1. Einleitung
War der Computer seit seiner Entwicklung bis zum Ende der 70iger Jahre hauptsächlich als Rechen- und Steuerungsmaschine verwendet worden, so läuteten die 80iger Jahre im Zuge der Entwicklung von Personal Computern (PC) und computergesteuerten Textverarbeitungsprogrammen einen neuen Aspekt der Verwendungsmöglichkeit der "Rechner" ein: Der Austausch von Informationen durch zwischenmenschliche Kommunikation via Computer.
Diese Mensch-Maschine-Mensch Kommunikationsform hat sich in der letzten und jetzigen Dekade unseres Jahrhunderts zu einer der wichtigsten und bedeutendsten Kommunikationstechniken herausgestellt.
Allgemein wird diese Art der Kommunikation als Computer vermittelte Kommunikation bezeichnet (CVK). (Engl.: Computer mediatet communikation; CMC). Hierbei dienen vernetzte Computer als Übermittler und Verteiler von elektronischen schriftlichen Nachrichten, Informationen und Botschaften.
In den folgenden Ausführungen des Referates werden im allgemeinen die CVK und die Hauptanwendungsformen unter dem Aspekt der Definitionen und Merkmale, den medialen Charakteristika und zum Schluß soziologische und sozialpsychologische Aspekte dieser Kommunikationsform erörtert. Die Hauptanwendungsformen von CVK sind elektronische Postsysteme (e- mail) und electronic message. Weiterhin werden elektronische Diskussionsforen und Computerkonferenzen über diese beiden Grundanwendungsformen realisiert.
Neben den genannten Formen existieren noch eine Vielzahl von weiteren Formen, z.B. Video-, Audiokonferenzen, voice-mail etc. (1) (Zu einer Übersicht vgl. Seitz 1995, S. 39 - 65).
Jedoch werden im folgenden nur die erstgenannten Formen erläutert, da diese als die wichtigsten Anwendungsformen der CVK angesehen werden. (2)
2. Definitionen und Merkmale
2.1 Kommunikation
Der Begriff der Kommunikation kann nicht ohne die
Kommunikationsgemeinschaft, in der sie stattfindet, gedacht werden. In dieser Gemeinschaft werden mit Unterstützung von materiellen Trägern (Zeichen) geistige Inhalte zwischen den Mitgliedern vermittelt.
Träger können sein: Worte (Sprache), Schriftzeichen, Gesichtsausdruck, Symbole, Gestik etc.
Die geistigen Inhalte bestehen aus Mitteilungen über Begriffe, erfahrene Sachverhalte, Gefühle und Einstellun- gen. (3) "Träger der geistigen Inhalte" sind bei der CVK Schriftzeichen, die vom Computer 1 als digitale Informationen aufgefaßt werden - zeitweise in analoge
Tonzeichen transfor- miert - und vom Computer 2 in gleicher Gestalt reproduziert werden. (4)
2.2 Computer vermittelte Kommunikation
CVK bedeutet interpersonelle Kommunikation mit Unterstützung des Computers als Vermittlungs- und Übertragungsme- dium. Übertragen werden "geistige Inhalte" (s. 2.1) über zumindest zwei über einen Zentralrechner durch eine Leitung verbundene räumlich getrennte Terminals oder PC's.
Als Eingabeeinheit wird die Tastatur und als Ausgabeeinheit der Monitor betrachtet.
Hauptunterschied zwischen direkter (face to face) und CVK ist die Tatsache, daß bei CVK interpersonelle Kommunikation auf einen visuellen textualen Kanal eingeschränkt wird; es fehlt also im Gegensatz zu face to face Kommunikation direkte kognitive Wahrnehmung des Kommunikationspartners und der situationale, physische und soziale Kontext. Dadurch schafft die CVK neue Kommunikationsstrukturen, -modalitäten und -möglichkeiten. Diesen Auswirkungen widmet sich Punkt 4 des Referates unter Einbeziehung sozialpsychologischer und soziologischer Aspekte.
Wie schon bereits erwähnt, sind e-mail und electronische message die Basisanwendungsformen der CVK; Diskussionsforen und Computerkonferenzen werden durch diese Basiselemente realisiert. Die hier genannten Begriffe werden im folgenden erläutert.
2.3 Electronic message
Das Prinzip der electronischen message wurde in den 50iger und 60iger Jahren in den USA von Großorganisationen entwickelt.
