Gliederung
Einleitung
I. Wallfahrt
1. Religionsgeschichtliche Einordnung
2. Christliche Wallfahrt
3. Typisierung der christlichen Wallfahrt nach Kultobjekten
4. Wallfahrtsmotive
5. Soziologische Sicht von Wallfahrten
II. Volkskultur
1. Zur Problematik des Begriffs
2. Ganzheitlicher Kulturbegriff
3. Volkskultur - Begriffsbestimmung
III. Interdependenz von Wallfahrten und Volkskultur
1. Wallfahrten sind kulturgebunden
2. Wallfahrten in agrarisch geprägten Gebieten
3. Wallfahrten als Garant und stabilisierender Faktor des Gemeinschaftslebens
a , Dorfgemeinschaften
b , Nationale Gemeinschaft
c , Der Gemeinschaftsaspekt in der heutigen Wallfahrtsfrömmigkeit
4. Wallfahrten und Massentourismus
5. Der Einfluß von Kulturveränderungen auf das Wallfahrtswesen
a , Technisierung
b , Die Renaissance der Fußwallfahrten
6. Der Einfluß von Wallfahrten auf Volkskultur
7. Elemente von Wallfahrten in der Volkskultur
8. Spannungen zwischen popularer Frömmigkeit und kirchenamtlicher Hochtheologie
9.Wallfahrten in von einer anderen Religion geprägten Kulturen
IV. Literaturverzeichnis
1. Nachschlagewerke
2. Artikel, Aufsätze und Monographien
Einleitung
Wallfahrten gibt es in fast allen Religionen. Wie jedes religiöse Verhalten sind auch sie von der jeweiligen Kultur geprägt, in der sie entstehen und praktiziert werden. Zum Thema Wallfahrtswesen gibt es eine unübersehbare Fülle von Literatur. Fast über jede größere Wallfahrt in Europa wurden Bücher veröffentlicht. Soziologen, Ethnologen, Historiker haben sich aus ihrer Perspektive mit dem Wallfahrtsphänomen beschäftigt.
Für meine Arbeit habe ich mich für eine eher grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Thema "Wallfahrtswesen und Volkskultur" entschieden, und nicht eine bestimmte Wallfahrt analysiert. Durch verschiedene Zugänge habe ich versucht, die enge Verflechtung von Wallfahrten und Volkskultur zu beleuchten. Der Umfang einer solchen Seminararbeit machte es nötig, viele Bereiche des Wallfahrtswesens, die für eine solche Untersuchung beachtet werden könnten, auszuklammern. Ich denke hier z.B. an die Bedeutung des Devotionalienhandels, an Votivtäfelchen, Wallfahrtsmedallien u.ä.
In dieser Arbeit habe ich mich grundsätzlich von einer historischen Betrachtungsweise leiten lassen, dennoch aber auch versucht, Erkenntnisse der Religionssoziologie und der wissenschaftlichen Volkskunde für meine Untersuchung fruchtbar zu machen. Da die abendländische Wallfahrtsgeschichte ein unüberschaubares Forschungsgebiet darstellt, wurden nur einige besonders markante historische Entwicklungen dargestellt. Mindestens ebenso wichtig wie die Geschichte ist mir der Blick auf die gegenwärtige Gestalt des Wallfahrtswesens und ihre Beziehung zur Volkskultur in einer technisierten, säkularisierten Welt.
Am Ende der Arbeit wird ein kurzer Blick auf Wallfahrten in von einer anderen Religion geprägten Kulturen gewagt. Eine weitergehende Beschäftigung mit dieser Thematik übersteigt aber den Rahmen dieser Arbeit.
Schließlich sei noch darauf aufmerksam gemacht, daß ich mich mit Wallfahrtsphänomenen auseinandergesetzt habe; die Frage nach Berechtigung und theologischer Bedeutung von Wallfahrten wird hier nicht gestellt.
Ralf Huning SVD
Wallfahrten gibt es in den meisten Religionen, vor allem in den sogenannten höheren Religionen. So unterschiedlich die Religionen sind, so vielfältig sind auch die jeweiligen Erscheinungsformen von Wallfahrten. Gemeinsam sind den Wallfahrten in den Religionen folgende Elemente: a, Konstitutives Element einer Wallfahrt ist das Verlassen des heimatlichen Lebensraumes, Besuch eines Kultortes außerhalb des täglichen Lebenskreises und die Rückkehr aus einem religiösen Motiv. Entfernung und Zeitdauer spielen dabei keine wesentliche Rolle. b, Grundlage einer Wallfahrt ist die prärationale Überzeugung, daß an bevorzugten Orten die Gottheit in besonderer Weise geneigt ist, sich helfend und heilend zu offenbaren. c, Häufig wird die Hilfe der Gottheit durch einen Mittler (Heilige oder Dinge) offenbar. d, Konstitutiv für eine Wallfahrt ist ihr Gemeinschaftscharakter. Religiöser Individualismus wie auch das Getrenntleben von der Großgemeinschaft (Diaspora) erweisen sich als wallfahrtshemmend. e, Am Wallfahrtsort zeigt sich fast immer die Tendenz zur genormten Frömmigkeitsübung. f, Der Wallfahrer ist bemüht, das religiöse Erlebnis, die empfangene Gnade, über die Anwesenheit am Kultort hinaus wirksam zu erhalten. Dazu dienen Wallfahrtsandenken jeglicher Art, die auch selbst Segensmittel und Garant für das Andauern der Hilfe sind. Über diese Andenken wird das Wallfahrtserlebnis auch in den heimatlichen Lebenskreis getragen. Aus der Verehrung des »Andenkens« und dem zuweilen praktizierten Nachbau des Wallfahrtsheiligtums kann dann sogar eine Wallfahrtsfiliale entstehen.
Im Folgenden soll im Besonderen die christliche Wallfahrt untersucht werden.
