Ausschnitt: Tonaufnahme [2'05"]: siehe Quellenverzeichnis [T2] Gott, erhalte den Kaiser! L.L. Haschka (1797) 1. Gott, erhalte Franz den Kaiser,
unsern guten Kaiser Franz! Lange lebe Franz der Kaiser in des Glückes hellstem Glanz! Ihm erblühen Lorbeerreiser,
wo Er geht, zum Ehrenkranz! Gott, erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz! 2. Laß von Seiner Fahnen Spitzen
Strahlen Sieg und Furchtbarkeit! Laß in Seinem Rate sitzen
Weisheit, Klugheit, Redlichkeit Und mit Seiner Hoheit Blitzen Schalten nur Gerechtigkeit!
Gott, erhalte Franz den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz! In: siehe Quellenverzeichnis [B7], S. 89
Nach der Veröffentlichung der Haydn´schen Melodie entstanden bald verschiedene Variationstexte. So gibt es z.B. »Von der Donau Blumenstrande, kam die kaiserliche Braut«. Dieses Lied wurde 1819 zur Ehefeier der Erzherzogin Carolina Ferdinanda, Tochter des Kaisers Franz II., gesungen. Es gibt auch viele Übersetzungen. Eine der meist merkwürdigen ist vielleicht die Siebensprachige Version »Patriotisches Volkslied der österreichischen Unterthanen, in der deutschen, slawischen, polnischen, ungarischen, böhmischen, italienischen und lateinischen Sprache«, die 1831 zur Feier des 63. Geburtstages des Kaisers Franz II. geschrieben wurde.
Dass Haydn diese Musik wirklich liebte, zeigt sich durch eine mehrfache Fragmentverwendung in anderen Werken. Am bekanntesten ist wahrscheinlich eine Bearbeitung der Kaiserhymne für den zweiten Satz seines Kaiserquartetts (Opus 76 Nr. 3;] Hob. III:77), dessen Erstaufführung September 1797 statt fand.
In der nächsten Aufnahme hören Sie die ersten zwei Variationen aus dem zweiten Satz des Kaiserquartetts. Die Melodie ist leicht zu erkennen. 2. Ausschnitt: Tonaufnahme [2'25"]: siehe Quellenverzeichnis [T3] Jetzt hören Sie ein Fragment des Trompetenkonzerts, das Haydn erst später verfasst hat. Er verwendet ein Stück derselben Melodie, das aber so kurz ist, dass man es nur nach einigem Zuhören wieder erkennen kann.
3. Ausschnitt: Tonaufnahme [2'40"]: siehe Quellenverzeichnis [T4]
Zur wirklichen Anwendung dieser Kaiserhymne als Nationalhymne kam es nicht. Erstaunen sollte das eigentlich kaum: Wie könnte es eine Nationalhymne geben, ohne daß es einen Nationalstaat gab. Manche Volkslieder aber hatten den Status einer Hymne, wie z.B. »Heil dir im Siegerkranz« (1793; Musik gleichwie das englische »God save the king«), »Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein« (1840; Auf diese Musik wurde später die flämische Hymne »De Vlaamse leeuw« vertont) und »Die Wacht am Rhein« (1840). »Ich habe ein Lied gemacht...«: Hoffmann von Fallersleben und sein »Lied der Deutschen«
Nach dem Sieg Napoleons im Jahre 1806 proklamiert Kaiser Franz II. das Ende des Ersten Deutschen ›Heiligen Römischen ‹ Reiches.
1815 schafft der Wiener Kongreß einen neuen Deutschen Bund. Dieser Bund ist ein Zusammenschluß von 39 Staaten unter denen das Kaiserreich Österreich und 4 freie Städte: Bremen, Frankfurt am Main, Hamburg und Lübeck. Ein deutscher Nationalstaat gab es also immer noch nicht.
