Gliederung
1. Einleitung 2
2. Vergleich der unabhängigen Frauen Harriet und Alithea 4
3. Vergleich zwischen Harriet und Mrs. Loveit 9
4. Vergleich zwischen Alithea und Mrs. Pinchwife 12
5. Resümee 15
6. Literaturverzeichnis 17
1. Einleitung
Der Beginn der englischen Restauration durch die Wiederbesteigung des Thrones durch
K önig Charles II im Jahre 1660 läutete zugleich eine Wiederbelebung der während der Zeit
des puritanischen Regimes verbotenen Theaterkultur ein. Die während der Restauration ge-
schriebenen Komödien verfolgten die Absicht, der englischen Gesellschaft den puritanischen
Geist mit ihrer geradezu provokanten Darstellung von betont losen Sitten und dekadentem
Lebenswandel austreiben.
Mit der Aufführung neuer Komödien tauchten immer wieder junge weibliche Figuren aus, die
auffallend scharfsinnig, klug, wohlhabend, attraktiv und als Resultat all dieser Eigenschaften
von Männern unabhängig waren. Zwei dieser unabhängigen Frauen werden in dieser Arbeit
einer tiefergehenden Betrachtung unterzogen. Es handelt sich dabei um Harriet aus George
Ethereges The Man of Mode (1676) sowie Alithea aus William Wicherleys The Country Wife
(1675) Die Bestimmung dieser weiblichen Figuren als die unabhängigen Frauen dieser Ko-
m ödien folgt dabei Margaret Lamb MacDonalds Arbeit „The independent woman in the resto-
ration comedy of manners“ (1976)
Die Restaurationskomödie war zwar nicht so sehr Gegenstand der literaturwissenschaftli-
chen Forschung wie die mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor verfassten Dramen Shakes-
peares , doch ist dieser Epoche des englischen Theaters durchaus einiges an Betrachtung
zuteil geworden. Die unabhängigen Frauen der Restaurationskomödie werden in den meis-
ten Abhandlungen lediglich am Rande erwähnt, sodass dieser Teilaspekt noch einiges an
neuen Erkenntnissen in sich verbergen dürfte. Lediglich die bereits erwähnte Arbeit von
Margaret Lamb MacDonald widmet sich ausschließlich der Figur der unabhängigen Frau.
Einige verwendete Grundbegriffe sowie benutzte Zitierweisen bedürfen der Definition:
Die Verkörperungen der Personen der Komödien werden gemäß Manfred Pfisters Stan-
dardwerk „Das Drama - Theorie und Analyse“ (1977) als „Figuren“ bezeichnet.
Die Gesamtheit der persönlichen Eigenschaften einer Figur wird in dieser Arbeit „Charakter“
genannt.
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Je nach Anzahl dieser Eigenschaften lässt sich der Charakter einer jeden Figur auf einer Skala von „flach“ bis „rund“ einordnen.
Als „Antagonistinnen“ oder auch „Gegenspielerinnen“ von Harriet beziehungsweise Alithea werden diejenigen weiblichen Figuren bezeichnet, zu denen sie aus den unten aufgeführten Gründen in einem Gegensatz stehen.
Bei den Quellenangaben zur Primärliteratur entsprechen die Seitenangaben den Ausgaben von The Man of Mode und The Country Wife, die im Literaturverzeichnis angegeben sind. Jede Quellenangabe beginnt mit der abgekürzten Nennung der Komödie, wobei „MM“ The Man of Mode und „CW“ The Country Wife bezeichnet. Die nachfolgenden Angaben nennen den Akt, die Szene, die Seiten- sowie die Zeilenangaben.
Bei den Quellenangaben zur Sekundärliteratur wird lediglich der Nachname des Verfassers sowie die Seite genannt. Die kompletten Angaben des Werkes befinden sich im Literaturverzeichnis.
Das Hauptaspekt dieser Arbeit wird die Charakterisierung der beiden weiblichen Figuren Harriet und Alithea sein. Dies wird mittels des Vergleiches erfolgen, wobei zunächst Harriet und Alithea anhand einiger Aspekte ihrer Persönlichkeiten miteinander verglichen werden. Hierdurch werden diejenigen Charaktereigenschaften beider Figuren deutlich, in denen sie sich in signifikantem Maße unterscheiden.
Sowohl Alithea als auch Harriet besitzen in der jeweiligen Komödie eine Antagonistin. Anschließend an den Vergleich der beiden Frauenfiguren untereinander werden sowohl Harriet als auch Alithea in ihren Handlungs- und Denkweisen mit diesen gegensätzlichen Figuren verglichen. Hierdurch werden weitere Charakterzüge Harriets und Alitheas deutlich werden, die beim Vergleich der beiden unabhängigen Frauenfiguren untereinander nicht hervortraten.
Handlungsbedingt wird Harriets Gegenspielerin von Mrs. Loveit dargestellt, da zwischen diesen beiden Frauen ein Interessenskonflikt um die Liebe Dorimants besteht. Die gänzlich unterschiedlichen Persönlichkeiten dieser Nebenbuhlerinnen unterstreichen die Signifikanz dieses Gegensatzpaares.
Alitheas charakterlicher Gegenpol ist handlungsbedingt keine Gegnerin, sondern erhält Alitheas ständige Unterstützung. Es handelt sich um Alitheas Schwägerin Mrs. Margery Pinchwife, die als von ihrem Ehemann - Alitheas Bruder Mr. Pinchwife - unterdrückte Frau einen Gegensatz zur unabhängigen Alithea bildet.
Durch die Methode des Vergleiches wird als Nebenaspekt dieser Arbeit das breite Spektrum an verschiedenen Frauenfiguren deutlich, die alleine in diesen zwei der zahlreichen Restaurationskomödien auftreten.
