Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Sozialer Hintergrund der Banden 4
2.1. Vaganten 4
3. Grundlagen der Bandenkriminalität 6
3.1. Organisationsstrukturen 7
3.2. Vorgehensweise 8
3.3. Kommunikation 9
4. Besondere Gruppen im Milieu der Diebe und Räuber 10
4.1. Frauen 10
4.2. Juden 11
4.3. Zigeuner 12
5. Selbstverständnis der Diebe und Räuber 12
6. Fazit 14
Literaturverzeichnis 15
2
1. Einleitung
Die Frühe Neuzeit wird in der Literatur häufig als Zeitalter der großen Diebes- und Räuberbanden bezeichnet. Dieses legt nahe, daß diese Form organisierter Kriminalität in der damaligen Zeit eine wesentliche Rolle spielte. Darum wird sich der vorliegende Text mit diesem Thema beschäftigen. Dabei soll die soziale Herkunft der Diebe und Räuber, ihre Motivation krimi- nell zu werden und zu handeln und die Verbindungen zwischen Armut und Kriminalität untersucht werden. Außerdem sollen Vorgehensweise und Orga- nisationsstruktur der Banden sowohl allgemein als auch anhand von Beispie- len aufgezeigt und Verbindungen zu etablierten sowie ausgegrenzten Ge- sellschaftsschichten dargelegt werden. Ein weiterer Gesichtspunkt in diesem Zusammenhang ist die Untersuchung der Situationen besonderer Gruppen wie z. B. Frauen, Juden oder Zigeuner. Zusätzlich soll versucht werden, den Bereich der Diebes- und Räuberbanden in den Gesamtkomplex Kriminalität einzuordnen, um so die Möglichkeit des Vergleichs mit anderen Kriminalitäts- formen zu schaffen.
Ein wichtiger Punkt innerhalb des Themenkomplexes ist die Betrachtung der Selbstwahrnehmung von Dieben und Räubern und ihrer Taten, sowie die Bewertung ihres gesellschaftlichen Umfeldes allgemein. Hierbei ist beson- ders interessant, inwieweit man das soziale Milieu der Diebes- und Räuber- banden als bewußte Gegengesellschaft zur damals bestehenden Gesell- schaftsordnung interpretieren kann. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang ein möglicherweise bestehendes Gemeinschaftsgefühl oder das Vorhandensein von Solidarität innerhalb der ausgegrenzten Gesellschaftsschichten. Ebenso von Interesse ist ein eventuell existierendes Selbstverständnis der Diebe und Räuber als Rebellen, die mit dem Mittel der Kriminalität einen sozialen Protest ausüben.
3
2. Sozialer Hintergrund der Banden
Die Frühe Neuzeit war von großer Armut und sozialem Elend geprägt. Krie- ge, Mißernten und steigende Bevölkerungszahlen führten zu großen Hun- gersnöten. Zusätzlich verwehrte die ständische Gesellschaft vielen Bevölke- rungsgruppen die Aufnahme, so daß es zur Konstituierung einer Art „stan-
deslosen Standes“ kam. 1 Da Diebstahl und Raub oft die einzigen Möglichkei-
ten waren zu überleben, war Kriminalität unmittelbarer Ausdruck der großen Armut unter der diese Bevölkerungsschichten litten. Dieses wird schon daran deutlich, daß ein direkter Zusammenhang zwischen dem Niveau der Rog-
genpreise und den Diebstahlszahlen nachzuweisen ist. 2
Aus der standeslosen Schicht rekrutierte sich ein Großteil der Kriminellen. So kamen nur 16 % der berufsmäßigen Diebe und Räuber aus vollintegrierten Gesellschaftsschichten. Besonders Menschen, die in ihrer Generation einen sozialen Abstieg erfahren hatten, schlossen sich häufig Diebes- oder Räu- berbanden an. Ein anderes wichtiges Rekrutierungsfeld waren Soldaten und Deserteure, die oft aus Mangel an anderen Perspektiven, ohne Umweg über das Vagantentum, den Weg in die Kriminalität nahmen.