Rund 1817 versammeln sich Mengen von Studenten und Professoren in sogenannten Burschenschaften. Sie demonstrierten für Einheit und Freiheit. Bald aber wurden diese Burschenschaften vom österreichischen Fürsten Metternich verboten: Er sah sie als eine Bedrohung für die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie.
Einer der Mitglieder so einer Burschenschaft, war der 1798 geborene August Hoffmann von Fallersleben, damaliger Professor für Germanistik. Auch er setzte sich für die Vereinigung Deutschlands ein.
1841 besuchte er die Insel Helgoland, in der Zeit noch englischer Besitz. Während seiner Spaziergänge dachte er oft an das geteilte Deutschland. Wie von selbst entstand in seinen Gedanken das »Lied der Deutschen«. In seiner Autobiographie schreibt von Fallersleben: »Wenn ich dann so wandelte einsam auf der Klippe, nichts als Meer und Himmel um mich sah, da ward mir so eigen zumute, ich mußte dichten [...] So entstand am 26. August das Lied ›Deutschland, Deutschland über alles! ‹« Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B6], S. 10
Schon am 1. September 1841 wurde das Lied, mit der Haydn´schen Musik arrangiert für Singstimme und Klavier oder Gitarre, vom Hamburger Verlag Campe veröffentlicht. Auf dem Titelblatt liest man:
DAS | LIED DER DEUTSCHEN | VON | HOFFMANN VON FALLERSLEBEN. | MELODIE NACH JOSEPH HAYDN´S | ›GOTT ERHALTE FRANZ DEN KAISER | UNSERN GUTEN KAISER FRANZ ‹ | ARRANGIRT FÜR DIE SINGSTIMME | MIT BEGLEITUNG DES PIANOFORTE ODER DIE GUITARRE. | (TEXT EIGENTUM DER VERLEGER.) | 1 SEPTEMBER 1841. | HAMBURG, BEI HOFFMANN UND CAMPE. | STUTTGART, BEI PAUL NEFF. | PREIS 8 GGR. In: siehe Quellenverzeichnis [B3], Band III, S. 374
Das Lied der Deutschen
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1841) Deutschland, Deutschland über Alles, Über Alles in der Welt, Wenn es stets zu Schutz und Trutze Brüderlich zusammenhält, Von der Maas bis an die Memel, Von der Etsch bis an den Belt -Deutschland, Deutschland, über Alles, Über Alles in der Welt! Deutsche Frauen, deutsche Treue, Deutscher Wein und deutscher Sang Sollen in der Welt behalten Ihren alten schönen Klang, Uns zu edler Tat begeistern Unser ganzes Leben lang -Deutsche Frauen, deutsche Treue, Deutscher Wein und deutscher Sang! Einigkeit und Recht und Freiheit Für das deutsche Vaterland! Danach laßt uns alle streben Brüderlich mit Herz und Hand! Einigkeit und Recht und Freiheit Sind des Glückes Unterpfand -Blüh´ im Glanze dieses Glückes, Blühe deutsches Vaterland! In: siehe Quellenverzeichnis [B4], S. 27-28
Obwohl schon am 5. Oktober 1841 zum ersten Mal gesungen, dauerte es aber noch zirka 50 Jahre (Hoffmann von Fallersleben war schon gestorben) bevor das Lied bei einer offiziellen Staatsangelegenheit gespielt wurde. Das war am 10. August 1890, bei der Übergabe der Insel Helgoland an Deutschland. Inzwischen, nämlich 1871, wurde das Zweite Deutsche Reich gegründet.
Die Langemarcker Legende: das Lied der Deutschen im Großen Krieg
Erst im Ersten Weltkrieg wird das Lied der Deutschen wirklich populär. Nicht nur aus Patriotismus, sondern auch als eine Erkennungsmelodie oder als Kriegsgesang zum Mutmachen. Auf dem Schlachtfeld setzte das Lied sich auch in nationalistisch-militaristischen Kreisen durch. Der junge Adolf Hitler schreibt in seinem Buch »Mein Kampf« über das Singen des Deutschlandliedes während des Krieges. Die ganze Geschichte kann aus historischer Sicht zweifelhaft genannt werden, und wird auch von offiziellen Regimentsberichten verneint. Trotzdem geben wir sie hier wieder, weil sie ein gutes Bild der späteren Mythomanie und Verrücktheit Hitlers vermittelt. Sie hören jetzt ein Fragment aus einer Lesung.
