natürlich eine ganz andere als zu Muthesius' Zeiten. Der ökonomische Druck war durch die seit Jahren von Rezession geprägte wirtschaftliche Lage erheblich höher. Auch die politische Lage war sicher nicht als ideal zu bezeichnen. Für die Realisierung eines Projektes dieser Art jedoch sicher von Vorteil, wenn man es geschickt zu verkaufen wusste. In dem Heft ÿDie volkspolitische und volkswirtschaftliche Bedeutung des vorstädtischen Kleinhauses" (1938, H. Frank) beweist Hermann Frank, dass er eben dazu in der Lage war.
Trotz antisemitischer Bemerkungen und fragwürdiger politischer Phrasen, die man wohl als zeitüblich betrachten muss, gelangt es in diesem Heft die Grundidee der Siedlung der interessierten Leserschaft nahe zu bringen. Allen Anfeindungen und politisch fragwürdigen Vorwürfen der Nachbarn zum trotze setzten sich die Bauherren, die Gebrüder Frank, durch.
Typisierung und Gleichwertigkeit der einzelnen Wohneinheiten waren daher auch das prägende Thema in Klein-Borstel. Das Auflösen einer architektonischen Hierarchie innerhalb der Siedlung zugunsten eines einheitlichen Erscheinungsbildes wurde, unter Berücksichtigung der später sich verändernden und wachsenden Grünelemente, betrieben. Die Kostenersparnisse, die durch die Typisierung der Bauteile erreicht wurde, trugen erheblich zum späteren Erfolg des Bauvorhabens bei. Doch vielleicht ist es auch gerade die Sorgfalt mit der die Freiflächenplanung der öffentlichen Bereiche bis ins Detail festgelegt wurde. Dies unter Berücksichtigung des individuellen Gestaltens der jeweiligen Garteneinheit, was dazu führt, dass die ÿFranksche Siedlung" bis heute einen nicht nur für die Bewohner ersichtlichen Charme und großen Identifikationswert hat.
Geschichtlicher Rückblick
Geologisch ist Klein-Borstel auf einer Anhöhe, einem Geestrücken der letzten Eiszeit, gelegen. Diese Erhebung wird im Norden durch den Alsterlauf natürlich durchbrochen. Eine land-schaftlich interessante, sanft abfallende Bewegung des Geländes zur Alster ist die Folge.
Das sich stetig ausweitende Hamburger Besiedlungsgebiet erreichte die Gegend von Klein-Borstel erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Das bis dahin rein ländlich geprägte Gebiet bestand aus Feldern mit Knickbegrenzung, kleinen Eichenwäldern, Einzelgehöften und dem landschaftlich reizvollen Alsterlauf. Ein typisches, ländliches Idyll der Walddörfer, die bis dahin einen Teil der Nahrung der innerstädtischen Bevölkerung produzierten. Lediglich die von Ohlsdorf kommende, in Richtung des Gutes führende, Wellingsbüttler Landstrasse durchzog das Gebiet. Ansonsten waren nur Feldwege zur Erschließung der Felder vorhanden.
Die ersten ÿHamburger Aussiedler" waren meist wohlhabende Familien der Bourgosie, des Großbürgertums, die sich entlang der schon beschriebenen Wellingsbüttler Landstrasse, direkt am Alstertal, ihre meist recht großzügigen Wohnhäuser errichteten. Diese Art der Bebauung hat in diesem Bereich bis heute prägenden Charakter.
Die Anlage der S-Bahntrasse inklusive der Bahnstation ÿKornweg/Klein-Borstel" im Jahr 1916 zerschnitt die bis dahin natürlich erhaltene Topographie des Geländes. Der 1921 folgende Bau der Hochbahnlinie und des Bahnhofs ÿKlein-Borstel" erschloss dieses Gebiet nicht nur verkehrstechnisch optimal (damalige Fahrzeit zum Zentrum der Stadt: 25 Minuten), sondern besiegelte gleichfalls das Ende der ländlichen Nutzung und Strukturen. Es war absehbar, wann das Hamburger Besiedlungsgebiet Klein-Borstel endgültig überformen würde.
Die großflächige Anlage des Ohlsdorfer Friedhofes stellte sich städteplanerisch als Glücksfall heraus. Neben dem Alstertal ist der parkähnlich angelegte Friedhof heute die einzige nicht komplett bebaute Fläche des Gebietes und trägt zum hohen Wohnwert Klein-Borstels bei.