Bei professionellen Banden lag das durchschnittliche Alter der Mitglieder überraschen hoch bei 35 Jahren, wobei kein Mitglied jünger als 20 Jahre war, da Jugendliche als zu ängstlich und unerfahren bewertet und darum für
Beutezüge nicht rekrutiert wurden. 3
2.1. Vaganten
Das Hauptreservoir der Diebes- und Räuberbanden bildete die Schicht der Vaganten. Diese waren aus der Agrargesellschaft der damaligen Zeit schon allein dadurch ausgegrenzt, daß sie keinen Grund und Boden besaßen und ihnen so die bei der Masse der Bevölkerung übliche Erwerbsgrundlage fehl-
1 H. Siebenmorgen (Hrsg.), Schurke oder Held?, Historische Räuber und Räuberbanden,
Sigmaringen, 1995, S. 33.
2 H. Boehncke, u.a. (Hrsg.), Die deutschen Räuberbanden, Band 1, Die großen Räuber,
Frankfurt a. M., 1991, S. 16.
3 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, Ein Beitrag zur Geschichte von Herr-
schaft und Kriminalität in der Frühen Neuzeit, Frankfurt a. M., 1988, S. 242ff.
4
te. 4 Die Gründe für das Absinken in die Vagantenschicht waren vielfältig. In der Frühen Neuzeit gab es eine ganze Reihe von religiösen Vertreibungen und Kriegen, die Ströme von Soldaten, Deserteuren und Vertriebenen her- vorbrachten. Viele wurden auch durch Arbeitsuche in anderen Regionen,
Teilmobilität oder das Ausweichen in Wanderberufe zu Vaganten. 5 Ein Ab- sinken in die Vagantenschicht war äußerst leicht, während eine Wiederein- gliederung in die seßhafte Gesellschaft, auch wenn sie eigentlich geplant
gewesen war, nur in den seltensten Fällen glückte. 6 Die Vagantenschicht bestand zum Großteil aus Mitgliedern unterbäuerlicher Schichten und städtischen Armen, sowie vor allem den Kindern der beiden Gruppen. Zusätzlich machten bestimmte Berufe Mobilität notwendig, wie z. B. Korbmacher, Krämer, Scherenschleifer, Besenbinder, etc.. Hinzu kamen wandernde Handwerksburschen, Tagelöhner, sowie ein Teil der unehrlichen Leute. Zu diesen gehörten ganze Berufsgruppen, wie z. B. Abdecker, Scharf- richter, Amtsdiener, Zöllner, Chirurgen, Schäfer, Gerber, Töpfer, Müller, Köh- ler und Schausteller, aber auch unehelich geborene Kinder, Prostituierte und Bettler. Diesen Gruppen war mit der Aufnahme in Zünfte meistens auch eine gesicherte Lebensgrundlage verwehrt, so daß sie häufig in die Vaganten-
schicht abrutschten. 7 Die Zahl der Vaganten schwanke sehr stark und stieg in Notzeiten oft deut- lich an. Insgesamt machten sie einen recht beträchtlichen Anteil von ca. 3-15 % der Gesamtbevölkerung aus. Fast alle Vaganten lebten im Bereich zwi- schen krimineller und ehrlicher Armut. Zwischen ihnen und den Diebes- und Räuberbanden bestanden häufig Kontakte und Wechselbeziehungen. So waren viele Vaganten teilweise, wenn auch nur im Bereich des Mundraubs oder Gelegenheitsdiebstahls kriminell, während viele Diebe und Räuber
zeitweise auch versuchten ihr Überleben legal zu sichern. Hinzu kam, daß Vaganten häufig von staatlicher Seite aus kriminalisiert und wie Kriminelle verfolgt wurden, da sie unerwünscht waren und man in ihnen Baldowerer von Diebes-
4 H. Siebenmorgen (Hrsg.), Schurke oder Held?, a.a.O., S. 33f.
5 W. von Hippel, Armut, Unterschichten, Randgruppen in der Frühen Neuzeit, München,
1995, S. 33ff.
