Das komplette Eigentum der Gefangenen wurde beschlagnahmt und ihre Haare wurden
einheitlich geschoren. Sie erhielten gestreifte Häftlingsbekleidung und eine Nummer. Ein
farbiger Winkel gab an, zu welcher Gefangenenkategorie sie gehörten. Ihr Alltag war
bestimmt durch Arbeit, Hunger, Erschöpfung und Furcht vor den sadistischen SS-Wachen.
Bei Tagesgrauen, im Sommer zwischen vier und fünf, im Winter zwischen sechs und
sieben wurden sie durch Pfeifen geweckt. Nach dem Wecken blieb ihnen genau eine halbe
Stunde um sich zu waschen, die Betten zu machen, ihre Spinde zu ordnen und zu
frühstücken. Das Frühstück bestand aus einem Stück Brot und entweder einem halben
Liter dünner Suppe oder einem halben Liter Kaffee ohne Milch und Zucker. Dieser Halbe-Stunde-Plan musste unbedingt eingehalten werden, da die Gefangenen zeitig zum
Arbeitsplatz abmarschbereit sein mussten. Bevor es zur Arbeit ging, waren alle
Gefangenen gezwungen, egal ob hoch fiebernd, blutiggeschlagen, verkrüppelt oder
verletzt, zum Morgenappell zu erscheinen. Danach konnte dann die Arbeit beginnen. Bei
der Arbeit handelte es sich ausschließlich um Zwangsarbeit. Zu den Arbeiten im
Konzentrationslager gehörte unter anderem die Fronarbeit. Die Arbeit bestand aus
herumfahren von Steinen und Kies. Die Gefangenen wurden dabei ständig von den
Blockführern bewacht bzw. kontrolliert. Sie achteten darauf, dass die Schubkarren voll
genug waren und das die Gefangenen nicht miteinander redeten.
Eine weitere aber wesentlich schwerere Arbeit war das Walzen der Lagerstraßen zwischen
den Gebäuden und den Wohnbaracken. Es wurden dazu bis zu 16 Gefangenen vor einem
Karren gespannt und mit Ochsenziemern angetrieben. Für viele war dies eine so große
Belastung, das sie des öfteren durch einen Kreislaufkollaps zusammenbrachen.
Die schrecklichste Arbeit im Winter war wohl das Schneekommando. Dieses wurde
immer dann eingesetzt, wenn es schneite. Bei der Arbeit ging es darum den gesamten
Schnee im ganzen Lager in einen naheliegenden Fluss abzutransportieren, weil die
Lagerleiter keinen Schnee sehen konnten. Die Arbeit musste bei jedem Wetter und mit
normaler Kleidung ausgeführt werden, weswegen sie von allen Häftlingen als mit einer
der schrecklichsten und grausamsten Arbeiten empfunden wurde.
Als im Laufe der Zeit immer mehr Arbeitskräfte in der Rüstungsindustrie benötigt wurden,
gaben die Konzentrationslager, wie auch Dachau, ihre Gefangenen immer öfter in solche
Rüstungsbetriebe. Die Betriebe konnten auf Bestellung Sklavenarbeiter bekommen. Der
Tagessatz den die Firmen bezahlten, ging an das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt.
Die Gefangenen erhielten keinen Lohn. Wenn sie krank geworden waren, wurden sie in
das Hauptlager zurückgeschickt, was meistens den Tod bedeutete. Allerdings hatte die
Arbeit in den Betrieben auch eine positive Seite! Hier wurden sie nämlich zum ersten mal
seit Langem wieder einigermaßen normal behandelt, da sie mit anderen, die nicht in
einem Konzentrationslager interniert waren, zusammen arbeiten mussten.
