Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Historische Betrachtung des Arbeitsbegriffs 3
3 Analyse des Phänomens Arbeit 6
3.1 Produktivität 6
3.2 Gelernte und ungelernte Arbeit 9
3.3 Körperliche und geistige Arbeit 9
3.4 Verdinglichung 10
3.5 Zwei Aufgaben der Arbeit 11
4 Schluss 12
2
1 Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit dem Kapitel „Die Arbeit“ aus dem Buch „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ von Hannah Arendt, das 1958 zunächst in den USA erschien.
Den Begriff vita activa benutzt Hannah Arendt als allgemeine Bezeichnung für das Arbeiten, Herstellen und Handeln, die für sie - als Grundtätigkeiten - die Grundbedingungen des menschlichen Lebens darstellen. 1 Sie hat unter anderem jedem der drei Begriffe Arbeit, Herstellen und Handeln ein eigenes Kapitel gewidmet.
Arendt bezieht sich in ihrer Analyse des Phänomens Arbeit immer wieder auf Karl Marx’ „Kapital“, mit Abstand das umfangreichste Werk, das sich mit den sozialen und ökonomischen Aspekten der Arbeit, ihrer Auswirkungen auf Individuum und Gesellschaft auseinandersetzt. Ebenso berücksichtigt sie die Bedeutung und Bewertung der Arbeit in der Menschheitsgeschichte - exemplarisch in der antiken griechischen Gesellschaft, in der Neuzeit bis zum Industriezeitalter. Immer wiederkehrend ist die Unterscheidung zwischen Arbeiten und Herstellen, zwischen gelernter und ungelernter Arbeit, Arbeit des Körpers und des Kopfes usw. Allein diese Unterscheidungen lassen vermuten, dass der Begriff der Arbeit ein weitaus vielschichtigerer und tiefgreifenderer ist, als man zunächst vermuten mag.
Das Wort Arbeit, das im Deutschen nicht nur mit dem Arbeitsprozess, sondern auch mit dessen Resultat, im Sinne von Werk identifiziert wird (ebenso wie im Englischen labour und work oder im Französischen travail und oeuvre), ist in seinem etymologischen Ursprung mit Mühsal und Plage gleichzusetzen. 2 Auch wurde der Terminus arbeiten ursprünglich lediglich für die Tätigkeit der Leibeigenen gebraucht, während ein Handwerker werkte. 3 Im Folgenden ist unter Arbeit ganz allgemein der Prozess zu verstehen, in dessen Verlauf Güter bearbeitet und geschaffen werden.
Bevor die philosophische Tragweite und Bedeutung des Betrachtungsgegenstandes untersucht wird, soll zunächst auf den historischen Begriff der Arbeit und seinen Wandel eingegangen werden.
2 Historische Betrachtung des Arbeitsbegriffs
Bereits im antiken Griechenland finden sich Hinweise auf eine Unterscheidung zwischen dem „Hand-Werker” und solchen, die mit ihrem Körper der „Notdurft des Lebens” dienen, den Skla-
1 vgl.Arendt, Hannah. Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: 1998, S. 16.
2 vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Hg von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Bd. II/10. Berlin: 1991, S. 55.
3 vgl. Arendt, S. 435.
3
ven und Nutztieren nämlich. 4 Auch lässt sich bei John Locke hierzu eine Analogie erkennen, wenn er von dem „arbeitenden Körper” und den „werkenden Händen” spricht. 5 Im Athen der Antike, nach der Entwicklung der Stadtstaaten („Polis”), wurden alle Tätigkeiten, die zunächst unmittelbar mit der Bereitstellung der lebensnotwendigen Dinge verbunden waren, verachtet. Die Begründung für die Verachtung solcher „niederer“ Tätigkeiten lag darin, dass diesen keinerlei dauerhaftes Resultat folgte, d.h. keine Sache, die viel länger bestehen konnte, als es an Zeit zu ihrer Fertigung gebraucht hatte. Grundsätzlich wurden später alle Tätigkeiten, verachtet, die nicht mehr direkt mit der hohen Politik im Stadtstaat zu tun hatten. Zum Ende des fünften Jahrhunderts wurde diese Missachtung auf alles, was in irgendeiner Form körperliche Anstrengung erforderte, ausgeweitet. 6 Arendt beruft sich hier auf Aristoteles, der die Beschäftigungen nach dem Abnutzungsgrad des Körpers bewertete und einstufte. Diese Kate-gorisierung nutzte Aristoteles auch als Kriterium dafür, wer im Stadtstaat Athen in den Genuss der Bürgerrechte kam und wer nicht. So hatten für ihn der Maler und der Hirte einen höheren Stand als der Bildhauer und der Bauer. Ihm kam es also weniger auf darauf an, was der Zweck der Tätigkeit war, sondern darauf, wie stark der gesamte Körper in den Prozess des Arbeitens und des Herstellens involviert war. Auch die Handwerker, die als Banausen bezeichnet wurden, sollten nicht als Bürger ihr Leben fristen dürfen. Der Begriff Banausen bezeichnete im alten Griechenland die Bevölkerungsgruppe, die sich zwar um ihr eigenes Handwerk, jedoch nicht um öffentliche Angelegenheiten kümmerte. 7
