löst. 3.1 Die erste Marokkokrise:
1880 war im Marokkoabkommen das Mitspracherecht des Deutschen Reiches in nordafrikanischen Fragen festgelegt und der Status Marokkos als formal souveränes Land vereinbart worden.
1904 begann Frankreich mit der Durchdringung Marokkos und einigte sich mit Spanien über die Aufteilung der Interessenzonen in Marokko; Die französische Regierung strebte die Zollkontrolle und die Umbildung der marokkanischen Armee unter französischem Kommando an.
Das Deutsche Reich wollte der britisch-französischen Annäherung (Entente cordiale) entgegenwirken, indem die deutsche Regierung die alten Pläne eines Kolonialbundes, der Großbritannien ausschließen und die deutsch-französische Gegnerschaft beenden sollte, wieder aufgriff. Da der erste Versuch, ein Bündnis mit Rußland und Frankreich zu schließen, scheiterte, versuchte Deutschland durch unmittelbaren Druck, Frankreich den Kurs der deutschen Kolonialpolitik aufzuzwingen. Die Marokko-Frage war dafür eine willkommene Möglichkeit. Das Deutsche Reich meldete 1905, als Frankreich Marokko zum französischen Protektorat machen wollte, sein Mitspracherecht an dieser Entscheidung an. Kaiser Wilhelm II. stattete dem Sultan in Tanger einen Besuch ab, um zu demonstrieren, dass er Marokko für einen souveränen Staat halte.
Der französische Ministerpräsident schlug Deutschland daraufhin vor, alle deutschfranzösischen kolonialen Differenzen nach dem Muster der Entente cordiale zu regeln. Die deutsche Regierung lehnte jedoch ab und bestand auf einer internationalen Konferenz. Ihr Ziel war, der französischen Marokko-Politik eine Niederlage zu bereiten. Sie wollte Frankreich die Nutzlosigkeit der Entente mit Großbritannien aufzeigen und ihm deutlich machen, dass es sich an Deutschland halten müsse, wenn es kolonialpolitische Erfolge haben wolle. Die französische Niederlage sollte Frankreich aus der Entente cordiale lösen und es dazu bringen, dem geplanten Kolonialbund beizutreten. Reichskanzler von Bülow rechnete damit, dass Frankreich nachgeben und es nicht auf einen Krieg ankommen lassen werde, zumal Deutschland keinen Krieg beabsichtigte (Politik des Bluffens).
Die deutsche Regierung beharrte auf einer internationalen Konferenz und Frankreich stimmte zu. Auf der Algeciras-Konferenz 1906 beratschlagten unter anderem das Deutsche Reich, Frankreich, Österreich-Ungarn, Großbritannien, die USA und Italien über den Konflikt. Deutschland hatte mit einer Mehrheit auf seiner Seite gerechnet; es war jedoch mit Österreich-Ungarn isoliert. Die Konferenz bestätigte zwar die Selbstständigkeit Marokkos, billigte aber den vorwiegend französischen Einfluss auf das nordafrikanische Land weitgehend. Äußerlich war der deutschen Forderung damit zwar Genüge getan, aber die Isolierung Deutsch-lands im Kreis der europäischen Mächte wurde besonders deutlich. Auch die Hoffnung der deutschen Regierung, die Entente cordiale zu schwächen, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil: Die Zusammenarbeit Frankreichs und Englands wurde durch die deutsche Politik noch gefestigt. 3.2 Die zweite Marokkokrise:
Die zweite Marokkokrise wurde ausgelöst, als französische Truppen 1911 anlässlich innerer Unruhen (ein Aufstand gegen den Sultan) die marokkanische Hauptstadt Fès besetzten und damit den Vertrag von Algeciras verletzten. Das Deutsche Reich schickte als Reaktion das Kanonenboot „Panther“ („Panthersprung“) nach Agadir, um seine militärische Stärke zu demonstrieren. Das Deutsche Reich hatte jedoch mit dieser militärischen Aktion Großbritannien nicht genügend berücksichtigt. So warnte der britische Schatzkanzler Lloyd George Deutsch-land davor, Frankreich den Krieg zu erklären und deutete an, dass England sich im Kriegsfall nicht mehr passiv verhalten, sondern auf Frankreichs Seite eingreifen würde. Um dieser Aussage Nachdruck zu verleihen, versetzte Großbritannien seine Marine sogar zeitweilig in Alarmzustand.
