Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS................................................................................................................................ 2
VORWORT....................................................................................................................................................... 3
I. THOMAS HOBBES LEBEN UND SCHAFFEN 3
1. THOMAS HOBBES, THE CROW 3
2. SEIN WERK. 5
3. DER LEVIATHAN 6
II. DIE ANTHROPOLOGIE DES THOMAS HOBBES 6
1. PHYSISCHE VORAUSSETZUNGEN 7
2. WAHRNEHMUNG, TRAUM, EMPFINDEN. 8
3. DAS DENKEN UND DIE REIHENFOLGE DER GEDANKEN. 9
4. DIE SPRACHE. 12
5. VON VERNUNFT UND WISSENSCHAFT 13
6. GUT UND BÖSE - SYMPATHIE UND AVERSION 14
7. DER FREIE WILLEN 15
8. DIE VERNUNFT - DER TASCHENRECHNER ZUR KOSTEN-NUTZE-NKALKULATION 15
9. VON MACHT UND EHRE - DIE MITTEL ZUM ZWECK 16
NACHWORT. 17
LITERATUR. 18
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Vorwort
Im Schulfach Ethik, im Studiengang Politik oder Philosophie, von fachlich Interessierten, Hobbes ist ein vielgelesener und vielzitierter Denker und Autor. Nicht immer konnte er sich jedoch solcher Beliebtheit erfreuen, es erging ihm wie vielen Pionieren der Zeitgeschichte. Seine Kritik am Papsttum und sein von den Lesern so negativ empfundenes Menschenbild brachten ihn dazu, zweimal zu fliehen, erstmals nach Paris, dann zurück nach England.
Hobbes hat für seine Zeit sehr fortschrittlich gedacht hat, auch wenn seine Lehre heute selbstverständlich nicht mehr anwendbar ist. Er hat sich von der gängigen Meinung der Scholastiker distanziert und entpuppte sich zu einem anerkannten Staatsphilosophen. Diese Arbeit nun dient in erster Linie dazu, die Anthropologie des Thomas Hobbes im großen Umfeld zu betrachten, also ihre Bedeutung für den Leviathan und das gesamte Werk Hobbes, sowie als Resultat seines Lebens zu beleuchten.
In zweiter Linie wird versucht, gedankliche Parallelen zu ziehen zu später vertretenen Meinungen und Hypothesen, zur Literatur und auch der naturwissenschaftliche Aspekt soll nicht unerwähnt bleiben.
Auf Sekundärliteratur wurde weitgehend verzichtet, da diese sich zumeist in allzu überfliegende Interpretationen verstrickt, deren Wirklichkeitsnähe anzuzweifeln, oder Hobbes dazu zu befragen wäre.
I. Thomas Hobbes‘ Leben und Schaffen
1. Thomas Hobbes, the crow
Thomas Hobbes wurde als zweiter Sohn eines Predigers in Westport (heute Teil von Malmesbury), Wiltshire, am 5. April 1588 geboren. Die Mutter starb früh. Er wuchs bei seinem Großvater auf, einem wohlhabenden Handschuhmacher und Bürgermeister der Stadt Malmesbury. Der kleine Hobbes hatte großes Talent: mit vier Jahren konnte er bereits lesen, schreiben und rechnen, mit sechs Jahren lernte er Latein und Griechisch und 14 jährig bewies er, daß er geeignet war, die Universität zu besuchen. Sein Bruder charakterisiert ihn als melancholischen Jungen, der sich gerne zurückzog, um in kürzester Zeit seine Lektionen zu lernen. Dies und sein tiefschwarzes Haar brachten ihm den Spitznamen „die Krähe“ ein.
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Hobbes studierte am Magdalen College in Oxford Logik und Physik, und vollendete sein Studium mit dem Titel Baccalaureus artium im Jahr 1906. Im Jahre 1608 wurde er der Lehrer von William Cavendish, dem späteren Grafen of Devonshire, dessen Vater einen frischen, jungen Burschen als Zögling für seinen Sohn suchte. Hobbes erfüllte diese Anforderungen. In den darauffolgenden Jahren unternahm er mit seinem Schüler Reisen durch Frankreich und Italien. Während seiner Reisen machte Hobbes die Bekanntschaft mit Galileo Galilei, René Descartes und Pierre Gassendi, den bedeutenden Denkern seiner Zeit. Er genoß es, fremden Kulturen zu begegnen und lernte deren Sprachen zu sprechen und zu verstehen.
Nach seiner Rückkehr widmete er sich in den folgenden Jahren dem Studium des Humanismus. 1631 unterrichtete er den Sohn seines ehemaligen Schülers und unternahm weitere Bildungsreisen nach Italien und Frankreich.
