Justus-Liebig-Universität Gießen
OS Roland Barthes
WS 1997/98
Prof. Dr. Günter Oesterle
...ich habe die
entsetzliche Arbeit...
Theatralität im Diskurs des Liebenden
Jens Dietrich
Studienfach:
Angewandte Theaterwissenschaft (7.Sem.)
Gliederung:
A Einleitung
2
B Das liebende Subjekt und die Kontrolle
4
B 1 Die Sprache des Liebenden und ihre Theatralität 4
B 2 Ein Liebender inszeniert seine Liebe 5
B 3 Die Liebe wird für den Liebenden inszeniert 6
B 4 Die Zentralperspektive des Liebenden 8
B 5 Die Auflösung der Unterscheidung zwischen 9
Charakter und Figur langue und parole
B 6 Der Liebende als Autor und als Leser der 10
Inszenierung
C Die Unterwerfung des Liebenden
11
C 1 Das Dramatische ohne das Drama
11
C 2 Paradoxa 12
C 3 Die Geometrie der Paradoxa 13
C 4 Liebeserklärungen 14
C 5 Eine sprachliche Vereinigung 15
C 6 Todeserklärungen 16
D Topologien
17
D 1 Definition des Vergleichs 17
D 2 Bühne und Zuschauer 17
D 3 Monologe 18
D 4 Dialoge 19
D 5 Katharsis 20
D 6 Die Topik der theatralisierten Figur des 20
Liebesdiskurses
E Schlußbemerkung
22
F Literaturliste
23
1
„Der Fürst fühlt in der Kunst und würde noch stärker fühlen, wenn er nicht durch das garstige wissenschaftliche Wesen und die Terminologie
1
eingeschränkt wäre.“
A. Einleitung
In dieser Arbeit findet eine Vermischung statt. Die Terminologien, die ich benutze, sind nicht eindeutig und entsprechen nur bis zu einem gewissen Grad dem „garstigen wissenschaftlichen Wesen“. Es geht um Gefühle, wobei eine schwierige Gratwanderung zwischen dem Schreiben über und dem Schreiben aus einem Sujet heraus stattfindet. Teilweise tauchen Ellipsen auf. „Die Ellipse, eine wenig bekannte Figur, verwirrt darin, daß sie die furchtbare 2 . Ellipsen entspringen nicht einer Kausalität, Freiheit der Sprache darstellt“ sondern setzen einen neuen Zusammenhang.
Teilweise bewegt sich der Text im semiologischen Bereich, wo eine methodologische Differenzierung angestrebt wird: „die Differenz tritt wie ein Zerstäuben auf, wie eine Verstreuung, ein Sichspiegeln; es geht nicht mehr darum, in der Lektüre der Welt und des Subjekts Entgegensetzungen zu finden, sondern Ausbrechen, Übertreten, Fluchten, Verschiebungen,
3
Verlagerungen, Abgleiten.“ Jegliches Belegen der Theorien von Roland Barthes´ „Fragmenten einer Sprache der Liebe“ wäre deduktiv. Selbst die Negation der Struktur wäre eine Umdeutung, die nur die Beschreibung des Diskurses der Liebe unangetastet, als unbeachtetes Anderes bestehen lassen würde. Ebensowenig geht es mir um das Aufzeigen der Quellen des Textes oder um die Rekonstruktion der Bezüge. „In the multiplicity of writing, everything is to be disentangled, nothing deciphered; the structure can be followed, ‘run’ (like the thread of a stocking) at every point and at every level, but there is 4 . So ist es nicht meine Absicht, an dem Faden des nothing beneath“
1
Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werthers. Stuttgart, 1987. S.87
2 Barthes, Roland: Über mich selbst. München, 1978. S.86.
3 Über mich selbst. S.76
4 Barthes, Roland: The Death of the Author. in: Burke, Seán: Authorship. Edinburgh, 1995.
S.129. Künftig zitiert als Death of the Author
2
Strumpfs zu ziehen, um seinen Verlauf aufzulösen, ihn anzuziehen oder ihm ein anderes Strickmuster entgegenzuhalten. Es geht für mich darum, Anknüpfungspunkte zu finden in dem Sinne, daß ich mich in der Position des Lesers wiederfinde, der sich der dargelegten Topik der Liebe „bemächtigt, 5 . Das
sie ergänzt, sich davon zunutze macht und sie anderen weiterreicht“ Bemächtigen des Textes von Barthes vollzieht sich in diesem Text wiederum als Angebot. Ich versuche, keine Diskurse zu verlagern, sondern sie zu erweitern. Hierzu ist es notwendig, bestimmte Fäden herauszulösen, sie mit anderen Fäden zu verbinden, so daß ein neues Gewebe entsteht. Roland Barthes begründet „die Wahl einer ‘dramatischen’ Methode, die auf Beispiele verzichtet und sich einzig auf die Wirkungsweise einer ersten 6 , mit dem Bedürfnis, das
Sprache (keiner Metasprache) stützt“ Unzeitgemäße in der Stimme des liebenden Subjekts zu vermitteln. Ich werde hier jedoch über die Sprache des Liebenden schreiben, wobei ich verschiedene Codes aus dem theatralen Diskurs und dem Diskurs des liebenden Subjekts benutzen werde. Die Schnittstelle dieser beiden Diskurse ist die Liebesszene/der Liebesmonolog im dramatischen Text. Diese Texte sollen jedoch nicht nur beschreibenden Charakter haben, sondern ich benutze sie auch in Barthes´ Definition einer „ersten Sprache“. Die Liebesszenen/Liebesmonologe behalten ihren mehrdeutigen Charakter, so daß sie sich mit den anderen Stimmen verweben und ein möglichst dichtes Gewebe ergeben.
Im ersten Teil der Arbeit werde ich darlegen, wie das liebende Subjekt die Methoden des Dramatischen anwendet, um die Kontrolle über das Geschehen, in das es verwickelt ist, zu behalten. Im zweiten Teil werde ich das Leiden des Liebenden an einer dialogischen Situation darlegen, um im dritten Teil eine Topologie der Theatralität des Liebenden zu entwickeln.