Dort fanden sich Ansätze einer Computervernetzung um einen schnellen Datentransfer zu gewährleisten. Jedoch waren zu diesem Zeitpunkt die Voraussetzungen für eine interpersonelle Kommunikation via Computer sehr gering, da keine oder nur begrenzte Softwareprogramme zur Verfügung standen.
Im Laufe der Zeit wurde die electronic message zur Kommunikationsgrundversorgung, aber das Netz beschränkte sich auf ein Rechner oder ein lokales Netzwerk.
Ein Hauptmerkmal der electronischen message ist, daß die Kommunikation online stattfindet, d.h. die user sitzen zum gleichen Zeitpunkt an ihren Terminals.
Ist der Adressat nicht anwesend, kann entweder die Kommunikation nicht zustandekommen oder der Absender erhält eine Meldung auf seinem Monitor, daß die Mitteilung nicht zugestellt werden konnte.
Electronic message können komplett angefertigt und weggesendet werden oder die Kommunikation erfolgt bei der Zeicheneingabe bytesweise simultan. Durch diese zweite Alternative werden Editiermöglichkeiten erheblich eingeschränkt, jedoch hat der Empfänger die Möglichkeit zu reagieren bzw. zu antworten bevor die Mitteilung beendet ist.
Diese Tatsache läßt sich etwa mit dem Feed-back beim Telefonieren vergleichen. (6)
2.4 Electronic-mail (e-mail)
Die Möglichkeiten von e-mail wuchsen mit der Entwicklung der dazugehörigen Software.
Im Gegensatz zur electronic message ist e-mail offline, d.h. eine interpersonelle Kommunikation ohne die notwendige Anwesenheit und gleichzeitige Empfangsbereitschaft des Adressaten.
Diese neue Errungenschaft führte zu einem wissenschaftlichen Interesse in bezug auf das neue Medium Computer.
E-mail ist in der Gegenwart zu der wichtigsten und meist präferierten Basisanwendungsform von CVK geworden. Bezeichnend und herausragend für e-mail sind die Möglichkeiten der Editierung, der Selektion, der Distribution und der Klassifikation/Archivierung von Nachrichten.
Zur Beschreibung der Möglichkeiten und der Funktionalität von e-mail folgende Tabelle: (7)
Folgende Aspekte charakterisieren die technischen features des Kommunikationsmittels e-mail:
- zeitliche Ungebundenheit (Kommunikationspartner müsssen nicht gleichzeitig anwesend sein)
- örtliche Ungebundenheit (mit einem Telefon, Modem und Computer kann ortsabhängig auf Nachrichten zugegriffen werden --> Prinzip des "fernabfragebaren Anrufbeantworters)
- gerätemäßige Ungebundenheit (Kompatibilität durch "7 -Bit-ASCII- Code"
- Gebundenheit an Schriftzeichen (reduzierter normierter Zeichensatz bei der Kommunikation)
Die Kommunikation via e-mail ist nicht auf lokale Netzwerke beschränkt, sondern findet heute auf internationaler Ebene statt.
Die Entwicklung der Vernetzung der Computer seit den 70iger Jahren durch leistungsfähigere und billigere Computersysteme macht es heute möglich, weltweit durch das Internet per e-mail zu kommunizieren. Im Verhältnis zu dieser Entwicklung stieg natürlich auch die Zahl der e-mail Anwender. Hier einige Zahlen: (9)
- Internet: Verbund von ca. 5.000 verschiedene Computernetzen (1991)
- 700.000 Computer in mehr als 45 Ländern vernetzt (Stand: Januar 1995)
- ca. 15 Mio. e-mail Anwender (1992); eigene Schätzung 1996: 55 Mio.
- durchschnittliches Wachstum des Datenvolumens im Internet: pro Monat ca. 10 % (Stand: Januar 1992)
(Leider stand dem Autor des Referates keine aktuellere Literatur zur Verfügung).
2.5 Elektronische Diskussionsforen
Der Begriff interpersonelle Kommunikation via e-mail und electronic message beinhaltet nicht nur eine "private" one to one, sondern auch eine gewisse unter Umständen öffentliche one to many Kommunikation.
Werden e-mail regelmäßig zwischen einer Gruppe voneinander bekannten Adressaten ausgetauscht und ist dieser Austausch öffentlich, d.h. jeder kann an dieser Diskussion teilnehmen, so spricht man, wenn diese Diskussion über einen längeren Zeitraum und über ein bestimmtes Thema geht, von sogenannten elektronischen Diskussionsforen.
