1. Einleitung
Trotz der überschwenglichen Freude der Jahre 1989 und 1990 wurde den meisten Deutschen schnell bewußt, vor welch große Aufgaben die Realisierung der Deutschen Einheit die gesamte Gesellschaft stellen würde. Die Errichtung der Sozialen Marktwirtschaft auf dem Gebiet der ehemaligen DDR bedeutete nicht nur einen immensen Bedarf an Kapital aller Art, sondern hatte zudem hohe Erwartungen zu erfüllen. Die innere Einheit Deutschlands konnte nur dann schnell und stabil gelingen, wenn die Hoffnungen der Ostdeutschen auf Wohlstand und Chancengleichheit rasch erfüllt werden würden. Auch die westdeutschen Gewerkschaften standen in diesem Zusammenhang vor einer großen Herausforderung. Sie mußten binnen kürzester Zeit ein Netz zur Sicherung und Vertretung der Arbeitnehmerinteressen in Ostdeutschland aufbauen. Die Bewältigung dieser großen Aufgabe war jedoch nicht nur ein organisatorisches Problem, da der Umgang mit freien Gewerkschaften für die meisten DDR - Bürger politisches Neuland war. Der Gewerkschaftsaufbau in Ostdeutschland ist zweifellos ein wesentlicher Bestandteil bei der Vollziehung der sozialen Einheit Deutschlands. Diesen Aufbau darzustellen, soll Gegenstand meiner Hausarbeit sein. Das Ziel meiner Ausführungen ist es, die Frage zu beantworten, ob die unterschiedlichen Aufbaustrategien der Gewerkschaften auch qualitativ unterschiedliche Ergebnisse zur Folge hatten.
Um die Ausgangssituation der Gewerkschaften darzustellen, werde ich am Anfang meiner Arbeit kurz auf die wirtschaftliche und soziale Lage in Ostdeutschland, sowie die durch die Einheit nur unterbrochene Reformdebatte innerhalb der DGB - Gewerkschaften eingehen. Anschließend werde ich versuchen, die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale der Aufbaustrategien hervorzuheben. Zum Schluß meiner Arbeit werde ich Erfolge und Probleme der Gewerkschaften beim Aufbau ihrer Strukturen in den neuen Bundesländern beleuchten, um sie dann mit den spezifischen Strategien in Beziehung zu setzen.
Die von mir verwendete Literatur habe ich hauptsächlich den „Gewerkschaftlichen Monatsheften“ und anderen gewerkschaftsspezifischen Zeitschriften und Monographien entnommen.
2. Ausgangslage
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Die sich schon früh abzeichnende schlechte Lage der Volkswirtschaft in der ehemaligen DDR manifestierte sich 1990 in folgenden wirtschaftlichen Kennziffern 1 :
n die Produktivitätsrate der DDR - Betrieb lag vor der Wirtschafts - und Währungsunion bei 30 - 50 Prozent des Westniveaus
n Ende November 1990 stieg die Zahl der Arbeitslosen bis auf 590 000 an (6,7%); die Zahl der Kurzarbeiter bewegte sich bei 1,8 Millionen
n der Bruttomonatsverdienst der östlichen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer lag durchschnittlich bei 31% des westdeutschen Niveaus
Die Prognose, daß viele der arbeitsintensiven Industrien in Ostdeutschland unter den Bedingungen einer Marktwirtschaft nicht existenzfähig seien, verfestigte die Erwartung, daß sich die wirtschaftliche und soziale Lage in Ostdeutschland in den darauffolgenden Jahren weiter drastisch verschlechtern werde. Für die Menschen in der ehemaligen DDR waren Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder drohende Arbeitslosigkeit jedoch ein vollkommen neues Phänomen. In der Planwirtschaft der DDR wurde das Leben der Bürger fest geregelt. Dieses (zumindest in dieser Hinsicht) sichere Leben wurde nun durch einen Vielzahl von Risiken und Herausforderungen “bedroht”. Um diese große Aufgabe zu lösen, brauchten die Menschen in Ostdeutschland jedoch einen starken Partner, der sich zuverlässig und konsequent für ihre Interessen einsetzt. Den FDGB - Funktionären, die anfangs auf eine schnelle Reformierung ihrer Gewerkschaft setzten, wurde rasch bewußt, daß die Einheitsgewerkschaft aufgrund ihrer tragenden Rolle im System der DDR einen immensen Vertrauensverlust in der Bevölkerung erlitt 2 , der es ihr unmöglich machte, als Interessenvertreter zu agieren. Der DGB war in der betroffenen Zeit mitten in einer intensiven Strukturdebatte. Vor dem Hinter-grund einer sich stark verändernden Weltwirtschaft wurde stark und hitzig darüber diskutiert, ob die (west-) deutschen Gewerkschaften noch in der Lage seien, wirksame Konzepte für ihre Klientel anzubieten. Die klassische Funktion der Gewerkschaft als Industriegewerkschaft wurde durch den dramatischen Anstieg des Dienstleistungssektors in Frage gestellt. Wie sollten die Gewerkschaften reagieren, um auch die hochqualifi-
zierten Angestellten des Dienstleistungssektors anzusprechen, ohne jedoch ihren klassischen Mitgliederstamm, die Arbeiter zu verprellen? Neben dieser Frage stellte auch die Finanzsituation ein großes Problem dar, da die Zahl der Mitglieder, die nicht im Erwerbsleben stehen bis 1988 auf 22 Prozent anstieg 3 und somit der Anteil der Mitglieder, die den vollen Beitragssatz zahlten ,stetig abnahm.