B. Das liebende Subjekt und die Kontrolle
5 Barthes, Roland: Fragmente einer Sprache der Liebe. FFM, 1988. S. 17. Künftig zitiert als
Fragmente
6 Fragmente. S.15
3
B.1 Die Sprache des Liebenden und ihre Theatralität Roland Barthes wählt in den „Fragmenten“ eine dramatische Methode, in der die Sprache des liebenden Subjekts nicht autoreferentiell funktioniert, sondern sich selbst porträtiert. Wie ich schon darlegte, besteht der erste Schritt dieser Arbeit darin, Fäden aus dem Text von Barthes aufzunehmen. Die Instrumente, die ich hierbei benutzen werde, sind dramatische Texte, in denen ein literarisches Subjekt einen Liebesdiskurs führt und „angesichts 7 .
des Anderen (des Liebesobjektes) spricht, der seinerseits schweigt“ Das Aussprechen ist ein dem Diskurs des Liebenden impliziter Vorgang. So sind alle Beispiele, die ich benutze, als Rede gedacht, deren Richtung oftmals nicht bestimmbar ist. Diese Art des Aussprechens gleicht einem unruhigen Umherlaufen, das angesichts der Mächtigkeit, mit der es nach außen drängt, nicht aufgehalten werden kann, aber aufgrund der Leere, in die es vorstößt, keine Reflexion erfahren kann, also einsam geschieht. Diese Einsamkeit ermöglicht es, indem sie sich absolut setzt, die Situation zu kontrollieren. Das Subjekt führt einen theatralen Liebesdiskurs, in dem die Sprache, die unter innerem Zwang offenbart wird, inszeniert und andere Diskurse untergeordnet werden. Im theatralen Liebesdiskurs werden die Situation, in der sich der Diskurs abspielt, das Verhältnis zwischen liebendem Subjekt und Liebesobjekt, der Ort und die eigene Befindlichkeit als theatrale Zeichen erlebt.
Als Beispiele habe ich eine Szene aus Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ und Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ gewählt. Anhand dieser Texte werde ich zeigen, wie Barthes Auffassung des Verhältnisses zwischen Autor und Leser auf den Diskurs des Liebenden übertragen werden kann.
Barthes schreibt über sich: „Er erfindet nicht, er kombiniert noch nicht einmal, er überträgt: für ihn ist Vergleich Vernunft: er findet Vergnügen daran, den Gegenstand durch eine Art Imagination zu verlagern, die mehr homologisch 8 . In der
ist als metaphorisch (es werden Systeme verglichen, nicht Bilder)“
7 Fragmente. S.15
8 Über mich selbst. S.62
4
gleichen Weise werde ich in dieser Arbeit die Systeme des Theater-, Liebes- und Herrschaftsdiskurses zwischen Autor und Leser, Schauspieler und Publikum vergleichen.
B.2 Ein Liebender inszeniert seine Liebe
In der Sprachfigur „Zugrundegehen“ imaginiert der Liebende seinen Tod: „Ich maskiere meine Trauer hinter einer Flucht; ich löse mich auf, ich schwinde dahin, um dieser Dichte zu entgehen, dieser Stauung, die mich zum 9 In verantwortlichen Subjekt macht: ich gehe davon: das ist die Ekstase.“ Büchners Drama „Leonce und Lena“ findet dieses lustvolle Zugrundegehen in einer Verschachtelung statt. Der Liebende Leonce leidet an einer nihilistischen Langeweile, die ihn ausrufen läßt: „Nein, ich habe Langeweile, weil ich Dich liebe. Aber ich liebe meine Langeweile wie dich. Ihr seid eins. 10 Leonce entzieht sich der Verantwortung für seine
O dolce far niente!“
Handlung, behält aber das Vorrecht für sich, die Szene zu inszenieren. In existentialistischer Weise versucht er seine entleerte Welt mit beliebigen Vorstellungen zu füllen. Seiner Geliebten Rosetta weist Leonce die Rolle einer Schauspielerin zu, die für den im Zentrum befindlichen Leonce die gewünschte Position einnimmt, um seine Vorstellung zu vervollständigen: „Tränen, Rosetta? Ein feiner Epikureismus - weinen zu können. Stelle Dich in die Sonne, damit die köstlichen Tropfen kristallisieren, es muß prächtige 11 Leonce maskiert seine „Trauer hinter einer Flucht“ 12 , er Diamanten geben.“ weicht der Dichte des Augenblicks, der Konfrontation mit dem Objekt seiner Liebe durch eine Verlagerung in eine Geschichte aus. „Ich bin ein Römer; bei dem köstlichen Mahle spielen zum Dessert die goldnen Fische in ihren 13 Leonce spielt seine Liebe als Theaterszene, sein Dasein Todesfarben.“ hat eine darstellende und eine inszenatorische Funktion. Hinter dieser Doppelexistenz ist das ihn erschreckende Nichts, in das er sich stürzen mag. Gerade dieses Wandeln am Abgrund verschafft ihm Lust.
10 Büchner, Georg: Leonce und Lena. Stuttgart, 1988. S.36
11 Leonce und Lena. S.37
12 Fragmente. S.270
13 Leonce und Lena. S.37
5
Leonce setzt seine Liebe als absolutes Zeichen, er spielt das Drama für sich. „Das Drama ist lediglich als Ganzes zum Autor gehörend, und dieser Bezug gehört nicht wesenhaft zu seinem Werksein. Die gleiche Absolutheit weist das Drama dem Zuschauer gegenüber auf. Sowenig die dramatische
14
Replik Aussage des Autors ist, sowenig ist sie Anrede an den Zuschauer.“ Es ist diese Absolutheit der dramatischen Zurschaustellung seiner selbst, die Leonce jeden Halt raubt. „Komm, Leonce, halte mir einen Monolog, ich will 15 Die Unmöglichkeit der Liebe geht für Leonce mit der zuhören.“ Verschachtelung, mit der Selbstreflexivität seines Bewußtseins einher. „Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich 16 Dieser vollschreiben soll, aber ich bring keinen Buchstaben heraus.“ Buchstabe, der Zeichen seiner Liebe sein kann, ist das, worum Leonce kreist. Valerio beschreibt Leonce als „ein Buch ohne Buchstaben, mit nichts 17 .
als Gedankenstrichen“ Die Unsicherheit, die Leonce daran hindert, sich auf sicherem Boden zu bewegen, veranlaßt ihn, lediglich Gedankenstriche und keine Buchstaben zu setzen. Diese Gedankenstriche sind das Hin- und Herlaufen seiner Sprachszenen. Würde er einen Buchstaben, d.h. etwas Entgültiges außerhalb seiner selbst setzen, würde er die Macht über das Geschehen um ihn herum aufgeben.
B.3 Die Liebe wird für den Liebenden inszeniert
Wie Leonce das Spiel im Spiel die Sicherheit gibt, die Kontrolle über das Geschehen zu behalten, so ermöglicht das Schauspielen einer Frau es Dorian Gray, sich gefahrlos in sie zu verlieben. Beim Verlieben in eine
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Person, die die Liebende darstellt, hat die „dröhnende Sprachmaschine“ des Liebenden die Möglichkeit, unermüdlich Adjektivketten zu produzieren, ohne der Gefahr anheimzufallen, daß „der Andere in sich selbst Bestand 19 . Dorian Gray beschreibt seine Geliebte aus dem Schutz seiner hat“
14
Szondi, Peter: Theorie des modernen Dramas. FFM, 1956. S.15
15 Leonce und Lena. S.38
16 ebd.