Von 1640 bis 1651 lebte Hobbes in Paris, er hatte eine gesicherte gesellschaftliche Stellung inne und widmete sich der Schriftstellerei. Ab 1651 lebte er in England, wo er am 4. Dezember 1679 starb. Es ist anzunehmen, daß Hobbes stark geprägt wurde durch die politischen Ereignisse seiner Zeit, die Auslöser waren, sich mit der Staatstheorie zu befassen. Im Jahr seiner Geburt drohte England vom spanischen König Philipp II. erobert zu werden, von 1618 bis 1648 fochten europäische Staaten im Dreißigjährigen Krieg einen erbitterten Kampf um den Glauben, während England einem regen politischen Wechsel unterlag. König Jakobs Versuch, ohne Parlament zu regieren, wurde von König Karl I. verwirklicht, dann folgte eine parlamentarische Regierung. 1642 begann der englische Bürgerkrieg zwischen den Parlamentariern und König Karl I., der 1649 durch Cromwell hingerichtet wurde. Dieser wiederum ernannte sich zum Lord-Protector der engl. Republik, 1660 war König Karl II. am Zug, bis Wilhelm von Oranien im Todesjahr Hobbes‘ den englischen Thron besteigt. Nicht nur politische Ereignisse prägten Hobbes. Keplers astronomische Forschungen und Galileis wissenschaftliche Methodenlehre sowie sein Ansatz einer Mathematisierung der Naturwissenschaften übten einen großen Einfluß auf Hobbes aus, der endlich eine Möglichkeit sah, auch ethische und politische Probleme mit Hilfe der Naturwissenschaften zu lösen, was der Grund dafür ist, daß Hobbes seine politischen Schriften mit naturkundlichen Überlegungen beginnt.
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2. Sein Werk
Aufgrund der frühen Reife Hobbes‘, begann dieser schon früh mit dem Schreiben. Eine seiner ersten Schriften war eine Übersetzung einer Tragödie des Euripides ins Lateinische, im Jahr 1628 übersetzte er den griechischen Historiker Thukydides. Die Schriften, durch die Hobbes bekannt wurde entstanden in der mittleren und späten Zeit seines Lebens.
So veranlaßte ihn beispielsweise der Verfassungsstreit in England, der im Jahre 1637 zwischen dem König Karl I. und dem Parlament ausbrach, eine Abhandlung zur Verteidigung des Hoheitsrechtes zu verfassen. Diese Arbeit aus dem Jahre 1640 mit dem Titel The Elements of Law, Natural and Politic (Naturrecht und allgemeines Staatsrecht in den Anfangsgründen, veröffentlicht 1650) verbreitete er nur im privaten Kreise, da er fürchten mußte, wegen seiner Schrift verhaftet zu werden. Diese Angst war im übrigen auch der Grund dafür, daß er sich dafür entschied in Paris zu leben.
Im Jahre 1642 beendete Hobbes De Cive, die Darstellung seiner Theorie über die Regierung.
Hobbes‘ berühmtestes Werk, Leviathan or the Matter, Forme, and Power of a Commonwealth Ecclesiasticall and Civil, 1651 (Leviathan oder Wesen, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Gemeinwesens) ist eine Darstellung seiner Lehre von der höchsten Staatsgewalt. Die Arbeit wurde von den Anhängern des verbannten Prinzen als Rechtfertigung des Commonwealth ausgelegt und erregte wegen seiner Kritik am Papsttum das Mißtrauen der französischen Behörden. Da er erneut mit seiner Gefangennahme rechnete, kehrte Hobbes nach England zurück.
Als der ehemalige Schüler von Hobbes, der Prinz von Wales, 1660 den Thron bestieg, stieg das Ansehen Hobbes‘ bei der Obrigkeit wieder. Trotzdem gab das Unterhaus im Jahre 1666 ein Gesetz heraus, das anordnete, Leviathan und andere Bücher wegen angeblicher atheistischer Ideen zu untersuchen. Diese Maßnahme war der Grund, daß Hobbes viele seiner Schriften verbrannte und die Veröffentlichung von drei neuen Werken hinauszögerte. Diese waren: Behemoth, The History of the Causes of Civil Wars of England, Dialogues Between a Philosopher and a Student of the Common Laws of England und Historia Ecclesiastica. Im Alter von 84 Jahren schrieb Hobbes seine Autobiographie in lateinischen Versen und übersetzte während der nächsten drei Jahre Homers Ilias und Odyssee ins Englische.
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3. Der Leviathan
Der Leviathan, der Name eines drachenähnlichen Seeungeheuers, das im Alten Testament als Inkarnation des Bösen von Jahwe besiegt wird, ist der Titel des bekanntesten Werks Hobbes‘. Es wurde im Jahr 1651 veröffentlicht. Genau genommen bringt er nur wenig neue Gedanken bezüglich der einzelnen Elemente, des Menschen und seiner Eigenschaften. Seine Aufmerksamkeit ist in diesem Werk ausschließlich dem Staat gewidmet, dem Staat als „Leviathan“, als künstlichen Menschen. So wie der Mensch eine Maschine bestehend aus Herz, Nerven und Gelenken ist, ist der Staat „nichts anderes als ein künstlicher Mensch, wenn auch von größerer Gewalt und Stärke als der natürliche, zu dessen Schutz und Verteidigung er ersonnen wurde.“ 1
Die Souveränität ist die künstliche Seele, Beamte und Bedienstete sind künstliche Gelenke, „Belohnung und Strafe, die mit dem Sitz der Souveränität verknüpft sind und durch die jedes Gelenk und Glied zur Verrichtung seines Dienstes veranlaßt wird, sind die Nerven, die dem natürlichen Körper die gleiche Aufgabe erfüllen" 2 .
Um die Eigentümlichkeit des Staatswesens, des Leviathan zu erfassen, bedient sich Hobbes der Methode der Analyse. Durch Zerlegen der einzelnen Bestandteile und genaue Betrachtung dieser und weiterhin die Art des Zusammenschlusses der Einzelteile, meint Hobbes das Ganze begreifen zu können. Daß diese mathematisch-physikalisch-analytische Methode bei dem so komplexen Untersuchungsgegenstand Mensch funktioniert, daran zweifelt der Materialist Hobbes nicht.
