)UHLH8QLYHUVLWlW%HUOLQ ,QVWLWXWIU(WKQRORJLH :6 0HWKRGHQGHU(WKQRORJLH &OHPHQV*UQ 9RQ0DOLQRZVNLELV6SUDGOH\0HWKRGHQGHU)HOGIRUVFKXQJDP%HLVSLHOGHV :HLKQDFKWVIHVWHVLQ%HUOLQ:HGGLQJ
,QKDOW
=XUHWKQRJUDSKLVFKHQ0HWKRGH0DOLQRZVNLV
Einführung
Theorie Tagebücher Kritik
'LH7HLOQHKPHQGH%HREDFKWXQJ
Begriffsbestimmung
Methodisches Vorgehen J.P. Spradley (in Stichpunkten) Beobachtungspunkte
Teilnehmer vs. Feldforscher
Arten von Feldnotizen
:HLKQDFKWHQLQ:HGGLQJ
Allgemeine Angaben
Beobachtungen in den Familien Erwartungshaltung der Eltern Erwartungen und Vorstellungen der Kinder Chronologie und Dramaturgie
/LWHUDWXU
2
=XUHWKQRJUDSKLVFKHQ0HWKRGH0DOLQRZVNLV
(LQIKUXQJ
Die Beschäftigung mit Malinowskis ethnographischer Methode ist der Rückblick in eine Zeit, da die Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin noch immer in den Kinderschuhen steckte. Malinowskis Beitrag für die Wissenschaft ist nicht als einer unter vielen zu betrachten, vielmehr ist er Gründer der sozialanthropologischen Methode. Er war der erste, der seine auf Forschungsreisen gemachten Erfahrungen in fremden Kulturen mit genauen, insbesondere aber systematischen Aufzeichnun- gen noch vor Ort dokumentierte. Grundlage für diese Vorgehensweise war seine
Forderung nach einer SUl]LVHQ:LVVHQVFKDIW, umzusetzen in Form einer intensiven,
methodisch geleiteten Feldforschungsarbeit. Der Umstand, dass Forschungsideal und Wirklichkeit des Feldes bisweilen weit auseinander lagen, hat nicht nur zu Kri- tik aus Forscherkreisen geführt, sondern auch und gerade ihm selbst zu schaffen gemacht, wie die Jahrzehnte nach seinem Tod veröffentlichten Tagebücher zeigen. Letztere haben eine Diskussion in den Sozialwissenschaften darüber ausgelöst, in- wiefern ein/e Forscher/in in einer fremden Kultur überhaupt zu wissenschaftlicher Distanz in der Lage sein kann und die persönliche Situation der/des Feldforschen- den mit in die Dokumentation der Arbeitsergebnisse einfließen darf oder muss.
7KHRULH
Malinowskis Denken gründet sich auf eine positivistisch-funktionalistische Positi- on: Für sich stehende, isolierte Daten gibt es nicht. Sie erhalten erst durch die In- terpretation durch den Forscher Sinn. Zu den „wesentlichen Voraussetzungen für eine zufriedenstellende ethnologische Forschungsarbeit“ gehört für Malinowski,
„dass sie sich mit der 7RWDOLWlWDOOHUVR]LDOHQNXOWXUHOOHQXQGSV\FKRORJLVFKHQ$V
3
SHNWHGHU*HPHLQVFKDIW“ befasse. Diese seien so miteinander verwoben, dass kei-
ner verstanden werden könne, wenn man nicht alle anderen mit einbeziehe 1 . James G. Frazer ergänzt im Vorwort derselben Publikation 2 , dass es für Malinowskis Me- thode bezeichnend sei, dass es stets die „ .RPSOH[LWlWGHUPHQVFKOLFKHQ1DWXU“ be-
rücksichtige. Malinowski sehe den Menschen plastisch, nicht eindimensional und bemühe sich ständig, sowohl die emotionale wie die rationale Grundlage menschli- chen Handelns aufzudecken 3 .
