1. Präludium zur Gelehrtenrepublik
Düring, der Protagonist in Arno Schmidts 1953 erschienenem Roman „Aus dem Leben eines Fauns“ schreibt einen Brief an den Völkerbund, in dem er „In Anbetracht der ungeheuerlichen Zerstörungen, welche alle Kriege von jeher [...] in den Kunst- und Büchersammlungen der Menschheit verursacht haben“ 2 zur Schaffung von Kulturfreistätten anregt. Ferner empfiehlt Schmidt/Düring 3 „ An mehreren Stellen der Erde [...] unverletzliche von allen Staaten gemeinsam anzulegende, zu unterhaltende und zu verwaltende Kulturfreistätten zu errichten. [...] Den größten der lebenden Künstler und Geisteswissenschaftler gewähre man hier nach ihrer Wahl [...] persönliche Sicherheit und ungestörte Arbeitsmöglichkeiten. [...] Jungen hoffnungsvollen Talenten, welche ihre Begabung dargetan haben, gebe man zur Förderung die Erlaubnis, für eine bestimmte Zeit sorgenfrei auf jenen Inseln zu leben [...]
1 Arno-Schmidt-Brief-Edition, Bd. 2: Der Briefwechsel mit Wilhelm Michels. Zürich: Haffmanns 1 1987, S.192
2 Bargfelder Ausgabe (im folgenden abgekürzt als BA) I/1, S. 363 f.
3 der Brief entstand bereits 1949 für die „Wundertüte“, einer Sammlung von fiktiven Briefen, von deren Veröffentlichung dann abgesehen wurde. Schmidt integrierte den oben zitierten „Brief an die UNO“ später in den Roman „Aus dem Leben eines Fauns“. Die „Wundertüte“ wurde nach Schmidts Tod von Bernd Rauschenbach herausgegeben.
3
Als gelegentliche Besucher sind für einige Tage auch andere geistig Schaffende zur Belohnung zuzulassen: nicht aber Physiker, Chemiker, Techniker [...] weiterhin niemals Politiker, Berufssoldaten, Filmstars, Boxchampions aller Gewichtsklassen, Verleger, reiche Gaffer, usw., oder Solche, die lediglich in Kriegszeiten Zuflucht dort suchen wollten.“ 4 Den Besuch des Journalisten Charles Henry Winer in solch einer Kulturstätte beschreibt Arno Schmidt einige Jahre später in seinem „Kurzroman aus den Roßbreiten“ 5 .
2. Die politische Lage in der Gelehrtenrepublik und in KAFF auch mare crisium. Beide Werke behandeln zukünftige Ost-West-Szenarien. In der Gelehrtenrepublik ist im Jahr 2008 jedes Leben im atomar zerstrahlten Europa vernichtet. Rußland, China, Indien, Schwarzafrika, Südamerika und Nordamerika beherrschen die Welt; die auf der IRAS (= International Republic for Artists and Scientists, einer künstlich angelegten Insel) beherbergten Künstler und Wissenschaftler können unbedrängt von finanziellen Sorgen ihrem Schaffen nachkommen. Die Insel selbst ist in je einen West- und Ostteil und einen neutralen Streifen gegliedert. Ab und zu erlaubt die Inselverwaltung einem Besucher einen Kurzaufenthalt auf der Insel. Der Journalist Charles Henry Winer, der Urgroßneffe von Arno Schmidt, ist einer davon. Der Bericht über Winers Aufenthalt auf der Gelehrtenrepublik und seine Reise dorthin durch einen unwegsamen, radioaktiv verseuchten und von Zentauren bewohnten Streifen bildet, nebst einem Liebeserlebnis mit der Zentaurin Thalja 6 , den eigentlichen Inhalt des Textes. Die (fingierte) Übersetzung dieses Berichts aus dem Amerikanischen ins Deutsche entstammt einem Anagramm Arno Schmidts: Chr. M. Stadion heißt der angebliche Studiendirektor, dessen erotic drive bei 0,04 liegt, während Winer einen von 8,1 hat. Nach Götz Müller „trägt [der Übersetzer] übrigens die abgekürzten Vornamen Wielands und den Nachnamen des mit Wieland befreundeten Grafen Stadion“. 7
4 BA I/1, S.364
5 so der Untertitel der Gelehrtenrepublik
6 Thalia heißt in der griechischen Mythologie die Muse der Komödie; eine der drei Grazien, der Göttinnen der Anmut und geselligen Freude hat den gleichen Namen
7 Götz Müller: Utopie und Robinsonade bei Arno Schmidt. In Text + Kritik (hg. von Heinz Ludwig Arnold), 4. Auflage: Neufassung, S. 89
4
Die Insel ist in eine amerikanische und eine russische Hälfte eingeteilt. Gut verborgen sind Geheimdienst, Spionage und gegenseitige Bespitzelung in beiden Sektoren an der Tagesordnung. Die amerikanischen Wissenschaftler haben eine Technik entwickelt, mit der sie ihre Künstler periodisch „einfrieren“ können. Auf der russischen Seite wird das Verpflanzen der Gehirne ältlicher Genies in die Körper junger Menschen praktiziert. Die Ganglien entführter westlicher Dichter werden in Pferdekörpern konserviert. Solchen Methoden stehen die Westkräfte nicht nach: Zwei russische Schachmeister sind von den Amerikanern gekidnappt und eingefroren worden.
Da die Kommunikation zwischen den beiden Inselhälften völlig zusammengebrochen ist, kommt Winer zu der zweifelhaften Ehre, den Austausch der gekidnappten Genies zu organisieren. Der Streit zwischen den Inselhälften eskaliert und Winer flüchtet mit dem Flugzeug von der Insel.
Entsprechendes findet sich in KAFF auch mare crisium als „Längeres Gedankenspiel“, das der Protagonist Karl Richter seiner Freundin Hertha Theunert vorträgt. Diese, mit Karl zu Besuch bei dessen Tante Heethe, als Stadtmensch während eines Spaziergangs etwas ennuiert, äußert zu Beginn des Romans mehrfach „>Mänsch, is das lankweilich ! [...] Mänsch iss dos lankweilich. [...] Mänsch, iss das nie lankweilich ?“ 8 Verändert hat sich bis an das Ende von KAFF wenig, denn einen Tag später, während der Heimfahrt „murmelt“ Hertha: „>Hier uff der Eerde iss ooch nischt los - wenn ich an 45 denk´.<“ 9 , was die (auch für Karl wichtige) vage Hoffnung beinhaltet, dass ihr zumindest das Gedankenspiel ihres Freundes gefallen haben könnte.
Dieser Pessimismus wird durch das leitmotivische und mehrfach variierte „ Nichts Niemand Nirgends Nie ! : Nichts Niemand Nirgens Nie !“ 10 vorbereitet. Herthas Langeweile in der das Paar umgebenden Herbststimmung ist auch der Grund für Karls Vortrag: er schildert Hertha Szenen aus dem Leben des zwangsläufig auf dem Mond lebenden Astronauten Charles Hampden.
Eine Rückkehr der Astronauten ist unmöglich geworden, da „Auf der Erde [...] doch aber auch platterdinx Alles kaputt [ist]“ 11 . Grund ist ein vorangegangener Atomkrieg zwischen Amerika und Russland. Genau diese beiden Nationen hatten allerdings bereits vor der Zerstö-
8 BAI/3, S. 12 f.
9 BA I/3, S. 276
10
BA I/3, S. 11; „Nix Niemann Nirgns Nieh“(S.12), „Nichz=Niemant=Nirgnz=Nih“(S.143), „Nichts Niemand Nirgends Nie“(S.171), „
5
rung der Erde Kolonien auf dem Mond geschaffen. Charles Hampden ist Kongressabgeordneter („ :>1 Präsident; 8 Minister; 10
Abgeordnete. - Ogott : 6 Republikaner; 4 Demokraten in der Opposition !“)
12
der knapp 1000 Bewohner zählenden US-Sektion. Mit viel Witz schildert Schmidt den Ablauf einer solchen Kongresssitzung. Der Justizminister etwa fordert: „>..... sollten wir unsere Gesetzessammlungen nicht
durch 1 Novelle bezüglich
Hampden wird auf Antrag des Kriegsministers als Bote in die russische Sektion geschickt. Das russische Lager erscheint bei Schmidt als die fortgeschrittenere Nation, die durch geschickte zentralistische Planung die wesentlich überlebensfähigere ist. Während die US-Station an Astronautennahrung, unfreiwilliger sexueller Askese wegen starken Männerüberhangs und Langeweile laboriert, ist im Sowjetlager nichts davon der Fall.
