Inhaltsverzeichnis Problembestimmung
Genügt der Glaube etwa doch nicht?
Begriffsbestimmungen
Problembearbeitung
Was sagt die Schrift?
Was sagt die Tradition?
Das gegenwärtige Verständnis der Taufe
Zusammenschau der Ergebnisse und dogmatische
Begründung des Zusammenhangs von
Sündenvergebung und Taufe
Abschließende Stellungnahme
Dogmatischer Ertrag
Praktischer Nutzen
Literaturverzeichnis
2
Problembestimmung 1
1. Genügt der Glaube etwa doch nicht?
Ein junger Mann aus den Neuen Bundesländern hatte vor der Wende in der ehemaligen DDR keine einzige Berührung mit dem Christentum. Nach der Wende lernt er den christlichen Glauben kennen und wird Christ. Er glaubt die Vergebung der Sünden „sola fide“ und „sola gratia“. Von einer christlichen Gemeinde wird ihm nun angetragen, sich taufen zu lassen. Aufgrund seiner Biographie ist ihm dieser Brauch jedoch fremd und er fragt sich, wozu das nötig sei. „Genügt es denn etwa doch nicht, wenn ich einfach ,nur‘ glaube? In Röm. 3,28 heißt es doch, daß man allein durch den Glauben gerecht wird! Wozu dieses Ritual der Taufe? Werden mir meine Sünden etwa nur dann vergeben, wenn ich getauft bin?“ Hinter diesem Problemfall steckt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Vergebung der Sünden und der Taufe: Braucht es die Taufe, um Vergebung der Sünden zu erlangen oder „gibt es“ Vergebung der Sünden auch für ungetaufte Gläubige? Letztendlich führt das zu der Frage: Ist die Taufe heilsnotwendig?
In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, inwiefern Sündenvergebung und Taufe in Zusammenhang stehen. Dabei wird die Taufe im Vordergrund der Überlegungen stehen, allerdings stets im Hinblick auf ihren Zusammenhang mit der Sündenvergebung. Andere Aspekte der Taufe (Eingliederung in den Leib Christi, Verleihung des Heiligen Geistes) werden darum außen vor gelassen, was jedoch nicht bedeutet, daß die Taufe hier auf den Aspekt der Sündenvergebung reduziert werden soll. Außerdem soll auf die Debatte um Säuglings- oder Erwachsenentaufe nicht eingegangen werden. Die Frage nach dem Zusammenhang der Taufe mit der Sündenvergebung läßt sich davon unabhängig beantworten, da dieser Zusammenhang vom Taufalter abgesehen für jeden Menschen gleich relevant ist. Es geht also um die Taufe in soteriologischer Perspektive.
Als erkenntnisleitende Frage ist deshalb zu formulieren: Wozu braucht es im Hinblick auf die Sündenvergebung die Taufe?
2. Begriffsbestimmungen
Um deutlich zu machen, worüber im folgenden verhandelt wird, sollen vorab einige wichtige Begriffe geklärt werden.
1 Der Aufbau dieser Arbeit orientiert sich im wesentlichen an ZEHNER, J.: Arbeitsbuch
Systematische Theologie. Eine Methodenhilfe für Studium und Praxis, Gütersloh 1998.
3
Die Vergebung der Sünden ist „Kern der Rechtfertigungslehre“, denn sie ist „das ganze Heil“ 2 . Schuld, die zwischen dem Menschen und Gott steht, wird aufgehoben und beeinträchtigt die Beziehung zwischen Gott und Mensch nicht länger. Die Taufe ist neben dem Abendmahl eines der beiden Sakramente im Protestantismus. Sie zeichnet sich durch Einmaligkeit und damit Unwiederholbarkeit aus. Ein Sakrament ist „sichtbares Zeichen unsichtbarer Wirklichkeit; eine heilige Handlung, die von Jesus Christus eingesetzt ist und der Gemeinde als wirksames Mittel der göttlichen Gnade dient.“ 3 Charakteristisch ist für ein Sakrament, daß in einer solchen Handlung ein leibliches Element mit einem Verheißungswort verbunden ist; 4 im Fall der Taufe wäre dies also das Wasser als leibliches Element und die Seligkeit als Verheißungswort (vgl. Mk. 16,16). Seligkeit wiederum bedeutet nach M. LUTHER „erlöst von Sünden, Tod, Teufel in Christi Reich kommen und ewig mit ihm leben.“ 5
In unserem Zusammenhang spielt auch der Begriff der Erbsünde eine Rolle: Er ist der dogmatische Ausdruck dafür, „daß Sünde nicht nur eine einzelne persönliche Tat, sondern auch ein überpersönliches Verhängnis, eine unentrinnbare Seinsweise ist.“ 6 Diese auf Augustin zurückgehende Lehre wurde auch von den Reformatoren bejaht und übernommen (vgl. CA II).
