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Alexis de Tocqueville - verantwortungs- oder gesinnungsethisch
handelnder Staatsmann?
Inhaltsverzeichnis...................................................................................................... 2
1. Einleitung: Die Frage nach der politischen Ethik. 3
2. Hauptteil
2.1 Das Instrument: Max Webers dichotomes Bild des Verantwortungs- und
Gesinnungsethikers
2.1.1 Die politische Ethik Webers. 6
2.1.2 Webers Dichotomie. 7
2.1.3 Die Problematik der Dichotomie. 8
2.1.4 Präzisierung des Instruments. 9
2.1.5 Die Grenzen der Ethiken. 11
2.2 Alexis de Tocqueville - Verantwortungs- oder Gesinnungsethiker?
2.2.1 Menschenbild. 12
2.2.2 Rationalität. 15
2.2.3 Wissenschaft und Methode. 16
2.2.4 Das politische Ziel Tocquevilles. 19
2.2.5 Tocqueville als politisch handelnder Staatsmann. 20
3. Schluß
3.1 Synthese. 25
3.2 Weber und Tocqueville. 26
Literaturverzeichnis 28
3
1. Einleitung: Die Frage nach der politischen Ethik
"...Wie für das Geld muß man für die Macht alles zu tun bereit sein... Wissen Sie, warum Sie so handeln müssen? Sie wollen die Welt beherrschen, nicht wahr? Fangen Sie damit an, daß sie ihr gehorchen und sie genau studieren. Der Gelehrte studiert die Bücher, der Politiker studiert die Menschen, ihre Interessen, die Gesellschaft, die Beweggründe ihrer Handlungen. Welt, Gesellschaft, Menschen zusammengenommen sind Anbeter der vollzogenen Tatsachen..." 1
Diese Ratschläge gibt der angebliche spanische Diplomat und Ehrenkanonikus von Toledo, der geheime Botschafter seiner Majestät Ferdinand des VII, Abbé Carlos Herrera, dem jugendlichen Lucien Chardon (oder lieber: Lucien de Rubempre), als er diesen, der eigentlich schon mit seinem Leben abgeschlossen hatte, weil ihm der so sehr begehrte Erfolg nicht beschert wurde, zufällig begegnete. Der einsame Geistliche kann den verzweifelten und gescheiterten Dichter, der an seinem Ehrgeiz und den ärmlichen Verhältnissen, aus denen er stammt, zerbrach, vom Selbstmord abhalten, indem er ihm aufklärereísch einen Crashkurs in Sachen Erfolg gibt, er nennt es: "Das Gesetzbuch des Ehrgeizes". Darin sind alle moralischen und sittlichen Regeln ersetzt durch die alleinige Götze des Erfolgs. Erfolg ist die letzte Erklärung für alles, der Zweck des Erfolges heiligt alle Mittel. So der Abbé:
"Was müssen Sie sich also in ihren schönen Kopf setzen? Lediglich den folgenden Vorsatz: Man setzte sich also ein glänzendes Ziel und verberge die Mittel, mit denen man es erreicht; verberge seinen Weg....Seien Sie ein Mann, seien Sie ein Jäger, stellen Sie sich auf den Anstand, wählen Sie sich in der Welt von Paris einen Hinterhalt, warten Sie auf eine Beute und einen Zufall, wahren Sie weder ihre Person, noch was man Würde nennt; denn wir gehorchen alle irgendeiner Sache, einem Laster, einer Notwendigkeit; aber wahren Sie das höchste Gesetz: das Geheimnis." 2
Als oberste Regel dient also die Verschwiegenheit, sowohl im Orden, als auch als Regel der Ehrgeizigen. Lucien, dessen Lebenswillen durch die klaren, zynischen, jedoch einleuchtenden Ratschläge des Abbé, die dieser durch historische Sarkasmen untermauert, langsam zurückkehrt, erweist sich in dieser Situation als äußerst empfänglich für die Verderblichkeit dieser Gedanken: sie bringen die dunkle Seite seines Herzens zum klingen, angestoßen durch die entartetsten Gefühle. Die Frage, dieses Welt- und Menschenbild des
1 Balzac, Honoré de, 1996: Verlorene Illusionen, Fft./M; Leipzig, 749f
2 ebenda, 756
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Abbe zu akzeptieren und noch mehr, nach dessen Regeln ein neues, vielleicht erfolgreicheres Leben zu beginnen, wird für Lucien eine Frage um Leben und Tod. Selbstmord, denn ein zurück gibt es nicht mehr, oder der Sekretär und die Kreatur dieses ruchlosen spanischen Politikers in einem zweiten Leben? Lucien entscheidet sich, in den Dienst dieses immernoch unbekannten, angeblich spanischen Diplomaten zu treten, ihn als seinen Schutzherrn zu akzeptieren und von nun an "professioneller" nach Erfolg zu streben.
