Sokrates
Laut Sokrates wird das menschliche Handeln von der Vernunft bestimmt. Mit dem Wissen nichts zu wissen hält er sich für weiser als andere, hält jedoch Wissen an sich für erreichbar und Erkenntnis für wichtig. Für ihn gilt: Tugend ist die richtige Erkenntnis umgesetzt in Handeln. In einem Dialog mit Protagoras vertritt Sokrates anfangs die Meinung, dass Tugend nicht rein theoretisch zu vermitteln und daher auch nicht lehrbar ist. Er erkennt, dass Tugend Wissen und Erkenntnis umgesetzt in Taten und damit doch lehrbar und erlernbar ist. Die Erkenntnis und die Einsicht sind wichtig, um das eigene Handeln zu verstehen. Da Wissen und Erkenntnis lehrbar sind, muss auch Tugend - zumindest zu einem gewissen Teil - lehrbar sein. Damit spricht Sokrates der Erkenntnis einen hohen Stellenwert zu und man kann den Satz "Der Wissende ist weise, der Weise ist gut" als Fazit dieses Gespräches ansehen. Die Tatsache, dass sich sein Standpunkt vom Anfang des Gespräches im Lauf des Dialoges gewendet hat, liegt an seiner weitgefächerten Auffassung der Vernunft, des Logos. (griechisch: Wort, Satz, Erwägung, vernünftiger Grund, Denkvermögen, Vernunft, Weltgesetz.) Für Sokrates ist der Logos stark und verlässlich, er sagt: "Mein ganzes Leben halte ich es so, dass ich nichts anderem gehorche als dem Logos, der sich mir in der Untersuchung als der Beste erweist." Für Sokrates bilden Denken und Handeln eine Einheit, das heißt, wer das Gute erkennt, der tut es auch und wer das Schlechte tut, der erkennt es als Gutes, irrt sich also. Damit ist nicht die Tat an sich ein Fehler, sondern es mangelt an Wissen, an Einsicht. Schließlicht handelt doch jeder nach dem, was er für gut hält, und damit kann nur derjenige tugendhaft sein, der weiß, was gut ist. Also sind Vernunft und Wissen vor allem aber Selbsterkenntnis die Voraussetzung für Tugend Wissen schließt das eigene Wollen ein, das ist die Quintessenz der sokratischen Lehre. Ein Erkennen von Tugend bedeutet ein tugendhaftes Leben führen wollen und danach handeln. Die Tugend beruht auf Wissen und Einsicht. Das Unwissen des schlecht Handelnden ist nicht bloßer Informationsmangel; es ist ein Zeichen der inneren Unfähigkeit, Tugend zu erkennen.
Tugend und Wissen sind das Fundament für das höchste Gut, die Glückseligkeit, diese wird durch einen vernünftigen und tugendvollen Lebensstil, nicht durch Reichtum und Luxus sondern durch Mäßigung und Selbstbeherrschung gewährleistet. Die Vernunft und Tugend macht den Menschen gottähnlich und unterscheidet ihn damit von den Tieren.
Sokrates: Tugend ist das Streben nach dem Guten
Menon behauptet, nicht alle Menschen wollen das Gute, sondern manche das Böse. Aus dem Dialog mit Sokrates geht hervor, dass diejenigen, die das Böse anstreben es entweder nicht als böse erkennen, oder fälschlicherweise als gut betrachten, indem sie denken, es sei ihnen nützlich. Damit kommt Menon zu dem Schluss, dass alle Menschen das begehren, was sie jeweils für gut halten, also streben alle Menschen grundsätzlich nach dem Guten.
Sokrates: Tugend ist das Vermögen, das Gute herbeizuschaffen
Hier erweitert Sokrates den Tugendbegriff, der zuvor noch so umschrieben wurde: Tugend ist, das Gute zu wollen und es zu vermögen. Da - wie aus dem letzten Dialog hervorgeht, jeder das Gute will, wird nun danach unterschieden, wer es am Besten erreichen kann, damit ist die Definition schließlich: Tugend ist das Vermögen, das Gute herbeizuschaffen.