Hampden hat neben seinem „Job“ als Schiefertafelhersteller auch einen Bibliothekarsposten: „..... dabei waren wir,
11 BA I/3, S. 19
12 BA I/3, S. 29 f.
13 BA I/3, S. 30
14 BA I/3, S. 39
6
[...] Wer
Hampden wehrt sich gegen das ungeliebte Lagerleben in einer religionsbeflissenen Gesellschaft mit milder Ironie. In diesem Fall ist es eben die „ mit Recht so beliebte King Dschäims Beibl“, im folgenden (ideologisch motivierten) Beispiel macht Hampden dialektisch elegant die Kehre: „Und schnitten in 1 Art auf [Hampden und sein russischer Gegenpart, d. Verf.] , wie es die - leichd gewöllpde - Oberfläche des MARE CRISIUM seit seiner Schöpp-Funk ..... : >>Ännt=schtähunnk !<< mahnte er ernst. ..... : seit seiner Ent=schöpfunk=also, derart grausam noch nicht vernommen haben konnte.“ 17
Auf die karge Kost in der Mondstation reagiert Hampden mit Wut, welche auf den Leser wiederum witzig wirkt; wenn ihm ebendieser Russe beizubringen versucht, dass seine Nation scheinbar aus dem Füllhorn schöpft, stellt sich bei Hampden natürlich das gleiche Verlangen ein:
„Tiefer Ap=Scheu ergriff mich. : Am liepstn hätte ich ihm erzählt, daß Wir den ganzn vergangenen Winnter von
Waal=Fleisch
geleept hättn .....[...] ......
Aber
Diesen Standpunkt nimmt auch Schmidt immer wieder ein, nicht nur in Büchern, sondern auch in Zeitungsartikeln. 1962 sieht er den Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland fol-
15 BAI/3, S. 121
16 BA I/3, S. 243
17 BA I/3, S. 234
18 BA I/3, S. 234 f.
19 BA I/3, S. 243
7
gendermaßen: „Im Westen einen Staat christlich=bornierter notstandsgesetz=süchtiger 40=Stunden=Wöchner: Arbeiten will Keiner, Fernsehen Jeder. Unterminiert von ehemaligen, immer noch hoch überzeugten Nazis; (und ich bin mir nicht recht sicher, ob man sich ihrer nicht gar gern >bedient<). Im Osten ein Siebenmonatskind von >Arbeiterstaat<, aus Mangel an Kohle und Eisen und Kunst dahinvegetierend. Schwer beim Rüsten sind Beide.“ 21
3. Technik in der Gelehrtenrepublik und in KAFF auch mare crisium Die Gelehrtenrepublik steht am Ende von Schmidts früher Werkperiode, die man ungefähr in die Jahre 1946-57 einordnen kann, KAFF dagegen am Beginn seiner mittleren Werkperiode, die etwa in die Jahre 1957-63 fällt und außer KAFF noch die Ländlichen Erzählungen 22 und die Karl May-Studie Sitara und der Weg dorthin umfasst. Charakterisierend für den Übergang ist die Beschäftigung mit James Joyce´s Hauptwerken Ulysses (Am 23.12 1956 schreibt Schmidt an Alfred Andersch: „Nachdem ich 10 Jahre lang ein >Nachahmer Joyce´< gescholten worden bin, habe ich nun endlich einmal, als Krawehl mir die deutsche und englische Ausgabe des >Ulysses< mitgebracht hatte, mich an diesen gemacht“ 23 ) und Finnegans Wake, mit Sigmund Freud, und von diesen Polen ausgehend, die Intention „mehrstimmig zu singen“ 24 , d. h. seine Prosa vielschichtig in verschiedene Ebenen zu strukturieren (die Texte werden durch die massive Einarbeitung von Zitaten zu einer Art Meta-Literatur), welche dann in den Typoskripten des Spätwerks gipfelt und in Zettels Traum die Etymtheorie einbringt. Unter dieser versteht Schmidt die (dem Dichter) unbewusste Wahl der Wörter und Wortstämme nach phonetischen Auslesekriterien aus anderen Sprachen. In diesen anderen (verwandten) Sprachen haben ähnlich klingende Wörter und Wortteile natürlich andere Bedeutungen. Somit weist die Häufung bestimmter Wörter auf Verdrängungen des Dichters hin; die Entwirrung der latenten Inhalte gelingt durch die Übersetzung von Homophonen aus anderen Sprachen.
20 BA I/3, S. 155
21 Arno Schmidt: „>WAHRHEIT< - ?“, seggt Pilatus, un grifflacht ........ in: ders.: Deutsches Elend. 13 Erklärungen zur Lage der Nationen. Zürich. Haffmanns 1985 (3. Auflage), S. 73 f; zuerst in: Die Zeit, 19.7. 1963
22 bei Fischer unter dem Titel „Kühe in Halbtrauer“ erschienen
23 Arno-Schmidt-Brief-Edition, Bd. 1: Der Briefwechsel mit Alfred Andersch. 2., verbesserte Auflage. Zürich: Haffmanns 1986, S. 106
8
Der 1962 noch vor Zettels Traum geschriebene Groß-Essay „Sitara und der Weg dorthin. Eine Studie über Wesen, Werk & Wirkung Karl May´s“ zeigt anhand eines von Schmidts Lieblingsfeinden, wie er Karl May interpretiert, nämlich als Paradebeispiel des Einbringens von (sexueller) Verdrängung in die Literatur. Schmidts Werk gewinnt in dieser Phase stark an Witz und verliert ebenso an Wut, Pathos und expressionistischer Anleihe. Stellen, wie der weiter unten (S. 10) zitierte Beginn von „Aus dem Leben eines Fauns“ - Schmidt schrieb den Roman zwischen Dezember 1952 und Jänner 1953 (Niederschriftsdaten nach dem Anhang der Bargfelder Ausgabe) - sind wenige Jahre später in Schmidts Werk undenkbar. Wolfgang Proß schreibt in seiner Schmidt-Biographie über die Veränderungen, die Schmidts Arbeitsweise mit sich bringt: „Die Psychologisierung und Verdichtung der Umweltdarstellung in der Metapherntechnik des Erzählers, die Konzentration auf den Affekt des Erzählers, den besonders die Interpunktionstechnik Schmidts sichtbar macht, sind nicht nur eine Verfeinerung der technischen Mittel; sie bereiten den Übergang von der Darstellung „einfacher Handlungen“ zur Zerlegung in „doppelte Vorgänge“ vor.“ 25
Steht die erste Werkphase Schmidts nämlich für das Ringen um exakt auszufüllende Strukturen analog seiner Berechnungen, so gelangt ab der Beschäftigung mit Joyce und später mit Freud das Spiel mit Zitaten, Doppelbedeutungen, Wortwitzen und des Verwebens mehrerer Textschichten zu einer Einheit in den Vordergrund.