Die Gebrüder Frank erwarben Anfang der 30-er Jahre das Areal der ÿBockholt-Erben", um auf diesen Feldern ihre Vorstellung einer Gartenstadt zu realisieren. Der Architekt Paul A. R. Frank plante in diesem Fall, wie schon so oft davor, für die Siedlungs-gesellschaft Hermann und Paul Frank. Das zu bebauende Gebiet wurde in drei Teilbereiche aufgeteilt, welche die späteren Bauabschnitte darstellten. Es wurden 203 Wohneinheiten für den ersten Bauabschnitt (Straße: Stübenkamp) vorgesehen. Der zweite Bauabschnitt wurde mit 163 Wohneinheiten (Straße: Am Stein) geplant. Der dritte und damit letzte Bauabschnitt beinhaltete den Bau von 179 Wohneinheiten (Straße: Overn Barg) und beendete die Planung.
Insgesamt wurden also 545 Kleinhäuser auf einer Fläche von insgesamt 10,8 Hektar errichtet. Nach bekannt werden der Planung entrüsten sich die Nachbarn über die beabsichtigte Bebau-ungsdichte und ÿArt und Weise" der Bauten. Das Gebiet der Walddörfer sei ungeeignet für eine solche Bauform; ein neues Gängeviertel werde errichtet... Nach Ansicht vieler Villenbesitzer war der soziale Absturz Klein-Borstels nur eine Frage der Zeit, da die "Negersiedlung", geplant von "bolschewistischen Spekulanten", kinderreiche Kleinverdiener anzöge. Die Streitigkeiten gingen immer weiter und endeten letztlich vor dem Hamburger Landgericht, welches feststellte, dass "niemand einen Anspruch darauf hat, dass im schönen Alstertal nur bessergestellte Volksgenossen sich ansiedeln".
Es wurde gebaut und am 30.September 1935 konnte das Richtfest des ersten Bauabschnittes gefeiert werden. Kaum jemand der damaligen Nachbarn war wohl in der Lage zu erkennen, was für ein durchdachtes architektonisches und rechtlich durchaus demokratisches Grundkonzept die Gebrüder Frank mit der Kleinhaussiedlung realisierten.
Bis 1939 waren alle drei Bauabschnitte abgeschlossen und 52 verschieden lange Baukörper auf dem Areal verteilt. Es ergab sich eine Wohndichte von 224 Personen pro Hektar, welche bis zum Jahre 2000 jedoch auf ca. 158 Personen pro Hektar abgesunken ist. Erst in den 50ern wird die Siedlung in Klein-Borstel architektonisch und städtebaulich in vollem Umfang von Fachleuten und der Öffentlichkeit begriffen. Nicht nur die Bewohner haben die Vorzüge und Annehmlichkeiten ihrer Häuser schätzen und lieben gelernt, auch Außenstehende erkennen nun immer mehr den ästhetischen und sozialpolitischen Wert der "Frankschen Siedlung".
Heute gehört die Siedlung zu den schönsten noch erhaltenen, geschlossenen Wohnensembles Norddeutschlands und unterliegt dem Milieuschutzgesetz der Freien und Hansestadt Hamburg.
Städtebauliches und rechtliches Konzept
Städtebauliches Konzept:
Was bereits in den Siedlungen "Hellerau" und "Zum Lith" zu erkennen ist, findet sich in Klein-Borstel städtebaulich weiterentwickelt und auf die örtlichen Gegebenheiten abgestimmt wieder. Das hat zur Folge, dass bei aktuellen Luftaufnahmen noch immer nachvollziehbar ist, auf welchen Feldern, gerahmt von noch teilweise erhaltener Knickpflanzungen, die Siedlung gebaut wurde. Ein fast geschlossenes System
von Baukörpern und Zuwegungen sowie kleinen Fußwegen, die durch die intensive Nutzung der gegebenen Flächen in engem und durchdachten Verhältnis zueinander stehen, durchziehen das Gelände.
Das Quartier teilt sich, wie bereits erwähnt, in 3 Teilbereiche auf. Es ist anzumerken, dass der 1.Bauabschnitt erheblich undifferenzierter und großgliedriger ist als der 2. und 3. Abschnitt. Bereits beim Blick auf einen Lageplan ist ersichtlich, dass dieser Bereich stärker durch sogenannte ÿReißbrettarchitektur" geprägt wurde. Wahrscheinlich haben diese baulichen Ergebnisse die Gebrüder Frank veranlasst die nachfolgenden Teilbereiche etwas aufgelockerter und dynamischer durchzuplanen.