Platon
Platon führt Sokrates' Überlegungen über das Wissen um die Tugend und deren Lehrbarkeit fort. Sokrates befragte einen Jungen nach dem Ergebnis einer unbekannten Mathematikaufgabe. Der Junge kam auf das richtige Ergebnis, obwohl Sokrates nur maieutisch nachgeholfen hat, er hat gefragt aber nicht gelehrt, damit hat der Junge das Ergebnis alleine herausgefunden. Hier ist also Lernen sowie apriorisches Wissen - Vorwissenbeteiligt, d.h. es gilt nicht, zu fragen, ob das Wissen von vorne herein (a priori) vorhanden war oder erlernt wurde, sondern man muss einsehen, dass Wissen sowohl a priori da war als auch erlernt wurde. Platon bezeichnet Lernen daher als Besinnung auf ureigenes Wissen (Anamnesis). Der Begriff "angeboren" ist nur eine ungenaue Übersetzung dafür. Damit ist Tugend als sittliches Wissen auch ein Stück weit a priori vorhanden und somit lehrbar.
Platon legt vier Kardinaltugenden fest: Mäßigkeit, Tapferkeit, Weisheit und die den anderen übergeordnete Gerechtigkeit, wobei er unter Gerechtigkeit nicht die richterliche Gerechtigkeit meint, sondern er sieht in jedem Menschen einen kleinen Staat und unterteilt ihn in drei Stände:
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den "Nährstand", bei dem die Mäßigkeit die Triebhaftigkeit des Menschen durch die Vernunft einschränkt, den "Wehrstand", bei dem die Tapferkeit vernünftige Aktivitäten gegen Lust und Unlust durchsetzt, und den durch Vernunft und Weisheit gelenkten „Lehrstand„. Die Gerechtigkeit dient als Verfassung und ordnet die anderen Tugenden. Sie ist hier also das Gleichgewicht zwischen den Ständen oder den "Seelenteilen" des Menschen. Der Mensch ist gerecht, wenn sich seine Seelenteile im Gleichgewicht befinden, und Gerechtigkeit wird zu einer Tugend, die die andern überragt.
Aristoteles
Aristoteles übernimmt Platons Modell der Kardinaltugenden, gibt dabei die Sonderstellung der Gerechtigkeit auf und ergänzt die Tugenden durch weitere ihm wichtig erscheinende wie Freundschaft, Freigiebigkeit, Sanftmut, Anteilnahme und Takt. Er misst der Weisheit eine übergeordnete Rolle zu, sie wird auch von der Stoa und in folgenden Jahrhunderten als Inbegriff der Tugenden bezeichnet. Der Weise ist offen für alles, nimmt alles auf und lernt nie aus, sondern immer dazu. Laut Aristoteles kann das nur von einem Philosophen erreicht werden. Vo n der Weisheit unterscheidet er die Klugheit, die nicht die Dinge im allgemeinen betrachtet, sondern sich mit konkreten Fällen im Alltag beschäftigt, er bezeichnet sie als sittliche Urteilskraft, die der Weisheit untergeordnet ist, weil sie ihr dient wie die Heilkunde der Gesundheit.
Aristoteles sieht den Menschen als ein Wesen mit einem vernünftigen und einem unvernünftigen Seelenteil; Letzterer ist der pflanzenhafte Teil und regelt Ernährung, Wachstum und Fortpflanzung. Da der pflanzenhafte Teil nicht beeinflussbar ist, hat er auch nichts mit Tugend zu tun, der tierhafte Seelenteil allerdings regelt Ortsbewegung, Wahrnehmung und Lust bzw. Unlust und kann damit von der Vernunft beeinflusst werden. Daraus entstehen die ethischen oder sittlichen Tugenden (die untere Tugendklasse), die von Aristoteles auch als lobenswerte Verhaltensweisen bezeichnet werden und Freigiebigkeit, Mäßigkeit, Tapferkeit u.a. umfassen. Diese Tugenden werden von den Tugenden des vernünftigen Seelenteils, den verstandesmäßigen oder intellektuellen Tugenden bestimmt. Dieses sind im Allgemeinen erlernte Tugenden wie Kunstfertigkeit, Klugheit, Wissenschaft und Weisheit.
