i c h m ö c h t e e i n c y b o r g s e i n . . . essayistischer versuch zu meinem 'ein manifest für cyborgs'
EINE LANGE EINLEITUNG
„Der Begriff Cyborg, eine Mischung aus cybernetics und organism, wird als Hybrid dem Bezeichneten durchaus gerecht. Diese Wortschöpfung wurde von Manfred Clynes und Nathan Kline 1960 geprägt, im Zusammenhang von Fragestellungen, die um die Anpassungsprobleme des Menschen an ein Leben im Weltall kreisten. ...“ 1 - bien sûr und natürlich, so könnte ein text zu 'cyborgs' oder zu Donna Haraways 'Primaten, Cyborgs und Frauen' gut und naheliegend beginnen, oder aber ebenso: „Analog der Deessentialisierung des Geschlechts in der feministischen Philosophie setzt sich Haraway mit der Bewegung von der Naturalisierung zur Denaturalisierung des Körpers im Kontext der neuzeitlichen westlichen Tradition auseinander ...“ 2 . Passabel. Allein, ein lebendigerer Beginn wäre - meine Meinung - ungleich passender, also Donna Haraway mit Verve im O-Ton: „Wir sprechen hier über völlig neue Formen der Subjektivität, über Vorstellungen vom Menschen, die so niemals vorher auf diesem Planeten existierten.“ 3 Schwingt da nicht eine gewisse Tragweite mit, ein gar nicht zu subtiles 'achtung-free your mind' wir betreten Neuland? Dieser einstieg wäre schon ein deutliches mehr in die 'Richtung', in die ich vorzustoßen unbedingt nahe legen will. Inhaltlich mag ich diesem O-Ton aber nicht ganz zustimmen und die 'Richtung', die muss ich erstens selbst präzisieren, und die führt vor allem ohne Definition des Ausgangspunkts nirgends hin. Daher zuerst, worum es hier nicht geht:
1 http://www.konsum.net/server/Graz/transformoativ/CYB2FEM.HTM; 20.06.00 10:57
2 Carmen Hammer und Immanuel Stieß in der Einleitung zu Haraway 1995, S. 9-10
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:Kein Überblick vom etymologischen Ursprung aus, nein, nicht die dritte-person-distanz-würdigung unter Schirmherrschaft wissenschaftlicher Standardwirklichkeit, nicht hier, keine Interpretation einer Harawayschen 'aussage' und keine Textanalyse also, und keine der Harawayschen Intention (zugegeben, bis auf gewisse anklänge vielleicht).
Ich sage also offen, ich knüpfe an das Manifesto mit einem Aufruf an. Meinen emanzipatorischen Impetus und meine emotionale Befangenheit sollen nicht irritieren, müssen nicht durch die Zeilen des Texts hindurch konstatiert werden, sie sind immanent. Statt dessen versuche ich die selten gespielte Eröffnung, durch explizite Vorwegnahme diesen Einfluss zu einem berechenbaren Faktor zu zähmen. Auch mit der Schreibweise, die ich zu diesem Essay probiere, möchte ich explizit und bewusst die aussage des Gesamttextes unterstützen und mitdefinieren. Und, dieser Aufruf knüpft primär nicht (eine notwendignennenswerte Klarstellung) am Text der Autorin an. Er orientiert sich explizit nicht zeitgefrierend an den Sätzen, die in den Achtzigern gesprochen wurden sondern an dem Geschöpf 'cyborg'. Die cyborg, die bereits lange lebendig ihren Kreationsbrutkasten 'veröffentlichter Text' entstiegen ist und mithin seither die Dimension zeit gewonnen hat. Was heißt das?
