4.Ausfahrt: Ein weiteres Mal zieht Siddhartha zum nördlichen Tor hinaus. Ein Bettelmönch mit ausgeglichenem Gemüt kreuzt seinen Weg. Er hat die „inneren Lüste“ aufgegeben und sucht seine innere Ruhe in der Heimatlosigkeit. Das gefällt ihm.
Siddhartha über die Gründe seines Auszugs
„Obwohl ich sehr verwöhnt war, kam mir der Gedanke, wenngleich jeder Mensch dem Alter, der Krankheit, dem Tode unterworfen ist, fühlt er doch Widerwillen, wenn er einen anderen gealtert, krank oder als Toten sieht. [...] Als ich dies bedachte, fand ich: Wie, wenn ich, der ich das Übel von Alter, Krankheit und Tod erkannt habe, nach dem suchen würde, was davon frei ist: nach dem höchsten Frieden, nach dem Nirwana ? Ich schor mir Haar und Bart, legte die gelben Gewänder des Asketen an und zog aus dem Haus in die Hauslosigkeit.“
Der Asket
Siddhartha hatte zwei Asketen als Lehrer. Er kasteite sich wie sie, verweigerte Essen und Trink en und verzichtete auf alles, was angenehm war. Aufgrund seiner Enthaltsamkeit magerte er immer weiter ab. Aufgrund eines Traumes entsagte er der strengen Askese und aß wieder. Er erkannte die Vergeblichkeit aller Kasteiung. Er wusste jetzt, dass er die Wahrheit nicht irgendwo, sondern in sich selbst suchen musste. Er meditierte und befreite seinen Geist durch milde Askese.
Die Erleuchtung
Jahre vergingen. Siddhartha lebte als Bettelmönch. Eines nachts, als er in tiefe Versenkung gefallen war, kam der Teufel, um ihn zu versuchen. Siddhartha widerstand allen Verlockungen. Nach neunundvierzig Tagen, als der Morgen anbrach, gelangte er zur vollkommenen Erleuchtung. Aus dem Prinzen und Wandermönch wurde ein Erleuchteter – ein Buddha. Nun besaß er das dreifache Wissen: die Erinnerung an frühere Geburten, die Einsicht in die Zukunft und den Einblick in die Entstehung und Vernichtung des Leidens.
Ein Buddha für alle
Der Buddha wollte, dass auch andere die Befreiung finden. Er lehrte: „Erkennt, dass alles Dasein leidvoll ist. [...] Der Ursprung des Leides in der Welt ist der Durst nach Wiedergeburt, der Durst nach Befriedigung der fünf äußeren und inneren Sinne, der Durst nach dem Tod.“ Sein Motto beinhaltet folgendes: „Dies aber ist die heilige Wahrheit von der Aufhebung des Leidens, der Achtfache Pfad: reiner Glaube, reiner Wille, reine Rede, reine Tat, reines Leben, reine Absicht, reines Denken, reine Meditation.“ Der Buddha wanderte durch Indien und sammelte eine immer größer werdende Gemeinde (sangha) um sich.
Außerdem lehrte er die fünf Regeln für das tägliche Leben: „Habt Mitleid und achtet auf das geringste Leben. Gebt und empfangt freimütig, aber nehmt nichts ungebührlich entgegen. Sagt niemals eine Lüge, auch dann nicht, wenn es die Situation zu entschuldigen scheint. Meidet Genussgifte, achtet eure Frauen und begeht keine unsittlichen Handlungen.“
Buddhas Lehre: Der Weg nach innen
Die Legende um Siddhartha Gautama zeigt, dass niemand als Buddha geboren wird, sondern erst auf einem langen Weg ein Erleuchteter, ein Buddha werden kann. „Erleuchtung“ bedeutet die tiefste Erfahrung und Erkenntnis, die ein Mensch überhaupt erreichen kann.
Yana
Der Buddha weist den “mittleren Pfad“. Er leitet an zu einem fortwährenden Sichloslösen: vom Körpergefühl, vom Besitz, von den Bildern und Vorstellungen des Denkens.
Der Name für Buddhismus in Sanskrit, der heiligen Sprache Asiens, ist yana. Es bedeutet “Fährboot“ oder “Fähre“. So ist die Lehre zum Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten.
Der Buddhismus ist ein Weg, den jeder selbst gehen muss.
Der Kreislauf der Wiedergeburten
Zentrale Begriffe des Buddhismus sind samsara, karma und maya.
Samsara ist ewig kreisendes Leben: „die Welten sinken und die Welten steigen“. Durch Tod und Neugeburt tauschen die Gestalten dieser Welt ihre Erscheinung. Trotz allen Sterbens gilt im Buddhismus das Leben als todlos; in jedem Tod wandelt es sich zu neuen Formen. Wer treibt aber den Kreislauf an? Der Buddha selbst. Denn er tut immer irgendetwas. Dieses “Tun“, karma, gehört zum Lebensgang. So wirkt sich das Karma zu Leid und Schicksal aus. Was in diesem Leben
unerledigt bleibt, zwingt zur Wiedergeburt. Gute Taten haben eine bessere Wiedergeburt als schlechte. Nur wer die volle Gelassenheit erreicht, entgeht dem Samsara. Dieser Mensch kann hinauf in die Schwerelosigkeit, an den Ort höchster Klarheit und bewegungsloser Stille, ins nirwana.