Die intensiv geführte innergewerkschaftliche Debatte und die damit verbundene ideologische Kräftebindung war ein Hauptgrund für die relative Ohnmacht der Gewerkschaften gegenüber den raschen Ereignissen der Jahre 1989/90.
3. Aufbau der Gewerkschaften
So wie die meisten Institutionen und Organisationen in der BRD traf auch die Gewerkschaften der politische Umbruch in der DDR völlig unvorbereitet. Noch im September 1989 unterschrieb der DGB im Rahmen der gewerkschaftlichen „Entspannungspolitik“ mit einer FDGB - Delegation eine Vereinbarung zur Fortsetzung des gegenseitigen Besuchsprogramms, des Kulturaustauschs und der gegenseitigen Teilnahme an Gewerkschaftskongressen 4 . Auch in den folgenden ereignisreichen Wochen setzte der DGB eher auf eine abwartende Anerkennung des status quo, denn auf eine schnelle Kontaktaufnahme mit den Reformbewegungen in der DDR. Über das folgende Jahr hinaus gab es keine einheitliche Strategie zum Umgang mit den FDGB - Gewerkschaften. Nach dem FDGB - Sonderkongreß am 31. Januar bis 1. Februar 1990, der die ehemals einheitliche Organisation in einen Dachverband mit freien Gewerkschaften umwandelte, strebte ein Großteil der DGB - Gewerkschaften eine enge Kooperation mit den Partnergewerkschaften an. Einige Forderungen gingen sogar so weit, auf längere Sicht ein gleichberechtigtes Zusammengehen zu ermöglichen. Nachdem aber das große Akzeptanzproblem des FDGB in den neuen Bundesländern und der allgemeinen politischen Kultur rasch bewußt wurde, trennten sich die meisten DGB - Gewerkschaften schnell wieder von diesem Vorhaben und schlossen den Zusammenschluß der beiden Gewerkschaftsbünde für die Zukunft aus. Hertle / Weinert formulierten es in einer These folgendermaßen: „Weil der FDGB keine Gewerkschaft war...war er nicht in eine Gewerk-
schaft transformierbar, sondern strukturell reformunfähig und ging deshalb mit der SED und ihrem Herrschaftssystem unter.“ 5 Der FDGB löste sich am 30 September 1990 ohne Rechtsnachfolger selbst auf. Seine Einzelgewerkschaften folgten diesem Schritt in den Jahren 1990/91 und empfahlen ihren Mitgliedern, den entsprechenden DGB - Gewerkschaften beizutreten. Nun war es deutlich, daß die DGB - Gewerkschaften nur durch eine Ausdehnung ihrer Strukturen auf das Gebiet der DDR ihre Verantwortung im Sinne der Wirtschafts - und Währungsunion vom 1. Juli 1990 erfüllen und einen gewerkschaftsfreien Raum in Ostdeutschland verhindern könnten. Bis Ende 1990 hatten alle 16 westdeutschen Industriegewerkschaften formal eine Ausdehnung ihrer Strukturen auf das Gebiet der ehemaligen DDR beschlossen. Auf die Frage, ob es im Falle einer frühzeitigen Alternativplanung durch die Gewerkschaften noch andere Möglichkeiten zum Aufbau von Arbeitnehmervertretungen in Ostdeutschland gegeben hätte, werde ich im Verlauf meiner Arbeit noch eingehen.