2. Christliche Wallfahrt
Wallfahrt ist Ausdruck christlicher Volksfrömmigkeit. Häufig konzentrieren sich in ihr die Anliegen einer »Populartheologie« im Unterschied zu der kirchenamtlichen »Hochtheologie«. Die Anerkennung von Gnadenerweisen und die Gewährung besonderer Ablässe an Wallfahrtsorten zeigt aber, das sich die Kirche die Wallfahrt als einen vorgefundenen und unausrottbaren Volksglauben assimiliert hat. 1
Geschichtlich zeigte sich im Christentum anfangs eine Distanzierung von der jüdischen Wallfahrt, für deren Formen (zentraler Tempelkult, lokale Wallfahrtsheiligtümer) es keine Begründung mehr gab. Am Anfang christlicher Wallfahrt standen die Reisen einzelner ins »Heilige Land«, um im von Jesus Christus durchschrittenen Raum die Wahrheit der Überlieferung zu überprüfen und ihren Glauben zu stärken. 2 In nachkonstantinischer Zeit wurden aus diesen Besuchen einzelner Wallfahrtsgruppen, die zu den Orten der Theophanien pilgerten. Der weitverbreitete Engelskult in der Spätantike ließ Wallfahrten zu Orten von Angelophanien aufkommen. Mit der Klärung der fürbittenden Mittlerschaft von Heiligen entstanden Wallfahrten zu lebenden und verstorbenen Heiligen. Einzelne Kultorte mit hervorragenden Märtyrergräbern gewannen überragende Bedeutung (Rom, Santiago de Compostela). Da es von Jesus keine Reliquien gab, entstanden Wallfahrten zu Erinnerungsgegenständen aus seinem Leben. Die intensive Bilderverehrung ermöglichte die Wallfahrt zu Marienbildern (auch von Maria gibt es ja keine Reliquien). Das Phänomen der
1 Schmidt-Clausing, Im Katholizismus, 1540
2 Kötting, Wallfahrt, 943
Mariophanien findet sich vor allem in der Neuzeit. Im eucharistischen Kult des Spät-Mittelalters kamen Wallfahrten zu Bluthostien auf. Die Ablehnung der Wallfahrten durch die Reformatoren ließen sie zu einem konfessionellen Unterscheidungszeichen werden.
Dieser kurze, stichprobenartige Durchlauf durch die lange und vielfältige christliche Wallfahrtsgeschichte im Abendland macht schon deutlich, daß die Entstehung von Wallfahrten eng mit den gerade »aktuellen« Formen der Volksfrömmigkeit in Beziehung steht. Ohne damit das Phänomen der christlichen Wallfahrten eindeutig fassen und klassifizieren zu können, will ich nun eine Grundtypisierung nach Kultobjekten geben.
3. Typisierung der christlichen Wallfahrt nach Kultobjekten 3
a, Wallfahrt zu Erinnerungsstätten (Theophanien, Angelophanien, Mariophanien). b, Wallfahrt zu Heiligen, ihren Gräbern und Reliquien. Dabei gibt es in der Volksfrömmigkeit keine besondere Unterscheidung zwischen lebenden (z.B. Styliten - bis heute: Stigmatisierte) und verstorbenen Heiligen.
c, Wallfahrt zu Gnadenbildern und eucharistischen Kultorten (Heilig-Blut-Wallfahrt).
4. Wallfahrtsmotive
Die Motive für eine Wallfahrt sind vielfältig und in den verschiedenen Religionen zu finden. Grundlinien sind: Religiöse Hingabe, Bitte, Dank, Heilungswunsch, Gelübde, Entscheidungshilfe, Reinigung, Sühne, Buße. Eine besondere Form der Wallfahrt stellt die Festwallfahrt dar (typisch für Judentum und Islam). Die Glieder einer religiösen Gemeinschaft treffen sich am Kultmittelpunkt ohne erkennbares Einzelmotiv. Häufig gibt es besondere Tage, an denen eine solche Wallfahrt vollzogen wird (vgl. Jerusalem - christliche Hauptfeste, Rom - Heiliges Jahr, Mariophaniengedenktage etc.)
5. Soziologische Sicht von Wallfahrten
"Aus der Perspektive der Religionssoziologie läßt sich Wallfahrt als eine komplexe Form der »Vergesellschaftung von Transzendenzerfahrungen« (T.Luckmann) begreifen, die - idealtypisch gesehen - im Kern aus dem symbolisch-rituellen Handlungsablauf einer zumeist gemeinschaftlich vollzogenen außeralltäglichen »Reise« mit Besuch einer hl. Stätte oder eines Kultobjektes besteht, dem charismatische Eigenschaften zugeschrieben werden." 4
Religionssoziologen zählen Wallfahrten zu den typischen Formen religiöser Massenphänomene. Häufig geraten die Erscheinungsformen von Wallfahrten in Konflikt mit der theologischen »Heilsökonomie«. 5 Die überregionalen und nationalen Wallfahrten seit dem 19.Jh. gehören zu den kirchenamtlichen Versuchen der Transformation einer »populären« in eine kirchlich »popularisierte« Religion. Auf das spannungsreiche Verhältnis von Amtskirche und Volksfrömmigkeit wird später noch näher eingegangen werden müssen.
3 ich folge hier vor allem Kötting, Wallfahrt, 943f
4 Ebertz, Wallfahrt, 1345 5 vgl. Gabriel, Volksreligion, 208
Der Begriff »Volkskultur« erweist sich als recht problematisch und muß erst näherhin bestimmt werden. In der wissenschaftlichen Volkskunde bezeichnete der Begriff ein theoretisches Konzept, dem sie solange und insoweit verpflichtet war, wie sie sich nicht als historisch-kritische, sondern eher als ethnologisch-strukturalistische Wissenschaft verstand. Schieder: "Als Teil der allgemeinen Volkskultur wurde die Volksreligion in diesem Sinne als Summe uralt tradierter Kultelemente interpretiert und von der historisch überformten Hochreligion abgehoben. Es ist bekannt, daß die Volkskunde mit diesem Ansatz in oft fataler Weise der nationalsozialistischen Volkstumsideologie verfallen konnte." 6
Es ist daher wichtig, sich bei dem Begriff »Volkskultur« und später »Volksreligion« deutlich von dem ideologischen Volksbegriff der NS-Zeit, aber auch von jeder irrationalen Schwärmerei abzugrenzen. Was können wir nun darunter verstehen? Bei näherer Betrachtung zeigt sich, daß auch heute den Begriffsteilen »Volk« und »Kultur« unterschiedliche Inhalte zugeschrieben werden. So fragte Karl Gabriel richtig: "Ist »Volk« eine kulturelle, nationale, staatlich-politische oder eine klassen- bzw. schichtspezifische Größe oder von allem etwas?" 7 Ähnliche Unklarheiten ergeben sich beim Kulturbegriff.
