Nietzsches Verständnis von Herrschertum und Herrschaft bestimmt zu sein.
Der Einfluß Nietzsches auf Max Webers berühmt gewordene Rede Vom inneren Beruf zur Wissenschaft 4 soll im folgenden charakterisiert werden.
Weber hielt die Rede mit einigen Änderungen nachweislich 1917 und 1920 vor studentischem Publikum, bei dem wir zumindest rudimentäre Kenntnis der Schriften Nietzsches voraussetzen dürfen. Neben Tolstoij erfolgt die Nennung Nietzsches selbst zwei Mal 5 . Außerdem findet sich eine Anspielung auf Nietzsches Wortschöpfung von den Hinterweltlern 6 . Hier von Einflußnahme zu sprechen wäre natürlich weit hergeholt. Der Einfluß Nietzsches findet sich vielmehr in subtileren Bereichen: Im strengen Dienst an der Wissenschaft, den Weber seinem Auditorium zu vermitteln sucht und in der Rolle, die er selbst einnimmt. Zunächst soll Nietzsches Begriff von Wissenschaft, der hier in aller Kürze skizziert wird, mit dem von Weber, wie er sich in der genannten Rede darstellt, verglichen werden. Es sollen aber prinzipiell keine Rückschlüsse auf Webers Gesamtwerk gezogen werden. Der Vergleich bleibt textimmanent. Darüberhinaus erfolgt eine Charakterisierung von Webers Position als hier Redendem und auch Lehrendem (Weber war von 1919 bis zu seinem Tod 1920 Professor an der Universität München), die er in Analogie zu Nietzsches Zarathustra-Figur einnimmt, mit einem Rekurs auf das II. Buch von Also sprach Zarathustra 7 . Hier vermittelt Nietzsches Protagonist die seither archetypische Pose des Lehrers, der seine Schüler vor sich selbst und vor dem warnt, was er sie gelehrt hat, um ihnen eine eigene Entwicklung zu ermöglichen.
4 Max Weber, Vom inneren Beruf zur Wissenschaft, in Max Weber, Soziologie -
Universalgeschichtliche Analysen - Politik, Stuttgart 1992
5 Weber, Vom inneren Beruf..., p. 322 & 329
6 Weber, Vom inneren Beruf..., p. 319
7 Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Köln o.J.
4
Mehr oder weniger fröhlich -Nietzsches Wissenschaftsbegriff
Es ist nicht ganz einfach, das, was Nietzsche, vor allem in seinem Spätwerk als Wissenschaft versteht, mit dem gemeinhin herrschenden Bild zu vereinbaren. Seit Die Geburt der Tragödie 8 verstärkt sich zunehmend ein Wissenschaftsbegriff, der mit der spätestens seit dem 19. Jahrhundert herrschenden Form der Forschung nicht mehr viel zu tun hat. Nicht nur, daß das allgemeine Hinterfragen der europäischen Moral auch die generelle persönliche Aufrichtigkeit des Wissenschaftlers einer äußerst kritischen Betrachtung unterzieht - je weiter die Institutionen demontiert werden, desto mehr manifestiert sich geradezu Verachtung für die Forschung und die Forschenden: Ein Beispiel: die Söhne von Registratoren und Büroschreibern jeder Art, deren Hauptaufgabe immer war, ein vielfältiges Material zu ordnen, in Schubfächer zu verteilen überhaupt zu schematisieren, zeigen, falls sie Gelehrte werden, eine Vorneigung dafür, ein Problem damit für gelöst zu halten, daß sie es schematisiert haben... und ...Die Söhne von protestantischen Geistlichen und Schullehrern erkennt man an der naiven Sicherheit, mit der sie als Gelehrte ihre Sache schon als bewiesen nehmen, wenn sie ihnen eben erst nur herzhaft und mit Wärme vorgebracht worden ist: sie sind eben gründlich daran gewöhnt, daß man ihnen glaubt, - das gehörte bei ihren Vätern zum “Handwerk” 9 ! Es bleibt aber nicht nur bei der Wahrhaftigkeit vor allem auch gegen die eigene Person, die Nietzsche für alle Bereiche und so auch für den wissenschaftlichen Betrieb einklagt. Die in der Endlichkeit der persönlichen Wahrnehmung verhaftete Möglichkeit
8 Zu allen weiteren direkten Nietzsche-Zitaten siehe Anmerkung in der
Bibliographie
9 Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Vorrede, V. Buch, Köln, o.J., p.
26ff.
