Über den dichtenden Bürgerschreck Hans Jæger, der einen Sexualroman geschrieben hatte, der prompt verboten wurde, gerät Edvard in den Kreis der Bohème von Oslo, einer Gruppe von Künstlern, Schriftstellern und Studenten, die sich gegen die bürgerliche Gesellschaft und ihre Moral auflehnt und u.a. soziale Gleichheit und sexuelle Freiheit fordert. Der Umgang mit der Christiania-Bohème wird zum entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben und zur Quelle eines inneren Konflikts.
1885 war Munch zu einem kurzen Studienaufenthalt in Paris, von wo er die impressionistische Technik und das Malen mit leuchtenden Farben auf weißem Grund mit in die norwegische Heimat brachte.
Im selben Jahr beginnt er die Arbeit an einem entscheidenden Werk, „Das kranke Kind“: Thema des Bildes ist die Erinnerung an den Tod der Schwester Sophie. Munch: „Es wurde zu einem Durchbruch meiner Kunst- die meisten meiner späteren Werke verdanken diesem Bild ihre Entstehung.“ Er verzichtete auf Raum und plastische Form und stieß zu einer ikonenartigen Kompositionsformel vor. Selbst Künstlerkollegen hatten mit dieser Art der Malerei beträchtliche Schwierigkeiten, als sie das Bild zum erstenmal zu Gesicht bekamen, so der norwegische Naturalist Gustav Wentzel: „Du malst wie ein Schwein, Edvard. So kann man Hände nicht malen. Sie sehen aus wie Vorschlaghämmer." Etwa alle zehn Jahre hat Munch das Bild in Variationen wiederholt, und zwar auf der Suche nach der Gegenwart der Erinnerung- die Wiederholung als Prozess der Klärung und Verarbeitung von Leid. Im Herbst 1889 hatte Munch eine große Einzelausstellung in einem norwegischen Studentenverein, woraufhin der Staat ihm ein Künstlerstipendium für drei aufeinanderfolgende Jahre gewährte. Paris war das natürliche Ziel, wo er für kurze Zeit Schüler von Léon Bonnat war. Die wichtigeren Impulse aber empfing er, indem er sich im künstlerischen Leben der Stadt orientierte. Dort sah er Bilder der Impressionisten, Neoimpressionisten und Symbolisten. Er lernte Toulouse-Lautrec kennen. Er entdeckte die Magie der Linie, bewunderte Gauguins Flächenkunst und die Verwandlung der Farbe in Klänge, aber er amte es nicht nach. Er übertrug die in Frankreich gewonnenen ästhetischen Einsichten in seine eigene nordische Welt des „nächtlich Hellen“. Kurz nachdem Munch in diesem ersten Herbst nach Frankreich gekommen war, erreichte ihn die Nachricht vom Tod seines Vaters. Die Einsamkeit und die Melancholie in seinem Bild „Nacht in Saint-Cloud“ werden oft vor diesem Hintergrund gesehen. Das kleine Bild markiert eine Wende in Munchs Werk. Das dunkle Interieur mit der einsamen Gestalt am Fenster ist völlig von Blautönen beherrscht. Der Blick aus dem düsteren Innern auf das Leben draußen ist die Metapher für das künftige Vorhaben: von den Erinnerungen und den Spiegelungen der Realität im Innern auszugehen statt von der Realität. Munch: „Für mich ist das Leben wie ein Fenster in einer Zelle- nie komme ich in das verheißene Land.“ 1892 lädt ihn der Verein Berliner Künstler ein, um seine Bilder auf einer Ausstellung zu zeigen. Schon kurz nach der Vernissage bricht ein Sturm der Entrüstung los. Das Publikum und die älteren Maler betrachten Munchs Bilder als Hohn für die Kunst, als Schweinerei und Gemeinheit, als anarchistische Provokation. Die Ausstellung wird im Protest geschlossen. Doch dadurch hatte Munch sich einen Namen in Berlin gemacht und entschloss sich somit zum Bleiben.