Die Bauabschnitte 2 und 3 sind auch optisch interessanter, da nicht nur die Straßen der natür-lichen Topographie folgen, sondern auch die Baukörper durch Vor- und Rücksprünge aufge-lockerter angeordnet sind. Auch sind die meisten Baukörper in diesen Bereichen kleiner und stehen nicht mehr im exakt rechten Winkel zueinander.
Der 2. und 3. Bauabschnitt beinhalten ebenfalls alle öffentlichen Plätze und Bereiche, die in der ÿFrankschen Siedlung" zu finden sind.
Gefasst durch die sie umgebenden Gebäude bilden sie städtebauliche ÿAlphamerkmale" von hoher Qualität, da Gebäudeproportionen und die Planung zur Bepflanzungen stimmig miteinander verbunden wurden. Das Wegesystem ist nach heutigen Maßstäben erstaunlich zukunftsorientiert geplant. Lediglich vier Strassen dienen (begrenzend) als Durchgangsstraßen. Im Norden ist die Wellingsbüttler Landstraße, im Süden die "Stubenheide" und im Osten die Straße "Borstels Ende" die abschließenden und gleichzeitig erschließenden Elemente. Lediglich der Kornweg schneidet, gerahmt von älterer Solitärhausbebauung, das Areal in 2 Teile.
Bemerkenswert ist die geschlossene und fast abweisende Anordnung der Baukörper zur (heute vielbefahrenen) Wellingsbütteler Landstraße.
Diese in Reihe platzierten Gebäudezeilen haben eine optische und akustische Abschottung der dahinter liegenden Wohnbereiche zur Folge.
Heute ist dies ein Wohnwertbonus, über den sich Paul Frank wegen eines erheblich geringeren Verkehrs-aufkommens wohl kaum so schwerwiegende Gedanken gemacht haben dürfte.
Die "interne Erschließung" erfolgt über schmale (3,60m-4,50m) Wohnstraßen, die von Hecken, Rasenflächen und Gartenanlagen gesäumt und flankiert werden. Aufgrund des Straßenquer-schnittes sind keinerlei aufwendige Verkehrsberuhigungen notwendig, da lediglich die Bewohner und deren Gäste die schmalen ÿGassen" nutzen und dementsprechend vorsichtig fahren. Ergänzend hierzu führen Fußwege als Querverbindungen und ÿEntsorgungswege" durch das Areal. Diese stellen oftmals eine fast romantisch anmutende, rückseitige Zweiterschließung der Häuser dar, die ständig neue Blickwinkel und -achsen freigeben.
Ein gekonntes Spiel öffentlicher, halböffentlicher und privater Freiflächen, geteilt durch Rasen, Hecken, halbhohe Mauern, Pergolen und Baum- sowie Buschbepflanzungen schafft Atmosphäre und Maßstäblichkeit. Besonders reizvoll wirken hierbei die Durchblicke, die entstehen, wenn man den die Häusereinheiten verbindenden vorderen Gehsteig entlang geht. Ein Ort, der übrigens gerne für den spontanen "Klönschnack" von den Bewohnern genutzt wird. Soziologisch ist gerade dieser Bereich daher besonders wertvoll.
Gehsteigbereich
Die gesamte Siedlung in Klein-Borstel ist lediglich durch Zusammenfügen eines Haustyps zu verschieden langen Baukörpern entstanden.
Einheitliche Trauf- und Firsthöhen, die jedoch z.t. auch der Hanglage des Geländes folgen, schaffen Orientierungsmöglichkeiten und bilden
einen optisch harmonischen Abschluss der Bebauung nach oben hin. Lediglich in Ausnahmefällen wird vom Regelmodul des Kleinhauses z.b.
mit Giebeln abgewichen, dies jedoch nicht, um innerhalb der Siedlung Hierarchien aufzubauen, sondern um gezielt Blickfänge und vereinzelte "Highlights" im Straßenbild zu platzieren. Das Monotonie trotz der typisierten Bauart nicht entsteht, ist wie gesagt auf die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten der Gärten zurückzuführen.