Die dort praktizierte one to many Kommunikation wird in lokalen Systemen, das haben empirische Studien gezeigt, gegenüber der dyadischen Kommunikation bevorzugt (2/3 der Kommunikationsaktivitäten auf eine Gruppe und nur 1/3 auf einzelne Personen gerichtet).(10)
Elektronische Diskussionsforen sind in der Regel offline und werden durch e- mail und die dazugehörige Software realisiert. Unter Verwendung der Software zur Verwirklichung unterscheidet man zwei Verfahren (Arten von elektronischen Diskussionsforen):
- Mailing-List und Newsgroups (s. u. vgl. dazu Pelz/Rade 1993, S. 11/12). (11)
2.6 Computerkonferenzen
Computerkonferenzen werden generell online (aber manchmal auch offline) durchgeführt und beruhen auf electronic message.
Die Nutzung dieser online-Anwendungsform weltweit ist weit geringer als Diskussionsforen, die durch e-mail realisiert werden.
Die Anfänge von Computerkonferenzprogrammen liegen in den 70iger Jahren in den USA. Dort war man bemüht, unter dem Eindruck der schlechten wirtschaftlichen Lage unter Nixon möglichst effektive und schnelle Entscheidungsstrukturen bzw. eine Kooperations- und Kommunikationsstruktur zwischen den konfligierenden Parteien zu schaffen. (Private Wirtschaft-Gewerkschaften-Administration).
Der Prototyp solcher Computerkonferenzprogramme war das "Emergency Management Information and Reference System". (EMISARI). Generell handelt es sich bei Computerkonferenzen um online durchgeführte Gruppendiskussionen, in denen geschriebene Nachrichten zwischen einer Gruppe von Menschen ausgetauscht werden.
Bei dieser Anwendungsform gibt es folgende Ausprägungen des Zugangs, der Transparenz und der Kontrolle der Kommunikation:
1. Zugangsregelung: Zur Nutzung können alle Interessenten autorisiert
sein oder sie müssen sich zuvor bei einem Konferenzleiter anmelden.
2. Transparenz des Informationszugriffs: Nur Teilnehmer sind
autorisiert, Zugriff auf Informationen zu haben oder Informationen sind auch öffentlich für Nichtteilnehmer zugänglich.
3. Übermittlungskontrolle: Nachrichten können zwischen allen
Teilnehmern ausgetauscht werden oder der Austausch ist nur über einen Moderator erlaubt.
4. Lesekontrolle: Zum Lesen von Nachrichten sind nur
Konferenzmitglieder autorisiert oder auch Nichtmitglieder. (12)
Neue Systeme (integrative Systeme) bieten außer der Möglichkeit der Computerkonferenz folgende Leistungspakete an:
- Private Kommunikation (vgl. e-mail, electronic message)
- Notebooks: Kompositions- und Textverarbeitungsprogramme/
Organisation und Verteilung von Dokumenten --> gilt
für one to one oder für Gruppenkommunikation.
- Directory: Informationsbörse der Kommunikationsaktivitäten, Konferenzthemen etc. (13)
3. Mediale Charakteristika der CVK
Die medialen Charakteristika der CVK und ihre Anwendungsformen wurden teilweise, aber noch nicht explizit, in den vorhergehenden Punkten des Referates erläutert.
Vielmehr wurde dort Wert darauf gelegt, die Hauptanwendungsformen näher zu skizzieren, um einen Einstieg in die Thematik zu erlangen. In diesem Kapitel werden die spezifischen Merkmale der CVK und deren Hauptanwendungen beschrieben unter Berücksichtigung des Vergleichs mit anderen Kommunikationstechnologien bzw. -arten, insbesondere der direkten Kommunikation.
