Inhaltsverzeichnis
I Vorwort S 1
II Interpretation
1. Das Verhältnis zwischen Marie und Woyzeck in der 4 Szene S 3 5
2. Das Entstehen der Gewalt in der 4 Szene S 5 6
3. Die vergebliche Kommunikation in der 1 Szene S 6 8
4. Die Gewalt in der 14 Szene S 8 11
5. Das Verhältnis Woyzecks zum Doktor und ihre Parallelen in der 8 Szene S 11 12
6. Die Gewalt des Doktors in der 8 Szene S 12 14
III Nachwort S 15
IV Literaturverzeichnis S 16
V Fußnoten S 17 18
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Vorwort
Brief Büchners an die Eltern:
Straßburg, den 1.Januar 1836
Ich komme vom Christkindelsmarkt, überall Haufen zerlumpter, frierender Kinder, die mit aufgerissenen Augen und traurigen Gesichtern vor den Herrlichkeiten aus Wasser und Mehl, Dreck und Goldpapier standen. Der Gedanke, daß für die meisten Menschen auch die armseligsten Genüsse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, machte mich sehr bitter.
Wer war Georg Büchner? Wer äußert sich als Bürger und angesehener Mediziner in derartiger Weise über das Schicksal von Menschen, welche in der gesellschaftlichen Hierarchie weit unter ihm stehen? Georg Büchner zählt zu den Menschen, die im bürgerlichen Hause -sein Vater war Arzt- aufwuchsen und die Spaltung einer Gesellschaft registrierte, die der unteren Schicht eine miserable soziale Situation im Verlauf des Vormärz verschaffte. Er war es auch, der die „Gesellschaft für Menschenrechte“ 1834 gründete und vergeblich versuchte die Bauern in demselben Jahr mit der Flugschrift „Der Hessische Landbote“ aufzurütteln, um die sozialen Missstände im Land aufzuheben. Doch er war seiner Zeit voraus. Die Menschen waren noch nicht bereit für einen Umschwung - erst 1848 findet die deutsche Revolution statt. Wegen seiner „umstürzlerischen Absichten“ musste Büchner vor der Justiz nach Frankreich fliehen. In Straßburg bringt er seinen „Woyzeck“ zu Papier - einer Aufarbeitung eines real geschehenden Mordfalls - , welcher uns als nicht vollendetes Fragment zurückbleibt. Mit diesem Drama gelingt es Büchner ein kritisches Bild der damaligen Lebensumstände aufzuzeigen. Der Leser wird mit einer Welt konfrontiert, in welcher jeder einzelne vom universellen Gewaltsystem betroffen ist, in der keine Kommunikation mehr stattfinden kann, ein jeder am anderen vorbei lebt. Büchners Drama kann also als sozialpsychologische Tragödie aller Menschen bezeichnet werden, da selbst in der Oberschicht eine Kommunikationskatastrophe herrscht.
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Interpretation
II 1.
Marie sitz, ihr Kind auf dem Schooß, ein Stückchen Spiegel in der Hand.