Das Zusammenspiel dieser Faktoren bewirkt, dass sich die Siedlung dem Besucher daher recht belebt, authentisch und doch zusammengehörig präsentiert. Mehr denn je ist die "Franksche Siedlung" ein angenehmes Beispiel dafür, dass man auf architektonische übertriebene Gesten und das gerade heute oft hysterische Historisieren verzichten kann -und sollte.
Rechtliches Konzept:
In Klein-Borstel entstand eine Siedlung mit einer Rechtsform, die es bis dahin so noch nicht im Deutschen Reich gegeben hatte.
Entscheidend war, dass die Frank Siedlungsbau Gesellschaft Eigentümer der Gesamtanlage blieb. Die jeweiligen ÿBezugsinteressierten" jedoch unterzeich-neten einen Vertrag, der ihnen ein Nutzungsrecht in ihrem Haus (mit Grundbucheintragung dieses Rechts) zusicherte und sie zu den Besitzern machte. Erstmals gelang in diesem juristischen Sinne die Trennung der Begriffe "Eigentümer" und "Besitzer".
Das Nutzungs- oder Wohnrecht war insofern schon besonders, da es vererblich und veräußerlich war. Die Möglichkeit auf Lebenszeit in seiner Wohneinheit zu bleiben war damit also gegeben. Finanziell ließ sich die Eigentumsgesellschaft dieses außergewöhnliche Angebot mit 650-750 Reichsmark vergüten. Ältere Interessenten verfügten durch Angespartes meist über diese Geld-summe, während bei jüngeren Interessenten wohl oftmals der Arbeitgeber eine Art ÿFirmen-kredit" (nicht ohne Eigennutz) bewilligte.
"Hier zeigt es sich immer wieder, dass in vielen Fällen der Betriebsführer geneigt ist, diesen Betrag seinem Gefolgschaftsmitgliede zur Verfügung zu stellen. Er weiß wem er das Geld gibt, und was dafür geleistet wird. Der glückliche Hausbesitzer aber wird sich seinem Betriebe verbunden fühlen und seine Arbeitskraft gerade durch die gesündere Wohnform dem Betriebe in erhöhtem Maße zugute kommen lassen." (H. Frank, 1938)
Die Vorteile lagen für beide Seiten auf der Hand. Einerseits war die Eigentümergesellschaft da-durch in der Lage, ein "Verwahrlosen" einzelner Wohneinheiten zu verhindern und blieb in allen entscheidenden Fragen mit vollem Kontrollrecht ausgestattet. Andererseits fühlten sich die Be-wohner ihren Häuschen gegenüber sehr verbunden. Sie waren daher auch an Instandhaltung, Reparatur und Verbesserung des Hauses und Gartens interessiert.
Auch war es möglich, die für die Eintragung ins Grundbuch nötigen Gebühren (statt 545 Gebühreneinheiten war es lediglich eine) erheblich zu senken und diese Ersparnis direkt an die Bewohner weiter zu geben. Die monatliche ÿMietzinsbelastung" betrug je nach Lage und Grundstücksgröße 38,50 bis 45 Reichsmark. Dies war eine Summe, die statistisch von den meisten Arbeiterhaushalten des Deutschen Reiches aufgebracht werden konnte. In diese Zahlungen waren alle Nebenkosten als vorläufige Pauschalabschläge eingeschlossen, die zu einem späteren Zeitpunkt individuell aus- und gegengerechnet wurden. Diese rechtlichen Hintergründe hatten direkten Einfluss auf die Ausstattung der Häuser. Eine daher notwendige aber erstaunlich moderne Idee war es, jede einzelne Hauseinheit mit einem Wasserzähler auszustatten, um eine bedarfsgerechte und individuelle Abrechnung
zu ermöglichen. Eine haustechnische Einrichtung über die bis heute viele Wohnungen in Hamburg nicht verfügen...
Diese rechtlich besondere Konstellation hat ganz entscheidend dazu beigetragen, dass die Siedlung ein gepflegtes und architektonisch recht einheitliches Ensemble geblieben ist. Eine Kombination aus Rechten und Pflichten für beide Seiten scheint hier im richtigen Mischungsverhältnis angewandt worden zu sein.
Das besondere Rechtsverhältnis existierte bis zu dem Zeitpunkt, als sich die "Frank Heimbau Hamburg" zum Verkauf der Siedlung entschloss.