Aristoteles' Tugendlehre ist eine "Lehre von der Mitte", die Tugenden liegen zwischen zwei Extremen, wobei sich diese Mitte nur für jeden Menschen individuell festlegen lässt.
unteres Extrem Tugend oberes Extrem
Feigheit Tapferkeit Knauserigkeit Freigiebigkeit Unfähigkeit zu gerechtem Zorn Sanftmut, Gleichmut Schüchternheit Bescheidenheit
Beide Tugendformen sind miteinander verbunden: Die praktische Vernunft ist nötig für die Ausführung der ethischen Tugenden, andererseits braucht die Klugheit - die dafür benötigte intellektuelle Tugend - ethische Tugend als Fundament. Aristoteles geht davon aus, dass ethische Tugend in einer natürlichen Vorform a priori existiert und mit Hilfe der praktischen Vernunft daraus die richtige sittliche (ethische) Tugend hervorgeht. Gerechtigkeit sieht Aristoteles als richterliches Handeln und misst ihr damit eine Rolle im Staat zu, wie wir es in der heutigen Welt kennen; Er kennt zwar Platons Definition von Gerechtigkeit, greift sie aber nicht auf. Für ihn ist sie die höchste Tugend des staatlichen Zusammenlebens und soll Glückseligkeit gewährleisten. Die Gerechtigkeit steht bei Aristoteles in der Mitte zwischen Unrechttun und Unrechtleiden, er verurteilt also auch Unrechtleiden als ungerecht und damit nicht tugendhaft. Aristoteles sieht es als Pflicht des Staates, gute Gewohnheiten zu fördern, wenn es sein muss auch mit Zwang.
"Der Pfad der Tugend bildet sich, indem er begangen wird" (O.F. Bollnow)
Als Voraussetzung der Tugendhaftigkeit sieht Aristoteles die Tatsache, dass jede Möglichkeit etwas zu tun auch die Möglichkeit mit sich bringt, es nicht zu tun. Damit entscheiden wir, ob wir uns gut oder schlecht, d.h. tugendhaft oder nicht verhalten.
Das Wissen ist für die Tugend nicht wichtig, sondern die Umsetzung der Ansichten in Taten, denn nur wer tut, was gut ist, kann als tugendhaft bezeichnet werden, wer es unterlässt macht einen Fehler, weil er eben nicht tugendhaft handelt.
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Die partikulare Gerechtigkeit ist für Aristoteles - im Gegensatz zu der allgemeinen - staatlichen Gerechtigkeit - die Behandlung des Einzelnen und dessen Verhalten. Zum Beispiel kann einem Bürger mehr, weniger oder gleich viel Ehre bzw. Geld zuerkannt werden wie einem anderen. Hier sorgt die partikulare oder partielle Gerechtigkeit für Ausgleich. Dann gibt es den freiwilligen Verkehr von Gütern und den unfreiwilligen. Der freiwillige ist durch Verträge festgelegt (Miete, Kauf, Bürgschaft), wobei der unfreiwillige normalerweise ohne gegenseitiges Einverständnis vonstatten geht (Diebstahl, Ehebruch, Freiheitsberaubung). Diese individuellen Fragen werden durch die partikulare Gerechtigkeit geregelt.
Die austeilende Gerechtigkeit sorgt dafür, dass den betroffenen Personen Strafe und Vergütung im angemessenen Maß zukommen, d.h. Niemand soll Etwas bekommen, was für seine Situation zu viel oder zu wenig Strafe oder Ersatz ist.
Die ausgleichende Gerechtigkeit beschäftigt sich damit, die durch eine Straftat aufgekommene Ungleichheit wieder rückgängig zu machen, d.h. dem Täter seinen Vorteil zu nehmen und dem Opfer eine Entschädigung zukommen zu lassen.
Tugend bei der Stoa und im Christentum
Die Stoiker gingen davon aus, dass nur der Mensch über Vernunft verfügt und damit die göttlichen Gesetze erkennen und befolgen kann. Glückseligkeit im Sinne der Stoa ist die Harmonie des Menschen mit der Natur. Da der Mensch ein Teil der Natur ist, ist diese Harmonie gegeben, sobald er den Naturgesetzen folgt und die gleichen Ziele wie die Natur anstrebt.
Tugend zeigt sich im Willen, mit der Natur übereinzustimmen.