Bei dem Verfahren der Ausdehnung ihrer Strukturen in Ostdeutschland verfolgten die DGB - Gewerkschaften von Anfang an teilweise sehr unterschiedliche Strategien. Nach Fichter / Kurbjuhn 6 gibt es bezüglich dieser Strategien drei wesentliche Unterscheidungsmerkmale:
3.1 Kooperationsbereitschaft mit FDGB - Gewerkschaften
Vielen DGB - Funktionären erschien es durchaus sinnvoll, eng mit den im Januar 1990 gebildeten FDGB - Einzelgewerkschaften zu kooperieren. So wurde zum Beispiel im Bereich der Metallindustrie am 27. Februar 1990 eine gemeinsame Erklärung der IG Metall BRD und der IG Metall DDR abgegeben. In ihr verdeutlichten beide Seiten den Willen zur engen Zusammenarbeit und Demokratisierung der IG Metall der DDR. Desweiteren verpflichtete sich die IG Metall (West), Beratungsbüros in großen Städten der DDR einzurichten und die Ostfunktionäre in speziellen Schulungen auf die bevorstehende Arbeit vorzubereiten. 7 Das Verhalten der IG Metall ist in diesem Zusammenhang exemplarisch für das der meisten DGB - Gewerkschaften während des Jahres 1990. Hintergrund für die Strategie der engen Kooperation war vor allem folgende Überle-
gung: Der Organisationsgrad in der ehemaligen DDR lag bei nahezu 100 Prozent und die vorhandene gewerkschaftliche Infrastruktur (Einrichtungen, Netzwerke, Personal) war generell in einem arbeitsfähigen Zustand. Es wäre ein immens hoher Kapitalauf-wand nötig gewesen, um neue Strukturen in kürzester Zeit parallel zu den bestehenden FDGB - Strukturen zu errichten. Dabei machte es die bereits erwähnte Finanzkrise der DGB - Gewerkschaften besonders den kleineren Gewerkschaften unmöglich, einen derart hohen Finanzaufwand zu bewältigen. Die Motive der Befürworter einer engen Kooperation mit den FDGB - Einzelgewerkschaften waren vor diesem Hintergrund zumindest zu einem großen Teil von Pragmatismus geprägt. Natürlich zogen es diese Gewerkschaften vor, ihre Handlungen politisch zu begründen. Demnach sei ihr Hauptanliegen gewesen, die Reformbestrebungen der Ost - Gewerkschaften zu unterstützen. Einen eigenen Weg ging die ÖTV, die sich von Anfang an dazu entschloß, eigene Strukturen in der DDR aufzubauen 8 , da sie im Gegensatz zu den anderen DGB - Einzelgewerkschaften auf kein adäquates Pendant in Ostdeutschland zurückgreifen konnte. Im staatlichen bzw. halbstaatlichen Bereich der DDR wurde besonders die ÖTV mit Menschen konfrontiert, die tief in begangenes Unrecht verstrickt waren (z.B. Stasi - Mitarbeiter). Zwar unterstützte die ÖTV generell den sich vollziehenden Aufbau der Einzelgewerkschaften, jedoch „...erwartet (sie) vom FDGB und seinen Einzelgewerkschaften in der DDR, daß sie endlich Konsequenzen aus dem Vertrauensverlust ziehen, auf bisherige Sonderrechte verzichten und sich auf allen Ebenen demokratischen Wahlen stellen“ 9
3.2 Übernahme von Mitarbeitern der FDGB - Gewerkschaften
Der Umgang mit den ehemaligen Mitarbeitern der FDGB - Gewerkschaften hing natürlich davon ab, welches Bild die entsprechenden DGB - Gewerkschaften von der Rolle der betreffenden Personen im System der ehemaligen DDR hatten. Ein Großteil der streng nach dem Willen der SED arbeitenden Alt - Funktionäre wurde nach der politischen Wende nicht mehr in ihre Ämter gewählt oder gaben sie freiwillig auf. In die nun frei gewordenen Positionen wurden zumeist Personen gewählt, die zuvor schon im FDGB gearbeitet haben, sich jedoch nicht in der ersten Reihe politisch schuldig gemacht haben. Es übernahmen jedoch auch Personen Verantwortung, die vorher noch nie eine gewerkschaftliche Funktion ausgeführt haben. Nur teilweise wurden diese neuen Mitarbeiter durch die Mitglieder ihrer Einzelgewerkschaften durch ordnungsgemäße Wahlen legitimiert 10 . Grund dafür war vor allem der große Zeitdruck zur Veränderung nach der politischen Wende.
