Institut für Kommunikationswissenschaft (Zeitungswissenschaft) der LMU München
Hauptseminar: Theorie und Typologie der getarnten Propaganda
Dozent: Dr. Heinz Starkulla jr.
Referenten: Michael Lingenfelser, Sebastian Meyer-Detring, Thilo Kraus, Isabel Lamotte
Datum: 23. Juni 1999
Schwarze Gesundheitsvorsorge
Schwarze Gesundheitsvorsorge zielt darauf ab, die Wehrkraft des Gegners zu schwächen.
Dies geschieht entweder durch Schüren der Angst vor Krankheit, oder, indem Krankheit als
Rettung vor dem Tod dargestellt wird:
,,Lieber ein paar Wochen krank, als ein Leben lang tot."
Fallstudien
1. Flugblattbroschüre ,,Pest"
(Herkunft: England, 1943, ohne Codezeichen, Format ca. 90x140 mm, Broschüre 20 Seiten
einschließlich Titel)
Hintergrund
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Kenntnis der verheerenden Folgen der Pestepidemie von 1347-1352 (25 Millionen
Todesopfer in Europa)
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Seuchen bekannt als Begleiterscheinungen des Krieges: erhöhte Gefahr des Auftretens
durch eingeschränkte Hygiene und mangelnde medizinische Versorgung
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Das Reichsgesundheitsamt rechnete tatsächlich mit dem Auftreten von Seuchen
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Grundlage: Veröffentlichung des Reichsgesundheitsamtes ,,Ratschläge an Ärzte zur
Bekämpfung der Pest" (Deutschland 1942)
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Die Furcht vor der Pest wird geschürt, die Folgen erläutert
(,,...so kämpft die deutsche Wissenschaft gegen den heimtückischen Gegner Pest, der schon so
oft in der Weltgeschichte alleiniger Sieger auf den Schlachtfeldern Europas geblieben ist.")
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Sensibilisierung und Verunsicherung der Leser, Aufforderung, bereits bei geringsten
Anzeichen bakteriologische Untersuchungen vornehmen zu lassen
(,,Nur, wenn jeder einzelne Volksgenosse seine Pflicht als Beobachtungsposten der Wissenschaft
tut, wenn jede kleinste, unscheinbarste Bewegung des heimtückischen Gegners sofort erkannt
und unverzüglich gemeldet wird, kann die entsetzliche Gefahr abgewendet werden.";
angeblich Symptome: ,,Ziehen" in den Beinen, Kopfschmerzen, leichte Übelkeit, Pickel etc.)
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Behauptung, das Deutsche Volk habe nicht die Immunität gegen den Bazillus, über die
unterentwickelte Länder verfügen Angst der Soldaten, im Nahkampf mit Osteuropäern
in Kontakt zu kommen
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Anstiften zu Verleumdungen
(Zur Anzeige verpflichtet ist ,,derjenige, der von einem derartigen Fall Kenntnis erhält, und
Grund hat, anzunehmen, daß die unter 2-4 angeführten Personen ihre Anzeigepflicht
vernachlässigen.")
Beunruhigung der Bevölkerung Überbewertung der Symptome
Schaffung von Mißtrauen zwischen Arzt und Patient, sowie zwischen Volk und Behörden
Reaktionen
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Detaillierte Erörterung im ,,Deutschen Ärzteblatt": ,,Nervenkrieg mit Pestflugblättern?"
(Deutschland 1944)
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Veröffentlichung in den ,,Mitteilungen für die Truppe"
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Aufgreifen dieser propagandistischen Vorgehensweise Gerücht, Engländer und
Amerikaner kämen als Träger der Pest in Frage
2. ,,Nationalpolitischer Unterricht im Heere. III. Hauptthema: Die Soldatenfrau in der Heimat.
Thema 6: Eheliche Treue und falscher Verdacht"
(Herkunft: England, 1943, ohne Codezeichen, Format ca. 140x210 mm, dreiseitig bedruckt,
einfarbig)
Hintergrund
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Interesse an sexuellen Vorgängen
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Überanstrengung der Frauen beim Arbeitseinsatz
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Bestehende Sorge der Soldaten um die Treue der Ehefrauen (Angehörige der Heimatfront,
Fremdarbeiter in den Fabriken)
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Unterernährung, mangelnde Qualität der Lebensmittel
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Kriegsbedingter Bedeutungszuwachs von Fruchtbarkeit und Kinderreichtum
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Beunruhigung der Soldaten durch Andeuten der Möglichkeit ehelicher Untreue
(,,Es sind in der letzten Zeit des öfteren Fälle vorgekommen, in denen Wehrmachtsangehörige,
die z.T. schon mehr als ein Jahr nicht auf Heimaturlaub gewesen sind, die Mitteilung erhalten,
daß ihre Ehefrau sich im Zustande der Schwangerschaft befindet.")