In dieser Episode gegen Ende von Honoré de Balzacs "Verlorene Illusionen" wird durch die Figur des spanischen Dipomaten ein Bild des Politikers/Staatsmanns 3 gezeichnet, das zum Nachdenken anregt. Basierend auf einer Antimoral entsteht d as Bild des nur sich selbst genügenden, die Macht um der Macht Willen erstrebenden, des weder Idealen noch der Verantwortung für das eigene Handeln verpflichteten Menschen. Heiligt der Zweck wirklich die Mittel, unabhängig davon, welches Ziel man verfolgt? Es handelt sich um die Frage nach der Ethik in der Politik.
Diese Frage stellten sich im Revolutionswinter des Jahres 1918/19 auch die Angehörigen des Münchner linksliberalen "Freistudentischen Bundes", wo Max Weber am 28.01.1919 über Politik als Beruf spricht. Zuerst unwillig, aufgrund von einigen jüngst in der Politik gemachten schlechten Erfahrungen, sagt Weber dennoch zu, als ihm zu Ohren kommt, "daß an Kurt Eisener als Redner gedacht wurde. Das mochte er nicht ertragen. 'Weber sagte umgehend zu, kam und hielt einen Vortrag, dessen Text ein kleines Meisterwerk der Theorie der Politik und ein Dokument des Standes demokratischen Denkens in jenem kritischen Augenblick deutscher Geschichte wurde.'" 4 So entstand die Rede "Politik als Beruf" in einer besonderen historischen Situation, "deren Stoßrichtung gegen die pazifistischen Strömungen der Zeit unübersehbar ist", die jedoch wesentliche und bis heute gültige Aussagen über das Wesen der Politik enthält. 5
In dieser Rede wendet sich Weber nach definitorischen Festlegungen, Betrachtungen und Voraussetzungen über den "äußeren Beruf zur Politik" ausführlich dem prinzipellen Verhältnis von Ethik und Politik zu. Dabei arbeitet er eine Grundunterscheidung zwischen zwei möglichen, jedoch grundverschiedenen und s ich ausschließenden ("abgrundtiefer
3 "Staatsmann" sei in dieser Hausarbeit gleichbedeutend mit "Politiker" und nach Max Weber wie folgt
definiert: Sie/Er hat die Leitung eines Staates inne oder sei an der Beeinflussung der Leitung eines Staates
beteiligt.
4 Birnbaum, Immanuel, 1963: Erinnerungen an Max Weber, Kölner Zeitschrift für Soziologie und
Sozialpsychologie (KZfS), Sonderheft 7, 19-21,
5 Mommsen, Wolfgang J., 1989: Politik und politische Theorie bei Max Weber, in: Johannes Weiß(Hg): Max
Weber heute: Erträge und Probleme der Forschung, Fft/M, 520
5
Gegensatz" 6 ), Orientierungen politischen Handelns heraus: es kann entweder "gesinnungsethisch" oder "verantwortungsethisch" motiviert sein. Diese Dichotomie der Handlungsmotivationen soll mir in der Hausarbeit als Werkzeug dazu dienen, das Bild des Staatsmanns Alexis de Tocqueville zu erhellen und zu beschreiben: Welche grundsätzliche Handlungsmotivation hat ein Alexis de Tocqueville, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine leitende Position innerhalb des Staates auszuführen? Ist sein Handeln eher gesinnungsethisch oder verantwortungsethisch ausgerichtet?