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2. Vergleich der unabhängigen Frauen Harriet und Alithea
Obwohl sowohl Harriet als auch Alithea die Rolle der unabhängigen Frau darstellen, wird diese von Etherege einerseits und Wycherley auf der anderen Seite sehr unterschiedlich interpretiert. Ihre voneinander verschiedenen Persönlichkeiten finden ihren Ursprung bereits in der unterschiedlichen Herkunft: Harriet stammt vom Lande, während Alithea in der Großstadt London geboren wurde und aufwuchs. Der Unterschied zwischen ländlichem und städtischem Leben erhält seine Bedeutung nicht zuletzt dadurch, dass er in beiden Komödien wiederholt betont wird. Zumeist geschieht diese Differenzierung mittels eines arroganten Herabblickens städtischer Figuren auf die Landbevölkerung; beispielhaft hierfür ist die Reaktion Dorimants auf den Erhalt der ersten Nachricht über Harriet, die kürzlich vom Lande in die Stadt gekommen ist:
„This fine woman, I´ll lay my life, is some awkward ill-fashioned country toad, who, not
having above four dozen of black hairs on her head, has adorned her baldness with a
large white fruz, that she may look sparkishly in the forefront of the king´s box at an old
play.“ (MM, I, 1, S. 50, Z. 30-35).
Die Tatsache, dass Dorimant, ohne weitere Informationen über Harriet erhalten zu haben, auf die Weise reagiert, offenbart die tiefsitzenden Vorbehalte, die innerhalb der Stadtbevölkerung gegenüber den ihrer Meinung nach einfältigen Menschen vom Lande verbreitet waren.
Aus der unterschiedlichen Herkunft der beiden Figuren resultieren zwei ganz unterschiedliche Verflechtungen in das soziale System der Londoner Gesellschaft. Dies hat wiederum zur Folge, dass Harriet, die als junge Frau vom Lande noch außerhalb der Gesellschaft steht, weitgehend frei von Zwängen agieren kann, die sie aus einer Sorge um ihren Ruf heraus in ihrem Handeln einschränken würden.
Im Gegensatz zu Harriet ist Alithea, wie die meisten Mitglieder der noblen Gesellschaft Londons, im hohen Maße um ihren Ruf besorgt. Aus diesem Grunde wehrt sie sich anfangs, entgegen ihrer wahren Gefühle, gegen Mr. Harcourts Liebesbekundungen, da die Auflösung der Verlobung mit Mr. Sparkish eine für sie unakzeptable Schädigung ihres sozialen Ansehens zur Folge hätte. Dies formuliert Alithea gegenüber Mr. Harcourt ganz offen: „[...], I must marry him, my reputation would suffer in the world else.“ (CW, II, 1, S. 175, Z. 1-2). Alithea tut aus Sorge um ihren Ruf das, was von der Gesellschaft als vernünftig angesehen und somit von ihr erwartet wird. Letztendlich aber erfährt Alithea eine Entwicklung, in deren Konsequenz die Verlobung mit Mr. Sparkish gelöst wird. Doch geschieht dies lediglich als Verkettung mehrerer Zufälle in Folge des Liebesbriefes an Horner, den Mrs. Pinchwife als von Alithea geschrieben ausgibt, um dem Zorn ihres eigenen Ehemannes zu entgehen. Alithea hätte von sich aus nicht die Initiative ergriffen, sie wäre, um ihren Ruf zu bewahren, die Ehe mit Mr. Sparkish eingegangen und hätte sich noch lange nach Mr. Harcourt gesehnt.
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Des weiteren ist Alithea anfangs gewillt, den von ihr nicht geliebten Mr. Sparkish zu heiraten, weil sie unter keinen Umständen das ihr so wichtige London mit all seinen Vorzügen für eine junge Frau verlassen möchte. Für Margaret Lamb MacDonald liegt ein Zeichen ihrer Unabhängigkeit und ihrer Privilegien als emanzipierte Frau darin, dass sie für sich diese Freiheiten beansprucht und ihren Vergnügungen sowie dem freizügigen Londoner Leben nachgeht. 1 Hieraus resultiert Alitheas Hauptmotivation für die Ehe mit Mr. Sparkish. Sie ist bereit, diesen zu heiraten, weil sie überzeugt ist, dieser sei nicht zur Eifersucht zu bewegen, und wird sie aus diesem Grunde nicht daran hindern, beispielsweise Theater zu besuchen oder sich anderweitig zu amüsieren. Sie hat nicht vor, Mr. Sparkish nach der Hochzeit zu betrügen, doch ihr Bruder Mr. Pinchwife bietet ihr ein Paradebeispiel für unbegründete und paranoide Eifersucht. Solch einen Ehegatten fürchtet sie, denn eifersüchtige Ehemänner haben ihre vermeintlich untreuen Ehefrauen zu der damaligen Zeit als letztes Mittel, um sie zu einem sittsamen Leben zu zwingen, aufs Land umgesiedelt, wo sie keinerlei Verlockungen ausgesetzt waren. Die Gefahr, einen solchen Ehemann zu heiraten, hängt als Damoklesschwert über Alitheas weiterem Leben, sodass sie notgedrungen mit dem in dieser Hinsicht vermeintlich ungefährlichen Mr. Sparkish vorlieb nimmt. 2
Auch Harriet ist zu Beginn der Komödien mit einem Mann - Young Bellair - verlobt, den sie nicht liebt, und sieht ihrer baldigen Hochzeit entgegen. Dieser naive und etwas langweilige junge Mann aus guten Hause steht geistig mit ihr ganz und gar nicht auf einer Stufe; diese Ehe wurde von den Eltern des Brautpaares aus rein ökonomischen Gründen geschlossen. Im Gegensatz zu Alithea fügt sich Harriet keineswegs in ihr Schicksal und denkt auch nicht ansatzweise daran, den ihr zugewiesenen Ehemann zu heiraten. Im Gegenzug empfindet Young Bellair ebenfalls keine Liebe für Harriet, was die Verhinderung der geplanten Hochzeit erheblich erleichtert. Sie sehen zwar noch keinen Ausweg aus diesem Eheversprechen, aber gehen dennoch sehr humorvoll damit um, was sie in dem parodierten Treuegelöbnis zum Ausdruck bringen (MM, III, 1, S. 80, Z. 9-19). Harriet würde nur einen Mann heiraten, den sie wirklich liebt, dies vertraut sie ihrer Dienerin Pert in der Vertrautheit ihrer Kammer an: „I need no land; no, I´ll lay myself out all in love.“ (MM, III, 1, S. 80, Z. 2). Harriets Meinung über Young Bellair ist durchaus der von Alithea über Mr. Sparkish ähnlich; dies äußert sie Busy gegenüber: „I think I might be brought to endure him, [...]“ (MM, III, 1, S. 79, Z. 17). Doch die Konsequenzen, die sie aus der Verlobung mit einem lediglich akzeptablen und erträglichen Ehemann zieht, sind gänzlich andere als bei Alithea. Alithea findet sich zunächst damit ab, wie die meisten Frauen nicht den perfekten Mann zu bekommen. Auch Harriet ist dieses weitverbreitete Phänomen bekannt, denn sie setzt den Satz wie folgt fort: „[...] and that is all
2 Dieser Hintergrund der geplanten Ehe zwischen Alithea und Mr. Sparkish offenbart sich in einem
Dialog zwischen Alithea und Dienerin Lucy (CW, IV, 1, S. 207, Z. 1 - S. 209, Z. 9).