II. Die Anthropologie des Thomas Hobbes
Hobbes Anthropologie ist also eine Betrachtung des Menschen als Bestandteil des Ganzen, des Staates. Er wir hier einer genauen Betrachtung unterzogen, die, wie kann es anders sein, bei einem physisch gelehrten und naturwissenschaftlich interessierten Philosophen, mit einer physikalischen Beschauung beginnt.
1 Hobbes 1989, S. 5
2 Hobbes 1989, S. 5
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1. Physische Voraussetzungen
Um Hobbes Menschenbild richtig verstehen können, ist es ratsam, seine Anschauung der Funktion der Sinnesorgane nachzuvollziehen.
Interessanterweise grenzt er sich mit seiner Erklärung von der wissenschaftlichen Erkenntnis seiner Zeitgenossen, den Scholastikern, ab.
Diese behaupten, Sinnesorgane funktionierten in der Weise, daß das zu erfassende Objekt eine Art Sphäre aussende, im Falle des Sehens z.B. einen „sichtbaren Schein“, die sogenannte „visible Species“. Analog dazu sendet Hörbares eine audible, Verstehbares eine intelligible Species aus, sie bezeichnen diesen Vorgang auch als hörbares, bzw. verstehbares Gesehenwerden.
Nach Hobbes hingegen wirkt ein Gegenstand auf die Sinne ein, indem er durch die Bewegung der eigenen Materie auf die menschlichen Organe „drückt“ und so die Bewegung an diese weitergibt. Fortgepflanzt wird diese Bewegung dann über Nervenstränge bis hin zum Gehirn, wo sie im menschlichen Geist eine Empfindung hervorruft. Empfindung deshalb, weil jedes Erfasste im Menschen eine Impression hervorruft.
So kann das Sehen eines schönen Gegenstandes Freude hervorbringen, oder das An- und Erfassen eines Objekts die Gefühle heiß, kalt, weich oder kratzig erzeugen. Eine Musik kann traurig stimmen. Da man also allem über die Sinnesorgane aufgenommenem ein Attribut anhängt, spricht man von Empfindung.
Beim ersten Betrachten dieser Theorien stutzt man wohl ein wenig über ihre Absurdität. Der zweite Blick jedoch verrät, daß sie sich von den heutigen Erkenntnissen nur wenig unterscheidet: ist die „sich bewegende Materie, die auf das Auge drückt“ nicht vergleichbar mit den - wie wir heute wissen - elektromagnetischen Wellen des Lichts, die vom Auge aufgenommen werden? Vom Auge in Nervenimpulse umgewandelt, werden diese Wellen an das Gehirn weitergeleitet; darüber bestand schon bei Hobbes kein Zweifel. Dasselbe ist festzustellen bei der Betrachtung der Funktionsweise des Hörens: Wellenbewegungen der Luftmoleküle, deren Auslöser Schwingungen von Gegenständen sind, werden zum Ohr übertragen, mit diesen wahrgenommen und an das Gehirn
weitergeleitet. 3
3 Microsoft Encarta, „Das Ohr“
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An dieser Stelle noch mal Hobbes‘ Formulierung:
„Ursache der Empfindung ist der äußere Körper oder Objekt, der auf das jeder Empfindung entsprechende Organ drückt, entweder unmittelbar wie beim Schmecken und Fühlen, oder mittelbar wie beim Sehen, Hören und Riechen. Dieser Druck setzt sich durch die Vermittlung der Nerven und anderer Stränge und Membranen des Körpers nach innen bis zu dem Gehirn und Herzen fort [...]“ 4
2. Wahrnehmung, Traum, Empfinden
Diese Vorüberlegungen Hobbes‘ stellen nur einen sehr kleinen unbedeutenden Teil seiner Anthropologie dar. Aufgrund ihres physikalischen Charakters verkörpert sie aber ein sehr gutes Beispiel für die frühe Verwertbarkeit seiner Ideen und die Modernität seiner Überzeugungen.
Alles Wahrgenommene evoziert in Menschen nun ein Gefühl, so zum Beispiel das Gefühl der Hitze oder Kälte, wertfrei betrachtet und sogleich auch ein Gefühl der Sympathie oder Aversion, wenn wir einen ebensolchen Gegenstand berühren. Aus diesem Grund bezeichnet er jede Wahrnehmung, also alles Gesehene, Gehörte, Geschmeckte usw. als eine Empfindung. Auf die Bedeutung des Systems der Aversion und Sympathie wird später eingegangen.
Weiter folgert Hobbes, daß die Bewegung der Materie im Gehirn auch dann beibehalten wird, wenn man die Augen schließt oder sich auf andere Weise dem Erfaßten versperrt. Jedes Wahrgenommene ist also nicht nur Empfindung, sondern auch Einbildung. Das Wort Einbildung ist hier nicht im herkömmlichen Sinne zu verstehen, sondern erschließt sich aus dem lateinischen Begriff „imaginare“ oder dem englischen „imagine“, also genauer Ein-Bilden. Dieser Vorgang ist zu vergleichen mit den Wogen des Wassers, die sich auch dann fortsetzen, wenn der Sturm sich gelegt hat.
Auch die Wellen verlieren sich nach und nach oder ergeben sich dem Spiel anderer auf sie einwirkender Kräfte.