Alexis de Tocqueville bietet sich in zweifacher Hinsicht als Untersuchungsobjekt an: Einerseits in seinem Wirken als politischer Theoretiker, das ihm erlaubt hat auch abstrakte Prinzipien zu beschreiben und zu fordern. Andererseits als aktiver Politiker, der einem Handlungszwang ausgesetzt ist und damit eben nicht abstrakte Prinzipien verwirklichen kann, sondern im politischen Tagesgeschäft Kompromisse eingehen muß. Die Spannung, die sich aus der Anwendung der Theorie in der Praxis und umgekehrt ergibt und die Erfahrungen, die er daraus zieht, machen Tocqueville in der politischen Szene seiner Zeit zu einem herausragenden politischen Akteur.
Max Weber auf der anderen Seite hat mit seiner theoretischen, idealtypischen Darstellung der ethischen Handlungsmotivationen in der Politik ein ideales Werkzeug zur Durchdringung und Klassifizierung des Staatsmanns Alexis de Tocquville geliefert. Es wird die These vertreten, dass Tocqueville im Verlauf seiner politischen Karriere zunehmnend verantwortungsethisch gehandelt hat.
Gesinnungsethisches Handeln, das bei Tocqueville in der Erkenntnis durch sein theoretisches Werk (Über die Demokratie I und II) und in den auf Reisen gemachten Erfahrungen seinen Ursprung findet, tritt mit wachsender Erfahrung in der praktischen Politik zurück. Die Wurzeln der gesinnungsethischen Hauptlinie läßt sich hauptsächlich in der Zeit vor der politischen Karriere (vor 1839) festmachen. Der Prozeß der Loslösung von den gesinnungsethischen Verankerungen beschleunigt sich während seiner politischen Karriere, und kommt zu einem Schlußpunkt während der Zeit des Innehabens des Außenministeriums.
Während Tocquevilles Rückzug von der Politik, an der Zeit des inneren Exils, lassen sich die Grenzen seiner Verantwortungsethik aufzeigen.
Wird die "Professionalisierung" Lucien, den fiktiven Zeitgenossen Tocquevilles, zum so sehr ersehnten Erfolg führen? Wohin, in welche Kreise begiebt er sich? Ist der spanische
6 Kaesler, Dirk, 1997 in: Stammen, Theo: Hauptwerke der politischen Theorie, Stuttgart, 519-522
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Staatsmann, sein "Schutzherr", wirklich ein Diplomat? Lucien selbst hat eine düstere Vorahnung, wie er in dem Abschiedsbrief an seine Schwester schreibt: "Anstatt mich zu töten, habe ich mein Leben verkauft. Ich gehöre mir nicht mehr; ich bin nicht der Sekretär eines spanischen Diplomaten: Ich bin seine Kreatur. Ich gehe einem schrecklichen Leben entgegen, vielleicht wäre es besser gewesen, mich ins Wasser zu stürzen." 7
Weber, soviel sei gesagt, wendet sich gegen den "bloßen Machtpolitiker". "Eitelkeit", "Verantwortungslosigkeit", "Unsachlichkeit" 8 sowie das Anstreben von Macht allein um ihrer selbst willen, wie es der Abbe Carlos Herrera propagiert, sind nicht im weberischen Sinne. Es bleibt also spannend. 9
2.1 Das Instrument: Max Webers dichotomes Bild des Verantwortungs- und Gesinnungsethikers 10
2.1.1 Die politische Ethik Webers
Max Weber definiert Politik als Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung. Der Staatsmann läßt sich demzufolge, wenn er der Leitung oder der Beeinflussung der L eitung eines Staates nachgeht, also Politik betreibt, auf einen Pakt mit der Macht ein. Und nicht nur das. Er muß einen Pakt mit der Gewaltsamkeit schließen; denn: Das spezifische Mittel und einzigartige Merkmal des souveränen Territorialstaats ist die Gewaltsamkeit. 11 Dem Staat obliegt das Gewaltmonopol. Legitime Gewaltsamkeit in der Hand menschlicher Verbände. Dahinter verbirgt sich die Besonderheit und Brisanz der ethischen Probleme der Politik. Weber sieht die Problematik der politischen Ethik tief in der Religion verwurzelt: "Die Erfahrung von der Irrationalität der Welt war ja die treibende Kraft aller Religionsentwicklung...Auch die alten Christen wußten sehr genau, daß die Welt von Dämonen regiert sei, und daß, wer mit der Politik, das heißt: mit Macht und Gewaltsamkeit sich einläßt, mit diabolischen Mächten einen Pakt schließt, und daß für sein Handeln es nicht wahr ist: daß aus Gutem nur Gutes, aus Bösem nur Böses kommen
7 Balzac, a.a.O., 786
8 Weber, Max, 1992: Politik als Beruf, Stuttgart, 63
9 Ich selbst habe das Folgewerk Balzacs innerhalb der "Illiade der Korruption" der menschlichen Kommödie
noch nicht gelesen, werde dies jedoch in der nächsten freien Minute tun.