Malinowskis Herangehensweise an die Sozialanthropologie ist an die Naturwissen- schaft angelehnt. Nicht umsonst hält er die hEHUSUIEDUNHLWYRQ$XVVDJHQ für eine
unbedingte Voraussetzung der Dokumentation von Arbeitsergebnissen, einen zent- ralen Wertmaßstab moderner Ethnographie. Der Wissenschaftler sei verpflichtet, dem Leser alle Bedingungen, unter denen das Experiment oder die Beobachtung zustande kam, mitzuteilen. Nur solche ethnographischen Quellen seien von zwei- felsfreiem wissenschaftlichen Wert, in denen eine klare Grenze gezogen werden könne zwischen den Ergebnissen der direkten Beobachtung, Berichten und Inter- pretationen der Eingeborenen auf der einen Seite und den Schlussfolgerungen des Autors auf der anderen Seite. 4
Des weiteren hält er die Schaffung angemessener Bedingungen ethnographischer Arbeit für wichtig. Er trennt „ sporadisches Eintauchen in die Gesellschaft“ von einem „ wirklichen Kontakt“ mit den Eingeborenen und setzt damit nicht nur HLQH
EHGLQJXQJVORVH 7UHQQXQJ YRQ (LQIOVVHQ GHU )RUVFKHQGHQNXOWXU, sondern auch
eine XQYRUHLQJHQRPPHQH +DOWXQJ der oder des Forschenden voraus. Nicht die
1 „ Argonauten des westlichen Pazifik“ : S. 16
2 „ Argonauten des westlichen Pazifik“ (Syndikat, Frankfurt 1984) 3 „ Argonauten des westlichen Pazifik“ : S. 9 4 „ Argonauten des westlichen Pazifik“ : S. 26f.
4
Bestätigung vorgefertigter Theorien, sondern die ständige Umformung derselben aufgrund neu recherchierter Fakten, sei vornehmliches Forscherziel. 5
Malinowskis Forderung nach einer exakten Wissenschaft manifestiert sich in sei- ner Beschreibung einer dreiteiligen Struktur der Untersuchung von Gesellschaft. Zunächst müssten die 2UJDQLVDWLRQGHV6WDPPHV und die $QDWRPLHVHLQHU.XOWXU aufgezeichnet werden. Ein solcher Umriss sei durch die 0HWKRGHNRQNUHWHUVWDWLVWL
VFKHU 'RNXPHQWDWLRQ (etwa der chronologischen Aufzeichnung aller für den Un-
tersuchungsgegenstand relevanten Ereignisse) zu erreichen. Dieses Schema müsse mit den ,PRSRQGHUDELOLHQGHVZLUNOLFKHQ/HEHQV (gemeint ist die persönliche Di- mension gesetzmäßigen menschlichen Handelns) und dem VSH]LILVFKHQ (gesell- schaftsimmanenten) 7\SXV YRQ 9HUKDOWHQ ausgefüllt werden. Beides müsse durch ein minuziöses, detailliertes Beobachten mit Hilfe eines HWKQRJUDSKLVFKHQ7DJHEX
FKHV gesammelt werden, was durch den engen Kontakt mit den Eingeborenen mög-
lich würde. Zur Vertiefung des Verständnisses sei die Teilnahme am Leben der Eingeborenen und in diesem Zusammenhang auch das (UOHUQHQLKUHU6SUDFKH, ü- ber das bloße Beobachten hinaus, notwendig. Hier kommt der Begriff der „ WHLO QHKPHQGHQ%HREDFKWXQJ“ ins Spiel. Schließlich müsse es eine Sammlung von eth-
nographischen Aufzeichnungen, charakteristischen Erzählungen, typischen Äuße- rungen u.s.w. als 'RNXPHQWGHU0HQWDOLWlWGHU(LQJHERUHQHQ geben. 6
7DJHEFKHU
Malinowskis Forderung nach einer exakten Wissenschaft, welche die Gesellschaft in ihrer Totalität darstellt, ist aus seiner eigenen Forschererfahrung entstanden. Wie
5 „ Argonauten des westlichen Pazifik“ : S. 28ff.
6 „ Argonauten des westlichen Pazifik“ : S. 33ff.
5
mit der Veröffentlichung seiner Tagebücher 7 deutlich wurde, ist er damit nicht nur mit seinen Forscherkollegen, sondern auch mit sich selbst hart ins Gericht gegan- gen. Seine Ansprüche, und dies ist ihm posthum vorgeworfen worden, kollidierten offenbar in nicht unerheblichem Maße mit der unzulänglichen Realität seiner eige- nen Feldforschungsarbeit.