5
der Erkenntnis bleibt Grenze des wissenschaftlich Erkennbaren. Der Wirklichkeitsgehalt des Wahrgenommenen kann sich nur dem durch seinen kulturellen und persönlichen Werdegang gebundenen Individuum erschließen. Geradezu solipsistisch erkennt Nietzsche hier die Grenze des empirisch Erschließbaren in seinem rein perspektivischen Charakter und Wie weit der perspektivische Charakter des Daseins reicht oder gar ob es irgendeinen anderen Charakter noch hat, ob nicht ein Dasein ohne Auslegung, ohne “Sinn” eben zum “Unsinn” wird, ob andererseits, nicht alles Dasein essentiell ein auslegendes Dasein ist (...) kann nicht sicher ausgemacht werden. 10 Mit der eigenen Erkenntnisfähigkeit endet also alle wissenschaftliche Erfahrbarkeit. Die Möglichkeit, einen Sinngehalt empirisch, d.h. eigentlich für jedermann nachvollziehbar zu machen, bleibt illusorisch. Wer solches behauptet, ist, nach Nietzsche, in letzter Konsequenz unaufrichtig und nicht anderes als ein verkleideter Bureaukrat oder Schullehrer. Unter dieser Prämisse wird die Wissenschaft, die sich gemeinhin als unbestechlich ausgibt, zur Glaubensfrage. Die Kritik an den Wissenschaft Treibenden, die ihre Perspektive als unumstößliche Wahrheit ausgeben, ist entsprechend harsch: Ebenso steht es mit jenem Glauben, mit dem sich jetzt so viele materialistische Naturforscher zufriedengeben, dem Glauben an eine Welt, welche in menschlichen Wertbegriffen ihr Äquivalent und Maß haben soll, an eine “Welt der Wahrheit”, der man mit Hilfe unsrer viereckigen kleinen Menschenvernunft letztgültig beizukommen vermöchtewie? wollen wir uns wirklich dergestalt das Dasein zu einer Rechenknechts-Übung und Stubenhockerei für Mathematiker herabwürdigen lassen? ... Eine “wissenschaftliche”
Weltinterpretation ... könnte folglich immer noch eine der dümmsten, das heißt sinnärmsten aller möglichen Welt-Interpretationen sein: dies den Herrn Mechanikern ins Ohr und Gewissen gesagt, die heute ... vermeinen, Mechanik sei die Lehre
10 ibd., p. 42ff.
6
von den ersten und letzten Gesetzen, auf denen wie auf einem Grundstock alles dasein aufgebaut sein müsse. 11 Die Ablehnung gegenüber den auch heute noch gültigen Methoden der Wissenschaft könnte also drastischer nicht sein.
Die Alternative, die Nietzsche anbietet, hat gegenüber der als wertlos diagnostizierten Empirie einen sprunghaften, intuitiven Charakter. Auf die völlige Dekonstruktion der herkömmlichen Wahrheitsfindung folgt eine Überwindung des nihilistischen Solipsismus, die sich auf keine Formel festlegen lassen will und gewollt vage, auf das Individuum und seine perönliche Erkenntnisfähigkeit bezogen bleibt, wie sie etwa der Kreis um Stefan George, der Nietzsche zum Kronzeugen beruft, zu seiner Methode zu machen versuchte. Das Individuum wird hier als wissenschaftliches Subjekt zum Dreh- und Angelpunkt aller Forschung mit dem Schwerpunkt auf der eher künstlerisch motivierten Intuition als einzig zulässigem Medium der Forschung, ignoriert aber die strenge Selbst-Disziplin (und Wahrhaftigkeit) und Gelehrsamkeit, die Nietzsche an anderer Stelle voraussetzt 12 . Der Versuch, das von Nietzsche in seinen Schriften Geforderte in eine für die Allgemeinheit oder auch nur einen elitären Kreis gültige Formel für das Erkennen oder die Wissenschaft umzusetzen, muß zwangsläufig am streng individualistisch gehaltenen Inhalt seines Werkes scheitern.
Zusammenfassend läßt sich aber eine Ablehnung von allgemeingültigen Wahrheiten, eine ideologische Wertfreiheit der Forschung und damit des Erkenntnisprozesses und eine fast asketische Wahrhaftigkeit gegenüber der eigenen Person diagnostizieren, die eine der Grundlagen des im folgenden behandelten Textes darstellt, auch wenn Nietzsche, als ihr Pate, namentlich nicht genannt wird.
11 ibd., p. 66ff.
