Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 1
2. Die ursprüngliche Phillips-Kurve 2
3. Die modifizierte Phillips-Kurve 3
3.1 Die Bedeutung der Phillips-Kurve für die Politik 4
3.2 Die modifizierte Phillips-Kurve in den sechziger Jahren 4
3.3 Das Problem der Stagflation 5
4. Die Kritik von FRIEDMAN und PHELPS 6
4.1 Die „Geldillusion“ und exogene Erwartungen 6
4.2 Exogene vs. adaptive Erwartungen 7
5. Der kurzfristige trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit 8
6. Erwartungsbildung in makroökonomischen Modellen 10
6.1 Die Autoregressive Erwartung 10
6.2 Die Rationale Erwartung 10
6.3 Rationale Erwartungen und der kurzfristige trade-off 11
7. Die moderne Form der Phillips-Kurve 12
7.1 Die zyklische Arbeitslosigkeit 12
7.2 Der Angebotsschock 12
8. Abschließende Bemerkungen 13
1. Einführung
Die Phillips-Kurve entspringt einer empirischen Arbeit von ARTHUR W. PHILLIPS aus dem Jahre 1958 1 . Diese Arbeit beschäftigte sich mit dem empirischen Zusammenhang zwischen der Unterbeschäftigung und der Änderungsrate der Nominallöhne in Großbritannien für den Zeitraum von 1861 bis 1957. Auf diesen Zusammenhang wurde bereits in viel früheren Schriften hingewiesen, aber PHILLIPS gab dieser Diskussion den entscheidenden Impuls 2 . Obwohl die Tatsache, dass Löhne bei niedriger Arbeitslosigkeit schneller steigen und vice versa keine Aufsehen erregende Entdeckung zu sein scheint, fand der Aufsatz von PHILLIPS eine bemerkenswerte Resonanz. K. W. ROTHSCHILD sieht den Hauptgrund für diesen „durchschlagenden Erfolg“ darin, dass PHILLIPS auf einem Gebiet, auf dem die traditionellen ökonomischen Theorien bis dahin nichts auszusagen hatten, etwas solides anbot. Es mag seltsam klingen, aber die traditionelle Ökonomie hatte praktisch nichts über das Lohnverhalten auszusagen. Die auf der Grenzproduktivität aufbauende neoklassische Lohntheorie hielt an der Dichotomie zwischen Real-und Monetärphänomenen fest. Lohntheorie war Reallohn- und Gleichgewichts-theorie in einem. War der Reallohn bestimmt, so spiegelte der Geldlohn nur monetäre Einflüsse auf die Nominalwerte wider 3 .
Die Arbeit von PHILLIPS hatte jedoch auch aus anderen Gründen eine so außergewöhnliche Wirkung. Dazu zählten z.B. die intensiven Untersuchungen dieses speziellen Problems, die sich besonders durch die langfristige Betrachtung auszeichneten. Des Weiteren schien er eine konstante Beziehung zwischen den Nominallöhnen und der Unterbeschäftigung gefunden zu haben. Und schließlich könnte seine Analyse - die langfristige Zuverlässigkeit seiner Ergebnisse vorausgesetzt - ein äußerst wichtiges Instrument für wirtschaftspolitische Entscheidungen werden.
1 PHILLIPS (1958), The Relation between Unemployment and the Rate of Change of Money
Wages in the United Kingdom, 1861-1957; Economica, Vol. 25, S. 283-299.
2 Vgl. FELDERER/HOMBURG (1994), Makroökonomik und neue Makroökonomik, S. 264.
3 Vgl. ROTHSCHILD (1971), The Phillips Curve and All That; Scottish Journal of Political
Economy (Scottish Economic Society), Vol. 18, S. 245-280.
