Dies führt auch dazu, dass er die Geschäfte verstärkt dem Sohn überlässt und immer
„zurückhaltender“ (S.9) wird. Dies zeigt sich auch auf privater Ebene durch den Rückzug in
ein dunkles Zimmer an einem hellen Vormittag. Trotz der Schwierigkeiten, die Vater und
Sohn miteinander zu haben scheinen, zeigt sich der Vater erfreut über den Besuch des Sohnes.
Innerhalb des Gesprächs werden jedoch rasch die latenten Vorwürfe offenkundig. Der Vater
beschuldigt Georg sein Geschäft an sich gerissen zu haben und hierbei ihn selbst
vernachlässigt zu haben. Weiterhin wird im Streitgespräch von Vater und Sohn deutlich, dass
mit abnehmender Autorität des Sohnes der Vater zusehends an Stärke und Macht gewinnt. Er
erlangt so seine Position innerhalb der Kleinstfamilie, die Vater und Sohn darstellen, zurück.
Dies führ soweit, dass er gegen Ende der Erzählung berechtig ist über Georg und sogar über
dessen Leben zu urteilen.
Die Mutter wird in der Erzählung zwar einige Male erwähnt, dient jedoch, da sie seit zwei
Jahren tot ist, nur zur Erklärung der Verhaltensweisen des Vaters. Weiterhin nutzt dieser die
Mutter als Druckmittel gegenüber Georg, indem er diesem vorwirft ihr „Andenken
geschändet“ zu haben. Zusätzlich behauptet er gegenüber Georg die Partei der Mutter mit zu
vertreten. Er stellt hervor, dass die Mutter ihm „ihre Kraft abgegeben“ habe und er dadurch
und durch die Verbindung mit dem Freund weiterhin der Stärkere bleibt.
Der Freund spielt insofern eine wichtige Rolle in der Erzählung, als dass er der Anlass für die
Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn ist. Der Leser erfährt, dass dieser Freund
Georgs auf der Suche nach guten Geschäften nach Russland ausgewandert ist. Ihm scheint es
jedoch eher schlecht ergangen zu sein, was Grund für das Zögern Georgs ihm von seiner
glücklichen Lage zu berichten ist. Im Verlauf der Konfrontation zwischen Vater und Sohn
zeichnet sich eine Widersprüchlichkeit im Verhalten des Vaters in Bezug auf Georgs Freund
ab. Dieser behauptet zunächst nichts von einem Freund im Ausland zu wissen, um dann später
zu behaupten sich mit diesem verbündet zu haben. Dies geschieht jedoch erst, nachdem er
Georg vorgeworfen hat, es gäbe gar keinen Freund in St. Petersburg und Georg täusche nur
vor Briefe an diesen zu schreiben. Da Georg auf die verschiedenen Behauptungen des Vaters
nicht einzugehen scheint, bleibt die wahre Identität des Freundes im Dunkeln. Dies ist jedoch
nicht hinderlich für die Gesamterzählung, da der Freund hauptsächlich als Mittel innerhalb
des Vater-Sohn-Konfliktes anzusehen ist. Gleiches gilt für die Verlobte Georgs, über die der
Leser lediglich erfährt, dass sie aus einer neu in die Stadt gezogenen, recht wohlhabenden
Familie stammt.
Im Mittelpunkt der Erzählung steht somit die Beziehung zwischen Georg und seinem Vater.
Wichtig ist hierbei in erster Linie die Tatsache, dass Georg innerhalb der Familie die Position
des Vaters übernommen hat. Dies gilt sowohl auf geschäftlicher Ebene als auch auf rein
privater. Geschäftlich lässt sich Georg auch vor seinem Vater als Chef titulieren und trifft
wichtige Entscheidungen ohne dessen Urteil. Privat zeigt sich Georgs Vorherrschaft u.a. in
der Verteilung der Zimmer. Während Georg in einem schönen sonnigen Vorderzimmer, dass
auf die belebte Straße blickt, residiert, wohnt der Vater in dem durch einen kleinen dunklen
Gang mit dem Rest der Wohnung verbundenen Hinterzimmer. Dieses blickt auf den Hinterhof
des Hauses und wird auch bei schönem Wetter von einer Hauswand beschattet. Die
augenscheinliche Dominanz Georgs ist jedoch sehr zerbrechlich und es fällt dem Vater
äußerst leicht mit geeigneten Mitteln wieder an die Macht zu gelangen. Hierbei zeigt sich,
dass er den Sohn lediglich hat gewähren lassen, im Verborgenen jedoch weiterhin die Fäden
zog. Die Macht des Vaters führt am Ende zur Aufgabe der Dominanz von Georgs Seite aus.