12 vgl. Weiller, p. 49 ff
7
Webers Begriff von Wissenschaft im
vorliegenden Text
Weber bietet seinen Zuhörern ein sehr sprödes Bild von der Wissenschaft. Die Nähe der von Nietzsche geforderten Askese ist gleich zu Anfang spürbar und eine Abkehr gegen ein intuitives Erkennen als Selbstzweck und einzige Methode wird sofort deutlich. Die Eingebung, die bekannte blitzhafte Erkenntnis sei eine Gabe des Schicksals, aber auch nicht mehr und nicht zwingend notwendig für die wissenschaftliche Arbeit, eine von Weber postulierte Wahrheit, die sofort zu einer klar erkennbaren Spitze gegen den den George-Kreis und seine Rezeption Nietzsches instrumentalisiert wird: die Gabe der Eingebung sei zu einem Götzen verkommen, deren Kult wir heute an allen Straßenecken und in allen Zeitschriften sich breitmachen finden. Jene Götzen sind: die “Persönlichkeit und das “Erleben”. Beide sind eng verbunden: die Vorstellung herrscht, das letztere mache die erstere aus und gehöre zu ihr. Man quält sich ab, zu “erleben” - denn das gehört ja zur standesgemäßen Lebensführung einer Persönlichkeit -, und gelingt es nicht, dann muß man wenigstens so tun, als habe man diese Gnadengabe. 13
Die Ablehnung dieser Methode und das verächtlichmachen ihrer Anhänger könnte deutlicher nicht sein und die Entfremdung zwischen Weber und George spielt eine deutliche Rolle 14 . Die wissenschaftliche Methode, die Weber einfordert, beinhaltet zwar die Intuition, aber keineswegs als Grundlage, sondern lediglich als Impuls. Was er danach anempfiehlt, ist genau die akribische Methodik, die Nietzsche so verächtlich ablehnt. Der Einfall ersetzt nicht die Arbeit, sagt Weber deutlich und klagt damit die Entwicklung empirischer Nachvollziehbarkeit in der
13 Weber, Vom inneren Beruf..., p. 314ff
14 vgl. Weiller, Max Weber..., Kap. III
8
wissenschaftlichen Arbeit ein, auch wenn er sofort konstatiert: Und die Arbeit ihrerseits kann den Einfall nicht ersetzen oder erzwingen 15 .
Der Wert der wissenschaftlichen Arbeit muß natürlich gewahrt bleiben, bedenkt man vor allem die Adressaten des Texts, die Wissenschaft und ihr allgemeingültiger Wert - vor allem im Gegensatz zur Kunst - aber werden relativiert. Nicht mit dämonischem Gelächter wie bei Nietzsche, sondern durch wissenschaftliche Erkenntnis auch über die unbedingte Endlichkeit der eigenen Wahrnehmung selbst: Jeder von uns ... in der Wissenschaft weiß, daß das, was er gearbeitet hat in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist. Das ist das Schicksal, ja: das ist der Sinn der Arbeit der Wissenschaft, dem sie, in ganz spezifischem Sinne gegenüber allen anderen Kulturelementen, für die es sonst noch gilt, unterworfen und hingegeben ist: jede wissenschaftliche “Erfüllung” bedeutet neue “Fragen” und will “ überboten” werden und veralten 16 . Damit wird zwar die empirische Arbeit nicht selbst in Frage gestellt, sehr wohl aber ihr landläufiger Anspruch auf quasi-religiöse Gültigkeit. Mit der Darstellung der Augenblicklichkeit
wissenschaftlicher Erkenntnis kann sich Weber schließlich problemlos in die höhnische Positivismus-Kritik aus Also sprach Zarathustra einreihen: Daß man schließlich in naivem Optimismus die Wissenschaft, das heißt: die auf sie gegründete Technik der Beherrschung des Lebens, als Weg zum Glück gefeiert hat, - dies darf ich wohl, nach Nietzsches vernichtender Kritik an jenen “letzten Menschen”, die “das Glück erfunden haben”, ganz beiseite lassen. Wer glaubt daran? - außer einigen großen Kindern auf dem Katheder oder in Redaktionsstuben? 17
Die Selbstverständlichkeit des Rekurses auf Nietzsche läßt keinerlei Fragen offen, inwieweit Weber von einer zumindest rudimentären
15 Weber, Vom inneren Beruf..., p. 313
16 Weber, Vom inneren Beruf..., p. 315ff.
17 Weber, Vom inneren Beruf..., p. 322
9
Zarathustra-Kenntnis seiner Adressaten ausgeht. Es scheint aber gerade diese Vertrautheit zu sein, die Weber in seiner Argumenation sehr vorsichtig sein läßt, was eben diesen Rekurs angeht. Weber gibt ausdrücklich keine Anleitung zu einer fröhlichen Wissenschaft, und die bereits erwähnte Ablehnung der Methode und Rezeption Nietzsches des Kreises um George sind ein weiteres Indiz dafür, daß er als Voraussetzung der Berufung zur Wissenschaft für seine Adressaten eine redliche Empirik darstellt, auch wenn diese phänomenologisch hinterfragt wird.
