ausgesetzt ist und morbide vor sich hin vegetiert. Deutet man nun das Dach als Schutz des fragilen Kaiserreiches, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis dieses einstürzen würde 5 .
In der vierten Zeile wird durch den Einschub „liest man“ erneut Distanz erzeugt. Durch die, im Vergleich zur dritten Zeile, sprachlich ernste Darstellung des Steigens der Flut, bekommt man zum ersten Mal den Eindruck einer gefährlichen Situation. Diesen Ernst der Lage scheint die Bevölkerung (der Bürger) aber nicht wahrzunehmen, da diese drohende Gefahr zwar registriert aber nicht weiter beachtet wird. In der darauffolgenden fünften Zeile ist es dann soweit: „Der Sturm ist da“. Der Sturm ist da und die schützenden Dächer des Kaiserreichs sind fragil. Folglich fällt es den wilden Meeren auch leicht, über die Ufer zu treten, was durch den abermals dadaistischen Ausdruck „hupfen“ verdeutlicht wird.
Ebenfalls ein Hinweis darauf, dass sich die Lage zuspitzt, ist der Wechsel von den bisher stakkatohaften Sätzen auf das Enjambement (fünfte zur sechsten Zeile). Dieser Zeilensprung kann auch bildlich auf das Überspringen der Meere an Land gedeutet werden.
Die Intention der Meere für das „an Land hupfen“ wird alliterarisch in der sechsten Zeile dargestellt: „um dicke Dämme zu zerdrücken“. Diese Alliteration beschreibt die unaufhaltsame Wucht und nicht zu bändigende Absicht der Meere die schützenden Dämme wie Kinderspielzeug zu zerstören 6 . Nun befindet sich das Kaiserreich auf dünnem Eis und die sich unterdrückt fühlende und sich nach Demokratie sehnende Arbeiterklasse, sowie die expressionistische Bewegung, warten nur darauf es zu versenken. Doch das zu erwartende Spektakel wird dem Leser zunächst vorenthalten. Jakob van Hoddis bricht an dieser Stelle das Gesetz der Steigerung 7 , indem er die Auswirkungen der Ereignisse auf die Menschheit durch ein simples „Verschnupftsein“ ausdrückt. Diese Tatsache ist für den Leser sehr verwirrend: soll er nun lachen oder weinen, nachdenken oder nicht?
Unmittelbar danach, in der achten und letzten Zeile, wird jedoch Klarheit geschaffen: van Hoddis beendet sein Gedicht damit, dass er Eisenbahnen von Brücken stürzen lässt. Nun realisiert der Leser, dass es sich bei „Weltende“ um ein sozialkritisches, bürgerliches „Trauerspiel“ und keinesfalls um eine „Komödie“ handelt.
Aus sozialistischer Sichtweise könnte die Tatsache, dass van Hoddis Eisenbahnen abstürzen lässt und nicht etwa Pferdekutschen umkippen, auf die Abneigung der Arbeiterklasse gegen Maschinen hinweisen, die ihrer Meinung nach für die schlechte soziale Lage verantwortlich waren und die Arbeiter zu Fabriksklaven machten.
Insgesamt ist diese „Westentaschenapokalypse 8 “ prophetisch zu deuten, was jedoch keinesfalls bedeutet, dass van Hoddis im Sinn hatte einen realen Weltuntergang oder den Ersten Weltkrieg vorauszusagen. Wenn jedoch van Hoddis´ Dichterkollege Johannes R. Becher das Gedicht rückblickend als „Marseillaise der expressionistischen Revolte“ bezeichnet, so steckt auch in diesem pathetischen Vergleich mit dem Kampflied der Französischen Revolution eine prophetisches Verständnis 9 . Wie die
Französischen Revolution das Ende des Feudalismus in Frankreich bedeutete, so soll „Weltende“ und die gesamte expressionistische Revolte eine Kampfansage an das Kaiserreich und die bürgerliche Welt darstellen.
1) expressionistische Gedichte, hg. von Peter Rühmkopf, Berlin 1976 (in Zukunft: eG), Seite (in Zukunft: S.) 61 2) Lektürehilfen: Lyrik des Expressionismus, hg. Von Franz Karl von Stockert, Stuttgart-Düsseldorf-Leipzig, 1999 (in Zukunft: LH) S. 30 3) LH, S. 30 4) LH, S. 36 5) eG, S. 61 6) eG, S. 61 7) LH, S. 31 8) eG, S. 62 9) LH, S. 32
Dennis Hofmann
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Dennis Hofmann, 2001, van Hoddis, Jakob - Weltende, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Bravo.
bravo!
on Tuesday, February 12, 2002-
Theresa
Danke Dennis.
danke, ohne deine Interpretation wäre ein kleiner, jedoch entscheidender Teil meines Referates wohl ausgefallen.
Ziemlich gut, deswegen kann ich auch nur einen Teil daraus verwenden, bzw. als Anhaltspunkt benutzen, sonst glaubt mir ja niemand, dass das von mir stammt.
jo, ich muss dann mal wieder
Ciao
on Monday, April 15, 2002-
Ali
Echt super, deine Einstellung..
Endlich mal ein typ, dem es nicht kümmert wenn einer alles bei ihm abschreibt und wegen ihm ne gute Note bekommt.Da fällt mir einfach nichts mehr drauf ein.aber ist schon gut so, denn jetzt habe ich in 1 minute meine Hausaufgaben und kann so meine Zeit für weitaus wichtigere sachen nutzen, wenn du verstehst was ich so meine.ja dann hau rein.
on Monday, April 22, 2002-
samy
sehr gut.
Obwohl ich es selber auch interpretiert habe,habe ich es nicht so gut hinbekommen wie du.Mein deutschlehrer erstaunt von dir.Habe deine interprtation mit meinemverglichen,da sah ich das ich manche punkte nicht genannt habe.Ok bis dann
Machst gut
on Sunday, October 27, 2002-
Jan
Hmmm.....
Da hast du dir echt viel mühe gegeben! Aber ein bischen kritisch muss ich leider doch werden: einige deiner Thesen erklärst du mit dem dadaismus, aberd er dadaismus ist erst anfang der 40er jahre aufgekommen, das gedich ist von 1911!
on Sunday, January 11, 2004-