2. Ganzheitlicher Kulturbegriff
Für meine Arbeit orientiere ich mich am holistischen Kulturbegriff der Ethnologie. "Kultur wird begriffen als das erworbene und mit anderen geteilte Wissen, das Menschen einer Gruppe dazu dient, ihre Erfahrungen zu interpretieren und ihr gesellschaftliches Verhalten zu bestimmen. Kultur ist der einer Gruppe gemeinsame geistige Horizont, die gemeinsame kognitive Orientierung, die die Mitglieder einer Gruppe sich so verhalten läßt, wie die Gruppe es erwartet. Diese kognitive Orientierung, die erworben und nicht angeboren ist, umfaßt: Sprache, Weltanschauung, Wertvorstellungen, Vorurteile, technische Fertigkeiten, Verhaltensweisen." 8 Kultur erweist sich als etwas dynamisches, veränderliches. In meiner Arbeit werde ich deshalb auf den Einfluß kultureller Veränderungsprozesse (z.B. Technik betreffend) auf das Wallfahrtswesen eingehen.
3. Volkskultur - Begriffsbestimmung
Der Begriff »Volkskultur« setzt besondere Akzente. Der Befreiungstheologe Enrique Dussel definiert den Begriff so: " »Volkskultur« ist eine spezifische Kultur (...) Wenn Volk nicht die Nation in ihrer Gesamtheit ist (das wäre die populistische Bezeichnung, die die nationalen Bourgeoisien einschließt, wie im Nazismus, Faschismus, Peronismus, Cardenismus usw.), dann will das heißen, daß das Volk die unterdrückten Klassen des kapitalistischen Systems (die Bauern und lohnabhängigen Arbeiter) einschließt, aber ebenso Stämme, ethnische Gruppen, arbeitslose Randgruppen und andere unterdrückte soziale Sektoren. (...) Volkskultur unterscheidet sich also von der
6 Schieder, Religionsgeschichte, 294
7 Gabriel, Volksreligion, 202 8 Quack, Ethnologie, 93
transnationalen oder imperialen Kultur, von der nationalen Kultur, von der Kultur der herrschenden Kla sse n un d so gar von der Kul tur der »Mas se« " 9
Ohne die marxistisch geprägte Terminologie dieser Definition übernehmen zu wollen, scheint sie mir doch das Wesentliche auszusagen. Es geht mir bei der Untersuchung von Volkskultur nicht um nationale Kultur, nicht um die Kultur der universitär Gebildeten, sondern um die Alltagskultur der breiten Bevölkerungsschichten. Dies entspricht auch der Vorgehensweise der gegenwärtigen Volkskunde. Ihre Zielgruppe ist "der kleine Mann im Sinne eines demoskopischen Mittels. Nicht mehr Ursprungs- und Ursinnforschung, sondern Beobachtung des kulturellen Wandels, des Austauschs, der Vermittlung als einem prozessualen Geschehen sollen »Volksleben«, genauer die Alltagskultur der einfachen Leute, erkennbar machen." 10 Volkskultur erweist sich gerade bei den sozial niedrig Gestellten als wesentlich von der Volksreligiosität her geprägt 11 , die zu der offiziellen Amtsträger-Theologie oft in einem spannungsreichen Verhältnis steht. Die weitere Untersuchung wird noch zeigen, daß Wallfahrten als "eines der wichtigsten sozialen Massenvorgänge der Religionsgeschichte (...) gleichzeitig im Übergang von institutionalisierter, kirchengebundener Religion zu außerkirchlicher Religiosität" stehen. 12
III Interdependenz von Wallfahrten und Volkskultur
Ausgehend von einem ganzheitlichen Kulturbegriff will ich im folgenden in einigen mir besonders signifikant erscheinenden Schnittpunkten die enge Verflechtung von Wallfahrten und Volkskultur aufzeigen. Dabei werde ich von eher allgemeinen Einsichten ausgehend weiter unter mehr auf Einzelfragen eingehen.
1. Wallfahrten sind kulturgebunden
Wallfahrten sind, wie jede Äußerung religiösen Verhaltens, abhängig vom kulturellen Raum, in dem sie entstehen und stattfinden. Diese, eigentlich selbstverständliche Einsicht, wird besonders da deutlich, wo mehrere kulturelle Traditionen nebeneinander existieren und sich z.T. überschneiden. Bestes Anschauungsgebiet hierfür ist der Kontinent Nordamerika.So hat Guy Laperrière in einem Aufsatz über das Wallfahrtswesen in Québec deutlich gemacht, daß Wallfahrt in Nordamerika als ein »romanisches« Phänomen erscheint, sowohl in der französischsprachigen Provinz Québec/Kanada, als auch in den USA und Mexiko, wo Wallfahrten zumeist spanischen Ursprungs sind. Den von ihm untersuchten kanadisch-französischen Typ von Wallfahrtsorten hat er in den angelsächsisch geprägten Ländern nicht wiederfinden können. 13
9 Dussel, Volksreligiosität, 293
10 Brückner, Volkskunde, 805
11 Allerdings macht sich auch hier die fortschreitende Entkirchlichung bemerkbar. Trotzdem lehnen viele Fachleute inzwischen die Säkularisierungsthese ab; auch wenn eine Entkirchlichung feststellbar ist, findet sich dennoch eine breite außerkirchliche Frömmigkeit, die sich gerade in popularreligiösen Verhaltensweisen äußert. 12 Schieder, Religionsgeschichte, 296 13 Vgl. Laperrière, Pèlerinages, 470f.