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a reasonable [Hervorhebung] woman should expect in a husband [...]“ (MM, III, 1, S. 80, Z. 17-18). Harriet hingegen weiß zwar, dass sie vermeintlich unvernünftig handelt und den Unmut zumindest ihrer Eltern auf sich zieht, aber um ihren starken Willen durchzusetzen, bleibt sie renitent. Wie Alithea hat auch Harriet Gefallen an London gefunden und möchte vorerst nicht zurück aufs Land geschickt werden, worin allerdings die Konsequenz der nicht eingegangen Ehe mit Young Bellair bestünde. Das vermeintliche Brautpaar entscheidet sich, ihren Eltern ihre Verliebtheit vorzuspielen, um in London bleiben zu können: „YOUNG BELLAIR: What a dreadful thing ´twould be to be hurried back to Hampshire! HARRIET: Ah, name it not!“ (MM, III, 1, S. 81, Z. 3-5).
Sämtliche geschilderten Verhaltensweisen wären für Harriet nicht möglich gewesen, hätte sie sich um ihren Ruf sorgen müssen. Doch diese Sorglosigkeit eröffnet ihr eine gewisse Narrenfreiheit, von der sie regen Gebrauch macht.
Als ein weiteres Resultat ihrer Herkunft stehen Harriet und Alithea dem recht dekadenten Lebenswandel der Londoner Oberschicht sowie seiner Affektiertheit und der Betonung von Äußerlichkeiten unterschiedlich gegenüber. Harriet legt selbstverständlich einen gewissen Wert auf ihr Äußeres, doch sie hebt sich von sämtlichen weiteren Figuren der Komödie dadurch ab, dass sie dies bewusst nicht übertreibt. Bereits im ersten Auftritt Harriets wird diese Eigenschaft dem Publikum demonstriert, indem sie ihre Kammerdienerin Busy zurückweist, die Harriets Frisur perfektionieren möchte: „How do I daily suffer under thy officious fingers!“ (MM, III, 1, S. 78, Z. 10). Hier wird insbesondere der Gegensatz zum übertrieben eitlen Dorimant deutlich, dessen erster Auftritt darin besteht, sich aufwendig zu kleiden und zu parfümieren.
Harriet besitzt die Fähigkeit, hinter die zumeist aufwendig ausgeschmückte Fassade ihrer Mitmenschen blicken zu können. So lässt sie sich auch bei der Wahl ihres Ehemannes nicht vom äußeren Schein trügen und versucht, den Menschen dahinter zu erkennen. Sie äußert gegenüber Busy ihre Meinung über Young Bellair wie folgt: „The man, indeed, wears his clothes fashionably, and has a pretty negligent way with him, very courtly, and much affected; he bows, and talks, and smiles so agreably, as he thinks.“ (MM, III, 1, S. 79, Z. 9-12). Busy entgegnet Harriet hierauf, Young Bellair sei somit ein wirklich guter Ehemann. Doch Harriet äußert auf diese Antwort hin, was sie von diesen Vorzügen hält: „Varnished over with good breeding, many a blockhead makes a tolerable show.“ (MM, III, 1, S. 79, Z. 14-15). Eine aufwendig geschmückte äußere Erscheinung eines Mannes wirkt jedoch keineswegs abschreckend auf Harriet, wie die Wahl ihres tatsächlichen Ehemannes Dorimant beweist. Harriets Distanziertheit gegenüber den Selbstinszenierungen der sie umgebenden Menschen erstreckt sich neben der übertriebenen Kleidung und Körperpflege auch auf die gesellschaftlichen Umgangsformen. Es ist anzunehmen, dass in ihrer ländlichen Heimat die Menschen ehrlicher zueinander waren, sodass die Katzenfreundlichkeit innerhalb der Lon
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doner Gesellschaft auf sie befremdend wirken muss. Gegenüber Young Bellair, mit dem sie aufgrund ihrer gemeinsamen Verschwörung recht offen spricht, äußert sie ihre Meinung über den gekünstelten und oberflächlichen Umgang der Menschen miteinander; in diesem Falle bezogen auf den beliebten Treffpunkt High Park: „[...]; but I abominate the dull diversions there, the formal bows, the affected smiles, the silly by-words, and amorous tweers in passing.“ (MM, III, 3, S. 93, Z. 13-16).
Auch Dorimant gegenüber passt Harriet sich nicht den gesellschaftlich üblichen Konversati-onsformen an, sondern offenbart ihm unverfälscht ihren wahren Charakter. Als Reaktion auf seine erstaunte Frage nach dem Ursprung ihres seiner Meinung nach kalten und abweisenden Blickes entgegnet sie ihm: „From nature sir; pardon my want of art. I have not learnt those softnesses and languishings which now in faces are so much in fashion.“ (MM, IV, 1, S. 106, Z. 17-19). Dorimant bittet Harriet im weiteren Verlaufe des Gespräches, eben diesen modischen sanften Blick auszuprobieren, doch sie weist seinen Wunsch unsanft zurück: „I am sorry my face does not please you as it is, but I shall not be complaisant and change it.“ (MM, VI, 1, S. 106, Z. 35-36). Harriet weigert sich, eine Maske 3 aufzusetzen, weil sie mit Dorimant eine längere Beziehung eingehen möchte und ihm somit ihre Persönlichkeit von Beginn an offen legt. Dieses Verhalten ist bezeichnend für Harriets Ehrlichkeit, die sie hier unter Beweis stellt, indem sie sich Dorimant und dem Publikum gegenüber selbst direkt charakterisiert. Dorimant hingegen erwartet von Harriet die ihm vertraute gekünstelte Konversation, mit der für gewöhnlich seine potenziellen neuen Geliebten die Bereitschaft zu einer Affäre signalisieren. Doch durch das überraschende Verhalten Harriets wird er dieser Illusion recht schnell beraubt.
