1. Begriffsbestimmung
Der Zeichenlehrer Calogero hat sich nie in seinem Leben für Politik interessiert. Dennoch wird er zum Hauptkandidaten der sozialdemokratischen Partei für die Kommunalwahlen des Jahres 1966 im sizilianischen Campopace. Durch persönliche Beziehungen mobilisiert er außerdem zusätzliche Wählerschaft für die Partei. Diese ihm auferlegte Verpflichtung ist Gegenleistung für die Begünstigung bei einer Abiturprüfung, die der Verlobten Calogeros auf dessen Bitten durch eine Studienrätin zuteil wird, die ihrerseits mit einem sozialdemokratischen Parteisekretär vermählt ist... 1
Behörden bearbeiten Anträge, Akten und andere Dokumente bevorzugt, wenn sie von Personen kommen, die Macht besitzen oder durch solche geschützt werden. Bei der Vergabe von Bauprojekten und der Besetzung von Angestellten- oder Beamtenstellen entscheiden nicht Sachgesichtspunkte, sondern die persönliche Beziehungskette zwischen Bewerber und Prüfer. Private Firmen werden zu defizitären Verwaltungsapparaten aufgebläht und in staatliche Abhängigkeit getrieben, weil Banken Kredite nur im Gegenzug zur Stellenvermittlung vergeben... Solcherlei „Futterkrippenwirtschaft“ („spoils system“/ M. Weber 2 ), die
Mühlmann und Llaryora Mitte der 60er Jahre bei ihren sozialanthropologischen Untersuchungen in Campopace antreffen, fällt genauso wie das zuerst genannte la-voro capillare (Werben um Wählerstimmen bei Freunden und Verwandten) soziopolitisch unter den Begriff der Patronage, ein Phänomen, das, so J. Boissevain 3 ,.
„den Staat schwächt, Vetternwirtschaft, Korruption und influence-peddling ermöglicht und die Autorität der Gesetze untergräbt.“ Es handelt sich um ein System von Leistungen, die zwischen einer Patron (P) benannten Machtperson und ihren Klienten (C) ausgetauscht werden. Der Patron ist im Besitz eines Patronates, einer permanenten und institutionalisierten Position, die ihm bestimmte „Chancen“ (M. Weber 4 ) an Macht, Prestige, Einfluss und
1 Mühlmann/Llaryora, S. 21
2 Mühlmann/Llaryora, S. 37
3 Mühlmann/Llaryora, S. 36
4 Mühlmann/Llaryora, S. 13f.
2
Reichtum ermöglicht, kraft derer er niedriger gestellte Personen durch Dienstleistungen begünstigen kann. Hierfür erwartet P Gegenleistungen von C 5 .
Bei der interpersonalen Beziehung (Dyade) zwischen C und P handelt es sich um eine Klientschaft mit reziproken Rechten und Pflichten. Die wechselseiti-
ge Abhängigkeit zwischen C und P ist asymmetrisch, ihre Beziehung vertikal (von unterschiedlichem Status): C ist abhängiger von P als umgekehrt. P hat in der Regel viele C´s, während C nur einen P hat. Das Potential an Prestige, Macht, Reichtum und Beziehungen, insbesondere zu einflussreichen Personen, ist ungleich ve rteilt. Es wird unterschieden zwischen einfacher Klientel, der Gefolgschaft von P, und komplexer Klientel, bei der neben den Interaktionen zwischen Patronen und Klien-
ten auch die (ritual-) verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen auf horizontaler Ebene berücksichtigt we rden. 6
Freilich handelt es sich auch bei der einfachen Klientel keinesfalls um eine bloße Ansammlung vertikaler Dyaden (P/C-Beziehungen), ist doch die Kommunikation der einzelnen C´s untereinander entscheidender Faktor für die Reputation P´s, die den Grad seiner Dominanz ausmacht 7 (s.u.).