In den Tagebüchern werden eine Vielzahl von Themen seiner Forschungsarbeit genannt, und es gibt auch einige theoretische Überlegungen, vor allem aber handelt es sich um eine anschauliche Vermittlung der psychologischen und emotionalen Reaktionen eines Feldanthropologen auf eine ihm fremde Gesellschaft. Sie zeigen die dunkle Seite des Anthropologen, die Gefühle von Heimweh, Isolation, Depres- sion, seine Tagträumereien, Eitelkeiten, Ängste, seine (bisweilen sexuellen) Fanta- sien, seinen Medikamentenmissbrauch, seine Zu- und Abneigungen gegenüber be- stimmten Wissenschaftskollegen, seine Verbitterung über Missionare bis hin zu rassistischen Gedanken über Eingeborene, den inneren Kampf, den ein Feldfor- scher tagtäglich auszutragen hat, um sich zum mühsamen Werk der Feldbeobach- tung zu zwingen und die Strategien der Bewältigung seiner persönlichen Probleme.
.ULWLN
Die Tagebücher haben eine Diskussion in den Sozialwissenschaften ausgelöst. Der Begründer einer Methode der Sozialanthropologie, die das Bild vom Feldforscher als allwissenden Tausendsassa entworfen hat, erscheint als unvollkommener Je- dermann mit menschlichen Schwächen und alltäglichen Problemen. Dies wirkte
wie ein Schock, weil die 3RVLWLRQGHV)HOGIRUVFKHUV innerhalb des wissenschaftli- chen Prozesses bis dahin nicht thematisiert worden war. Nicht nur Malinowskis Charakter wurde kritisiert, sondern auch seine Methode in Frage gestellt, weil aller 7 Bronislaw Malinowski: „ Ein Tagebuch im strikten Sinne des Wortes“ (Frankfurt 1985)
6
Quote paper:
Clemens Grün, 1998, Von Malinowski bis Spradley - Methoden der Feldforschung am Beispiel des Weihnachtsfestes in Berlin-Wedding, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Eine symboldidaktische Einheit im evangelischen Religionsunterricht ei...
Theology - Didactics, Religion Pedagogy
Examination Thesis, 50 Pages
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 15 Pages
Besiegte Siegerin. Daniel Caspar von Lohensteins "Cleopatra"
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 16 Pages
Außenwirtschaftliche Abhängigkeit, Wirtschaftswachstum und Lebenschanc...
Sociology - Economy and Industry
Research Paper, 97 Pages
Zu: Das Unbehagen in der Kultur (Sigmund Freud)
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Termpaper, 16 Pages
Zusammenfassung des Freudschen Aufsatzes "Das Unbehagen in der Ku...
Psychology - Social Psychology
Termpaper, 19 Pages
Theorien der Arbeitslosigkeit und der Vollbeschäftigung
Business economics - Economic Policy
Termpaper, 24 Pages
Die ethnologischen Konzepte von Clifford Geertz, Fredrik Barth und U...
Ethnology / Cultural Anthropology
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Theorie des Internationalen Handels: Monopolistische Konkurrenz und in...
Economics - International Economic Relations
Scholary Paper (Seminar), 21 Pages
John Rawls - Verteilungsgerechtigkeit - Eine Theorie der Gerechtigkei...
Business economics - Business Ethics, Corporate Ethics
Scholary Paper (Seminar), 40 Pages
Zu: James Clifford: 'Über ethnographische Autorität'
Ethnology / Cultural Anthropology
Termpaper, 12 Pages
Die teilnehmende Beobachtung - Malinowskis Idee und ihre Umsetzung dam...
Ethnology / Cultural Anthropology
Termpaper, 18 Pages
Rawls versus Nozick: Gerechtigkeit als Fairness und Anspruchstheorie
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Unterrichtseinheit: Der Seelenvogel von Michael Snunit und Na´ama Golo...
Theology - Religion (For Pre-University Students)
Lesson Plan, 12 Pages
Instrumente und Wirkung der Außenhandelspolitik
Economics - Foreign Trade Theory, Trade Policy
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Clemens Grün's text Von Malinowski bis Spradley - Methoden der Feldforschung am Beispiel des Weihnachtsfestes in Berlin-Wedding is now available as a printed book
Clemens Grün has published the text Von Malinowski bis Spradley - Methoden der Feldforschung am Beispiel des Weihnachtsfestes in Berlin-Wedding
Clemens Grün has uploaded a new text
Rekonstruktion am Beispiel Berliner Schloss aus kunsthistorischer Sich...
Ergebnisse der Fachtagung im A...
Manfred Rettig
Das professionelle Handlungswissen von DaZ-Lehrenden in der Erwachsene...
Eine qualitative Studie
Silvia Demmig
Geschichte der Universität zu Berlin 1810-2010
Band 4: Genese der Disziplinen...
Rüdiger vom Bruch, Heinz-Elmar Tenorth
0 comments