2. Wallfahrten in agrarisch geprägten Gebieten
Lange Zeit waren die Bewohner ländlicher Gebiete Hauptträger von Wallfahrten in Europa. Die vielfachen Untersuchungen über die Wallfahrts- und Sozialgeschichte der letzten Jahrhunderte machen deutlich, wie sehr Wallfahrten und bäuerliche Alltagskultur miteinander verbunden waren. 14 Die Gebetsanliegen solcher Wallfahrten zeigen, daß sie eine feste Rolle in allen Krisenpunkten bäuerlichen Lebens hatten: Gute Ernten, Abwehr von Naturgewalten, Bitten um gute Ehepartner, Kinderwünsche etc. Da es im technischen Zeitalter des 20. Jahrhunderts dieses rein ländliche Milieu nicht mehr gibt, werde ich nicht weiter darauf eingehen. Wichtiger scheint mir, welche Bedeutung Wallfahrten für das gesellschaftliche Leben der Dorfgemeinschaften hatten und inwieweit dieser Gemeinschaftsbezug heute noch eine Rolle spielt.
3. Wallfahrten als Garant und stabilisierender Faktor des Gemeinschaftslebens
a, Dorfgemeinschaften
In ländlich geprägten Gebieten waren Wallfahrten zutiefst mit den dörflichen Lebensgemeinschaften verbunden. Teilweise machten ganze Dorfgemeinschaften Wallfahrten, häufig waren aber spezielle Trägerkreise (Bruderschaften von Bauern oder Dorfhandwerkern) gemeinsam unterwegs. Für die ländliche Dorfgemeinschaft boten Wallfahrten "eine der wenigen Gelegenheiten, außerhalb der Grenzen der Pfarrei »die Flagge zu zeigen«, meistens eine Kirchenfahne oder einen anderen geweihten Gegenstand." 15 Häufig kam es bei solchen Gelegenheiten des Sichtbarmachens der eigenen Identität zu Kämpfen von Männern benachbarter Dörfer. Streitigkeiten um Grund und Boden fanden in Schlägereien während der Wallfahrten ihren Niederschlag. Für jede miteinander kommunizierende Gruppe gab es eine Wallfahrt, die für ihre speziellen Nöte sorgte. Gleichzeitig befriedigten Wallfahrten "den Appetit auf öffentliche Spektakel und waren ein Anlaß zu Geselligkeit und Vergnügung." 16 Diese Wallfahrtsfrömmigkeit ging eine für uns eigentümlich erscheinende Koexistenz mit dem Ordinären oder Profanen ein. "So konnte sogar die feierlichste der bretonischen Wallfahrten - für das »Pardon« der Notre-Dame de Bon Secours -, die sich unter dem Gesang von Gebeten durch die Nacht zog und in vollendeter Ordnung und Festlichkeit vonstatten ging, mit einem lauten und wüsten Fest und wilden sexuellen Exzessen enden." 17
Desweiteren soll ein kurzer Blick auf die Bedeutung von Traditionen in diesen ländlichen Wallfahrten des 19. Jahrhunderts gewagt werden. Sie zeigt sich z.B. in der Bedeutung der Marschordnung. "Die Respektierung der Marschordnung und die Einhaltung einer genauen Route waren Demonstrationen der Kontinuität mit der Vergangenheit und des Vertrauens darauf, daß sich die Zukunft in einer wohlbekannten Art enthüllen werde." 18 Wallfahrten dienten also der Selbstdefinition der dörflichen Lebensgemeinschaft.
14 vgl. z.B. Marrus, Pilger
15 ebd., 335 16 ebd.
17 ebd.; für diesen Bereich könnten noch eine Fülle von Beispielen angeführt werden - für den Zusammenhang von Wallfahrten und Sexualität vgl. z.B. Lastra, Spanien, 245; für Alkoholkonsum und Ausschreitungen vgl. z.B. Dohms, Eberhardsklausen, 176ff. 18 Marrus, Pilger, 337
b, Nationale Gemeinschaft
Bei der Entwicklung der menschlichen Gemeinschaftsbildung in nationale Staatsgebilde spielten Wallfahrten stets eine bedeutende Rolle. In den allmählich vom Christentum durchtränkten Lebensräumen in Europa bildeten sich Begegnungsstätten am Grab eines Heiligen heraus, der allmählich in die Stellung eines Nationalheros gehoben wurde, ohne daß heute bis in alle Einzelheiten feststellbar wäre, welche Faktoren für diese Bedeutung des Heiligen entscheidend waren. 19 Als Beispiele seien hier nur der Hl. Martin (Frankenland), der Hl. Jakobus (Spanien) und der Hl. Demetrios (Griechenland) genannt.
Wallfahrten zu den Gedenkstätten dieses Nationalheiligen festigten die nationale Identität und gaben emotionale Hilfe in Krisenzeiten. Als Beispiel sei hier etwas ausführlicher auf die Verehrung des Heiligen Jakobus in Spanien eingegangen, die sich besonders am Wallfahrtsort Santiago de Compostela äußerte. Jahrhundertelang war diese Stadt nach Jerusalem und Rom das wichtigste Pilgerzentrum der Christenheit. Zum einen war die Santiago-Wallfahrt immer eine europäische Wallfahrt, die Pilger aus vielen Ländern unternahmen. Bei meiner Betrachtung unter der Perspektive der Gemeinschaftsstiftung will ich aber besonders die Bedeutung untersuchen, die Santiago für die spanische Nation hatte und immer noch hat. Santiago (Jakob) ist nach der kirchlichen Tradition in dreifacher Hinsicht mit der Geschichte der iberischen Halbinsel verbunden. 20 Er selbst habe durch seine Predigten die Christianisierung Spaniens eingeleitet, sein Grab befände sich in Santiago de Compostela und schließlich verdanke man seiner persönlichen Intervention einen der ersten Siege über die Araber. So zeigt sich, daß sich mit der populärchristlichen Santiago-Verehrung von Anfang an eine politische Idee verband: Die Befreiung des Landes von der arabischen Fremdherrschaft. »Santiago Matamoros«, der Maurentöter, wie der Heilige literarisch und künstlerisch Gestalt gewann, verlieh sowohl der Reconquista, als auch der Konquista in der Neuen Welt "kämpferischen Rückhalt und ideologischen Schwung". 21 Mieck schreibt: "So ist Santiago für das mittelalterliche und frühneuzeitliche Spanien niemals nur ein »frommer Heiliger« gewesen. Vor allem seine kriegerischen Qualitäten erfuhren eine zunehmende Ausweitung und Glorifizierung.