4. Ausschnitt: Tonaufnahme [1'10"]: siehe Quellenverzeichnis [T6] Adolf Hitler über das Singen des Deutschlandliedes bei Langemarck:
»Und dann kommt eine feuchte, kalte Nacht in Flandern, durch die wir schweigend marschieren, und als der Tag sich dann aus dem Nebel zu lösen beginnt, da zischt plötzlich ein eiserner Gruß über unsere Köpfe uns entgegen und schlägt in scharfem Knall die kleinen Kugeln zu unseren Reihen, den nassen Boden aufpeitschend;] ehe aber die kleine Wolke sich noch verzog, dröhnt aus 200 Kehlen dem ersten Boten des Todes das erste Hurra entgegen. Dann aber begann es zu knattern und zu dröhnen, zu singen und zu heulen, und mit fiebrigen Augen zog es nun jeden nach vorne, immer schneller, bis plötzlich über Rübenfelder und Hecken hinweg der Kampf einsetzte, der Kampf Mann gegen Mann. Aus der Ferne aber drangen die Klänge eines Liedes an unser Ohr und kamen immer näher und näher, sprangen über von Kompanie zu Kompanie, und da, als der Tod gerade geschäftig hineingriff in unsere Reihen, da erreichte das Lied auch uns, und wir gaben es nun wieder weiter: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!« Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B4], S. 62 »In Es-Dur bei 80 Schritt in der Minute«: Von Volkslied bis Hymne in der Weimarer Republik
Am 9. November 1918 bricht das Zweite Deutsche Reich zusammen. Kaiser Wilhelm II. entsagt dem Thron, und der Sozialdemokrat Friedrich Ebert wird Reichskanzler. Also war die Weimarer Republik Realität.
Am 11. Februar 1919 wird Ebert von der Nationalversammlung zum Reichspräsidenten gewählt. 1922 wurde das Lied der Deutschen offiziell als Reichshymne anerkannt. Am Verfassungstag erklärte Präsident Ebert:
»Einigkeit und Recht und Freiheit! Dieser Dreiklang [...] gab in Zeiten innerer Zersplitterung und Unterdrückung der Sehnsucht aller Deutschen Ausdruck, er soll auch jetzt unseren harten Weg zu einer besseren Zukunft begleiten. [Das] Lied [...] soll nicht Mißbrauch finden im Parteikampf;] es soll nicht der Kampfgesang derer werden, gegen die es gerichtet war; es soll auch nicht dienen als Ausdruck nationalistischer Überhebung«. Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B6], S. 56 Und im Heeresverordnungsblatt vom 23. September 1922 heißt es:
»Entsprechend meiner Kundgebung vom 11. August 1922 bestimme ich: Die Reichswehr hat das ›Deutschland-Lied ‹ als Nationalhymne zu führen. Ausführungsbestimmungen erläßt der Reichswehrminister. Berlin, den 17. August 1922. Der Reichspräsident, Ebert. Der Reichswehrminister, Dr. Geßler.« Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B8], S. 67
Es gelang Ebert aber nicht eine Versöhnung zwischen Rechten und Linken zu schaffen. Auch in der Verwendung des Deutschlandliedes setzte sich diese Ohnmacht durch: Der Text wurde in fast jedem Liederbuch der Rechten und der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) gefunden;] in Büchern der linken Sozialdemokraten fehlte er ganz.