Die Weigerung Harriets, den sozial akzeptierten Formen der äußeren Erscheinung und der gesellschaftlichen Umgangsformen zu entsprechen, setzt sie von Alithea ab. Dem Charakter Alitheas fehlt in der Hinsicht Tiefe, als dass sie keine - weder explizit noch implizit geäußerte - bemerkenswerte Einstellung zu diesem Aspekt der sie umgebenden Gesellschaft aufweist. Die heraus zu ziehende Schlussfolgerung wäre, dass Alithea sich keine Gedanken über den Sinn und Unsinn von Kleidung und Umgangsformen macht, sondern kritiklos den gegebenen Konventionen folgt. Andererseits wäre diese fehlende Charaktertiefe Alitheas auch damit erklärbar, dass Harriet mit bereits entwickelter Persönlichkeit das Leben in der Stadt kennen lernt, während Alithea in keiner anderen Gesellschaft als der Londons gelebt hat. Es war zu damaliger Zeit zwar reizvoll für die Landbevölkerung, die Stadt zu erleben; umgekehrt begab sich jedoch kein Stadtbewohner freiwillig aufs Land. Doch auch wenn dies als Erklärung dienen kann, so bleibt doch festzuhalten, dass Harriet in dieser Beziehung im Vergleich zu Alithea den wesentlich runderen Charakter besitzt.
3 Als „Maske“ ist in diesem Zusammenhang ein verstellter Gesichtsausdruck beziehungsweise ein
verstelltes Benehmen zu verstehen. Es besteht kein Zusammenhang mit den in den Restaurations-komödien häufig angesprochenen wörtlich zu verstehenden Gesichtsmasken.
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Der weitaus feiner skizzierte Charakter Harriets im Vergleich zu dem Alitheas setzt sich bei ihren Fähigkeiten, sich mit geistreicher Konversation in der Gesellschaft zu bewähren, fort. Die Bedeutung dieser als wit bezeichneten Eigenschaft wird von vielen Figuren der Restaurationskomödien wiederholt betont und war neben der äußeren Erscheinung eines Menschen eine weitere wichtige Eigenschaft für seinen sozialen Status. Eine sehr treffende Definition von wit wurde von Richard Bevis formuliert, indem er ihn als die Kombination von geistiger Schärfe und verbaler Schnelligkeit bezeichnet. 4
Margaret MacDonald legt in ihrer Betrachtung der unabhängigen Frauen der Restaurationskomödie viel Gewicht auf die Analysierung dieses Aspektes der Persönlichkeiten der weiblichen Figuren. MacDonald betrachtet den wit von Harriet als weitaus höher entwickelt als den von Alithea. In der Abwehr der Annäherungsversuche Harcourts erweise sich Alithea als überaus ernst und grob. Harriet hingegen erwidert ähnliche Vorstöße seitens Dorimant zwar mit der gleichen Bestimmtheit, doch sie verpacke diese eleganter und mit einer spielerischen Leichtigkeit. Über diese Fähigkeit verfüge Alithea nicht. 5
Zweifellos versagt Alithea dem Publikum eine Demonstration ihres wit, mit der sie eine ähnliche Brillanz bewiesen hätte wie Harriet, die Sir Fopling Flutters Halbwissen über französische Dichter bloßstellt und ihn damit zum Gespött der versammelten Gesellschaft macht. (MM, IV, 1, S. 109, Z. 30 - S. 110, Z. 4). Ihre fundierte literarische Bildung, vor dessen Hin-tergrund Harriet es sich zutraut, Sir Fopling Flutter derart herauszufordern, wird von MacDonald besonders hervorgehoben. Harriet demonstriere ihre Belesenheit des weiteren durch den Vergleich ihrer eigenen Situation mit Herab aus Abraham Cowleys Davideis, sowie durch den Vergleich des Londoner Heiratsmarktes mit dem Markt aus Ben Jonsons Bartholomew Fair. 6
4 Bevis, S. 84
5 MacDonald, S. 84
6 ebd., S. 94
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3. Vergleich zwischen Harriet und Mrs. Loveit
In „The Man of Mode“ stellt die von Dorimant verstoßene ehemalige Geliebte Mrs. Loveit die Antagonistin zu Harriet dar. Die Gegensätzlichkeit dieser beiden Frauen wird anhand der unterschiedlichen Methoden deutlich, mit denen sie versuchen, ihr identisches Ziel - die Liebe Dorimants - zu erreichen. Mrs. Loveit offenbart ihren ungestümen und geradezu leidenschaftlichen Charakter durch die zahlreichen Eifersuchtsszenen, die sie Dorimant liefert. Norman Holland schreibt über Mrs. Loveit, sie würde auf die geringfügigste Provokation mit einem wahren Ausbruch an Beschimpfungen reagieren. Zudem würde sie ihr Inneres ständig an die Oberfläche gekehrt zeigen und somit auch nicht sonderlich über ihre äußere Erscheinung besorgt sein. 7
Diese Einschätzung bestätigt sie, indem sie Dorimant wutentbrannt ihres Hauses verweist. Doch als dieser tatsächlich ihrer Aufforderung nachkommt und gehen will, ruft sie ihn zurück (MM, II, 2, S. 75, Z. 11-19). In dieser Reaktion, bei der sie durch ihre Eifersucht die Kontrolle über ihr Verhalten verloren hat, verrät sie Dorimant, dass sie ihn in Wahrheit zurückzugewinnen versucht. Dorimant ist dies jedoch längst bekannt, und er genießt es, Mrs. Loveits Eifersucht immer weiter zu reizen. Durch ihren unkontrollierbaren emotionalen Charakter versetzt sich Mrs. Loveit in die Rolle eines Unterhaltungsobjektes für Dorimant, der gegenüber seinem Freund Medley sein Vergnügen daran zugibt, mit ihr ein Spiel zu spielen: „Next to the coming to a good understanding with a new mistress, I love a quarrel with an old one.“ (MM, I, 1, S. 54, Z. 36 - S. 55, Z. 2).