6 E. Schubert, Arme Leute, Bettler und Gauner im Franken des 18. Jahrhunderts, Neustadt
a. d. Aisch, 1983, S. 107ff.
5
und Räuberbanden vermutete, was auch in manchen Fällen zutraf. All das rückte die Schicht der Vaganten so nahe an die Diebes- und Räuberbanden,
daß klare Unterscheidungen oft nicht möglich waren. 8
3. Grundlagen der Bandenkriminalität
Das heute allgemein gängige, romantisierte Bild von Diebes- und Räuber- banden ist stark von der Literatur bestimmt, entspricht aber in vielen Teilen nicht der damaligen Realität. So lebten Diebe und Räuber selten längere Zeit in Wäldern, sondern benutzten diese nur als kurzzeitiges Versteck vor Ver- folgung. Grundsätzlich waren Diebstahl und Raub eher städtische als ländli-
che Phänomene, da über 50 % der Delikte in Städten begangen wurden. 9
Der größte Teil aller Straftaten entfiel auf Klein- und Kleinstkriminalität bis hin zu Hühnerdiebstählen und Mundraub. Dieses lag teilweise auch an der gro- ßen Armut weiter Bereiche der seßhaften Bevölkerung, wo außer Nah- rungsmitteln oder Kleidung nicht viel zu holen war.
Auch andere Klischeebilder entpuppen sich als falsch. So waren Diebe und Räuber häufig schlecht ausgerüstet und besaßen weder Pferde noch Waf- fen. Ebenso waren gutaussehende Kriminelle eher die Ausnahme, da viele
von Krankheiten entstellt waren. 10 Die Religiosität der christlichen Banden
wird in der Literatur unterschiedlich bewertet. Während grundsätzlich davon ausgegangen wird, daß christlicher Glaube und religiöse Werte kaum eine
Rolle spielten, 11 scheinen doch viele den letztendlichen Bruch mit der Religi- on gescheut zu haben. 12
Gegen Ende der Frühen Neuzeit wurde sowohl die Situation der Vaganten, als auch die der Diebes- und Räuberbanden immer schwieriger, da Vagan- tentum immer stärker kriminalisiert wurde. Außerdem wurden Bettel- und Landstreichereiverbote erlassen, welche die Zahl der Vaganten deutlich re- duzierten und den Diebes- und Räuberbanden so ihr soziales Milieu entzo-
7 C. Küther, Räuber und Gauner in Deutschland, Das organisierte Bandenwesen im 18. und
frühen 19. Jahrhundert, Göttingen, 1976, S. 15ff.
8 H. Siebenmorgen (Hrsg.), Schurke oder Held?, a.a.O., S. 30ff.
9 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 227ff.
