seinen Eltern nach Deutschland nach, als diese sich gerade auf einer Konzerttournee befanden. Statt des vorgesehenen Violinstudiums wandte sich Lyonel Feininger der bildenden Kunst zu und erhielt in der Folgezeit seine Ausbildung an verschiedenen Kunstschulen inn Hamburg, Berlin und Paris. Nach ersten Erfolgen mit Karikaturen für deutsche und amerikanische Zeitungen entwickelte er unter dem Einfluß des Kubismus und der Malerei Robert Delaunays
seinen eigenen, unverwechselbaren Stil - charakterisiert durch die geometrische Konstruktion des Bildraumes, die kristalline Auffächerung transparenter Flächen und die Reflexivität von Licht, Raum und Farbe. Seine Gemälde sind aus prismatisch gebrochenen, überblendenden Farben und Formen komponiert. Architektur, Straßen, Gebäude und maritime Themen stehen im Zentrum von Feiningers Schaffen als Maler.
Nach seiner 1937 erfolgten Rückkehr nach New York entstand die Reihe der Manhattan-Bilder, die anschaulich belegen, wie fasziniert der Künstler auch von dieser Metropole gewesen ist.
Lyonel Feininger, der weit über Berlins Grenzen geschätzte Karikaturist, will sich 1905 endlich aus den Fängen der Groteske befreien und sich in der Ölmalerei unterweisen lassen. Der spät ernannte „Leinoel Einfinger“, wie sich der künftige Maler selbst ironisiert, setzt thematisch zunächst dort an, wo er als Karikaturist aufgehört hatte. Die Auskoloriierung des linearen Umrisses aus den Pressezeichnungen führt ihn - farblich an den Fauvisten um Henri Matisse geschult - in den sogenannten „Mummenschanzbildern“ zu schillernden schiessbudenartigen Farbfiguren: skurrile Szenerien aus dem Karneval der Vorkriegszeit, Flaneure, Straßenarbeiter und Zeitungsleser. Und bereits hier merkt man: dies ist kein Malen aus dem Bauch heraus, sondern bereits ein kalkulierter Umgang mit den Mittel der Malerei, bei der Linie und Fläche eine Einheit bilden und in der wie auch später die Gegensätze von Dynamik und Statik, Raum und Raumlosigkeit, Zeit und Zeitlosigkeit zusammentreffen. 1911 entdeckt Feininger dann die Bilder der Kubisten Braque und Picasso. Ihre Analytik verhilft ihm zur eigenen, reinen Bildform aus splittrigen Bausteinen. Die strukturbildenden Elemente für seine Bildarchitektur erschaut er sich aber in der Baukunst selbst. In den Bildern der Kriegsjahre wird Feininger vor allem die thüringischen Dorfkirchen um Weimar zu monumentalen „Kathedralvisionen“ erhöhen und hierbei vom facettierten, reliefhaften Flächenplan der Kubisten zur Durchdringung der Motive in die Tiefe des Bildes vordringen. In der Monochromie lehmigen Brauns und trüben Grüns, tonlosen Graus und matten Indigoblaus wird er sich aber noch eine Weile in der „farblosen“ Gefolgschaft des Kubismus aufhalten.
Der Festigkeit seiner Kompositionen fügt Feininger aber auch dynamische Aspekte hinzu, wie er sie im italienischen Futurismus mit Keilformen, aufsteigenden und abstürzenden Kraftlinien sehen konnte. Wie die Italiener wollte auch Feininger sich selbst und damit den Betrachter mitten in das Kraftfeld des
Bildes versetzen, um von verschiedenen Stand- und Fluchtpunkten aus, den Bewegungsrhythmus zu entfalten. Doch an der modernen Technik und ihrer Forschrittsgläubigkeit zeigt sich Feininger nicht interessiert und auch dem Prinzip der Simultaneität in der zeitgenössischen Großstadt steht er fern. Harmonie und Dissonanz, Formstrenge und Rhythmik: „Meine Bilder nähern sich immer mehr der Synthese der Fuge“ stellt Feininger fest und die beschworene Analogie von Malerei und Musik überrascht auch nicht, war der Maler doch von Jugend an mit Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge vertraut. Er fand im Kontrapunkt von Dur und Moll, Stimme und Gegenstimme sowie der auf- und absteigenden Melodieführung die Entsprechung zu seiner eigenen Malerei. Bachs „Leitmotive“ mit ihren Phrasen und Wendungen kehren in Feiningers Variationen von Themen vor allem in den Gelmeroda-Bildern programmatisch wieder.
Kubisten wie Futuristen sind Erkenntnistheoretiker, Feininger hingegen Metaphysiker.