Das Nirwana
Nirwana ist kein Ort, sondern ein Zustand. Es ist ein „Verwehen“, „Verlöschen“, das Ziel der „Befreiung“.
Eine gott-lose Religion ?
Buddha hat darauf verzichtet, von Gott zu sprechen. Statt dessen lehrt er das dharma, das universelle, absolute Gesetz. Wer sein Karma mit dem Dharma übereinstimmend macht, erreicht das Nirwana.
Die “Drei Fahrzeuge“ im Buddhismus
Der Buddhismus nennt sich selbst Yana, Fähre (über das Meer des Leidens zum Nirwana). Im Lauf der Zeit haben sich viele unterschiedliche Auffassungen und Formen des Buddhismus entfaltet (hinayana – Kleine Fähre, mahayana – Große Fähre, tantrayana – Fähre der Tantra-Texte):
Der Hinayana-Buddhismus
Die Anhänger des historischen Buddha waren Mönche. Mit Hilfe von Sponsoren konnten bald die ersten Klöster (viharas) gebaut werden. Hier entwickelte sich ein Elitebewusstsein und ein straffes Reglement für das Ordensleben. Im Vordergrund standen 1. der Buddha als historische Person, 2. das Dharma, die Lehre, 3. Die Sangha, die Gemeinde. Dies war der Rahmen für den Buddhismus des kleinen Fahrzeugs. “Klein“ heißt es deswegen, weil der Hinayana nur einer Minderheit “Platz“ bietet. Es ist ein Mönchsbuddhismus.
Zweihundert Jahre nach Buddhas Tod kam der grausame König Ashoka auf den Thron. Er lernte (um 250 v.Chr.) Buddhas Lehre kennen. Es vollzog sich in ihm eine grundlegende Wandlung. Als erster Herrscher der Weltgeschichte verzichtete er auf Krieg und Unterdrückung als Mittel der Politik, wurde “Kaiser des großen Friedens“ und eines Weltreichs der Toleranz und Menschlichkeit. Gandhi knüpfte an dieses Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit wieder an.
Das heutige Zentrum des Hinayana ist Sri Lanka.
Der Mahayana-Buddhismus
Diese Richtung will nicht nur wenigen Auserwählten, sondern möglichst vielen ein Fährboot zum Heil sein. Buddha steht als eine übernatürliche Gestalt vor Augen, zu der die Gläubigen ihre Zuflucht nehmen, damit er sie errettet. Diese Erwartung erwartet das Heil aus Gnaden, nicht aus mönchischer Askese. Nun wird verlangt, 1. Ein in Gedanken, Worten und Taten reines Leben zu führen, 2. Den Buddha in Liebe zu verehren, 3. Den Vollendeten anzurufen, 4. Dem Buddha nachzueifern in seinem unendlichen Mitleid mit allen Kreaturen, 5. Über die Vollkommenheit des Buddhas zu meditieren. Letztes Ziel im Mahayana ist nicht, ein Vollendeter, ein Buddha zu werden, sondern ein Bodhisattva, der andere zur Erleuchtung (bodhi) führen kann. Mahayana erzieht seine Anhänger zu selbstlosem Einsatz.
Der Tantrayana-Buddhismus
Die späteren buddhistischen Schulen verfassten ihre Texte auch in Tibetisch und Chinesisch. Die hier entstandenen Richtungen nennt man das Tantrayana, das Fährboot der Tantratexte. Es ist ein Buddhismus, der vorgefundene volkstümliche Anschauungen, Götter- und Dämonenglauben in sich aufgenommen hat. Tantra ist ein Erlösungsweg, der die Erlebnisfähigkeit des Menschen einbezieht. In das tibetische Hochland fand der Buddhismus erst im 7.-9.Jhd. Eingang. Vorher wurde dort einem Geisterglauben angehangen, der viele drohende Elemente kannte. Der eindringende Buddhismus musste einen Kompromiss suchen: die Ideen von der Überwindung der Leidenschaften und vom Achtfachen Pfad vermischten sich mit Dämonen- und Te ufelsglauben, mythischen Gottheiten und Kultbräuchen. Dem Mönch Atisha aus Bengalen gelang es, die Lehre des Buddhismus wiederherzustellen.
Der Titel „Dalai Lama“ wurde erst 1578 durch einen Mongolenfürsten verliehen. Jeder Dalai Lama gilt als Wiedergeburt seines Vorgängers.
Wer sich über die traditionelle Religionspraxis erheben will, braucht einen geistlichen Lehrer (guru), der über viele Jahre den Stufenweg zur Erleuchtung führt. Dies bildet eine Weggemeinschaft.
Arbeit zitieren:
Kornelia Langer, 2000, Buddhismus, München, GRIN Verlag GmbH
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