Folgende Unterpunkte sind die wichtigsten medialen Charakteristika der CVK und ihre Anwendungsformen:
3.1 Individual- und Massenkommunikation
Die CVK weist sowohl Merkmale der Indiviudal- als auch der Massenkommunikation auf. So sind Nachrichten via e-mail und electronic message der Individualkommunikation dagegen Diskussionsforen und Computerkonferenzen beiden Kommunikationsmodalitäten zuzurechnen, da sie öffentlich und anonym aber auch gleichzeitig interaktiv sind. (14)
3.2 Schriftliche Kommunikation (15)
Bei der CVK können nur schriftlich abgefaßte Inhalte in der Kommunikation übertragen werden; nonverbale Zeichen wie sie in der direkten Kommunikation oder eingeschränkt in der Videokonferenz vorkommen, können in der CVK nicht vermittelt werden. Da dieser Kontext fehlt, sind die übertragbaren Zeichen bei der CVK hoch standardisiert und diskret im Gegensatz zu verbal-vokalen Medien (z.B. Videokonferenz, Telefon), in denen analoge stetige und diskrete Signale und Zeichensätze zur Verfügung stehen. Der diskrete Zeichensatz bei der CVK besteht größtenteils aus Buchstabenzeichen (in der Regel der amerikanische Standardzeichensatz und einigen EDV-spezifischen Sonderzeichen).
Im Vergleich dazu besteht im Briefverkehr, wo auch nur Inhalte schriftlich kommunizierbar sind, jedoch die Möglichkeit, visuelle nonverbale Signale (Unterstreichung, Briefkopf) zu vermitteln. Diese Möglichkeit besteht bei CVK nicht. Ein Mittel, diese Tatsache etwas einzuschränken, sind nonverbale Symbole in Form von smiley: z.B. :-) (bin gut drauf).
Diese Symbole dienen hauptsächlich dazu, den aktuellen emotionalen Status der Kommunikationspartner zu beschreiben.
Im Gegensatz zur direkten Kommunikation, die immer online ist (gleichzeitige Anwesenheit der Kommunikationspartner), heben Telekommunikationstechnologien diese Barrieren auf. Dadurch ist eine räumliche und zeitliche Entkoppelung der Kommunikation möglich.
Der Unterschied zwischen electronic message und e-mail ist, daß erstere online, zweitere offline ist. Daher eignen sich electronic messages eher für eilige Nachrichten (direkte Feed-back-Möglichkeit). Wohingegen e-mail längere Nachrichten sind, die ohne Zeitdruck produziert und beantwortet werden können. So ist der Sprachgebrauch bei e-mail eher der Schriftsprache, bei electronic message eher der Sprechsprache einzuordnen.
3.3 Asynchronität (16)
Folgende Aspekte sind der Asynchronität bei der CVK zuzurechnen:
1. Face to face Kommunikation, Telefonieren und Videokonferenz sind
online. Zwar werden räumliche Distanzen überbrückt, jedoch ist eine zeitgleiche Anwesenheit der Kommunikationspartner erforderlich. E- mail und elektronische Diskussionsforen sind offline, d.h. Nachrichten werden gespeichert und es liegt im Ermessen des Empfängers, ob und wann er sie lesen will. Eine Anwesenheit ist also nicht notwendig.
2. E-mail und konventioneller Briefverkehr ähneln sich in vielen
Merkmalen (z.B. Postbox <--> Mailbox, Schriftsprache). Ein Unterschied besteht in der Übermittlungszeit. Briefverkehr benötigt mindestens einen Tag, bei CVK ist dieser Zeitaspekt zu vernachlässigen.
3. Produktion und Übertragung von Nachrichten sind bei
e-mail und electronic message
Resultierend aus diesen Aspekten ergeben sich noch weitere Perspektiven für die Kommunikation durch den Computer:
- Individuelle Kontrolle der Interaktionsaktivitäten ---> Autonomität des Anwenders im Hinblick auf den Zeitpunkt, die Kommunikationspartner und der Länge bzw. Intensität des Kommunizierens.
- Erreichbarkeit und Flexibilität der Kommunikationspartner: Nutzungsmöglichkeiten von verschiedenen Terminals, die an einen lokalen Rechner angeschlossen sind. Auch Möglichkeit, z.B. durch Telnet bei eigener Abwesenheit die Post in seiner eigenen mailbox zu bearbeiten.
- Durch die Asynchronität ist kein sofortiges Wechseln der Sender- Empfänger-Rolle (turntake) wie etwa beim direkten Gespräch, Telefonat etc. notwendig. Dadurch werden Inferenzen vermieden; Nachrichten behalten weitgehend ihre intentionale Quantität und Qualität.
- Beeinflußung der Geschwindigkeit des Nachrichtenaustauschs durch Asynchronität: verbalvokale Systeme erfordern Synchronisationsakte. Dabei wird die Geschwindigkeit des Informationsaustausch auf die Sprechgeschwindigkeit beschränkt, bei asynchroner Kommunikation steigt die Geschwindigkeit des Informationsaustauschs auf Lesegeschwindigkeit an.