10
Voraussetzungslose Wissenschaft
Im Diskurs um die voraussetzungslose Wissenschaft 18 nähert sich Weber noch einmal Nietzsches Position an. Die von Nietzsche als grundlegend angenommene Wahrhaftigkeit zunächst einmal sich selbst gegenüber scheint Pate zu stehen für die wissenschaftliche Redlichkeit, die Weber hier einklagt. Auch hier ist die Abgrenzung gegenüber dem George-Kreis deutlich wahrzunehmen. Im Gegensatz zur Kunst und zum Erahnen des Dilettantentums steht hier eine allein der wissenschaftlichen Wahrhaftigkeit und vor allem Nachvollziehbarkeit verpflichtete Einstellung gegenüber, die bei genauerer Betrachtung nur noch die intellektuelle Redlichkeit und das Selbstbewußtsein der eigenen Endlichkeit mit Nietzsche gemeinsam hat. Wie Weber selbst angibt, bleibt die Wissenschaft der Methode der empirischen Beweisbarkeit verpflichtet, seit der Renaissance zumindest, wo neben die Wiederentdeckung der Verpflichtung zur Wahrheit aus der Antike heraus das zweite große Werkzeug der wissenschaftlichen Arbeit heraustrete, nämlich das rationale Experiment, als Mittel zuverlässig kontrollierter Erfahrung, ohne welches die heutige empirische Wissenschaft unmöglich wäre 19 . Mit diesem und nichts anderem, so Weber, habe sich die Wissenschaft voraussetzungslos zu beschäftigen. Die Abgrenzung der von ihm benannten scheinbar unbestechlichen Wissenschaft und der von Nietzsche verlachten Empirik, aber vor allem dem intuitiven Forschen im George-Kreis könnte größer nicht sein. Unter Berufung auf Sokrates und Leonardo da Vinci werden die Adressaten eindeutig auf die wissenschaftliche Redlichkeit des empirischen Nachvollziehens eingeschworen. Der Dilettant, so Weber, der gleich zu Anfang seiner Rede den Kurs vorgibt, unterscheide sich vom Fachmann ... nur dadurch, daß ihm die feste Sicherheit der Arbeitsmethode fehlt, und daß er daher den Einfall
18 Vgl. Weber, Vom inneren Beruf..., p. 323ff.
11
meist nicht in seiner Tragweite nachzukontrollieren und abzuschätzen oder durchzuführen in der Lage ist 20 . Und, betreffs Glaubensfragen: ... jene “voraussetzungslose” Wissenschaft mutet ihm (dem Gläubigen) nicht weniger - aber: auch nicht mehr - zu als das Anerkenntnis: daß, wenn der Hergang ohne jene übernatürlichen, für eine empirische Erklärung als ursächliche Momente ausscheidenden Eingriffe erklärt werden solle, er so, wie sie es versucht, erklärt werden müsse. Das aber kann er, ohne seinem Glauben untreu zu werden 21 .
“Voraussetzungslos” heißt hier also nur das, was für Nietzsche ohnehin als Selbstverständlichkeit gilt, nichtsdestotrotz aber immer wieder Anlaß zu Äußerungen war (Genealogie der Moral, Morgenröthe, etc.): wissenschaftliche Unbestechlichkeit gegenüber persönlichen Überzeugungen, Glaubensfagen oder gar Parteipolitik, eine deutliche Absage also an den immer wieder unternommenen Versuch der Instrumentalisierung der Wissenschaft.