Während der Amtsperiode von Gustav Stresemann kennt die Weimarer Republik ihre erfolgreichste Periode. Stresemann war 1923 Reichskanzler, und von 1923 bis zu seinem Tod 1929 Außenminister. Mancher war der Meinung, Stresemann sei der Letzte gewesen, der das Durchstoßen Adolf Hitlers noch verhindern könnte. »Über alles in der Welt«: Mißbrauch der Nationalhymne während der NS-Zeit Der tote Präsident Ebert wird 1925 vom Feldmarschall Paul von Hindenburg nachgefolgt. Wenn letztgenannter am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernennt, bedeutet dies das Ende der Demokratie und der Beginn des Dritten Reiches.
Zur Beeinflussung der Massen war die Symbolik für die Nationalsozialisten von sehr großer Bedeutung. Eine Änderung der nationalen Symbole ließ nicht lange auf sich warten. Am 13. März 1933 verordnet der Reichspräsident Hindenburg:
»[Ich] bestimme [...], daß vom morgigen Tage ab bis zur endgültigen Regelung der Reichsfarben die schwarz-weiß-rote Fahne und die Hakenkreuzflagge gemeinsam zu hissen sind.« Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B6], S. 14
Zwei Jahre später heißt es: »Die Reichsfarben sind schwarz-weiß-rot. Reichs- und Nationalflagge ist die Hakenkreuzflagge. Sie ist zugleich Handelsflagge.« Dem Deutschlandlied verging es nicht anders: Obwohl man das ganze Lied in
nationalsozialistischen Liederbüchern findet, war nur die erste Strophe als einzige zugelassen. Laut Hitler, sollte das Deutschlandlied vor allem dem Kollektivbewußtsein dienen. In seiner Breslauer Rede am 1. August 1937 sagt er:
»So ist denn auch gerade das Lied, das uns Deutsche am heiligsten erscheint, ein großes Lied der Sehnsucht. Viele, besonders in anderen Völkern, sie verstehen es nicht. Sie wollen gerade in dem Lied etwas Imperialistisches erblicken, das ihrem fremden Imperialismus am weitesten abgeneigt ist. Denn welch schönere Hymne für ein Volk kann es geben als die Hymne, die ein Bekenntnis ist, sein Heil und sein Glück in seinem Volke zu suchen und sein Volk über alles zu stellen, was es sonst auf dieser Erde zu geben vermag.« Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B6], S. 16
Seit 1933 wurde die erste Strophe des Deutschlandliedes immer zusammen mit dem Horst-Wessel-Lied gesungen. Dieses Lied wurde 1927 vom SA-Sturmführer Horst Wessel geschrieben. Nicht nur wurden die beide Hymnen vom Reichsgesetz geschützt, sondern auch entstand die Idee vom Propagandaminister Goebbels, das Deutschlandlied jeden Abend zum Sendeschluß im Radio zu spielen.
Sie hören jetzt eine historische Aufnahme mit dem »Sieg Heil!«, der ersten Strophe der Nationalhymne, und zum Schluß dem Horst-Wessel-Lied. 5. Ausschnitt: Tonaufnahme [3'10"]: siehe Quellenverzeichnis [T5] und [T8] Horst-Wessel-Lied (1927) Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen SA marschiert mit ruhig festem Schritt Kam´raden, die Rotfront und Reaktion erschossen marschieren im Geist in unsern Reihen mit. Die Straße frei den braunen Bataillonen Die Straße frei dem Sturmabteilungsmann Es schau´n aufs Hakenkreuz voll Hoffnung schon Millionen Der Tag für Freiheit und für Brot bricht an. Zum letztenmal wird nun Appell geblasen Zum Kampfe stehen wir alle schon bereit Bald flattern Hitlerfahnen über allen Straßen Die Knechtschaft dauert nur noch kurze Zeit. In: siehe Quellenverzeichnis [B4], S. 85-86 Nach dem Zweiten Weltkrieg: Von der Nationalhymne die keine ist
Direkt nach dem Krieg verbieten die Alliierten das Singen und Spielen des Deutschlandliedes. Gesetz Nr. 154 der amerikanischen Militärregierung sagt:
»Das Singen oder Spielen irgendwelcher militärischer oder nationalsozialistischer Lieder oder Musik oder deutscher oder nationalsozialistischer Nationalhymnen durch Organisationen, Personengruppen oder Einzelpersonen in der Öffentlichkeit oder in Anwesenheit oder innerhalb einer Personengruppe oder Versammlung wird hiermit verboten und für gesetzwidrig erklärt.« Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B6], S. 16-17
August 1950 entschied der erste Bundespräsident Theodor Heuss, »daß bis zum Vorliegen einer neuen deutschen Nationalhymne das schöne Lied ›Ich hab´ mich ergeben ‹ zu singen ist«. Bundeskanzler Konrad Adenauer aber, drängte auf das Singen der 3. Strophe und Oktober 1951 bat er den Bundespräsidenten diese Strophe zur Nationalhymne zu machen.