„Die totale Selbstisolation und Hinwendung zur Literatur, die Beschränkung der Umwelt auf ganz wenige Personen, das Eintreten des Sexualkomplexes, sowohl als Grundthema wie als Neurose, und [...] die Entwicklung der Assoziationstechnik bestimmen das literarische Werk, wobei für diesen Abschnitt die Entwicklung der Methode mehr Aufmerksamkeit verdient als die Inhalte. Es sind meist Rückzugsgefechte eines Einzelgängers in die verwickelte Innenwelt; nur gelegentlich flackert die Lust an einer topographisch-exakt darstellbaren Wirklichkeit wieder auf.“ 26
Und Barbara Malchow ergänzt: „Durch die Gestaltung des Wortschatzes und die Behandlung des Einzelwortes steht ,Kaff´ jedoch am Anfang einer Neuorientierung der Schmidtschen Sprache. Der Umgang mit den Worten wird zunehmend experimenteller, [...] inhaltlich läßt sich eine zunehmende Reduzierung der ins Werk einfließenden Realität feststellen, die sich in der Beschränkung der Personenzahl, des Handlungsraumes und der erzählten Zeit manifes-
24 zitiertnach: Wolfgang Martynkewicz: Arno Schmidt. Reinbek: Rowohlt 1992 (rowohlts monographien 484), S. 107
25 Wolfgang Proß: Arno Schmidt (Autorenbücher 15). München:Beck; Edition Text & Kritik 1980, S. 61
26 Wolfgang Proß: Arno Schmidt (Autorenbücher 15). München:Beck; Edition Text & Kritik 1980, S. 71
9
tiert. Dafür nehmen die innersprachlichen und -literarischen Bezüge, die imaginierte Wirklichkeit, der Anteil von literarischem Zitat und Phantasie zu. Schmidt entfernt sich in zunehmendem Maße von der Abbildung der Welt und wendet sich immer mehr einem Bereich zu, in dem Sprache und Literatur einen von der außerliterarischen Wirklichkeit abgetrennten, autonomen Realitätsraum konstituieren.“ 27
Obwohl relativ knapp aufeinanderfolgend geschrieben, unterscheiden sich somit die Gelehrtenrepublik (Niederschrift Juli und August 1957) und KAFF (Niederschrift November 1959 bis Februar 1960) doch beträchtlich voneinander. Auffallend sind vor allem
a) Die Rastertechnik Schmidts - das musivische Dasein
b) Die Verwendung zweier Textspalten in KAFF
c) Die zunehmend phonetische Schreibweise und der häufige Gebrauch des Dialekts in KAFF gegenüber der Gelehrtenrepublik
d) Andere Stilmittel
e) Die Erzählerposition
a) Die Rastertechnik Schmidt - das musivische Dasein
Arno Schmidt schrieb 1955 in seinen prosatheoretischen Essays Berechnungen über die Entwicklung der Prosaformen: „Kennzeichnend für sie [ = die Prosaformen, der Verfasser ] alle ist, daß sie ausnahmslos als Nachbildung soziologischer Gepflogenheiten entwickelt wurden. Der Erzähler im lauschenden Hörerkreis war das Vorbild für Roman und Novelle. Die tägliche Übung der Korrespondenz lieferte zwanglos die vorbildliche formale Lösung des Briefromans für das Problem, mehrere geographisch und geistig von einander geschiedene charakteristische Lebensräume organisch in Beziehung zueinander zu setzen. Das Gespräch zwischen mehreren [...] Partnern erwies sich als optimale Möglichkeit, einen Gegenstand von verschiedenen Seiten her zu beleuchten (ideale Biografie !) Das >Tagebuch< war der erste Ansatz zur Bewältigung innerer Vorgänge.“ 28
Schmidt hat nun selbst dreierlei Ansatzmöglichkeiten für neue Prosaformen geschaffen: das Fotoalbum, dessen Ausgangspunkt der „Prozeß des >Sich-Erinnerns<“ ist: „immer erschei- 27 BarbaraMalchow: „Schärfste Wortkonzentrate.“ Untersuchung zum Sprachstil Arno Schmidts. München: Edition Text + Kritik 1980, S.216 f.
28 Arno Schmidt: Berechnungen I. In: ders.: Aus julianischen Tagen. Frankfurt 1979. Fischer Taschenbuch Verlag, S.
234
10
nen zunächst, zeitrafferisch, einzelne sehr helle Bilder ( meine Kurzbezeichnung: >Fotos< ), um die herum sich dann im weiteren Verlauf der >Erinnerung< ergänzend erläuternde Kleinbruchstücke (>Texte<) stellen : ein solches Gemisch von >Foto-Text-Einheiten< ist schließlich das Endergebnis jedes bewußten Erinnerungsversuches.“ 29 Schmidts Fallstudien heißen Die Umsiedler (geschrieben 1952) und Seelandschaft mit Pocahontas (geschrieben 1953).
Hartwig Suhrbier, der sich eingehend mit Schmidts Prosatheorie beschäftigt hat, stellt fest: „Dabei entspricht das dem >Text< vorgeschaltete >Foto< dem ´ersten Lichtstoß´, der als ´Initialzündung´ den Erinnerungsprozeß in Gang setzt. Da die >Fotos< mit verkürzter Zeilenlänge gesetzt sind, heben sie sich optisch als eingerückter Block vom nachfolgenden >Text< ab. Inhaltlich reproduziert jedes der >Fotos<, die selten länger als eine Druckseite sind, eine isolierte Szene mit genau beobachteten, teilweise übergangslos nebeneinander gestellten Details. Die in den Werken erzählte Geschichte ist jeweils auf die den >Fotos< folgenden >Texte< verteilt. In den >Fotos< wird jeweils nur eine Szene scharf beleuchtet oder ein Thema kurz angeschlagen; die eigentliche Darstellung und Durchführung erfolgt im Erzählzusammenhang der >Texte<. [...] liest man die beiden Erzählungen ohne die vorangestellten >Fotos<, so ergibt sich, daß man nichts weggelassen hat, was zum Verständnis der erzählten Geschichte notwendig wäre. Eine seperate Lektüre der >Fotos< vermittelt den Eindruck einer sich in Details erschöpfenden Inhaltsangabe, die viel wesentliches verschweigt.“ 30
Unter „musivischem Dasein“ (der zweiten Prosaform) versteht Schmidt die Diskontinuität der Erinnerung. „ ... man rufe sich am Abend den vergangenen Tag zurück, also die >jüngste Vergangenheit< (die auch getrost noch als >älteste Gegenwart< definiert werden könnte) : hat man das Gefühl eines >epischen Flusses< der Ereignisse ? Eines Kontinuums überhaupt? Es gibt diesen epischen Fluß, auch der Gegenwart, gar nicht. [...] Die Ereignisse unseres Lebens springen vielmehr. Auf dem Bindfaden der Bedeutungslosigkeit, der allgegenwärtigen langen Weile, ist die Perlenkette kleiner Erlebniseinheiten, innerer und äußerer, aufgereiht. Von Mitternacht zu Mitternacht ist gar nicht > 1 Tag <, sondern >1440 Minuten< ( und von diesen wiederum sind höchstens 50 belangvoll !). 31
29 a.a.A.o., S. 236
30 Hartwig Suhrbier: Zur Prosatheorie von Arno Schmidt. München: Edition Text u. Kritik 1980, S.10
31 Arno Schmidt: Berechnungen. In: ders.: Aus julianischen Tagen. Frankfurt: 1979. Fischer Taschenbuchverlag, S. 240 f.
11
Ähnliches stellt Schmidt programmatisch an den Beginn seines Romans „Aus dem Leben eines Fauns“ :
„Mein Leben ? ! : ist kein Kontinuum ! (nicht bloß durch Tag und Nacht in weiß und schwarze Stücke zerbrochen ! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt; Tausendsdenker; auseinanderfallender Fächer; der rennt; raucht; kotet; radiohört; >Herr Landrat< sagt : that´s me !) : ein Tablett voll glitzernder snapshots. Kein Kontinuum, kein Kontinuum ! : so rennt mein Leben, so die Erinnerungen (wie ein Zuckender ein Nachtgewitter sieht) :
Flamme : da fletscht ein nacktes Siedlungshaus in giftgrünem Gesträuch: Nacht. Flamme : gaffen weiße Sichter, Zungen klöppeln, Finger zahnen : Nacht. Flamme : stehen Baumglieder; treiben Knabenreifen; Frauen kocken; Mädchen schelmen blusenauf : Nacht ! Flamme : Ich : weh : Nacht !!
Aber als majestätisch fließendes Band kann ich mein Leben nicht fühlen; nicht ich ! (Begründung).“ 32
In diesem snapshotartigen Stil schrieb Schmidt die meisten Texte seiner frühen Werkperiode.
b) Die Verwendung zweier Textspalten in KAFF
KAFF ist nun ein ( und zugleich das einzige) Exemplar der dritten Versuchsreihe: das „Län- gereGedankenspiel (LG)“. Schmidt charakterisiert diese Versuchsreihe als Doppelroman. Ausgangspunkt ist der Gedankenspieler, der je nach Persönlichkeit seinen Tagträumen freien Lauf lässt. „Die billigste Art ist das Gedankenspiel nach Vorlagen, sei es der abendliche Zeitungsroman, [...] sei es der zuletzt gesehene Film.[...] Eine Stufe höher [...] steht schon der Mann der Selbstgespräche, der in verkrampften imaginierten Redeschlachten die Probleme einer nörglig-verwickelten Zukunft sinnlos >löst<. Höher steht der Beinamputierte, der sich zum mächtigen Direktor einer Butterfabrik ernennt, und in seinem Werk natürlich lauter Kriegsbeschädigte beschäftigt.“ 33 Um ersichtlich zu machen, welcher Teil gerade an der Reihe ist, also entweder die „Realität“ oder das „Gedankenspiel“, müsse der Textstrang optisch in
32 BA I/1, S. 301 f.
12
zwei Stücke geteilt werden.