Körperliche Arbeit galt in der griechischen Antike als sklavisch. Das bedeutete, dass solange der Zweck und der Nutzen, den die Tätigkeiten verfolgten, der Lebenserhaltung und der Lebensnotwendigkeiten diente, die Arbeit als Sklavenarbeit zu betrachten war, „weil sie durch die Notdurft des Körpers erzwungen ist“ 8 . Hierbei widerspricht Hannah Arendt einer Ansicht, wie sie in der modernen Wissenschaft bevorzugt vertreten wird: angeblich sei das eigentlich Verachtenswerte an der Arbeit, dass sie von Sklaven verrichtet wurde. Genau umgekehrt scheint es jedoch der Fall zu sein, dass es natürlicherweise Tätigkeiten gebe, die dadurch, dass sie der Notwendigkeit des Lebens dienen, sklavisch sind, und demzufolge auch von Sklaven und nie-mandem anders zu verrichten seien. Insoweit war die Sklaverei auch für die großen Denker der Antike gerechtfertigt: es liege in der Natur der Dinge, dass der Mensch, um aus seinem eigenen Versklavtsein herauszutreten, andere Menschen (die sich in dem Falle nicht weiter vom Haustier unterschieden, und ergo keine Menschen mehr waren) versklaven muss, 9 „die Notdurft
4 vgl. ebd., S. 99.
5 vgl. Arendt.
6 vgl. ebd., S. 100.
7 vgl. ebd.
8 vgl. ebd., S. 101.
9 ebd., S. 101.
4
des Lebens für sie zu tragen”. 10 Der Sklave war nicht mehr als ein „Animal laborans“. 11
Die Versklavung von Individuen schien weniger ein Mittel zu sein, sich billige Arbeitskräfte zu verschaffen, als viel eher ein Naturgesetz. Auch diente sie der eindeutigen Abgrenzung zwischen dem, was den Menschen mit dem Tier auf eine Ebene stellt (dem Lebensnotwendigen, denn auf dieser Stufe befindet sich der Mensch in einem nicht-menschlichen Stadium) und dem, wodurch der Mensch sein Mensch-Sein erreicht. 12
Wie zu erkennen ist, fand in der Antike keine eindeutige Unterscheidung zwischen Arbeiten und Herstellen statt. Vielmehr kam es auf die graduell unterschiedlich große Mühsal der verschiedenen körperlichen Tätigkeiten an, aufgrund derer eine Einteilung in Bürger/Herren und Sklaven erfolgen konnte.
Mit der Entwicklung weiterer philosophischer Theorien und dem Einzug der Philosophie in die Politik wandelte sich nunmehr die Einstellung zu dem, was für den als frei geltenden Menschen erstrebenswert sei. Bis dahin gab es die neben der erwähnten graduellen Unterscheidung auch die Abgrenzung der öffentlichen/politischen zu den privaten Tätigkeiten, die im Verborgenen ausgeführt wurden. Die Sorge um die öffentlichen Angelegenheiten (cura rei publicae) galt selbstverständlich als eine der angesehensten Tätigkeiten, wobei sich am anderen Ende der Skala die Sorge um das Private (die Hausarbeit) befand. Die zunehmende philosophische Prägung der Gesellschaft, die das In-sich-gekehrt-Sein zum Zweck der Sinnfindung als höchstes Ideal empfand, verachtete zunehmend jegliche Art der Tätigkeit - auch das öffentliche Agieren schien letztlich nichts weiter als eine Tätigkeit zu sein, die einer Notwendigkeit unterworfen war. 13 Die Abgrenzung fand nun zwischen Kontemplation und dem Tätigsein an sich statt, eine Abgrenzung, die später auch das Christentum übernehmen sollte. 14
In der römischen Antike wurde die Trennlinie zwischen den verschiedenen Arten der Tätigkeiten, die von Menschen ausgeführt werden konnten, ähnlich gezogen. Auf der einen Seite standen die sogennannten freien Berufe, auf der anderen die knechtischen Gewerbe. Unterschieden wurden diese nach den Kriterien der utilitas und der necessitas, der Nützlichkeit und der Notwendigkeit. Jenseits der Kategorie der knechtischen Gewerbe (die sich dadurch auszeichneten, dass das Resultat der jeweiligen Arbeit entlohnt wurde, egal ob dies ein Produkt des Tischlers oder die Handelsware des Geflügelhändlers war) befanden sich diejenigen, die für ihr bloßes Tätigsein entlohnt wurden - dies waren meistens Sklaven. 15 Jedoch verrichteten
10 ebd.