Aufgrund diesen Sachverhalts bezeichnet Hobbes eine Einbildung als zerfallende Empfindung, denn mit jeder neuen Empfindung, die vor unserem inneren Auge aufleuchtet stirbt ein Teil der vorhergehenden, ganz so, wie das Licht der Sonne tagsüber das Leuchten der Sterne überstrahlt. Die alten Empfindungen erlöschen also nicht blitzartig, sondern verblassen allmählich und bleiben vorerst zurück als Erinnerungen.
4 Hobbes 1989, S. 11
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Die Begriffe zusammenfassend ist ein Sinneseindruck also immer auch eine Einbildung, dann eine Empfindung und entwickelt sich zu einer Erinnerung. Alles, was darüber hinausgeht, ist bloßes Phantasiegespinst, „...z.B. wenn wir einmal einen Menschen und ein andermal ein Pferd sehen und uns auf Grund dessen einen Kentaur vorstellen.“ 5
Eine besondere Art der Einbildung ist der Traum. Im Schlafzustand sind die Sinnesorgane erstarrt, sie sind unempfindlich gegenüber Druck von außen. Alte Empfindungen oder Erinnerungen können nicht von neuen Sinneseindrücken überstrahlt werden, tauchen auf und versetzen die Organe von innen in Bewegung.
Dabei kann der Traum oder die positive oder negative Empfindung des Traums beeinflußt werden durch äußere Umstände, also durch Bewegungen, die nicht durch Druck auf die Sinnesorgane entstehen, sondern durch Druck auf andere Organe des Körpers: „Daher kommt es auch, daß kaltes Liegen Angstträume und den Gedanken und das Bild eines gefährlichen Gegenstandes hervorrufen, da die Bewegung vom Gehirn zu den inneren Teilen und von den inneren Teilen zum Gehirn umkehrbar ist.“ 6
Eine erstaunlich moderne These stellt Hobbes in diesem Zusammenhang zur Entstehung kleinerer Religionen oder Aberglauben auf. Fällt man nämlich in einen sehr kurzen, plötzlichen Schlaf, so ist es oft nicht möglich zu erkennen, daß man überhaupt geschlafen hat. Findet in dieser Schlafphase ein Traum statt, so stellt sich nach dem Erwachen die Überzeugung ein, eine Vision gehabt zu haben; diese Pseudovision ist dann Ursprung eines Aberglaubens, wie z.B. der Verehrung von Nymphen, oder verschiedener Aberglauben wie sie von Geistlichen betrieben werden, um das eigene Ansehen zu erhöhen und das einfache Volk zu binden. Hier werden schon die Vorbehalte deutlich, die Hobbes der Kirche bzw. den Geistlichen gegenüber hegt. An dieser Stelle sei aber gesagt, daß Hobbes durchaus gläubig war, sich jedoch nicht mit damals üblichen Methoden der Religionsausübung einverstanden erklären konnte.
3. Das Denken und die Reihenfolge der Gedanken
Es mag nun das Bild entstanden sein, diese Empfindungen, von denen Hobbes spricht, werden zufällig wahrgenommen und, einen Gedanken erzeugend, zufällig aneinandergereiht. Daß tatsächlich aber die Gedankenfolgen einer Regelmäßigkeit
5 Hobbes 1989, S. 14
6 Hobbes 1989, S. 15
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unterliegen, erklärt Hobbes anhand eines Wassertropfens: „Alle Vorstellungen sind Bewegungen innerhalb von uns, Reste derer, die in der Empfindung verursacht worden waren. Und diese Bewegungen, die in der Empfindung unmittelbar aufeinander folgten, setzen sich nach der Empfindung ebenfalls zusammen fort: Insofern sich die erste wiederholt und vorherrschend wird, folgt die spätere auf Grund des Zusammenhangs der bewegten Materie nach, wie Wasser auf einem ebenen Tisch auf dem Weg nachgezogen wird, wenn man einen Teil von ihm mit dem Finger leitet.“ 7
Eine Bewegung folgt immer einer anderen nach, folglich hängen auch Einbildungen bzw. Gedanken immer zusammen. Der Schluß lautet: Was zuvor gefolgt ist, wird später meist auch nachfolgen.
Dazu erzählt Hobbes eine interessante kleine Anekdote: Als bei einem Gespräch über den damaligen englischen Bürgerkrieg einer fragte, was denn ein römischer Silberling wert sei, so war dies für Hobbes nicht weiter verwunderlich. Der Gedanke an den Krieg führt zum Gedanken an die Auslieferung des Königs an die Feinde, dieser erinnert an die Auslieferung Christi. Lohn dieses Verrats waren 30 Silberlinge, und innerhalb eines Augenblicks war der Gedankengang getan und die Frage formuliert. Mit dieser Betrachtung über den Zusammenhang der Gedanken blieb Hobbes nicht allein. Um 1840 fand der Gedanke Eingang in die Literatur, der amerikanische Dichter und Erzähler Edgar Ellen Poe schreibt die Kurzgeschichte „Der Mord in der Spitalgasse“, in der von einem ähnlichen Fall berichtet wird: einem äußerst klugen Mann gelingt es durch Beobachtung und Analyse des Verhaltens, den langen Gedankengang seines Begleiters nachzuvollziehen, ohne daß nur ein Wort ausgetauscht wurde. Heute ist die Annahme, daß Gedanken nicht vereinzelt und unsystematisch sind, in die Wissenschaft eingegangen. Mit gezielten Fragen versuchen Psychologen tiefliegende Ängste ihrer Patienten zu erforschen, durch Darstellung besonderer Situationen oder Vorführen relevanter Bilder suchen sie Assoziationen hervorzurufen, um sich eben diese gedanklichen Zusammenhänge, die nicht nur einfach da sind, sondern auch für den Menschen unvermeidbar sind, zu Nutzen zu machen.