Er kam in einen Kreis von Literaten, Künstlern und Intellektuellen. Zu dem Kreis gehörten u.a. der schwedische Dramatiker August Strindberg und der polnische Dichter Stanislaw Przybyszewski. Hier diskutierte man Nietzsches Philosophie sowie Okkultismus, Psychologie und die dunklen Seiten der Sexualität.
1896 verlässt Edvard Munch Berlin und lässt sich in Paris nieder. Hier widmet er graphischen Mitteln immer mehr Aufmerksamkeit auf Kosten der Malerei. Schon in Berlin hatte er mit Radierung und Lithographie begonnen. In Paris entstehen jetzt erste Farblithographien und Holzschnitte. Für seine Holzschnitte verwandte er nicht mehr, wie bis dahin üblich, das quer zum Baumstamm geschnittene Hirnholz, sondern ein längs geschnittenes Holz, und zwar von Baumarten, die eine starke Maserung besitzen, wie etwa die Nadelhölzer, die für den Holzschnitt als ungeeignet galten. Aber Munch nutzte das Strukturmuster der Maserung beim Druck.
Ein markantes Beispiel dafür ist die Holzschnittfassung des Motivs „Der Kuss“: Über die Gestalten der beiden in eine blockhafte Form verschmolzenen Liebenden ist ein weiterer Stock gedruckt, dessen strukturelle Intensität allein auf der Wirkung der Maserung beruht. Munch entwickelte die Technik des Farbholzschnittes weiter und wirkte dadurch anregend auf das grafische Schaffen des deutschen Expressionismus. Dank seiner souveränen Beherrschung der Mittel und seiner großen künstlerischen Originalität genießt Munch in unserer Zeit den Ruf eines Klassikers der Graphik.
1902 stellt er die 22 Gemälde des „Lebensfrieses“, woran er 1893 zu arbeiten begonnen hatte, in der „Berliner Secession“ aus- „ein Gedicht über das Leben, die Liebe, den Tod“. „Er ist als Reihe zusammengehörender Bilder gedacht, die gesamthaft ein Bild des Lebens geben sollen... das vielfältige Leben mit seinen Sorgen und Freuden.“ Darin verarbeitet er Themen wie Angst, Melancholie und Eifersucht. Es geht ihm um Gleichnisse des Lebens. Bekannte Bilder sind beispielsweise „Der Kuss“, „Die Madonna“, „Der Tanz des Lebens“ und sein wohl berühmtestes Gemälde „Der Schrei“: „... eine einzige Arabeske, ein Ornament aus Schallwellen, das aus dem gebrechlichen Schalltrichter eines verborgenen schmalen Leibes bricht, die ganze Landschaft in die kreischende Arabeske biegt, die Diagonalen einer Straße herbeistürzen macht und den Eindruck gibt, als schreie die Landschaft selbst.“ Munch visualisiert in dem Bild „Angst“. „... alle natürlichen Gegebenheiten sind auf ein Minimum reduziert: See, Berge, Küste und Landungssteg... Das Gesicht des kreischenden Geschöpfswir vermögen nicht einmal sein Geschlecht zu erkennen- ist nur soweit bestimmt, wie es der intensive Ausdruck erfordert. Der Schrei formt dieses Gesicht.“ (N. Pevsner). Der Rhythmus der langen, welligen Linien scheint das Echo in jede Ecke des Bildes zu tragen; aus Himmel und Erde schallt die Angst zurück. Mit dem geschlechtslosen Wesen, dessen ganzer Ausdruck sich in der Schrei-Gebärde zusammenzieht, in einer blutroten Landschaft mit rapidem Weg in die Tiefe, der eine Todesmetapher ist, hat Munch wie kein anderer Künstler seiner Zeit dem Schmerz und der Angst in der Welt Ausdruck gegeben.