Woyzeck trifft in dieser Szene mit Marie zusammen, die kurz zuvor ihre neuen Ohrringe bewundert hat. Seltsamerweise zuckt jene allerdings zusammen, wie sich aus den Regieanweisungen entnehmen lässt, als Woyzeck in das Zimmer eintritt. 1 Marie kann ihrem Lebensgefährten nicht die Wahrheit sagen, als dieser wissen möchte, was sie in der Hand habe. Die Tatsache, dass Marie Woyzeck nur mit einer Lüge eine Antwort bieten kann („Nix“ 2 ), und ihm stattdessen nicht von der Herkunft ihrer neu erhaltenen Ohrringe berichtet, deutet auf ein Kommunikationsproblem in der Beziehung Marie-Woyzeck hin. Woyzeck allerdings will sich nicht mit der Antwort begnügen, und sucht erneut den Kommunikationsanschluss. Dieser wiederholte Versuch macht zugleich deutlich, dass Woyzeck ein Bedürfnis nach Kommunikation hat und den entsprechenden Anschluss bei seiner ihm intimsten Vertrauten sucht. Die wiederholte Lüge Maries, die das Ohrringlein gefunden haben will, ist ein weiterer Indiz für das Kommunikationsproblem zwischen Protagonist und Antagonist. Marie, die in ihrer sozialen Situation als materiell unbefriedigte Frau und Mutter der unteren Gesellschaftsschicht im Vergleich mit anderen „großen Madamen“ 3 ihre Identifikation sucht, scheint derart durch ihre Probleme betroffen zu sein, dass sie selbst mit dem Vater ihres Sohnes keinen Dialog führen kann, der zur eventuellen Lösung beitragen könnte. Sie geht einer Klärung der undurchsichtigen Verhältnisse aus dem Weg. Woyzeck hingegen sucht weiterhin den Kommunikationsanschluss, indem er darauf aufmerksam macht, dass er „so noch nichts gefunden 4 “ habe. Erst jetzt nimmt Marie indirekt Stellung zu den Andeutungen Woyzecks, die eine Herkunftserklärung der Ringe, die für Maries Lebensverhältnisse wahrscheinlich sowieso nicht zu gebrauchen wären 5 , fordern: Marie stellt die aggressive Frage, ob sie ein Hure sei („Bin ich ein Mensch?) 6 , und gesteht Woyzeck dadurch ihr Verhältnis mit dem Tambourmajor. Man möchte nun erwarten, dass Woyzeck eine Erklärung dieser für ihn mit Sicherheit sehr verletzenden Vorkommnisse erwartet, stattdessen jener aber einem eventuellen Konflikt und der möglichen Klärung der bestehenden Verhältnisse in einem Gespräch aus dem Wege geht. Seine Aussage, „(s)’ist gut, Marie“ 7 , gibt zu verstehen, dass er es gar nicht wissen will. Sein Verzicht auf die Erklärung für Maries Verhältnis zeigt zum einen eine Selbstschutzfunktion vor einem Konflikt, den
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Woyzeck nicht austragen kann und möchte, da er gehetzt, keine Zeit hat und wieder „fort“ 8 muss. Zum anderen wird dem Leser auch bewusst, dass Woyzeck den bestehenden schwierigen Verhältnissen nachgibt, sie somit als Status quo anerkennt. Seine soziale und wirtschaftliche Lage, die ihn dazu zwingen ununterbrochen seiner Arbeit nachzugehen, seinen Lohn bei Marie abzugeben 9 und so für seine Familie aufkommen zu können, sorgen gleichzeitig für die Anonymität in seinem Verhältnis zu Marie: Wie will er sich um sie und um seinen Sohn kümmern können, wenn er nicht zu Hause sein kann, weil er immer wieder von den äußeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zwängen zu unwürdigen Arbeiten genötigt wird 10 ? Die alleindastehende Marie sucht und findet dagegen Geborgenheit bei dem kräftigen Tambourmajor, der nicht nur ihren sexuellen Befriedigungen nachkommt, sondern auch durch seinen Besitz ihre materielle Not lindern kann und Woyzeck damit auch überlegen ist. Der Protagonist befindet sich in einem Teufelskreis, der zudem durch die Trennung der Gesellschaft in zwei Stände verstärkt wird. Ihm und Marie sind diese gesellschaftlichen Verhältnisse zwar nicht bewusst, dennoch spüren sie täglich am eigenen Leibe ihre Auswirkungen. Diese sich aufbauenden Spannungen, die bei Woyzeck und Marie Verdruss und Unzufriedenheit über die persönliche Situation hervorrufen lassen, bewirken eine Konfliktverschiebung sozialer Probleme in das private Verhältnis der beiden, indem sie aus ihrer ursprünglichen Entstehungslage herausgerissen und neu verlagert werden 11 . Woyzeck gibt sich mit dieser Situation zufrieden, will keine Erklärung Maries und wendet sich damit von den eigentlichen Ursachen ab.
