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1922 beteiligte er sich an der Organisation eines Festivals des Cante jondo- einer andalusischen Gesangs- und Musikform-, welches Manuel de Falla in Granada präsentierte. Im selben Jahr kam ein weiteres Band mit Gedichten Canciones heraus und in Barcelona sowie in Madrid ein Drama zur Aufführung, das eine Frauengestalt aus der Geschichte Granadas zum Gegenstand hatte: Mariana Pineda. Außerdem wurden Zeichnungen Lorcas ausgestellt. Lorca war ein anspruchsvoller und vielseitig interessierter und auch begabter Mensch. 1928 gründete er in Granada die avantgardistische Literaturzeitung Gallo. Die Veröffentlichungen der Gedichtsammlung Romancero gitano, machte Lorca zu einen volkstümlichen Dichter. Die Sammlung der Gedichte waren für diese Literaturgattung eine Seltenheit. Im nächsten Jahr erschien bereits seine zweite Auflage des Buches Canciones. In dieser Zeit machte Lorca eine tiefe persönliche Krise durch. Es kann nur darüber spekuliert werden, ob es die Enttäuschung über den Erfolg der Zigeunerromanzen als ein populäres Werk war, oder seine frustrierenden Erfahrungen in Sachen Liebe.
Lorca unternahm 1929 eine Reise nach New York, um dieser Krise zu entfliehen, wobei ihn Fernando de los Rios begleitete. In New York betrieb er Englisch an der Columbia University. Lorca war von der Kultur der amerikanischen Schwarzen begeistert und vor allem liebte er den Jazz. Ein negativer Aspekt seines Aufenthaltes, war das sich zu dieser Zeit, der bekannte Börsencrash ereignete.Er hielt Vorträge und Lesungen eigener Gedichte, schrieb ein Filmskript (Viaje a la Luna ) und Lyrik in einem von seinem bisherigen völlig anderen Stil. Diese erschienen später unter dem Titel Poeta en nueva York in New York und Mexiko. 1930 kehrte er nach einem Aufenthalt in Cuba ,wo er auch noch nebenbei El Publico verfasste, nach Spanien zurück; dort wurde dann in Madrid La zapertara prodgiosa aufgeführt. 1931 wurde Poema del Cante jondo veröffentlicht.
1932 hielt er Vorträge in mehreren spanischen Städten und leitete im Auftrag der neuen republikanischen Regierung zusammen mit Eduardo Ugarte ein studentisches Wandertheater, La Baracca, mit dem er im ganzen Land spanische Klassiker aufführte. 1933 gelangten zwei weitere Stücke auf die Bühne: Bodas de Sangre und Amor de don Perplimplin con Belisa en su jardin. Im selben Jahr reiste Lorca nach Südamerika. In Buenos Aires lernte er Pablo Neruda kennen. In Mexiko veröffentlichte seine Ode auf den homosexuellen Walt Whitman aus Poeta en Nueva York, und gleichzeitig erschien teilweise El Publico. Dann nahm Lorca 1934 nach Spanien zurückgekehrt, seine Arbeit mit La Barraca wieder auf.
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1934 hatte er mit Yerma, die Tragödie einer sterilen Frau großen Erfolg. Hinzu kamen zwei neue Stücke: das Puppenspiel Retablillo de don Christobal und die tragisch komische Geschichte einer alten Jungfrau in der Provinz um die Jahrhundertwende : Dona Rosita la soltera. Einige Gedichte aus Divan del Tamarit erschienen in Madrid, und eine maschinengeschriebene Fassung des Poeta en Nueva York wurde zur Veröffentlichung, die aber nicht mehr erfolgte, vorbereitet. In Lorcas letzten Lebensjahr, 1936 nahm der Dichter an Kundgebungen für die Volksfront teil, plante eine Reise nach New York und Mexiko und beendete La Casa de Bernarda Alba. Am 13. Juli fuhr Lorca nach Granada, wo ihn der Putsch gegen die republikanische Regierung, die sogenannte Nationale Erhebung (Alzamiente Nacional) überraschte. Er suchte durch die Bedrohung Zuflucht bei einem befreundete Dichter namens Luis Rosales, dort wurde er auch am 16.August verhaftet und zwei Tage später in Viznar bei Granada von klerikalen Faschisten hingerichtet.