Zu unterscheiden ist hier zwischen ungesteuerter, absichtsloser und von Verlangen geregelter Gedankenfolge. Bei ersterer scheint den aufeinanderfolgenden Gedanken nichts gemeinsam zu sein. Sie schweifen umher, aus Langeweile vielleicht, sind trotz allem aber entfernt zusammenhängend.
Gedankenfolgen sind dann geregelt, wenn damit versucht wird, ein Ziel zu erreichen; denn
7 Hobbes 1989, S 19
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dann sucht der Geist nach einem Weg, das Verlangte zu bekommen. Der Weg führt ihn hierbei von einem Gedanken zum nächsten, der nächste Gedanke dem Ziel immer ein Stückchen näher als der erste. Sei ein Wunsch beispielsweise, sich einen Fernseher zu kaufen, so ist der erste Gedanke wohl dem Geld gewidmet, das aufgebracht werden muß, um das Stück zu erstehen. Die zweite Überlegung ist die zur Geldquelle mit dem Schluß, daß man sich eine Arbeit suchen muß, um das nötige Geld einzunehmen. Es folgen Gedanken zur Art der Arbeit und wie diese wiederum erlangt werden kann usw. Umgekehrt kann auch eine Angst Antrieb sein für eine solch geregelte, logische Folge von Gedanken, wenn z.B. durch Nachdenken ein Weg gesucht wird, sich eines Problems oder einer Bedrohung zu erwehren.
„Respice finem! Das soll heißen: Bedenke bei all Deinen Handlungen immer wieder das, was du haben möchtest, da dies das Ding ist, das all deine Handlungen auf den Weg lenkt, auf dem es zu erreichen ist.“ 8
Hobbes unterscheidet weiterhin zwischen zwei Arten der logischen Gedankenfolge. Auf der einen Seite die Suche nach Ursachen eine Wirkung, also die Suche nach Mitteln, die eine Wirkung hervorrufen oder hervorgerufen haben könnten. Fragen dieser Art könnten sein: Wo habe ich meinen Geldbeutel verloren? Wann hatte ich ihn noch, was habe ich dann gemacht? Zu welchem Zeitpunkt ist er mir abhanden gekommen? Eine andere Frage wäre: Wie kam es zu diesem Krieg? Wo liegen die Ursachen? Wo der Auslöser?
Die Beantwortung dieser Frage bedarf eines analytischen Verstandes und vor allem eines guten Gedächtnisses, der Vorgang selbst ist aber nichts anderes als die des Zürückleitens, eine Fähigkeit, die auch Tiere besitzen.
Die zweite stellt dagegen eine ganz besondere Fertigkeit dar, da sie ausschließlich dem Menschen eigen ist. Sich nämlich vorstellen zu können, was man mit einem Ding tun könnte, welche Wirkungen man hervorrufen könnte, umfaßt die Fähigkeit des Erfindens oder Voraussehens. Der Gedanke daran, ein Verbrechen zu verüben wird dann beispielsweise begleitet von dem Wissen um die Folgen: Polizei, Gefängnis, Richter und Galgen. Dieses Wissen kommt durch Erfahrung aus anderen Verbrechen, die diesen Ausgang nahmen und man nennt diese Art zu denken Voraussicht, Klugheit oder Vorsehung.
Folglich ist, anders betrachtet, Zukunft nichts anderes als eine Fiktion des Geistes, die die Folgen vergangener Handlungen auf eine gegenwärtige anwendet. Wie die Klugheit eine
8 Hobbes 1989, S. 20
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Mutmaßung der Zukunft darstellt, die aus der Erfahrung der Vergangenheit abgeleitet wurde, so gibt es Mutmaßungen über vergangene Dinge, die sich auf Erfahrungen anderer vergangener Dinge stützen.
„Denn jemand, der gesehen hat, durch welche Vorgänge und Schritte ein blühender Staat zuerst in einen Bürgerkrieg gestürzt und dann zur Ruine wurde, wird beim Anblick der Ruinen eines anderen Staates vermuten, daß der gleiche Krieg und die gleichen Vorgänge dort stattgefunden haben.“ 9
Bei diesem Rückschluß kann man jedoch eben so falsch liegen wie bei Annahmen über den Lauf der Zukunft. Vielleicht kommt der Verbrecher ja davon und verbringt den Rest seines Lebens auf einer sonnigen südamerikanischen Insel?!