(...) Die politische und gesellschaftliche Dimension der Jakobus-Verehrung ist unübersehbar. Kreuzzugsidee und Befreiungskampf, Nationalstaatsgedanke und Weltreichsambitionen sind ohne Santiago nicht zu denken." 22 Wie wichtig die Santiago-Wallfahrten für die nationale Identität waren, zeigt sich, als in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Santiago-Verehrung in eine tiefe Krise geriet. 1614 gab es den ersten Vorstoß, die gerade seliggesprochene Teresa von Avila zur »Patrona de las Españas« zu proklamieren. 23 Lange Zeit gab es darum heftigen Streit, der natürlich auch von wirtschaftlichen Interessen der Santiago-Partei genährt war. Letztlich konnte Teresa den kämpferischen Apostel als nationale Integrationsfigur nicht ersetzen. Interessant ist nun, wie die Volksfrömmigkeit das Problem löste. Der Gegensatz zwischen dem vom Apostel verkörperten kriegerischen Ideal und dem Verlangen nach weiblicher Sanftmut verschmolz allmählich zum Kult der »Virgen von Pilar« von Saragossa. 24 "Überraschenderweise vertrat sie den Heiligen selbst in typischen Santiago-Rollen: Beim Kampf gegen die Franzosen erschien im Jahr 1808 die Jungfrau von Pilar den aragonesischen
19 Vgl. Kötting, Ecclesia, 264
20 Im folgenden Abschnitt stütze ich mich auf Mieck, Kontinuität 21 ebd., 300 22 ebd., 300f. 23 Vgl. ebd., 308f. 24 vgl. ebd., 323
Truppen als Heerführerin." 25 An diesem Beispiel ist zu sehen, daß das Objekt der Verehrung und Wallfahrt wechseln kann, wenn es gewisse Aufgaben nicht erfüllt. Daß die Bedeutung der Santiago-Wallfahrt für die nationale Identität nicht nur im Mittelalter eine Rolle spielte, zeigt der Aufschwung der Wallfahrt, die unter dem Regime Francos begann. Ilja Mieck hat in einem Aufsatz pointiert aufgezeigt, wie das Franco-Regime geschickt den im 19. Jahrhundert brüchig gewordenen Faden der Santiago-Tradition aufnahm, um sich mit seiner Hilfe größere Stabilität und äußeren Glanz für die noch nicht ausreichend legitimierte Herrschaft zu sichern. Durch vielfältige Initiativen gelang es Franco, sowohl den europäischen, als auch den nationalen Gedanken in der Santiago-Wallfahrt wiederzubeleben. Mieck zeigt in einer Analyse der »Invocación« Francos von 1971 auf, wie Santiago Matamoros "zugespitzt formuliert, zum Santiago Matacomunistas" 26 wurde. Die seit der während des Bürgerkriegs einsetzenden Santiago-Renaissance fortwährend steigenden Pilgerzahlen (z.B. 1965 schon über 2 Millionen) sind ein beredtes Beispiel, das die vom Franco-Regime initiierte Wiederbelebung der Wallfahrt äußerst erfolgreich war. Auch aus anderen Ländern lassen sich Beispiele anführen, wie Wallfahrten der Stärkung der nationalen Gemeinschaft dienten. So sei auf die Etablierung der Gottesmutter als »Magna Mater Austriae« in Maria Zell verwiesen, die der dortigen Wallfahrt eine über religiöse Aspekte hinausgehende Bedeutung verlieh: "Maria Zell als Ziel von Wallfahrten im Vielvölkerstaat vereinigter Völker wurde auch zum Symbol des Staates. Die Maria Zeller Gnadenstatue war auch die »Patrona Gentium Slavorum« oder die »Domina Hungarorum« und so ein gerade in der von Nationalitätenzwist geschüttelten, zerfallenden Monarchie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bewußt gepflegtes Integrationssymbol. 27 Nicht zuletzt kann man in diesem Zusammenhang an die große Bedeutung der Wallfahrt zur Jungfrau von Guadeloupe in Mexiko für den ganzen lateinamerikanischen Kontinent erinnern.
c, Der Gemeinschaftsaspekt in der heutigen Wallfahrtsfrömmigkeit
Mit der fortschreitenden Technisierung und den damit entstehenden neuen Verkehrsmöglichkeiten (Auto, Bahn, Flugzeug) änderte sich auch das Wallfahrtsverhalten. Wallfahrten von ganzen Dorfgemeinschaften verschwanden zugunsten großer nationaler und regionaler Wallfahrten, wie z.B. Lourdes, La Salette, später Fatima. 28 Auf den Aspekt der Technisierung werde ich weiter unten noch näher eingehen. Hier soll näher betrachtet werden, daß aus lokalen Phänomenen, die gut in den Rhythmus des Dorflebens eingefügt waren, ein regionales oder nationales Massenphänomen wurde. In dieser Form des Wallfahrens steht nicht mehr die Stabilisierung der eigenen dörflichen Lebensgemeinschaft im Vordergrund vielmehr bieten Wallfahrten angesichts zunehmender Isolierung und Anonymisierung in der technisierten Zivilisation das Eintauchen in eine gleichgesinnte Masse, das Erfahren von religiöser Gemeinschaft. Hier sei nur an die emotionsgeladenen Lichterprozessionen an Marienwallfahrtsorten (Lourdes, Knock) erinnert. Ein anderes Beispiel, das man auf den ersten Blick vielleicht nicht mit dem Thema Wallfahrt verbindet, macht deutlich, wie sehr Wallfahren ein elementares Gemeinschaftsbedürfnis befriedigt und so einen wichtige kulturelle Bedeutung gewinnt. Die Rede soll dabei von den Tausenden von Jugendlichen sein, die nach Taizé fahren. Iso Baumer
25 ebd.
26 ebd., 306 27 Mörth, Österreich, 91 28 Vgl. Marrus, Pilger, 344f.
hat sich damit auseinandergesetzt, ob man diese Besucher als Wallfahrer bezeichnen kann. 29 In Anschluß an seine Überlegungen möchte ich Taizé als eine Form des Wallfahrens bezeichnen. Zwar gibt es dort kein spezielles Kultobjekt, aber die anderen Kriterien, des Verlassens des heimatlichen Lebensraumes, die Erwartung einer besonderen religiösen Erfahrung, das Gemeinschaftselement, die ritualisierten Frömmigkeitsübungen sprechen doch sehr dafür.