Obwohl Heuss probierte eine neue Hymne an Stelle des Liedes der Deutschen zu setzen, fiel Mai 1952 schließlich die Entscheidung. In einem Brief an Heuss erneuert Adenauer die Bitte »das Hoffmann-Haydn´sche Lied als Nationalhymne anzuerkennen. Bei staatlichen Veranstaltungen soll die dritte Strophe gesungen werden.« Der Bundespräsident stimmt hiermit ein und antwortet, daß er »sehr froh sein [würde] , wenn alle [mit dem] Symbol unseres Staates auch öffentlich bekannt würden.«
Damit war aber die ganze Diskussion nicht zu Ende. Es steht noch dahin, ob ein Brief zwischen Bundespräsidenten und Bundeskanzler Rechtsverbindlichkeit hat. Wenn das nicht so ist, dann hat die Bundesrepublik überhaupt keine Nationalhymne! Gibt es aber auch im juristischen Sinne eine Nationalhymne, woraus besteht diese denn ? Ist nur die 3. Strophe des Deutschlandliedes oder das ganze Lied zur Nationalhymne geworden ?
Heuss erklärte immer, daß nur die 3. Strophe als Nationalhymne gelten solle, aber unter Juristen blieb dies lange umstritten. Erst 1990 würde vom Bundesverfassungsgericht festgestellt, ausschließlich die 3. Strophe sei strafrechtlich geschützt. Es dauerte aber noch bis nach der Wiedervereinigung Deutschlands, ehe die 3. Strophe wirklich zur Nationalhymne wurde. Im August 1991 führten Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundeskanzler Helmut Kohl einen Briefwechsel zur Nationalhymne. Nur geht jetzt die Frage nicht wie 1952 vom Bundeskanzler, sondern vom Präsidenten aus. Von Weizsäcker schreibt:
»Sehr geehrter Herr Bundeskanzler [...] Seit dem 3. Oktober 1990 gilt auch die Nationalhymne der bisherigen Bundesrepublik für das vereinte deutsche Volk. [...] Die 3. Strophe des Hoffmann-Haydn´schen Liedes hat sich als Symbol bewährt. [...] Die 3. Strophe des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben mit der Melodie von Joseph Haydn ist die Nationalhymne für das deutsche Volk.« Die Antwort des Bundeskanzlers lautet:
»Sehr geehrter Herr Bundespräsident [...] ›Einigkeit und Recht und Freiheit ‹ - mit diesem Dreiklang gelang es uns, nach 1949 die erfolgreichste rechtsstaatliche Demokratie unserer Geschichte zu gestalten und den Wunsch nach nationaler Einheit wachzuhalten. [...] Heute, nach der Wiedervereinigung Deutschlands, verpflichtet uns auch das Deutschlandlied, für die Menschen in den neuen Bundesländern eine rechtsstaatliche Ordnung zu verwirklichen. Der Wille der Deutschen zur Einheit in freier Selbstbestimmung ist die zentrale Aussage der 3. Strophe des Deutschlandlieds. Deshalb stimme ich Ihnen namens der Bundesregierung zu, daß sie Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland ist.« Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B5], S. 147 Hören wir jetzt mal der dritten Strophe zu. 6. Ausschnitt: Tonaufnahme [1'05"]: siehe Quellenverzeichnis [T1] »Die mißbrauchte Hymne«: Das Deutschlandlied zur Debatte
Kritik an der deutschen Nationalhymne gibt es schon seit langem. Mit Recht, glaube ich, und nicht allein wegen des Mißbrauchs im Krieg. Mancher sagt, man sollte das Lied als Teil der deutschen Tradition sehen. Aber wenn man es in aller Aufrichtigkeit untersucht, dann stellt man fest, daß dieses Lied schon im Anfang ›nationalistisch ‹ und alles andere als demokratisch war. Die Haydn´sche Hymne war ganz bewußt nicht dem Volk, sondern nur einer Person, dem Kaiser, gewidmet. Dies widerlegt die Behauptung, das Deutschlandlied sei Unterteil der demokratischen Tradition.