Diese Aufgabe von Dominanz führt bis hin zur Selbstaufgaben und in Verbindung mit den
Schuldgefühlen Georgs zur freiwilligen Beendigung des eigenen Lebens.
Die Betrachtung der Charaktere und ihrer Beziehung zueinander ist immer Teil der
werkimmanenten Interpretation literarischer Texte. Sie ist weiterhin stets Voraussetzung für
weitere Interpretationsansätze. Aus Tagebucheinträgen Kafkas geht deutlich hervor, dass er
sich ausgiebigst mit Sigmund Freud beschäftigte. Daher ist in Bezug auf sein Werk die
psychoanalytische Interpretation durchaus legitim. Kafka hat sogar in direktem Bezug auf die
Erzählung „Das Urteil“ in seinem Tagebuch vermerkt: “Freud natürlich.“ Dies lässt darauf
schließen, dass ihm die Freudschen Theorien auch während des Schreibens bewusst gewesen
sind.
In Bezug auf „Das Urteil“ bedeutet das, dass er in der Beziehung zwischen Vater und Sohn
die von Freud aufgestellten Behauptungen widerspiegelt. So zeigt sich der Ödipus-Komplex
in Georgs verhalten gegenüber dem Vater. Nachweis hierfür ist das Verdrängen des Vaters
aus seiner angestammten Position und der, sich durch die gesamte Erzählung ziehende,
Konkurrenzkampf mit dem Vater. Der Wunsch den Vater auszuschalten wird sehr deutlich in
dem Wunsch Georgs, der Vater möge sich vorbeugen, fallen und zerschmettern. Hier geht die
Konkurrenz mit dem Vater demnach so weit, dass Georg diesem den Tod wünscht, um seine
Position dauerhaft annehmen zu können. Dies ist weiterhin eine Parallele zur Antiken Ödipus-Sage, in der Ödipus den Vater tatsächlich umbringt. Kafka geht hier demnach noch über
Freuds Definition des Ödipus-Komplexes hinaus. Letzterer übernimmt in seine Theorie
lediglich die prinzipielle Konkurrenz und de Neid auf den Vater.
Weiter Parallelen lassen sich zwischen der Erzählung und Kafkas eigener Biographie ziehen.
Diese Methode der Interpretation nennt sich demnach auch biographischer
Interpretationsansatz. Hierbei steht wieder das in der Erzählung zentralisierte Vater-Sohn-Verhältnis im Vordergrund. Kafka selbst hatte ein äußerst schwieriges Verhältnis zum Vater.
Dies zeigt sich u.a. auch in seinem „Brief an den Vater“. Hierin beklagt sich Kafka über die
Autorität und Übermacht der Vaterfigur. Ebenso wie Georg Bendemann hat auch Kafka eine
Zeitlang die Geschäfte des Vaters geführt. Auch im Motiv der Verlobung zeigt sich eine
Parallele zu Kafkas Leben. Er schreib die Erzählung „Das Urteil“ in einer einzigen
Septembernacht des Jahres 1912. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seine spätere Verlobte Felice
Bauer bereits kennengelernt. Ihr ist die Erzählung auch gewidmet. In der Verlobung mit
Frieda Brandenfeld sucht Georg in der Erzählung die endgültige Loslösung vom Vater. Er
versucht die Übermacht des Vaters dadurch aufzubrechen, dass er selbst in die tatsächliche
Rolle eines Vaters und Familienoberhauptes schlüpft. Ähnliches hat auch Kafka in seine
eigenen Verlobungen wiederholt versucht.
Im gleichen Maße wie der Vater Georgs diese Verlobung ablehnt, scheint auch Kafkas
eigener Vater dessen Heiratsversuche abgelehnt zu haben. Dies bemerkt Kafka u.a. in seinem
„Brief an den Vater“ Es mag für Kafka ein Grund gewesen sein, der zum Scheitern der
Verlobungen mit Felice Bauer und der Verlobung mit Julie Wohryzek geführt hat.
Ebenso wie Georg ist Kafka der Autorität des Vaters nicht gewachsen und gibt den Wunsch
sich z verloben auf.
Auch im Freund ist eine Parallele zu Kafkas Leben zu ziehen, da Kafka viele Freunde hatte,
mit denen er im Briefkontakt stand. Da die meisten dieser Freunde aus dem Künstler- und
insbesondere dem Schriftstellermilieu stammte, wurden auch sie von Kafkas Vater abgelehnt.