11 ebd., S. 102.
12 vgl. Arendt, S. 102.
Für Denker wie Aristoteles stand es jedoch außer Zweifel, dass Sklaven unter den richtigen Voraussetzungen fähig waren, Menschen zu sein.
13 vgl. ebd., S. 103.
14 vgl. ebd.
15 vgl. ebd., S. 108f.
5
Sklaven nicht ausschließlich harte körperliche Arbeit. Auch die Schreibarbeiten in Verwaltung und im privaten Haushalt wurden von Sklaven ausgeführt.
Grundsätzlich lässt sich ein Wandel in dem Stellenwert und in der Betrachtung der Arbeit vom Altertum bis zur Neuzeit feststellen. Wurde im Altertum jede Art körperlicher Arbeit verachtet, so scheint in der Moderne eher eine Verherrlichung stattzufinden. 16
Die neuzeitliche Definition und Differenzierung innerhalb des Arbeitsbegriffs bezog und bezieht sich nicht mehr darauf, in welchem Rahmen - öffentlich oder privat - sich der Arbeitsprozess vollzog, und es ging auch nicht mehr um den Grad der körperlichen Abnutzung, noch um Notwendigkeit und Nützlichkeit. Es gab keine Trennlinie zwischen der schweren körperlichen Arbeit und dem Werk der Hände oder zwischen dem erwähnten „Animal laborans“ und dem „Homo faber“. 17 Vielmehr spielte die Produktivität der Arbeit eine Rolle. Es wurde zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit unterschieden. Im weiteren Verlauf folgte eine Einteilung in gelernte und ungelernte Tätigkeiten, die schließlich in der Unterscheidung zwischen Hand- und Kopf arbeit mündete.
3 Analyse des Phänomens Arbeit
3.1 Produktivität
Der Begriff der Produktivität, der in der neuzeitlichen Betrachtung von Arbeit eine bedeutende Rolle spielt, ist besonders von dem Volkswirtschaftler und Philosophen Adam Smith (1723-1790) und von Karl Marx (1818-1883) geprägt worden. Beide, und hier weisen sie eine Übereinstimmung mit der antiken Distinktion des Öffentlichen und des Privaten auf, betrachten z.B. die Tätigkeit der Dienerschaft und des Haushaltspersonals als müßig, parasitär und unproduktiv. 18 Wie ist diese überaus kontroverse Auffassung gegenüber den Arbeiten im Privaten im weiteren Sinne zu verstehen? Marx und Smith waren sich in folgendem Punkte einig: das Parasitäre und Nutznießerhafte besteht darin, dass die Tätigkeit des Hausgesindes keinerlei dauerhafte Resultate hervorbringt - viel eher profitiert es vom Wohlstand seines Herren. Dies erscheint zunächst widersprüchlich, denn Jahrhunderte lang wurde diese Tätigkeit „im Verborgenen, Privaten” mit Knechtschaft und Sklaverei identifiziert; außerdem ist es gerade in diesem Falle das Personal, das es erst ermöglicht, seinem Arbeitgeber die Grundbedingungen für das eigene Produktiv-Sein und die eigene Freiheit zu schaffen.
Am Beispiel des Hausgesindes als ein nur verzehrendes und nichts schaffendes lässt sich die Unterscheidung zwischen Arbeiten und Herstellen verdeutlichen:
16 vgl. Arendt, S. 110f.
17 ebd., S. 103.
18 vgl. ebd., S. 104.
6
„Denn es ist ja gerade das Kennzeichen der Arbeit, dass sie nichts objektiv Greifbares hinterlässt, dass das Resultat ihrer Mühe gleich wieder verzehrt wird und sie nur um ein sehr Geringes überdauert.” 19
Hier scheint der Begriff des objektiv Greifbaren eine entscheidende Rolle zu spielen, denn in diesem Punkt ist es nachvollziehbar, dass im Sinne von Marx und Smith das Arbeitsresultat der Hausangestellten kein direkt handhabbares Produkt ist. Demzufolge muss im Herstellungsprozess ein Gegenstand erzeugt werden, der der Welt auf Dauer zugeführt wird.