10 E. Schubert, Arme Leute, Bettler und Gauner, a.a.O., S. 255ff.
11 H. Boehncke, u.a. (Hrsg.), Die deutschen Räuberbanden, a.a.O., S. 18.
6
gen. 13 Mit dem entstehen von Nationalstaaten Anfang des 19. Jahrhunderts und dem damit einhergehenden Aufbau effektiverer Verwaltungs- und Ver-
folgungsapparate wurde es dann für die Banden fast unmöglich zu agieren. 14
3.1. Organisationsstrukturen
Jene Menschen, die am Rande oder ganz außerhalb der ständischen Ge-
sellschaft existierten, bildeten eine Art Subkultur, die als Nährboden und
Keimzelle für Diebes- und Räuberbanden fungierte. Sie lieferte dem Dieb
oder Räuber auch außerhalb seiner Heimatregion jene Informationen, Kon-
takte, Komplizen, Unterkünfte und Hehler, die er benötigte. Innerhalb dieser
Gemeinschaft herrschte eine gewisse Art von Zusammengehörigkeitsgefühl,
welches sich durch eine eigene Sprache, eigene Bräuche und die gemein-
same Mißachtung gesellschaftlicher Normen noch verstärkte. Diese Solidari-
tät, die vor allem gegenüber etablierter Gesellschaft und Obrigkeit bestand,
stieß aber bei Streitereien um Beute und gegenseitigen Übervorteilungen
schnell an ihre Grenzen. 15 Die Existenz in der Illegalität und die daraus resultierende Geheimhaltung
prägte die Organisationsstrukturen von Diebes- und Räuberbanden. So wur-
den lockere Zusammenschlüsse bevorzugt, da diese die Gefahr von Verrat
senkten und unauffälliger als große, feststehende Banden waren. 16 Es exis- tierten, von einigen Ausnahmen abgesehen, keine zunftähnlichen Strukturen
mit festen Mitgliedschaften und Aufnahmezeremonien, sondern vielmehr
fließende Grenzen zur Vagantenschicht.
Diebes- und Räuberbanden bestanden durchschnittlich aus fünf Mitgliedern,
wobei die Anzahl je nach Schwere des Delikts zwischen zwei und zwölf
Personen variierte. Allerdings achteten die Diebe und Räuber darauf, nicht
zu viele Personen miteinzubeziehen, da dadurch die Beuteanteile zu gering
geworden wären. Die Kleingruppen hatten im Normalfall keinen ständigen
Führer oder Hauptmann, da sie oft nur kurzzeitig bestanden, eine rege
Mitgliederfluktuation besaßen und die Führerschaft vor jedem Delikt nach 12 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 274.
13 H. Siebenmorgen (Hrsg.), Schurke oder Held?, a.a.O., S. 32f.
14 W. von Hippel, Armut, Unterschichten, Randgruppen, a.a.O., S. 36.
15 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 307ff.
16 C. Küther, Räuber und Gauner in Deutschland, a.a.O., S. 147f.
7
derfluktuation besaßen und die Führerschaft vor jedem Delikt nach Funktio-
nalitätskriterien neu vergeben wurde. 17
3.2. Vorgehensweise
Während eines Diebstahls oder Überfalls kam es häufig zu einer starreren, militärischeren Einteilung der Bande. Sie wurde dann von einem für dieses
Delikt ausgewählten Chef geführt, dem diejenige Person, die das Objekt
ausbaldowert hatte, zur Seite stand. In der Hierarchie folgten danach die er-
fahrenen Diebe oder Räuber und am Schluß die nur für diese eine Tat an-
geworbenen, jüngeren Personen, die häufig aus der direkten räumlichen
Umgebung des Tatortes stammten. 18 Die Raubüberfälle liefen häufig nach einem analogen Schema ab. Zuerst
wurde das Objekt, oft schon lange Zeit vor dem Überfall, ausbaldowert und
danach ein Termin für den nächtlichen Überfall festgelegt, wobei Sommer- nächte, Vollmondnächte und Zeiten in denen Schnee lag gemieden wurden.
Nachdem die Mitglieder einzeln oder zu zweit angereist waren, traf sich die
Bande unmittelbar vor dem Überfall in einem vorher vereinbarten Versteck. Danach wurde der Tatort von einigen Bandenmitgliedern noch einmal begut-
achtet und gegebenenfalls die Kirchenglocke unbrauchbar gemacht, um ein
Sturmläuten zu verhindern. Anschließend schwärzte sich die Bande ihre Ge-
sichter, um nicht erkannt zu werden und die Angst ihrer Opfer zu vergrößern,
und marschierte geschlossen an den Tatort. Hierbei wurde in Kriegszeiten
häufig versucht, den Eindruck marodierender Soldaten zu erwecken. Dann
wurden Wachen vor dem Haus postiert, die Tür gewaltsam aufgebrochen,
das Haus durchsucht und den Bewohnern Fesseln und Augenbinden ange-
legt. Nun wurden sie, notfalls auch durch Gewaltanwendung, zur Preisgabe
von Geldverstecken gezwungen, wobei innerhalb der Bande ausschließlich
Rotwelsch gesprochen wurde. Danach wurde die Beute eingepackt, die Ban-
de durchgezählt und eventuelle Verwundete mitgenommen, um keine poten-
tiellen Zeugen zu hinterlassen. Dann wurde mehrere Stunden marschiert und
17 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 220ff.