2. Die ursprüngliche Phillips -Kurve
Betrachtet werden soll zunächst die ursprüngliche Phillips-Kurve für das vereinte Königreich. P HILLIPS setzte die durchschnittliche Arbeitslosenquote und die durchschnittliche Änderungsrate der Nominallöhne für die Jahre 1861-1957 in Beziehung miteinander. Seine Hauptergebnisse werden in folgender Abbildung zusammengefasst:
0
Die drei wesentlichen Merkmale der Phillips-Kurve sind ihre negative Steigung, die hyperbolische Form und der Schnittpunkt mit der Abszisse bei u 6%. Wobei u die Arbeitslosenquote (unemployment) und w'/w die Änderungsrate der Löhne (wages) darstellt.
Daraus folgt, dass sich bei einer Arbeitslosenrate von ca. 6% stabile Nominallö hne einstellen. Die Änderungsrate w'/w ist in diesem Fall dann gleich Null. Bei steigender Arbeitslosigkeit sinkt also die Änderungsrate der Löhne, bei sinkender Arbeitslosigkeit steigt sie.
Die Änderungsrate der Löhne w'/w können wir auch als Rate der Lohninflation ù wie folgt schreiben: ù = (W-W -1 )/W -1
W sei der Lohn der laufenden Periode und W -1 der Lohn der vorhergehenden Periode. Bezeichnen wir die natürliche Arbeitslosenquote mit u * , dann können wir die ursprüngliche Phillips-Kurve als
ù = -å(u - u * )
schreiben, wobei å die Reaktion der Löhne auf die Arbeitslosigkeit misst. Übersteigt die Arbeitslosenquote die natürliche Quote, d.h., wenn u > u * gilt, dann sinken die Löhne. Umgekehrt steigen die Löhne, wenn die Arbeitslosigkeit unterhalb der natürlichen Rate lie gt.
PHILLIPS‘ Untersuchung wurde durch RICHARD G. LIPSEY analytisch verfeinert und im wesentlichen gestützt 4 . Die zentrale Aussage dieses berühmten und scharfsinnigen Artikels, der sehr kurz nach PHILLIPS‘ Studie erschien, liegt in der langfristigen Stabilität des Zusammenhanges von Lohnänderung und Arbeitslosigkeit 5 .
3. Die modifizierte Phillips -Kurve
Weitere Diskussionen um die Phillips-Kurve wurden durch einen Aufsatz von PAUL A. SAMUELSON und ROBERT M. SOLOW aus dem Jahre 1960 entfacht 6 . SAMUELSON und SOLOW übertrugen PHILLIPS‘ Analyse auf das Gebiet der Inflationspolitik. Sie ersetzten die Änderungsrate des Geldlohnes durch die Inflationsrate, also die Änderungsrate des Preisniveaus.
Dieser Übergang von der ursprünglichen zur modifizierten Phillips-Kurve basiert auf der Annahme, dass jeder Prozentpunkt Nominallohnsteigerung, der über die mit durchschnittlich 2,5% angenommene Produktivitätssteigerung hinausgeht, von den Unternehmen in den Preisen weitergegeben wird und in entsprechenden
4 LIPSEY (1960), The Relation between Unemployment and the Rate of Change of Money
Wages in the United Kingdom, 1861-1957 - A Further Analysis; Economica 27, S. 1-37.
5 Vgl. FELDERER/HOMBURG (1994), Makroökonomik und neue Makroökonomik, S. 265.
6 SAMUELSON und SOLOW (1960), Analytical Aspects of Anti-Inflation Policy; American
Economic Review, Papers and Proceedings, Vol. 50, S. 177-194.
Preisniveausteigerungen zum Ausdruck kommt. Die Vorgänge auf dem Arbeitsmarkt determinieren somit unmittelbar die Entwicklung des Preisniveaus 7 . Diese zu einem Inflations-Arbeitslosenratendiagramm modifizierte Phillips-Kurve nannten SAMUELSON und SOLOW eine „Speisekarte“ (menu of choice) für wirtschaftspolitische Entscheidungen. Eine verlässliche Phillips-Gleichung würde den Politikern helfen zu erkennen, wieviel Preisstabilität man opfern muss, um eine höhere Beschäftigung zu erhalten und umgekehrt. Die Phillips-Kurve zeigte den „trade-off“ zwischen Vollbeschäftigung und Preisstabilität.