Wie definiert Smith produktive bzw. unproduktive Arbeit? Für ihn ist es ein eindeutiges Merkmal der produktiven Arbeit, dass diese den Wert des bearbeiteten Gegenstandes erhöht, während die unproduktive Arbeit dieses nicht vermag. Hier kommt wiederum der Vergleich des Dienstpersonals mit dem Fabrikarbeiter zur Sprache: der Arbeiter, der Material bearbeitet, vermehrt dessen Wert um den Gegenwert des eigenen Lebensunterhalts und um den Gewinn des Fabrikbesitzers. Da dieser bearbeitete Gegenstand noch länger fortbestehen kann, manifestiert sich die Arbeit, die zu seiner Bearbeitung und Fertigstellung notwendig war, in ihm. Die Arbeitsmühe und der Arbeitsaufwand ist sozusagen auch auf den bearbeiteten Gegenstand übertragbar. 20
Die Arbeit des Dienstboten, die Smith zwar ebenfalls als notwendig und des Lohnes für würdig betrachtet, steht offenbar im kompletten Gegensatz zum Werk des Arbeiters:
"Umgekehrt wird die Arbeit eines Dienstboten nirgends sichtbar, weder in einem Werkstück noch in einem käuflichen Gut. Im allgemeinen geht seine Leistung im selben Augenblick unter, in dem er sie vollbringt, ohne eine Spur oder einen Wert zu hinterlassen, mit dem man später wieder eine entsprechende Leistung kaufen könnte." 21
Jedoch relativiert Marx die Definition von produktiver und unproduktiver Arbeit und gesteht dem Arbeiter eine ihm eigene Produktivität zu - die sich allerdings weniger in dem unmittelbaren Ergebnis seiner Arbeit äußert, sondern darin besteht, dass, sobald er das für ihn Lebensnotwendige erzeugt hat, für sich einen Kraftüberschuss produziert. Mit anderen Worten: der Arbeiter erzeugt zunächst direkt oder indirekt soviel, wie er zum Leben braucht; aus diesen Erzeugnissen schöpft er neue Arbeitskraft, woraus folgt, dass diese Arbeitskraft den tatsächlichen Bedarf zur Sicherung seiner Körperfunktionen und seines Lebens übersteigt. Demnach ist das, was der Arbeiter eigentlich produziert, der Kraftüberschuss. 22
19 ebd.
20 vgl. Smith, Adam. Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung einer Natur und seiner Ursachen. München: 1990. S. 272.
21 ebd.
22 vgl. Arendt, S. 105.
7
Der Begriff der Produktivität und des Herstellens spielt ab dem Punkt eine Rolle, an dem der Welt immer neue Dinge von dauerhaftem Bestand zugeführt werden. Die Dinge, die im Arbeitsprozess produziert werden, sind unmittelbar „Abfallprodukte”, die sich auf den Erhalt der Reproduktionsfähigkeit des Arbeiters konzentrieren. 23
Führt man Marx’ Gedanken zu Ende, wird das Herstellen in dem Augenblick zur Arbeit, in dem alle Gegenstände, die das Resultat des Herstellens sind, als Konsumgüter mit einer Funktion für den Lebensprozess des Menschen betrachtet werden. Diese Marxsche Sichtweise wirft allerdings Fragen auf, die wiederum deutlich werden lassen, dass nicht eindeutig zu definieren ist, was Arbeit ist, bzw. wo die Grenze zwischen Arbeit und Herstellen zu ziehen ist. Auch stellt sich die Frage, was Konsumgüter im engsten und weitesten Sinne sind. Die Unterscheidung zwischen Herstellen und Arbeiten scheint auch in gewisser Hinsicht von der Sichtweise abuhängen, mit der das jeweilige Produkt betrachtet wird. Arendt schreibt hierzu:
„Denn alle Herstellung verwandelt sich in dem Moment in Arbeit, wenn man ihre Produkte nicht mehr als Dinge versteht, die einen weltlich gegenständlichen Bestand haben, sondern als das Resultat der lebendigen Arbeitskraft und als Funktionen des Lebensprozesses.“ 24
Die Grenze zwischen Arbeiten und Herstellen ist also nicht eindeutig und klar geklärt, und sie wird sich vermutlich auch nicht in aller Deutlichkeit ziehen lassen.