18 H. Boehncke, u.a. (Hrsg.), Die deutschen Räuberbanden, a.a.O., S. 17.
8
die Beute in einem Versteck aufgeteilt. Anschließend trennte sich die Bande wieder. 19 Die Opfer solcher Delikte waren meist Angehörige der Oberschicht, wobei
aber eher Einbrüche als Raubüberfälle die Regel waren. Gewalt war die
Ausnahme und wurde bei nur 11 % der Delikte eingesetzt. Außerdem wurde
häufig in Kirchen eingebrochen, da dort niemand wohnte, aber trotzdem viel
Beute zu erwarten war. Als Beute wurden neben Geld, Gold, Silber,
Schmuck, Stoffe und Kleidung bevorzugt, da dieses sich im Gegensatz zu anderen Handelswaren relativ leicht in Geld umwandeln ließ. 20 Trotzdem er- langten nur die wenigsten Diebe und Räuber einen gewissen Reichtum. Für die meisten reichte ihre Beute nur zum Überleben aus. 21 Diebes- und Räuberbanden agierten mit Vorliebe in territorial stark zerstü- ckelten Regionen, 22 da Grenzen für sie kaum ein Hindernis darstellten, wo- hingegen Verfolgungen durch die Obrigkeit aufgrund des Fehlens zwischen-
staatlicher Vereinbarungen meistens an Grenzen endeten. Zusätzlich ver-
mieden sie es, Taten in der Nähe ihres eventuell vorhandenen Wohnsitzes zu begehen, um keinen Verdacht auf sich zu lenken. 23
3.3. Kommunikation
Die Subkultur der Vaganten, Diebe und Räuber ordnete Menschen im Nor-
malfall in die Kategorien Kochemer (Wissende) und Wittische (Dummköpfe)
ein. Wittische waren die uneingeweihten Mitglieder der ständischen Gesell-
schaft, während Kochemer jene Personen waren, die um die Zusammen-
hänge in der Subkultur wußten, was die Kenntnis bestimmter geheimer
Kommunikationsformen wie Rotwelsch oder Gaunerzinken einschloß. Diese
dienten zur Abgrenzung gegenüber der etablierten Gesellschaft, als Schutz
vor Verfolgungen durch die Obrigkeit, als Erkennungsmerkmal und um das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Subkultur zu stärken. 24
19 C. Küther, Räuber und Gauner in Deutschland, a.a.O., S. 34ff.
20 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 208ff.
21 E. Schubert, Arme Leute, Bettler und Gauner, a.a.O., S. 256f.
22 W. von Hippel, Armut, Unterschichten, Randgruppen, a.a.O., S. 35.
23 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 236ff.
24 H. Siebenmorgen (Hrsg.), Schurke oder Held?, a.a.O., S. 39.
9
Das bedeutendste Element dieser geheimen Kommunikation war das Rot-
welsch. Eine Art Sprache, die seit ca. 1250 nachweisbar ist und je nach loka-
lem Dialekt aus 150 bis 250 Wörtern bestand. Es handelte sich jedoch um
keine echte Sprache, da es nur einen sehr begrenzten Wortschatz und keine
eigene Grammatik besaß. 25 Die Wörter des Rotwelschen kamen zu 50 % aus dem Deutschen, zu 20 % aus dem Hebräischen, zu je 7 % aus dem Nie-
derländischen und Lateinischen und zu geringen Anteilen aus dem Französi-
schen und Spanischen. 26
4. Besondere Gruppen im Milieu der Diebe und Räuber
Der folgende Abschnitt wird sich mit besonderen Gruppen, die im Milieu der
Diebes- und Räuberbanden existierten, beschäftigen. Es soll dabei auf die
Rolle von Frauen und die besonderen Situationen von Juden und Zigeunern
innerhalb der Subkultur eingegangen werden.