Es existieren unabhängig von einander erstens die gedruckten Harawayschen manifeste in buch-, artikelabdruck-, html-, Zettelform, die einen/den Text, relativ willkürlich an einem Punkt der Historie ausgespuckt, für immer in der festgelegten Form reproduzierbar machen, dann zweitens die Auseinandersetzungen mit diesem Text, von der Zeitlinie stark abhängig, sich aber auf einen auf der Zeitlinie nicht mehr bewegenden Sprechakt beziehend, und last but not least die cy-borg selbst, lebendig, vom eingefrorenen Sprechakt befreit und damit von der Schöpferin Haraway, dem Kreationsmoment des Erstabdrucks und der Plazenta 'Text'. Die cyborg der Haraway lebt also, behaupte ich, und macht damit jede Hoffnung auf ein halbwegs authentisches
3 http://buchverlag.dumont.de/null/scholl/text3a.htm; 20.06.00 10:50
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oder nur möglichst einhelliges 'sich beziehen' zu nichte! Worauf? - auf das Wort cyborg?, - den begriff cyborg? (welchen?), - den Text haraways? (welchen Aspekt? oder unter welchem Aspekt?), - den Text damals?, heute?, - in jenem oder diesem historischen Kontext? (Am besten nicht ausgesprochen sondern von der Empfängerin interpretierbar.) Jetzt wird deutlich, warum ich meine "unwissenschaftlichen" Ballastkörper emanzipatorischen Impetus und emotionale Befangenheit zuerst explizit zu machen habe und ebenso, dass ich dies klarzustellen habe, wenn ich mich nicht primär auf den Text sondern die lebendige cyborg beziehe. Ich beziehe mich also auf eine Konstruktion, die mittlerweise Erweiterungen und Verengungen erfahren hat. Es ist wahrscheinlich, nachdem ich so begonnen habe, dass manche fragen nun immer dringender werden. Ich werde aus dieser Annahme heraus daher zunächst zu erklären versuchen,
• was nenne ich (warum) lebendig und was Dimension Zeit?
• worauf will ich eigentlich hinaus?
Ich habe diesem Essay bereits den Untertitel „essayistischer Versuch zu meinem 'ein manifest für cyborgs'“ angehängt. Ich wollte von Beginn an die illusorische Vorstellung von Unparteilichkeit, Allgemeingültigkeit und objektiver Basis zerstört wissen. Ich beziehe mich auf meine cyborg, weil sie für mich lebendig ist. Kommt nun aber selbst in unserem standardisierten wissenschaftlichen Dialog keine Begriffskonnotation zweimal vor in ihrer spezifisch persönlich-kognitiven Färbung, so ist die uniqueness bei einer mir lebendigen und im Diskurs lebendigen Konstruktion erst recht eine bewusst zu machende Größe. Ich bin mir dieser Voraussetzungen bewusst und hier erkläre sie daher. Dass die cyborg lebendig ist, ist freilich ebenso willkürlicher Zufall wie Faktum. Das heißt, der Text hätte genauso "nur" interessant sein können. Er musste nicht auch noch etwas 'gebären, das sich über den Text
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hinaus von dem Text abkoppelnd, sich als vom Text unabhängig viabel erweist 4 und dennoch ist dem aber so. Die cyborg hat eine Gestalt und ein Wesen von Haraway definiert bekommen, beides ist unveränderlich in den Buchstaben des kreativen Texts festgeschrieben. Ihr lebendig-sein allerdings hat ihre Gestalt und ihr wesen verändert, wobei es eine müßige Diskussion wäre, wieweit Donna Haraway das vielleicht mehr stört oder eher freut. Es existieren also zwei cyborg, die Harawaydefinierte festgeschriebene und die Ha-rawaygeborene lebendige. Erstere kennt die Dimension zeit nicht, wird allein durch den Ort beschrieben und dieser umfasst dann auch alle Koordinaten des 'Zeitpunkts' (innerhalb der Geschichte des Diskurses, der persönlichen Geschichte der Autorin und Wissenschaftlerin, in der universalen Historie eingewobene, etc.). Beziehen wir uns auf diese cyborg, so stört nur unsere eigene 'Lebendigkeit' die Betrachtung, unsere einseitigen Bewegungen innerhalb der Dimension Zeit. Zweitere cyborg aber lebt ebenso wie wir, hat eine eigene Bewegung, hat und hatte zu jedem Zeitpunkt eigene Bewegungen in dieser Dimension. Sie hat eine eigene Historie. Historie-haben inkludiert aber auch, was die Soziologie Sozialisation nennt, die Psychologie interne Transformation, Michel Foucault das Archiv (Foucault 1981), Heinz von Foerster die nicht-triviale maschine (NTM) (Gumin/Meier 1997), Noam Chomsky das Rätsel des „kreativen Aspekts des Sprachgebrauchs“ (Chomsky 1977) und vor allem, was Francisco J. Varela für die Kognitionswissenschaft die „Verknüpfung von Emergenz und Welterzeugung“ nennt (Varela 1990). Was wir letztlich in einem Moment über unsere Beziehung zur Harawaygeborenen aussagen können, das ist nur in jenen kurzen Moment des Aussprechens gültig, es hängt nicht mehr nur und allein von unserer Geschichte ab. Als schmerzliche Konsequenz sagt es nicht länger automatisch etwas über unsere Relation zu der Autorin Haraway,
4 an dieser stelle muss ich klarstellen, dass ich sehr wohl immer nur von dieser cyborg spreche, die dieser Text geboren hat und dass es naturgemäß auch noch andere „gleichnamige“ cyborgs geben wird. Obschon dies ein weiteres behandelnswertes Problem situierter Perspektiven ist, möchte ich es in diesem Fall (ein wenig willkürlich) bei einer kurzen Fußnote belassen.