Der Stoiker lässt sich nicht von Gefühlen und Leidenschaften oder Affekten leiten, sondern handelt, indem er sich von der Vernunft leiten lässt und kein Mitgefühl empfindet. Der Zustand der Leidenschaftslosigkeit (apatha) ist das Ziel der Tugend, die unabhängig von der Lebenssituation oberste Handlungsmaxime bleibt, weil sie Glückseligkeit gewährleistet. Der Stoiker hilft, aber er kennt keine Anteilnahme oder Erregung. Nach der Lehre der Stoa ist die Tugend das einzige Gut des Menschen.
Die Stoiker haben den Gedanken der Humanität aufgegriffen und weiterentwickelt bis zur Nächstenliebe, sie sehen jeden als Menschen an, kennen Freundschaft und Liebe, die jedoch nicht so weit fortschreiten darf, dass das Unglück eines Freundes die eigene Ruhe stört.
Seneca: Von der Tugend als dem höchsten Gut
Seneca sieht die Tugend als absolut und unveränderlich an, das Gute ist tugendhaft, nicht bequem. Es ist ein Übel, bei einem Gastmahl zu liegen und ein Gut, gefoltert zu werden, wenn Letzteres tugendhaft und Ersteres nicht tugendhaft geschieht. Die Tugend macht die Dinge gut oder schlecht, die Handlung selbst ist unwichtig. Der Glücklichste ist derjenige, der seine Tugend unter den schlimmsten Bedingungen beweist, wenn es der Preis einer tugendhaften Pflicht ist, denn gut - und damit tugendhaft zu sein - ist ihm wichtiger als glücklich zu sein. Die Tugend überragt alles Andere und macht damit körperliche Empfindungen unwichtig, solange der Geist stark bleibt. Das Ziel seiner Philosophie ist der Sieg über Habsucht, Ehrgeiz und Todesfurcht, nicht über andere Völker, weil diejenigen, die andere Völker besiegen, vor eben diesen Dingen nicht geschützt sind.
Tugend im Christentum
Im Gegensatz zu der Philosophie der antiken Philosophen, die die Stärke des Wissens preisen, sagt die christliche Ethik, dass der Mensch schwach und das Böse stark ist. Die einzige Rettung des Menschen kann Gott sein. Die christliche Kirche hat Platons Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Tapferkeit und Weisheit aufgenommen und durch Glaube, Hoffnung und Liebe erweitert. Später wurden sie durch zwischenmenschliche Tugenden wie z.B. Nächstenliebe erweitert. Tugendhaftigkeit bestand vor allem darin, die Gesetze Gottes zu befolgen. Der Glaube war wichtiger als Tugend, und nicht zu sündigen damit tugendhaft.
Das Christentum wurzelt im Judentum, und da tugendhaftes Verhalten nicht auf der Erde vergolten wurde, es jedoch keine Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes gab, kam der Glaube an die Entlohnung im Jenseits, und damit an die Unsterblichkeit auf.
Demut ist allerdings eine rein christliche Tugend, die bereits 109 bis 107 v. Chr von einem Pharisäer beschrieben und später von Jesus in der Bergpredigt als Gebot bezeichnet wurde.
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Bürgerliche Tugenden
- Die Gefahr des Missbrauchs von Tugenden
Im 16. Jahrhundert aufgekommen bestimmten die bürgerlichen Tugenden Ordnungsliebe, Sparsamkeit, Gehorsam, Pünktlichkeit und Reinlichkeit im 18. und 19. Jahrhundert weitgehend das gesellschaftliche Verhalten und blieben größtenteils bis heute erhalten. Ursprung war der Aufstieg des Bürgertums nach der französischen Revolution. Der Pietismus verstand sich als Liebesgemeinschaft frommer Christen und führte vor allem die aktive Nächstenliebe, z.B. durch die Errichtung von Waisenhäusern ein. Die Aufklärung zielte auch auf Handeln ab, als Konsequenz kritischen Denkens und um das Zusammenleben in der Gesellschaft zu verbessern. Mit der Bildung des Bürgertums wurde es selbstständiger und schuf eigene Werte und Tugenden. Diese Tugenden wurden sogar in "moralischen Wochenschriften" veröffentlicht und langsam entwickelte sich ein einheitlicher Tugendkatalog. Die bürgerlichen Tugenden waren vor allem wirtschaftlich-ökonomische Tugenden, die vom Bürgertum aus seiner finanziell schwachen Lage heraus aufgestellt worden waren und von der Mehrheit der Intellektuellen propagiert wurden. Ein Problem der bürgerlichen Tugenden war, dass sie oft über andere gestellt wurden und damit wichtige Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Besonnenheit und Nächstenliebe verdrängten. Höffe spricht von einer Verschiebungsgefahr der manche frühere Erziehung zum Opfer fiel. Heute zählen diese Werte als Sekundärtugenden und haben immer noch einen hohen erzieherischen Wert.
