nur Ankündigung oder Erinnerung der Gegenwart, nicht der paradiesische Augenblick selbst kann ins Wort gefaßt werden
neues Vergleichsfeld für die Geliebte: Sonne entspricht dem Paradies insofern, als daß sie auch nicht direkt erfahr-und gestaltbar ist
Friede Gottes: Zitat aus dem Philipperbrief 4.7 à unterstreicht Zusammenhang zwischen Erkenntnisproblematik der Elegie und der Bibel
(hier Transformation der Metaphorik ins Religiöse)
Glück der Nähe kann dichterisch dargestellt werden aus der Entfernung/Trennung heraus à Verwandlung ins Dichterische ermöglicht erst die Gestaltwerdung des an sich gestaltlosen Glücks Strophen 16 u. 17:
ungetrübte Naivität des Verfügens über den erfüllten Augenblick - kindliches Gemüt der Geliebten kennt die Erfahrung des Schmerzes nicht
ihr Gemüt ist kindlich und auf den Augenblick hin ausgeprägt: Kind lebt in unbewußter Gegenwärtigkeit ohne
Übermenschlichkeit der Geliebten à Mensch ist nur der aus dem Paradies vertriebene (erkenntnisreiche) Geliebte: Gab dir ein Gott die Gunst des Augenblickes, (V. 104)
Dichter: Gab mir ein Gott zu sagen was ich leide. (Motto) - geknüpft an die Nichtexistenz der Gunst des Augenblickes Strophen 20 und 21:
paradoxe Grunderfahrung des liebenden Dichters - Dichten ist Kampf auf Leben und Tod, weil
Liebe kann aber nur aus der Entfernung/Trennung gestaltet (gedichtet) werden
somit: Voraussetzung für das Dichten (Trennung) entzieht dem Dichter das Leben (Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde. letzter Vers) umgekehrt: Nähe bedeutet den Tod des Dichtens vgl. V.119ff.: Wohl Kräuter gäb’s , des Körpers Qual zu stillen;
d.h. Geist des Dichters kann nur leben, wenn er die Geliebte nicht vermißt
Geist rückt die Geliebte in die Nähe der dichterisch-geistigen Begegnung, körperliche Nähe entläßt keine Dichtung aus sich
è Entwurf eines erkenntnistheoretischen Problems der Anschauungsformen von Raum und Zeit, hier als Begriffskonflikte von Gegenwart und Vergangenheit, Nähe und Ferne somit auch Differenz zwischen dichtendem Menschen und nicht-dichtendem Menschen: Dichter vermißt die Geliebte nicht, weil er stets auf sie bezogen bleibt, Dichter als Mensch vermißt sie und möchte Trennung durch Tränen, Kräuter, Imagination überwinden = Differenz zwischen ästhetischer und empirischer Wirklichkeit
Strophe 23: Verlaßt mich hier, getreue Weggenossen!
hier ist poetologischer Ort des Dichtens, wo der Dichter ob seiner Begabung alleine bleiben muß
2
Die gegenseitige Bedingtheit von Leben und Tod, Dichten und Liebe, Ferne und Nähe ist hier zur tödlichen Erkenntnis formuliert, Erkenntnis erschafft aber gleichzeitig das Gedicht und wirkt damit lebenserhaltend. = unmögliche Synthese Pandora - Doppelfigur von Gütern und Gefahr
paradoxe Einheit von Dichtung, die nur von Liebe sprechen kann und zugleich an die tödliche Voraussetzung der Abwesenheit der Geliebten geknüpft ist
Elegie mit ihrem Ausgang betont den tödlichen Charakter der Dichtkunst: Schmerz der Trennung wird tiefer erfahren als die dadurch erst möglich gemachte dichterische Gestaltung. Damit: Elegie wird zum Gedicht gegen das Dichten, zur dichterischen Klage auf die Dichtung. Dichtung als Pandora-Geschenk: Entzieht dem gabeseligen Dichter mit der Bedingung des Dichtens (Trennung von der Geliebten) zugleich das Leben (Schlußvers: Sie tennen mich, und richten mich zu Grunde.)
3
Arbeit zitieren:
Evamarie Pitz, 2000, Mathias Mayer - Dichten zwischen Paradies und Hölle. Anmerkungen zur poetologischen Struktur von Goethes Elegie von Marienbad, München, GRIN Verlag GmbH
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