4. Die Sprache
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Mensch und Tier ist die von Gott gegebene Sprache. Als wichtigste Erfindung ermöglicht sie dem Menschen zu abstrahieren. Trotz der Unmöglichkeit, sich die Unendlichkeit vorzustellen, existiert dennoch ein Wort dafür. Und das ist auch eines der wichtigsten Charakteristika der Sprache. Die vier wichtigsten Zwecke der Sprache nennt Hobbes: erstens das Aufzeichnen der Folgen von Gedanken und Gedankengänge; die Sprache unterstützt das Gedächtnis, indem man Dinge notiert und hilft so, Fertigkeiten zu erwerben. Weiterhin ist sie Voraussetzung dafür, andere in Kenntnis eigenen Wissens zu setzen und sich gegenseitig zu beraten. Um anderen den eigenen Willen mitzuteilen und Absichten bekanntzumachen und sich gegenseitig zu helfen ist die Sprache unerläßlich und als letzten Zweck nennt Hobbes die Möglichkeit, zum Vergnügen mit Worten zu spielen. Zum Vergleich seien hier die drei Funktionen genannt, die Bühler, ein moderner Kommunikationswissenschaftler, der Sprache zuweist: die Darstellungsfunktion, d.h. die Möglichkeit, Sachverhalte und Dinge zu beschreiben, die Ausdrucksfunktion, d.h. die Möglichkeit, Gedanken und Empfindungen auszudrücken und die Appellfunktion, d.h. die Möglichkeit, mittels Sprache das Verhalten des Interaktionspartners zu beeinflussen. Diesem Nutzen der Sprache setzt Hobbes nun vier Möglichkeiten des Mißbrauchs entgegen: falsche Aufzeichnung der Gedanken durch ungenauen, schwankenden Gebrauch der Wörter führt zu Selbsttäuschung, der Gebrauch von Wörtern im übertragenen Sinn führt zu Täuschung anderer, ebenso wie die Erklärung eines anderen als des eigenen
9 Hobbes 1989, S. 22
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Willens. Um Mißbrauch der Sprache handelt es sich nach Hobbes auch, wenn versucht wird, andere mit Worten zu verletzen. Denn zu diesem Zwecke seien dem Menschen natürliche Waffen wie Zähne gegeben.
5. Von Vernunft und Wissenschaft
Das Denken funktioniert nach Hobbes analog zum Rechnen, Additionieren und Multiplizieren, nur daß in diesem Fall Gegenstand des Rechnens nicht Zahlen, sondern Worte sind. Nur dann spricht er von Vernunft. Da es im Bereich der Logik nun keine von der Natur eingesetzte allgemeingültige Vernunft gibt, ist es notwendig bei Uneinigkeit einen Schiedsrichter zu Rate zu ziehen; denn derjenige, der von sich selbst behauptet, die absolute Vernunft innezuhaben, beweist damit, daß er sie nicht besitzt. Zur Vernunft des Menschen liefert Hobbes viele verschiedene Aspekte und Definitionen. Allgemein gesagt liegt der Zweck der Vernunft darin, von einer gesicherten Folgerung zur nächsten fortzuschreiten, und erlangt wird sie durch Fleiß: „zuerst durch passendes Belegen mit Namen, zweitens durch Aneignung einer guten und systematischen Methode des Fortschreitens von den Elementen, den Namen, zu Behauptungen, die dadurch entstehen, daß man einen Namen mit einem anderen verbindet, und ebenso zu Syllogismen, den Verbindungen einer Behauptung mit einer anderen, bis wir alles kennen, was aus den Namen folgt, die dem in Frage stehenden Gegenstand zugehören. Und eben dies nennt man Wissenschaft.“ 10
Vernunft ist also charakterisiert durch Voraussicht, Aufmerksamkeit, sie ist nicht angeboren, sondern wird durch Fleiß erworben. Vernunft ist nicht am Platze, wo Leute auf absurde allgemeine Regeln kommen im Vertrauen auf Leute, die falsch denken, wo ein Mangel an Definitionen herrscht und Worte gebraucht werden, die nichts bedeuten. Um den Begriff der Vernunft in den richtigen Kontext zu setzen, seien hier noch zwei Zitate angeführt:
„Wie reiche Erfahrung Klugheit ist, so ist Reichtum an Wissenschaft Weisheit.“ 11 „Die Vernunft ist der Schritt, die Mehrung der Wissenschaft der Weg und die Wohlfahrt der Menschheit das Ziel.“ 12
Auf die genaue Bedeutung der Vernunft im Ganzen Hobbes‘ Anthropologie wird später nochmals eingegangen.
10 Hobbes 1989, S. 36
11 Hobbes 1989, S. 37
12 Hobbes 1989, S. 37
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6. Gut und Böse - Sympathie und Aversion
Zunächst erläutert er die Begriffe gut und böse, ausgehend von den Arten der Bewegung. Neben vitalen Bewegungen wie Kreislauf, Puls, Herzschlag, nennt er die animalischen Bewegungen, geleitet von Motivationen. Hier wiederum ist zu unterscheiden zwischen den Trieben wie Hunger und Durst und dem Streben. Letzteres führt nämlich immer von etwas weg im Falle der Abneigung gegen diesen Gegenstands oder zu etwas hin, wenn dem Objekt Sympathie entgegen gebracht wird oder aufgrund positiver Erfahrung ein Verlangen danach entstanden ist. Entsprechend der Beurteilung jedes einzelnen Menschen nach Aversion oder Verlangen unterscheidet jedes Individuum zwischen gut und böse. Was dem Menschen Nutzen bringt oder seiner Bewegung förderlich ist, zu dem strebt er und dies bezeichnet er als gut:
„Aber was auch immer das Objekt des Triebes oder Verlangens eines Menschen ist: Dieses Objekt nennt er für seinen Teil gut, das Objekt seines Hasses und seiner Abneigung böse.“ 13
Umgekehrt ist das böse, was seiner Bewegung oder Entfaltung hinderlich ist. Logische Folge ist, daß gut und böse weder allgemein gültig sind, da jeder Mensch seine eigenen Erfahrungen gesammelt hat und aufgrund dessen verschiedene Zu- oder Abneigungen hat, noch stet, denn durch veränderte Lebensumstände und zunehmende Reife könne die Bedeutungen dieser Worte unterschiedliche Gestalt annehmen. „Und weil die Verfassung des menschlichen Körpers sich fortwährend ändert, ist es unmöglich, daß alle Dinge in ihm immer die gleichen Neigungen oder Abneigungen verursachen.“ 14
Und hier nun stoßen wir auf den Kern Hobbes‘ Anthropologie, denn es gibt nach ihm „keine Welt des Moralischen neben der Welt der bewegten Körper, kein moralisches Sollen, keine objektiv gültigen Gebote. Es gibt nur die beiden psychischen Grundbewegungen des neigungs- und begierdegetriebenen Strebens und Vermeidens. Die Begriffe des Guten und Bösen besitzen keine objektive moralische Bedeutung, sondern nur noch eine subjektive psychologische.“ 15
Diese Lehre von den Trieben läßt unweigerlich an den um die Jahrhundertwende wirkenden Arzt und Begründer der Psychoanalyse denken. Schaltet man das Über-Ich, den durch Sozialisation und Erziehung künstlich entstandenen Teil des Menschen aus, findet
13 Hobbes 1989, S. 41
14 Hobbes 1989, S. 40
15 Kersting 1992, S. 70
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man in seinem Kern nur noch zwei wirkende Kräfte, eine destruktive und eine konstruktive, und alle Handlungen sind durch diese beiden entgegengesetzt wirkenden Kräfte motiviert - das ist das Ergebnis seiner Analyse. Während allerdings Hobbes anhand von naturwissenschaftlichen Grundlagen wie der Funktion der Sinnesorgane seine These entwickelt, entsprang die von Freud aus Beobachtungen von Menschen mit bestimmten geistigen Krankheiten, die Anlaß zu diesem Schluß gaben. Dennoch sind deutliche Parallelen vorhanden.