Die genauen Motive für die Verhaftung und Ermordung Lorcas sind ungeklärt, aber man ist sich sicher das der Dichter denunziert wurde. Was man weiß, ist das Lorca unter Befehl des falangistischen Kommandanten Jose Valdes, erschossen wurde. Lorca galt offensichtlich als „Roter“. Auch der Vorwurf der Homosexualität scheint mit im Spiel gewesen zu sein.
La casa de Bernarda Alba 1 3
Das Stück ist kein Werk mit vielen Personen. Es gibt ein lokales Zentrum, welches das Haus ist in dem sich alles abspielt, und eines auf der Handlungsebene: „Der hier ausgetragene Hauptkonflikt zwischen Bernarda und Adela ist, kaum übersehbar, der zwischen Gesetz und Freiheitswillen“ 2 . Lorca hält in seinem Stück das aristotelische Prinzip der drei Einheiten ein. Die Handlung findet an einem Ort statt, spielt sich innerhalb eines Zeitrahmens von 24 Stunden ab und die Handlung ist eine geschlossene Einheit. Für Aristoteles war ein Stück dramatischer, wenn die einzelnen Familienmitglieder sich untereinander verstritten, bekämpften oder töteten: „Mi sangre no es tuya“ (S.1437).
1 Alle Seitenangaben beziehen sich auf: García Lorca, Frederico: Obras Completas. Madrid: Aguilar 1957.
2 Rogmann, Horst: „Frederico Garcías Lorcas Theater: Variationen eines Themas“ In Wilfried Floeck (Hrsg.):
Spanisches Theater im 20. Jahrhundert - Gestalten und Tendenzen. Tübingen: Francke 1990 (Mainzer Forschungen
zu Drama und Theater; Bd. 6) S. 148.
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Bernarda, die in manchen Theateraufführungen von einem Mann gespielt wurde 3 verbietet ihren Töchtern das Haus zu verlassen, dass im übrigen keine Schlüssel hat. Die Türen sind nicht verschlossen aber niemand wagt es sie aufzustoßen. Die Schwestern werden von der Trauerzeit, dem Reichtum und dem Klatsch im Dorf bewacht. Während der nächsten acht Jahre soll: „no ha de entrar en esta casa el viento de la calle“ (S.1361). Außerhalb der Mauern werden die Schwestern von den Nachbarn und innerhalb von der Mutter und den Mägden belauert. Außerhalb des Hauses gibt es Sex, aber es existiert keine Liebe, da die Frauen lediglich zum Sex benutzt werden, es geht nur um Trieb und nicht um Liebe (Vgl. 1365-1366). Floeck unterstützt meine Ansicht: „Liebe erscheint [...] als erdhafte Urgewalt und animalischer Trieb, dem sich der Mensch nicht entziehen kann und der das Handeln wie ein fatalistisches Schicksal bestimmt [...] und endet immer im Tod“ 4 . Nur die Großmuter in ihrem Delirium erinnert sich noch, dass vor langer Zeit die Frauen lachten, liebten und sich die Männer um sie kümmerten. Die Frauen werden von Schweigen umschlossen, sowohl das erste als auch das letzte Wort das Bernarda Alba spricht ist Silencio. Sie erlegt allen ein Schweigen auf, den Töchtern, den Mägden und auch den Besuchern. Sie dürfen weder lachen noch weinen oder schreien. Bestimmte Themen dürfen nicht angeschnitten werden, dazu gehört vor allem Sex und Freiheit. Vor älteren Personen darf nicht gesprochen werden. Sie dürfen nicht alleine mit einem Mann sprechen, wenn sie ihm nicht versprochen sind. Man darf die Wahrheit nicht enthüllen wenn diese mit der gesellschaftlichen Stellung, der Moral oder der Liebe zu tun hat. Das Schweigen ist ein Gefängnis, dass genauso wirksam wie die Mauern ist, jedoch subtiler und grausamer, da es die Personen die im gleichen Haus leben und an der Tragödie teilhaben dazu zwingt, nur untereinander zu sprechen. Floeck sagt: „Im Haus Bernarda Albas wird jedes Leben im Keim erstickt; ihr Haus gleicht eher einem Gefängnis als einem Wohnhaus, und Bernarda selbst spielt die Rolle des Kerkermeisters“ 5 . Auf Poncia, die versucht die Tragödie zu verhindern hört keiner und auch nicht auf María Josefa die von einer Welt von Zärtlichkeit, Lachen und Liebe erzählt. Außerdem gibt es in dem Stück dominante Räume, die in Opposition zu einander stehen: Draußen und drinnen, das Haus und die Strassen, das Gefängnis und die Freiheit. Des weiteren
3 Vgl. Degoy, Susana: En lo más oscuro del pozo. Figura y rol der la mujer en el teatro de Garcica Lorca. Buenos
Aires: Nuevohacer 1996 S. 155
4 Floeck, Wilfried: „Frederico García Lorca - La casa de Bernarda Alba“ In Harald Roloff/ Harald Wentzlaff-
Eggebert (Hrsg.): Das spanische Theater Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Düsseldorf: Schwann-Bagel 1988, S.
