Weimarer Klassik
Das Göttliche von J. W. Goethe
Edel sei der Mensch
hilfreich und gut! Denn das allein
unterscheidet ihn von allen Wesen die wir kennen. Heil den unbekannten höheren Wesen, die wir ahnen! Müssen wir alle Ihnen gleiche der Mensch! Unseres Daseins Sein Beispiel lehr’ uns Kreise vollenden. jene Glauben. Denn unfühlend Nur allein der Mensch ist die Natur: vermag das Unmögliche Es leuchtet die Sonne Er unterscheidet, über Bös' und Gute, wählet und richtet; und dem Verbrecher er kann dem Augenblick glänzen wie dem Besten
der Mond und die Sterne. Wind und Ströme, Donner und Hagel rauschen ihren Weg und ergreifen
vorübereilend einen um den anderen. Und wir verehren die Unsterblichen, als wären sie Menschen täten im großen das Nützliche, Rechte was der Beste im kleinen sei uns ein Vorbild tut oder möchte. jener geahnten Wesen.
Dieses Gedicht zeigt die für die Weimarer Klassik typischen Merkmale: •
es fordert den Leser auf, sich seiner selbst klar zu werden, und sich sittlich zu verhalten, daß heißt edel, (...) hilfreich und gut zu sein • es fordert die für diese Zeit gewünschte Humanität (Zeile 1 / 2)
• die Zeilen 3 bis 6 machen deutlich, daß sich der Mensch nur durch seine sittlichen Eigenschaften von allen anderen Lebewesen unterscheidet
• in Zeile 7 / 8 erfolgt ein Gruß an die unbekannte Wesen, d.h. an die Götter, deren Existenz hiermit anerkannt wird -> Vorbild Antike
• das bereits genannte Menschenbild (Mittelstellung zwischen Gottheit und Tierheit) zeigt sich deutlich in den Zeilen 10 bis 25
• Gottheit, da der Mensch den Göttern gleichen soll
• Tierheit, da er wie die Tiere der Natur und dem Zufall ausgeliefert ist
Realismus des 19. Jahrhunderts
Theodor Storm - Abseits
Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle, Ein rosenroter Schimmer fliegt Um ihre alten Gräbermale; Die Kräuter blühn; der Heideduft Die Vögel schwirren aus dem Kraut -Steigt in die blaue Sommerluft. Die Luft ist voller Lärchenlaut.
Ein halb verfallen niedrig Haus
Steht einsam hier und sonnbeschienen; Der Kätner lehnt zur Tür hinaus, Behaglich blinzelnd nach den Bienen; Er träumt von seinen Honigernten. Sein Junge auf dem Stein davor
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.
Merkmale des Realismus in diesem Gedicht:
• Beschreiben mit realistischer Genauigkeit (1. Strophe)
• Vermeidung des Hässlichen (Gräbermale)
• Ästhetische Objektivität
Sturm und Drang
Prometheus (Goethe 1773) Merkmale des Sturm und Drang in diesem G e d i c h t :
Bedecke deinen Himmel, Zeus, Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich, Der Diesteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn! Mußt mir meine Erde Doch lassen stehn, meinem Bilde ...“ Und meine Hütte Die du nicht gebaut, * Prometheus als Identifikationsfigur Und meinen Herd, Um dessen Glut Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmer’s
Unter der Sonn’ als euch Götter. Ihr nähret kümmerlich Von Opfersteuern Und Gebetshauch Eure Majestät Und darbtet, wären Nicht Kinder und Bettler Hoffnungsvolle Toren.
Da ich ein Kind war,
Nicht wusste, wo aus, wo ein, Kehrte mein verirrtes Aug’ Zur Sonne, als wenn drüber wär’ Ein Ohr, zu hören meine Klage, Ein Herz wie meins, Sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mir wider
Der Titanen Übermut? Wer rettete vom Tode mich, Von Sklaverei?
Hast du’ s nicht alles selbst vollendet, Heilig glühend Herz? Und glühtest, jung und gut, Betrogen, Rettungsdank Dem Schlafenden dadroben?
Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert Je des Beladenen Hast du die Tränen gestillt Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet Die allmächtige Zeit Und das ewige Schicksal, Meine Herrn und deine?
Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen, In Wüsten fliehn, Weil nicht alle Knabenmorgen-Blütenträume reiften?
Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde, Ein Geschlecht, das mir gleich sei, Zu leiden, weinen, Genießen und zu freuen sich, Und dein nicht zu achten, Wie ich.
Textnachweis / Materialien
In der Berlinischen Monatsschrift im Dezember 1783 polemisierte der Berliner Pfarrer Johann Friedrich Zöllner in einem Artikel gegen die Zivilehe, für die er die Aufklärung verantwortlich machte. In einer Fußnote fragte er rhetorisch, was die Aufklärung sei. Daraufhin entspann sich eine folgenreiche philosophische Debatte, an der sich u. a. Moses Mendelssohn, der als Erster antwortete, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Riem, Schiller, Wieland und Immanuel Kant beteiligten. Kants berühmte Antwort (hier ist der Anfang wiedergegeben) erschien in der Dezember-Nummer der Berlinischen Monatsschrift 1784.
Was ist Aufklärung?
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt u. s. w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit außer dem, daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.
Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.
Kant, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Mendelssohn, Riem, Schiller, Wieland: Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen. Herausgegeben von Ehrhard Bahr. Stuttgart 1976, S. 9f. 2
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Josephine Günther, 2001, Überblick über Epochen Aufklärung bis Poetischer Realismus, Munich, GRIN Publishing GmbH
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