Bei der extendierten Klientel wird die Vertikalbeziehung auf der unteren Ebene horizontal erweitert durch die Stiftung einer Kette von Verwandten und Freunden. Ein Klient C kann aber nicht nur horizontale „action sets“ in Bewegung setzen, er kann auch unter Rollenwechsel zu einem P seinerseits vertikale Beziehungen aktivi eren zu Sub-C`s, die dann ihrerseits wieder horizontale Beziehungen flüssig machen. Das Konstrukt als Ganzes nennt sich extendierte Patronage. 8
Die Klientel stützt sich auf Beziehungen, die schon vor ihrer Bildung existierten. Dieses „underlying network“ („zugrundeliegendes Beziehungsgeflecht“/ A.C. Mayer) ist Voraussetzung und schafft die „objektive Möglichkeit“ (M. Weber) einer Klientel, ist aber noch nicht diese selbst. Bei der Entfesselung einer einmaligen Handlungsserie („action set“/A.C. Mayer) durch Ego (den Patron) zu einem bestimmten Zweck (z.B. Wahlhilfe) handelt es sich lediglich um den experimentellen Ansatz zu einer Klientel, die erst durch eine analoge spätere Situation (Iterati- 5 Mühlmann/Llaryora,S. 1
6 Mühlmann/Llaryora, S. 3f.
7 Mühlmann/Llaryora, S. 13
8 Mühlmann/Llaryora, S. 6f.
3
on) auf dem gleichen basalen Beziehungsgeflecht manifestiert wird. Bei diesem Vorgang kommt es zum Entstehen einer Vereinigung ohne formelle Mitgliedschaft mit einem gemeinsamen Ziel, einer sogenannten „Quasi-Gruppe“. Daneben kommt es zur Bildung von „Cliquen“, informellen Gebilden, die aus Mitgliedern der Quasi-Gruppe mit direkter Verbindung zu Ego bestehen und unter sich „a high rate of interaction“ (A.C. Mayer) aufwe isen. 9
Klientele sollten nicht isoliert betrachtet werden, da sie stets eingebunden sind in eine übergeordnete soziopolitische Struktur. In einem solchen Klientelsystem (bzw. einer solchen Klientage) treten Patrone verschiedener Klientele auf horizontaler Ebene miteinander in Beziehung. Charakteristisch ist die Bildung von Kartellen, eine Zusammenarbeit mehrerer P´s im Konkurrenzkampf mit rivalisierenden Patronen. Auf den unteren Ebenen gibt es kaum koordinierte Querverbindungen zwischen den Mitgliedern der verschiedenen Klientele. Bei Aktionen fungieren die einzelnen Klientele als geschlossene Einheiten, sämtliche Entscheidungen und alles Handeln bleiben abhängig vom Willen der Patrone. 10
Im folgenden Abschnitt werde ich praktische Beispiele für Klientelbeziehungen nennen und eine knappe, aber anschauliche Beschreibung der Kommunikationsstruktur, die innerhalb von Klientelen existiert, versuchen. Die Darstellung der Feldforschungsarbeit der Autoren werde ich auf einige zentrale Aspekte reduzieren, da mir das Beispiel des Dorfschullehrers Calogero im Detail nicht exemplarisch für das Phänomen der Patronage (zumindest nicht deckungsgleich mit dem theoretischen Konzept des Textes) erscheint. 11 Statt dessen werde ich im Schlussab-
schnitt eine Anwendung des vorgestellten theoretischen Konzeptes, deskriptiven Materials und wissenschaftlichen Diskurses auf ein konkretes Beispiel aus der Lebenswelt Berliner Hochschulangehöriger skizzieren.
2. Deskriptive Dimension
(a) Die zwischen P und C ausgetauschten Leistungen sind verschiedenster Art. Landbesitzende Ärzte und A nwälte bieten medizinische Versorgung bzw.
9 Mühlmann/Llaryora, S. 9f.
10 Mühlmann/Llaryora, S. 10f.
4
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Clemens Grün, 1998, Klientschaft, Klientel und Klientelsystem in einer sizilianischen Agro-Stadt, Munich, GRIN Publishing GmbH
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