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Beunruhigung der Soldaten durch Hinweis auf mögliche Unfruchtbarkeit der Frau und
Verdacht auf Scheinschwangerschaft
(,,Aber in vielen Fällen
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...
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wird es sich herausstellen, daß sie an einer Erscheinung leidet, die
[
...
]
der medizinischen Wissenschaft als Pseudo-Schwangerschaft bekannt ist."; ,,Die tatsächliche
Ursache des Ausbleibens der Regel ist in einer Schädigung der weiblichen
Fortpflanzungsorgane zu suchen")
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Indirekte Aufforderung, die Frauen aus den Betrieben zu nehmen durch Nennung der
Ursachen (Überanstrengung durch Betriebsarbeit, langes Stehen, giftige Substanzen in
chemischen Betrieben) und Folgen:
(,,Denn wiederholt sich der durch Überanstrengung hervorgerufene Ausfall der Regel über
einen gewissen Zeitraum hinaus, so ist weitere Rückbildung und Entartung der Eierstöcke die
Folge, und es besteht die ernste Gefahr dauernder Unfruchtbarkeit sowie eines frühzeitigen
Altersverfalls.")
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Hinweis auf schädigende Kriegsnahrung: ,,blähendes Kriegsbrot"
3. ,,Krankheit rettet" von Dr. med. Wohltat
(Herkunft: England, ab 1943/44, Format 68 x 105 mm, 112 Seiten einschließlich Titel und
Tarnung)
Rettung vor dem völligen Zusammenbruch, wenn der Patient im rechten Augenblick durch
eine leichte, ,,richtige Krankheit" gezwungen wird, auszuspannen.
Die Schrift ,,Krankheit rettet" vermittelt das notwendige, wissenschaftliche (!!!) Wissen,
damit ein Arzt den ,,Übertreiber aus Notwehr" nicht erkennen kann. Denn nur Patienten, die
sich falsch benehmen, werden vom Arzt als Drückeberger entdeckt.
Denn: ,,Es ist nicht wahr, daß der Doktor den Simulanten immer reinlegen kann."
,,Das ganze System der Anweisungen in diesem Heft ist dazu entworfen worden, um dem
Doktor die gesamte Verantwortung zuzuschieben. Denn: Du simulierst nicht eine Krankheit,
sondern der Arzt stellt sie von sich aus fest."
4. Englisches Streichholzbriefchen
(Herkunft: Deutschland 1944/45, Codezeichen 145/9. 44, Format 41 x 605 mm, zweiseitig
bedruckt, mehrfach gefaltet, als Streichholzbriefchen getarnt)
Gegenreaktion der Deutschen auf die Alliierten
,,Nobody can say that as a good soldier you haven´t done your duty. But no man in the world
will ever blame you for not wishing to be one of ist last victims. The trouble about a war is that
towards the end the death rate rises to ist highest. Try the safe turn during these last weeks, it
ist far better for you to be a few weeks ill than all your life dead."
Brisanz
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Enge Verknüpfung von Krankheit und Krieg
(Truppenhygiene, Grippe, Fleckfieberseuchen, Geschlechtskrankheiten,
Nahrungsmittelknappheit):
Krankheit ist eine alltägliche Erscheinung, jedoch häufen sich im Krieg aufgrund der
hohen Anstrengungen die Krankheitsfälle
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Vorteile für den Simulanten:
1. Drückeberger brauchen nicht zu desertieren (unehrenhaft, gefährlich)
2. Umgehung ideologischer Überzeugungen: Anleitungen zur Simulation richten sich an
den Egoismus des Einzelnen (,,innerer Schweinehund"), der nicht erst ideologisch
umerzogen werden muß, um sich aus dem Kampfgeschehen an der Front oder in der
Heimat zurückzuziehen
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Vierfache Wirkung:
1. Verstümmelung
tatsächliche Kampfunfähigkeit
2. Erfolgreiche
Simulation
scheinbare Kampfunfähigkeit
3. Auffliegende
Drückebergerei
Exekution
4. Überreaktion der Ärzte Wegen Verdacht auf Simulation müssen wirklich Kranke
Kriegsdienst leisten und infizieren dabei Kameraden
Dr. McCurdy, Mitarbeiter Sefton Delmers, über die Reaktion deutscher Ärzte auf bekannt
gewordene Anleitungen zur Simulation:
,,Ich hoffe sehr, daß sie von jetzt ab effektiv kranke Männer und Frauen an die Arbeit
zurückschicken und dadurch vielleicht sogar zur Verbreitung von Krankheiten beitragen, weil
sie glauben, daß die Patienten ihre Symptome mit Hilfe dieses nichtswürdigen Dr. med.