Problembearbeitung
1. Was sagt die Schrift?
Ein Blick in einschlägige Lexikonartikel führt zu einer Fülle von Bibelstellen, die mit dem Thema Taufe zu tun haben. 7 Im Zusammenhang der vorliegenden Themenstellung sind jedoch nur solche Schriftstellen relevant, die sich über den Bezug der Taufe zur Vergebung
2 Vgl. HERMANN, R.: Art. Sündenvergebung dogmatisch, in: RGG VI, 3. Auflage, Sp.
513f.
3 HANSELMANN, J./SWARAT, U. (Hg.): Fachwörterbuch Theologie, 2., verbesserte und
erweiterte Auflage, Wuppertal 1996, Art. Sakrament, S. 182.
4 Vgl. JOEST , W.: Dogmatik. Band 2: Der Weg Gottes mit dem Menschen, 4. Auflage,
Göttingen 1996, S. 564f.
5 Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche (BSLK). Herausgegeben
im Gedenkjahr der Augsburgischen Konfession 1930, 11. Auflage, Göttingen 1992, S.
695f.
6 HANSELMANN/SWARAT (Hg.), Fachwörterbuch, Art. Erbsünde, S. 62.
7 Vgl. z. B. SCHNELLE, U.: Art. Taufe biblisch, in: EKL 4, Sp. 663-665.
4
der Sünden äußern. Anhand einer Konkordanz und mittels Querverweisen fiel die Auswahl auf Apg. 2,38; 22,16; 1. Kor. 6,11; Hebr. 10,22; 1. Petr. 3,21; Mk. 16,16 und Röm. 6,3f. 8
Apg. 2,38
Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung euerer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des heiligen Geistes.
In diesem Text werden Taufe und Vergebung expressis verbis zueinander in Beziehung gesetzt: Petrus fordert die Hörer seiner Pfingstpredigt auf umzukehren und sich taufen zu lassen. Die Vergebung der Sünden wird dabei unmittelbar an die Taufe geknüpft. Sie erscheint als direkte Folge der Taufe oder anders gesagt: Die Taufe erscheint als die Art und Weise, Vergebung der Sünden zu erlangen:
baptiscä/tw
(...)
ei>j
a]fesin tw~n a
Apg. 22,16
Und nun, was zögerst du? Steh auf und rufe seinen Namen an und laß dich taufen und deine Sünden abwaschen.
In seiner Verteidigungsrede vor den Jerusalemer Bürgern erzählt Paulus hier in Zusammenhang mit seinem Berufungserlebnis von der Aufforderung des Hananias an ihn, sich taufen zu lassen. Dabei wird als Sinn der Taufe das Abwaschen der Sünden genannt. 11 Reinigung von Sünden ist ein durchgängiger ntl. Ausdruck für die Taufe: „Weil Gott die
8 Vgl. auch die Stellen, die ZEHNER, J.: Das Forum der Vergebung in der Kirche.
Studien zum Verhältnis von Sündenvergebung und Recht, Gütersloh 1998, S. 251
nennt, dessen Liste aber über das hinausgeht, was im Rahmen dieser Arbeit zu
behandeln möglich ist.