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dem Text oder dem Diskurs der achtziger aus, innerhalb dem der Text als Sprechakt verwoben ist.
Die Harawaygeborene cyborg ist lebendig, weil sie sich als Idee, als Bild = Konzept = begriff, als wesen und als Idol entwickelt, nicht in einer Urfassung weiter Gültigkeit hat sondern mutiert, Dimensionen gewinnt, sich adaptiert, selbst reproduziert, fortpflanzt. Sie ist in "unserer" Kognition doppelt lebendig, sie lebt, weil wir sie lebendig denken und lebt unabhängig von uns. Die Harawaygeborene ist Haraways direkten Einfluss genauso wie unserem entwachsen. Meine cyborg lebt also und ich denke sie unabhängig von der Harawaydefinierten, dem Text oder Donna Haraway. Klarzustellen ist dabei, dass die Identität 5 der cyborg immer unangetastet bleibt. Es wird also nicht einfach zu einem anderen Zeitpunkt eine neue andere cyborg gedacht.
MEINE HARAWAY
Ich habe mit sehr allgemein relevanten Phänomenen eingeleitet. Dieser essayistische Versuch zielt aber nicht auf eine kritische Ausei-nandersetzung mit methodologischen Referenzproblemen, Sprechakt-"verortungen", Intentionsanalysen oder überhaupt der Krux der historischen Wissenschaften ab. Manche Brücken zwischen den einleitenden Umwegen und dem Spannungsfeld Haraway-text-cyborg haben sich umgekehrt vielleicht bereits angedeutet. Zurück also zu meinem 'manifest für cyborgs', der cyborg kritisch huldigend, Donna Haraway kritisch dankend.
Was ist das 'ein manifest für cyborgs' alles in zweiter Ordnung, abgesehen also davon, dass es ein Text und ein manifest ist? Viel. Ungewöhnlich viel, was in meinen Augen auch als der direkte Hintergrund für die ungewöhnlich umfangreiche oder genauer definiert umfangreich und vielseitige Wirkung anzusehen ist. Man gebe nur die Suchbegriffe
5 Das Wort Identität steht an dieser stelle sehr konkret und ausschließlich für den Begriff Identität wie ihn Jean Piaget verwendet (Piaget 1996, S. 62-68)
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'cyborg' und/oder 'Haraway' im internet ein, die fülle und die Ausprägung der Fülle indiziert schnell, 'ein manifest für cyborgs' ist: viel! Ich könnte an dieser stelle ein weiteres mal negativ definieren und beginnen, was aus dieser fülle mir dieses manifest nicht ist. Als nächstes müsste ich dann immer noch erklären, was mir der Text als manifest alles auch ist. Dies wäre im folgenden seriöser weise mit meiner persönlichen taxonomischen Geographie zu ergänzen, was mir der Text zuvorderst wäre und danach und damit verbunden etc. Stattdessen will ich gleich die Aufmerksamkeit auf den mir wesentlichsten Punkt richten, und es wird klar werden, warum weitere Irrwege und Erklärungen damit hinfällig werden. 'Ein manifest für cyborgs' ist mir nur eines wirklich, alles andere darin enthalten:
„Ich will euch dies jetzt näher erklären. Wenn es auch den Anschein hat, als ob ich damit vom eigentlichen Gegenstand etwas abschweife, so werdet ihr doch bald sehen, dass gerade dies zur Sache gehört. So erfahrt also, ehrenwerte Freunde, dass von den Schöpfungen dieses Königs eine besonders rühmlich hervorzuheben ist [...], die wir 'das Haus Salomons' nennen. Es ist dies unserer Ansicht nach die hervorragenste Schöpfung dieser Art auf der Erde, ...“ Francis Bacon, Neu-Atlantis Eine Utopie.