Am 11.11.1911 wurde die Marokkokrise nach längeren Verhandlungen zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich durch den Marokko-Kongo-Vertrag beigelegt. Das Deutsche Reich erkannte die französische Vorherrschaft über Marokko an und im Gegenzug trat Frankreich Teile des französischen Kongo und Französisch-Äquatorial-Afrikas an das Reich ab.
Wieder gelang es dem Deutschen Reich nicht, einen Keil zwischen die britisch-französische
Entente zu treiben. Die Vorgänge in Marokko verstärkten den Zusammenhalt der Entente noch. Die politische Isolation des Deutschen Reiches wuchs. Gleichzeitig nahmen im Deutschen Reich die englandfeindliche Stimmung und die Kriegsbereitschaft zu. 4. Unruheherd Balkan:
Vor allem in den letzten Jahren vor dem ersten Weltkrieg wurde der Balkan zum Unruheherd in Europa. 1908 kam es zur Bosnienkrise, als Österreich-Ungarn die osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina annektierte. Serbien, Rußland und Montenegro protestierten zwar, mussten das österreichische Vorgehen aber hinnehmen, als sich das Deutsche Reich auf die Seite Österreich-Ungarns stellte.
Auch andere Staaten nutzten die Schwäche der Türkei („dem kranken Mann am Bosporus“) aus; so eroberten die Truppen des Balkanbundes (Bulgarien, Griechenland, Montenegro und Serbien) im ersten Balkankrieg 1912 fast die gesamte europäische Türkei. 1913 lösten Streitigkeiten um die Aufteilung Makedoniens den zweiten Balkankrieg aus. In diesem Krieg konnte Serbien sein Territorium fast verdoppeln und auch die russische Position auf dem Balkan wurde gestärkt.
Am 28. Juni 1914 wurden der österreich-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo von einem Mitglied einer großserbischen Ge-heimorganisation erschossen. Dieses Attentat bot Österreich-Ungarn eine willkommene Möglichkeit, gegen Serbien vorzugehen und löste damit die Julikrise aus, die schließlich in den Ersten Weltkrieg führen sollte.
5. Quellenangaben:
ALTER, PETER (HRSG.): Der Imperialismus, Grundlagen, Probleme, Theorien, 1. Auflage, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1985.
AUSBÜTTEL, F. / BÖHNING, P. / EMER, W. / HORST, U. / JUNG-PAARMANN, H. / LENGLE, P. / WEISMANTEL, W.: Grundwissen Geschichte, Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1. Auflage, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1994.
BRÜCKMANN, ASMUT: Historisch-Politische Weltkunde, Die europäische Expansion, 1. Auflage, Ernst Klett Schulbuchverlag, Stuttgart, 1993.
GRUNDMANN, HERBERT (HRSG.): Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte, vierbändig, Bd. 3, Von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg, 9. bearbeitete Auflage, Union Verlag, Stuttgart, 1970.
HILGEMANN, WERNER / KINDER, HERMANN: dtv-Atlas Weltgeschichte, zweibändig, Bd.2: Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart, 25. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1991.
HIRSCHFELDER, HEINRICH / NUTZINGER, WILHELM: Das Kaiserreich 1871-1918, 1. Auflage, C. C. Buchners Verlag, Bamberg, 1987.
HOLZBAUER, HANS / ZUBER, KARL-HEINZ (HRSG.): bsv Geschichte 3 N, Von der Zeit der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg, 1. Auflage, München, 1986. HUG, WOLFGANG (HRSG.): Unsere Geschichte, vierbändig, Bd. 3, Von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg, Diesterweg Verlag, Frankfurt a. M., 1988. PROKASKY, HERBERT / TABACZEK, MARTIN (HRSG.): Geschichts-Kurse für die Sekundarstufe II, sechsbändig, Bd. 6: Krieg und Frieden, Friedensordnungen und Konflikte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 1. Auflage, Schroedel Schulbuchverlag, Paderborn, 1994.
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Annika Milz, 2000, Die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges - Die Marokkokrisen, München, GRIN Verlag GmbH
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