Er stellt die Existenzform des Gegenstandes nicht in Frage. Er schafft vielmehr Abbilder einer Wirklichkeit, die er durch die Anwendung heterogener Stilmittel zugleich der Wirklichkeit entrückt. Das Kristalline wird ihm hierbei zunehmend zum Ausdruck einer solchen Erhöhung. Der Kristall mit seinen komplexen Raumstrukturen, schillernden Transparenzen und der strengen Regularität der geometrischen Gebilde erschien den Malern seit der Romantik als Metapher für die Immaterialisierung des Wirklichen zum Geistigen hin. Bei Feininger kristallisieren sich Architektur und Natur in der Symbiose zum Licht hin, in Stufungen von Körperlichkeit zu Unkörperlichkeit, von greifbarer Undurchdringlichkeit bis zur Durchsichtigkeit, von der Tiefe zur Ferne. Im Gründungsmanifest des Bauhauses in Weimar, dem Feininger 1919 beitritt, heißt es enthusiastisch: „Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens. Feininger schuf den Titelholzschnitt: eine gotische Basilika, die als kristallenes Gebilde der Licht-Inkarnation in den Kosmos einer erträumten Zukunft wächst. Auch als einer der letzten Maler am Bauhaus wird Feininger unverdrossen am traditionellen Staffeleibild und am Glauben an das Metaphysische in der Kunst festhalten. Feininger konstruiert in seiner Malerei, ist aber nie „Konstruktivist“. Die sublime Lichtmagie von William Turner hat Feininger Zeit seines Lebens fasziniert. Doch die eigentliche Befreiung zur lichterfüllten Farbe kam erst durch den „Orphismus“ von Robert Delaunay. Auf die allzu strenge Flächenbezogenheit und gänzlich unmetaphysischen „Formes circulaires“ des Franzosen reagierte Feininger zwar ablehnend, doch am Prisma der chromatischen Transparenz kam er nicht vorbei:„Der Raum erscheint durchsetzt von prismatischen und pyramidalen Strahlenbündeln, er ist eine tektonische Ordnung von leuchtenden Spektralfarben, die als Lichtpyramiden und -rismen den einzelnen Zentren des rhythmischen Gefüges zuschießen, und die Objekte, die Bauten, leben doch
darin in dauernder Existenz.“ Um sich gebührend von den anderen Stilrichtungen abzusetzen nennt Feininger seine Malerei der folgenden Zeit Prisma-ismus. In den zwanziger Jahren nimmt Feininger seine lange unterlassenen Notizen vor der Natur wieder auf und erobert sich in seinen „Ostseebildern“ ein neues Gefühl für die Unendlichkeit und Weite des Raumes. Die Härte der kubo-prismatischen Malerei hat sich verloren, der lasierende Farbauftrag ist aufgelockert durch eine feintupfige Licht-Schatten-Modulation der Tonwerte. Sein Ziel ist die „transzendentale Raumbildung“ durch Überlagerung farbiger Flächen, in denen auch die letzten Reste des Materiellen im Gegenstand herauskristallisiert werden.
Feininger wird nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten kaum noch malen. Der gebürtige Amerikaner wandert 1937 nach New York aus und muß erst visuelle Tuchfühlung aufnehmen mit einer neuen Lebensumwelt. In den späteren Bildern der Höfe und Hochhäuser von New York weicht das Prismatische einer neuen Raumkonstruktionen aus filigranen Linien, denen oft nur noch ein Hauch fahlen Gelbs oder azurnen Blaus unterlegt werden. Sein sich vom Gegenständlichen entfernender Spätstil bleibt nicht unberührt von den amerkanischen Abstrakten dieser Jahre. In Mark Tobey findet er seit 1944 einen Kollegen, Freund und Wahlverwandten, der sich wieder auf die Suche nach dem meditativen Bild der inneren Vision macht. Doch oft sind Feiningers Bilder sind nur formeller geworden und ärmer an geistiger Suggestion. Je älter der Künstler wird, um so mehr zerrann ihm auch das Wirkliche. Die Erinnerung wird immer mehr zur Methode seiner Malerei. In den letzten Jahren verlieren Formen und Figuren ihren klaren Umriß. Im ersten Anlauf pastos aufgetragene Farben werden mit Sandpapier abgeschmirgelt und an anderen Stellen bis auf den Grund abgekratzt. Dann wird die Farbe wieder dünn aufgetragen. Das Ergebnis ist ein diffuses Farbgewebe, das mitgetragen wird vom Licht der Untermalung. Trotz der Sublimierung der sich auflösenden Farbform verraten die Bilder Züge der bildnerischen Ermattung, vor der die viele Maler im Alterswerk nicht gefeit sind. Lyonel Feininger starb am 13. Januar 1956 in New York.
Arbeit zitieren:
Carsten Busch, 2000, Lyonel Feininger - Bildbeschreibung "Torturm 1" und Biografie, München, GRIN Verlag GmbH
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