'Ein manifest für cyborgs' von Donna Haraway ist 'politeia' von Platon ist 'Utopia' von Thomas More alias Morus ist 'Neu-Atlantis' von Francis Bacon ist auch 'Also sprach Zarathustra' von Friedrich Nietzsche ist eine positive Utopie heute. Voilá. Ich komme mit seltener Eindringlichkeit und Wucht nur zu diesem Ergebnis, wenn ich diesen Text soziologisch lese, und mir erscheint gar dies das einzig mögliche "Ergebnis" zu sein, die sich logisch aufzwingende Kategorie. Verstehe ich das manifest nun grundlegend als Utopie in der oben angedeuteten reihe, so muss sich die Rezeption des Texts, das Verhältnis Haraway-text-cyborg maßgeblich verändern. Jetzt ist plötzlich natürlich naheliegend, dass meine lebendige cyborg lebendig ist. Jetzt werden emanzi-patorischer Impetus und emotionale Befangenheit vor einem anderen Beurteilungshintergrund erscheinen, das Bekenntnis zur Kategorie 'Aufruf' verständlich. Und Donna Haraway? Der Autorin Intention, die
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ich nicht interpretieren wollte, vielleicht aber doch ein wenig, wie eingangs angedeutet hatte?
„Dieser Essay versucht, einen ironischen, politischen Mythos zu entwickeln....,“ beginnt Donna Haraway das manifest. Steckt da nicht bereits der Aufruf zur Verselbstständigung, zur 'Lebendigkeit' als Keimzelle im ersten Satz des Texts. Liegt nicht nahe, dass die Autorin um die Unvermeidlichkeit der relativen enge ihrer Definition wissend, dass sie da den Raum für das sich befreiende weiterwachsende Konzept nicht schon geschickt vorpräpariert hat? „Cyborgs sind [...] Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion. Gesellschaftliche Wirklichkeit [...] ist unser wichtigstes politisches Konstrukt, eine weltverändernde Fiktion.“ Donna Haraway ist das Gegenteil von naiv. Sie kann erahnen, das die unvermeidliche enge ihrer individuelle Historie in ihre Definition einfließen muss, ebenso der konkrete aber letztlich willkürlichen Zeitpunkt ihres Sprechakts innerhalb der Diskurse und der universellen Historie. Sie geht dem Zwiespalt zwischen e-manzipatorischen Impetus und emotionaler Befangenheit auf der einen Seite und der angst vor der Lächerlichkeit, die Welt verändern zu wollen nicht ins rückgratzerbrechende Netz. Stattdessen lässt sie Impetus und Befangenheit selbstverständlich sein, versucht es mit einem im glücklichsten Fall viablen Mythos. Sie lässt die ihre Arbeit, die Konstruktion cyborg als Idee, als Virus auf die gesellschaftliche Wirklichkeit los, und sie weiß, sie muss ihr Geschöpf Geschöpf sein lassen, wenn es eine Chance haben soll. „Sie ist oppositionell, utopisch und ohne jede Unschuld.“ Also tritt sie zurück, tritt in ihre eigene Historie zurück, um der anderen alle Möglichkeiten mitgegeben zu haben, sich eine eigene zu konstruieren, “Cyborgs sind respektlos. Sie können sich an den Kosmos nicht erinnern. [...] Ihre 'Väter' sind letzten Endes unwesentlich.“ So ausgestattet setzt Donna Haraway ihr Geschöpf in der gesellschaftlichen Wirklichkeit aus, lässt diese die Ausbildung übernehmen und liefert ihrer Tochter damit die Gesellschaft zur Veränderung aus. “Die Allgegenwart und Unsichtbarkeit dieser Cyborg [...] sind der Grund ihres tödlichen Potentials.“ (Donna Haraway kritisch dankend.)
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MEINE CYBORG
Die Harawaygeborene ist die Verkörperung der positiven Utopie. Die cyborg ist oppositionell, utopisch und ohne jede Unschuld. Meine cy-borg ist meine positive Utopie:
Oppositionell. Sie kann, wovor ich zurückschrecke, sie lässt Foucault hinter sich, geht über Richard Rorty hinaus, sie muss nicht überzeugen, nicht konziliant sein, sie ist resistent gegen Ermüdung und Zweifel. Weil sie nie naiv war, ist ihre Opposition nie Reflex oder Rache. Sie ist nicht korrumpierbar.