380
5 Ebd. S. 377
5
existieren auch zwei Zeiten: Die, in der das Geschehen statt findet und welche irgendwann eine Veränderung bringen wird und die in der Vergangenheit stehensgebliebene Zeit, die sich niemals ändern wird 6 .
4 Die Rolle der Frau in Spanien
Die andalusischen Frauen leben in einer von Männern regierten Welt in der nur Stärke, Geld, Jungfräulichkeit und Schweigen zählen. Dieter Haller stimmt hier mit mir überein und meint:
Anders als für den Mann gibt es in Andalusien für die Frau ein überragendes Stereotyp: das der
heiligen María, die Mutter und Jungfrau zugleich ist. Sie verkörpert das abstrakte Ideal der
unbefleckten Gebärerin. Der Symbolwert der María übersteigt die rein geschlechtliche
Vorbildfunktion, da sie auch Repräsentantin der Ede, des Volkes und des jeweiligen Kirchespiels
ist. 7
Er sieht „die Frau als devote, gehorsame und keusche Hüterin von Heim, Glaube und Kindern; der Mann als stolzer, brutaler, lüsterner und dominanter Gatte und Familienvater“ 8 . Diese Weltanschauung finden wir auch in La casa de Bernarda Alba bestätigt. Die Frauen sollen sticken: „Hilo y aguja para las hembras. Látigo y mula para el varón.” (S.1362). Mit diesen Worten zeigt Bernarda das Bedürfnis nach einer patriarchalischen Gesellschaft. Burton meint dazu: „Indeed this distribution of tools is indicative of the sexual segregation of the whole society. The association of man with the whip, symbol of dominance over the brute beast” 9 . Als Rat für die Ehe gibt die Mutter der Tochter: „Habla si él habla y míralo cuando te mire“ (S.1423). Dies zeigt die Unterwürfigkeit mit der Frauen Männern in Andalusien gegenüber zu treten hatten. Bernarda gesteht sich die Unterlegenheit auch selbst ein, wenn sie sagt: „No fue culpa mía. Una Mujer no sabe apuntar“ (S.1441). La Poncia formuliert die Macht der Männer so: „Un hombre es un hombre“ (S.1430). Damit scheint auch schon alle gesagt zu sein, der Mann ist Mann und kann somit machen wozu er Lust hat. Er ist keinerlei Beschränkungen unterworfen. Wenn er doch etwas unrechtes tut so wird er nicht bestraft: „Porque los hombres se tapan unos a otros las cosas de índole y nadíe es capaz de delatar“ (S.1369). La Poncia sagt Adela, dass noch Hoffung auf eine Heirat mit Pepe bestehe denn: „Tu hermana [...] te digo que morirá. [...] Pepe hará lo que
6 Vgl. Degoy, Susana, S.156
7 Haller, Dieter (1991): Machismo und Sexualität: Zur Geschlechtsrollenkonzeption des Mannes in Andalusien. S. 90
8 Ebd. S.94
9 Burton, Julianne: “The Greates Punishment: Female and Male in Lorca´s Tragedies” In Beth Miller (Hrsg.):
Women in Hispanic literature - Icons and Fallen Idols. Berkeley: University of California Press 1983, S. 261.
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hacen todos los viudos de esta tierra. Se casará con la más joven, la más hermosa, y esa erest tú” (S.1391). Der Mann kann sich nach dem Tod der Frau sozusagen „Ersatz“ für den erlittenen „Verlust” in der Familie holen. Dies ist ein traditioneller Brauch der seit Jahrhunderten so praktiziert wird und der auch durch das 20. Jahrhundert weitergeführt werden soll. In Andalusien herrscht zu dieser Zeit Narrenfreiheit für den Mann.