17 Leonce und Lena. S.41
18 Fragmente. S.200
19 ebd.
6
Passivität im Zuschauerraum heraus: „In der Gartenszene hatte sie jene bebende Verzückung, die man hört, wenn die Nachtigallen schlagen, bevor es Tag wird. Es gab dann Augenblicke später, wo sie die ungestüme
20
Leidenschaft von Geigentönen hatte.“ Die wechselnden Erscheinungsformen von Dorian Grays Liebesobjekt haben im Liebesdiskurs von Dorian Gray eine doppelte Funktion. Er kann seine Geliebte zu einem Fetisch stilisieren, indem er sie vollständig beschreibt, sie wie eine Tote behandelt. Seine Sprache ist keine „stumpfe 21 . Er klassifiziert in ihr, spricht Urteile aus, sucht immer neue Sprache“ Signifikanten. Dorian Gray sagt, daß eine Schauspielerin „das einzige 22 . Es ist eine gleichzeitig Wesen [ist], das geliebt zu werden verdient“ passive wie aktive Rolle, die Dorian Gray im Theater einnimmt. Als Zeichendeuter befindet er sich in der Position, die Roland Barthes dem Leser eines Textes zuweist: „there is one place, where the multiplicity is 23 .
focused and that place is the reader“ Die andere Funktion liegt für Dorian Gray darin, daß er die Mehrdeutigkeiten der Schauspielerin zusammenführen, ihnen den Platz des Liebessehnens geben kann. Er kann sie aufgrund ihrer Wandelbarkeit, die sie durch das Spielen der unterschiedlichsten Rollen bekommt, festlegen, ohne daß diese Festlegung einen endgültigen Charakter besäße. Dorian Gray rezipiert und ist doch nicht der einzige, der angesprochen wird. Die Schauspielerin gibt sich der Öffentlichkeit preis, und sein Sehnen ist auf ein Objekt gerichtet, daß zwar anwesend, also für ihn beschreibbar, aber nicht zugänglich ist. Es ist das „Verlangen nach dem abwesenden und nach dem anwesenden Liebesobjekt: das Sehnen kopiert die beiden übereinander, es bringt 24 . Die Schauspielerin besitzt verschiedene Absenz in die Präsenz“ imaginäre Identitäten, die für Dorian Gray nebeneinander existieren. Er kann in ihren Identitäten umherschweifen, sie nach Belieben wechseln. Aus dieser
20
Wilde, Oscar: Das Bildnis des Dorian Gray. Zürich, 1986. S.66. Künftig zitiert als
Dorian
Gray
21 Fragmente. S.202
22 Dorian Gray. S.66
23 Death of the Author. S.129
24 Fragmente.S.197
7
Machtposition heraus kann er sagen: „Ich habe sie in jedem Jahrhundert und
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in jedem Kostüm gesehen.“
B.4 Die Zentralperspektive des Liebenden
Das cartesianische Denken versucht „die Realität in ein feststehendes Liniennetz einzufangen, an dem sie sich zu orientieren hat und von dem aus sie durch den souveränen Verstand jederzeit bestimmt und vorausbestimmt 26 . Die Rolle der beiden beschriebenen Liebenden, des werden kann“ Inszenierenden und des Rezipienten einer Inszenierung, ist auf dieser cartesianischen Zentralperspektive aufgebaut. Sie ordnen ihre Handlungen und das, was sie wahrnehmen, in ein s olches Liniennetz ein. Die Liebesobjekte werden einer Kontrolle unterworfen, die ihnen ihre Existenz als Objekt des Begehrens im Diskurs des Liebenden in jedem Augenblick entziehen oder wieder einräumen kann.
Dorian Gray trennt sich von dem Objekt seiner Begierde, weil sie nicht mehr den Platz einnimmt, den er ihr zugewiesen hat. Er entwertet sie in dem Augenblick, in dem sie sagt: „Selbst wenn ich es zustande brächte, wäre es 27 Doch genau auf dieses eine Entweihung, die Liebende zu spielen.“ Spielen des Liebenden konzentriert sich das Sehnen Dorian Grays. Es verschafft ihm die Zentralperspektive, aus der er die Fragmente ihrer gespielten Identität festlegen, anordnen kann, ohne sich selbst ordnen und 28 , nicht festlegen zu müssen. Jedoch opfert er das „Bild dem Imaginären“ einer im Dialog geschaffenen Beziehung. Er beweint „den Verlust der Liebe, 29 .
nicht dieser oder jener Person“ Leonce setzt sich ins Zentrum des Geschehens, indem er es sich aktiv unterordnet. „Warum ist der Dunst über unserer Erde ein Prisma, das den 30 , ruft Leonce aus.
weißen Glutstrahl der Liebe in einen Regenbogen bricht?“ Er selbst wünscht sich in die Position über dem Dunst, aus der heraus er die einzelnen Sprachfiguren der Liebe gebündelt vor sich hat. Sein Handeln ist
26 Friedell, Egon: Kulturgeschichte der Neuzeit. München, 1931. S.167
27 Dorian Gray. S.110
28 Fragmente. S.87
29 Fragmente. S.88
8
auf das Erreichen dieser Zentralperspektive ausgerichtet. Er läßt seine Liebe sterben, um eine weitere Szene des Liebesdiskurses spielen zu können. „Ach Rosetta, ich habe die entsetzliche Arbeit...“, sagt Leonce. Diese Arbeit ist das Lieben, und ihm ordnet Leonce alle anderen Diskurse unter.
B.5 Die Auflösung der Unterscheidung von Charakter und Figur, langue und parole Ich bin bisher dem Gegensatz zwischen Figur und Person ausgewichen. Zwar mag es für eine Strukturanalyse eines Textes notwendig sein, „die ontologische Differenz zwischen fiktiven Figuren und realen Charakteren zu 31 , doch bei der Betrachtung des Diskurses eines Liebenden steht
betonen“ vielmehr die Sprachszene und mit ihr verbunden die theatrale Inszenierung derselben im Mittelpunkt. Der Unterscheidung zwischen einem realen Charakter und einer fiktiven Figur wird aufgelöst. Barthes schreibt über die Figur des Werther: „...der Held im Liebesroman [ist] real [...] (weil er aus absolut projektiver Substanz besteht, in der jedes liebende Subjekt sich 32 . So wird jede Rede einer fiktiven Figur zum
wiederfindet und aufgeht)“ Diskurs eines Liebenden.