10 zu Webers politischer Ethik im Punkt 2.1 vgl: Weber, a.a.O., 65ff
11 Weber, a.a.O., 6
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könne, sondern oft das Gegenteil." 12 So muß derjenige, der Politik treiben will, den Boden der religiösen Absolutheitsethik verlassen. Denn die Frage nach den Folgen stellt die absolute Ethik (z.B.der Bergpredigt) nicht. So fand auch in außerchristlichen Religionen, Weber zitiert hier das Bhagavadgita, eine Einordnung des Krieges in die Gesamtheit der Lebensordnungen statt. "Tue das Notwndige", nämlich Krieg führen, und das religiöse Heil bleibt nach diesem Glauben unbeschädigt. "Diese Spezialisierung der Ethik ermöglichte der indischen Ethik eine gänzlich ungebrochene, nur den Eigengesetzen der Politik folgende, ja diese radikal steigernde Behandlung dieser königlichen Kunst." 13 Diese "spezialisierte Ethik" ist nahe an Macchiavellis Florentiner Bürgern, "denen die Vaterstadt höher stand als das Heil ihrer Seele". 14 Verantwortung übernehmen für das Heil der Vaterstadt, politisches Handeln also, ggf.mit gewaltsamen Mitteln. Es handelt sich um reines verantwortungsethisches Handeln. Es gefährdet das Heil der Seele und ist unerträglich für den Gesinnungsethiker, der die ethische Irrationalität der Welt nicht erträgt. Es tut sich ein abgrundtiefer Gegensatz auf.
2.1.2 Webers Dichotomie
Die Wurzeln des abgrundtiefen Gegensatzes sind kurz beleuchtet worden. Welche Merkmale zeichnen jedoch die beiden Idealtypen des verantwortungsethischen und gesinnungsethischen Handelns nach Weber aus?
Der verantwortungsethisch handelnde Politiker rechnet mit den durchschnittlichen Defekten der Menschen. Er hat, nach Fichte, gar kein Recht ihre Güte und Vollkommenheit vorauszusetzen. Dabei will er die voraussehbaren Folgen seines Tuns nicht auf andere abwälzen, er fühlt sich für sein Handeln verantwortlich. Für den nach der gesinnungsethischen Maxime Handelnden spielen die Folgen seines Tuns keine Rolle. Nicht er selbst, sondern die Welt ist für die Folgen verantwortlich. Die Verantwortlichkeit des Gesinnungsethikers beschränkt sich lediglich darauf, die Flamme der reinen Gesinnung hell und klar leuchten zu lassen. In diesem Sinne haben all seine Taten exemplarischen Wert für die Gesinnung. Die Irrationalität wird solange toleriert, solange es der als Wahr erkannten Gesinnung dient. Nach Weber sucht er das Heil seiner Seele und die Rettung anderer Seelen in der Politik. Dabei kann das Ziel Schaden leiden, weil die Verantwortung fehlt für die Folgen und diese und gf.weitere Nebenfolgen ungesehen bleiben und dadurch Konsequenzen geschaffen werden, denen der
12 Weber, a.a.O., 74
13 Weber, a.a.O., 75
14 Weber, a.a.O., 79
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Dominik Sommer, 1999, Alexis de Tocqueville - verantwortungs- oder gesinnungsethisch handelnder Staatsmann?, München, GRIN Verlag GmbH
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