Frauen dagegen haben es um so schwerer. Amelia meint dazu: „Nacer mujer es el peor castigo” (S.1396). Denn sie werden in zwei Kategorien gesehen: Die Huren, die verachtet und ausgestoßen werden und die Ehrbaren, die in die Gesellschaft integriert sind. Moralische Tugend spielt eine sehr gewichtige Rolle im Leben der weiblichen Dorfbewohnerinnen. Paca la Roseta wird als „única mujer mala que tenemos en el pueblo” (S.1366) bezeichnet. Männern wird deswegen kein Vorwurf gemacht, denn „Los hombres necesitan estas cosas“ (S.1396) und deswegen beschwert sich die Magd auch nicht als ihr der verstorbene Ehemann Bernardas zu Lebzeiten von hinten den Rock hochgeschoben hat. Dem aber nicht genug, denn La Poncia gibt ihrem Sohn Geld für den Besuch einer Prostituierten. Die Frauen fügen sich in dieses Struktur und finden daran nichts ungerechtes, es ist so wie es ist, kann man sie fast sagen hören. Bernarda schreit zwar „¡Matadla!“ (S.1416) und meint damit die Tochter Libradas, welche ihr Neugeborenes unter einem Baum vergraben hatte, um so ihre Schande zu verbergen, aber beim Anblick ihrer toten Tochter kommt ihr die Lüge „La hija menor de Bernarda Alba ha muerto virgen“ (S.1442) wie selbstverständlich über die Lippen. Die Schande der eigenen Tochter würde wieder auf sie zurückfallen und muss um jeden Preis geheim gehalten werden. Deswegen hat Martirio auch Macht über ihre Mutter, als diese von ihr wissen will, warum sie das Bild Pepes gestohlen hat: „¡Calla y no me hagas hablar, que si hablo se van a juntar las paredes unas con otras de vergüenza“ (S.1404). Das moralische Gefüge das sich Bernarda zurecht gemacht hat und dessen Schein sie nach außen hin wahrt würde zusammenbrechen und das wäre gleichbedeutend mit einem Verstoß aus der Gesellschaft.
5 Die Frauen des Hauses 5.1 Bernarda Alba
Bernarda verkörpert das Drinnen und die stehen gebliebene Zeit. Sie selbst ist La casa de Bernarda Alba, makellos und gleichgültig gegenüber den Leben und den Wünschen derer, die sie
7
unterwirft und über die sie herrisch bestimmt. In ihrem Haus regiert sie nach der althergebrachten Ordnung: „Así pasó en casa de mi padre y en casa de mi abuelo” (S.1361). Mit dieser Regel erläutert sie Anweisungen, wenn die Frauen unter ihr diese nur widerwillig befolgen. Bernarda ist, wie ihr Name schon sagt, hart wie Bernstein und ihr Nachname spielt auf eine einst mächtige Königsfamilie an. Ihr eiskaltes Herz hat nie Zärtlichkeit kennen gelernt, da sie ihren gerade verschiedenen Ehemann niemals liebevoll erwähnt. Die Rolle der Männer in ihrem Leben beschränkte sich lediglich auf die Zeugung der Kinder. Jetzt nach dem Tod ihres Mannes ist sie der Mann im Haus, da ihr Verhalten das eines Mannes ist, was sich nicht nur in verbaler, sondern auch in physischer Gewalt, sie schlägt Angustias (S.1365), manifestiert: Sie bedroht ihre Töchter mit einem Stock und handelt in schlichten patriarchalischen Denkschemata. „¡Hasta que salga de esta casa con los pies delante mandaré en lo mío y en lo vuestro!” (S.1380). Bernarda erlaubt sich nach außen hin keine Schwächen und auch mit ihren Kindern ist sie sehr hart. Sie sagt über sich selbst: „No he dejado que nadie me dé lecciones“ (S.1356). Selbst vor dem toten Körper ihrer Tochter zeigt sie keine Schwäche und hält ihre undurchdringliche Maske aufrecht. Laut Susana Degoy wählt sie von ihren Kindern diejenigen aus, die ihr am ähnlichsten sind und die, die einen noch härteren Charakter als sie selbst besitzen 10 . Die Klagen der anderen ignoriert sie. Es scheint fast, als denke sie , dass nur wer stark genug ist, es auch verdiene zu leben. Dennoch hat sie eine Schwäche, denn sie ist abhängig von dem, was die Nachbarn von ihr sagen und denken: „Estarán todas las vecinas con el oído pegado a tabiques“ (S.1402).