Man mag anführen, daß eine Dichotomie zwischen langue und parole besteht und Leonce auf der Ebene der parole kommuniziert, doch ich begreife die Unterscheidung als eine methodologische. Leonce Rede ist eine Zwischenform. Sie existiert in der Nähe des Absurden. Bisher habe ich sie aus der Perspektive des Liebenden beschrieben. Sie läßt sich ebenso in den Kontext der dramatischen Handlung stellen und wird so zur langue. Die Figur wird als Urheber dieser Rede verstanden und bewegt sich außerhalb der Dichotomie von langue und parole, so daß die Sprachszenen der Figur in einem hybriden Zwischenraum stattfinden und als Teil des Liebesdiskurses betrachtet werden können.
30 Leonce und Lena. S.38
31 Pfister, Manfred: Das Drama. München, 1994. S.221
32 Fragmente. S.199
9
B.6 Der Liebende als Autor und als Leser der Inszenierung „As soon as a fact is narrated [...] the voice loses its origin, the author enters 33 Leonce vermeidet das Erzählen. Es
into his own death, writing begins.“ ergibt sich keine Liebesgeschichte, die einen festgelegten Ablauf hat. Sein Vorgehen ist spielerisch, an jedem Punkt der Begegnung mit Rosetta kann das Geschehen eine andere Wendung nehmen.
„Rosetta (erschrocken): Leonce, sieh mich an!
Leonce: Um keinen Preis.
Rosetta: Nur einen Blick! Leonce: Keinen! Was meinst Du: um ein klein wenig und meine Liebe käme wieder auf die Welt. Ich bin froh, daß ich sie begraben hab, ich behalte den Eindruck.“ 34 Gerade diese Unsicherheit ermöglicht es Leonce, die Macht über die Inszenierung zu behalten. Würde er eine festgelegte Geschichte erzählen, seine Sprache aus dem Zwischenraum von langue und parole auf eine eindeutige Ebene verlagern, würde er seine Sprache von seiner eigenen Person trennen. Die Sprache bekäme eine Autonomie und wäre so auch Rosetta zugänglich. Rosetta stellt Forderungen an Leonce, die Leonce umgeht, indem er auf die Instabilität seines Zustandes und seiner Liebe hinweist. Leonce´ Liebe befindet sich in einem ebenso hybriden Zustand wie seine Sprache.
Leonce ist zwar der Urheber der Worte, die er ausspricht, aber er behält für sich das Vorrecht, die Situation den Sprachszenen anzupassen, seine Sprache zu inszenieren. Die Hybridität seiner Sprache ermöglicht es Leonce als Autor seine eigenen Worte und das Geschehen zu deuten. „The Author 35 . Wie ein Priester vollführt Leonce ein Ritual
participates in the priest´s role“ und deutet es zugleich. Diese Deutung findet jedoch wiederum nur als Spiel statt. So antwortet Leonce auf Rosettas Anfrage, ob er sie liebe: „Ei warum 36 Leonce übernimmt keine Verantwortung. Er steht am Abgrund.
nicht?“
33 Death of the Author. S. 125
34 Leonce und Lena. S.37
35 Barthes, Roland: Authors and Writers. In: Sontag, Susan: A Barthes Reader. New York, 1983. S.190. Künftig zitiert als Authors and Writers
36 Authors and Writers. S.36
10
„Daher wahrscheinlich die Süße des Abgrundes: ich habe keinerlei 37 . Der Abgrund ist die Kluft zwischen Sterben und Verantwortung“ Erscheinen der Liebe, zwischen Loslösung und Zurücknahme der eigenen Sprache. Zugleich ist seine Sprache aber auch eine Ideologie, da sie für sich den Anspruch erhebt, die Sichtweise der anderen negieren zu können. Ideologische Autorenschaft und Zaghaftigkeit bedingen sich in diesem Beispiel.
So wie Leonce’ Sprache sich zaghaft fortbewegt, da sie keinerlei Sicherheiten besitzt, auf die sie sich stützen kann, so ist die Sprache Dorian Grays ausholend, aber ebenso unsicher. Seine Beschreibungen des Objekts seiner Liebe sind Tautologien, die nur in sich Stabilität besitzen, losgelöst 38 , ruft sind von jeder anderen Wertung. „O Gott, Harry, wie bete ich sie an!“ Dorian Gray aus. „Anbetungswürdig ist die flüchtige Spur einer Müdigkeit, 39 Dorian Gray beschreibt fortwährend seine einer Müdigkeit der Sprache.“ Faszination und versucht aus der Einsamkeit seines Liebesdiskurses herauszubrechen, indem er andere in seinen Diskurs miteinbezieht.
C. Die Unterwerfung des Liebenden
C.1 Das Dramatische ohne das Drama
„Autrement dit, ce qui vraiment me séduirait, ce serait d’écrire dans je que j’ai appelé ‘le romanseque sans le roman’, le romanesque sans les 40 Die Sprachfiguren, die ich aus den Texten entnommen personnages.“ habe, sind in einen Kontext eingebettet, in eine Liebesgeschichte, die mit Sinn ausgestattet ist:: „er [der Sinn] entsteht, entwickelt sich und vergeht, er folgt einem Weg, der immer im Sinne einer Kausalität oder Finalität [...] zu
41
bewerten ist.“
38 Dorian Gray. S.71
39 Fragmente. S.40
40 Barthes, Roland: Le grain de la voix. In: Barthes, Roland: Œuvres complètes. Bd.2. Paris,
1993. S.1292
41 Fragmente. S.20
11
Das Subjekt des Liebesdiskurses ist dieser Finalität entgegengesetzt. Der Liebesdiskurs widerstrebt einer Entwicklung. Die in dieser Arbeit zitierten Liebesgeschichten enden mit dem Tod des liebenden Subjekts oder mit dem Ende des Liebesdiskurses. Das Ende wird spielerisch wie in Büchners Lustspiel vollzogen oder tragisch ausgeführt wie bei Racines „Phädra“. Die Liebesgeschichte benutzt das liebende Subjekt als handelndes Element, entzieht sich jedoch seiner Sprache, die zwar in der Geschichte auftaucht, aber überwunden wird. Der Liebesdiskurs wird übergangen, die Geschichte behandelt ihn so wie eine Krankheit, von der sie genesen muß. Außerhalb eines Konflikts existierte das Dramatische ohne das Drama wie das Romanhafte ohne den Roman.