„[...] die Buchseite muß, um dem Fachmann die Erkenntnis der Struktur, dem Leser ( Nachspieler ) Unterscheidung und Übergang aus einem Bereich in den anderen zu erleichtern, in eine linke ( E I )
34
und eine rechte ( E II ) Hälfte geteilt werden.“
35
Hartwig Suhrbier:
„ „E I“ und „E II“ wirken immer wieder aufeinander ein, indem der Erzähler Anregungen aus seiner Umwelt aufnimmt oder Reaktionen bei seiner Zuhörerin auslöst. Dabei wird oft durch einzelne Redewendungen oder Sätze der Gang der Handlung vorangetrieben und zugleich ein Netz von Beziehungen geknüpft.“
36
Praktisch sieht das dann so aus : wenn Hertha, „Sie nickte, trübe,
ihr
1970 wird Schmidt dann mit Zettels Traum eine 3-Spalten-Technik bringen, in dem auch die Gleichzeitigkeit der Geschehnisse optisch besser zum Ausdruck kommt. Denn geht das Schema bei KAFF noch
so kommt es in Zettels Traum je nach Ablauf der Handlung vor, dass alle 3 Spalten in einer Zeile stehen; somit wird auch optisch überzeugend die Simultanität der Ereignisse dargestellt:
Ereignis (linke Spalte)........ Ereignis (mittlere Spalte)....... Ereignis (rechte Spalte).........
33 Arno Schmidt: Berechnungen. In: ders.: Aus julianischen Tagen. Frankfurt: 1979. Fischer Taschenbuchverlag, S. 245
34 unter E I versteht Schmidt die Erlebnishälfte, die das reale Geschehen schildert, während E II gewissermaßen den Tagtraum darstellt.
35 a.a.A.o., S. 252
36 Hartwig Suhrbier: Zur Prosatheorie von Arno Schmidt. München: Edition Text u. Kritik 1980, S. 20
37 BA I/3, S.14
38 BA I/3, S.14
39 BA I/3, S.15
40 BA I/3, S.15
13
In der linken Spalte wird normalerweise über Edgar Allan Poe, aber auch andere Literatur referiert, in der mittleren Spalte passiert die eigentliche „Handlung“, und die rechte Spalte ist für Verweise, Zitatkennzeichnungen und Gedankenspiele reserviert.
c) Die zunehmend phonetische Schreibweise und der häufige Gebrauch des Dialekts in KAFF gegenüber der Gelehrtenrepublik
Charles Hampdens Statement, „Allein daß Die sich die Ettümologgie vom Halse geschafft hattn, und ergo die ganze ferkorxde Orrto=Graffie :“ 41 , könnte als Motto für dieses Unterkapitel stehen. Mit KAFF wirft Schmidt die Krücke Duden weg; oft ist seine Verschreibkunst einleuchtend, manchmal aber auch nicht. Als System hätte es Lücken und Auswüchse, wenn man eine Norm darin suchen würde. Das jedoch hatte Schmidt nicht im Sinn; vielmehr wollte er der Sprache eine Bühne als Assoziationsfeld zu geben. Bestimmend ist der Dialekt. Nachfolgend möchte ich einige Beispiele der systematischeren Art aus KAFF erläutern, wobei kein Anspruch auf Vollständigkeit besteht.
„ >Op Eene a bissl gripsich iss - daruff kommz woll gaa nie an, was ?< 42 - Hertha Theunert ist Schlesierin, sie spricht schlesischen Dialekt, während Karl Richter (wie Schmidt) niedersächsisch spricht. (Schmidt wuchs in Hamburg und in Schlesien auf.) „Feffer“ 43 - Richters niedersächsische Aussprache von Pfeffer
„Schprachschprudl“ 44 - Das Schriftbild wirkt nässer (speichelregnerischer !) als beim sehr trockenen „Sprachsprudel“.
„Roh=Mann=Tick“
45
- Wirkt als Gegensatz, da ja Romantik nicht der Tick roher Männer ist.
„Freiheit des In=die=wie=Du=ums“
46
- Als Individuum sieht man etwas einmaliges an, bei Schmidt ist es „die wie du“, der Begriff „Individuum“ wird also karikiert.
„ sie hand=tierte“
47
- hier wird die Hand als eigenständiges Wesen gezeigt.
„Wehnuß“
48
- wie leicht die
Venus
doch zu einer
wehen Nuß
wird !
„>Nu komm´glei lauter Rehe; poß uff..< (sie; resigniert.
41 BA I/3, S. 240
42 BA I/3, S. 38
43 BA I/3, S. 45
44 BA I/3, S. 63
45 BA I/3, S. 115
46 BA I/3, S. 121
47 BA I/3, S. 152
48 BA I/3, S. 134
49 BA I/3, S. 169
14
„maulhängkolisch“ 50 - wirkt als Verstärkung. Wenn man melancholisch ist, hängt eben das Maul.
„die Gartenpforte schtändich pferschlossn haltn“ 51 - der Verschlusslaut „pf“ zeigt, dass sich Richter das Gartentor mehr als verschlossen wünscht. „pferschlossen“ ist eine Steigerung auf lautlicher Ebene.
Manchmal kommentiert Schmidt sich selber:
„
Immer wieder sind bei Schmidt auch reine Zeichenansammlungen zu finden. Als Beispiel sei hier der durch den Motorlärm von Herthas Auto aufwachende Richter:
„(((.....)))./((.....))./(.....?) -:.....! : !!! : Klaa! :
d) Andere Stilmittel
Andere Stilmittel, die eingesetzt werden, sind Metaphern („an
dem einen Säulenkaktus rannte eine Flammin aufwärts, drehte sich, balancierte, machte sich einen Rauchkimono (den sie ab und zu kokett aufschlug“)
54
,
(„Himmel
mit düsteren Wolkentrümmern angefüllt“)
55
, („Sie hatte sich längst [...] die endlosen Füße mit Mondlicht bekleckert“)
56
, („Sie kaute immer noch an der
50
BA I/3, S. 175
51
BA I/3, S. 206, mit Dank an Ulrich von Moellendorff
52
BA I/3, S. 208
53
BA I/3, S. 213
54
BA I/2, S. 243
55
BA I/2, S. 321
56
BA I/3, S. 134
57
BA I/3, S. 171
58
BA I/2, S. 307
59
BA I/2, S. 311
15
Doppelsubstantiven („Atemschluck“)
60
und Wortbiegungen („die
Fliegsamkeit des Laubes“)
61
.
e) Die Erzählposition
Ab und zu schlüpft der Autor in seine Texte hinein. Und zwar hat Karl einen Traum, in dessen Folge
„Schmidt & Schlotter von 1 Bettler geleitet, aus einem dickn finsteren Dorngebüsch [komm´n]“
62
.
Dies ist nun insofern interessant, da der Autor Schmidt eine Figur, Karl Richter, schafft, die wiederum von dem Autor selber träumt. Karl muss Schmidt kennen, bzw. Schmidt kann nicht Karl sein, da Karl sonst in der Ich-Person (Ich & Schlotter) träumen würde. Auch in der
Gelehrtenrepublik
schlüpft die Figur des Autors als träumendes Subjekt an die Stelle des Protagonisten („Wälder,
in denen ichundlilli irrten“)
63
-
Schmidt nannte seine Frau Alice oft Lilli.
Und in
Zettels Traum
begegnen die Protagonisten einige Male beim Spazieren gehen einem Mann, angetan mit grüner Lederjacke und Spazierstock, welcher unschwer als der Autor zu erkennen ist.
Winer, der ja der Urgroßneffe Schmidts ist, zitiert auch manchmal seinen Ahnen; ihm zu Ehren wird auf der Insel Schmidts
„Massenbach“
aufgeführt.
Ein Zeitebenenverschiebung findet statt, wenn der Winer begleitende Soldat während des Ballonfluges, angesichts des Mondes sagt:
„>ich
war mal oben,
[...]
als
Kurier.<“
64
In der
Gelehrtenrepublik,
die 2008 spielt, aber vor
KAFF,
dessen Mondszenen mit 1980 datiert sind, entstanden ist, wird somit dezent auf ein Werk verwiesen, welches zu diesem Zeitpunkt noch nicht existiert. Nach der zuletzt zitierten Stelle taucht auch das
Mare Crisium
auf, welches sich allerdings 28 Jahre nach Charles Hampdens Reise in den russischen Teil des Mondes im Besitz Chinas befindet.
Als Erzählform verwendet Schmidt in
KAFF
die Ich-Erzählung, wobei diese aber über Strecken durch den inneren Monolog ersetzt wird. Und gemäß Schmidts Forderung nach
„dehydrierter Prosa“
wird auch immer wieder etwas nicht erzählt:
60
BA I/2, S. 311
61
BA I/2, S. 321
62
BA I/3, S. 270 (Der Maler Eberhard Schlotter war mit Schmidt befreundet)
63
BA I/2, S. 336
64
BA I/2, S. 230
16
„Sie kaute immer noch
an der
Wie schwierig die Unterscheidung zwischen Erzähltem, Gesprochenem und Gedachtem in
KAFF
manchmal ist, möge noch folgendes kurze Beispiel exemplifizieren. Karl und Hertha verlassen eine Kirche: „Und
es war mir, im Vorraum, das hell=blinkende 50=Fennich=Schtück wert; den Prospekt nahm ich mir, als Erinnerunx=
Winer ist ein untypischer Held Arno Schmidts; wahrscheinlich ist er derjenige der Schmidtschen Protagonisten, der seinem Autor am unähnlichsten ist. Winer ist nicht der Paradeintellektuelle aus den anderen Texten und weit mehr nervös und aufgeregt als diese, was aber natürlich durch den Umstand der Wichtigkeit der Reise erklärbar ist.