Wenn bei den vielen unterschiedlichen Arbeiten nicht alles so lief wie es sollte, wurden
für die entsprechenden Personen zum Teil sehr harte Strafen verhängt. Auch bei
Missachtung eines Soldaten oder einer Regel wurden solche Strafen ausgeführt. Praktisch
gesehen, durfte man unter keinen Umständen auffallen, weil man ansonsten mit harten
Strafen rechnen musste. Dieses “Nichtauffallen“ war aber sehr schwer, da die Soldaten so
viele Regeln hatten, das man sie sich gar nicht alle merken konnte. Eine der Strafen war
die Pfahlstrafe. Hierbei wurde man so an seinen Händen aufgehängt, dass man den Boden
mit den Füßen nicht mehr erreichen konnte. Dieses “Hängen“ dauerte in der Regel eine
Stunde. Wenn der zuständige Soldat aber keine Lust hatte ihn runter zu lassen, sagte
niemand etwas, wenn er mehrere Stunden hängen blieb. Eine weitere und wesentliche
brutalere Strafe war die Rutenstrafe. Bei dieser Strafe wurde der Häftling so über einen
Bock gespannt, dass sein Oberkörper waagerecht war und die Füße gerade noch den
Boden erreichen konnten. Dann bekam der Häftling, meist mit einem nassen
Ochsenziemer, 25 Schläge auf den Oberkörper. Oft wurden aber auch hier aus 25 ganz
schnell 100 Schläge. Die aber wahrscheinlich härteste Strafe war der Arrest. Dabei wurde
der zu Bestrafende, je nach härte seines Strafmaßes, 3 bis 46 Tage in einem absolut
verdunkeltem Raum bei minimalem Essen und Trinken eingeschlossen. Eine noch
grausamere und gleichzeitig die härteste Strafe, war der Arrest in einem Kasten der die
Maße 60cm x 60cm hatte. Man war in diesem Kasten drei Tage ohne Essen und ohne
Trinken eingesperrt. Danach konnte man sich einen Tag ausruhen, dann musste man noch
mal drei Tage in den Kasten. Viele der Gefangenen überlebten diese Strafe nicht.
Wie es an jedem Tag ein Morgenappell gab, gab es auch ein Abendappell. Dem
Abendappell wurde mehr Bedeutung zugewandt als dem Zählappell am Morgen. Das lag
daran, dass sich während des Tages mehr veränderte als in der Nacht. Zum Beispiel
wurden die Todesfälle tagsüber registriert und in der Nacht nicht. Deshalb mussten in dem
Moment, indem ein paar Häftlinge fehlten alle solange stehen bleiben, bis derjenige
gefunden wurde oder aufgeklärt war, warum er fehlte. Oftmals mussten sie einige Stunden
im Stehen, ohne sich zu bewegen und ohne Berücksichtigung auf das Wetter, warten. Die
schlimmste Nacht soll jene gewesen sein, in der beim Abendappell im Winter zwei gefehlt
hatten und die Häftlinge die ganze Nacht bei -15°C mit nur ungenügender Kleidung
stehen mussten. In dieser Nacht erfroren bis morgens um sechs Uhr 25 Häftlinge. Gegen
Mittag erhöhte sich die Zahl um das Dreifache.
Bei einer Belegschaft von 5000- 7000 Mann lief das Morgenappell noch relativ schnell ab.
Handelte es sich allerdings um Belegschaften von bis zu 50.000 Mann, zog es sich
immens in die Länge. Nach dem Abendappell gab es dann das Abendessen. Es bestand
meistens aus einem Stück Brot mit Margarine und manchmal einem Stückchen Wurst. Ca.
um 20.45Uhr kam dann der Befehl zur Nachtruhe und um Punkt 21.00Uhr musste es dann
vollkommen still sein.
Als im ersten Kriegswinter 1939/40 im Lager die Totenkopfdivision der Waffen- SS
aufgestellt wurde, wurde das Konzentrationslager gleichzeitig vorrübergehend
geschlossen. Die Gefangenen wurden zu der Zeit in die Konzentrationslager Buchenwald,
Mauthausen und Flossenbürg verlegt. Nur ein Arbeitskommando von ca. 100 Häftlingen
blieb im Lager. Während dieser Zeit mussten die anderen Gefangenen unter schwersten
Bedingungen in Steinbrüchen arbeiten. Viele überlebten diesen Winter nicht. Im März
1940 nahm das Konzentrationslager dann wieder erneut Häftlinge auf. In Dachau gab es
keine Massentötungen mit Giftgas. Unter den 206.206 Gefangenen gab es jedoch 31.591
registrierte Todesfälle, die meisten während des Krieges. Die Gesamtzahl der Todesfälle
einschließlich der Opfer von Einzellhinrichtungen, Massenexekutionen und der auf den
Todesmärschen der letzten Tagen Umgekommen, lässt sich jedoch nicht ermitteln.