C.2 Paradoxa
Die Liebe in Racines „Phädra“ ist von Paradoxa gekennzeichnet. Sie trifft alle Beteiligten unbezwingbar: „it [the Eros] is born abruptly; its generation admits of no latency, it appears in the manner of an absolute Event, which is 42 . Phädra beschreibt ihre erste usually expressed by a brutal passé défini“ Begegnung mit Hippolyt folgendermaßen: „...da zeigte mir / Zuerst Athenä 43 .
meinen stolzen Feind. Ich sah, ich errötete, verblaßte / Bei seinem Anblick“ Die Liebe in Racines Drama ist nach diesem spiegelbildlichen Muster aufgebaut. Phädra liebt den verfeindeten Hippolyt, Hippolyt die verfeindete Aricia. Sowohl Hippolyt als auch Phädra werden von ihrer Liebe überfallen. Romeo wird in der gleichen Weise von Julia getroffen: „Ich war bei meinem Feind auf einem Freudenmahl, / Und da verwundete mich jemand auf 44 Das Ergriffenwerden von der Liebe funktioniert visuell: „The hero is einmal.“ seized by it [the Eros], bound as in a rape, and this capture is always of a 45 Die gesellschaftlichen Ordnungen visual order [...]: to love is t o see.“ widerstreiten im Subjekt mit der Entführung des Verstandes durch die Liebe. Die beiden Diskurse des sozialen Gewissens und der Liebe widersprechen
42
Barthes, Roland: On Racine. In: Sontag, Susan: A Barthes Reader. New York, 1983. S.177.
Künftig zitiert als On Racine
43 Racine, Jean: Phädra. Stuttgart, 1977. S.13
44 Shakespeare, William: Romeo und Julia. In: Shakespeare, William: Dramatische Werke III.
FFM, 1954. S.208. Künftig zitiert als Romeo und Julia
12
sich. In Racines Drama widerspricht sich wiederum die Zuneigung der einzelnen Personen. Die Liebe ist nicht nur gesellschaftlich unmöglich, sie wird auch vom Liebesobjekt zurückgewiesen.
C.3 Die Geometrie der Paradoxa
Die Liebe tritt in Racines Drama als eine zerstörerische Kraft auf, die die festgefügten Machtkonstellationen in Bewegung bringt. Die Charaktere definieren sich nicht so sehr über eine Beschreibung, sondern vielmehr über ihre Situation, in der sie sich befinden: „everything derives its being from its 46 . Diese
place in the general constellation of strengths and weaknesses“ Konstellationen ergeben ein geometrisches Gebilde.
Während die Positionen von Leonce und Dorian Gray vom Rezipienten nicht eindeutig festzulegen sind, da sich beide selbst im Zentrum des Diskurses befinden, sind die Figuren in Phädra Eckpunkte, zwischen denen sich der Liebesdiskurs bilden kann. Damit eine Spannung entsteht, sind Paradoxa notwendig. Die Liebe der einzelnen Beteiligten muß sich widersprechen und ausschließen. Die Handlung des Dramas entsteht aufgrund dieser Widersprüche. „Durch Paradoxierung werden alle Normalerwartungen ausgefiltert; und es wird gleichsam die Szene bereitet, auf der die Liebe 47 Phädras Liebe zu Hippolyt ist von mehreren Verboten
erscheinen kann. “ belastet: ihr Liebesobjekt ist ihr Stiefsohn, dessen Mutter eine verhaßte Amazone ist. Phädra haßt Hippolyt wegen der Bedrohung, die er für ihre eigenen Kinder in Bezug auf die Erbfolge bedeutet, und begehrt ihn gleichzeitig.
Die Unvereinbarkeit der Ansprüche des Liebesdiskurses und des Diskurses der sozialen Verantwortlichkeit ermöglicht Phädra ein persönliches Schicksal, das außerhalb von gesellschaftlicher Vorherbestimmung existiert. „Diese Sperre der einförmigen Idealität wird gebrochen dadurch, daß der 48 Anhand des
Code für Intimbeziehungen auf Paradoxien umgestellt wird.“ Leidens, daß sich für Phädra durch ihre Liebe ergibt, bekommt die Figur
45 On Racine. P.177
46 On Racine. S.180
47 Luhmann, Niklas: Liebe als Passion. FFM, 1995. S.68
48 Liebe als Passion. S.128
13
Phädras Plastizität. Das geometrische Gebilde gewinnt an Tiefe, da es mehrere Optionsmöglichkeiteten offenläßt. Zugleich ist der tragischen Struktur die Bestrafung der Grenzüberschreitung implizit, so daß dem Subjekt keinerlei Ausweichmöglichkeit gegeben ist.
Da die Beteiligten gleichberechtigt sind, „geht der Riß durch beide 49 . Die Stellung der Repräsentanten, jeder hat zugleich Recht und Unrecht“ Liebenden und der Aufbau der Konflikte bilden eine Symmetrie. Auch die verfeindeten Häuser der Capulets und Montagues in „Romeo und Julia“ sind spiegelbildlich aufgebaut. Das liebende Subjekt bricht sich an diesen äußeren Gegebenheiten. „Eben das ist die Wunde der Liebe: ein »gieriges Klaffen« [...], dem es nicht gelingt, sich zu schließen, und dem das Subjekt 50 Die entströmt und sich in diesem Ausströmen erst eigentlich konstituiert.“ Überschreitung der Grenze (des gesellschaftlichen Verbots) bringt das liebende Subjekt zu seiner Individualität. Die Liebe, die sich unberechenbar und ohne Grund einstellt, die gesellschaftliche Person raubt und ein liebendes Individuum zurückläßt, bricht sich an der Ambivalenz der Geometrie des Dramas.
C.4 Liebeserklärungen
Während in den Liebesdiskursen von Leonce das Wort eine Existenz zwischen parole und langue führt, sich also nicht dem Herrschaftsbereich desjenigen entzieht, der es ausspricht, besitzt das Wort als parole in den Tragödien „Phädra“ und „Romeo und Julia“ eine Autonomie. „Qu´est-ce que fait la Parole si terrible? C´est d´abord qu´elle est un acte, le mot est 51 . Phädra ist nicht die puissant. Mais surtout c´est qu´elle est irréversible“ Autorin, sie spricht etwas aus, was dann außerhalb ihrer selbst existiert. Phädra vergeht in der Liebe z u Hippolyt. Ihr Sehnen hat physische Auswirkungen: „Genug sagt´ ich, verschone mich. Ich sterbe, / Um das 52 Phädra hat Angst vor den Auswirkungen des Unselige nicht zu gestehen!“
49
Schneilin, Gérard: Tragödie. In: Brauneck, Manfred und Gérard Schneilin (Hrsg.):
Theaterlexikon. Reinbek bei Hamburg, 1992. S.1063
50 Fragmente. S.129
51 Barthes, Roland: Sur Racine. Paris, 1963. S.113
52 Phädra. S.12
14
53 Aussprechens ihrer Liebe, denn dadurch überträgt sich das „Ungeheure“ des Sehnens ihres Herzens in die Wirklichkeit. So geht nach der Aussprache ihrer Liebe nicht nur sie selbst, sondern auch Hippolyt zugrunde. Das Liebesbekenntnis ist der maßgebende Einfluß auf die Handlung. Das Wort verselbständigt sich und löst sich von seiner Herkunft: dem Sprechenden. „Als Liebender sprechen heißt ohne Ziel, ohne Krise 54 . Das Sprechen selbst verläuft ohne Erwartung. Es ist ein verausgaben“ Geständnis, doch bei Racine hat es durch die Einbindung in ein gesellschaftliches Bezugssystem das Zugrundegehen zur Folge. Es ist im Drama so eng miteinander verwoben, daß das liebende Subjekt die Folgen seiner Liebe vor die Liebe selbst setzt: „So lerne Phädra kennen / Und ihre
55
ganze Raserei. Ich liebe.“ „Die Liebeserklärung [...] läßt nur eine Behauptung (ich liebe Euch) und eine 56 . Die Begründungen für einen der Verneinung (liebt mich nicht) alternieren“ beiden Terme ist nur eine Variation. Diese Dualität der Liebeserklärung läßt keinen Ausweg zu. Sie ist der Weg zur Erlösung oder zum Untergang.