Die
Gelehrtenrepublik
bezieht einiges an Witz durch die konservativ - launisch bis ignorantinkompetenten Fußzeilen des Übersetzers Chr. M. Stadion. Schmidt spricht hier auch aus seiner Erfahrung als Übersetzer und als Rezensent von mangelhaft übersetzten Büchern. So identifiziert Chr. M. Stadion Winers „schnalzendes Französisch“
67
nicht als Sexualpraktik, sondern merkt an:
„Unverständlich. - Wie sich aus dem Vorhergehenden - und auch weiterhin - ein-wandfrei ergibt, ist die Sprache der dortigen Zentaurenformen ein, leicht korrumpiertes, A-
65
BAI/3, S. 171
66
BA I/3, S.177
67
BA I/2, S.238
17
merikanisch. Aber an solche Ungenauigkeiten muß man sich bei der - vielleicht berufsbedingten - handwerksburschenhaften Eile des Verfassers gewöhnen.“
68
Wenn Winer den Akzent eines Australiers nicht versteht und das mit „Whaller<, whaller<; whaller
Ein anderes Beispiel des kopfschüttelnden Übersetzers: Ein Mann, der zum zweiten Mal erwähnt wird und eher als Staffage gelten mag. „Außer
dem Chauffeur kam noch ein Inder mit, und der Araber von vorhin, vom Kai : er war immer noch nicht dicker geworden.“
71
-
Als Anmerkung zu dieser launischen Bemerkung räsoniert Chr. M. Stadion : „Welchen
Zweck verfolgt eine solche Bemerkung ? Soll der Leser lachen gemacht werden ? Oder will der Verfasser seine Überlegenheit dokumentieren ? Oder gehört er zu jener unglücklichen Menschenklasse, die sich Objektivität und Freiheit des Urteils durch beständige Schnoddrigkeiten mühsam erringen muß (weil sie sonst jedem Einfluß erliegen würde) ? Oder gibt es tatsächlich, wie Winer sie in einem seiner früheren Bücher charakterisiert, >Menschen, die von Natur aus unehrerbietig sind< ? : Wenn dem Verfasser obige Bemerkung wirklich damals im Moment einfiel, sie also spontan erfolgte, - dann scheint der Tatbestand, so unbegreiflich es auch anmuten mag, allerdings gesichert. Es sei denn : der Betreffende wäre wirklich überraschend, ungewöhnlich und auffällig mager gewesen !“
72
Winer, glückselig einschlafend, notiert: „Und der bärtige Rundumkuß
der Kamelhaardecke : wenn jetzt bloß der nächste Krieg ausbräche ! .....“
73
.
Dazu der Übersetzer:
Aus dieser Stelle ist in der, für den Publikumsgebrauch bestimmten, Artikelserie folgendes geworden : >Ach, könnte doch Allewelt solch Glück mit mir teilen !<. - Wahrlich, der Egoismus des Verfassers ist abstoßend und grenzenlos!“
74
Die Unterschiede zwischen Winer und Chr. M. Stadion tabelliert Schmidt folgendermaßen:
Stand: 1. 1. 2009 Verfasser Übersetzer
68
BA I/2, S. 238
69
BA I/2, S. 281
70
BA I/2, S. 281
71
BA I/2, S. 291
72
BA I/2, S. 291
73
BA I/2, S. 304
74
BA I/2, S. 304
18
Alter 30,8 67,3 Größe (m) 1,84 1,60.5 Gewicht (Pfund) 175 175 Gesundheitszustand + 3,0 - 1,6 erotic drive 8,1 0,04 Temperament sanguinisch melancholisch=cholerisch Beruf Reporter Studiendirektor (emerit.) Jahreseinkommen 2008 45.000 2484,37 (Dollar, Gold) Wort- Amerikanisch 8.600 3.200
Besonders in der
Gelehrtenrepublik
und in
KAFF
zeigen die Protagonisten eine auffällige Abneigung gegen Bauern, was für mich etwas belustigend wirkt, da ich selber diesem Berufs-stand angehöre. Richter hat eine deutliche Aversion gegen Landwirte: „Drüben
auf dem Feld waren die Schtarken=Schönen rüstich bei der Arbeit.[...] Sahen wieder abfällich zu uns herüber; auf schtinkend=rauhen Füßen, deren Sohlen ein Beschlagen mit Hufeisen vertragen hätten. [...] >Warum
kannstu eigentlich Bauern nie
leidn ?<; nachdenklich. :
Bauern werden als intellektuell unterlegen beschrieben:
„>Kuck Da doch bloß amma
das
Gesichtl an ! : Viel zu
kleen
erstns. Unt dann noch
so dämlich -<. : >Meingott=z wird halt´n Lantwirt sein“
79
75
BA I/2, S. 222
76
BA I/3, S. 32
76
BA I/3, S. 36
77
BA I/3, S. 165
78
BA I/3, S. 230
79
BA I/3, S. 177
19
In der
Gelehrtenrepublik
dienen die Bauern
„zur Belebung der Landschaft“
80
und Winer räsoniert:
„Wahrlich : der Unverschämtheit dieser Klütenpedder sind keine Grenzen gesetzt ! : Verhindern in aller Welt die Einfuhr billiger Lebensmittel : wenn sie nicht so billig erzeugen können, sollen sie doch´n anderen Beruf ergreifen !“
81
Ein weiterer Wesenszug Richters ( wie auch von Arno Schmidt) ist die Ablehnung abstrakter und
feingeistiger
Kunst: „ Der Bildhauer
hatte auf Schiefertafel schon wieder 2 nackte Frauen beantragt; angeblich zum
An anderer Stelle heißt es: „ >Es
freut mich, Tanndte, daß auch=Du geegn all den Schellenklang unn Oh=pie=um bisst, mit dem uns die romantischn Heinies apfinndn wollen : das Alltägliche issd so klaa noch nichd, wie jene Herrn uns glaubm machen wolln :ja nich
hallp
so klaa !<“
83
oder „
Dank=Dir für den
Richter ist einmal für einige Zeit alleine, Hertha und Tante Heete sind weggefahren, Besorgungen zu machen; Richter befindet sich sofort in seiner Lieblingswelt, er denkt an Literatur, an Autoren und Bücher. Versammelt ist die Schmidt eigene Mischung an Olympiern und Vergessenen: James Joyce, Däubler, Döblin, Hans Henny Jahnn, Leopold Schefer, Karl May, Johannes von Müller, Gullivers Reisen, Johann Gottfried Schnabel, Faust, Richard Adam Locke, Poe, Marat, Siegmund von Birken und Goethe.
85
Über fast alle hat Schmidt gearbeitet. *
Durch das Werk Schmidts zieht sich ein Odeur der Auflehnung gegen eine Schöpfung,
„deren lebende Wesen dadurch bestehen, dass sie einander auffressen“
86
. Diese kommt im Frühwerk Schmidts als geballte Wut, in der
Gelehrtenrepublik
und in
KAFF
ist nur noch leise Re-
80
BAI/2, S. 313
81
BA I/2, S. 313
82
BA I/3, S. 36
83
BA I/3, S. 102
84
BA I/3, S. 167
85
BA I/3, S. 207 ff.
86
BA I/1, S. 458, ähnlich im Aufsatz „Atheist?
: Allerdings
!(BA III/3); mein Dank gilt Friedhelm Rathjen, der mir bei der Auffindung dieser Zitatstelle geholfen hat.