9 Vgl. ZEHNER, Vergebung, S. 255 zu Apg. 2,38 und ebd., Anm. 39: „In der
Taufhandlung wird Sündenvergebung persönlich zugeeignet.“ Vgl. auch ROLOFF, J.:
Die Apostelgeschichte (NTD 5), Göttingen 1981, S. 61: „Die Taufe wirkt Umkehr und
Vergebung, weil der Erhöhte den Täufling zu sich in Beziehung setzt.“
10 Vgl. BEHM, J./WÜRTHWEIN, E.: Art. metanoe/w, meta/noia, in: ThWNT IV, S. 999.
11 Vgl. ROLOFF, Apostelgeschichte, S. 323.
5
einzige Quelle wirklichen Lebens ist, seine Heiligkeit die Sünde aber von sich ausschließt, ist die für das (...) nt.liche Verständnis der Taufe grundlegende Vorstellung die des reinigenden Bades.“ 12 Die Taufe bewirkt also eine Reinigung von bestehender Sündenschuld, um das Verhältnis des Sünders zu Gott sozusagen „ins Reine“ zu bringen; a>polou/w ist ein fester Ausdruck der Taufterminologie. 13 Es besteht also auch hier ein direkter Zusammenhang zwischen Taufe und Sündenvergebung, wobei an dieser Stelle die Betonung auf der Vergebung konkreter Tatsünden zu liegen scheint. 14
1.Kor. 6,11
Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.
Paulus ermahnt hier die Korinther, nicht in den Lebenswandel der Vergangenheit zurückzuverfallen (vgl. 6,9f). Die dreigliedrige Reihe
a>pelou/sasce
-
ä
Hebr. 10,22
So laßt uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unseren Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser. Vorausgeht diesem Text die Feststellung, daß der Weg, sich Gott zu nahen, durch das Blut Jesu freigemacht worden ist (vgl. 10,19-21). Notwendige Voraussetzung für das Nahen zu
12 OEPKE, A.: Art. ba/ptw, in: ThWNT I, S. 538.
13 Vgl. OEPKE: Art. lou/w, a>polou/w, loutro/n, in: ThWNT IV, S. 305.
14 Vgl. ZEHNER, Vergebung, S. 256f.
15 Vgl. SCHRAGE, W.: Der erste Brief an die Korinther. 1. Teilband 1.Kor. 1,1-6,11
(EKK VII/1), Zürich - Braunschweig - Neukirchen-Vluyn 1991, S. 427f; vgl. S. 433f.
16 Vgl. oben S. 6 zu Apg. 22,16.
17 Zum Verständnis der Taufe als Reinigungsbad vgl. auch Eph. 5,26 und Tit. 3,5, wo
vom lou/tron tou~ u[datoj bzw. vom lou/tron paliggenesi/aj die Rede ist.
6
Gott ist die Reinigung von den Sünden (vgl. 1,3c).
18
Das Bild von der Besprengung der Herzen und der Waschung des Leibes illustriert die Taufe, deren Wirkung Vergebung der Sünden ist: „r
Hebr. 10,22 drückt den Zusammenhang von Sündenvergebung und Taufe also in der dem Hebräerbrief eigenen Terminologie aus: Die Taufe wird auch hier verstanden als der Ort, an dem der Mensch die Vergebung der Sünden erlangt.
1.Petr. 3,21
Das ist ein Vorbild der Taufe, die jetzt auch euch rettet. Denn in ihr wird nicht der Schmutz vom Leib abgewaschen, sondern wir bitten Gott um ein gutes Gewissen, durch die Auferstehung Jesu Christi.
Die zentrale Aussage dieses Textes lautet: Die Taufe rettet (sw|/zei ba/ptisma). Anschließend folgt eine negative Explikation dessen, was Taufe ist: Kein Abwaschen des Schmutzes vom Leib. Dabei dürfte auf den Taufakt angespielt sein. Positiv wird die Taufe als „Bitte um ein gutes Gewissen“ charakterisiert. Das „gute Gewissen“ ist hier eine formelhafte Wendung für das Christenleben. 22 Das Gewissen des Menschen ist dann gut, „wenn sein Verhältnis zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst von der durch Christus geschehenen Zuwendung
18 Vgl. GRÄßER, E.: An die Hebräer. 3. Teilband Hebr. 10,19-13,25 (EKK XVII/3),
Zürich - Neukirchen-Vluyn 1997, S. 23.
19 Ebd.
20 Vgl. OEPKE, ThWNT IV, S. 305.
21
HUNZINGER, C.-H.: Art.
r
22 Vgl. MAURER, C.: Art. su/noida, sunei/däsij, in: ThWNT VII, S. 918.
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Arbeit zitieren:
Mario Ertel, 2001, Der Zusammenhang zwischen Taufe und Sündenvergebeung, München, GRIN Verlag GmbH
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