Ein Teil der DGB - Gewerkschaften (z.B. ÖTV, IG Medien ) grenzten sich ganz von FDGB - Funktionären ab. Sie wollten bewußt das Bild einer Kontinuität der DDR -Strukturen (in Form von Personen) verhindern. Die Aufbauarbeit sollte ihrer Meinung nach nur von „unbelasteten“ Personen ausgeführt werden, auch wenn das große Rekrutierungsprobleme nach sich zog. Den FDGB - Funktionären sprachen sie generell die Fähigkeit ab, sich in dem veränderten System wirksam bei der Lösung der großen Aufgaben einzubringen, „weil sie von den Arbeitnehmern abgelehnt wurden und ihre Erfahrungen aus der FDGB - Zeit für den Neuaufbau nicht verwertbar waren“ 11 Zu einem großen Teil überlies diese Gruppe die Aufbauarbeit jedoch westdeutschen Gewerkschaftlern, anstatt sich an motivierte ostdeutsche Bürgerbewegungen und Kreise zu wenden, die außerhalb des FDGB standen. Bei den ersten Wahlen der 35 neuen Verwaltungsstellen der IG Metall wurden so ausschließlich Westfunktionäre in die Position des 1. Bevollmächtigten gewählt 12 .
Eine andere Gruppe der DGB - Gewerkschaften (z.B. Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen) sah hingegen den großen Nutzen, den die FDGB - Funktionäre für den Aufbau in Ostdeutschland einbringen konnten. Zum Einen, weil sie im Gegensatz zu den oft als „Besser - Wessis“ bezeichneten westdeutschen Funktionären um die speziellen Befindlichkeiten der Ostdeutschen wußten. Zum Anderen besaß ein beträchtlicher Teil von ihnen einen guten Ruf bei den Arbeitnehmern in den Betrieben, was es ih-
nen ermöglichen würde, die Menschen zur aktiven Arbeit am Aufbau der Gewerkschaften zu motivieren. Um den Eindruck zu verhindern, daß „Altbestände“ aus der DDR -Zeit ungeprüft übernommen werden, mußten sich die ehemaligen FDGB - Funktionäre von den Mitgliedern in Wahlen legitimieren lassen und eine freiwillige Aussage zur Stasi - Mitarbeit abgeben.
3.3 Mitgliederaufnahme und -betreuung
Eine dritte Unterscheidung machen Fichter / Kurbjuhn in der Organisation der Aufnahme und Betreuung von neuen Mitgliedern.
Der Zustand der fast vollständigen Organisation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der ehemaligen DDR (97,4% 1986) bot den westdeutschen Gewerkschaften die verlockende Aussicht, einen beträchtlichen Mitgliederzuwachs zu erhalten und so ihre finanzielle Basis zu stärken. Natürlich war nicht abzusehen, wie viele dieser Mitglieder in der Gewerkschaft bleiben bzw. den neuen Gewerkschaften beitreten würden. Die Zahlenangaben des FDGB waren darüber hinaus auch kein Indiz für Engagement und Bereitschaft zur Mitarbeit, da die Motivation zur Mitgliedschaft im FDGB nicht vergleichbar war mit der eines DGB - Mitglieds. Die Organisation im FDGB war in der DDR eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Die freiwillige Mitgliedschaft in einer westdeutschen Gewerkschaft hatte jedoch im Ursprung einen gewissen kämpferischen Grundkonsens. Diesen funktionalen Grundkonflikt aufzulösen war eine nicht zu unterschätzende Voraussetzung für den erfolgreichen Gewerkschaftsaufbau in Ostdeutschland.