4.1. Frauen
Innerhalb der Subkultur von Diebes- und Räuberbanden nahmen Frauen die
unterschiedlichsten Rollen ein. So waren sie teilweise, ebenso wie in der e-
tablierten Gesellschaft, unterdrückt, teilweise jedoch auch gleichberechtigt.
Diese Gleichberechtigung, die Möglichkeit zum Ausbruch aus ihrer erwarte-
ten Rolle und zur freien Partnerwahl bestand für Frauen fast nur in diesem
Milieu, da dort keine so strengen Rollenerwartungen an sie gestellt wurden. 27 Der Frauenanteil lag sowohl in der Vagantenschicht als auch im direkt krimi-
nellen Milieu bei ca. 50 %, wobei es sich meistens um Frauen mittleren Alters
zwischen 30 und 50 Jahren handelte. Typische Frauendelikte waren Markt-
und Taschendiebstahl, da die Durchführung beider Delikte durch Frauenklei-
dung erleichtert wurde. An Gewaltdelikten direkt waren Frauen eher selten
25 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 327.
26 H. Siebenmorgen (Hrsg.), Schurke oder Held?, a.a.O., S. 40f.
27 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 272ff.
10
beteiligt, sondern eher an deren Vor- und Nachbereitung. Vor allem Baldo-
wern, Abtransport und Verkauf der Beute wurden häufig von ihnen über- nommen. 28
4.2. Juden
Juden standen in der Frühen Neuzeit unter einem großen sozialen Druck.
Sie durften kein Land besitzen und Zünften nicht beitreten. Diese soziale
Ausgrenzung erschwerte, zusammen mit einer starken jüdischen Zuwande-
rung aus Osteuropa, die wirtschaftliche und soziale Lage der meisten Juden soweit, daß ca. 90 % von ihnen in Armut lebten. 29 Hinzu kam, daß Juden häufig Opfer von Diebes- und Räuberbanden wurden, da diese durch den
verbreiteten Antisemitismus kaum Verfolgungen fürchten mußten, wenn sie Delikte an Juden begingen. 30 Diese gesamtgesellschaftliche Diskriminierung schuf zwischen kriminellen
und ehrlichen Juden eine Solidarität, die durch die starke Religiosität der jü-
dischen Diebes- und Räuberbanden, deren feste Einbindung in die Gemein-
den und strenge Befolgung der religiösen Regeln wie z. B. dem Sabbat noch verstärkt wurde. 31 Weitere Unterschiede zu überwiegend christlichen Banden bestanden in einem äußerst geringen Frauenanteil, einem hohen Anteil von
seßhaften Bandenmitgliedern und einem größeren Maß an Professionalität, was sich auch in einem höheren Durchschnittsalter widerspiegelte. 32
4.3. Zigeuner
Eine ebenfalls aus der Gesellschaft ausgegrenzte Gruppe waren die Zigeu- ner, die seit dem Reichstag von 1498 33 oder 1500 im gesamten Reich als
28 H. Siebenmorgen (Hrsg.), Schurke oder Held?, a.a.O., S. 143ff.
29 W. von Hippel, Armut, Unterschichten, Randgruppen, a.a.O., S. 11.
30 C. Küther, Räuber und Gauner in Deutschland, a.a.O., S. 27.
31 E. Schubert, Arme Leute, Bettler und Gauner, a.a.O., S. 177.
32 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 248ff.