C.5 Eine sprachliche Vereinigung
In Shakespeares „Romeo und Julia“ ist der Austausch des Liebesschwures das zentrale Begehren der liebenden Subjekte. „Die Sprache ist eine Haut: ich reibe meine Sprache an einer anderen. So als hätte ich Wort anstelle von 57 Romeo und Julia Fingern oder Finger an den Enden meiner Worte.“ fordern die Liebesschwüre des anderen ein: „O holder Romeo! wenn du
58
mich liebst: / Sag´s ohne Falsch!“ Der Liebesschwur wird zur Verschwörung der Liebenden gegen die Regeln des gesellschaftlichen Diskurses. Die beiden Beteiligten werden in dem Augenblick des Aussprechens ihrer Liebe austauschbar: „O Romeo, leg´ deinen Namen ab, / 59 Die Und für den Namen, der dein Selbst nicht ist, / Nimm meines ganz!“
54 Fragmente. S.162
55 Phädra. S.26
56 Barthes, Roland: S/Z. FFM, 1976. S.176
57 Fragmete. S.162
58 Romeo und Julia. S. 204
59 Romeo und Julia. S.203
15
Liebenden werden zu „Vokabeln einer neuen und merkwürdigen Sprache [...], in der es absolut statthaft ist, ein Wort gegen das andere 60 . Die Vereinigung vollzieht sich im Aussprechen. Ihre einzutauschen“ physische Existenz hingegen ist entzweit, immer in Gefahr, ganz getrennt zu werden.
C.6 Todeserklärungen
Die Gegebenheiten des Dramas, der geometrische Aufbau der Paradoxa, in denen sich die Liebenden befinden, reißt das Allgemeine der Liebeserklärungen auf, bricht sie. Durch das Aufbrechen gewinnen die Liebenden ihre Individualität. „Ein Idealcode läßt praktisch keine Varianten 61 . Diese zu, er ermöglicht Individualisierung nur in der Abweichung“ Abweichung, die durch die tragische Struktur des Dramas entsteht, führt zur Einsamkeit. „Die Einsamkeit des Liebenden ist keine Einsamkeit der 62 .
Person [...], sie ist Einsamkeit des Systems“ Romeo und Julia, Hippolyt und Phädra haben ihre verständnisvollen Diener, die ihnen zur Seite stehen, aber sie sind nicht in den Liebesdiskurs integriert. Auf der Bühne sind sie ihnen körperlich nahe, doch sie gehören zum gesellschaftlichen Außen, das die Liebenden ausschließt. Das Aussprechen der Liebe führt erst in der Bezugnahme auf dieses Außen zu einem tragisches Ereignis. Die Hoffnung auf eine Realisierung, die die Dienenden durch ihre Anwesenheit vermitteln, ermuntert die L iebenden zu einer Handlungsweise, die zum Tod führt. Der Tod wird - wie beim Liebenden, der seine Umgebung kontrolliert - zu einer Lösung. Die Auflösung der Liebenden 63 . Hippolyt wird ist ihre Erfüllung: „wir sterben gemeinsam an unserer Liebe“ von einem von den Göttern geschickten Drachen zerrissen. Das Zerreißen entspricht seinem Zustand zwischen der Liebe Phädras zu ihm und seiner Liebe zu Aricia, einer Existenz zwischen unterschiedlichen Diskursen, die nicht nebeneinander bestehen, aber auch nicht einander ablösen können.
61 Liebe als Passion. S.128
62 Fragmente. S.35
63 Fragmente. S.268
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D. Topologien
D.1 Definition des Vergleichs
Wenn ich in diesem Kapitel die Vergleiche zwischen Theater- und Liebesdiskurs ziehe, tue ich es nicht auf inhaltlicher Ebene, sondern auf struktureller und nach dem Grundsatz von Barthes, daß Vergleich Vernunft ist. So geht es mir in diesem Kapitel nicht darum zu zeigen, daß die Elemente, die ich vergleiche, austauschbar sind, sondern ich schaffe Neudefinitionen von Begriffen, die sonst auf einen inhaltlichen Bereich beschränkt sind. So ist der Begriff „Monolog“, den ich hier verwenden werde, nicht allein in seiner Bedeutung auf seinen Bezug zu einer Rede eines einzelnen Schauspielers im Theater beschränkt, sondern die Qualitäten des Begriffs „Monolog“, nämlich die Bedeutung, daß etwas angesichts eines schweigenden Anderen spricht, sind hier von Bedeutung. Wobei das Sprechende ein ganzes Zeichensystem wie die Bühne und das Schweigende ein Kollektiv wie die Zuschauer sein können.
D.2 Bühne und Zuschauer
„Im Theater [...] werden die Dinge immer von irgendwoher gesehen, das ist das geometrische Fundament der Abbildung: Es bedarf eines Fetischobjekts, um das Bild anzuordnen. Dieser Ursprungsort ist immer das 64 .