Die meisten DGB - Gewerkschaften entschieden sich dafür, die ehemaligen FDGB -Mitglieder nach deren Gesamtübernahme aus den Einzelgewerkschaften durch einen positiven Beitritt nochmals aufzunehmen. Grund dafür waren die unsicheren Mitgliederangaben des FDGB sowie die Überlegung, daß der positive Beitritt jedes neuen Mitglieds eine gewisse Aussage zur Bereitschaft der gewerkschaftlichen Beteiligung beinhalten würde. Bildlich gesprochen der Schritt aus der Passivität eines Staatsorgans hin zur Aktion innerhalb einer gesellschaftlichen Bewegung. Diese Strategie erwies sich schnell als erfolgreich. So weiß die IG Metall im Januar 1991 zu berichten: „Wöchentlich kommen im Schnitt fünf- bis zehntausend Neuaufnahmen hinzu, Mitte März stehen
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wir bei 1 037 000.“ 13 Gerade in der Metallindustrie war natürlich die große Unsicherheit über die Zukunft der Betriebe in der ehemaligen DDR ein Grund für die starken Beitrittszahlen. Ob die mit dem Beitritt geäußerten Erwartungen der neuen Mitglieder erfüllt werden könnten, blieb noch über lange Zeit ein großer Unsicherheitsfaktor für den Aufbau stabiler Gewerkschaften in Ostdeutschland.
Ein kleinerer Teil der DGB - Gewerkschaften (z.B. IG Medien, GdED und NGG) dagegen verzichteten auf das Verfahren eines erneuten Beitritts der aus den FDGB - Einzelgewerkschaften übernommenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sie blieben bei dem im Frühjahr 1990 allgemein besprochenen Verfahren des Kollektivübertritts. Da bei diesen Gewerkschaften aus heutiger Sicht in etwa die gleiche Organisationsrate zu verzeichnen ist wie bei den übrigen DGB - Gewerkschaften (ca. 30%) und auch sonst keine auffälligen Entwicklungen aufgetreten sind, ist die Annahme berechtigt, daß das Verfahren der Kollektivaufnahme zu keinen langfristigen Nachteilen geführt hat. Einige DGB - Gewerkschaften (hier vor allem die ÖTV) haben schon früh die Notwendigkeit einer intensiven Mitgliederwerbung und -rekrutierung erkannt und für diesen Zweck erhebliche personelle und materielle Ressourcen zur Verfügung gestellt 14 . Vor allem betraf dies Gewerkschaften, die nicht eng mit einer FDGB - Einzelgewerkschaften kooperiert haben. Die große Zahl der kooperationswilligen DGB - Gewerkschaften brauchten nicht derart große Mittel in die Mitgliederwerbung setzen, da ihr Mitgliederbestand gesichert schien (siehe oben).
3.4 Zusammenfassung der verschiedenen Strategien
In Hinsicht auf die Strategien zur Ausdehnung ihrer Strukturen auf das Gebiet der ehemaligen DDR kann man nach Fichter / Kurbjuhn die DGB - Gewerkschaften in vier Gruppen unterteilen 15 :
1. Die Gewerkschaften, die eine enge Kooperation mit einer FDGB - Einzelgewerkschaft damit verbunden, diese zu reformieren. Sie arbeiteten an führender Position bei der Neugestaltung der FDGB - Gewerkschaften mit und strebten eine Angleichung der
Strukturen an die der DGB - Gewerkschaften an. Weiterhin verfolgten sie das Ziel, belastete Funktionäre aus ihren Ämtern zu entfernen und die verbliebenen Funktionäre durch Wahlen zu legitimieren.
Beispiele für diese Gruppe sind die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands, die
Gewerkschaft Holz und Kunststoff, Gewerkschaft Leder, IG Medien, IG Bergbau und Energie, IG Bau-Steine-Erden, Deutsche Postgewerkschaft, Gewerkschaft Textil-Bekleidung)
2. Die Gewerkschaften, die nach anfänglicher Zusammenarbeit mit einer FDGB - Einzelgewerkschaft die Arbeit an deren Reformation abbrachen, um eine neue Gewerkschaft in der DDR zu gründen (DGB-Namensgleichheit). Dies diente der Schaffung einer neuen Gewerkschaftsidentität, ohne die gute Zusammenarbeit mit den reformwilligen Ostfunktionären zu gefährden. Beispiele für diese Gruppe sind die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten 3. Die Gewerkschaften, die unabhängig von den FDGB-Einzelgewerkschaften eine neue Gewerkschaft in der DDR gründeten (DGB-Namensgleichheit). Sie arbeiteten bedingt mit FDGB-unabhängigen Gruppen und Initiativen zusammen. Beispiele für diese Gruppe sind die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, Gewerkschaft der Polizei, Deutscher Gewerkschaftsbund.