Für Karl Marx ist die Arbeit eine Notwendigkeit, um den ständigen Austausch zwischen Natur und Mensch zu gewährleisten. Sie ist Lebensgrundlage für alle Menschen, ganz gleich, in welcher Gesellschaftsform sie leben. 25
Im Verlauf des Arbeitsprozesses tritt der Mensch der Natur entgegen, er formt und verändert sie, um sein Überleben sichern zu können. Dies erfogt unter Zuhilfenahme der eigenen Körperlichkeit, die Marx ebenfalls als Naturkraft ansieht. Im Gegensatz zum Tier jedoch, das ebenfalls verändernd in die Natur bzw. die es umgebenden Gegebenheiten eingreift (die Spinne, die ihr Netz webt, die Biene, die mit Wachs die Waben baut), geht der leiblichen Einflussnahme auf den Werkstoff geistige Arbeit voraus:
"Nicht, dass er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muss." 26
23 vgl. ebd., S. 105 f.
24 Arendt, S. 106.
25 vgl. MarxMarx/Engels Gesamtausgabe. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Bd. II/10. Berlin: 1991. S. 44.
26 ebd., S. 162.
8
Die unterschiedlichen Definitionen der Begriffe Arbeiten und Herstellen sind in erheblichem Maße von der Gesellschaft abhängig, in der sich Soziologen, Philosophen sowie Wirtschaftswissenschaftler mit dem Stellenwert und der Bedeutung der Arbeit für Gesellschaft und Individuum auseinandersetzen.
3.2 Gelernte und ungelernte Arbeit
Arnedts Definition der gelernten Arbeit bezieht sich in diesem Zusammenhang nicht auf die Tatsache, dass der (Fach-)Arbeiter den Beruf oder die Tätigkeit im Sinne einer Berufsausbildung gelernt hat - auch wenn sie sich an der Qualität der Ausführung orientiert. Vielmehr ist es eine Tatsache, dass im Zuge der Industrialisierung und der damit verknüpften Automatisierung von Arbeit ein Arbeits-/Herstellungsprozess in immer kleinere Segmente zerlegt wurde. „Gelernte” Facharbeiter führen nunmehr eine oft simple und eintönige Tätigkeit aus, die grundsätzlich unterhalb ihrer eigentlichen Qualifikation liegt. Dieselben Tätigkeiten werden zum gleichen Zeitpunkt auch von sogenannten „ungelernten” Arbeitskräften ausgeführt. Die Ansprüche an die Fertigkeiten werden geringer in dem Maße, wie die Arbeitsteilung in die kleinsten Bestandteile voranschreitet. 27 Hannah Arendt stimmt Marx in diesem Falle zu: die zunehmende Arbeitsteilung bringe es mit sich, dass die gelernte Arbeit, wie man sie traditionell kennt, überflüssig werde. 28
3.3 Körperliche und geistige Arbeit
Wie verhält es sich mit dem „Hand-Werker“ im Vergleich zum „Kopf-Arbeiter“? Laut Hannah Arendt tritt diese Unterscheidung gegenwärtig immer mehr in den Vordergrund. Die Parallele zwischen beiden besteht darin, dass sowohl körperliche als auch geistige Arbeit bestimmte Körperteile (Hände, Kopf) in den Arbeitsprozess mit einbeziehen. Eine Gemeinsamkeit oder Ähnlichkeit, die Denken und Arbeiten verbindet, ist ihre Unproduktivität:
„[...] lässt schon das Arbeiten nichts Dauerhaftes zurück, so bleibt vom Denken, wenn ihm nicht andere Tätigkeiten nachträglich zuhilfe kommen, um die ‚Gedanken‘ festzulegen, überhaupt keine Spur.” 29
Diese „anderen Tätigkeiten“ die hier erwähnt werden, sind dabei nichts weiteres als das Aufschreiben der Gedanken, das Setzen der Schrift, das Drucken des Buches (um genau zu sein, gehört auch die Herstellung des Papiers etc. dazu) - Tätigkeiten also, die mit der Kopfarbeit
27 vgl. Arendt, S. 105.
28 vgl. ebd.
29 ebd., S. 107.
9
nur noch indirekt verbunden sind und den Charakter des Herstellens haben, da das Resultat ein objektiv greifbarer Gegenstand ist. Dennoch bezeichnet Arendt die geistige Arbeit, solange sie auf das Hervorbringen z.B. eines Buches ausgerichtet ist, als „[...] noch nicht materialbelasteten Beginn des Prozesses der Verdinglichung“. 30 Dies gilt selbstverständlich auch für andere geistige Tätigkeiten, die unmittelbar keine Produkte von Dauer in die Dingwelt bringen, jedoch hierfür erst die Voraussetzungen schaffen. So lässt ein Architekt das Gebäude erst in seinem Kopf vor seinem inneren Auge entstehen und greift erst anschließend zu Tinte und Papier, um seinen Plan für das Gebäude zu konkretisieren.