Ein weiterer Aspekt sei noch erwähnt. Wenngleich nicht mehr ganze Dorfgemeinschaften gemeinsam wallfahren, so ist doch die Bedeutung der gemeinsamen Wallfahrt für bestimmte Interessengruppen nicht zu unterschätzen. Auch hier dient sie der Stärkung der Identität. Als Beispiel sei hier auf die Wallfahrten von landsmannschaftlichen Minderheiten (z.B. die regelmäßige Telgte-Wallfahrt der Vertriebenen aus der Grafschaft Glatz) verwiesen.
4. Wallfahrten und Massentourismus
Betrachtet man heutige Massenwallfahrten wie Lourdes, Fatima u.a. und ihre Organisation durch Reisebüros, so ist ein touristisches Element unverkennbar. Wallfahrten waren von jeher eine Möglichkeit, den eigenen Kulturraum zu verlassen, zu reisen. Norman Foster bezeichnet in seinem Buch "Die Pilger" 30 die mittelalterlichen Wallfahrten als Vorläufer des heutigen Massentourismus. Tatsächlich gab es schon damals eine umfassende Reise-Organisation, Gruppenwallfahrten, Betreuung durch Führer. Entlang der berühmten Pilgerstraßen nach Santiago de Compostela gab es ein dichtes Netz von Herbergen und Hospizen. Foster schildert in seinem Buch auch den Konkurrenzkampf von Pilgerstätten, die Werbung mit neuen »Entdeckungen« von Reliquien und großzügigen Ablässen. Zwar läßt sich das Phänomen des Wallfahrens mit dem Vergleich mit heutigem Tourismus nicht vollends erfassen, doch zeigt dieser Vergleich, wie sehr Wallfahrten schon immer Teil des Reiseverhaltens der Menschen waren. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß im Bemühen des Franco-Regimes, die Santiago-Wallfahrt neu zu entfachen, gerade dieser Vergleich benutzt wurde, um Kontinuitätsgedanken und Traditionsbewußtsein zu unterstreichen. 31 Versteht man unter Volkskultur gerade die Grundverhaltensweisen der breiten Bevölkerungsschichten, so erweist sich das touristische Element von Wallfahrten als typischer Ausdruck von Volkskultur.
Die aufkommende Technisierung veränderte auch das Wallfahrtsverhalten. Dominierte jahr-hundertelang die Fußwallfahrt, so werden seit dem Aufkommen von Eisenbahn, Auto und Flugzeug Wallfahrten vielfach mit diesen Verkehrsmitteln unternommen. Daß solche Wallfahrten nicht von vorneherein ihren religiösen Gehalt verändern, zeigt z. B. die Tatsache, daß auch in modernen Pilgerreisezügen, "die in ihrer Konstruktion der modischen Form des »Tanzexpreß« gleichen" 32 , die
29 Vgl. Baumer, Handlungsspiel, 35-38
30 Foster, Pilger, 9ff.
31 Vgl. das Vorwort eines Ministers in einem 1971 herausgegebenen Band über Santiago. Der Minister schreibt, das Werk verstehe sich auch "como una invitación a los peregrinos de nuestra epoca que son los turistas." Zit. in: Mieck, Kontinuität, 305 32 Bausinger, Volkskultur, 41
herkömmlichen Wallfahrtsgebete gesprochen werden. Um die Kontinuität zum bisherigen Wallfahren zu erhalten, werden vielfach die letzten Kilometer bis zum Wallfahrtsort zu Fuß zurückgelegt. 33 Trotzdem führten die neuen Verkehrsmöglichkeiten zwangsläufig zu einer Verschiebung der Bedeutung der verschiedenen Elemente des Wallfahrens: Der früher häufig erstwichtige beschwerliche Bittgang zum Wallfahrtsort trat nun in den Hintergrund, wohingegen die religösen Übungen vor Ort an Bedeutung gewannen. 34 Neue Wallfahrtsformen sind ohne die technischen Veränderungen in der heutigen Form nicht denkbar. So sind die neuen Verkehrsmöglichkeiten entscheidender Auslöser, daß Wallfahrtsorte wie Lourdes und Fatima zu Begegnungsstätten von Millionen Menschen werden konnten. Dies läßt sich in jüngerer Zeit am Beispiel des irischen Wallfahrtszentrums Knock aufzeigen. Um die Wallfahrt dorthin zu beleben, wurde eigens ein Flughafen gebaut, inmitten einer wenig besiedelten Gegend.
W. Brückner vertritt die Ansicht, daß die modernen Verkehrsmittel letztlich die Wallfahrten überhaupt nur am Leben erhalten haben. 35
b, Die Renaissance der Fußwallfahrten
In den letzten Jahren ist viel von einer Renaissance des traditionellen Wallfahrens die Rede. Während mit dem Aufkommen der modernen Verkehrsmittel die Fußwallfahrten stark zurückgingen und nur einzelne, "sich zu besonderen Traditionsveranstaltungen verfestigende Relikte (..) wie andere folkloristische Besonderheiten im voranschreitenden 20. Jahrhundert" 36 überlebten, ist seit den 70er Jahren ein "Boom des Wallfahrens zu Fuß in großen Gruppen" 37 zu beobachten, das auch bei den Medien auf großes Interesse stieß.Betrachtet man dieses Phänomen unter dem Gesichtspunkt der Volkskultur, so ist auffällig, daß zur gleichen Zeit das Gesundheits- und Freizeitinteresse sich verstärkt auf Jogging, Wiederentdeckung des Fahrradfahrens, Volksläufe, Massenmarathon u.ä. konzentrierte. Eine Parallelität ist kaum von der Hand zu weisen. 38 Erinnert sei hier nur an die mit großem öffentlichen Interesse verfolgten Wanderungen des damaligen Bundespräsidenten Carstens. Offensichtlich locken an der Fußwallfahrt die "speziellen psychologischen Erlebnisqualitäten im Kontrast zu heutigen Lebensformen". 39 Fußwallfahrten bieten demnach eine wenigstens tageweise religiöse Alternative zum Streß des modernen Alltags.