3.4 Speicherung der Kommunikationsinhalte (17)
Diese Speicherung ist ein weiteres mediales Charakteristika der CVK, insbesondere ein Merkmal von e-mail. Speicherung ist hierbei ein integraler Systembestandteil, im Gegensatz zu separaten Speichern wie beim Telefonieren oder beim direkten Gespräch (z.B. Notizbuch). Bei e-mail werden die ankommenden Nachrichten respektive die eigenangefertigten in speziellen Dateien gespeichert. Damit eröffnen sich dem Anwender die schon in Punkt
2.4 aufgeführten Möglichkeiten.
Auf dem Prinzip von e-mail werden elektronische Diskussionsforen via listserv Software realisiert. Die eingegangenen e-mail, wie auch die versandten, werden dort in folders gespeichert. Umgekehrt werden die ankommenden e- mail in der persönlichen mailbox abgelegt. Das Besondere, durch via listserv realisierte Gruppendiskussion, ist, daß häufig viele Beiträge zentral beim jeweiligen listserv archiviert werden; so sind Informationen zu jedem Zeitpunkt verfügbar; Neuzugänger (Späteinsteiger) wird der Einstieg in die Diskussion dadurch erleichtert.
Bei den Newsgroups verhält sich das Prinzip anders. Beiträge werden nicht automatisch an Teilnehmer zugeschickt bzw. dort gespeichert. Umgekehrt (Anwender ---> Newsgroups) werden Nachrichten nicht standardmäßig beim Absender gespeichert (hängt von der Software ab).
Weiterhin gibt es bei Newsgroups kein Zentralarchiv.
3.5 Übersichtstabellen
Folgende Tabellen 1 (18) und 2 (19) stellen die in 3.1 bis 3.4 gemachten Aussagen nochmals in vergleichender und übersichtlicher Art dar:
4. Soziologische und sozialpsychologische Aspekte der CVK
"Soziales Handeln ist ein Handeln, welches seinem dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist". (20) Weiterhin ist dieses Handeln nur in der Komunikationsgemeinschaft denkbar. Dort verläuft die Kommunikation nicht nach einem generellen allgemeingültigen Kommunikationsmuster, sondern Menschen verhalten sich unterschiedlich. Der Stil der Kommunikation, ihre Strukturen und Modalitäten sind jeweils sehr eingeschränkt, auch determiniert durch den sozialen und situationellen Kontext. Einflußfaktoren sind z.B. soziale Normen und Interessen, Rolle, Position und Status, Macht und Herrschaft, Hierarchien, soziale Erwünschtheit, Gruppendruck, Intergruppenverhalten etc. Diesen Aspekten haben sich die Soziologie und Sozialpsychologie angenommen. Wurden früher etwa Massenkommunikationsmittel und deren Auswirkungen auf das Kommunikationsverhalten untersucht, so rückte in der Gegenwart im Zuge der Entwicklung des Computers die CVK als neues Phänomen immer mehr in das Forschungsinteresse der Disziplinen. Die Erforschungen der CVK haben sich vorwiegend auf die Arbeitswelt konzentriert. In den USA beschäftigen sich Sozialwissenschaftler/innen, insbesondere Lea Sproull und Sarah Kiesler, mit diesem Phänomen. Gegenstand ihrer Betrachtungen sind die Auswirkungen der CVK auf die persönlichen und gruppenspezifischen Kommunikationsmuster in und zwischen Großorganisationen. Beide Forscherinnen stehen der CVK relativ positiv gegenüber. In ihren empirischen und theoretischen Arbeiten kristalisieren sich folgende Hypothesen und Argumente im Hinblick auf CVK heraus: (21)
- CVK begünstigt die Kommunikationsmöglichkeiten des Individuums und trägt zu einer demokratischen Entwicklung in den Organisationen bei. Das bedeutet, daß jedem erlaubt wird auf gleichberechtigter Basis zu kommunizieren, d.h. keiner darf vom freien Austausch der Informationen ausgeschlossen werden. So stimmt die neue Informationstechnologie völlig überein mit den westlichen Vorstellungen von Demokratie.
- CVK gewährt allen Mitgliedern einer Organisaion gleichen Zugang und Teilnahme an der Kommunikation. Daraus resultiert nach Sproull und Kiesler, daß Personen mit niedrigerem Rangstatus in der Hierarchie begünstigt werden und diese dadurch eine positive Arbeitsumgebung vorfinden.