Auch Hoffmann von Fallersleben war der Nationalismus und das Heimweh nach dem 1000jährigen Reich nicht fremd. Das wird aus seinen Gedichten ganz klar. So heißt es z.B.: » [...] Aus dem Leben, aus der Dichtung / Sei das Fremde ganz verbannt! [...] Schaffet ab die fremden Worte [...] «. Und auch: »Wenn der Kaiser doch erstände! [...] Kaiser Friedrich, auf! erwache! [...] Gott der Herr, er ist mit dir.«
1870 schrieb er während des Krieges gegen die Franzosen: »Gott gebe und Er gibt es, daß wir aus diesem schweren Kampfe glorreich hervorgehen und der Menschheit den großen Dienst erweisen, daß mein, unser aller ›Deutschland über alles ‹ zur Wahrheit wird.« Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B8], S. 47-48 und S. 50
Und über die Juden: »Des deutschen Kaisers Kammerknechte / sind jetzt Europas Kammerherrn. / Am Himmel aller Erdenmächte, / o Israel, wie glänzt dein Stern.« Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B8], S. 52
Nicht nur Kritik an dem Deutschlandlied, sondern auch parodistische Bearbeitungen entstanden im Laufe der Zeit. Wir hören jetzt eine Parodie von Christof Stählin. In diesem ›Song ‹ wird aber Hoffmann von Fallersleben fast völlig ungestört gelassen. Sie sollten auch die Melodie beachten, die hier mit einer Gitarre gespielt wird. 7. Ausschnitt: Tonaufnahme [3'40"]: siehe Quellenverzeichnis [T7] »Blühe deutsches Vaterland!«: Die Nationalhymne am Sendeschluß
1985 stimmt der ZDF-Fernsehrat mit einer täglichen Sendung der Nationalhymne zum Sendeschluß ein. Laut ZDF-Intendant Dieter Stolte, sollte man »mit unseren nationalen Symbolen wieder unbefangener [umgehen]. Sie sind Teil unseres demokratischen Selbstverständnisses. Vor allem die Hymne bedarf aber durchaus noch einer stärkeren Verankerung im öffentlichen Bewußtsein.« Zitiert nach: siehe Quellenverzeichnis [B4], S. 137
Obwohl man in den letzen Jahren eine rückläufige Tendenz verspürt, ist die Bevölkerung in der Regel mit der Ausstrahlung einverstanden.
Während in der ersten Version Städtebilder und Landschaften gezeigt werden, produzierte das ZDF später verschiedene Versionen, die über die Geschichte Deutschlands berichten. Schon am Anfang dieser Vorlesung erzählte ich vom Sendeschluss im Fernsehen. Wegen des späten Beginnes dieser Sendung, wäre es vielleicht eine gute Idee Ihnen etwas Bilder zu zeigen. Meiner Meinung nach, geben diese Bilder in der von mir bestimmten Reihenfolge eine gute Zusammenfassung dieser Vorlesung.