19 Weber, Vom inneren Beruf..., p. 320
20 Weber, Vom inneren Beruf..., p. 313
21 Weber, Vom inneren Beruf..., p. 327 ff
12
Daß Euch nicht eines Tages eine
Bildsäule erschlage... - Die Rolle des
Lehrers
Webers vorbehaltloseste Annäherung an Nietzsche in der Rede Der Beruf zur Wissenschaft erfolgt aber durch die Position, die Weber selbst als Redner einnimmt und mit dem, was er über Führer und Lehrer generell zu sagen hat. Eine der Punkte, die in der Wirkungsgeschichte Nietzsches wohl am umstrittensten sind. Daß Weber bei seinen Adressaten Kenntnis des Zarathustra annimmt und voraussetzt ist bereits erwähnt. Darüberhinaus dürften 1920 noch genügend Weltkriegsteilnehmer im Auditorium gewesen sein und die Legende, deutsche Soldaten haben den Zarathustra im Marschgepäck gehabt, ist hinlänglich bekannt. Zunächst einmal aber umreißt Weber die Rolle des Lehrers, der eben nur Lehrer und damit Vermittler eines empirischen Wahrheitsfindungsprozesses und nichts anderes sein soll 22 . Alles weitere diene keineswegs der wissenschaftlichen Redlichkeit, sondern komme der Verführung von Schutzbefohlenen gleich: Noch bedenklicher, wenn es jedem akademischen Lehrer überlassen bleibt, sich im Hörsaal als Führer aufzuspielen ... Der Professor, der sich zum Berater der Jugend berufen fühlt und ihr Vertrauen genießt, möge im persönlichen Verkehr von Mensch zu Mensch mit ihr seinen Mann stehen. Und fühlt er sich zum Eingreifen in die Kämpfe der Weltanschauungen und Parteimeinungen berufen, so möge er das draußen auf dem Markt des Lebens (sic!) tun: in der Presse, in Versammlungen, in Vereinen, wo immer er will. Aber es ist doch etwas allzu bequem, seinen Bekennermut da zu zeigen, wo
22 vgl. Weber, Vom inneren Beruf..., p. 330 ff.
13
die Anwesenden und vielleicht Anderdenkende zum Schweigen verurteilt sind. 23
Mit dem ganzen Duktus seiner Rede ist Weber bemüht, sich selbst nicht diesem Vorwurf auszusetzen, obwohl er einige politici miteinschließt und durchaus auf tagespolitische Ereignisse Bezug nimmt, bzw. gegen gesellschaftliche Ereignisse Position bezieht, was die Bemerkungen, die eindeutig gegen den populären George und seinen Kreis zeigen. Vielleicht ohne es zu wollen, nimmt Weber hier die Position von Zarathustra selbst ein, der seinen Schülern gegenüber wiederholt eine eher spröde Position einnimmt, nicht nur mit dem bekannt gewordenen Wort: Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur ein Schüler bleibt ... Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet euch, daß euch nicht eines Tages eine Bildsäule erschlage! Und vor allem Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So tun alle Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben. 24 Weber argumentiert aus derselben Position. Es gibt keine Stelle in seiner Rede, die eindeutig rät, einen wissenschaftlichen Beruf zu ergreifen oder auch nur attestiert, wer denn eigentlich den Beruf zur Wissenschaft verspüre oder wie man das tut.
Was er feststellt - und diese Argumentation nimmt etwa die Hälfte des vorliegenden Textes ein - ist, wer diesen Beruf nicht ergreifen sollte und daß die Wissenschat eben kein Surrogat für die Kunst oder eine Bühne für Selbstdarsteller ist. Der alte Professor gibt sich redliche Mühe, den studentischen Zuhörern alle Illusionen über den wissenschaftlichen Betrieb zu nehmen. Die Position wird aber auch beibehalten, was die Stellung des Lehrenden betrifft: Aber der echte Lehrer wird sich sehr hüten, vom Katheder herunter ihm [dem Schüler] irgendeine Stellungnahme, sei es ausdrücklich, sei es durch Suggestion - denn das ist natürlich die
23 Weber, Vom inneren Beruf..., p. 332
24 Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, I, p. 165
14
illoyalste Art, wenn man “die Tatsachen sprechen läßt”aufzudrängen. 25 Die Wissenschaft ist für Weber ganz im Sinne
Zarathustra/Nietzsches kein Ort für falsche Prophetie, weil der Prophet und der Demagoge nicht auf das Katheder eines Hörsaals gehören. Dem Propheten wie dem Demagogen ist gesagt: “Gehe hinaus auf die Gassen (sic!) und rede öffentlich.” 26 Wie Zarathustra will Weber vor dem studentischen Auditorium kein Lehrer sein, sondern zeigt sowohl Studierenden als auch Lehrenden einen Weg wissenschaftlicher Ehrlichkeit und Mühe ohne Schnörkel auf.