- Nicht nur Gleichheit in bezug auf den Zugang zur Kommunikation wird durch CVK gesichert, sondern auch eine von Statusunterschieden unabhängige Teilnahme an der Kommunikation gefördert. Empirische Untersuchungen führten zu dem Ergebnis, daß bei computergestützten Gruppendiskussionen Mitglieder einer Gruppe mit höherem Status in geringerem Maße an der Diskussion teilnahmen, während diejenigen mit niedrigerem Status anteilsmäßig mehr kommunizierten als in vergleichbaren face to face Diskussionen.
- "Die CVK verleiht denjenigen eine Stimme, die keine haben." Diese etwas abstrakte Aussage bezieht sich auf die Tatsache, daß CVK die Teilnahme der Personen fördert, die einen niedrigeren Status innerhalb der Organisation innehaben, d.h. es existiert eine Beziehung zwischen CVK und dem Grad der gegenseitigen Verpflichtungen der Status höheren und Status niedrigeren Personen in der Organisation ---> Aspekt der Kooperation.
- Personen bei CVK sind offener in ihrem Kommunikationsverhalten, da soziale Normen im Gegensatz zu direkten Kommunikation schwächer ausgeprägt sind bzw. ganz fehlen. Außerdem sind Personen nicht mehr durch ihre Statusunterschied gehemmt und deshalb brauchen diese nicht mehr zu befürchten, negativ beurteilt zu werden.
Die Hypothesen und Argumente von Sproull und Kiesler wurden und werden natürlich heftig in der Wissenschaftsgemeinde diskutiert und kritischen Betrachtungen unterzogen. Eine jeweilige Ausführung der Kritik an dieser Stelle des Referates würden den Rahmen sprengen. Aus diesem Grund sind die kritischen Anmerkungen zu den hier gemachten Hypothesen im Anhang des Referates nachzulesen. Entnommen wurde der Anhang aus Mantovani, 1994, S. 151-161.
Generell resumiert Mantovani in bezug auf Sproull und Kiesler, daß beide das Phänomen der CVK zu technologisch, eindeutig, verallgemeinernd und monodirektional betrachten, obwohl der Sachverhalt sozial-technisch, vielseitig und zirkulär sein kann. (22)
Im folgenden Schlußwort bezieht der Autor des Referates nochmal kritische Stellung auf das hier beschriebene Phänomen.
5. Schlußwort
Die Entwicklung der CVK stellt objektiv eine technische Weiterentwicklung dar. Jedoch führt technischer Fortschritt nicht unbedingt auch zu positiven gesellschaftlichen und sozialen Fortschritt bzw. Wandel.
Ein "Fortschrittsglaube" ist in modernen industrialisierten Sozialsystemen inhärent. Unter Schlagwörtern wie "Demokratisierung der Kommunikation", "Global village", "Informationsgesellschaft" etc. werden zu häufig nur positive Aspekte und Fortschrittseuphorie ausgelöst.
Meiner Meinung nach ist CVK ein weiterer Schritt für das was Max Weber die zunehmende Rationalisierung der Gesellschaft nennt.
Mit dieser Aussage möchte ich den Leser zu einer gedanklichen Elaboration anregen und beende hiermit mein Referat.
7. A N M E R K U N G E N
1. vgl Seitz 1995 S 39-65
2. vgl Hientra 1982 Kerr Hiltz 1982 in Pelz 1995 S 32
3. vgl Siebel 1974 S 67
4. vgl Clases 1994 S 8
5. vgl Pelz 1988 S 4/5
6. Pelz Rade 1993 S 7/8
7. Tabelle aus Seitz 1995 S 41
8. vgl Clases 1994 S 34
9. vgl Pelz Rade 1993 S 9
10. Palme 1987 in Pelz Rade S 10
11. vgl Pelz Rade 1993 S 11/12
12. ebd S 13/14
13. ebd S 14/15
14. ebd S 17
15. ebd S 17-19
16. ebd S 20-22
17. ebd S 21/22
18. Tabelle aus Pelz Rade 1993 S 18
19. ebd S 21
20. Weber Max 1973 b S 1
21. Die Hypothesen und Argumente von Sproull und Kiesler wurden exzerpiert aus
Mantovani 1994 S 151-161
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Andreas Piltz, 2001, Computervermittelte Kommunikation (CVK), Munich, GRIN Publishing GmbH
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