Holland charakterisiert Harriet im Gegenzug als so sehr in Besitz der Kontrolle über ihre Gefühle, dass sie diese lediglich in der Zurückgezogenheit ihrer Kammer offenbare. Ihre größte Sorge sei es, jemand könne glauben, dass sie „leicht zu heiraten und zu verführen“ sei. 8
Aus diesem Grunde vermeidet sie es, Dorimant ihre wahren Gefühle für ihn zu zeigen, da dieser damit die Kontrolle über sie gewinnen würde. In einem Beiseitesprechen nach ihrer ersten Begegnung mit Dorimant informiert sie das Publikum darüber: "I feel as great a change within; but he shall never know it.“ (MM, III, 2, S. 94, Z. 3-4).
Der Erfolg dieser Taktik lässt nicht lange auf sich warten. Dorimant leidet merklich darunter, dass sein gewohnter Erfolg bei Frauen diesmal auszubleiben scheint und es nicht er ist, der seine Gefühle unter Kontrolle hält und den Verlauf der Affäre mit seiner jeweiligen Geliebten bestimmt. Auch er offenbart sich dem Publikum durch ein Beiseitesprechen: „I love her, and dare not let her know it. I fear sh´as an ascendant o´er me and may revenge the wrongs I have done her sex.“ (MM, IV, 1, S. 107, Z. 15 - 17).
7 Holland, S. 88
8 ebd., S. 86
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Ein weiteres Unterscheidungskriterium zwischen Harriet und Mrs. Loveit liegt in den Erwartungen, die sie in Dorimant legen. Während Mrs. Loveit nicht von ihrer Illusion eines treuen und sie aufrichtig liebenden Dorimants abzubringen ist, ist sich Harriet über den wahren Charakter des Frauenhelden im Klaren. Ihr fehlt es nicht an der Courage, ihm dies offen ins Gesicht zu sagen: „I was informed you use to laugh at love, and not make it.“ (IV, 1, S. 107, Z. 32-33). Harriet gewinnt zusehends die Kontrolle über Dorimant, sodass dieser beteuert, ein gänzlich anderer Mensch werden zu wollen. Im Gegensatz zu Mrs. Loveit hegt Harriet jedoch hieran kein Interesse und beruhigt Dorimant: „Hold - though I wish you devout, I would not have you turn fanatic.“ (MM, V, 2, S .136, Z. 12-13). Norman N. Holland entnimmt Harriets Vorgehensweise die Intention, Dorimant dazu zu bringen, die gleiche Leidenschaftlichkeit, mit der er in seinem bisherigen Leben seine Affären gepflegt hat, nun in die Ehe zu übertragen. 9 Dies kann man dieser Aussage Harriets durchaus entnehmen. Es ist die naheliegendste Deutung ihrer Erwartungen in die Zukunft mit Dorimant, dass sie diesen notorischen Frauenhelden durch die Ehe und das zumindest vorläufige Leben auf dem Lande zu „zähmen“ versucht. Sie erwartet zwar von ihm Treue, doch es ist unwahrscheinlich, dass eine realistisch denkende Frau wie Harriet glauben sollte, einen Menschen grundlegend ändern zu können.
Der Gegensatz zwischen Harriet und Mrs. Loveit wird durch die weitergehende Interpretation von Norman N. Holland und seine Beimischung von religiöser Bedeutung auf eine - unter Berücksichtigung des religiösen Aspektes - höhere Ebene getragen. Holland eröffnet seine Argumentation, indem er die These von der Existenz zweier parallel verlaufender Handlungen vorstellt, die er als low plot und high plot bezeichnet. Der low plot sei die Handlung im Umfeld der Intrige, mit der Dorimant versucht, die Eifersucht von Mrs. Loveit zu wecken, um sich seiner neuen Geliebten Bellinda zuzuwenden. Im Zentrum des high plot stünde Young Bellair, der zusammen mit Harriet die angeblich bevorstehende Eheschließung vortäusche, um sich seiner wahren Liebe Emilia nähern zu können. 10
Unter den Charakteren des low plot wären die Wertmaßstäbe gänzlich andere als unter denen des high plot. Exemplarisch hierfür sei die Bedeutung von Liebe: Innerhalb des low plot sei sie seitens der Charaktere mit Kampf, Duell und Streit verbunden. Hier besitze das Animalische und Triebgesteuerte des Menschen die Vorherrschaft, während im high plot Liebe mit religiösen und tugendhaften Begriffen wie Treue, Glauben und Aufrichtigkeit assoziiert wird. 11
Holland setzt nun den Gegensatz zwischen low plot und high plot mit dem Gegensatz zwischen Hölle und Himmel gleich. Bezogen auf die Liebe sei es der Gegensatz zwischen Affä
9 Holland, S. 94f.
10 ebd., S. 86
11 ebd., S. 90
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ren einerseits und der Ehe andererseits. 12 Konsequent weiterbetrachtet stünden sich somit die weiblichen Charaktere Harriet und Mrs. Loveit als Allegorien für den Himmel beziehungsweise für die Hölle gegenüber. Harriet stünde symbolhaft für die religiösen Tugenden, die mit dem „heiligen Bund der Ehe“ einhergehen. Mrs. Loveit stünde in ihrer Eigenschaft als Geliebte für die Affären und das Laster.