6. Der Einfluß von Wallfahrten auf Volkskultur
Auch hier kann nur an einigen wenigen Aspekten die Wechselbeziehung von Wallfahrten und Volkskultur aufgezeigt werden. Lange Zeit waren Wallfahrten die einzige Form, in andere Länder und Regionen zu reisen. Durch die mitgebrachten Erfahrungen, Reliquien und Andenken fand ein Kulturaustausch statt. So wurde durch die Übertragung von Festbräuchen die einheimische Liturgie bereichert. Nicht selten wurden Gnadenstätten nachgebaut (Hl. Grab, Lourdesgrotten). 40 Durch die Verehrung der mitgebrachten Andenken und Reliquien entstanden Wallfahrtsfilialen, die manchmal
33 Vgl. z.B. die Wallfahrt nach Clausen: Dohms, Eberhardsklausen, 163
34 ebd. 35 Brückner, Fußwallfahrt, 102 36 ebd., 101 37 ebd., 102 38 vgl. ebd. 39 ebd., 103 40 Vgl. Kötting, Wallfahrt, 945
in ihrer Bedeutung die ursprüngliche Wallfahrt übertrafen (Kevelaer). In der heutigen Zeit mit ihren unbegrenzten Reisemöglichkeiten selbst für einfache Leute ist dieser Einfluß von Wallfahrten auf die jeweilige Volkskultur allerdings kaum noch gegeben. In Ansätzen zeigt sich dies allerdings noch in d er N ach ahm ung der Tai zé- Lit urg ie i n de n He imatg eme ind en d er »T aiz é-W all fah rer «.
7. Elemente von Wallfahrten in der Volkskultur
In den heutigen säkularisierten Gesellschaften Europas ist die Bedeutung von Wallfahrten für die Volkskultur nicht mehr so dominant wie in früheren Jahrhunderten. Bei der Betrachtung heutiger Kulturphänomene sind mir allerdings einige Verhaltensweisen aufgefallen, die denen bei Wallfahrten praktizierten auffällig ähneln und somit zeigen, daß kulturgeprägtes Verhalten Grundelement des Wallfahrtswesens ist.
Der Gemeinschaftsbezug wurde als konstitutives Element des Wallfahrens herausgehoben. Betrachtet man die während der Existenz der Sowjetunion andauernd hohen Besucherzahlen am Lenin-Mausoleum, so sind auffallende Ähnlichkeiten zu christlichen Wallfahrten festzustellen. Auch hier fand ein Verlassen des heimatlichen Lebensraumes und der Besuch eines Kultortes statt. Die gemeinsame Reise zum Leninmausoleum wirkte gemeinschaftsfördernd, die Identität der nationalen Gemeinschaft (und gerade des Vielvölkerstaates Sowjetunion) wurde durch diesen Kult gestärkt. Trotzdem will ich mit B.Kötting 41 verneinen, dies als »Wallfahrt« zu bezeichnen, denn das Gebet als elementarer Bestandteil einer Wallfahrt und die damit erhoffte Transzendenzerfahrung fehlte bei diesen Besuchen.
Ein zweiter Vergleich sei mit den in den 90er Jahren boomenden »Raves« gewagt, großen Musikveranstaltungen, bei denen teilweise Livebands, teilweise Discjockeys elektronische »Technomusik« regelrecht »zelebrieren«. Die amerikanische Trendforscherin Suzi Chauvel berichtete in einem Interview von einer solcher Rave: "Neulich hat mir ein Künstlerfreund beispielweise einen Tip von einer geheimen Rave gegeben. Er verwies mich an einen Skateboard-Shop, der mich wiederum an einen Plattenladen weiterschickte. Dort verriet mir ein DJ einen Treffpunkt, an dem ich um 21.30 Uhr sein mußte. In einer Autokolonne fuhren wir dann zwei Stunden zu einem verlassenen Indianerreservat im US-Bundesstaat Wyoming, wo sich plötzlich eine gigantische Open-Air-Rave auftat: DJs aus den USA und Europa legten brüllend laute Technomusik auf, zu der über 6000 Menschen ekstatisch tanzten." 42 An späterer Stelle berichtete Frau Chauvel noch über das große Interesse von Ravern an Spiritualität und Mysteriösem. Für den Vergleich mit einer Wallfahrt bieten sich mehrere Anknüpfungspunkte: Das Verlassen des heimatlichen Umfeldes, der ritualisierte, geheimnisvolle Vollzug der Reise, das intensive Gemeinschaftserlebnis, das ekstatische Moment. Überhaupt scheint mir der große Zulauf zu Open-Air-Konzerten u.ä. ein Hinweis zu sein, daß dies grundlegende Elemente auch der heutigen Volkskultur sind. Im früheren, ganz von der Religion geprägten Lebensvollzug der Menschen Europas, boten Wallfahrten hierfür die besten Ausdrucksmöglichkeiten. Heute sind sie eine von vielen Möglichkeiten.
8. Spannungen zwischen popularer Frömmigkeit und kirchenamtlicher »Hochtheologie«
In popularer Frömmigkeit kommt oft eine außerkirchliche Religiosität zum Ausdruck, die mit der lehramtlichen »Hochtheologie« in einem spannungsreichen Verhältnis steht. So bezeichnet z.B. W.