4. Die IG Metall bildet nach Fichter / Kurbjuhn eine eigene Gruppe. Nach anfänglicher engen Kooperation mit dem FDGB verabschiedete sie sich dann deutlich von diesem Verhalten, um später den Reformprozeß innerhalb der IG Metall-DDR zu kontrollieren.. Im Unterschied zu den anderen Gruppen übernahm sie jedoch keine Funktionäre und Mitarbeiter aus ihrer DDR-Partnergewerkschaft (IG Metall-DDR).
4. Bewertung der strategischen Konzepte
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Bei der Auseinandersetzung mit der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema fällt ein Kritikpunkt besonders häufig auf: Die abwartende Haltung des DGB und seiner Einzelgewerkschaften in der heißen Phase der Veränderung in der DDR. Die bis 1990 geführte Politik der Nichteinmischung führte dazu, daß der DGB endgültig die politische Initiative beim Veränderungs- u. Vereinigungsprozeß verlor 16 . Zwar kann man den westdeutschen Gewerkschaften nicht vorwerfen, daß sie nicht in der Lage waren, die späteren Entwicklungen genau vorherzusehen, jedoch stellte sich ihr fast als engstirnig zu bezeichnendes Festhalten am Prinzip der Zweistaatlichkeit und des status quo als Fehler heraus. Die Konsequenz dieser Politik war nämlich das Versäumnis, frühzeitig mit Reformkräften und Bürgerbewegungen in Kontakt zu treten, um eine demokratische Neuordnung der Gewerkschaften in der DDR zu unterstützen. Der DGB setzte in seiner politischen Konzeption auf eine Selbsterneuerung der FDGB - Gewerkschaften aus eigener Kraft. Hierbei sollten die Gewerkschaften in der DDR lediglich durch technisches, materielles und personelles know how begleitet werden. Erst als nach der Volkskammerwahl 1990 die Aussicht auf eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten immer deutlicher wurde, steckte der DGB unter immensen Zeitdruck große Ressourcen in den Aufbau der Gewerkschaften in der DDR. Für die Errichtung von gewerkschaftlichen Strukturen „von unten“ und parallel zum FDGB war es dann jedoch schon zu spät. Außerdem verpaßte der DGB durch die abwartende Haltung die große Chance, die jahrelang geführte Strukturdebatte innerhalb der Gewerkschaften auf den Aufbau der Arbeitnehmervertretungen in Ostdeutschland anzuwenden. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Verhalten der DGB-Einzelgewerkschaften im wesentlichen gleich. Erst mit dem Prozeß der Ausdehnung ihrer Strukturen begann innerhalb der Einzelgewerkschaften eine strategische Differenzierung (siehe oben). Für die Gewerkschaften, die eng mit dem FDGB kooperierten, standen die kurzfristigen Vorteile dieser Strategie im Vordergrund. Sie wollten die Strukturen des handlungsfähigen Apparates FDGB reformieren, um ihn dann in die eigenen Strukturen einzubinden. Natürlich war dieser Vorgang mit einem geringeren Einsatz von Ressourcen verbunden und somit für die finanziell angeschlagenen Gewerkschaften durchaus verlockend und sinnvoll. Politisch war die Kooperation mit mindestens zwei großen Problemen verbunden. Erstens durfte unter den Ostdeutschen nicht der Eindruck entstehen, der DGB sei politisch und rechtlich die Nachfolgeorganisation des FDGB, da sonst die Gefahr be-
standen hätte, unter der großen Vertrauenskrise gegenüber den alten Institutionen zu leiden. Zweitens bedeutete die Konzentration auf die bereits bestehenden Strukturen durch die kooperationswilligen DGB - Gewerkschaften einen Aufbau „von oben“, der die Einbeziehung reformwilliger Kräfte außerhalb des FDGB weitgehend ausschloß. Dies schadete nicht nur dem Ansehen der Gewerkschaften innerhalb der Bürgerbewegungen, sondern hatte meiner Meinung nach auch negative Auswirkungen auf die gesellschaftliche Verankerung der Gewerkschaften in Ostdeutschland insgesamt. Der späte Abschied der betreffenden DGB-Gewerkschaften von einer Strategie der engen Kooperation mit dem FDGB konnte diesen Zustand nicht mehr rückgängig machen, da sich viele engagierte ostdeutsche Bürgerinnen und Bürger zu sehr von den westdeutschen Gewerkschaften vor den Kopf gestoßen fühlten. Dieses Problem bestand auch für die Gewerkschaften, die nicht mit dem FDGB kooperierten, da auch hier der Aufbau der Strukturen nicht „von unten“ erfolgte.