7. Der freie Willen
Entscheidend bei diesen Überlegungen der Sympathie, Aversion und der zugehörigen Triebe ist die Tatsache, daß Hobbes dem Menschen damit auch den freien Willen abspricht. Denn jede Handlung ist einzig motiviert durch die Maximierung des Angestrebten und die Minimierung des Abneigung hervorrufenden Subjekts. In einer
Kontroverse zwischen Hobbes und dem Bischof Bramhall 16 wird deutlich, daß dieser sich mit der Argumentation seines Kontrahenten nicht einverstanden erklären konnte, denn gesetzliche Verbote, Strafe, Lob und Tadel seien dann eben so sinnlos wie Ermahnung oder Beratung.
Hobbes entgegnet, Lob, Ermahnung und Tadel seien dennoch hilfreich, auf den Willen einzuwirken, in der Form, als daß es möglich ist, dem Betreffenden den Nutzen zu verdeutlichen, den er aus dem Befolgen des Ratschlags zieht. Weiter argumentiert er, seien Strafgesetze nicht dazu bestimmt, dem Verbrecher Leid zuzufügen, sondern ihn zu gesetzlichem Handeln aufzurufen.
8. Die Vernunft - der Taschenrechner zur Kosten-Nutzen-Kalkulation
An dieser Stelle wird nun die eigentliche Bedeutung der Vernunft klar. Vernunft ist das Mittel, dessen sich der Mensch bedient um eine Kosten-Nutzen-Kalkulation durchzuführen, um nicht nur gegenwärtige Interessen zu verfolgen oder aktuelle Bedürfnisse zu befriedigen, sondern um langfristig zu planen. Der Kreis schließt sich:
16 Tönnies 1971, S. 157
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„Respice finem! Das soll heißen: Bedenke bei all Deinen Handlungen immer wieder das, was du haben möchtest, da dies das Ding ist, das all deine Handlungen auf den
Weg lenkt, auf dem es zu erreichen ist.“
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Und um eben dieses Ziel sinnvoll anzustreben bedarf es der Vernunft, die als Erinnerung und Erfahrung die Situationswahrnehmung bereichert und so die Informationsbasis für die
Suche nach der besten Handlungsweise vergrößert. 18
9. Von Macht und Ehre - die Mittel zum Zweck
Der Mensch unterscheidet sich vom Tier insofern, als daß er die geistige Voraussetzung hat, langfristig zu planen und damit für eine dauerhafte Triebbefriedigung vorzusorgen. Dies tut mittels der Vernunft. Der geeignetste Weg, anhaltend die eigenen Interessen verfolgen zu können, ist Macht.
Macht ist gleichzusetzen mit der Maximierung des Handlungsspielraums und damit der Wahrscheinlichkeit der Bedürfnisbefriedigung.