3.1 Die Bedeutung der Phillips -Kurve für die Politik
Die Politiker und Regierungen begrüßten die Theorie der Phillips-Kurve. Endlich schien es ein brauchbares Instrument für höchst wichtige wirtschaftspolitische Entscheidungen zu geben. Der trade-off implizierte, dass der Staat scheinbar zwischen hoher Arbeitslosigkeit und hoher Inflation wählen könnte. Sätze wie: „Lieber ein Prozent mehr Inflation als ein Prozent mehr Arbeitslosigkeit“, waren und sind auch in heutiger Zeit keine Seltenheit. Bei einigen Politikern und Journalisten herrscht scheinbar immer noch die naive Vermutung, dass die Wahl zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit eine Art „Nullsummenspiel“ sei 8 .
3.2 Die modifizierte Phillips -Kurve in den sechziger Jahren Um die damalige Begeisterung der Politiker zu verstehen, wenden wir uns jetzt einmal der Entwicklung der Inflations- und Arbeitslosenrate in den sechziger Jahren zu. Als Beispiel soll uns die Entwicklung in den Vereinigten Staaten dienen.
7 Vgl. CASSEL (1988), Vahlens Kompendium der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik,
Bd. 1, S. 271.
8 Vgl. FELDERER/HOMBURG (1994), Makroökonomik und neue Makroökonomik, S. 266.
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Betrachtet man die Situation in den Vereinigten Staaten, dann wird recht deutlich klar, wieso die Phillips-Kurve sehr schnell zu einem Eckstein der makroökonomischen Politikanalyse wurde 9 . Der trade-off und die damit verbundene „Speisekarte“ von der man die verschiedenen Preissteigerungs- und die ihnen entsprechenden Arbeitslosenraten ablesen konnte, schien zu funktionieren. Wirtschaftspolitiker und Regierungen der meisten entwickelten industriellen Marktwirtschaften setzten von nun an die Phillips-Kurve als Instrument zur wirtschaftspolitischen Entscheidungsfindung ein. Es sollte jedoch schon bald ein empirisches Faktum auftauchen, welches den langfristig stabilen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit fragwürdig erscheinen lassen würde. Bei die sem empirischen Faktum handelte es sich um die Stagflation.
3.3 Das Problem der Stagflation
Die Skepsis an einem langfristig stabilen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit wurde durch die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung während der siebziger Jahre in fast allen westlichen Industriestaaten bestätigt. Die zeitweise sehr hohe Inflation war nicht mit weniger Arbeitslosigkeit, sondern insbesondere in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre mit wesentlich mehr Arbeits-
9 Vgl. DORNBUSCH/FISCHER (1995), Makroökonomik, S.259.
losigkeit verbunden 10 . Das gleichzeitige Auftreten von hoher Inflation und hoher Arbeitslosigkeit stellte die Existenz der Phillips-Kurve in Frage. Allein eine Verschiebung der Phillips-Kurve konnte die Stagflation erklären. Kann sich die Phillips-Kurve jedoch jederzeit verschieben, dann verliert sie ihren Wert als wirtschaftspolitisches Entscheidungsinstrument. An genau diesen Punkten setzt die Kritik von MILTON FRIEDMAN und EDMUND S. PHELPS an.
4. Die Kritik von FRIEDMAN und PHELPS
Interessant ist, dass MILTON FRIEDMAN und EDMUND S. PHELPS bereits Ende der sechziger Jahre erhebliche Zweifel an dem in der Phillips-Kurve erfassten tradeoff äußerten 11 . Ihre Kritik richtete sich vor allem gegen den langfristig stabilen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Sie argumentierten, dass die negativ steigende Phillips-Kurve eine Art „Geldillusion“ auf Arbeitnehmerseite voraussetzt. Da diese „Geldillusion“ jedoch nur kurzfristig relevant sei, gebe es keinen dauerhaften trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. F RIEDMAN und PHELPS stellten die These auf, dass die langfristige Phillips-Kurve senkrecht verlaufe 12 .