Das Einfamilienreihenhaus
Wie bereits erwähnt sind alle Hauselemente streng typisiert und nur in Ausnahmefällen wird vom Einheitsdesign abgewichen. Im Regelfall ergibt sich eine bebaute Breite von 4,15 Metern zu einer Baukörpertiefe von 7,95 Metern. Diese Fläche ist mit drei Vollgeschossen (Keller, Erdgeschoss, Obergeschoss) bebaut. Das Gebäude wird von einem einheitlich 48° steilen Satteldach abgeschlossen. Ursprünglich war das Dachgeschoss nicht ausgebaut.
Die Hauseinheit ist immer in Massivbauweise errichtet und ruht auf Streifenfundamenten aus Ziegelwerk. Das Mauerwerk ist als "Niederelbisches Ziegelmauerwerk" von hellroter Farbe ausgeführt und verfügt über eine Hohlschicht in den Außenmauern. Dies hat zur Folge, dass selbst heute noch die Heizkosten im ÿerträglichen Bereich" (Bemerkung einer Anwohnerin) liegen.
Jedes Haus ist ab dem Erdgeschoss nach oben mit Holzbalkendecken (unterseitig verputzt, oberseitig mit Dielenböden belegt) ausgestattet. Das Kellergeschoss wird durch eine Schlacke-betondecke mit Dielenfußbodenaufbau vom Erdgeschoss getrennt. Die Wohneinheiten sind, entsprechend der damaligen Möglichkeiten, bauakustisch voneinander getrennt errichtet worden, um die nachbarschaftliche Lärmbelästigung weitestgehend zu reduzieren. Die lediglich 15cm starke Trennwand entspricht heute keiner Schallschutzanforderung, ist aber für die damalige Zeit sicher mehr als akzeptabel gewesen, da sie sogar über eine extra Schall-schutzkonstruktion (aufgedoppelte Wandschale) verfügte.
Die Spiegelung der Grundrisse brachte mit sich, dass die jeweiligen Treppen immer nebenein-ander lagen und dadurch die Trittschallbelästigung der Treppenhäuser nicht die Schlafräume erreichte. Alle Fenster- und Türelemente waren aus Holz gefertigt und mit Einfachverglasung ausgestattet. Entsprechend filigran wirkten die Fensterelemente durch die schmalen Profile in der Fassade. Die Dachflächen waren mit roten Tonpfannen eingedeckt, die mittlerweile jedoch ausgetauscht wurden.
Das Kellergeschoss:
Im Kellergeschoss befindet sich ein geräumiges Vollbad mit Waschmöglichkeit (eingebaute Waschmaschine!) für die eigene Wäsche sowie eine räumlich separierte Toilette. Gerade die Waschmaschine dürfte die ÿHausfrauen" begeistert haben. Um die Baukosten möglichst niedrig zu halten, wurde auf weitere Toiletten im Haus verzichtet. Eine Zentralheizung, die ebenfalls vom Keller aus mit Kohle befeuert wurde, versorgte das gesamte Haus mit Wärme. Dies war besonders geschickt, da dadurch die Stellfläche der sonst noch üblichen Einzelöfen eingespart werden konnte. Es entfiel ebenfalls das lästige Kohlenschleppen durch alle Etagen.
Hinter diesem "Multifunktionsraum" wurde ein recht großzügiger Abstell- und Vorratsraum eingeplant, so dass auf alle weiteren Abstellräume in den darüberliegenden Geschossen verzichtet werden konnte. Diese Nebenräume im Keller haben eine Fläche von 23,7 qm.
Das Kellergeschoss kann ohne weiteres quergelüftet werden, da auf beiden Gebäudeaußenseiten Kasematten mit Fenstern eingebaut wurden.
Das Erdgeschoss:
Das Erdgeschoss erreicht man über einen außenliegenden Beischlag mit meist drei Stufen. Ein gebogener Handlauf aus gestrichenem Eisen schließt die Situation jeweils in eine Richtung (zur nächsten Haustür) räumlich ab. Man betritt das Haus über einen kleinen Eingangsbereich mit der nach oben führenden Treppe. Links bzw. rechts davon liegt die Wohnküche mit Herdstelle und "Spülstein".
Zum Garten ausgerichtet, hinter der Wohnküche, ist das Wohnzimmer (12,8 qm) gelegen. Dieser simple Grundriss ermöglichte der Hausfrau ihre Familie in der Küche zu beköstigen, aber auch im abgeschlossenen Wohnraum Gäste zu empfangen, ohne diese mit der Geschäftigkeit der Küche zu belästigen. Gegebenenfalls konnte das Wohnzimmer auch zum Elternschlafzimmer unfunktioniert werden, falls die Anzahl der Familienmitglieder sich stark erhöhte.