20
signation übrig. „
... den Himmel hat a
armer
Mann erleuchtet.“
87
sagt Hertha am Weg zum Theater und auch Tante Heete zeigt atheistische Züge: „
Wenn es 1 Gott giebt ? : zumindest hat er die Übersicht verlorn. [...] wenn´as in´ Paradies keine Kiefern giebt, und kein´ Wacholder : bleib
ich ´a
aufe Länge
nich
in.“
88
Schmidts Protagonisten sind sehr oft Misanthropen. Weniger in der Gelehrtenrepublik, deren Held (er ist im Schmidtschen Oeuvre der lebenslustigste) vom Wunsch nach Reichtum angetrieben wird. Karl Richter und Hertha Theunert gesellen sich in
KAFF
zur großen Schar der Gottes- und Menschenverachter des Schmidtschen Werkes. „Da jedoch die meistn Menschn hässlich sind,
hatte es etwas Bedrückendes [...] diese Kollektion von 50 Butznantlitzn hier zu durchmustern. : / Vorn 1 wollüstich fette Schtirn : an der Seite hingn die Ohrn wie Lumpn. (>Große Lappm< verbesserte Hertha, ohne die Lippen zu verändern.). Der Hinterkopf daür wie abgesägt; (>Und zwaa von keem schüchternen Säger.<)./ Schtarkbehaarte Sassen, Kerls mit ungeschnobenen Nasn : Flotzmäuler./“
89
5. Die literarische Tradition
Schmidt stellt seine Arbeiten mit einer Flut von Anspielungen und Zitaten in einen engen Kontext zur ganzen Literaturgeschichte. Bereits die Titel seiner Bücher verweisen oft auf die Arbeiten anderer (verstorbener) Autoren. Schmidts Erstling
„Leviathan“
führt die Spur zu Thomas Hobbes,
„Schwarze Spiegel“
hat im Titel Wielands „Der
Goldene Spiegel“
eingebaut,
„Aus dem Leben eines Fauns“
hat Bezüge zu Eichendorffs Taugenichts,
„Das steinerne Herz“
zu Hauffs Märchen vom kalten Herz, welches ja auch ein steinernes ist,
„Die Gelehrtenrepublik“
wurde 190 Jahre vor Schmidt als
„Die deutsche Gelehrtenrepublik“
von Klopstock verfasst,
„Zettels Traum“
enthält im Titel Shakespeares Weber Zettel aus dem
„Som-
87
BAI/3, S.55
88
BA I/3, S. 48
89
BA I/3, S. 57
21
mernachtstraum“, „Die Schule der Atheisten“
verweist auf die Schule der Robinsons von Jules Verne.
Schmidts Berufung auf literarische Ahnen betrifft aber natürlich nicht nur den Titel. Dazu Götz Müller:
„Arno Schmidts Gelehrtenrepublik hat strukturell drei Vorbilder. 1. Die Fabel vom Inselschiff, eine Umbildung von Jules Vernes Roman >L´ile a helice<. 2. Die Republica litteraria als Basisutopie des Barock und der Aufklärung. Mit Klopstocks Plan teilt Arno Schmidt die Idee einer elitären Aristokratie des Geistes. [...] 3. Die Rahmenfiktion orientiert sich an Wielands utopischem Staatsroman >Der Goldene Spiegel<, in dem Wieland als Herausgeber eines Textes figuriert, der aus dem Scheschianischen ins Sinesische, von da ins Lateinische und schließlich ins Deutsche übersetzt wurde.“
90
Meist sind es Details, mit denen sich Schmidt in Bezug zur Literaturgeschichte setzt. Götz Müller hat darauf hingewiesen, daß
„der Überfluß an Bibeln auf dem Mond bei gänzlichem Mangel an anderer Literatur die sehnlichst erwartete Schiffsladung von 200 deutschen und 100 englischen Bibeln nebst 400 Gesang- und Gebetbüchern [parodiert], die endlich mit dem lange vermißten regulär-ordinierten Pastor auf Felsenburg eintrifft.“
91
Mit
„Felsenburg“
meint Müller den gleichnamigen Roman von Schmidts Hausheiligen Johann Gottfried Schnabel; Karl erhält diesen von Hertha zum Geschenk.
Die meisten der Schmidtschen Literaturanklänge sind schwer erkennbar; als Beispiel für Schmidts entlegene Lektüre möge Karls Traum in KAFF dienen:
„((((Völkerschaften ohne Kopf / ein warmer Fluß (< I Amazone saß auf der Kwelle>) / I sehr große Säule / I Brief mit Mohnkörnern darin / schwarze Schteine im Fluß, die schwarz machen / I Berg mit goldenen Kettn / wilde Menschn sitzn auf Felsn; sie rühren sich nicht / [...]“
92
Diese Traumsequenzen könnten nun von einer x-beliebigen Assoziationskette stammen, sie sind jedoch, wie Thomas Lautwein darstellt,
„Material […] des sogenannten Pseudo-Kallisthenes […], der Schmidt seit seiner Laubaner Zeit […] bekannt war.“
93
Der Pseudo-Kallisthenes ist eine
„im 4. Jahrhundert nach Christus entstandene romanhafte Alexanderbiographie“
94
, dessen Verarbeitung als Traum für den Schriftsteller Schmidt bedeuten konnte, seine hinter sich liegende Jugend ins Werk zu integrieren.
90
Götz Müller: Utopie und Robinsonade bei Arno Schmidt, S. 79
91
Götz Müller: Utopie und Robinsonade bei Arno Schmidt, S. 90
92
BA I/3, S. 270
93
Thomas Lautwein: Richters Traum in „Kaff“, Bargfelder Bote 156-157. München: edition text & kritik (August 1991), S. 4
94
a.a.O., S. 4
22
Einige Zitate sind relativ leicht erkennbar. So manche Zitate aus Goethes
Faust :
„ ... Hoyce´s Vorschlag
zur Einführung anregend=akademischer Zwischengrade : Bakkalaureus Magister Heißedoktorgar ...
95
,
„(
Die „Zitaterkennungsquote“ ist natürlich in erster Linie eine Frage der grundsätzlichen Lektüre des Lesers; heben kann man sie nur, indem man den Schmidtschen Kanon liest. Andere Beispiele für Zitate aus dem
Faust,
die Barbara Malchow gefunden hat, sind:
„...und Schtirn-Runzeln: ,die Angejahrten wissen Euch zu schätzen´! (K, 114 = Faust II, 1. Akt, am Hof des Kaisers rät Mephisto Faust: „Müßt Euer Glück nicht auf die Jüngste setzen. Die Angejahrten wissen Euch zu schätzen!“)
....natürlich Tanndte Heete. Ihr göttinnenbreites Gesicht füllte schon, und zwar mühelos, 1 der klein´n Fensterscheiben (:,Wirkommen, wirkommen, Du allter Pattron!´) (K, 246= Faust II, 2. Akt, der Chor der Insekten begrüßt Faust: „Willkommen! willkommen, Du alter Patron!“)“
98
Dass sich Schmidt schon einmal (unabsichtlich?) selber zitiert, kann dann schon einmal vorkommen, bzw. dass er
ein
Bild in
KAFF
(„
dann geh´ich längst am Schtock :
Das modernisierte Nibelungenlied erscheint als „Das
neue, umfassend=nazionale Roman=Epos“
102
des US-Dichters, das dieser vorträgt. Niemand erkennt es als Plagiat, außer
95
BA I/3, S. 40
96
BA I/3, S. 89
97
BA I/3, S. 174
98
Barbara Malchow: “Schärfste Wortkonzentrate.“ Untersuchung zum Sprachstil Arno Schmidts. München: Edition Text + Kritik 1980, S.192
99
BA I/3, S. 188
100
BA I/3, S. 289
101
BA I/3, S. 104
102
BA I/3, S. 78
23
dem russischen Kulturaustauschbeauftragten. Hier wie in der
Gelehrtenrepublik
erscheint das russische Volk als das kulturell kompetentere; während in der
Gelehrtenrepublik
die Dichter der Westzone faul in den Tag hineinleben und unproduktiv sind, haben deren Kollegen der Osthälfte einen ausgefüllten Tag: sie betreiben das Dichten kollektiv und fließbandmäßig. Auch die Giffendorfer Landkinder lassen Deutschland direkt als Kulturnation erscheinen. Sie spielen Theater, während Karl die Amerikaner sich nur mit einer Partie Crocket vergnügen lässt.
Das modernisierte Nibelungenlied, das
„kurz nach dem Great Old War“
103
spielt, wird von Charles großteils als Zusammenfassung rezipiert, einige Male sind jedoch Verse eingearbeitet, die dem Aufbau der Nibelungenstrofe (Anvers, Zäsur und Abvers) entsprechen. Beim Beginn:
„In stories of our fathers high marvels we are told: of champions, well approved in perils manifold; of feasts & merry meetings of weeping & of wail & deeds of gallant daring I´ll tell you in my tale.
In HEIDELBÖRRG there flourished a WAC, so fair to see : in all the world together a fairer not could be.