4.1 Die „Geldillusion“ und exogene Erwartungen
Betrachten wir zunächst das Argument, dass die negativ steigende Phillips-Kurve eine „Geldillusion“ auf Arbeitnehmerseite voraussetzt. Diese „Geldillusion“ b edeutet, dass die Arbeitnehmer ihr Angebot und ihre Lohnforderungen am erwarteten Preisniveau ausrichten. Sieht man dieses erwartete Preisniveau (p e ) bzw. die erwartete Inflationsrate als exogen an (p e ), dann hängt das Arbeitsangebot (L s ) vom Nominallohn (w) ab:
10 Vgl. DIECKHEUER (1995), Makroökonomik: Theorie und Politik, S. 362.
11 Vgl. FRIEDMAN (1968), The Role of Monetary Policy; American Economic Review,
Vol. 58 und PHELPS (1967), Phillips Curve, Expectations of Inflation and Optimal
Unemployment Over Time; Economica, Vol. 34 S. 254-281.
12 Vgl. FELDERER/HOMBURG (1994), Makroökonomik und neue Makroökonomik, S. 266.
L s = L s (w/p e ) ⇒ L s = L s (w), wenn p e = p e
Gleichzeitig unterstellen wir, dass die Arbeitsnachfrage (L d ) vom tatsächlichen Preisniveau (p) abhängt: L d = L d (w/p)
Steigt nun das Preisniveau bei unverändertem Nominallohn, wird die Arbeitsnachfrage zunehmen. Das Angebot dagegen bleibt unverändert. Sind zu einem b estimmten Zeitpunkt nicht alle Arbeitnehmer beschäftigt, dann hat die Geldpolitik die Möglichkeit über eine Geldmengenexpansion und die damit verbundenen steigenden Preise einen Anstieg der Beschäftigung zu bewirken. Diese exogenen Preisniveauerwartungen der Arbeitnehmer erklären den negativen Verlauf der Phillips-Kurve. Ohne diese exogenen Erwartungen, die wir als eine spezifisch Keynesianische Hypothese ansehen müssen, ließe sich die langfristige Existenz der Phillips-Kurve kaum begründen 13 .
4.2 Exogene vs. adaptive Erwartungen
Genau diese Annahme exogener Erwartungen kritisierten FRIEDMAN und PHELPS. Sie bezeichneten diese Annahme für nicht besonders realistisch, da man eher davon ausgehen müsse, dass die Arbeitnehmer mit der Zeit aus den Inflationserwartungen lernen. FRIEDMAN und PHELPS gingen deshalb von einer adaptiven Erwartungsbildung der Arbeitnehmer aus. Die adaptive Erwartungsbildung ist die b ekannteste Hypothese der Autoregressiven Erwartung. Sie beschreibt einen Lernprozess, bei dem der Erwartungswert der Vorperiode um einen Teil des Erwartungsirrtums der Vorperiode korrigiert wird und der so korrigierte Wert die Erwartung für die l aufende Periode beschreibt. Übertragen auf die Theorie der Phillips-Kurve bedeutet das, dass die Arbeitnehmer ihre Erwartungen allmählich an die tatsächliche Inflationsrate anpassen und entsprechend höhere Lohnzuschläge zum Ausgleich des Kaufkraftverlustes fordern 14 . Laut Monetaristischer Theorie
13 Vgl. FELDERER/HOMBURG (1994), Makroökonomik und neue Makroökonomik, S. 267.
14 Vgl. FELDERER/HOMBURG (1994), Makroökonomik und neue Makroökonomik, S. 267.
besteht also kein langfristiger trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit, wohl aber ein kurzfristiger trade-off.
5. Der kurzfristige trade -off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit Betrachtet werden soll nun der kurzfristige trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit sowie die Optionen, die die Phillips-Kurve einem Wirtschaftspolitiker tatsächlich gibt.