Triebbefriedigung ist das primäre Ziel, ausgerichtet auf den Moment, die Erlangung von Macht ein sekundäres, darauf ausgerichtet, dauerhaft Triebbefriedigung zu ermöglichen. „Der Hobbessche Mensch ist qua Vernunft notwendig Machtwesen, denn die Vernunft zeigt sich in der Fähigkeit, zweckdienliche Mittel vorsorglich bereitzustellen und für alle möglichen Situationen, nicht nur für den gegenwärtigen Hunger, sondern auch für den zukünftigen Hunger, gewappnet zu sein.“ 19
Die Macht eines Menschen im allgemeinen ist das Mittel zur Erlangung eines Guts. Auch angeborene Fähigkeiten wie Stärke, Schönheit, Klugheit, Beredsamkeit etc. bergen ein Machtpotential in sich. Alle folgenden Überlegungen finden in Anlehnung an dieses Grundschema statt: der Wert eines Menschen beispielsweise orientiert sich nicht an moralischen Aspekten, sondern „richtet sich danach, wieviel man für die Benutzung seiner
Macht bezahlen würde“ 20 Mit Freundschaften verhält es sich ebenso: sie sind nützlich für alle Beteiligten, da ein großes Maß an Sicherheit gewährleistet ist. Seiner Überzeugung von der Bedeutung der Macht folgend, definiert Hobbes Begriffe um und verleiht ihnen eine neue Bedeutung. Jemanden ehren heißt, ihm seinen Wert kundtun. Seinen Wert hängt aber ab von dem Preis, also von der ihm innewohnenden Macht in Einschätzung jedes einzelnen. „Denn Ehre besteht nur in der Meinung, daß Macht
17 Hobbes 1989, S. 20
18 Kersting 1992, S. 76
19 Kersting 1992, S. 80
20 Hobbes 1989, S. 67
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vorliegt“
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Für die Ehre spielt es also keine Rolle, ob eine Handlung gerecht oder ungerecht ist; Reichtum ist ebenso ehrenhaft, wie Glück, Großmut, Freigebigkeit und Hoffnung, während Armut, Unentschlossenheit, Unbekanntheit und Streben nach kleinen, bescheidenen Gewinnen unehrenhaft sind, denn sie sind Ausdruck für Macht und Ohnmacht. Langer Rede kurzer Sinn:
„Gesetzt, der Mensch ist eine Bewegungsmaschine in einer natürlichen, durch die physikalistische Seinsformel adäquat beschriebenen, also von allen teleologischen und moralischen Verfassungselementen freien Umwelt; gesetzt weiter, der Mensch ist eine so komplexe Bewegungsmaschine, daß er nicht nur wie die anderen tierischen Bewegungsmaschinen bedürftig ist, sondern darüber hinaus auch noch über die Eigenschaft der Vernunft verfügt, die ihn in den Stand versetzt, nicht nur gegenwärtige Bedürfnisse zu befriedigen, sondern sich auch immer von zukünftigen Bedürfnissen beunruhigen zu lassen und die Befriedigung gegenwärtiger Bedürfnisse mit der aktiven Sorge für die Befriedigung zukünftiger Bedürfnisse in Übereinstimmung zu bringen. Gesetzt drittens, daß Macht die gegenwärtigen Mittel sind, um einen angenehmen Zustand in der Zukunft zu sichern, und gesetzt viertens, daß für Menschen die Zukunft kognitiv unverfügbar ist und den Erwartungen und Befürchtungen nur eine subjektive Wahrscheinlichkeit anhaftet, die jedoch für das Subjekt immer notwendige Handlungsgrundlage sein muß, so folgt daraus mit logischer Notwendigkeit, daß Menschen nie aufhören werden, sich um die Größe ihrer Macht zu sorgen und ihre Macht zu vermehren, solange sie leben.“ 22
Nachwort
Parallelen aufzeigen - dies war eines der Ziele dieser Arbeit. Im Lauf des Schreibens zeigte sich jedoch die Schwierigkeit, daß das bloße Darstellen von Analogien nicht ausreichen konnte, daß man jeden einzelnen Zusammenhang hätte diskutieren sollen. Der Hinweis auf eine Relation zwischen Hobbes und Freud hätte eine ausführliche Erörterung nach sich ziehen können, konnte hier aber nur zu einem unbefriedigenden „offenen Ende“ führen.
Von einem wirklichen Ergebnis dieser Arbeit kann also keine Rede sein, doch sie führt zu der Erkenntnis, daß - so vieldiskutiert Hobbes auch sein mag - noch viele offene Fragen zu seiner Person bestehen und viele Arbeiten geschrieben werden müssen, um seine Lehre vollständig zu beleuchten und alle Gesichtspunkte zu erfassen.
21 Hobbes 1989, S. 71
22 Kersting 1992, S. 83 f.
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Literatur
• BERMBACH, UDO/KODALLE, KLAUS-M. (Hrsg.): Furcht und Freiheit. Leviathan
- Diskussion 300 Jahre nach Thomas Hobbes, Opladen 1982
• DIEßELHORST, MALTE: Ursprünge des modernen Systemdenkens bei Hobbes,
Stuttgart 1968 (Veröffentlichung der Universität Mannheim)
• FIEBIG, HANS: Monographien zur Naturphilosophie, Band 14: Erkenntnis und
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• HARZER, REGINA: Der Naturzustand als Denkfigur moderner praktischer Vernunft.
Zugleich ein Beitrag zur Staats- und Rechtsphilosophie von Hobbes und Kant, Frankfurt/Main 1994
• HOBBES, THOMAS: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und
bürgerlichen Staates, Frankfurt/Main 1989 (hrsg. und eingel. von Iring Fetscher, übers. von Walter Euchner)
• KERSTING, WOLFGANG: Thomas Hobbes zur Einführung, Hamburg 1992
• KODALLE, KLAUS-MICHAEL: Thomas Hobbes - Logik der Herrschaft und
Vernunft des Friedens, München 1972
• STRAUSS, LEO: Hobbes‘ politische Wissenschaft, Darmstadt 1965
• TÖNNIES, FERDINAND: Thomas Hobbes. Leben und Lehre, Stuttgart-Bad Cannstatt
1971
• MICROSOFT CORPORATION: Encarta 97 Enzyklopädie, 1993-1996
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Arbeit zitieren:
Isabel Lamotte, 1997, Die Anthropologie von Thomas Hobbes im Leviathan, München, GRIN Verlag GmbH
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Immanuel Kants Rassentheorie: Über Entstehung und Wurzeln des Rassismu...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
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