Als Woyzeck sich seinem Sohn zuwendet, sieht er auch bei ihm den „Schweiß“ „auf der Stirn“ 12 , der für Woyzeck das Zeichen seines Alltags ist. Er wird nahezu vom ewigen Alltagstrott eingeholt, selbst sein Sohn kann nicht mehr in Ruhe schlafen. Diese Verfolgung zeigt, dass Woyzeck in seiner Situation keinen Ausweg sieht und vor seinem Teufelskreis, dem er nicht entfliehen kann, resigniert. Im gleichen Moment schon, nachdem er erfahren musste, dass Marie nicht mit ihm reden kann, muss er wieder „fort“ 13 , auch wenn er für die „Löhnung“ 14 , die er gerade abgegeben hat, von Marie noch eine Bestätigung erfährt, der kurz bewusst wird, welcher Aufopferung für die Familie Woyzeck sich wert ist 15 . Marie wird sich ihres moralischen Verbrechens durchaus bewusst, indem sie sich als „schlecht(en) Mensch(en)“ 16 bezeichnet. Ihr schlechtes Gewissen, welches sie von jetzt an mit sich trägt, bewirkt zugleich ihre persönliche Entfremdung, so dass sie wieder einmal nach einer neuen Identifizierung sucht. Ihre Schuld wiegt aber schwerer als eine neue Orientierung sich ergeben könnte, die durch ihre materielle Not und soziale Misslage nur noch erschwert wird. Als einzigen Ausweg aus ihrer Situation betrachtet sie den Selbstmord 17 , den sie als ihre gerechte
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Strafe betrachtet und der schließlich auch von Woyzeck vollstreckt werden wird. Ihre persönliche Niederlage vor ihrem eigenen Ich hat als einzige Konsequenz eine Ausweglosigkeit zur Folge, die durch Gleichgültigkeit gegenüber der restlichen Welt bestimmt ist. Es sollen doch „Mann und Weib“ „zum Teufel geh(en)“ 18 , da sie keine Möglichkeit auf Besserung oder sogar Hoffnung mehr sieht.
II 2.
Im ersten Teil der folgenden Szene befindet sich Marie allein mit ihrem Sohn Christian, während im zweiten Teil Woyzeck hinzukommt. Marie bespiegelt sich mit ihren neuen Steinen, die sie vom Tambour-Major erhalten hat. Dieser Schmuck, von dem Marie fast fest überzeugt ist, dass er wertvoll und aus Gold sei 19 , lässt sie für einen kurzen Moment den grässlichen Alltag vergessen, der insbesondere aus materieller Armut und Hoffnungslosigkeit auf Besserung und Änderung besteht. Marie erlebt zudem täglich die Unterdrückung in ihrer eigenen Klasse sowie die Gewalt der sozial höher Gestellten, die sich nicht nur durch Armut bemerkbar macht, sondern auch zum Beispiel darin zu sehen ist, dass sie und Woyzeck - mangels finanzieller Mittel- nicht heiraten dürfen. Die Realität holt Marie aber schnell wieder ein, als sie ihrem Sohn eine Drohung in Form eines Liedchens ausspricht 20 . Sie ist von ihrem Sohn gestört worden und dadurch aus ihren Träumen herausgerissen geworden. Um ihren Sohn wieder beruhigen zu können, macht sie ihm Angst und verbreitet Furcht. Diese mentale Gewalt 21 , die sie gegenüber Christian ausübt, indem sie ihm mit dem Kinderschreck 22 droht, wird zudem in dem nachfolgenden Lied weitergeführt:
„Mädel mach’s Ladel zu S’kommt e Zigeunerbu Führt dich an deiner Hand Fort ins Zigeunerland. 23 Mit diesem Lied versucht Marie nicht nur ihren Sohn wieder zum Einschlafen zu zwingen, sondern sie selbst („Mädel“) wendet sich an ihr eigenes Gewissen, indem sie sich vor der Attraktivität und Anziehungskraft des Tambour-Majors schützen soll („mach’s Ladel zu“). Die Gewalt gegenüber ihrem Sohn wird darin verstärkt dargestellt, als sie ihm vor Augen führt, dass er seine Mutter verlassen und somit verlieren wird („Führt dich an deiner Hand Fort ins Zigeunerland.). Marie, die durch den Besitz ihrer neuen Ohrringe auf einmal ganz allein in einer ihr neu und nicht vertrauten Welt steht, gerät in einen inneren Konflikt mit sich
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Matthias Altmannsberger, 2002, Woyzeck - Exemplarische Ausschnitte und ihre Interpretation, Munich, GRIN Publishing GmbH
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