Wohltat vorgetäuscht haben."
Alle vier Faktoren haben die gleiche Wirkung: Sie mindern die Wehrkraft des Gegners - ob
der Simulant erfolgreich mit seiner Täuschung ist oder nicht, spielt für den Propaganda-
Strategen auf der anderen Seite keine Rolle. Der simulierende Soldat läuft letztendlich in eine
Falle, weil er sich wegen der scheinbar wohlwollend gemeinten Anleitungen zur
Selbstverstümmelung in falscher Sicherheit wähnt.
Transport und Verbreitung der Anleitungen zum Simulieren
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Luftweg: Flugzeuge, Ballons, Raketen, für diesen Zweck eigens konzipierte Geschosse
(Propagandageschoß 41), Pfeile (wie an der schweizerischen Grenze)
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Spähtrupps, Hinterlassenschaften nach der Aufgabe militärischer Stellungen
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Brief- und Flaschenpost
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Andere Hilfsmittel wie Streichholz- oder Zigarettenpackungen
Anzahl der Anleitungen zum Simulieren
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heute werden in der BRD lediglich vier Exemplare (zwei davon stark beschädigt) in
öffentlichen Archiven aufbewahrt
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Schätzungen: ca. 250 verbreitete Anleitungen täglich; in den Jahren 1944 und 1945 lag
die tägliche Verbreitung im deutschen Reich und in den von deutschen Truppen
besetzten Gebieten mit geschätzten 450 Anleitungen zum Simulieren vermutlich um
einiges höher
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Darüber, wie viele Anleitungen tatsächlich in die Hände der am 2. WK beteiligten
Soldaten gelangten, können aus heutiger Sicht keine verläßlichen Aussagen gemacht
werden.
Anzahl der durch die ,,Gesundheitsvorsorge" geschädigter
Personen
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November 1944 bis Februar 1945: ca. 100 Gestapo-Berichte, die sich mit aufgedeckten
Fällen von Simulation und Selbstverstümmelung befassen
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Berichte wurden vor der Bevölkerung geheimgehalten
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Vereinzelt Todesurteile gegen überführte Simulanten
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Berichte von Frontärzten bestätigen das Vorhandensein von Selbstverstümmelungen und
Simulationen im Zeitraum 1944/45
Das Spannungsverhältnis Arzt-Patient bzw. Arzt-Soldat
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Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Soldat ist im Krieg allgemein stark zusätzlich
belastet
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Die Wiederherstellung Erkrankter und Verwundeter zu wieder kampffähigen und
einsatzbereiten Soldaten ist eine Angelegenheit, die für den Ausgang des Krieges
entscheidend ist
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Im 2.WK forcierte die NS-Führung, auch Kranke zum Einsatz zu bringen. ,,Ein chronisches
Magenleiden sollte keine Lebensversicherung sein und der Sinn des Krieges wurde auch
nicht darin gesehen, daß die Gesunden fallen und die Kranken erhalten bleiben."
Typologisierung
Beim überwiegenden Teil der "schwarzen Gesundheitsvorsorge" handelt es sich um
a.) schwarze Tarnung im weiteren Sinne: Einschleichtarnung (Reclam-Heftchen, Streichholz-
Heftchen) UND
b.) schwarze Tarnung im engeren Sinne (z.B. englische Flugblattbroschüre ,,Pest")
Literatur:
Delmer, Sefton: Die Deutschen und ich. Hamburg 1962
Howe, Ellic: Die schwarze Propaganda. München 1983
Kirchner, Klaus (Hrsg.): Flugblattpropaganda im 2. Weltkrieg. Bände 1-15. Erlangen 1974 ff.
Kirchner, Klaus: Krankheit rettet. Erlangen 1976
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