8. Ausschnitt: Bildaufnahme [8'40"]: siehe Quellenverzeichnis [V1]
Quellenverzeichnis [T1] DEUTSCHLAND-LIED
Deutschland-Lied [Tonaufnahme]. - Bonn : Inter Nationes, [1989?]. - 1 Audiokassette [1'06", 1'17"]. - Seite A: Gesungene Fassung : »Einigkeit und Recht und Freiheit« / Haydn ;] Hoffmann von Fallersleben ; Bearb.: H. Schlüter ; Großes Blasorchester mit Chor. - Seite B: Instrumentalfassung / Haydn ; Hoffmann von Fallersleben ; Bearb.: Hackenberger/Deisenroth ; Heeresmusikkorps 5 und Spielmannszug der 5. Panzerdivision ; Ltg.: Johannes Schade, und Heinrich Schlüter. [B1] GLUM, Friedrich
Der Nationalsozialismus : Werden und Vergehen / Friedrich Glum. - München : C.H. Beck, 1962. - 474 S. : Abb. [B2] HAENSCH, Günther
Kleines Deutschland-Lexikon : Wissenswertes über Land und Leute / Günther Haensch, Annette Lallemand, Annick Yaiche. - München : C.H. Beck, 1994. - 144 S. - (Beck´sche Reihe ;] 855). - ISBN 3-406-35176-X. [T2] HAYDN, Joseph
Lieder [Tonaufnahme] / Joseph Haydn ;] Elly Ameling, Sopran ; Jörg Demus, Klavier. [S.l.] : Philips, p. 1981. - 3 Schallplatten + Textheft [16 S.]. - Enthält u.a.: Gott! erhalte Franz den Kaiser. - Philips 9500 956. [T3] HAYDN, Joseph
Streichquartett KV 458 [Tonaufnahme] ;] Streichquartett KV 465 / Wolfgang Amadeus Mozart ; Emerson String Quartet. Streichquartett op. 76 Nr. 3 Hob. III:77 / Joseph Haydn ; Emerson String Quartet. - Hamburg : Deutsche Grammophon, p. 1989. - 1 CD [78'02"] + Textheft [12 S.]. - DG 427 657-2. [T4] HAYDN, Joseph
Concertos for oboe and orchestra Hob. VIIg:C1 [Tonaufnahme] ;] trumpet and orchestra Hob. VIIe:1 ; harpsichord and orchestra Hob. XVIII:11 / Joseph Haydn ; Paul Goodwin, [oboe] ; Mark Bennett, [keyed trumpet] ; [directed from the harpsichord by] Trevor Pinnock. Hamburg : Deutsche Grammophon, 1992. - 1 CD [56'19"] + Textheft [20 S.]. - (Archiv Produktion). - Archiv Produktion 431 678-2. [T5] HITLER, Adolf
Adolf Hitler : Rede vor dem Reichstag am 28. April 1939 [Tonaufnahme]. - [Liechtenstein] : Documentary series, [s.a.]. - 1 Schallplatte. - (Documentary series ;] Nr. 366). - Enthält u.a.: die 1. Strophe des »Lied der Deutschen«. - DS 366. [B3] HOBOKEN, Anthony van
Joseph Haydn : thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis / zusammengestellt von Anthony van Hoboken. - Mainz : B. Schott´s Söhne, 1957-1978. - 3 Bände. ISBN 3-7957-0003-5.
Band I: [Instrumentalwerke]. - XXI, 848 S. + Beilage zu Band I. - 1957. Band II: [Vokale Werke]. - 602 S. + Beilage zu Band I und II. - 1971. Band III: Register : Addenda und Corrigenda. - 424 S. - 1978.