Was aber noch viel entscheidender ist, sind die Außenbezüge dieser Etage. Die Küche ist direkt dem Gehsteig vor dem Haus zugewandt. Der Blickkontakt zum öffentlichen Raum ist gegeben. Ein offenes Fenster ist nicht nur notwendige Lüftungsmöglichkeit, sondern erlaubt es, bei Bedarf den privaten Raum zur Strasse hin kontrolliert zu öffnen. Das Wohnzimmer wiederum ist dem Garten zugewandt. Eine zentral angeordnete Terrassentür wird flankiert von zwei Fensterelementen. Gerade während der wärmeren Monate ergibt sich hier die Möglichkeit den Wohnraum legal nach außen hin zu erweitern. Auf die besondere Bedeutung der Terrasse als saisonaler Zusatzwohnraum wird unter ÿDie Grüne Stube" noch eingegangen.
Das Obergeschoss:
Das Obergeschoss ist lediglich in zwei Räume und einen kleinen Flur aufgeteilt . Beide Räume sind relativ gleichwertig (11,4 qm und 12,8 qm) und als Elternschlafzimmer und Kinderzimmer konzipiert. Ein von beiden Seiten nutzbarer Wandschrank ist in die trennende Wand integriert. Aufgrund des eigenen Gartens ist es unnötig, teure Balkonkonstruktionen in diesem Geschoss anzufügen. Vom Flur aus erschließt sich über eine simple hölzerne Treppe das Erdgeschoss und das Dachgeschoss.
Das Dachgeschoss:
Die freie Satteldachkonstruktion wurde in der ursprünglichen Konzeption als typischer Boden-raum gedacht. Als zusätzlicher Abstellraum, und vor allen Dingen geeignet für das winterliche Trocknen der Wäsche, war der Dachboden eine sinnvolle Ergänzung des Raumprogramms und ein nicht zu unterschätzender zusätzlicher Wärmepuffer für die darunterliegenden Schlafräume. Von Anfang an jedoch war das Dachgeschoss als ÿstille Reserve" für den Wohnraum gedacht. Als sich die Familien- und Wohnstrukturen veränderten, erwies sich gerade der Bodenraum als ausgezeichnete und günstige Wohnraumreserve (Kinderzimmer, Gästezimmer, Hobbyraum). Heute ist in fast allen Wohneinheiten das Dachgeschoss durch nachträgliches Ausbauen als Wohnraum nutzbar gemacht worden. Die dadurch erreichte Gesamtnutzfläche liegt bei ca. 100 qm.
Die Fassade:
Es ist zu beachten, dass die Fassade keinerlei ÿZierrat" beinhaltet. Es gibt keine Faschen und Stuckelemente, das einzige Gestaltungselement war ein Pflanzkasten aus Beton, unter den Fen-stern des 1. Obergeschosses. Soweit diese noch heute erhalten sind, tragen sie zu dem lebendigen Bild der Siedlung durch die individuelle Gestaltung der Bewohner bei und haben eine starke plastische Wirkung durch Schattenwurf. Alle Wandflächen, Fensterelemente, Türen und Eingangs- und Terrassenbereiche waren einheitlich gestaltet.
Leider ist gerade in diesem Bereich durch unsensible Modernisierungsaktivitäten so manche Bausünde, zulasten des Gesamtensembles, zu verzeichnen. Moderne Kunststofffenster und -türen sind unbefriedigend, da die Aufteilung und die Profilstärken von Originalzustand stark abweichen. Zusätzlich ist die Oberflächenstruktur und -wirkung eine völlig andere, als bei den historischen Holzelementen.
Unabhängig davon könnte das Hausmodul als "Volkswagen" der Architektur bezeichnet werden.
Die "Grüne Stube"
Wie bereits erwähnt, ist der Gestaltung der Grünflächen in Klein-Borstel besonderes Augenmerk zuteil geworden. Nicht nur, dass sie von Anfang an in die Gesamtgestaltung miteinbezogen wurden, es wurde ebenso auf die individuelle Entwicklung einzelner Bereiche hingearbeitet. Während die Blockbebauung der 50-er Jahre lediglich neutrale und fast pathologisch saubere und tote Abstandsflächen als Garten anbieten kann, so entwickelt sich in der ÿFrankschen Siedlung" ein reges und intensives Gartenleben...