Der künstlerische Erfolg war von Konflikten auf persönlicher Ebene begleitet. Der Alkohol war zum Problem geworden und 1908 erlitt er einen lebensbedrohenden psychischen Zusammenbruch. Er selbst sieht eine Situation, die sechs Jahre zurückliegt, als Auslöser. Damals eskalierte ein Streit mit seiner damaligen Freundin Tulla Larsen und endete mit einer Revolverszene, bei der Munchs linke Hand angeschossen wurde- ein Erlebnis, das Munch im Innersten trifft und ihm eine seelische Verletzung zufügt, die nicht mehr heilt und ihn für die Ehe untauglich macht. Die Untreue, die er erfuhr, lässt ihm, dem hochgewachsenen Mann mit dem eindrucksvollen Kopf, dessen Erscheinung die Frauen faszinierte, das Weib als blutsaugenden Vampir, die Liebe als tödliches Verhängnis erscheinen. In Norwegen erkannte man endlich seine künstlerische Leistung, und während er sich in der Klinik befand, wurde ihm der norwegische St. Olav-Orden verliehen. Es lässt sich nicht leugnen, dass Munchs künstlerische Eigenart, dass das, was ihm den Rang eines Wegbereiters der modernen Malerei verleiht, mit seinem persönlichen Schicksal eng
verknüpft ist. Um das zu erkennen, braucht man nur die Werke der Frühzeit bis zum Jahre 1908 mit den Bildern zu vergleichen, die er später malte, nachdem ihn der dänische Arzt Dr. Danil Jacobson in einer Kopenhagener Nervenklinik- nach seinem lebensbedrohenden Zusammenbruch- von seinen Wahnideen befreit hatte. Da gab es mit einem Schlage keine von panischer Angst getriebenen Menschen mehr, keine kranken Kinder, keine Toten und Sterbenden, keine sturmgepeitschten, dämonischen Landschaften: Munch malte nun Bilder des einfachen Lebens, Bauern, Fischer, Arbeiter, Pferde und friedliche Gegenden. Munch war gesund geworden, er war geheilt und lebensfähig, aber die neugewonnene Kraft bedeutete auch einen Verlust an halluzinativer Hellsicht und nervöser Empfindsamkeit, doch er blieb bis ans Ende seiner Tage ein Maler von bedeutender Ausdruckskraft. Noch im hohen Alter entstanden so eindrucksvolle Werke wie das Selbstbildnis des hoch aufgeschossenen, ausgezehrten Greises, dessen Gesicht schon jenseits des Grabes zu sein scheint und der mit eingeknickten Beinen und ohnmächtig herabhängenden Armen neben der Standuhr steht, die ihm anzeigt, was die Stunde geschlagen hat.
Von 1909 bis zu seinem Lebensende lebt Munch in Norwegen. Dort stürzt er sich mit Eifer in den Wettbewerb um die Ausschmückung der Aula der Osloer Universität. Nach langwierigen Auseinandersetzungen wird Munch schließlich angenommen und 1916 wird sein Werk an Ort und Stelle montiert.
1912 erhält Munch als einziger lebender Künstler neben Pablo Picasso einen Ehrensaal in der Sonderbundausstellung in Köln.
1916 zieht sich Munch auf seinen Hof Ekely bei Oslo zurück. Dort lebt er in zunehmend selbstgewählter Isolation, spartanisch, nur von seinen Bildern umgeben. 1930 erkrankt er an einer Augenkrankheit, die ihn teilweise erblinden lässt und ihn für mehrere Jahre arbeitsunfähig macht.
1937 beschlagnahmen die Nationalsozialisten 82 seiner Werke als „entartete Kunst“. Als Edvard Munch am 23. Januar 1944 in Ekely stirbt, vermacht er der Stadt Oslo 1008 Gemälde, 15391 Drucke und 4443 Grafiken.
Das 1963 feierlich eröffnete Munch-Museum hat folglich heute eine einzigartige Sammlung von Munchs Kunst, die sämtliche Phasen des künstlerischen Schaffensprozesses beleuchtet.
Arbeit zitieren:
Jana Trenkel, 2001, Edvard Munch, München, GRIN Verlag GmbH
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