Maria: ist eine sehr schöne Prostituierte und die Freundin Hermines. Sie ist das Symbol für das oberflächliche, rein vergnügungsorientierte Leben und diejenige, die Harry in jene schillernde Welt der Erotik und Ekstase einführt.
4. Inhalt
In einem Brief an Georg Reinhardt schreibt Hesse 1925:
„....es ist die Geschichte eines Menschen, welcher komischerweise darunter leidet, dass er zur Hälfte ein Mensch und zur Hälfte ein Wolf ist. Die eine Hälfte will fressen, saufen, morden und dergleichen einfache Dinge, die andere Hälfte will denken, Mozart hören und so weiter, dadurch entstehen Störungen, und es geht dem Mann nicht gut, bis er entdeckt, dass es zwei Auswege aus seiner Lage gibt, entweder sich aufzuhängen oder aber sich zum Humor zu bekennen.“
Der Roman ist in drei Hauptabschnitte aufgeteilt und weist drei verschieden Erzählperspektiven auf. Der erste Teil beginnt mit einem einleitenden „Vorwort des Herausgebers“, eines fiktiven Editors, der uns in die neurotische Persönlichkeitsstruktur des späteren Ich-Erzählers Harry Haller einführt, und dessen Erzählung als Exposition fungiert. Im bürgerlichen Haus der Tante des Herausgebers mietet sich ein knapp 50-jähriger Mann namens Harry Haller in die Mansardenwohnung ein. Der Neffe beschreibt Harry als einen ungeselligen, höflichen, etwas ungepflegten Menschen, der sich nach näherem Kennen lernen als ein hochintelligenter, belesener und sensibler Zeitgenosse entpuppt. Haller bezeichnet sich selbst als den „Steppenwolf“ und fristet ein isoliertes, einsames Leben ohne Beruf, Familie oder andere Verpflichtungen. Sein eigentliches Leben besteht aus Mozart, Goethe, Novalis und anderen Literaten und Komponisten, die er allesamt als die „Unsterblichen“ verehrt und die sich von der Masse der Menschheit abheben. Als eines Tages Haller spurlos die Stadt verlässt, findet der erzählende Neffe beim Durchstöbern der Wohnung ein Manuskript, das den Namen „Harry Hallers Aufzeichnungen - Nur für Verrückte“ trägt.
Hier erfährt nun der Leser vom Ich-Erzähler Haller, dass dieser nach der Scheidung von seiner Frau, dem Alltagsleben mehr und mehr entrückt und den düstersten Selbstmordgedanken verfällt. Er verachtet das kleinbürgerliche Establishment, lehnt die moderne Jazzmusik genauso ab, wie die ausschweifende Lebensweise der „Goldenen Zwanziger“.
Als nun der Weltfremde eines späten Abends wieder durch die Gassen streift, überreicht ihm ein Fremder (Pablo, wie sich später herausstellt) ein kleines Büchlein, eine Art Jahrmarktheftchen mit dem Titel „Traktat vom Steppenwolf“. In diesem Traktat berichtet ein auktorialer Erzähler von Harry, dem Steppenwolf und stellt eine Art Charakterisierung, eine Psychoanalyse Hallers auf. Harry leidet demnach an innerer Zerrissenheit, die durch den Kampf zwischen dem kultivierten, gebildeten und angepassten Menschen und dem triebgesteuerten, protestierenden und vor Hass auf das Establishment erstickenden Wolf. Dieser Dualismus, von dem Harry sein Leben lang glaubte, ihn nicht in Einklang bringen zu können, wird am Ende sogar als falsch entlarvt, da der Mensch dem Traktat nach in unzählige Seelen und Persönlichkeiten gespalten ist. Um diese unzähligen Persönlichkeiten in Einklang zu bringen, gibt der Traktat zwei Lösungsvorschläge: Der Steppenwolf müsste gezwungen werden, in sein eigenes Spiegelbild und so in das Chaos seiner Persönlichkeit blicken zu können. Entweder würde der Steppenwolf so vollkommen zerstört werden, sich also selbst umbringen oder es würde unter dem Licht des Humors zu einer Vernunftehe zwischen dem Geistigen und dem Animalischen kommen.
Harry wird nach dem Lesen dieses Büchleins von schweren Selbstmordgedanken geplagt und gerät in dieser Situation an die junge Prostituierte Hermine. Haller findet in dieser selbstbewussten, dominanten und äußerst scharfsinnigen Frau seine Anima, den weiblichen Teil seiner Persönlichkeit. Hermine bringt Harry bei wie man tanzt, gut isst und alle modernen Genüsse der ‚Goldenen Zwanziger’ auszuleben vermag. Dieser neue Horizont eröffnet Haller ein Vergnügen bestehend aus Festen, Ausschweifungen, Drogen und sexuellen Ekstasen mit der schönen Prostituierten Maria. Auf einem Maskenball, auf dem Haller zum ersten mal das Faszinosum vom „Untergang der Person in der Menge“ erlebt, wird er durch Drogen in die „Welt des Magischen Theaters“ von Pablo versetzt. In dieser irrealen und zeitlosen Sphäre, wird Harry der Zugang zu seiner Innenwelt gewährt. Ziel dieses Spiegelkabinetts ist es, Harry durch die Wiedergabe seiner zahlreichen Persönlichkeitsanteile aufzuzeigen, dass ein glückliches Dasein des Menschen auf Humor basiert.