This maiden´s name was
“hat Schmidt zwar einfach die ihm vorliegenden zwei Strophen der englischen Übersetzung des Nibelungenlieds von Lettsom als Leistung seines Alter ego Karl Richter requiriert“
105
, was aber nur für die erste Strophe gelten kann, da zumindest einige Wörter (HEIDELBÖRRG, Cream=hilled, WAC ( = Women´s Army Corps
106
)) nicht in den mittelalterlichen Sprachgebrauch passen. Und zu guter Letzt hat ja Lawrence, der amerikanische Dichter, das Nibelungenlied umgeformt und ist somit Urheber des Plagiats der ersten zwei Strophen. Kriemhild wird in kalauerischer Laune zu
Cream=hilled
(mit der Namensgebung weist Schmidt ironisch auf Kriemhields weibliche Attribute hin), Brünhild zu „Brown=hilled“, Ha-
103
BAI/3, S. 78
104
BA I/3, S. 79
105
Friedrich P. Ott: Aufnahme und Verarbeitung literarischer Traditionen im Werk Arno Schmidts. In: Michael schardt/ Hartmut Vollmer: Arno Schmidt. Leben-Werk-Wirkung. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch,1990 ( Sach- buch 8737), S. 273
24
gen zu „H.G.
Trunnion“,
Sigfried zu „Dillert“, der Fiedler Volker zum Countrysänger „Fol-
ker“;
unddie im Nachkriegsdeutschland angesiedelte Bearbeitung von Lawrence/Karl ist ebenso blutrünstig wie das Original.
6. Frauenfiguren bei Schmidt
In
KAFF
sind Tante Heete (TH - so wird sie auch im Text bezeichnet) und „HT“ (Hertha Theunert) als Gegensatzfiguren angelegt. Hertha nimmt die Rolle der „modernen“ Frau ein (und zwar im Jahr 1959 !), sie ist selbständig, kocht nicht und fährt Auto. Sehr zu Richters Bedauern ist sie sexuell eher passiv, bzw. kann ihre Sexualität mit Karl nicht unverkrampft ausleben. Aber Karls Sprache ist auch eine, die die weibliche Sexualität als eine passive sieht:
„LäßDu dann nich?“
107
fragt Richter seine Freundin, und einmal entgegnet Hertha auf die
106
mein Dank gilt der Arno-Schmidt-Mailing-Liste für die Erklärung des Kürzels
107
BA I/3, S. 116
25
verbalen Verführungsversuche Karls:
„Heute Aabmd, in Northorn, kannsDe meinetweegn“
108
.
- Hier benützt Hertha ein im wesentlichen männliches Vokabular und degradiert sich selbst zum Objekt; oder besser gesagt, sie wird vom nicht so feinfühligen Schmidt zum Objekt gemacht. Im Anhang des dritten Bandes der ersten Werkgruppe der Bargfelder Ausgabe ist in den (zu Lebzeiten Schmidts unveröffentlichten)
„Notizen zu KAFF auch MARE CRISIUM“
die Rede vom
„Sexualterror der Frauen“
109
, womit er das „schlecht-lassen“ der Frauen meint. Und 1948 schreibt Schmidt in den (fingierten und erst posthum veröffentlichten) Briefen der
„Wundertüte“
an seinen im Krieg gefallenen Schwager: „und
für einen edel gearteten Jüngling gibt es ja zunächst gar nichts Widerliches als die Vorstellung der Manipulationen, unter welchen man Vater zu werden pflegt.“
110
-
Zumindest die Figur (Karl), wenn nicht sogar der Autor selbst (Schmidt) hat eine seltsame Auffassung von Sexualität, insbesondere der weiblichen. Er beschwert sich zwar über das Ausbleiben des Orgasmus bei Hertha („opwohl
es bei Ihr natürlich wieder
nicht
gekomm´ war“)
111
,
andererseits tut er aber auch nichts zur Erreichung dieses Ziels.
Tante Heete dagegen geht auffallend oft mit den Meinungen ihres Neffen konform, bzw. sie vertritt Standpunkte der Männerwelt oder benützt ebenfalls deren Sprache. Somit wird Herta bei geschlechtsspezifischen Auseinandersetzungen gegen das Tante/Neffe-Team in die Rolle der Außenseiterin gedrängt. Die Glaubwürdigkeit des Umstands, dass eine Frau Statements wie folgenden von sich gibt, möge man für sich beurteilen:
„Also
In der
Gelehrtenrepublik
hat die Zentaurin Thalja mit Winer beim Geschlechtsverkehr einen
„wie ein[en] Wahnsinnige[n]“
113
arbeitenden Mann. - Auch hier wird Sexualität mit Leistung gleichgesetzt, bzw. eine weibliche Wunschvorstellung ausgemalt, die eher männlichem Denken entspricht. (Winers Penis wurde von Thalja mit einem Kraut eingerieben, welches sehr
108
BA I/3, S. 262
109
BA I/3, S. 544
110
Bernd Rauschenbach(Hg.): Arno Schmidts Wundertüte. Bargfeld, Zürich :Arno Schmidt Stiftung, Haffmanns 1989, S. 150
111
BA I/3, S. 119
112
BA I/3, S. 156; die Quelle dafür könnte ein Brief, datiert mit 8.12 1957 von Dorothea Schlotter an Alice Schmidt sein:
„Ich musste dran denken, dass ich mal mit Eberh. >rücksichtslos< probierte, ob er mich vergewaltigen kann. Es war nicht möglich.“
(Arno-Schmidt-Brief-Edition,
Bd. 3: Der Briefwechsel mit Eberhard Schlot- ter. Zürich: Haffmanns
1
1991, S. 65)
26
starken Juckreiz erzeugt, sodass der Betreffende diesen möglichst schnell wieder loswerden möchte, was auch mit dem Orgasmus geschieht, der Winer vom Brennen befreit.) Tante Heete wird als eine Frau beschrieben, die sich nicht nur vor ihrem Neffen Respekt zu verschaffen weiß ( Hertha als sensible junge Frau ist a priori kein Match für sie), sondern der auch die unbelebten Dinge untertan ist :
„Ich gaffde nur auf die Fläche ihrer an=derenn Hannt; wo sich, anxt=voll, 2 winnzich=feuerrote Teckstielijin wanden .....“
114
Auch die (Nahrungsmittel)Versorgungsarbeit überlässt Richter den Frauen, bzw. er versucht Hertha in die Rolle der Köchin zu drängen:
„>Hertha - : KönnzDu mir nich 1 Büxe Kornd=Bief braatn ?<; (lüsterner) : >- und 1 - oder 2 ? - Eier drüber schlaagn ?<.. - Pause. Sie begann unbehaglich die Schultern zu beweegn. (Und immer TH´s Augn : Tik : Tak -). Unmutich : >Och. - : Das schpritzt immer so ...<“
115
.
Richter versucht damit eigentlich, seiner Tante Heethe, die als Übermutter fungiert, zu zeigen, wie bedauernswert er als Mann eigentlich ist, eine Frau wie Hertha zu haben, die ihn nicht nur sexuell nicht versorgt, sondern sich auch um sein leibliches Wohl nicht kümmert . Zeitweise wirkt Karl wie ein Mann, der zwischen zwei Frauen steht. Dazu passt auch, dass Karl in jungen Jahren schwer verliebt in seine Tante war. Tante Heete würde ihm solche Liebesbeweise (Karl zu verpflegen) ohne mit der Wimper zu zucken angedeihen lassen, würde sie sich damit nicht in Herthas Revier begeben. So aber kann sie nur Druck auf Hertha ausüben, ihm das zu geben, was sie ihm gerne geben würde:
„(Erst
begann der Tisch unter IHREN Fäusten
zu grollen; dann auch noch der Schtuhl [...] >>Na. - n büschn=was möchtn wir ihm ja doch auch woh´ machen.<< - Lauernd : >>Oder meinßu nich ? - : Mein´ Deern.<<“
116
Richter hat Erfolg mit seinem Spiel:
„(Und mein Lieb errötete langsam. Aber sehr=sichtlich. Und TH ließ den Blick auch sork=fälltich auf ihr ruhen. - (Bis Hertha noch ma
Tante Heethes Vorschlag, mit Karl und Hertha eine Wohngemeinschaft zu bilden und von ihrer veräußerten Landwirtschaft zu leben, würde für Hertha bedeuten, von dem Wohlwollen Tante Heethes abhängig zu sein; bei einer Trennung von Karl müsste sie wahrscheinlich wieder ausziehen. Aber auch mit dieser Idee von einem gemeinsamen Haushalt kommt Tante Heetes Funktion als Übermutter zu Tage; sie ist diejenige, die Karl gerne versorgen würde.
113
BA I/2, S. 252
114
BA I/3, S. 215
115
BA I/3, S. 218
116
BA I/3, S. 218
117
BA I/3, S. 218
27
Schmidts Frauenfiguren in den besprochenen Romanen sind vom Typus a) durchtriebene und etwas naive „Unschuld“ vom Land (Thalja in der
Gelehrterepublik),
b) spröde moderne, intellektuell durchaus interessierte, mit beiden Beinen fest im Berufsleben stehende Frau aus der Stadt (Hertha) und c) die etwas unsensible rüstige, Respekt einflößende 60-jährige Landfrau. Gemeinsam ist allen Dreien, dass sie intellektuell dem jeweiligen (männlichen) Protagonisten weit unterlegen sind.