Gesetz“ Der Liebesdiskurses besitzt dieses geometrische Fundament, das sich aus dem Gesetz her ableitet, daß der Liebende liebt. Die Begründung ist tautologisch, sie hat keine anderen Bezugspunkte und ist deswegen ein totalitärer Diskurs. Das Theater ist ebenso totalitär. Wenn ich von Theater und Drama spreche, so meine ich nicht das, was damit zusammenhängt, sondern einzig den theatralen Akt, den Moment der Aufführung, den Moment des Dramas im archaischen Verständnis: „Das antike Drama hatte große Pathosszenen im Auge - es schloß gerade die Handlung aus (verlegte sie
65
vor den Anfang oder hinter die Szene).“
64 Fragmente. S.101
65 Nietzsche, Friedrich: Der Fall Wagner. In: Nietzsche, Friedrich: Aus dem Nachlaß der
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Wird das Drama auf den Moment der Aufführung reduziert, nehmen die Darstellenden die Funktion des Liebenden ein und die Zuschauer die des Liebesobjektes. Die Bühne mit den theatralen Zeichensystemen präsentiert sich dem Zuschauer als Einheit. Auch wenn viele semiotische Spuren nebeneinander existieren, so liest der Zuschauer sie und bildet aus ihnen sein eigenes Konstrukt. Die Zuschauer haben nicht die Möglichkeit der Erwiderung, so daß sich zwischen Zuschauern und Darstellern keine Szene entwickeln kann. Barthes schreibt, daß der Monolog „reiner Diskurs des 66 ist. So ist der Monolog der Bühne dem Zuschauer
liebenden Subjekts“ gegenüber ebenso reiner Diskurs.
D.3 Monologe
Wie ich schon erwähnte, ist die Szene, in der Leonce seine Geliebte zu sich ruft, eine Verschachtelung, da Leonce sein Zugrundegehen für sich inszeniert und damit seine Liebe zugrundegehen läßt. Diese Situation wird wiederum darin gespiegelt, daß sie als Gesamtszene auf der Bühne für den Zuschauer als Monolog dargeboten wird. So hält Leonce sich selbst einen Monolog, den er nicht außerhalb seiner selbst stehen läßt, sondern gleich inszeniert, indem er seine Geliebte als Ausführende seiner Vorstellungen benutzt. Dieser Monolog ist in seiner Gesamtheit nochmals an den Zuschauer gerichtet, also als Bühnensituation losgelöst von der Autoreferentialität, in der sich Leonce sonst befindet. Sein Monolog ist in klassischem Sinne an ihn selbst als liebendes Subjekt gerichtet und an das Publikum im theatralen Kontext.
Der theatrale Vertrag, der zwischen dem Publikum und den Darstellern geschlossen ist, daß nämlich alles, was auf der Bühne stattfindet, eine Repräsentation ist, also ein Vorspielen des Realen, hat im Monolog des Liebenden keine Bedeutung. Werther schreibt an Wilhelm nach einer Begegnung mit einem unglücklich Verliebten: „Könnt´ ich Dir alles recht sagen, damit Du fühltest, wie ich an seinem Schicksal teilnehme, teilnehmen
Achtzigerjahre) Band 2. München, 1966. S.921
66 Fragmente. S.208
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67 Ebenso konstatiert der Zuschauer, der sich mit dem Liebenden auf muß!.“ 68 . Er der Bühne identifiziert, „nicht Analogien, sondern Homologien“ vergleicht die gesamte Konstellation auf der Bühne mit seiner eigenen Situation, und sucht sich die ihm entsprechende Position und das entsprechende Gegenüber zu seiner Position.
D.4 Dialoge
In einem Liebesdiskurs, der in einem Widerspruch zur sozialen Konfiguration der dramatischen Handlung steht, bildet sich ein Dialog oder eine Szene zwischen beiden Diskursen. „Die Szene ist wie der Satz: strukturell gesehen nötigt nichts dazu, ihr ein Ende zu setzen; kein innerer Zwang erschöpft sie, weil die Erweiterungen, wenn der Knoten [...] wie beim Satz erst einmal 69 Zwischen den beiden Diskursen geknüpft ist, unendlich dehnbar sind.“ spannt sich dieses Verhältnis, in das die Handlung eindringt und die Abfolge von Argument und Gegenargument unterbricht, aber den Konflikt nicht tatsächlich auflöst. Der Liebende kann nicht umhin zu lieben, und das soziale Arrangement verneint es: „zwei Sprachen, die nicht den gleichen Fluchtpunkt (nicht die gleiche metaphorische Perspektive) haben, stehen Rücken an 70 .
Rücken“ Der Dialog wird in den Dramen in der Figur selbst geführt. Phädra bezichtigt sich und führt so in sich den moralischen Diskurs gegen ihre Liebe: „Ich 71 . Julia wollte zu den Toten gehen, / Im tiefen Grabe meine Schuld verhehlen“ hingegen klagt über die Unmöglichkeit ihrer Liebe: „Weh, weh mir, daß der 72 Die Himmel solche Tücken / An einem sanften Wesen übt wie ich!“ Zuschauer nehmen teil an der Szene, an dem Dialog der beiden Diskurse. In diesem Fall führt der Zuschauer die Argumente fort. Er sucht nicht seine Position in einer Homologie, sondern die bestimmende Kraft, „die versucht,
67
Die Leiden des jungen Werthers. S.91
68 Fragmente. S.146
69 Fragmente. S.209
70 S/Z. S.176
71 Phädra. S.15
72 Romeo und Julia. S.237
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andere Kräfte, andere Sinngebungen und andere Sprachen zu
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unterwerfen.“
D.5 Katharsis
Die Handlung des Dramas ergibt sich aus dem Konflikt zwischen Liebesdiskurs und sozialer Verantwortung. Das Finden eines Sinns, der begründet, warum diese Handlung in eine bestimmte Richtung fortgeführt werden muß, erschafft eine Ideologie. Der Liebesmonolog, der sich nicht von seinem Urheber trennt, und so die Umgebung unter seiner Sprache subsumiert, ist ein ebenso totalitäres Verfahren.
Das Beispiel für die Partizipation der Zuschauer an diesen auf der Bühne stattfindenden Umgangsformen mit einem Konflikt ist die Katharsis. Aristoteles beschreibt in seiner „Poetik“ die Tragödie als eine „Nachahmung von Handelnden [...], die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch
74
eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“ Die Katharsis ist zweideutig: Es geht darum, „die Leidenschaft zu 75 . Die »entwurzeln« [...] oder, bescheidener, sie zu läutern und zu sublimieren“ Entwurzelung findet bei der Monologisierung des Diskurses des liebenden Subjekts statt, die Läuterung bei der Dialogisierung unterschiedlicher Diskurse. Bei beiden Figuren geht es um eine Sinnfindung, um die Herstellung eines Zustandes, in dem der Zuschauer den Liebesdiskurs zugunsten einer anderen Perspektive verläßt, den Diskurs einem narrativen 76 wird. Die Anderen unterordnet, so daß „jede exzessive Kraft entwertet“ Exzessivität findet auf der B ühne statt und wird im Augenblick der Identifizierung oder der Übernahme der Argumente nicht als Repräsentation begriffen, nach der Aufführung aber als ein Stellvertretendes gewertet.