Die Unterscheidung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit ist eine für die Neuzeit charakteristische Einteilung. Der Nutzen der körperlichen Arbeit für die Gesellschaft als Ganzes war viel leichter zu erkennen als die geistigen Anstrengungen von Intellektuellen. Als Folge wurde (und wird immer noch) die geistige Arbeit mit Argwohn und Skepsis betrachtet. Die Intellektuellen selbst fühlten und fühlen sich der Arbeiterklasse allerdings geistig sehr stark verbunden. So lag es nahe, dass sie danach strebten, sich in die Riege der arbeitenden Masse einzureihen. Auch dies führt Arendt zu dem Schluss, dass die Arbeit der Intellektuellen mit den Erzeugnissen des Handwerks nichts gemein hat, denn es ist mit reiner Kopf-Arbeit nicht möglich, der Welt, wie man sie täglich sieht, ein Ding von Bestand zuzuführen. Dieser Gegensatz ist zugleich das Bindeglied zwischen Handwerker und bildendem Künstler, denn beide erschaffen Dinge, die in der Welt ihren Platz einnehmen. 31
3.4 Verdinglichung
„Was die Verbrauchsgüter für das Leben des Menschen bedeuten, bedeuten die Gebrauchsgegenstände für seine Welt.“ 32
Die Beständigkeit der Welt beruht zunächst nicht auf den Früchten der Arbeit, sondern auf den Herstellungsprodukten, die das Dauerhafte, die gegenständliche Welt, erst ermöglichen. Treffend lässt sich die Verschiedenartigkeit der Erzeugnisse des Arbeitens und des Herstellens anhand der Abgrenzung von Verbrauchs- und Gebrauchsgütern verdeutlichen. Charakteristisch für die Verbrauchs- oder Konsumgüter ist die Unbeständigkeit oder Schnelllebigkeit, mit der sie in der Welt auftauchen und fast sofort wieder verschwinden. Ihnen haftet also eine Flüchtigkeit an, die im Grunde nur noch von einer dritten Art menschlicher Erzeugnisse übertroffen wird. Die Rede ist vom gesprochenen Wort und vom handelnden Leib. Obwohl beide gewissermaßen das Grundgerüst für das gesellschaftliche Zusammenleben stellen, ist eine reine
30 ebd.
31 vgl. Arendt, S. 109f.
32 ebd, S. 112.
10
Handlung oder ein Wort nicht greifbar existent. Ebenso wie das Denken sind sie nicht produktiv, im Unterschied zu ihm sind sie jedoch noch äußerlich, wenn auch nur flüchtig, wahrnehmbar. 33 Auch sind Denken, Sprechen und Handeln reale Bestandteile der Welt. Damit das Denken und Sprechen bleibenden Bestand hat, ist es notwendig, dass Menschen sich erinnern, dass sie sehen und hören. Sobald eine Art von Kommunikation entsteht, ist es selbstverständlich möglich, dass Worten Taten folgen können und diese sich in bleibender Form in der Welt manifestieren. Die Vergänglichkeit der Sprache bezieht sich also auf gesprochene Worte, die keinen Empfänger finden. Für ein gewisses Maß an Beständigkeit scheint es die Bedingung zu sein, dass Gedanken oder gesprochene Worte sowie Handlungen verdinglicht, in Gegenstände umgewandelt werden. Aus dem lebendigen Gedanken und dem gesprochenen Wort wird ein „toter Buchstabe“. 34
3.5 Zwei Aufgaben der Arbeit
Wie ist Arbeit mit dem Leben an sich verknüpft? Hierfür ist es zunächst notwendig, festzustellen, ob und wie Arbeit für das Individuum lebenserhaltend ist. Unsere täglichen Bedürfnisse zu stillen bedeutet zu essen und zu trinken, also zu konsumieren. Für Arendt verhält es sich so, dass die Arbeit und der Konsum unbedingt zusammengehören. Sie stellen lediglich „[...] zwei verschiedene Formen oder Stadien in dem Kreislauf des biologischen Lebensprozesses [...]“ 35 dar. Arbeiten und Konsumieren sind also untrennbar miteinander verknüpft, so eng, dass sie eher schon als eine einzige Tätigkeit angesehen werden können, die aus zwei Komponenten besteht, die sich wiederum ständig abwechseln und wiederholen. 36
Das Leben an sich ist ebenfalls ein individueller und endlicher Prozess (vorausgesetzt, man sieht das Leben vor der Folie einer beständigen Welt, die sich nicht, an der Zeitspanne eines Menschenleben gemessen, in einer kreislaufähnlichen Bewegung ständig erneuert), der durch Arbeit und Konsum vorangetrieben wird. Dieser Prozess ist in einen übergeordneten Kreislauf - den Naturkreislauf - eingebunden. Ohne die Konsumption wäre die Arbeit nicht denkbar, ohne die Früchte der Arbeit gäbe es nichts zu konsumieren. Beide scheinen das Leben zu bedingen und zu ermöglichen. So wird deutlich, dass beide Prozesse in ihrer Wechelseitigkeit eine unabdingbare Voraussetzung für das menschliche Leben sind. Arendt geht in ihrer Definition von Arbeit noch weiter. Sie stellt fest, dass Arbeit einen - und dies mag paradox klingen -
33 vgl.ebd., S. 113.
