„Da hört ich unbekannten Laut von Vögeln, die unheilvoll krächzten und in
wild verworrnem Ton.“, spricht Theresias warnend. (Z. 974-975)
Er ist erschrocken und macht sich Sorgen um die Zukunft Thebens. So sieht er,
dass etwas Ungewöhnliches passiert ist. Das Volk, welches durch die Vögel
dargestellt wird, ist in Aufruhr. (Z. 972-975)
Als Folge Kreons starren Denkens spaltet sich das Volk Thebens in zwei
verfeindete Lager. Es wird sich gegenseitig niedermetzeln. Das Resultat wird ein
mörderischer Krieg sein, der nicht mehr zu verhindern ist (Z.975 - 976); noch
schlimmer - die Götter wenden sich von Theben ab. Sie werden die Opfer der
Thebaner nicht mehr annehmen, denn der Gallensaft macht diese ungenießbar.
(Z.981-982)
Theresias weiß , „dass das Opfer böse Zeichen gab und nichtig war“. Das
Götterrecht wurde von Kreon missachtet. Die Staatsgesetze dürfen nicht gegen
das Götterrecht - gleichzusetzen mit der Moral - verstoßen. Theresias macht
deutlich, dass Theben durch Kreons Starrheit leidet. „Und also leidet unsre Stadt
durch deinen Sinn“. (Z.987)
Er sagt das ohne Umschreibung, Kreon direkt in das Angesicht. Mit dieser
Feststellung trifft er den Kernpunkt der Problematik und greift Kreon
unmittelbar an. Der Seher stellt seine Autorität als Herrscher in Frage. Theresias
weiß, dass durch die Sturheit Kreons die Dynastie akut bedroht ist und ob die
Götter Theben bestehen lassen, scheint ebenfalls fraglich für ihn.
Die Ursache des Missfallens der Götter ist die Entweihung aller „Feuerstätten
und Altäre“ durch „Hund und Vögel“. (Z.989) Diese hatten sich an der Leiche
von Polyneikes, „Ödipus unselig hingesunkenem Sohn“ verköstigt. (Z.990) Als
Wahrsager hält er Kreon diese Tatsache vor, denn zur damaligen Zeit war es ein
schweres Verbrechen, Menschen unbegraben zu lassen. Ihre Seele schweifte
orientierungslos durch die antike Welt, kam nicht zur Ruhe und versetzte die
Menschen in Angst und Schrecken.
Auch Theresias meint, dass der tote Polyneikes nicht mehr der menschlichen
Macht unterliegt. Er gehört nun Hades, dem Gott der Unterwelt. „Den Toten
nochmals töten, welch ein Heldenmut“. (Z.1002)
Für Kreon ist sein Herrscherrecht heilig. Er will nicht als Lügner vor seinem
Volk stehen, indem seine Verbote unbestraft übertreten werden können.
Theresias beweist, dass Götterrecht mehr Gültigkeit besitzt als Herrscherrecht.
Ein Herrscher so wie Kreon ist nur ein Mensch und diese können sich irren
(Z.995-999), was die Textstelle „Denn zu fehlen ist gemeinsam allen
Erdgebornen zwar...“, unterstreicht.
Deshalb muss Polyneikes begraben werden, um seine Seelenruhe finden zu
können. „Gib also nach dem Toten, stich nach Leichen nicht; ...“warnt
Theresias. (Z.1001)
Es ist noch nicht zu spät die Katastrophe abzuwenden. Nach Antigone und
Haimon zeigt nun auch der Seher aus seiner Sicht erneut Kreon seinen Fehler
auf - jeder kann sich irren, muss aber in der Lage sein umzulenken.
Theresias will nur das Beste für Theben und versucht Kreon umzustimmen um
die Tragödie von der Stadt abzuwenden und somit das Gleichgewicht zwischen
Götterrecht und Staatsräson wieder herzustellen.
Theresias kann Kreon in seinem Monolog nicht überzeugen, Antigone für ihre
Tat unbestraft zu lassen. Kreon wirft dem Seher sogar vor, dass er seine Position
ausnutzt ihn zu verraten und nur nach Reichtum strebt. (Z. 1010)
Im Folgendem verhärtet sich das Gespräch. Es kommt zu keinem Ergebnis,
Theresias verlässt wütend den Palast. Der König bleibt erschüttert zurück.
Insgesamt betrachtet bedient sich Theresias in diesem Monolog einer gehobenen
Sprache, die seiner Position gerecht wird.
Durch schon erwähnte Metaphern erreicht der Seher eine hohe Anschaulichkeit
seiner Aussagen. Besonders beeindruckend ist für mich auch die Metapher der
Vögel, die das Volk versinnbildlichen.
Auffällig ist, dass bestimmte Wörter wie zum Beispiel „Opfer“
(Z.977/978/985/991) auch in Zusammensetzungen oder „Toten“ (Z. 1001/1002)
wiederholt werden. Damit verstärkt der Sprecher dieser Worte die
Eindringlichkeit seiner Aussagen. Den mehrmals erwähnten „Toten“ stellt er in
den folgenden Zeilen (Z. 1003/1004) viermal „Gutes“ gegenüber, was die
Kernproblematik des Textes die Toten ruhen zu lassen und Staatsräson nicht
über Götterwillen zu stellen, unterstreicht. Durch seine Sturheit und zu späte
Einsicht steht Kreon am Ende der Tragödie allein und verlassen da.
Sophokles wollte meiner Meinung nach die Menschen zu vernünftigen Handeln
ermahnen. Das macht für mich die eigentliche Größe dieses Werkes aus. Der
antike Dichter hat zu seiner Zeit bereits erkannt, worauf es im menschlichen
Miteinander ankommt. Das ist mir im Dialog zwischen Theresias und Kreon,
aber auch in Kreons Auseinandersetzungen mit Antigone und Haimon bewusst
geworden.
Aber leider ist das von ihm gesteckte Ziel bei weitem noch nicht erreicht.
Kreons politische Fehler sind noch heute unter den Politikern zu beobachten.
Kampf um Macht, Recht und Ansehen sind für einige wichtiger als das Wohl
der Gesellschaft. Als führungsschwach erweist sich der Machtausübende,
welcher in Krisensituationen nicht kompromiss- und verhandlungsbereit ist.
Die Geschichte verdeutlicht, dass Haltungen, die nicht auf Verständigung,
sondern auf Abgrenzung mit dem politischem Gegner zielen, dauerhaft keinen
Erfolg haben können. Einen Beweis dafür ist der Konflikt zwischen Israel und
Palästina.
Der Terroranschlag in New York vom 11.09.01, wo über 6000 Tote zu beklagen
sind, ist ein Verbrechen an der zivilisierten Menschheit. George W. Bush hat
harte Sanktionen und Vergeltungsschläge angekündigt. Im Gegenzug drohen die
Islamisten mit Dschihad, dem heiligen Krieg.
Zu gern möchte ich an die Politiker im Sinne Sophokles appellieren keinen
Krieg zuzulassen. Die Kompromissbereitschaft aller Herrscher, aller Religionen
sollte die Grundlage für eine hoffnungsvolle Zukunft aller Menschen sein.
Arbeit zitieren:
Hans-Christian Heinrich, 2001, Sophokles - Antigone - 1.Theresias - Monolog, München, GRIN Verlag GmbH
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