Wie auch in anderen nationalsozialistischen Lagern missbrauchten SS-Ärzte Gefangene
zu medizinischen Experimenten. Bereits 1939 erforschte Sigmund Rascher in Dachau u.a.
die Frage, wie Menschen in eiskaltem Wasser länger überleben konnten. Die dafür
vorgenommen Versuche in der sog. “Versuchsgruppe Seenot“ wurden ohne Skrupel
durchgezogen. In einem Brief an Heinrich Himmler schrieb Rascher, dass die
Testpersonen “brüllen“ würden wenn sie sehr frieren. Außerdem wurden noch Versuche
von Unterdruck-Tests und bakteriellen Entzündungen durchgeführt. Als Rascher am
17.Februar 1943 in einem Schreiben an Himmler um seine Versetzung nach Ausschwitz
bat, gab er folgendes als Begründung ab: „Zur Zeit arbeite ich daran, durch Versuche
nachzuweisen, dass Menschen, welche durch trockene Kälte ausgekühlt wurden, ebenso
schnell wieder erwärmt werden können als solche, die durch verweilen in kaltem Wasser
auskühlten. Bis jetzt habe ich etwa 30 Menschen unbekleidet im Freien innerhalb 9- 14
Stunden auf 27- 29°C abgekühlt. Danach legte ich sie in ein heißes Vollbad und binnen
einer Stunde waren sie wieder völlig aufgewärmt. Dabei traten bis jetzt keine Todesfälle
auf. Am einfachsten wäre es, wenn ich nach Ausschwitz versetzt werden würde. Dort
könnte ich die Testreihen in großen Reihenversuchen durchführen. Außerdem würden die
Tests weniger Aufsehen erregen, da die Versuchpersonen “brüllen“ wenn ihnen sehr kalt
wird. Bei den Versuchen unter der Leitung von Rascher kamen etwa 80 Häftlinge ums
Leben. Sigmund Rascher wurde auf Befehl Himmlers kurz vor der Befreiung des
Konzentrationslager Dachau erschossen. Ein vergeblicher Versuch um das Ausmaß der
Menschenversuche zu verschleiern.
Im Januar 1942 begann Prof. Claus Carl Schilling, auf Befehl von Heinrich Himmler,
Malariaversuche durchzuführen die erst im März 1945 endeten. Er testete eine Reihe von
Medikamenten aber auch andere Behandlungsmethoden. So versuchte ein Assistenzarzt
Schillings, Dr. Kurt Plötner, Malaria mit hohem Fieber zu bekämpfen. Bei diesen
Versuchen kamen noch mal mehrere Duzende Häftlinge ums Leben.
Am 2.1.1942 ging der erste “Invalidentransport“ vom KZ Dachau ab. Er führte zum
Schloss Hartheim bei Linz. Die Gefangenen wurden dort alle vergaßt. Diese Transporte
wurden bis Ende des Jahres 32 mal durchgeführt. Obwohl Dachau kein Vernichtungslager
war, wurden auch hier ab 1940 die Leichen von Häftlingen verbrannt. Im Rahmen der
geplanten Massenvernichtung wurde 1942 die “Baracke X“ errichtet, ein zweites,
größeres Krematorium mit einer Gaskammer und vier Verbrennungsöfen. Die wie auch in
Ausschwitz als Brausebad getarnte Gaskammer wurde jedoch wahrscheinlich nie in
Betrieb genommen, da die bestimmten Häftlinge zur Vergasung in andere
Konzentrationslager gebracht wurden. Ab jetzt wurden auch alle Häftlinge, die länger als
drei Monate im Krankenrevier lagen, zur Vergasung geschickt oder durch ein Injektion
(z.B. Phenol) getötet. Ende des Jahres 1942 brach eine große Typhusepidemie aus. Der
Lagerarzt verhängte eine Quarantäne für das Lager die bis zum 15.3.1943 andauerte.
Doch im Oktober 1944 brach die Epidemie erneut aus und kostete sehr vielen Häftlingen
das Leben. Diese Mal waren auch Zivilarbeiter und SS- Angehörige betroffen.
Anfang 1945 kamen viele Evakuierungstransporte aus den bereits geräumten Lagern im
Rückzuggebiet in Dachau an. Diese unverhältnismäßig große Anzahl an Häftlingen führte
zu katastrophalen hygienischen Bedingungen. Es wurden in der Zeit, kurz vor der
Befreiung des Lagers, bis zu 600 Häftlinge in Baracken zusammengedrängt, die für 200
gebaut waren. Täglich fielen über 200 Menschen der immer noch wütenden
Typhusepidemie zum Opfer. Von nun an gingen fast jeden Tag große Gruppen von bis zu
10.000 Mann auf sogenannte “Todesmärsche“. So wurden zum Beispiel am 26.4.1945 ca.
10.000 Häftlinge gezwungen, nach Süden zu marschieren. Während des Marsches wurden
alle erschossen, die nicht mehr weitergehen konnten. Viele starben auch an Hunger, Kälte
und totaler Erschöpfung. Glücklicherweise konnten viele der Todesmärsche von den
amerikanischen Streitkräften gestoppt und übernommen werden.