Um eine Überbewertung der bürgerlichen Tugenden zu vermeiden, sollte man sie im Zusammenhang mit anderen
- übergeordneten - betrachten. Die Kardinaltugenden sind sozusagen die Aufhängung des Tugendkataloges, zusammen mit einigen anderen wie Nächstenliebe oder Ehrfurcht vor dem Leben. Diese Tugenden sind Selbstzweck, während die bürgerlichen auf spezielle Ziele ausgerichtet werden müssen. Ordnung und Pünktlichkeit sind keine Garantie für gute Taten, wie die Jahre 1933 - 1945 in Deutschland gezeigt haben. Rudolf Höss, Kommandant in Auschwitz war im privaten Bereich ein ordentlicher Bürger dessen Aufzeichnungen Pflichtbewusstsein, Naturverbundenheit und Tierliebe auflisteten. Dies zeigt, dass bürgerliche Tugenden instrumentelle Tugenden sind, deren Ziele - sofern man sich in manchen Zusammenhängen überhaupt noch des Wortes „Tugend“ bedienen kann - immer wieder neu überprüft werden müssen. Diese Fehlanwendungen der Tugenden und ihr Missbrauch durch die NSDAP brachten den Begriff Tugend in Verruf, so dass heutzutage oft nur noch sarkastisch oder abwertend über sie gesprochen wird, obwohl sie ihre Bedeutung noch nicht verloren haben.
Die Bestimmung tugendhaften Verhaltens
Kant schreibt in seinem Buch „Metaphysik der Sitten“, dass die Tugend „immer ganz neu aus der Deckungsart hervorgehen“ soll, d.h. dass die Tugenden nicht steif, sondern flexibel sein sollten, um den Situationen angepasst werden zu können.
Der erste Teil nennt sich die Pflichten des Menschen gegen sich selbst. Die erste davon ist die Selbsterhaltung, d.h. Selbstmord und Selbstverstümmelung sind Verbrechen. Danach führt er die Wahrhaftigkeit und Selbstachtung an, die Laster, Lüge, Geiz u.a. ausschließen, dann die richterlichen Pflichten über sein eigenes Gewissen und die Religionspflicht, die den Menschen göttliche Gebote zur Pflicht macht. Das wichtigste Gebot Kants ist:
"Erkenne dich selbst,... ob dein Herz gut oder schlecht ist." Im zweiten Teil beschäftigt Kant sich mit den Pflichten gegen andere Menschen. So sind die Pflichten der Liebe die Wohltätigkeit, Dankbarkeit und Anteilnahme, während die Pflichten der Achtung die Aussage: "Mensch sein ist Würde" oder einfache Freundschaft mit sich bringen. Zu guter Letzt führt er noch Umgangstugenden an, die das menschliche Zusammenleben erleichtern.
Kants Ethik ist allerdings keine strenge Sittenlehre, sondern er geht davon aus, dass der Mensch seine Pflicht glücklich und zufrieden erfüllen kann, dabei aber den Anspruch auf Glückseligkeit aufgeben soll, denn diese zu fördern kann keine Pflicht sein.
Tugenden heute
Tugend ist ein Grundbegriff der Ethik, und trotz des in heutigen Tagen immer unbeliebteren Ausdruckes sehr wichtig für das menschliche Zusammenleben. Sie ist das Ideal der Selbsterziehung und schränkt weder den Lebenswandel noch die Freiheit des Einzelnen ein, bringt jedoch gewis se Notwendigkeiten und Verzichte mit sich.
Tugend ist eine durch Naturanlage, einsichtige Entscheidung und Gewöhnung vermittelte Haltung sittlichen Wollens und Handelns.
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Stefan Witte, 1997, Der Tugendbegriff - von der Antike bis heute, Munich, GRIN Publishing GmbH
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