Einen ähnlichen Konflikt gab es auch bei dem Aspekt der Übernahme von FDGB-Funktionären. Die Gewerkschaften, die wie die IG Metall keine FDGB-Funktionäre übernahmen, verzichteten auf eine zumeist arbeitsfähige Personalschicht, die nicht leicht zu ersetzen war. Außerdem besaßen diese Funktionäre eine hohe Sozialkompetenz und konnten sich, im Gegensatz zu den meisten „Westimporten“, in die verschiedenen Stimmungen und Schwierigkeiten der Ostdeutschen einfühlen, weil sie Teil dieser Gruppe waren. Auf der anderen Seite bestand seitens dieser Gewerkschaften die Befürchtung, daß der Einsatz von ehemaligen Funktionsträgern eine wirkliche gedanklich und praktische Erneuerung der Gewerkschaften hin zu „modernen“ Fragen wie Umweltschutz und Frauenförderung 17 zumindest behindern könnte. Diese Annahme spiegelt eine gewisse Ignoranz wider, da mindestens in dem „modernen“ Bereich der Frauenförderung die DDR der BRD um Jahre voraus war. Natürlich ist aus damaliger Sicht die Befürchtung gerechtfertigt, die FDGB-Funktionäre könnten von den westdeutschen Gewerkschaftlern nicht akzeptiert werden. Insgesamt gesehen war die generelle Ablehnung von ehemaligen DDR-Funktionsträgern für die gesellschaftliche Akzeptanz der DGB-Gewerkschaften in Ostdeutschland jedoch eher negativ, da sie einerseits eine totale Ablehnung von DDR-Biographien implizierte und den betreffenden Personen darüber hinaus die Fähigkeit absprach, unter der Voraussetzung einer demokratischen Wandlung, sich in dem neuen System hilfreich zu engagieren.
Verstärkt wurde dieser Eindruck einer gewissen „Siegerhaltung“ 18 vieler westdeutscher Gewerkschaftler gegenüber ihren ostdeutschen Kollegen bei den DGB-Organisationen, die als hauptamtliche Mitarbeiter ausschließlich Funktionäre aus der ehemaligen BRD einsetzten. Zwar hatten die westdeutschen Funktionäre 1990 in Ostdeutschland noch einen guten Stand 19 . Im Verlauf der folgenden Jahre drängte sich jedoch vielen Ostdeutschen das Bild einer „Fremdbestimmung“ auf. Sie fühlten sich ihrer Initiativkraft beraubt, für die sie nur wenige Jahren zuvor auf die Straße gegangen sind und sahen sich ausgeschlossen von dem selbst erkämpften Prozeß der gesellschaftlichen Neuordnung. Die wenigen Gewerkschaften, die so wie die GEW bei der Besetzung von hauptamtlichen Stellen in Ostdeutschland ganz oder größtenteils auf westdeutsche Gewerkschaftler verzichteten, waren mit dieser Strategie durchaus erfolgreich. So äußerte sich z.B. Dr. Eckhard Ribitzki, Referent für Schule bei der GEW Mecklenburg-Vorpommern, folgendermaßen: „Die ausschließliche Wahl von ostdeutschen Gewerkschaftlern in die hauptamtlichen Positionen hat uns im Landesverband viel Zustimmung gebracht. Irgendwie haben die Leute hier das Gefühl, Alles selber mit aufgebaut zu haben und sind deswegen sehr stolz auf das, was wir zusammen erreicht haben.“ 20 Dieses angesprochene „Wir-Gefühl“ ist als Bindekraft eine nicht zu unterschätzende Größe beim Aufbau der Gewerkschaften in Ostdeutschland, das jedoch von vielen DGB-Funktionären unterschätzt und teilweise sogar ignoriert wurde.