Hinter der Tür „Auf zum fröhlichen Jagen! - Hochjagd auf Automobile“ kann Harry durch die sinnlose Zerstörung aller Maschinen und Automobile seiner Abneigung gegen die Modernisierung der Welt freien Lauf lassen und Selbstjustiz üben.
Der Raum mit der Aufschrift „Anleitung zum Aufbau der Persönlichkeit“ macht Harry durch das Symbol eines Schachspiels deutlich, dass man durch eine geschickte Kombination die Schachfiguren (Persönlichkeitsanteile) in völlig neue Existenzformen bringen kann und so eher zu Veränderung und Neubeginn bereit wäre. Hinter der nächsten Fassade, dem „Wunder der Steppenwolfdressur“ wird einem Zirkuspublikum vorgeführt, wie ein dressierter Wolf und sein menschlicher Bändiger, der Natur entgegengesetzt, die Rollen vertauschen. Diese Szene zeigt die Doppelnatur, in der Harry sich zu befinden glaubt.
Die verlockende Aufschrift „Alle Mädchen sind dein“ führt Haller in die Welt der Liebe, in der er alle verpassten Chancen seines bisherigen Lebens wahrnimmt, Tausende von Mädchen liebt und schließlich die absolute Erfüllung seiner Sinne und seiner sexuellen Triebe in der Liebe zu Hermine wiederfindet.
Doch Haller begreift das Magische Theater nicht als eine „Schule des Humors“, sondern halluziniert von seiner Eifersucht geleitet, die Tür mit dem Titel „Wie man durch Liebe tötet“ und ersticht Hermine, die sich gerade dem Beischlaf mit Pablo hingibt, mit einem Messer.
Diese Tat katapultiert ihn daraufhin in den Raum „Harrys Hinrichtung“, in dem er von Richtern aufgrund von Humorlosigkeit zu ewigem Leben verurteilt und ausgelacht wird. Er hat das Magische Theater nicht als Schule des Humors begriffen, da er bisher der Annahme war, dass nur durch Leiden und Askese in den Kreis der Unsterblichen (wie Goethe und Mozart) aufgenommen und sich so von den normalen Herdenmenschen abheben könnte. Doch das
alltägliche Leben, erkennt Harry, ist nur zu meistern, wenn er sich zum Humor bekennt, Toleranz übt und eine Vernunftehe mit seinen zahlreichen Persönlichkeiten eingeht.
Zum Schluss des Romans sagt Harry: „Einmal würde ich das Figurenspiel besser spielen. Einmal würde ich das Lachen lernen. Pablo wartet auf mich. Mozart wartet auf mich.“
5. Intention und Interpretationsansätze
Der Roman verarbeitet unübersehbar autobiographische Züge (Hermann Hesse = Harry Haller). Die Erzählung beschreibt am Beispiel Hallers, wie ein idealistisch gesinnter und psychisch schwer gestörter Mann, der von sich und der Welt Unmögliches erwartet, zunächst durch den „Sprung ins Leben“ und dann schließlich durch den grausamen Anblick seiner eigenen Persönlichkeit (im Magischen Theater) lernt, seine innere Zerrissenheit zu überwinden. Doch die Lösung Hesses scheint denkbar einfach: man bekenne sich schlichtweg zum Humor, oder - wie man es heute ausdrücken würde - man geht das Leben einfach mit mehr „Coolness“ an. Hesse kritisiert auch: Die zunehmende Technisierung der Welt
Zerstörung der alten Kulturen und der alten Künste
Zerstörung jeglichen Ästhetikgefühls
Die moderne Zivilisation und deren auffälligstes Merkmal, die Dekadenz (der Mensch ist nicht mehr den
edlen Werten zugewandt >>> Mozart und Goethe haben in den modernen Jazz- und Tanzbars nichts mehr zu suchen)
Den Normenverfall und die anhaltende Kriegstreiberei (Antipathie der Menschen gegen jegliche
pazifistische Grundeinstellung) >>> Hesse warnt im ‚Steppenwolf’ mehrfach vor einem bevorstehenden Krieg (bereits im Jahr 1927)
Hesse stellte im ‚Steppenwolf’ v.a. seine eigene Krankheit und Krisis der damaligen Zeit dar: Hesse war in den 20er Jahren lange Zeit in psychologischer Behandlung, eine Geisteskrankheit bahnte sich an
Bereits 1918 zerbrach Hesses Familienleben, weil seine Frau geisteskrank wurde
Die Unzufriedenheit mit den zeitlichen Umständen und die noch sichtbaren Folgen des Ersten Weltkriegs
plagten Hesses pazifistische Seele
Die daraus resultierenden Depressionen, schizophrene Anfälle und Selbstmordgedanken
Die Identifikation mit der Romanfigur Harry Haller machte es Hesse möglich, seine innere Zerrissenheit bis ins kleinste Detail zu analysieren. ‚Der Steppenwolf’ war für Hesse eine Art Katharsis, eine innere Reinigung und Überwindung seiner utopisch-tragischen Weltsicht. Auch der Versuch, die Spaltung einer menschlichen Persönlichkeit allgemein verständlich zu machen, gelang Hesse ungemein. Seine Krise war die einer ganzen Generation, die zwischen zwei Kriegen und zwischen zwei Welten lebte.