33 W. von Hippel, Armut, Unterschichten, Randgruppen, a.a.O., S. 11.
11
vogelfrei galten. 34 Anfänglich hatten sie eher wenig Kontakt zu anderen Va- ganten und unterschieden sich von diesen vor allem durch ihr Auftreten in
wesentlich größeren Gruppen. Kriminell waren sie hauptsächlich im Bereich
der Kleinkriminalität, des Trickbetrugs und Mundraubs, wobei vor allem Zi- geunerinnen eine Rolle spielten. 35 Als Räuber traten Zigeuner eher selten, dann jedoch häufig unter massivem Einsatz von Gewalt in Erscheinung. Die-
ses dürfte mit der überaus brutalen Verfolgung durch die Obrigkeit zu erklä- ren sein, im Zuge derer Zigeuner oft grundlos hingerichtet wurden. 36
5. Selbstverständnis der Diebe und Räuber
Die Betrachtung der Motivation, die den Handlungen von Diebes- und
Räuberbanden zugrunde lag, ist ein wichtiger Bereich innerhalb des
Themenfeldes. Dabei ist die Frage ob Diebe und Räuber ihre Taten nur aus Armut heraus und um ihr Überleben zu sichern begingen oder ob sie auch einen politische Anspruch und eine Form des Widerstandes damit
verknüpften von besonderer Bedeutung. Dieses wird in der Literatur
unterschiedlich beantwortet. Während eine Unterstützung von Diebes- und Räuberbanden durch Vagan-
ten und unehrliche Leute außer Frage steht, wird das Verhältnis zur etablier-
ten Bevölkerung verschieden bewertet. Küther geht aufgrund der unter-
schiedlichen Rechtsauffassungen von Bevölkerung und Obrigkeit von einer
eher neutralen und abwartenden Haltung aus, die je nach persönlichen Er- fahrungen des Einzelnen positiv oder negativ ausgeprägt sein kann. 37 Dan- ker stellt heraus, daß eine Solidarität zwischen Bevölkerung und Kriminellen
deren strikter Einteilung in Kochemer und Wittische widersprechen würde und deshalb auch nicht erwartet wurde. 38 Insgesamt finden sich für beide Aussagen Beispiele. So kam es ist sowohl zu regelrechten Jagden als auch zur Unterstützung und sogar Verehrung von Diebes- und Räuberbanden 39 . Dieses war besonders bei Sozial- oder Bauernbanditen der Fall, von denen
34 H. Boehncke, u.a. (Hrsg.), Die deutschen Räuberbanden, a.a.O., S. 11.
35 E. Schubert, Arme Leute, Bettler und Gauner, a.a.O., S. 246ff.
36 H. Boehncke, u.a. (Hrsg.), Die deutschen Räuberbanden, a.a.O., S. 11f.
37 C. Küther, Räuber und Gauner in Deutschland, a.a.O., S. 113f.
38 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 336.
39 H. Siebenmorgen (Hrsg.), Schurke oder Held?, a.a.O., S. 34.
12
in Deutschland aber nur ein Beispiel nachzuweisen ist. Sozialbanditen vertra-
ten die Interessen der ländlichen Bevölkerung, indem sie deren Gegnern schadeten und so eine Form des sozialen Widerstandes ausübten. 40 Ob auch andere Diebe und Räuber ihre Taten politisch verstanden und man
darum von einer Gegengesellschaft sprechen kann wird in der Literatur e-
benfalls unterschiedlich bewertet. Küther geht davon aus, daß sich Diebe
und Räuber als offensive Repräsentanten ihrer Subkultur verstanden, und
man darum ihre Delikte als Widerstand gegen die bestehenden Verhältnisse,
Verfolgung und Unterdrückung bewerten kann. Er sieht in ihnen Rebellen,
die nicht nur aus materieller Notwendigkeit, sondern auch infolge ihres Has- ses auf Reiche stahlen und raubten. 41 Danker und Sarkowicz sehen im Milieu der Diebes- und Räuberbanden keine
bewußte Gegengesellschaft, sondern nur eine Subkultur, da Diebe und Räu-
ber mit ihren Delikten keine wirkliche Gesellschaftskritik verbanden und es ihnen an politischer Programmatik fehlte. 42 Reiche wurden nicht bestohlen oder beraubt, weil damit ein bewußter Widerstand verbunden war, sondern weil bei ihnen mehr Beute erwartet wurde. 43
40 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 332ff.