Da die Inflationserwartung der Arbeitnehmer bereits feststeht kann sie von der Wirtschaftspolitik nicht direkt gesteuert werden. Die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger können Produktion und Beschäftigung jedoch via Geld- und Fiskalpolitik beeinflussen. Eine Möglichkeit die Arbeitslosigkeit zu verringern ist die Ausdehnung der Gesamtnachfrage. Eine expansive Geldpolitik hat allerdings eine erhöhte Inflation zur Folge. Umgekehrt führt eine gedämpfte Gesamtnachfrage, um die Inflation zu verringern, zu einer höheren Arbeitslosigkeit 15 . Die folgende Abbildung zeigt den kurzfristigen trade-off zwischen Inflation (ð) und Arbeitslosigkeit (u), der sich aus der Phillips-Kurve ergibt:
ð e
Kurzfristig existiert eine negative Beziehung zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Die Wirtschaftspolitik kann die Gesamtnachfrage manipulieren und so eine
15 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 408.
beliebige Kombination von Inflation und Arbeitslosigkeit wählen, die auf dieser Kurve, die auch als kurzfristige Phillips-Kurve bezeichnet wird, liegt. Eine wic htige Rolle bei der Lage der kurzfristigen Phillips-Kurve spielt die erwartete Inflationsrate (ð e ). Nehmen die Inflationserwartungen zu, dann verschiebt sich die Kurve nach oben und das trade-off-Verhältnis verschlechtert sich, da die Inflationsrate für jedes Niveau der Arbeitslosigkeit höher ist als zuvor 16 . Die nachfolgende Abbildung zeigt die Auswirkungen der erwarteten Inflationsrate auf den kurzfristigen trade-off:
Der trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit existiert nur kurzfristig, da die Wirtschaftssubjekte ihre Inflationserwartungen im Zeitverlauf anpassen. Die tatsächliche Inflationsrate kann durch die Wirtschaftspolitik nicht auf Dauer über der erwarteten Inflationsrate gehalten werden u nd damit die Arbeitslosigkeit unterhalb ihres natürlichen Niveaus, so dass sich die Erwartungen letztlich an jede beliebige von der Wirtschaftspolitik gewählte Inflationsrate anpassen. Langfristig gilt wieder die klassische Dichotomie, die Arbeitslosigkeit kehrt auf ihr natürliches Niveau zurück, und es gibt keinen trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit 17 .
16 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 408.
17 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 408, 409.
6. Erwartungsbildung in makroökonomischen Modellen
In den vorangegangenen Ausführungen wurde deutlich, dass die Inflationserwartungen den kurzfristigen trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit entscheidend beeinflussen. Es stellt sich daher die Frage, wie die Wirtschaftssubjekte ihre Erwartungen eigentlich bilden. Die Bildung exogener Erwartungen, ohne die sich die langfristige Existenz der Phillips-Kurve gar nicht oder kaum begründen ließe, wurde bereits erklärt. Es existieren jedoch noch zwei weitere Erwartungshypothesen: Die Autoregressive Erwartung und die Rationale Erwartung.
6.1 Die Autoregressive Erwartung
Bei der Autoregressiven Erwartung werden die Erwartungen bezüglich einer bestimmten Variablen (wie z.B. der Inflation) aus den Vergangenheitswerten dieser Variablen abgeleitet. Die bekannteste Hypothese dieser Klasse ist die adaptive Erwartungsbildung. F RIEDMAN und P HELPS gingen von einer solchen adaptiven Erwartungsbildung der Arbeitnehmer aus, da sie annahmen, dass die Arbeitgeber mit der Zeit aus den Inflationserwartungen lernen und diese korrigieren würden. Diese angenommene Erwartungsbildung der Arbeitnehmer (und die empirische Beobachtung der Stagflation) hatte zur Folge, dass das Modell der langfristigen Phillips-Kurve falsifiziert wurde.