41 Kötting, Ecclesia, 269
42 Weöres, Interview, 10f.
Piwowarski den Ritualismus als zentrales Merkmal der polnischen Volksfrömmigkeit. "Unter Ritualismus verstehe ich jene Einstellung der Katholiken, die sich in der Erfüllung verschiedener religiöser Praktiken ausdrückt, ohne ausreichende religiöse Motivationen und ohne Einfluß auf das christliche Leben im Alltag." 43 Ritualisierungen menschlichen Handelns sind in der anthropologischen Struktur sozialen Handelns verankert 44 Sie sind somit wesentlicher Bestandteil kulturellen Verhaltens. Bei Wallfahrten kommt ritualisiertes Verhalten zum Ausdruck, man kann sie als »Massenrituale« bezeichnen. 45 Die dabei auftretenden Praktiken und Bräuche sind häufig von Aberglauben und Magie geprägt, weniger von der dogmatisch einwandfreien Lehre. Man kann durch die ganze Kirchengeschichte hindurch Beispiele finden, wo Theologen und Amtsträger versuchten, die Wallfahrtsfrömmigkeit in theologisch »einwandfreie« Bahnen zu lenken. Besonders unter den Spätaufklärern (z.B. Wessenberg in Süddeutschland) wurde ein erbitterter Kampf gegen die weitverbreitete Wallfahrtspraxis geführt. So hieß es in der von Wessenberg redigierten Monatszeitschrift: "Ich behaupte, daß aus den Wallfahrten, besonders an entfernte Orte, mehr sittlich Böses als Gutes entspringt." 46 An anderer Stelle wird an der Grundlage der Wallfahrten überhaupt gezweifelt: "Ist nun Gottes Güte überall, so kann er an keinem Ort gütiger sein als dem anderen, denn sonst wäre er da, wo er weniger gütig ist, nicht allgütig." 47 Besonders die mit Wallfahrten verbundenen Ausschweifungen und Exzesse waren Theologen in vielen Jahrhunderten ein Dorn im Auge. C. de la Lastra berichtet von einem Fall in Südspanien Anfang der 70er Jahre. Die ritualisierten Formen der Wallfahrt in »Christo del Paño« beinhalteten den öffentlichen Gebrauch der schlimmsten Schimpfworte, Körperverletzungen waren bei der Prozession die Regel. Der Dorfpfarrer, der, um diese Praktiken zu verhindern, das verehrte Christus-Bild einschloß und schließlich zu zerstören suchte, mußte schließlich unter Polizeischutz aus dem Dorf fliehen. 48 Letztlich geht der Kampf der Bewahrer der »reinen Lehre« immer verloren, weil sich in der Wallfahrtsfrömmigkeit anthropologische Grundverhaltensweisen äußern und Wesenselemente der Volkskultur darin zum Ausdruck kommen. Nicht zu vergessen ist die wirtschaftliche Bedeutung von Wallfahrten für die besuchten Regionen.
9. Wallfahrten in von einer anderer Religion geprägten Kulturen
Untersucht man Wallfahrten in einer von einer anderen »Hochreligion« geprägten Kultur, so ist die enge Verflechtung von Wallfahrten und Volkskultur unübersehbar. Für eine weitergehende Darstellung ist der Umfang dieser Arbeit zu begrenzt. Deswegen möchte ich nur kurz auf das Beispiel Indien verweisen. Joy Thomas untersuchte die Beziehung zwischen Mission und popularer Hindukultur. 49 Christliche Wallfahrten in Andhra (das von ihm angeführte Beispiel) sind so sehr von der Volkskultur geprägt, daß auch Hindus daran teilnehmen. Die Amtskirche achtet darauf, daß die
43 Piwowarski, Massenreligiosität, 154; Vgl. auch Piwowarski, Identität, 255: "Die Polen identifizieren sich schon von alters her mehr durch ihr Verhalten als durch die Dogmen mit ihrer Religion.
44 vgl. Gabriel, Ritualisierung, 3ff. 45 ebd., 7
46 "Geistliche Monatszeitschrift mit besonderer Rücksicht auf die Diözese Konstanz", 1802, 1.Bd., S.203; zit. in: Rösch, Wessenbergianismus, 93 47 S.208; zit: ebd.
48 Vgl. die ausführlichere Schilderung bei Lastra, Spanien, 234f. 49 Vgl. hierzu Thomas, Mission, bes. 71ff.
Grundstruktur eines christlichen Festes erhalten bleibt, wie geistliche Vorbereitung durch Beichte, Novenen, Eucharistie, Predigten. 50
Als weiteres Beispiel sei nur kurz die Wallfahrt zur Muttergottes von Guadaloupe in Mexiko erwähnt, wo viele indigene Bräuche aufgenommen wurden. Gerade das macht sie für viele so populär.V.Elizondo schreibt: "Es war die dunkelhäutige Jungfrau von Guadalupe, die dem Mexikanertum zur Geburt verhalf. Durch sie überlebte das Volk und entwickelte sich fort. (...) In scharfem Kontrast zu dem totalen Bruch mit der Vergangenheit, den eine durch Eroberung gekennzeichnete Weise der Evangelisierung eingeleitet hatte, lieferte Guadalupe jenen notwendigen sense of continuity, der aller menschlichen Existenz zugrunde liegt." 51
LEXIKON FÜR THEOLOGIE UND KIRCHE, begr. von Michael Buchberger, 2., völlig
neu bearbeitete Auflage, hsrsg. von Josef Höfer u. Karl Rahner, Bd. 10,
Freiburg 1965 (=LThK)
LEXIKON MISSIONSTHEOLOGISCHER GRUNDBEGRIFFE, hrsg. von Karl Müller und
Theo Sundermeier, Berlin 1987 (=LMG)
NEUES HANDBUCH THEOLOGISCHER GRUNDBEGRIFFE, Erweiterte Neuausgabe,
hrsg. von Peter Eicher, Bd.5, München 1991 (=NHThG)
Die RELIGION IN GESCHICHTE UND GEGENWART: Handwörterbuch für Theologie und
Religionswissenschaft, 3., völlig neu bearbeitete Auflage, hrsg. von Kurt Galling, Bd.6,
Tübingen 1962 (=RGG)
STAATSLEXIKON: Recht, Wirtschaft, Gesellschaft, 7., völlig neu bearbeitete Auflage,
hrsg. von der Görres-Gesells chaft, Bd. 5, Freiburg 1989 (=StL)
WÖRTERBUCH DES CHRISTENTUMS, hrsg. von Volker Drehsen u.a., Gütersloh und
Zürich 1988 (=WbChr)
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BAUSINGER, Hermann, Volkskultur in der technischen Welt,Stuttgart 1961 [Volkskultur]
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50 Vgl. ebd. 73
51 Elizondo, Volksreligion, 267; vgl. auch Dussel, Volksreligiosität.
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Ralf Huning, 2001, Wallfahrtswesen und Volkskultur, München, GRIN Verlag GmbH
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Über Ritual und Gemeinschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
"Kehrt um und lauft nach Santiago" - Der Jakobsweg als Merkm...
Examensarbeit, 161 Seiten
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