Er hütet sich aber an irgendeiner Stelle zu erwähnen, wie man es denn besser mache, außer daß er eben zur intellektuellen Redlichkeit rät. Eine Verantwortung für den weiteren akademischen Lebensweg seiner Adressaten übernimmt er expressis verbis nicht.
25 Weber, Vom inneren Beruf..., p. 326
26 Weber, Vom inneren Beruf..., ibd.
15
Schlußbemerkung
Wie zu zeigen versucht wurde, ist Nietzsches Einfluß über die recht triviale Namensnennung hinaus subtiler Natur und trotzdem spürbar. Man möchte meinen, offensichtlich spürbar, denn Weber spielt eindeutig auf die idealisierte Rolle Nietzsches als Lehrer an und grenzt sich gleichzeitig gegenüber einer libertinistischen oder heuristischen Auslegung, wie er zeitgleich (und den Adressaten der Rede sicherlich bekannt), beispielsweise im Kreis um Stefan George gängig war. Der vermittelte Inhalt deutet vielmehr auf strenge Selbstdisziplin, Selbstüberwindung und Redlichkeit vor allem gegenüber der eigenen Person hin, der sich genauso leicht aus Nietzsches Schriften destilieren läßt, wie Aufrufe an freie Geister des Prinzen Vogelfrei. Trotzdem ist die Auslegung keineswegs konservativ-reaktionärer, sondern bestenfalls wert-konservativer Natur. Redlichkeit bleibt das oberste Gebot gegenüber allen Glaubens- und Überzeugungsfragen. Daß Weber Nietzsches destruktive Position gegenüber dem wissenschaftlichen Betrieb und der abendländischen Form der Wissenschaft im allgemeinen nicht übernehmen kann, ist für seine Person als Professor, der vor Studierenden spricht, nahezu offensichtlich. Das käme einem Ikonoklasmus gleich, der dem alternden Weber sicherlich genauso fremd war, wie es der George-Kreis mit seiner Auslegung von Kunst im allgemeinen und Nietzsche im Besonderen oder das politische Experiment der zeitgenössischen Münchner Räterepublik wurde. Es spricht für die Vielstimmigkeit von Nietzsches Werk, daß sich Weber problemlos in seiner für Studierende bestimmten Auslegung von Wissenschaft auf den oft zitierten und zumindest von seinen Adressaten mit Vorbildfunktion ausgestatteten Philosophen berufen kann, ohne seine Schriften in irgendeiner Form zu verbiegen. Durch die entsprechenden Auslassungen zumindest nicht allzusehr, wie es
16
in der Folgezeit geradezu eine gesellschaftliche Norm wurde, bis zu dem Punkt, daß Zarathustra-Nietzsche einem, der sich Zäune um seine Worte wünscht, damit die Säue nicht einbrechen, förmlich in den Ohren klingt.
Aber das ist ein Vorwurf, den man Weber sicher nicht machen kann.
17
Bibliographie
Günter Abel, Wissenschaft und Kunst, in Mihailo Djuric, Josef Simon, Hsg., Kunst und Wissenschaft bei Nietzsche, Würzburg 1986 David Frisby, Die Ambiguität der Moderne: Max Weber und Georg Simmel, in Mommsen/Schwentker (Hsg.), Max Weber und seine Zeitgenossen, Frankfurt 1986
Claude Lagadec, Die Gestalt des Herrn nach Hegel und Nietzsche, in
Friedrich Nietzsche, Ges. Werke, (Besonders Die Geburt der Tragödie, Morgenröthe, Die fröhliche Wissenschaft, Also sprach Zarathustra. Da ich keine Gesamtausgabe von Nietzsches Werken besitze, zitiere ich aus meinen zusammengewürfelten Quellen unter Angabe von Werk und Kapitel, ohne immer Seiten anzugeben) Jochen Stork, Hsg., Fragen nach dem Vater - Französische Beiträge zu einer psychoanalytischen Anthropologie, Freiburg/München 1974 Heinz Raschel, Das Nietzsche-Bild im George-Kreis, Berlin 1984 Max Weber, Vom inneren Beruf zur Wissenschaft, in Max Weber, Soziologie - Universalgeschichtliche Analysen - Politik, Stuttgart 1992
Edith Weiller, Max Weber und die literarische Moderne, Stuttgart 1994
Gotthard Wunberg (Hsg.), Nietzsche und die deutsche Literatur, Tübingen 1978
18
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Dirk Puehl, 2000, Nietzsches Einfluß auf Webers Rede "Von der Wissenschaft als Beruf", München, GRIN Verlag GmbH
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