6.2 Die Rationale Erwartung
Bei der Rationalen Erwartung wird das ökonomische Optimierungskalkül auf die Erwartungsbildung übertragen. Die Theorie rationaler Erwartungen setzt voraus, dass die einzelnen Wirtschaftssubjekte das relevante Modell der Ökonomie und dessen Struktur kennen. In der Praxis bedeutet das, dass die Wirtschaftssubjekte alle ihnen zur Verfügung stehenden Informationen optimal nutzen, um Prognosen über die Zukunft aufstellen zu können. Diese Prognosen über die Zukunft schließen auch die erwartete Inflation ein. Es bleibt daher zu klären, wie der kurzfristige trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit von den rationalen Inflationser- wartungen beeinflusst wird.
6.3 Rationale Erwartungen und der kurzfristige trade -off Vertreter der rationalen Erwartungen behaupten, dass die verfügbaren Optionen der wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger durch die kurzfristige Phillips-Kurve nicht akkurat beschrieben werden 18 . Praktiziert die Wirtschaftspolitik eine glaubhafte Disinflationspolitik, dann werden die Wirtschaftssubjekte ihre Inflationserwartungen schnell nach unten korrigieren, da die rationale Erwartungsbildung systematische Fehler ausschließt. Eine niedrige Inflationserwartung verschiebt, wie weiter oben bereits gezeigt, den kurzfristigen trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit nach unten. Daraus folgt, dass eine niedrigere Inflationsrate ohne eine höhere Arbeitslosenrate möglich ist. Der genau umgekehrte Effekt wird durch eine Ausweitung der Geldmenge ausgelöst. Eine der am häufigsten verwendeten rationalen Erwartungshypothesen ist der Zusammenhang zwischen der Wachstumsrate der nominellen Geldmenge und der erwarteten Inflationsrate. Entspricht die erwartete Inflationsrate der Wachstumsrate der nominellen Geldmenge und werden die Inflationserwartungen auf rationaler Entscheidungsbasis gebildet, dann bewirkt eine Erhöhung des Geldmengenwachstums bereits kurzfristig den erwarteten Inflationsanstieg. Die von den Wirtschaftssubjekten gebildeten Inflationserwartungen werden somit alsbald bestätigt 19 . Obwohl auch der Ansatz rationaler Erwartungen umstritten ist, stimmen fast alle Ökonomen darin überein, dass Inflationserwartungen, die Betonung liegt hier auf Erwartungen, den kurzfristigen trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit beeinflussen 20 . Es wird recht schnell deutlich welche zentrale Rolle die Erwartungsbildung in makroökonomischen Modellen spielt.
7. Die moderne Form der Phillips -Kurve
Nachdem die Lohnsteigerungsrate (ù) durch die Inflationsrate (ð) ersetzt und die Inflationserwartungen (ð e ) der Wirtschaftssubjekte mit einbezogen wurden, soll
18 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 411.
19 Vgl. DIECKHEUER (1995), Makroökonomik: Theorie und Politik, S. 373, 374.
20 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 412.
nun die um einen Angebotsschock erweiterte moderne Phillips-Kurve betrachtet werden. Wir können die moderne Phillips-Kurve als
ð = ð e - â(u-u * ) + á
schreiben, wobei â ein Parameter ist, der die Reaktion der Inflation auf die zyklische Arbeitslosigkeit erfasst und á für den Angebotsschock steht. Diese Gleichung fasst die Beziehung zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit zusammen. Auf eine Ableitung der Phillips-Kurve aus der Gleichung für das Gesamtangebot wird an dieser Stelle verzichtet. Statt dessen sollen die zyklische Arbeitslosigkeit â(u-u * ) und der Angebotsschock á betrachtet werden.
7.1 Die zyklische Arbeitslosigkeit
Die z yklische Arbeitslosigkeit - die Abweichung der Arbeitslosigkeit von ihrem natürlichen Niveau - übt auf die Inflationsrate einen Druck nach oben oder nach unten aus. Die Inflationsrate nimmt tendenziell zu, wenn die Arbeitslosigkeit unterhalb ihres natürlic hen Niveaus liegt. Man spricht in diesem Zusammenhang von einer Nachfragesoginflation (demand-pull inflation), weil die Inflation auf die hohe Gesamtnachfrage zurückzuführen ist. Umgekehrt nimmt die Inflationsrate tendenziell ab, wenn die Arbeitslosigkeit oberhalb ihres natürlichen Niveaus liegt 21 .