Utopisch. Sie hört nie auf. Die cyborg bleibt nicht irgendwann in ihrer prägenden Sozialisation gefangen, wird nicht durch das tempo der Geschichte überfordert, sie entwickelt nicht die spezielle Relativitäts-theorie und verweigert sich dann der Quantenmechanik, sie überwindet nicht Hegel, um dann erschöpft dem Kommunismus zu verfallen, dekonstruiert nicht machtvolle Mythen und meint, damit das ende der Geschichte erreicht zu haben. Sie schreitet weiter und bleibt utopisch. Frei von jeder Unschuld! - war alles bis hier her schöne Utopie, so entwickelt sich jetzt die positive Utopie. Mochte bis hier her romantische Naivität hinter der emotionellen Befangenheit stehen, mochte der emanzipatorische Impetus potentiell zum persönlichen back-lash werden, so entwickelt sich hier Die Utopie. Die Utopie als realistische gesellschaftliche Fiktion, als politisches Programm, als konkrete Zukunft. Frei von jeder Unschuld. Das ist übersetzbar mit unabhängigem Selbstbewusstsein, unabhängiger Selbstdefinition und unabhängiger Kognition. Ihre Unabhängigkeit ist wirklich und endgültig. Der basale unterschied ihrer endgültigen zur relativen Unabhängigkeit sind die Nebenwirkungen des "in Opposition" erstrittenen. Ihres ist nicht ein "in Opposition" entwickeltes Selbstbewusstsein des Menschen, der sich ein Leben lang von Zwang ausübender macht emanzipieren will. Ihre
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Selbstbestimmung ist nicht die "in Opposition" gewonnene Selbstdefinition des Menschen, der sich von einer ihn unterwerfenden Struktur loslösen will. Und die Wahrnehmung, das denken der cyborg hat nichts zu tun mit der "in Opposition" befreiten Kognition des Menschen, der sich vom telos des bestimmten Schicksals abnabeln will. Ihre Unabhängigkeit macht also den basalen Unterschied zu einem Foucault, der sich von Hegel befreien wollte, ihm aber nie entkommen konnte, macht den unterschied zu einem Popper, der den glauben an die ‚geschichtliche Notwendigkeit’ ausrotten wollte und seinem glauben an Gott nicht entgehen mochte, macht den unterschied zu dem empirischen Positivisten, der sich in der herrschenden standardisierten metaphysischen Sprache beweisen müsste, zum systemischen Konstruktivisten, der in die dominante analytisch-rationalistische Sprache übersetzen sollte, zur Feministin, die um dem Sprachgebrauch der Great White Men in letzter Konsequenz nicht entkommen kann. Alle brauchen die Tradition des Kampfes und die Gegenwart der Gegnerschaft. Es gibt keinen Triumph, ohne die mittel und Werkzeuge des überwundenen selbst angenommen zu haben, keinen sieg, ohne vom Gegner geprägt geworden zu sein, kein entwachsen, ohne in Opposition entwachsen zu sein. Donna Haraway bekennt sich im ersten Satz des Manifests zu der Kognition des Feminismus, Sozialismus und Materialismus und stellt damit auch klar, dass sie einer gewissen Sozialisation gar nicht entkommen könnte während sie uns ein bewundernswert hohes Maß an Unabhängigkeit vorführt. Ihr Geschöpf, die lebendige cyborg aber ist die Unabhängigkeit per se. Für mich ist es dieser "Charakterzug", der den Kristallisationspunkt für die universelle positive Utopie ausmacht. In der Konstruktion der cyborg bündeln sich die einzelnen Kampfansagen vom Wiener Kreis über die radikalen Konstruktivisten, von Popper oder Goffman, Lacan und Foucault, Freud bis Piaget, Camus, Habermas und Rorty, Butler und Harding, von Manturana bis Chomsky. Es steht auch in dieser Tradition, wie Haraways 'ein manifest für cyborgs' sich ganz energisch gegen die Trennung von Wissenschaft und Politik richtet.
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MEIN TEXT
Mein Credo zusammenfassend, will ich also zu dem Experiment aufrufen, 'ein manifest für cyborgs' nochmals neu als Utopie zu lesen. Ich schlage vor bewusst und vorsätzlich die eigene Wahrnehmung, die "relativ unabhängige" Kognition marginal aber wesentlich zu verschieben. So soll programmatisch der Zeitpunkt der Universalgeschichte in die Kognition einbezogen werden mit allen Richtungen, zusätzlich zur vielleicht automatisch mitgedachten Richtung der ‚feministischen Wissenschaftskritik’. Der Text wird als universale, untrennbar wissenschaftliche wie politische Utopie zu Beginn dieses Jahrhunderts gelesen und die vielen ‚neuen’ Kognitionen unserer zeit werden im Lesevorgang lebendig gehalten 6 .