Holland entwickelt seine Interpretation weiter, indem er Dorimant eine besondere Rolle in ihr zuweist. Auffällig sei, dass Dorimant zu Beginn der Komödie den zentrale Charakter des low plot darstelle 13 , während der Entwicklung seiner Liebe zu Harriet in den high plot wechsele, um schließlich zum Ende der Handlung hin vollkommen den low plot verlassen zu haben. Dieser Wechsel sei von Harriet initiiert und vorangetrieben worden. 14 Unter Beibehaltung der religiösen Symbolik stelle Dorimant den armen Sünder dar, der in der Hölle der Affären und all der Sünden, die Mrs. Loveit repräsentiere, gefangen sei. Doch Harriet erkenne das Elend und die Misere, in der sich Dorimant befinde, und biete ihm die Chance zu seiner Erlösung an, die Dorimant schließlich ergreife, indem er Harriet die Ehe verspricht. Der angemessene Ort für seine Buße sei die Öde und Langeweile auf dem Lande, auf das er Harriet zu begleiten verspricht. 15
Der abschließende Triumph des Himmels und der Tugend über die Hölle und das Laster wird - unter Berücksichtigung von Hollands Interpretation - zum Ende der Komödie zum Ausdruck gebracht, indem Harriet ihren Triumph über Mrs. Loveit ihr gegenüber verkündet: „Mr Dorimant has been your God almighty long enough, ´tis time to think of another.“ (MM, V, 2, S. 143, Z 1-2). Nach Ansicht von Bonamy Dobrée habe Mrs. Loveit eine solche öffentliche Bloßstellung, sowie die ihr zugewiesene Rolle als einzige Figur, die am Ende der Handlung einen Verlust erleidet, nicht verdient. Diese tragische Heldin von The Man of Mode sei die beeindruckende Verkörperung einer eifersüchtigen Frau, die unermüdlich gegen ihr Schicksal kämpfe. 16 Diese Einschätzung ist nicht nur zu unterstreichen, sondern zu verschärfen. Bei der Figur der Mrs. Loveit handelt es sich um einen extrem flachen Charakter, der außer Eifersucht und Leidenschaft keine weiteren Persönlichkeitsaspekte aufweist.
12 Holland, S. 91
13 Die Bezeichnung Dorimants als zentralen Charakter des low plot ist hier kein Widerspruch zur zent-
ralen Rolle von Mrs. Loveit als Allegorie der Hölle. Beide plots sind laut Holland so strukturiert, dass
jeweils in ihrem Zentrum eine männliche Figur stünde, der sich von einer Frau zu trennen versuche,
um eine andere Frau zu gewinnen.
14 Holland, S. 90
15 ebd., S. 93
16 Dobrée, S. 70
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4. Vergleich zwischen Alithea und Mrs. Pinchwife
Ähnlich wie im Falle von Harriet und Mrs. Loveit liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Alithea und ihrer Gegenspielerin Mrs. Pinchwife in der Fähigkeit, sich selbst angesichts starker Gefühle unter Kontrolle zu halten. Beide Frauen sehen sich den Nachstellungen eines Mannes ausgesetzt, in den sie sich verlieben, und sind somit versucht, ihren Ehemann bzw. ihren Verlobten zu betrügen. Alithea widersteht Mr. Harcourt zunächst und erteilt ihm einewenn auch sich selbst unter größten Mühen abgerungene - klare Absage: „Good night, sir, for ever.“ (CW, III, 2, S. 206, Z. 22).
Diese Fähigkeit, sich selbst zu solch eindeutigen Worten gegenüber einem Mann, den sie eigentlich liebt, überwinden zu können, ist es, die sie von Mrs. Pinchwife unterscheidet. Denn Alithea weiß, welche Vorteile die Ehe mit Mr. Sparkish aus den bereits geschilderten Gründen für sie bietet, und ist nicht bereit, diese Vorteile wegen Mr. Harcourt zu gefährden. Doch Alithea verschiebt ihre Prioritäten im Verlaufe der Handlung, sodass sie schließlich doch ihren Gefühlen nachgibt und sich Mr. Harcourt zuwendet. Norman Holland beschreibt dies als einen Lernprozess, der ihr wiederfahre und als dessen Konsequenz sie erkenne, dass sie nicht länger die wahre Liebe, die ihr Mr. Harcourt entgegenbringe, durch die Oberflächlichkeit eines Mr. Sparkish ersetzen solle. 17 Holland lässt mit dieser Einschätzung Alithea in The Country Wife die Rolle des geretteten Sünders zukommen, die er in The Man of Mode für Dorimant bereithielt.
Für Mrs. Pinchwifes Naivität und Unentschlossenheit hingegen ist es bezeichnend, dass sie sich Horners Annäherungen von Beginn an nicht im geringsten widersetzt, sondern nur durch ihren Mann von ihm ferngehalten wird. Mrs. Pinchwife in all ihrem nahezu kindlichem Verhalten ist nicht in der Lage, zu erkennen, dass Horner ihr lediglich nachstellt, um seiner langen Liste von durch ihn betrogenen Ehemännern Mr. Pinchwife hinzuzufügen, der durch seine extreme Eifersucht eine besondere Herausforderung für Horner darstellt. 18 Norman Holland interpretiert The Country Wife als einen moralischen Appell, der dem Publikum einen richtigen und einen falschen Weg der Liebe aufzeige. Der richtige Weg werde von Alithea und Mr. Harcourt eingeschlagen. Dieses Paar fühle wahre und aufrichtige Liebe für-einander, während sämtliche weiteren Personen der Komödie nur Affären nachgingen - wie Horner und seine Lieblingsgespielin Lady Fidget - oder in krankhafter Eifersucht ihre Ehefrauen einsperren würden wie Mr. Pinchwife. 19 Gemäß dieser Deutung wurde Alithea, so wie Harriet in The Man of Mode, die weibliche Symbolisierung der tugendhaften und wahren
17 Holland, S. 78
18 Dieser geradezu sportliche Ehrgeiz Horners wird schon durch seinen Namen symbolisiert. Mr.
Pinchwife liefert während eines Beiseitesprechens einen Hinweis auf die Bedeutung dieses Wortspie-
les: „[aside, rubbing his forehead]: And what I have got here, too, which you can´t see!“ (CW, III, 2, S.
205, Z. 11-12). Die dazugehörige Fußnote lautet: „[...] a reference to the cuckold´s horn.“ Ein cuckold
- ein betrogener Ehemann - trägt ein Horn (ähnlich wie die deutsche Redewendung vom gehörnten
Ehemann). Ein Horner ist demnach jemand, der Ehemännern diese Hörner aufsetzt.