7. Extro
Arno Schmidt war einer der am wenigsten gelesenen und zurückgezogensten Autoren der Nachkriegszeit. Trotz eines enormen Arbeitspensums konnte er lange Zeit kaum von seinen Erzeugnissen leben. Erst 1973, als er, fast 60 Jahre alt, den mit 50.000 DM dotierten Goethe-Preis der Stadt Frankfurt erhielt, besserten sich seine bescheidenen Verhältnisse langsam. Ab 1977 stand ihm der Multimillionär Jan Philipp Reemtsma als Mäzen zur Seite. Diese Veränderungen in seinem Leben konnte er nicht mehr lange genießen. Arno Schmidt starb 1979, 65- jährig, an den Folgen eines Gehirnschlages.
28
Einigermaßen bekannt wurde er 1970 mit dem Erscheinen von
Zettels Traum.
Nicht, weil das gewichtige Buch so viel gekauft und gelesen wurde, sondern eher seines Umfanges (1334 Seiten DIN A3), seines Preises und der Begleiterscheinungen der Veröffentlichung (es kam zu einem stark verkleinerten Raubdruck in Berlin) wegen. Für Aufregung sorgte er auch mit Sprüchen, wie dem folgenden, anlässlich der Verleihung des Goethe-Preises:
„Sei es noch so unzeitgemäß und unpopulär; aber
ich
weiß, als einzige Panacee, gegen Alles, immer nur >Die Arbeit< zu nennen; und was speziell das anbelangt, ist unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend, mit nichten überarbeitet, vielmehr typisch
unterarbeitet:
ich kann das Geschwafel von der >40=Stunden=Woche< einfach nicht mehr hören :
meine
Woche hat immer 100 Stunden gehabt; und >Zettels Traum< 25.000 erfordert ! - es war ein großer Tag, als er fertig war.“
118
Auch Schmidts letzter geschriebener Satz (in dem Fragment gebliebenen Text
„Julia, oder die Gemälde“)
beschäftigt sich mit dem Thema Arbeit:
„
****************************
Nachbemerkung:
Die Zitate wurden grundsätzlich kursiv wiedergegeben; im Original kursive Zitate wurden in offener Schrift angeführt. Die Zeichen „<“ und „>“ sind im Original zumeist kleiner. Benützte Literatur:
Ernst Korn:
Erlebnis Literatur. München: Manz, 1987
Thomas Lautwein:
Richters Traum in „Kaff“, Bargfelder Bote 156-157. München: edition text & kritik (August 1991)
Barbara Malchow:
„Schärfste Wortkonzentrate.“ Untersuchung zum Sprachstil Arno Schmidts. München: Edition Text + Kritik 1980
Wolfgang Martynkewicz:
Arno Schmidt. Reinbek: Rowohlt 1992 (rowohlts monographien 484)
Götz Müller:
Utopie und Robinsonade bei Arno Schmidt. In Text + Kritik Nr. 20/20a (hg. von Heinz Ludwig Arnold), 4. Auflage: Neufassung
Friedrich P. Ott:
Aufnahme und Verarbeitung literarischer Traditionen im Werk Arno Schmidts. In: Michael schardt/ Hartmut Vollmer (Hg.): Arno Schmidt. Leben - Werk - Wirkung. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch, 1990 (Sachbuch 8737)
118
Arno Schmidt: Dankadresse zum GoethePreis 1973. in: Reemtsma/Rauschenbach (Hg.): Der Rabe. Magazin für jede Art von Literatur. Nr. 12. Bargfeld, Zürich: Arno Schmidt Stiftung, Haffmanns 1985, S.29
119
zitiert nach Wolfgang Martynkewicz: Arno Schmidt.
29
Wolfgang Proß:
Arno Schmidt (Autorenbücher 15). München: Beck; Edition Text & Kritik 1980
Bernd Rauschenbach(Hg.):
Arno Schmidts Wundertüte. Bargfeld, Zürich :Arno Schmidt Stiftung, Haffmanns 1989
Arno Schmidt:
Werke. Studienausgabe. Bd. 1/1: Enthymes. Leviathan. Gadir. Alexander. Brand´s Haide. Schwarze
Spiegel. Die Umsiedler. Aus dem Leben eines Fauns. Seelandschaft mit Pocahontas. Kosmas. Zürich: Haffmanns
2
1992
Arno Schmidt:
Werke. Studienausgabe. Bd. 1/2: Das steinerne Herz. Tina. Goethe. Die Gelehrtenrepublik. Zürich: Haffmanns
2
1992
Arno Schmidt:
Werke. Studienausgabe. Bd. 1/3: Kaff auch mare crisium. Ländliche Erzählungen. Zürich. Haffmanns
2
1992
Arno-Schmidt-Brief-Edition,
Bd. 1: Der Briefwechsel mit Alfred Andersch. 2., verbesserte Auflage. Zürich: Haffmanns 1986
Arno-Schmidt-Brief-Edition,
Bd. 2: Der Briefwechsel mit Wilhelm Michels. Zürich: Haffmanns 1987
Arno-Schmidt-Brief-Edition,
Bd. 3: Der Briefwechsel mit Eberhard Schlotter. Zürich: Haffmanns 1991
Arno Schmidt:
Berechnungen I. In: ders.: Aus julianischen Tagen. Frankfurt 1979. Fischer Taschenbuch Verlag
Arno Schmidt:
Dankadresse zum GoethePreis 1973. in: Reemtsma/Rauschenbach (Hg.): Der Rabe. Magazin für jede Art von Literatur. Nr. 12. Bargfeld, Zürich: Arno Schmidt Stiftung, Haffmanns 1985
Arno Schmidt:
„>WAHRHEIT< - ?“, seggt Pilatus, un grifflacht ........ in: ders.: Deutsches Elend. 13 Erklärungen zur Lage der Nationen. Zürich. Haffmanns 1985 (3. Auflage); zuerst in: Die Zeit, 19.7. 1963
Hartwig Suhrbier:
Zur Prosatheorie von Arno Schmidt. München: Edition Text u. Kritik 1980
Arbeit zitieren: Forstner Josef, 2001, Schmidt, Arno - Die Gelehrtenrepublik (1957) und KAFF auch mare crisium (1960) - Vom Ein- zum Zweispaltenbuch in drei Jahren., München, GRIN Verlag GmbH Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden: Einbetten DOI Utopie als alternative Ordnung - Hermann Hesses "Glasperlenspiel&... Examensarbeit, 108 Seiten Ein empathisches Erzählspiel gegen Stagnation Erzählzweck und –vollzug in Ch... Germanistik - Neuere Deutsche Literatur Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten Die Denkmalpflege um 1900 am Beispiel des Ottheinrichbaus des Heidelbe... Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege Seminararbeit, 11 Seiten Das lyrische Werk von Konrad von Würzburg Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik Hausarbeit, 27 Seiten Zur Theorie des Dokumentarfilms Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen Hausarbeit (Hauptseminar), 12 Seiten Christian Schad und Otto Dix - Porträts in der Neuen Sachlichkeit Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten Kommunikation im und durch den "Goldenen Spiegel" von C.M. W... Germanistik - Neuere Deutsche Literatur Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten "Halt`s Maul und mach was!!!" Das satirische Gesellschaftsbi... Germanistik - Neuere Deutsche Literatur Seminararbeit, 14 Seiten Utopia in Dystopia? - Untersuchungen zum utopischen Potenzial von Gege... Literaturwissenschaft - Allgemeines Bachelorarbeit, 54 Seiten Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten Differenzierung des Bürgertums in J.E.Schlegels 'Die Stumme Schönh... Germanistik - Neuere Deutsche Literatur Zwischenprüfungsarbeit, 16 Seiten Symbole und Leitmotive im "Helmbrecht" Wernhers des Garten... Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik Seminararbeit, 23 Seiten Friedrich Schillers Haltung zur Französischen Revolution Stellungsnahme zur Revolution ... Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft Seminararbeit, 30 Seiten Schmidt, Arno - Joyce-Rezeption 1956 - 1970 mit einem komparatistische... Facharbeit (Schule), 55 Seiten Forstner Josef hat den Text Schmidt, Arno - Die Gelehrtenrepublik (1957) und KAFF auch mare crisium (1960) - Vom Ein- zum Zweispaltenbuch in drei Jahren. veröffentlicht Forstner Josef hat einen neuen Text hochgeladen Arno Schmidt als Fotograf / Arno Schmidt, Photographer Entwicklung eines Bildbewussts... Janos Frecot am Anfang zu schreibm, und das
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