34 Arendt, S. 114.
Allerdings ist diese Verdinglichung von Worten nicht absolut zwingend. So benötigen die oralen Kulturen Afrikas kein schriftliches Medium zur Überlieferung ihrer Geschichten, Gedichte, Gedanken, sondern das gesprochene Wort, um ihre Stammeskulturen und -gemeinschaften über Generationen hinweg aufrecht zu erhal-
ten. vgl. hierzu McLuhan, Marshall. Die magischen Kanäle - Understanding Media. Dresden, Basel: 1995. S. 122ff. sowie S. 129ff.
35 Arendt, S. 117.
36 vgl. ebd., S. 118.
11
zerstörerischen Charakter besitzt, da sie eng mit dem Verzehr verbunden ist. Zwar ist es Fakt, dass die Arbeit an sich auch einen bearbeitenden/kultivierenden Zug hat, da sie in ihrer vorbereitenden Eigenschaft Materie zum Zweck des Konsums verwandelt und konsumierbar macht. Die Vorbereitung des Materials ist somit allerdings der erste Schritt zum Zunichte-Machen des Konsumguts. 37 Diese für den Verzehr und Konsum vorbereitende Eigenschaft der Arbeit ist als eine wichtige Funktion zu betrachten, die in ihrer Destruktivität den Menschen am Leben erhält.
Die weitere Funktion und Bedeutung von Arbeit bezieht sich weniger auf den Erhalt des einzelnen Menschen an sich. Viel eher ist sie als eine Art Kampf zu begreifen, den der Mensch immer wieder und endlos gegen die Natur führen muss, die in die Welt eindringt, welche er sich geschaffen hat. Die Rede ist hier jedoch weniger von massiven Naturgewalten, die unerwartet in die geregelten Abläufe des Alltags hereinbrechen, als die immer wiederkehrenden alltäglichen Mühen, denen der Mensch ausgesetzt ist und die ihn nie zur Ruhe kommen lassen. 38 Auch hier ist ein Kreislauf zu erkennen, der sich zwar nicht in der abwechselnden Wiederkehr des Bearbeitens und Vezehrens äußert, jedoch als beständiges Widerstehen und Sich-Aufbäumen gegen die „Wachstums- und Verfallsprozesse“ 39 von Seiten der Natur.
4 Schluss
Mit dem Wandel der Gesellschaften geht auch ein Wandel dessen einher, was unter dem Begriff „Arbeit“ subsumiert wird. So ist auch - stark verallgemeinert - einzusehen, dass es in antiken Sklavenhaltergesellschaften verpönt war und verachtet wurde, sich körperlich anzustrengen, solange es nicht zum Zwecke der Leibsertüchtigung diente. Im kompletten Gegensatz dazu scheint die moderne westliche Gesellschaft zu stehen, in deren alltäglicher Gegenwart es von immenser Bedeutung ist, dass man Arbeit hat und körperlich arbeitet. Menschen, die willentlich oder unverschuldet ohne Arbeit sind, erfahren Diskriminierungen oder unaufrichtiges Mitleid, zum Teil werden sie - und dies scheint wiederum auf die Antike hinzuweisen - beneidet. Tatsächlich leidet ein Großteil derer, die arbeitslos sind, unter Minderwertigkeitskomplexen. Das Gefühl, etwas für die Gesellschaft, sei es auch „nur“ für den engeren Kreis, die Familie, zu tun, scheint ein sehr starker Antriebsfaktor zu sein. Fällt diese Aufgabe weg, so scheint das Individuum seinen Nutzen für das Gemeinwohl verloren zu haben. Auch ist es mitunter erschreckend anzusehen, welche Risiken und Demütigungen manch einer auf sich nimmt, nur um nicht ohne Arbeit zu sein. Ein Handwerker, der sich aufgrund seiner jahrzehntelangen Tätigkeit die Gesundheit ruiniert hat, gilt als fleißiger Mensch, während ein anderer, der auf-
37 vgl.ebd., S. 118.
38 vgl. Arendt, S. 118f.
39 ebd., S. 118.