6. Einflüsse
Einflüsse des Philosophen Friedrich Nietzsche:
nach der Philosophie Nietzsches gibt es die Übermenschen, die Unsterblichen und die Genies (im
‚Steppenwolf’ sind es z.B. Mozart und Goethe), die sich aus der Masse der Herdenmenschen abheben >>> demnach befürwortete Nietzsche eine absolutistische Herrschaftsform und verachtete die demokratische Gesellschaftsordnung („lieber ein Genie regiert, als das ganze ‚dumme’ Volk“) Im ‚Steppenwolf’ findet sich auch Nietzsches Kulturpessimismus wieder, der ein Bild der Dekadenz
und des Normenverfalls der Gesellschaft wiederspiegelt Einflüsse des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung: Die Heilung der Psyche erfolgt durch die Deutung der Symbole im Traum
Die Analyse des Unbewussten ergibt ein Spiegelbild der Persönlichkeit
Im ‚Steppenwolf’ erfolgt die Heilung der Psyche durch die Selbstbegegnung des ICH mit seinen
einzelnen Persönlichkeitsanteilen (MAGISCHES THEATER)
Reintegration der sich abspaltenden Persönlichkeitsanteile in den Gesamtkomplex der Persönlichkeit
7. Die Wiederentdeckung Hesses in den 60er
Jahren
Hesse war sicherlich kein „Avantgardist, kein Wegbereiter der Moderne“. Deshalb kann man die Wiederentdeckung Hesses in den 60er Jahren zur Zeit der Hippie - Flower - Power - Bewegung in den USA nicht auf die Form seines lyrischen und epischen Werkes zurückführen - denn diese war eher traditionell und konservativ. Der Grund für eine solche Begeisterung liegt eher im Inhaltlichen. Ausschlaggebend ist v.a. der Roman des ‚Steppenwolfs’, der zur Zeit dieser Bewegung Kultstatus erreichte und den Weltruf des Autors begründete. Man identifizierte sich mit den Ansichten Harry Hallers und somit - mit denen von Hermann Hesse:
Ausstieg des einsamen, verkannten Künstler-Ich aus der Welt des Konsums und der doppelten Moral des Establishments
Ablehnung gegenüber der vorherrschenden Rassendiskriminierung und der Kriegstreiberei (in Deutschland der 20er, wie auch in den USA der 60er - s. Vietnamkrieg) Schaffung einer neuen Kultur und Lebensweise, getragen vom Pazifismus und Nächstenliebe Die Bestärkung des Individuellen gegen die zunehmende politische Nivellierung und der Kampf gegen die Monotonisierung der Gesellschaft und der Kultur
Motive des Drogenrausches und Ansätze fernöstlicher (v.a. indischer) Philosophie Für viele Hippies wurde der engagierte Pazifist und Nonkonformist Hesse zum Idol, zum Wegbereiter eines alternativen, modernen Lebens.
Während der Hesse - Renaissance in den USA und in Japan, folgte auch der „Rückimport“ nach Deutschland. Bis ungefähr 1976 wurden in den USA über 11 Millionen Exemplare des „Steppenwolfs“ verkauft. Somit gehört Hesse auch zu den bekanntesten und meistgelesensten deutschen Autoren in den USA.
Bibliographie:
H. Esselborn-Krummbiegel, Oldenbourg Interpretationen
- H. Hesse „Der Steppenwolf“ Kindlers Neues Literaturlexikon H.D. Kreidler - H.H.s „Der Steppenwolf“, Versuch einer Interpretation www.xipolis.net www.hhesse.de
Arbeit zitieren:
Alex Lingert, 2001, Hesse, Hermann - Der Steppenwolf, München, GRIN Verlag GmbH
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am Friday, April 05, 2002-
Andrea
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am Tuesday, December 17, 2002-