Am 14.4.1945 befahl Heinrich Himmler der Komandatur von Dachau per Funkspruch die
Totalevakuierung des Lagers. Wenig später allerdings, wurde die Evakuierung auf
Deutsche, Russen, Polen und Juden reduziert.
Dann am 29. April 1945 war es dann endlich so weit. Die Befreiung des
Konzentrationslager Dachau durch die amerikanischen Streitkräfte. Im Lager befanden
sich zu der Zeit nur noch 32.335 Häftlinge. Sie alle waren bis auf das Skelett abgemagert
und zum Teil todkrank. Bei der Befreiung waren etwa 30% der Gefangenen Juden. Die 7.
Armee der GIs waren von dem Anblick der Häftlinge so geschockt und mit Wut geladen,
das sie 120 SS-Wachen sofort erschossen. Von vielen der US-Soldaten wurde Dachau so
beschrieben: „Wir alle hatten schon viel erlebt und gesehen aber Dachau war zu viel. Als
wir durch das Eingangstor kamen und auf einmal die vielen Tausenden Gefangenen auf
uns zustürmten, sind viele von unseren Soldaten bei diesem Anblick regelrecht ausgeflippt
und fingen an zu weinen. So was hatten wir alle noch nicht gesehen. Wir alle konnten
nichts anderes als starren und unbeweglich verharren!“
Nach dem Krieg wurde bekannt, dass es Pläne gegeben hatte, alle Häftlinge durch
Bomben und Gas zu ermorden. Die schrecklichste Zeit des Lagers war von nun an
vorüber. Doch noch weit über 2000 ehemalige Häftlinge starben an den Folgen der
Unterernährung und der Typhusepidemie. Das KZ hatte aber noch nicht ausgedient. Im
Juli 1945 hatten die amerikanischen Militärbehörden auf dem KZ-Gelände ein
Kriegsverbrecherlager mit einer Aufnahmekapazität von 30.000 Personen errichtet. Am
15.November begannen die bis zum 13.Dezember andauernden Nürnberger Prozesse
gegen den Lagerkommandanten und weiteren 40 Angeklagten. 36 von ihnen wurden zum
Tode verurteilt. In den folgenden Jahren hat es noch weitere 118 Verfahren gegen das SS-Personal von Mauthausen und Dachau gegeben.
Im September 1948 fand dann die Übergabe des ehemaligen Häftlingslager statt. Es
wurde an die bayrischen Behörden übergeben und von jetzt an diente es als
Flüchtlingslager. Genau 10 Jahre nach der Lagerbefreiung, im Mai 1955, fand ein
Internationales Treffen der ehemaligen Gefangenen in Dachau, anlässlich des
10.Jahrestages der Befreiung, statt. Hier wurde das 1945 gegründete Comite International
de Dachau wiedergegründet. Außerdem wurden Forderungen nach einer würdigen Mahn-und Gedenkstätte auf dem KZ-Gelände gestellt. 1960 entstand ein provisorisches Museum
im Krematoriumsgebäude des Konzentrationslagers. Des weiteren errichtete man ein
Todesangst- Christi- Kapelle. Ein Jahr später baute man das Karmelkloster Heilig Blut
neben dem Lagergebäude. Noch ein Jahr später, 1965, errichtete man die Evangelische
Versöhnungskirche und eine Israelische Gedenkstätte. Am 5. Mai des Jahres war dann die
Eröffnung der Gedenkstätte mit Museum, Archiv und einer Bibliothek.
1968 wurde dann der letzte Eintrag in die Geschichte des Konzentrationslager Dachau
getätigt. Es war die Einweihung des Internationalen Mahnmals auf dem ehemaligen
Appellplatz. Dieses Mahnmahl soll für alle Zeiten daran erinnern, welch schreckliche
Szenarios sich hier abspielten. Es soll erinnern um nicht zu vergessen. Denn würden wir
vergessen was geschah, wäre das unser Ende.
Adrian Hermes
Arbeit zitieren:
Adrian Hermes, 2001, Das Konzentrationslager Dachau, München, GRIN Verlag GmbH
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