[B4] KNOPP, Guido
Das Lied der Deutschen : Schicksal einer Hymne / Guido Knopp, Ekkehard Kuhn ;] [Mit einem Vorwort von Walter Scheel]. - Berlin; Frankfurt/Main : Ullstein, cop. 1988. - 208 S. : Abb. - ISBN 3-550-07991-5. [B5] KUHN, Ekkehard
Einigkeit und Recht und Freiheit : die nationalen Symbole der Deutschen / Ekkehard Kuhn. -Berlin;] Frankfurt/Main : Ullstein, cop. 1991. - 160 S. : Abb. - ISBN 3-550-07800-5. [B6] MATERIALIEN
Materialien zur Geschichte der deutschen Nationalhymne : Arbeitsheft zum Schulfernsehen / Herausgeber: Landesbildstelle. Zentrum für audio-visuelle Medien. - Berlin : Colloquium Verlag, cop. 1990. - 128 S. : Abb. - (Begleitmaterial zum Schulfernsehen). ISBN 3-7678-0781-5. [B7] MIES, Paul
Joseph Haydn : Werke / herausgegeben vom Joseph Haydn-Institut Köln ;] unter der Leitung von Jens Peter Larsen. - München : G. Henle Verlag, [s.a.]. Reihe XXIX - Band 1: Joseph Haydn : Lieder : für eine Singstimme mit Begleitung des Klaviers / herausgegeben von Paul Mies. - 1960. - X, 99 S. [B8] ORTMEYER, Benjamin
Argumente gegen das Deutschlandlied : Geschichte und Gegenwart eines Lobliedes auf die deutsche Nation / Benjamin Ortmeyer ;] Vorwort: Dieter Wunder. - Köln : Bund-Verlag, cop. 1991. - 180 S. : Abb. - ISBN 3-7663-2236-2. [T6] QUALTINGER, Helmut
Adolf Hitler : Mein Kampf [Tonaufnahme] / eine Lesung von Helmut Qualtinger. - Austria : Preiser records, [1973?]. - 2 Schallplatten. - SPR 3224. [V1] SENDESCHLUSS
[Sendeschluss [Bildaufnahme] : Musik und Bilder des ZDF-Sendeschlusses]. - [Antwerpen] : [Eigene Aufnahme], 1995. - 1 Videokassette [8'40"]. [T7] STAEHLIN, Christof
11 Lieder (1976-1987) [Tonaufnahme] / Christof Stählin ;] mit Edward H. Tarr (Trompete, Horn) ; Martin Bärenz (Kontrabass, Cello). - Tübingen : Nomen und Omen, [1989?]. 1 Audiokassette. - Enthält u.a.: [eine kritische Parodie auf das] Kaiserquartett und Deutschlandlied. - 220589. [T8] VOIX
Voix et chants de la révolution allemande [Tonaufnahme]. - [Paris] : SERP, [s.a.]. - 1 Schallplatte. - (Hommes et faits du XXème siècle ; No. 10) (Le IIIème Reich ; I). Enthält u.a.: Horst-Wessel-Lied. - HF 10/1. Danksagung
Ich danke dem Personal der Antwerpener zentralen öffentlichen Bibliothek, der hauptstädtischen öffentlichen Bibliothek und der Deutschen Bibliothek des Goethe-Instituts in Brüssel für die Hilfe bei meinen Recherchen nach der geeigneten Literatur und den passenden Tonbeispielen.
Arbeit zitieren:
Vanhoucke, Patrick, 1995, Einigkeit und Recht und Freiheit: zur musikalisch-politischen Geschichte der deutschen Nationalhymne., München, GRIN Verlag GmbH
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Patrick Vanhoucke hat den Text Einigkeit und Recht und Freiheit: zur musikalisch-politischen Geschichte der deutschen Nationalhymne. veröffentlicht
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Susanne
Lob.
Hallo,
Zuerst möchte ich Ihnen/Dir meinen großen Respekt aussprechen! Ich besuche zur Zeit die 12. Klasse und habe Geschichte als Leistungsfach. Ihre/Deine Arbeit hat mich sehr beeindruckt! Es ist wirklich kein Detail verschwiegen oder missverständlich ausgedrückt. Ich bedanke mich im voraus Ihre/Deine Erkenntnis zur Weiterverwertung und Beteiligung verwenden zu dürfen. Jetzt mal ernsthaft, das war echt super-klasse!!!
Grüße Susanne
am Tuesday, December 04, 2001-