Kafka selbst hat in seinen Tagebüchern den Bezug auf sein eigenes Leben zugestanden. Er
fand allein in den Namen der Hauptcharaktere bereits Analogien zu den Namen der für sein
Leben relevanten Personen. So entsprechen zum Beispiel die Initialen der Verlobten Georgs,
den Initialen Felice Bauers. Weiterhin sieht Kafka seinen eigenen Namen über
Buchstabenzahl und Vokalfolge im Namen Georg Bendemann repräsentiert, wobei das „mann“ im Nachnamen als mitleidige Beisilbe verstanden werden soll. Mit der Erzählung „Das
Urteil“ schaffte Kafka einen ersten Durchbruch als Schriftsteller. Da das Schreiben für ihn
auch Unabhängigkeit vom Vater bedeutete, konnte er sich somit ein Stück weit von dessen
Autorität entfernen. Dies stellt er auch in späteren Briefen fest, in denen er bemerkt, dass mit
der Erzählung die Wunde des Konfliktes mit dem Vater zum ersten Mal aufbrechen konnte.
Gerade das Verhältnis zu einem übermächtigen Vater zieht sich als Motiv durch Kafkas
gesamtes Werk und ist auch in der Erzählung die Verwandlung zu finden.
Arbeit zitieren:
Mina Carolina Hinsch, 2001, Kafka, Franz - Das Urteil - Analyse der Erzählung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Urbanisierung, Grundlagen, weltweiter Stand, Vor- und Nachteile urbane...
Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung
Referat (Ausarbeitung), 16 Seiten
Louise Bourgeois – Betrachtung einer Cell (You better grow UP)
Klausur der gymnasialen Oberst...
Kunst - Installationen, Aktionskunst, 'moderne' Kunst
Unterrichtsentwurf, 13 Seiten
Der Ethikrat - Bedeutung vor dem Hintergrund der Moderne
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Embryonenforschung - Ethische Argumente gegen eine verbrauchende Embry...
Schützenswerte Belange des Emb...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Verstädterung in Ländern der Dritten Welt
Geowissenschaften / Geographie - Geographie als Schulfach
Facharbeit (Schule), 8 Seiten
Das Motiv der Schuld in Franz Kafkas "Das Urteil"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Franz Kafka: Das Urteil. Vier Interpretationsansätze
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Kafka, Franz - Das Urteil - Werksanalyse und Interpretation
Referat / Aufsatz (Schule), 9 Seiten
Goethe, Johann Wolfgang von - Faust - Ausarbeitungen über jede einzeln...
Referat / Aufsatz (Schule), 16 Seiten
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Referat / Aufsatz (Schule), 11 Seiten
Erdöl - Entstehung, Vorkommen, Bohrung, Förderung
Gemeinschaftskunde / Sozialkunde
Facharbeit (Schule), 11 Seiten
Ansätze psychoanalytischer Interpretation in der Literaturwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Szenenanalyse der Kerkerszene aus "Faust" von Johann Wolfgan...
Referat / Aufsatz (Schule), 6 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Mohammedreza Mahboob gefällt Kafka, Franz - Das Urteil - Analyse der Erzählung
Mina Carolina Hinsch hat den Text Kafka, Franz - Das Urteil - Analyse der Erzählung veröffentlicht
Mina Carolina Hinsch hat einen neuen Text hochgeladen
Kafka. Das Urteil / Die Verwandlung / Ein Hungerkünstler. Analysen und...
Vor dem Gesetz / Eine kaiserli...
Franz Kafka
Die Verwandlung, Das Urteil und andere Erzählungen
Text, Kommentar und Materialie...
Franz Kafka
Die Verwandlung, Das Urteil und andere Erzählungen
Inhaltsangabe, Analyse des Tex...
Franz Kafka
Die Verwandlung, Das Urteil und andere Erzählungen
Kopiervorlagen und Module für ...
Franz Kafka
Agnes
Das Urteil.
Deutsch Leistungskurs Niveau!
am Monday, September 02, 2002-
Sandra Höhne
Super!.
Danke, der Text hat mir sehr weitergeholfen. Die Erzählungg ist ja nun wirklich nicht einfach zu verstehen. Aber du hast sehr viele verschiedene Interpretationsansätze eingebracht und damit wirklich umfassend alles erklärt. Echt spitze. Meine Hausaufgabe ist jetzt viel einfacher.
am Wednesday, April 09, 2003-