D.6 Die Topik der theatralisierten Figur des Liebesdiskurses In den „Freuden des jungen Werthers“ stellt der Berliner Buchhändler Nicolai und Zeitgenosse Goethes ein aufklärerisches Gegenprogramm zu Goethes
74 Aristoteles: Die Poetik. Stuttgart, 1994. S.19
75 Barthes, Roland: Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. FFM, 1990. S.77
76 Fragmente. S.20
20
Roman vor. Albert bietet Werther Lottens Hand an, nachdem Werther ihm erklärt, daß er sie liebt: „Guter Werther, bist ´n Thor! Wenn doch kalte Abstraktion nicht klüger wäre, als versengte Einbildung. [...] Ich sah also, ich konnte mit Lotten nicht glücklich sein. Mein Entschluß war schon unterwegs gefaßt, euch glücklich zu machen, weil ich selbst nicht glücklich sein 77 Hier wird der Liebesdiskurs Werthers in einer Abstraktion konnte.“ aufgelöst, er wird vernichtet und als obszön deklariert. Die Auflösung der Unvereinbarkeit zweier Diskurse wird durch die scheinbare Aufgabe des einen erreicht. Die Aufgabe ist aber eine Untergrabung des Liebesdiskurses, der mit seiner Einsamkeit auch seine Grammatik verliert. Die Essenz von Alberts Angebot ist: „Was gibt es Dümmeres als einen 78 Es ist die Verweisung der Liebe an einen Ort, der zwar Liebenden?“ existiert, aber an den sich niemand richtet. Indem er so behandelt wird, wird der Liebende zu einem Ausgestoßenen.
Das Drama in dem schon von mir beschriebenen archaischen Sinn gibt dem Liebesdiskurs einen Ort, auch wenn der Zeitraum ein sehr beschränkter ist, da die Geschichte des Dramas den Liebesdiskurs zur Liebesgeschichte werden läßt und wieder in den Bereich des Unzeitgemäßen verdrängt. Für den Augenblick jedoch ist die Bühne „eine Topik der Liebe [...], von der die 79 ist. Die Figur ist das Liebesargument, das von Figur dann ein Ort (topos)“ einem Schauspieler eingenommen wird. „Das Theater ist tatsächlich jene 80 . Je nachdem, wo Praxis, die einkalkuliert, wo die Dinge gesehen werden“ ein Geschehen plaziert wird, ist es für den Zuschauer sichtbar oder verborgen. Wird die Handlung, der Dialog der Diskurse und die Ideologisierung des Liebesdiskurses durch das liebende Subjekt außerhalb der Bühne positioniert, so kann auf der Bühne eben jene Topik entstehen, 81 ist. Eine sprachliche die „zur Hälfte codiert, zur anderen Hälfte projektiv“ Figur des Liebesdiskurses, die in ihrer Leere dem Zuschauer Raum gibt, von ihm eingenommen und besetzt zu werden.
77
Nicolai, Christoph Friedrich: Freuden des jungen Werthers. In: Blumenthal, Hermann: Zeitge- nössische Rezensionen und Urteile über Goethes
»Götz«
und
»Werther«.
Berlin, 1935. S.377
78 Fragmente. S.182
79 Fragmente. S.17
80 Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. S. 94
21
E. Schlußbemerkung
82 ,
Das „Subjekt, das sich trotz und gegen alle Welt in einen »Irrtum« verrennt“ findet als heterogenes Element seinen Ort in der Theatralität. Der Liebende benutzt theatrale Elemente, um seinen Liebesdiskurs führen zu können, aber ebenso kann die Bühne einen Raum für den Liebesdiskurs bieten. Die anderen Systeme außerhalb des Systems des Liebenden werden nicht ausgeschlossen; sie werden außerhalb der Sichtbarkeit plaziert, wie ein Schatten behandelt. „Der Text braucht seinen Schatten: dieser Schatten, das 83 .
ist ein bißchen Ideologie, ein bißchen Darstellung, ein bißchen Subjekt“ Für den Zuschauer ist das Theater der Text, in den die Geschichte, die Ideologie geometrisch außerhalb des dem Zuschauer Ersichtlichen angeordnet werden kann, so daß sie einen Schatten bildet. „Die erotische Funktion des Theaters ist nicht Beiwerk, denn von allen figurativen Künsten [...] gibt allein das Theater die Körper und nicht ihre 84 Die Flüchtigkeit der Ausschließlichkeit und die Präsenz des Darstellung.“ Körpers auf der Bühne schafft einen Raum für den Liebesdiskurs, der vom Zuschauer wahrgenommen werden kann.
82 Fragmente S.33
83 Barthes, Roland: Die Lust am Text. FFM, 1996. S.49
84 Über mich selbst. S.90
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F. Literaturliste
Aristoteles: Die Poetik. Stuttgart, 1994
Barthes, Roland: Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. FFM,
1990
Barthes, Roland: Fragmente einer Sprache der Liebe. FFM, 1988 Barthes, Roland: Die Lust am Text. FFM, 1996 Barthes, Roland: Œuvres complètes. Bd.2. Paris, 1993 Barthes, Roland: Sur Racine. Paris, 1963 Barthes, Roland: S/Z. FFM, 1976 Barthes, Roland: Über mich selbst. München, 1978 Blumenthal, Hermann: Zeitgenössische Rezensionen und Urteile über Goethes »Götz« und »Werther«. Berlin, 1935 Brauneck, Manfred und Gérard Schneilin (Hrsg.): Theaterlexikon. Reinbek bei Hamburg, 1992.
Büchner, Georg: Leonce und Lena. Stuttgart, 1988 Burke, Seán (Hrsg.): Authorship. Edinburgh, 1995 Friedell, Egon: Kulturgeschichte der Neuzeit. München, 1931 Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werthers. Stuttgart,
1987
Luhmann, Niklas: Liebe als Passion. FFM, 1995 Nietzsche, Friedrich: Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre. Band 2. München, 1966.
Pfister, Manfred: Das Drama. München, 1994 Racine, Jean: Phädra. Stuttgart, 1977 Shakespeare, William: Dramatische Werke III. FFM, 1954 Sontag, Susan (Hrsg.): A Barthes Reader. New York, 1983 Szondi, Peter: Theorie des modernen Dramas. FFM, 1956 Wilde, Oscar: Das Bildnis des Dorian Gray. Zürich, 1986
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Samy
Krass!.
Sehr geehrter Herr Autor,
ich muss wirklich sagen, die Arbeit ist bestimmt nicht schlecht, ich habe sie nicht richtig durchgelesen, aber der Anfang reichte um mir ein Bild zu machen! Sie haben sehr hochgesprochen um nicht zu sagen eingebildet, arrogant würde man sagen, wenn es wörtlich wäre, in der Sprache fehlt mir jedoch das richtige Wort, bestimmt wissen Sie was ich meine! Glauben Sie, dass das sehr viele verstehen??
Gruß Samy
on Monday, December 10, 2001-