19 Holland, S. 78
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Liebe als Gegenpol zu einer ansonsten verdorbenen Umgebung darstellen. Es bliebe hierbei zu erörtern, ob Alithea diese Rolle bereits zu Beginn der Komödie aufgrund der in ihr vor-handenen, jedoch unterdrückten wahren Liebe, bekleidet, oder erst nach erfolgtem oben erwähnten Lernprozess.
Eine besondere Rolle in dieser Einteilung der Charaktere kommt laut Holland Mrs. Pinchwife zu. Sie glaube ebenso wie Alithea an die wahre Liebe und versuche, diese bei Horner zu finden. Ihre Unerfahrenheit im Umgang mit den Regeln der Londoner Gesellschaft trage jedoch die Schuld daran, dass Mrs. Pinchwife scheitere. Anders als Alithea und Harcourt, die sich innerhalb der sozialen Konventionen auskennen und bewegen, sei Mrs. Pinchwife nicht in der Lage, erfolgreich zu Horner vorzudringen und eine Beziehung mit ihm einzugehen. Doch dieser Glaube an die wahre Liebe sei es, die sie in Hollands Einteilung der Charaktere eine Rolle zwischen den beiden Lagern, die von Alithea und Harcourt einerseits, und sämtlichen anderen Charakteren andererseits gebildet werden, einnehmen ließen. Lediglich die fehlende Kenntnis der Mittel hindere sie daran, eine ähnlich exponierte Stellung einzunehmen wie Alithea und Mr. Harcourt. 20
George Henry Nettleton geht mit Mrs. Pinchwife entschieden härter ins Gericht. Er bezeichnet die Tatsache, dass sie ihren Ehemann bis zum Ende der Handlung nicht betrogen hat, lediglich als das Ergebnis eines Mangels an Gelegenheit zur Sünde. Ihre neuerlangte Ver-dorbenheit resultiere aus ihrem Umzug vom Lande hinein in die Welt der Großstadt London. 21 Dieser Ansicht liegt offensichtlich die Überzeugung einer Verpflichtung Mrs. Pinchwifes zur bedingungslosen Treue gegenüber ihrem Ehemann zugrunde. Doch angesichts der Gewaltandrohungen, die Mr. Pinchwife gegen seine Ehefrau ausspricht - besonders erschreckend ist hierbei seine Drohung, mit einem Taschenmesser „Hure“ in ihr Gesicht zu ritzen (CW, IV, 2, S. 215, Z. 4-5) - ist es vermessen, Mrs. Pinchwife nicht zugestehen zu wollen, sich von diesem Ehemann loszulösen. Ihr Ziel ist keine Affäre mit Horner und der damit verbundene Betrug an ihrem Gatten. Sie glaubt, in Horner ihre wahre Liebe gefunden zu haben und offenbart es diesem: „I don´t intend to go to him [Mr. Pinchwife] again. You shall be my husband now.“ (CW, V, 4, S. 250, Z. 13-14). Um Horner zur Ehe zu bewegen, bedürfte es allerdings zumindest einer Frau wie Harriet. Für die tragische Heldin Mrs. Pinchwife wird diese Hochzeit für immer eine unerreichbare Illusion bleiben. Ein Aspekt der Margery Pinchwife verdient besondere Beachtung. Im Gegensatz zu Sir Fopling Flutter, dem Namensgeber von The Man of Mode, stellt die Titelfigur von The Country Wife weit mehr als nur schmückendes Beiwerk der Komödie dar. Mrs. Pinchwife weist zumindest einen ebenso runden Charakter wie Alithea auf, unterscheidet sich jedoch von ihr darin, dass ihr eine gewisse Entwicklung ihrer Persönlichkeit widerfährt. Zwar verän
20 Holland, S. 82ff.
21 Nettleton, S. 79
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dert sich auch Alithea insofern, als sie schließlich ihrem Herzen und nicht mehr ihrem Verstand folgt und sich von Mr. Sparkish ab- und Mr. Harcourt zuwendet, doch sind die Veränderungen an der Persönlichkeit Margery Pinchwifes von wesentlich gravierenderem Ausmaße.
Zu Beginn der Komödie ist Mrs. Pinchwife noch voll und ganz die verschüchterte „Unschuld vom Lande“, doch diese von ihrem Ehemann so geschätzte Eigenschaft legt sie im Verlaufe der Handlung zusehends ab. Sie geht hierin nicht so weit, als dass sie sich offen gegen ihren Ehemann auflehnen würde, doch die raffinierten Tricks, die sie hinter seinem Rücken vollführt, wären ihr zu Beginn der Komödie nicht zuzutrauen gewesen. Der Eindruck, Mrs. Pinchwife nähere sich hiermit einer Rolle als zweite unabhängige Frau von The Country Wife, ist jedoch irrefühend, da diese Persönlichkeitsentwicklung wesentlich von Alithea vorangetrieben wurde. Hierin bestätigt sich erneut Alitheas Anspruch auf die Rolle der unabhängigen Frau. Mrs. Pinchwife kommt jedoch die Rolle des einzigen dynamischen Charakters innerhalb der restlichen Masse von statischen Charakteren zu, die sowohl die Handlung von The Country Wife als auch von The Man of Mode tragen und sämtlich nur mehr oder minder viele Charakterzüge repräsentieren, ohne sich jemals weiterzuentwickeln. Diese Sonderrolle zeigt, dass die Figur der unabhängigen Frau nicht zwingend im Vorder-grund der Handlung einer Restaurationskomödie stehen muss. Die in Ansätzen kafkaeske Situation der Margery Pinchwife, die sich abmüht, ihr Ziel zu erreichen, und sich dabei wie ein Hamster im Laufrad nicht von der Stelle bewegt, da ihr die Fähigkeit fehlt, sich ihrer Umwelt mitzuteilen, lässt die Handlung um Alithea in den Hintergrund treten.