Dieses Experiment löst den Text von Donna Haraway und den achtziger Jahren. Er wird runder und unabhängiger, der Cyborgmythos lebendiger und konkreter. Hatte Donna Haraway drei für die Kreation der cyborg relevante niederbrechende grenzen angeführt, so löst sich jetzt ein rapide Konsistenz gewinnender Umbruch aus dem Nebel des schwierig benennbaren. Die grenzen zwischen Tier und Mensch, zwischen Organismus und Maschine, zwischen physikalischem und nichtphysikalischem benennt materielles und erleichtert, eine solche unphysische grenze als relevant zu denken. Der Text als Utopie gelesen macht eine selten im Streiflicht aufblitzende schemenhafte grenze deutlich sichtbar. Den Hadrianswall nämlich zwischen Sklave und Herr, die ewige Grenze zwischen Selbstbestimmung und Sendung, Freiheit und Schicksal, Gerechtigkeit und Moral, zwischen Wahrheit und Objektivität, Subjekt und höherem Ziel. Werden erster drei grenzen laufend penetriert und perforiert durch Biologie und Evolutionstheorie, durch Quantentheorie und Unschärferelation, durch Medizin und Technologien
6 für manche habe ich die oben genannten Namen stellvertretend angeführt
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fortschritt, so erodiert die grenze zwischen Subjekt und höherem Ziel durch die Arbeit der Wissenschaftsforschung, Wissenssoziologie, Kom-munikationsforschung, vergleichender Psychologie, feministischer Wissenschaftskritik, evolutionärer Epistemologie, Linguistik, Rechtswissenschaften, ... diese grenze wird durch das vordringen von sozialwissenschaftlich betriebenen Wissenschaften 7 und ihrem wissen zersetzt.
Die Utopie, von der ich glaube, dass sie greifbar begreifbar werden sollte, wenn man dieser Versuchsanordnung meines Aufrufs eine Chance gibt, sie ist nicht weniger als der breitere soziale Wandel mit dem universellen Paradigmawechsel, umfassender als zu Renaissance und Humanismus, breiter als die Aufklärung oder tiefgreifender als die tiefgreifenden Veränderungen in den Jahrzehnten rund um den ersten Weltkrieg.
Ist die cyborg der neue Mensch Platons, Bacons oder Nietzsches? Der cyborg ist’s egal, mit Hegel hat sie Platon, Bacon und Gott mit ihren Utopien obsolet gemacht, hat sie wie ihre anderen Väter aus der Kognition in die Geschichte verbannt.
LITERATURVERZEICHNIS
Bacon, Francis: Neu-Atlantis; Stuttgart 1997 Chomsky, Noam: Reflexionen über die Sprache; Frankfurt am Main 1977 Foucault, Michel: Was ist Kritik?; Berlin 1992 Foucault, Michel: Archäologie des Wissens; Frankfurt am Main 1981 Gumin/Meier(Hg.): Einführung in den Konstruktivismus; München 1997 Haraway, Donna J.: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen; Frankfurt/New York 1995
Latour, Bruno: Die Hoffnung der Pandora; Frankfurt am Main 2000 Piaget, Jean: Einführung in die genetische Erkenntnistheorie; Frankfurt am Main 1996 Popper, Karl: Das Elend des Historizismus; Tübingen 1987 Rorty, Richard: Philosophie und Zukunft; Frankfurt am Main 2000 Varela, Francisco J.: Kognitionswissenschaft-Kognitionstechnik; Frankfurt am Main 1990 Veyne, Paul: Foucault: Die Revolutionierung der Geschichte; Frankfurt am Main 1992 Principia Cybernetica Project (PCP): http://pespmc1.vub.ac.be/DEFAULT.html
7 und der Lächerlichkeit der theologischen und teleologischen "Geisteswissenschaften"
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Arbeit zitieren:
Christian Voigt, 2001, Ich möchte ein Cyborg sein, München, GRIN Verlag GmbH
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Weiterführendes.
Ein weiterführender Link, der mir als Einstieg in die Cyborgproblematik sehr viel gebracht hat:
Patrick Stary, Ruth Sarrazin - Cyborgs @ Postmoderne - Zur Cyborgtheorie Donna Haraways.
am Wednesday, May 25, 2005-