41 C. Küther, Räuber und Gauner in Deutschland, a.a.O., S. 99ff.
42 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 380ff.
43 H. Boehncke, u.a. (Hrsg.), Die deutschen Räuberbanden, a.a.O., S. 9f.
13
6. Fazit
Abschließend läßt sich sagen, daß Diebes- und Räuberbanden in der Litera-
tur stark verklärt und romantisiert wurden, so daß sich bei näherer Betrach-
tung dieses Themas viele vorgefertigte Bilder und Urteile als falsch heraus-
stellen. Im Wald da sind die Räuber eben nicht, sondern vielmehr in der
Stadt. Zusätzlich wird an mehreren Stellen des Themenkomplexes deutlich,
unter welcher großen Armut der überwiegende Teil der Bevölkerung in der
Frühen Neuzeit gelitten hat.
Diese große Armut beherrschte auch die gesamte Subkultur, die aus dem
Milieu der Diebes- und Räuberbanden entstanden war. Dennoch ist diese
Subkultur aus heutiger Sicht äußerst faszinierend, da sie teilweise schon fast
fortschrittlich zu nennende Elemente besaß, was vor allem für die Rolle von
Frauen und dem Entstehen eines gewissen Leistungsprinzips gilt. Beides
sind Entwicklungen, die der ständischen Gesellschaft der damaligen Zeit
vollkommen widersprachen.
Das Selbstverständnis der Diebe und Räuber und die Einordnung ihres Mi-
lieus als Gegengesellschaft ist im nachhinein äußerst schwer zu beurteilen.
Ebenso schwierig ist es eine klare Unterscheidung zwischen Sozialbanditen
und kriminellem Banditen zu treffen. Auch in der Literatur werden teilweise
dieselben Fakten sowohl für, als auch gegen die Einordnung in eine Katego-
rie benutzt. So wird zum einem festgestellt, daß ein wesentliches Kennzei-
chen von Sozialbanditen Delikte an den Gegnern der bäuerlichen Bevölke-
rung waren. 44 Zum anderen waren diese Menschen aber fast ausnahmslos reich und darum bevorzugte Opfer der Diebe und Räuber, was als Argument
gegen die Einordnung als Sozialbandit benutzt wird. 45 Wahrscheinlich ist eine eindeutige Einordnung in eine der Kategorien nicht
möglich, da bei den Banden beide Motive eine Rolle gespielt haben werden.
Warum sollte die persönliche Befriedigung nicht eine nette Zugabe zu einer
lohnenden Beute gewesen sein?
44 U. Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, a.a.O., S. 378f.
45 H. Boehncke, u.a. (Hrsg.), Die deutschen Räuberbanden, a.a.O., S. 9f.
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Literaturverzeichnis
Heiner Boehncke u. Hans Sarkowitz (Hrsg.), Die deutschen Räuberbanden, Band 1, Die großen Räuber, Frankfurt a. M., 1991.
Uwe Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, Ein Beitrag zur Ge- schichte von Herrschaft und Kriminalität in der Frühen Neuzeit, Frankfurt a. M., 1988.
Carsten Küther: Räuber und Gauner in Deutschland, Das organisierte Ban- denwesen im 18. und frühen 19. Jahrhundert, Göttingen, 1976.
Wolfgang von Hippel, Armut, Unterschichten, Randgruppen in der Frühen Neuzeit, München, 1995.
Ernst Schubert, Arme Leute, Bettler und Gauner im Franken des 18. Jahr- hunderts, Neustadt a. d. Aisch, 1983.
Harald Siebenmorgen (Hrsg.), Schurke oder Held?, Historische Räuber und Räuberbanden, Katalog zur Ausstellung des Badischen Landesmuseums Karlsruhe 1995-1996, Sigmaringen, 1995.
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Lars Thiede, 2000, Diebes- und Räuberbanden, München, GRIN Verlag GmbH
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