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5. Resümee
Beide behandelte Komödien der englischen Restaurationszeit weisen ein weitgefächertes Spektrum an Frauenfiguren auf. Das Maß an Unabhängigkeit, dass diese Frauen aufweisen, ist nur eines von mehreren möglichen Unterscheidungskriterien, wenn auch ein sehr herausragendes. Wie sich erwiesen hat, definiert sich der Begriff „Unabhängigkeit“ im Falle von Harriet und Alithea teilweise recht unterschiedlich. Diese Frauenfiguren sind jede auf ihre Weise unabhängig und verdienen diese Bezeichnung aus unterschiedlichen Gründen. Somit ist es nicht möglich, Harriet und Alithea auf einer Skala der Unabhängigkeit einzuordnen und zu bestimmen, welche von beiden Frauen die unabhängigere ist. Und doch existiert die Verlockung, ebendiese Frage nach der unabhängigeren der beiden Frauenfiguren mit „Harriet“ zu beantworten. Dies ist naheliegend, hält aber einer eingehenderen Betrachtung nicht stand. Harriet wirkt geistreicher, schlagfertiger und auch willensstärker als Alithea, doch dies liegt daran, das Harriet dem Publikum viel mehr ihrer Persönlichkeit offenbart. Etherege hat auf seine Harriet ein viel größeres Maß an Detailverliebtheit auf-gewandt als Wycherley an seine Alithea, die den weitaus flacheren Charakter dieser beiden Figuren besitzt. Dies offenbart sich nicht zuletzt daran, dass zwischen Harriet und Mrs. Loveit mehr Gegensätze existieren als zwischen Alithea und Margery Pinchwife. Diese Tatsache resultiert aus dem weitaus komplexeren und runderen Charakter Harriets, der mehr Eigenschaften und damit mehr Vergleichsmöglichkeiten aufweist als der Charakter Alitheas. Der rundere Charakter Harriets führt des weiteren dazu, dass sich im Vergleich zwischen Harriet und Alithea viele Eigenschaften finden, die Harriet besitzt, während Alithea diese fehlen. Im Gegenzug weist Alithea keinerlei Eigenschaften auf, die Harriet nicht besitzen würde.
Die Interpretationen der beiden Komödien durch Norman Holland stellen einen interessanten Denkansatz dar, der Anlass zu Diskussionen gibt. Grundsätzlich sind diese Interpretationen sehr zu würdigen, da sie diesen auf den ersten Blick bedeutungsarmen bis -freien Komödien, die offensichtlich nur das Publikum unterhalten sollen, eine Aussage verleihen. Somit würden durch die Bedeutungsverleihung Hollands auch die Restaurationskomödien den Grundsatz des delectare et prodesse befolgen.
Die Interpretation einer religiösen Botschaft in diese Theaterstücke erstaunt andererseitsdoch sehr, da dies vollkommen gegen den Zeitgeist der Restaurationsgesellschaft gerichtet wäre, der sich bewusst gegen den Puritanismus des vorangegangenen Interregnums richtete. Des weiteren würde ein religiös-moralischer Appell in einem betont zügellos-schlüpfrigen Theaterstück die Quadratur des Kreises darstellen.
Bezogen auf die Thematik der unabhängigen Frau entspricht Harriet ihrer Rolle auch in Hol-lands Interpretation in vollem Maße. Sie ist der Erlöser Dorimants, kontrolliert das Geschehen und treibt aktiv die Handlung voran.
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Im Falle von Alithea erzeugt Hollands Interpretation einen Widerspruch. Wenn Alithea die zu errettende Sünderin darstellt, ist sie ganz und gar keine unabhängige Frau mehr, sondern bekleidet nur noch eine passive Rolle. Durch ihr Verwirrspiel um die Briefe an Horner tritt nun - wenn auch unfreiwillig - Margery Pinchwife an die Stelle ihres Erlösers und nimmt somit die entscheidende Position im Geflecht der Handlung ein.
Dadurch wird bestätigt, dass nur Harriet ihre Rolle als unabhängige Frau in vollem Umfang ausführt, ohne von einer weiteren weiblichen Figur in ihrem Aktionsradius bedrängt zu werden. Alithea dagegen steht nicht im gleichem Maße wie Harriet im Vordergrund, Margery Pinchwife nimmt eine annähernd ähnlich wichtige Position ein, da ihre Naivität sie nicht vor folgenreichen Handlungen bewahrt.
Dies bestätigt ein weiteres Mal die Haupterkenntnis dieser Arbeit: Harriet verkörpert die Figur der unabhängigen Frau in einer ganz besonders herausragenden Art und Weise, durch die sich die ein Jahr zuvor „geborene“ Alithea in deren Schatten gestellt wiederfindet. Margaret MacDonald, die in ihrer Arbeit sämtliche unabhängigen Frauen der Restaurationskomödie untersucht hat, geht noch weiter: Ihrer Meinung nach gab es in den zehn Jahren vor und nach der Uraufführung von The Man of Mode keine vergleichbare Frauenfigur. 22
22 MacDonald, S. 88
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6. Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
• Etherege, George: „The Man of Mode or Sir Fopling Flutter“, London 1676 in: „Three Restoration Comedies“, London: Penguin Books, 1968
• Wycherley, William: „The Country Wife“, London 1675 in: „Three Restoration Comdies“, London: Penguin Books, 1968
Sekundärliteratur:
• Bevis, Richard W.: „English drama : restoration and eighteenth century, 1660 - 1789“, London: Longman, 1988
• Dobrée, Bonamy: „Restoration comedy 1660 - 1720“, Westport: Greenwood, 1981
• Holland, Norman N.: „The first modern comedies: the significance of Etherege, Wycherley and Congreve“, Bloomington: Indiana University Press, 1967
• MacDonald, Margaret Lamb: „The independent woman in the restoration comedy of manners“, Salzburg: Institut für englische Sprache und Literatur, 1976
• Maurer, Michael: „Kleine Geschichte Englands“, Stuttgart: Reclam Verlag, 1997
• Nettleton, George H.: „English drama of the Restoration and eighteenth century : (1642-1780)“, New York: Square, 1968
• Pfister, Manfred: „Das Drama - Theorie und Analyse“, München: Fink 1977
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Arbeit zitieren:
Michael Treichler, 2001, Die Rolle der unabhängigen Frau in der englischen Restaurationskomödie am Beispiel von Harriet und Alithea, München, GRIN Verlag GmbH
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