12
grund der gesundheitlichen Bedenklichkeit die Tätigkeit verweigert, möglicherweise als faul gilt oder als zu fein, um sich die Hände zu beschmutzen. Arbeit scheint demzufolge - einem Statussymbol gleich - eine hohe gesellschaftliche Bedeutung zu haben.
Für viele, die körperlich arbeiten, sei es in einem Beruf, der den vollen Körpereinsatz erfordert oder eine anders geartete handwerkliche Tätigkeit zur Basis hat, erscheint die geistige Tätigkeit als etwas minderwertiges, etwas, das weder Hand noch Fuß besitzt. In ihren Augen erscheinen künstlerische oder auch geisteswissenschaftliche Tätigkeiten nicht als Arbeit im eigentlichen Sinne, denn diese bringen nichts hervor, das unmittelbar zu (be-)greifen ist und demzufolge nicht vollwertig zu sein scheint. Dies macht es vielen Menschen schwer, in geistiger Arbeit etwas sinnvolles zu sehen - auch wenn gerade die Resultate der geistigen Arbeit erst die Grundlagen für die Erschaffung der gegenständlichen Welt zu ermöglichen scheinen. 40
Besonders für den aktuellen Diskurs über Arbeit scheint sich ein erneuter Paradigmenwechsel anzubahnen. In der die industrialisierte Gesellschaft ablösenden Informationsgesellschaft eröffnet ein neuer Arbeitsmarkt neue Arten der Tätigkeit, die ebenfalls keine greifbaren Resultate hervorbringen, sondern einer virtuellen Welt neue Datenmengen hinzufügen.
Auch wird die Frage, ob man lebt um zu arbeiten oder umgekehrt, immer wieder neu gestellt werden müssen. Ist es die Arbeit, die den Menschen menschlich macht? Für Karl Marx ermöglicht erst die Arbeit das Leben der Menschen. Zu arbeiten, scheint für jedes Individuum auch zu bedeuten, den eigenen Platz im Leben und in der Welt ständig neu zu definieren.
Eine Verschmelzung von Arbeit und Freizeit ist Gegenstand aktueller Diskussionen. Die immer wiederkehrenden Debatten über Arbeitszeit-Verkürzung und neue Tarif-Modelle können als ein weiteres Merkmal für die Betrachtung und die Rolle des Faktors Arbeit im menschlichen Dasein betrachtet werden.
Auf eine drastische und desillusionierende Weise beschreibt der Existenzphilosoph Jean-Paul Sartre in dem abschließenden Zitat die Erschöpfung der arbeitenden Klasse. Hier wird deutlich, in welchem Maße Arbeit, die keine geistige Erfüllung bietet, den Menschen als „Gesellschafts-Wesen“ zermürben und zerstören kann. Die Hoffnungslosigkeit und Frustration der Arbeiter angesichts der alltäglichen Mühen, die für die Aufrechterhaltung ihres Minimums an Existenz aufgebracht werden müssen, kommen hier zum Ausduck:
"Augenblicklich wollten sie sich so wenig wie möglich verausgaben, Bewegungen, Worte, Gedanken sparen, den toten Mann machen: sie hatten nur einen einzigen Tag, um ihre Runzeln, ihre Krähenfüße zu glätten, die bitteren Falten, die die Arbeit der Woche entstehen lsst. Einen einzigen Tag. Sie fühlten die Minuten
40 Davon einmal abgesehen, kann die geistige Arbeit den Körper in ähnliche Erschöpfungszustände versetzen, wie es sonst die körperliche Arbeit vermag.
13
durch ihre Finger rinnen; würden sie Zeit haben, genügend Jugendlichkeit anzusammeln, um am Montagmorgen mit neuer Kraft weiterzumachen?" 41
Literatur
[1] Arendt, Hannah. Vita activa oder Vom tätigen Leben. 10. Aufl. München: Piper Verlag, 1998.
[2] Marx/Engels Gesamtausgabe. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Bd. II/10. Berlin: Dietz Verlag, 1991.
[3] McLuhan, Marshall. Die magischen Kanäle - Understanding Media. 2., erweiterte Aufl. Dresden, Basel: Verlag der Kunst, 1995.
[4] Sartre, Jean-Paul. Der Ekel. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1982.
[5] Smith, Adam. Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung einer Natur und seiner Ursachen. 5. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1990.
41 Sartre, Jean-Paul. Der Ekel. Reinbek: 1982, S. 64f.
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Arbeit zitieren:
Tilman Köneke, 2000, Die Arbeit - eine Hausarbeit über Kapitel 3 des Buches Vita activa oder Vom tätigen Leben von Hannah Arendt, München, GRIN Verlag GmbH
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