5. Schlußbetrachtung
Auf Grundlage der mir vorliegenden Literatur über die Ausdehnungsstrategien der DGB-Gewerkschaften formuliere ich abschließend folgende Thesen:
1. Die bis in das Jahr 1990 hinein andauernde passive Rolle des DGB im Rahmen des Reformprozeß in der DDR bewirkte einen irreversiblen Verlust der politischen Gestaltungskraft.
2. Die skeptische Haltung der westdeutschen Gewerkschaften gegenüber den Bürgerbewegungen und FDGB-unabhängigen gewerkschaftlichen Initiativen in der DDR verhinderte die Planung von organisationspolitischen Alternativen. 3. Dem Großteil der DGB-Gewerkschaften fehlte sowohl die politische Weitsicht als auch der notwendige Mut, sich vor dem Hintergrund der beispiellosen Herausforderungen von ihren starren Ansichten zu trennen.
4. Die fehlende Identifikation vieler Ostdeutscher mit den Gewerkschaften als gesellschaftliche Gestaltungskraft ist vor allem auf die Tatsache zurückzuführen, daß sie größtenteils vom Aufbauprozeß ausgeschlossen wurden.
5. Gewerkschaften, die so wie die GEW zumeist Ostdeutsche als hauptamtliche Mitarbeiter einsetzten, erzeugten damit bei den Mitgliedern ein für den Aufbau sehr wichtiges „Wir-Gefühl“.
Der Forschungsstand zu dem von mir bearbeiteten Thema ist meiner nach Meinung noch nicht ausreichend weit fortgeschritten. Zwar gibt es ein relativ großes Angebot an wissenschaftlicher Literatur, die sich mit dem Thema der Genese der Gewerkschaften nach 1989 beschäftigt. Jedoch scheinen sich nur sehr wenige Autoren speziell mit den verschiedenen Strategien der Gewerkschaften zur Ausdehnung ihrer Strukturen beschäftigt zu haben. Das äußert sich zum Beispiel in der Tatsache, daß es mir unmöglich war, hinreichende Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Strategien und Ergebnissen des Aufbauprozesses der einzelnen DGB-Gewerkschaften zu erhalten. Dies ist sicherlich teilweise auf die Tatsache zurückzuführen, daß die Zeitspanne noch relativ kurz ist und der Aufbauprozeß insgesamt von einigen Wissenschaftlern als noch nicht abgeschlossen angesehen wird. Um jedoch eine Gesamtbeurteilung der gewerkschaftlichen Vorgehensweisen nach der politischen Wende 1989 zu ermöglichen, muß meiner Meinung nach der von mir untersuchte Zusammenhang noch stärker in das Zentrum der wissenschaftlichen Untersuchungen gerückt werden.
Eine eindeutige Beantwortung auf die von mir aufgeworfenen Frage, ob die unterschiedlichen Aufbaustrategien der DGB-Gewerkschaften auch unterschiedliche Ergebnisse zur Folge hatten, fällt relativ schwer. Zum Einen liegt dies am dem schon erwähnten unzureichenden Forschungsstand. Zum Anderen erscheint mir eine Unterscheidung in soziologische und funktionale Auswirkungen sinnvoll. Soziologisch betrachtet ist da-
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von auszugehen, daß die oben beschriebenen unterschiedlichen Strategien der westdeutschen Gewerkschaften, besonders in Hinblick auf die Einbeziehung der Ostdeutschen beim Aufbau der Strukturen, Auswirkungen auf die Identifikation der Mitglieder mit ihren Organisationen hatten. Dies wirkte sich jedoch weder auf den Organisationsgrad, der wie in Westdeutschland allgemein bei etwa 30 Prozent liegt, noch auf das Bestehen einer funktionierenden Tarifpolitik aus. Diese Tatsache legt den Schluß nahe, daß die verschiedenen gewerkschaftlichen Strategien keine unterschiedlichen Ergebnisse hinsichtlich der Funktionalität der Gewerkschaften als organisatorische Einheit zur Folge hatten.
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Arbeit zitieren:
Alexander Schiemann, 2000, Der Aufbau der Gewerkschaften in Ostdeutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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am Monday, January 20, 2003-