Jeder Wohneinheit war durch die Planung Paul Franks die rückseitige Fläche des Hauses als private Gartenfläche zugewiesen worden. Der hohe Stellenwert, den Paul Frank damit den privat nutzbaren Außenbereichen zuschrieb, scheint berechtigt. Die Gärten werden mit viel Elan und Einsatz der jeweiligen Bewohner gestaltet und genutzt. Die Ausrichtung der Gärten ist entweder entsprechend der Gebäude in Nord-Süd-, oder in Ost-West-Richtung festgelegt.
Da der Garten von Anfang an nicht als Nutzgarten, sondern als Erholungs- und Ziergarten ge-dacht war, überwiegt auch heute noch der gestalterische und dekorative Aspekt. Sicherlich trägt die Breite von lediglich 4,15 Metern nicht dazu bei, Intimität und sichtgeschützte Bereiche innerhalb der Flächen entstehen zu lassen. Doch das Ziel ist auch vorrangig ein anderes gewesen: Die Freiheit zu besitzen, das Haus zu verlassen und im eigenen überschaubaren Grün zu sitzen. Das genießen die Bewohner bis heute.
Ein besonderer Bereich ist jedoch die Terrasse, die sich an das Wohnzimmer anschließt. Schon in den ersten Beschreibungen der Häuser wird diese als natürliche sommerliche Erweiterungsfläche des Wohnraumes beschrieben. Die "Grüne Stube" wird von den Bewohnern begeistert angenommen und lässt die Wohnfläche in warmen Zeiten nochmals anwachsen. Der Bezug zur Natur und zu den saisonalen Veränderungen wird somit hergestellt. Gerade den Einwohnern einer Großstadt geht eben dieses häufig, trotz der öffentlichen Grünflächen, verloren. Wenn auch die Gestaltung gerade dieser Bereiche sicher kaum einen Architekten anspricht, so ist der soziolo-gische Wert dieser privaten Außenbereiche nicht weg zu diskutieren.
In der inzwischen gelegentlich vorkommenden Überbauung der Terrasse mit Wintergärten sehen viele eine architektonische Entgleisung. Der Milieucharakter der Siedlung werde gestört. Ob dem so ist, wird man erst später objektiv beurteilen können. Vielleicht ist der Wintergarten lediglich die wohlhabende Interpretation der Gegenwart von der ÿGrünen Stube" der Gebrüder Frank...
Abschlussbemerkung
Was ist es, was die ÿFranksche Siedlung" in Klein-Borstel so interessant macht? Es sind jedenfalls nicht eine kreischende Architektursprache oder großspurige Publikationen, welche die Aufmerksamkeit erhaschen.
Immerhin ist auch nach 65 Jahren kein Scheitern des Projekts und der Grundidee in Sicht. Die "Franksche Siedlung" ist nicht, wie in den 30-er Jahren von Nachbarn befürchtet, zum Auslöser des sozialen Absturzes von Klein-Borstel geworden.
Es ist offensichtlich der Fall , dass eine gute, demokratische und vor allen Dingen auch praktikable Idee mit angemessenen architektonischen und finanziellen Mitteln umgesetzt wurde. Es wurden die Dimensionen (wie z.b. später beim Bau der Großsiedlung Steilshop) nicht in das sozial Unkontrollierbare verschoben, die darüber hinaus keine Möglichkeit einer Identifikation mit dem Umfeld mehr zulassen. Maßstäblichkeit ist der für Klein-Borstel immer wiederkehrende und augenfällige Begriff. Reduzierung auf das Notwendige scheint die Zauberformel zu sein, die bei den Grundrissen bis heute funktionierende Wohneinheiten erzeugt hat. Konsequentes Weglassen von ÿFirlefanz" und teurem Zierrat, der die Baukosten explodieren lässt, hat dazu geführt, dass auch genau die Zielgruppe in Klein-Borstel einzog, die anvisiert worden ist. Die rechtlichen Hintergründe führten dazu, dass die Bewohner von Anfang an das Gefühl hatten ÿihr Häuschen" zu bewohnen; dementsprechend war und ist der persönliche Einsatz zum Erhalt und zur Verbesserung der Häuser sehr hoch.
