Abteilung für Osteuropäische Geschichte im Historischen Seminar der Universität Köln 2
Einführungsseminar: „Juden im Spätmittelalter“ Dozent: Prof. Dr. Christoph Schmidt SoSe 2001, 03.07.2001 Referent: Thomas Kiechle ⇒ Das Zusammenleben zwischen Juden und Christen
Fueros, Stadtrechte, regelten das Zusammenleben zwischen der jüd., isl. und christl. Bevölkerung in den eroberten Gebieten. Bemerkenswert ist, dass die Rechte der Juden nicht en bloc, sondern verstreut innerhalb der fueros festgehalten sind. Ein Indiz für Gleichberechtigung?
Juden lebten in Judenvierteln (judería/call), hier konnten sie die Religionsgesetze leichter einhalten. Das Leben innerhalb der Gemeinden wurde durch die Aljama 3 geregelt; ein hebräisches Gericht sprach Recht bei innerjüdischen Streitigkeiten. Die jüdischen Gemeinden hatten das Recht, Synagogen zu errichten, ihre Mitglieder hatten auch das Recht auf Privat- und Grundbesitz (Felder und Weinberge). Sephardim waren in allen Berufszweigen vertreten, im Geldhandel und als Mediziner (Maimonides) überproportional vertreten.
Alles Anzeichen für eine spirituelle und rechtliche Integration im Königreich. Wie konnte es also im „Spanien der drei Religionen“ (Leroy: Seite 77) zu der Vertreibung der Juden gemäß des Ausweisungsedikts Isabellas von Kastilien und Ferdinands von Aragonien am 31. März 1492 kommen?
2.) 1492 Vertreibung aus Spanien
a) Ursachen und Gründe, sozialer Hintergrund
Vor der Ausweisung kam die Ausgrenzung: Die Kirche spielte in Spanien nach und nach eine größere Rolle; ab 13. Jahrhundert rückten Passion und der Tod Christi immer mehr in den Mittelpunkt religiösen Interesses; Juden als Gottesmörder. Daneben antijüdische Argumente, die instrumentalisiert wurden (auch aus Rachsucht, Geldgier) und langsam Gehör beim einfachen Volk fanden: „Juden leihen Geld, nehmen Zins und Pfand und nehmen Christen somit die Lebensnotwendigkeiten. Juden ziehen Steuern und Zölle ein, regieren über Christen.“
Auch Ausschreitungen, Pogrome im Zuge der Pest (1348, 1361, 1375 und 1383); die Vorwürfe des Ritualmordes oder der Hostienschändung gelangten dagegen erst spät nach Spanien (1490).
Größte Eruption des aufkommenden antijüdischen Einstellung war der Pogrom 1391 von Sevilla, der sich auf ganz Nordspanien ausweitete und zur Verödung oder sogar der Auslöschung vieler juderías führte. ⇒ Conversos 4
Aufgrund dieses und weiterer Vorfälle beschlossen viele Juden, die Taufe einem möglichen Martyrium vorzuziehen.
Auch die „Disputationen“ zwischen christlichen und jüdischen Vertretern führten zu vielen Glaubenswechsel; Ihnen vorausgegangen waren eine Schwäche des jüd. Glaubens bzw. ein spiritueller Vefallsprozess (Jelinek; Schubert: Seite 11).
Im 15. Jahrhundert gab es dann innerhalb der christlichen Gesellschaft zwei Parteien: Altchristen und conversos.
Conversos genossen die Rechte der Christen, nahmen aber auch zum großen Teil noch am jüd. Leben teil (Sabbat, Beschneidung).
Zogen Neid und Unbill von beiden Seiten auf sich: sozial höher gestellt, „Kryptojuden“. Kirche verfolgte das Ziel, aus den conversos gute Christen zu machen, Inquisitoren verfolgten Konvertierte wg. Häresie.
Alle Maßnahmen (Verfolgung, Errichtung abgegrenzter Judenviertel) fruchteten nicht. Letzte Konsequenz: Vertreibung aus Spanien per Dekret 1492: Juden hatten entweder drei Monate
3 Arabisch für Versammlung; Aljama sind das jüd. Pendant zur Munizipalität.
4 Im Volksmund wurden Konvertierte „Marrana“ (Schweine) genannt, Juden nannten sie „Anusim“ (Gezwungene).
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Einführungsseminar: „Juden im Spätmittelalter“ Dozent: Prof. Dr. Christoph Schmidt SoSe 2001, 03.07.2001 Referent: Thomas Kiechle
Zeit, christlichen Glauben anzunehmen, sonst mussten sie das Land (ohne Geld, Gold und Entschädigung für Landbesitz) verlassen. Thesen: Mögliche Motivationen für Vertreibungen:
a) Bürgertum begann Berufszweige für sich in Anspruch zu nehmen, die ehemals von Juden dominiert wurden. Eine Ausgrenzung/ Vertreibung der jüdischen Konkurrenz kam diesem Streben zugute.
b) Die Könige hatten nach Beendigung der Bürgerkriege und der beendeten reconquista (1492: Eroberung Granadas) den Wunsch nach einer religiösen Einheit des Reiches . c) Conversos in hohen Ämtern wollten allen möglichen Anfeindungen die Grundlagen nehmen, indem sie die Vertreibung befürworteten.
Kommentiertes Literaturverzeichnis
Greive, Hermann: „Die Juden - Grundzüge ihrer Geschichte im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1980. Übersichtswerk zur Einordnung in europäischen Kontext. Heimann-Jelinek, Felicitas; Schubert, Kurt: „Sparadim-Spaniolen - Die Juden in Spanien - die sephardische Diaspora“, Österreichisches-Jüdisches Museum in Eisenstadt, 1992. Gutes Übersichtswerk, breit gefächert. Henrix, Hans Hermann: „1492-1992: 500 Jahre Vertreibung der Juden Spaniens“, Einhard Verlag, Aachen, 1992. Inhaltlicher Schwerpunkt auf die Geschichte der Conversos.
Leroy, Béatrice: „Die Sephardim - Geschichte des iberischen Judentums“, Nymphenburger Verlags GmbH, München, 1987. Bestes und ausführlichstes Werk, sehr anschaulich und leicht verständlich.
Arbeit zitieren:
Thomas Kiechle, 2001, Die Vertreibung der spanischen Juden (Sephardim) 1492, München, GRIN Verlag GmbH
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