bis hin zum Selbstmord führen.
4.1. Quellen und Vorlagen:
Barmer: “Esstörungen bei Kindern & Jugendlichen”
BZgA, “Ess-Störungen”, 2. überarbeitete Fassung
Jacoby, Dr. med. Georg-Ernst, Auszüge aus dem Behandlungskonzept der Klinik.
Knopf, Jan: “Brecht Handbuch”, erschienen in der Metztlerschen Verlagsbuchhandlung, 1984
16 Dr. med. Georg-Ernst Jacoby
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Mauerer, Dr. med. Wolf-Jürgen: “Die heimliche Krankheit der Frau”
Miller, Alice: “Am Anfang war Erziehung”, erschienen im Suhrkamp-Verlag, 1980
Miller, Alice: “Das Drama des begabten Kindes”, erschienen im Suhrkamp-Verlag, 1983
Orwell, George: “1984”, erschienen im Diana-Verlag, 1949
Ich möchte zum Schluß einmal betonen, dass diese Arbeit ohne Hilfsmittel oder Orientierung an bereits existierenden Texten oder sonstigen Quellen entstanden ist und die Zitate erst nachträglich als Belege für die von mir entwickelten Thesen eingefügt worden sind.
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Arbeit zitieren:
Kerstin Schramm, 1999, Ess-Störungen, Versuch einer Erklärung, München, GRIN Verlag GmbH
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Grundlagen des Qualitätsmanagements
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