Soziologisch ist die "Franksche Siedlung" ein Beispiel dafür, dass es bei sorgfältiger Planung und mit ein wenig Ideenreichtum durchaus möglich ist ÿLow-Budget-Projekte" inklusive sozialer Tragfähigkeit zu errichten. Eine starke Solidargemeinschaft hat sich entwickelt und vertritt bis heute die Interessen der Bewohner - und bringt gelegentlich den notwendigen ÿPfiff" in das sonst recht konservative Alstertal.
Während die schon angesprochenen Blockbebauungen (z.B. in Hamm und Horn) nicht besonders begehrte Wohnungen hervorbrachten, ist die in den 30-er Jahren errichtete Siedlung der Gebrüder Frank bis heute sehr gefragt. Und das liegt nicht nur ausschließlich an der Lage...
Architektonisch ist mit der Siedlung in Klein-Borstel ein kleiner Glücksfall vorhanden. Die baulichen Entgleisungen der letzten Jahrzehnte mit all ihren Unmaßstäblichkeiten und unauthentischen Verzierungen scheinen an der "Frankschen Siedlung" wie beiläufig vorüber zu ziehen. Eine schlichte und sachliche Formensprache erzeugt hier, im Zusammenspiel mit der wohlproportionierten städtebaulichen Planung, ein für Bewohner und Besucher angenehmes Umfeld. Was aus architektonischer Sicht an Gefahr drohte, wurde durch den Milieuschutz von Seiten der Stadt Hamburg weitgehend verhindert. Auch wenn die neuen wärmeschutzverglasten Fenster keineswegs die gestalterische Qualität der Originalfenster haben, ist es gelungen den Charakter und die Maßstäblichkeit des Ensembles, wie auch der einzelnen Fassade zu erhalten.
Die Gärten der Siedlung sind jedoch, wie schon vor Jahrzehnten, das entscheidende Merkmal des Quartiers. Das Grün der Gärten verbindet thematisch alle Baukörper der Siedlung miteinander ohne sie optisch voneinander zu trennen. Diese dadurch erzeugte Homogenität ist das (nach wie vor) zusammenhaltendes Element, wenngleich viele individuelle Veränderungen an Häusern und Gärten vorgenommen worden sind. Durch Kleingliedrigkeit und unregelmäßige Baukörperanordnung wird im Bereich "Am Stein" und "Overn Block" / "Overn Barg" der typisierten
Bauart die Strenge und Monotonie gekonnt genommen.
Die große Beliebtheit der Siedlung und die engagierte Art, mit der sich die Bewohner für sich und ihre Hauseinheiten einsetzen, sollte heute Beweiß genug sein, dass es sich lohnt Maßstäblichkeit zu berücksichtigen und ein Projekt mit ein wenig Detailliebe zu bearbeiten. Das ist auch möglich ohne die ökonomischen Zwänge aus den Augen zu verlieren. In Klein-Borstel kann sich das Ergebnis selbst 65 Jahre nach der Fertigstellung sehen lassen!
Quellenachweis:
1. "Die volkspolitische und volkswirtschaftliche Bedeutung des vorstädtischen Kleinhauses" Hermann Frank, Selbstverlag der Siedlungsbaugesellschaft H. und P. Frank, Hamburg, 1939 2. "Landhäuser von Hermann Muthesius" Hermann Muthesius, F. Buckmann AG München, 1912 3. "Erläuterungen zum Wohn- und Nutzungsrecht-Vertrag", Selbstverlag der Siedlungsbaugesellschaft H. und P. Frank, Hamburg, 1935 (?) 4. "Architektour", (Bauen in Hamburg) D. Brandenburger, G. Kähler, F. Vierweg & Sohn Verlagshaus, Braunschweig, 1988 5. "Die Volksheimstätte", Baumagazin, Bericht Seite 6 bis 9, Hans Lemmer, Heft Nr. 2, 5. Jahrgang, Februar 1953 6. "Die Gartenstadt Klein-Borstel" Karl Sommer, Sonderdruck der Baurundschau Nr. 1, Januar 1950 7. "100 Jahre Wohnungsbau ÿ 75 Jahre Frank" Herausgegeben von Antje Kossak, Verlag D. Niedecken GmbH, Westermann Druck, Zwickau, 2000
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Herrn M. Quistorff (Frank Heimbau Hamburg G.m.b.H) für die freundliche Unterstützung.
Arbeit zitieren:
Timm Balzerowitz, 2000, Die "Franksche Siedlung", München, GRIN Verlag GmbH
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