7.2 Der Angebotsschock
Die Erweiterung der Phillips-Kurve um den Angebotsschock geht auf die sie bziger Jahre zurück. In den siebziger Jahren verursachte die OPEC, die Organisation Erdölexportierender Staaten, ein starkes Ansteigen des Welterdölpreises und lenkte damit die Aufmerksamkeit der Wirtschaftswissenschaftler auf die Bedeutung von Angebotsschocks 22 .
21 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 406.
22 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 404.
Die Inflationsrate kann auch aufgrund eines solchen Angebotsschocks steigen oder sinken. Ein nachteiliger Angebotsschock ist durch einen positiven Wert von á gekennzeichnet und führt zu einer Zunahme der Inflationsrate. Diesen Zusammenhang zwischen Angebotsschock und Inflation bezeichnet man als Kostendruckinflation (cost-push inflation), da ungünstige Angebotsschocks, wie z.B. die Erhöhung der Weltmarktpreise für Erdöl in den siebziger Jahren, die Produktionskosten in die Höhe treiben. Umgekehrt führt ein günstiger Angebotsschock (durch einen negativen Wert von á gekennzeichnet) zu einem Rückgang der Inflationsrate 23 .
8. Abschließende Bemerkungen
Abschließend kann man sagen, dass die nun schon über 30 Jahre andauernde i ntensive Diskussion um die Phillips-Kurve gezeigt hat, dass sich die ursprüngliche Hoffnung auf eine verlässliche und eindeutige Beziehung in einem wichtigen Gebiet der Ökonomie nicht erfüllt hat. Wenn die Vorstellung von einer „Speisekarte“ von der die verschiedenen Preissteigerungs- und die ihnen entsprechenden Arbeitslosenraten abgelesen werden können auch sehr verlockend war, so musste man sic h spätestens in den siebziger Jahren von dieser Wunschvorstellung verabschieden. Es liegt auf der Hand, dass die Theorie der Phillips-Kurve mit ihrer Idee des kurzfristigen trade-offs und der Verschiebung der Kurve ein brauchbares Element in der Inflations-Beschäftigungs-Debatte sein kann, aber nicht sein muss. Meiner Meinung nach ist die Phillips-Kurve als wirtschaftspolitisches Entscheidungsinstrument völlig ungeeignet.
23 Vgl. MANKIW (2000), Makroökonomik, S. 406.
Literaturverzeichnis
Cassel, Dieter in Vahlens Kompendium der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, Band 2, 3. Auflage, München 1988
Dieckheuer, Gustav Makroökonomik: Theorie und Politik, 2. Auflage, Berlin u.a.O. 1995
Dornbusch, Rüdiger Makroökonomik, Fischer, Stanley 6. Auflage, München/Wien 1995
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Friedman, Milton „The Role of Monetary Policy“ in American Economic Review, Vol. 58, 1968
Lipsey, Richard „The Relation between Unemployment and the Rate of Change of Money Wages in the United Kingdom, 1861-1957 - A Further Analysis“ in Economica, Vol. 27, 1960
Mankiw, N. Gregory Makroökonomik, 3. Auflage, Wiesbaden 2000
Phelps, Edmund „Phillips Curve, Expectations of Inflation and Optimal Unemployment Over Time“ in Economica, Vol. 34, 1967
Phillips, Arthur „The Relation between Unemployment and the Rate of Change of Money Wages in the United Kingdom, 1861-1957“ in Economica, Vol. 25, 1958
Rothschild, K.W. „The Phillips Curve and All That“ in Scottish Journal of Political Economy (Scottish Economic Society), Vol. 18, 1971
Samuelson, Paul „Analytical Aspects of Anti-Solow, Robert Inflationpolicy“ in American Economic Review, Papers and Proceedings, Vol. 50, 1960
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