5.2 Die Töchter
Angustias, Magdalena, Martirio und Amelia ähneln sich sehr. Sie sind wie ihre Mutter einst war, sie leiden, rebellieren aber nicht, sie hassen jedoch manifestieren sie es nicht, sie gehorchen und hoffen auf den Moment in dem das Leben es ihnen erlaubt ihren Teil der Macht auf die restlichen auszuüben. Den einzigen Ausweg, den die Frauen kennen ist die Heirat. Diese stellt den Übergang in ein anderes Haus dar, in dem sie das gleiche festgefahrene Muster wiederholen und ihren Kindern beibringen. Jedoch weisen manche von ihnen, Martirio und Amelia, selbst diese Möglichkeit zurück.
10 Vgl. Degoy, Susanna S. 162
Angustias unterscheidet sich von den anderen, da sie die älteste von allen ist. Mit ihren 39 Jahren ist sie neun Jahre älter als Magdalena. Sie stammt aus der ersten Ehe Bernardas ist schwach und kränklich und dennoch hat sie den anderen gegenüber einen großen Vorteil, da ihr Vater ihr Geld hinterlassen hat, über welches sie jedoch nach spanischer Tradition nicht verfügen darf solange der zweite Mann ihrer Mutter lebt. Das Wissen um das Geld macht sie jedoch nicht glücklich. Ihr Name steht auch für Beklemmung und Angst. Im Gegensatz zu den anderen, die den Tod des Vaters als das Ende ihrer Hoffnung erleben, hat sie auf den Tag seines Todes schon immer gewartet, da dann das Erbe der beiden Männer geteilt wird und sie Herrin ihres Vermögens ist und heiraten kann. Sie macht sich nichts vor, was Pepes Absichten, ihr Alter oder ihr Aussehen angeht. Das alles ist ihr egal, da sie den Schlüssel der Macht in Händen hält: „¡más vale onza en el arca que ojos negros en la cara!“ (S.1382). Sie weiß, dass Pepe sie nur ihres Geldes wegen zur Frau nehmen will und ist trotzdem bereit die Geschichte der Frauen ihrer Schicht zu wiederholen, denn „Durch ihre Position als Ehefrau und Mutter bekommt die Frau hohes gesellschaftliches Prestige“ 11 . Es wir deutlich, dass sie unfähig ist zu lieben, wohl aber zu hassen, als sie mit Bernarda draußen geht um Pepe zu suchen und zu töten. Dabei verschwendet sie keinen Gedanken daran ihren zukünftigen Ehemann zu retten, sondern will nur verhindern, dass Adela ihn jemals wieder trifft. Als sie dann vom angeblichen Tod Pepes erfährt ist sie bar jeder Emotion, so auch als sie erfährt, dass er geflohen ist und ebenfalls bei Adelas Tod.
5.2.2 Magdalena
Magdalena erkennt ihre eigene Situation als Frau von 30 Jahren, die weder schön noch reich ist. Obwohl sie größtenteils einen flachen Charakter darstellt, fällt sie durch ironische oder bittere Momente auf. Die einzige Macht, die sie ausüben kann, ist die sich zu entscheiden sich mit ihren Schwestern zu verbünden oder dies zu verweigern. So weigert sie sich mit ihren Schwestern an der Aussteuer für Angustia zu sticken. Sie macht sich keine Illusion im Bezug auf die Zukunft der Frauen des Hauses, deshalb möchte sie auch weder über Kinder sprechen noch helfen die Hochzeitsdecke zu stricken. Zwar hasst sie ihre Situation als Gefangene im Haus, kämpft aber nicht um diese zu verlassen. Sie hat resigniert und sich mit ihrem Schicksal abgefunden: „Sé que
11 Haller, Dieter S.312
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no me voy a casar“ (S.1362). Für Adela jedoch, die sich nicht fügen will zeigt sie Mitgefühl: „¡Pobrecilla! Es la más joven de nosotras y tiene ilusión. Daría algo por verla feliz” (S.1372). Sie ist die menschlichste von allen und obwohl sie nicht kämpft um zu leben, macht sie keinem das Leben schwer: In der Nacht, in der Adela stirbt und alle auf etwas warten und sich ausspionieren, schläft sie. Als sie von der Beziehung zwischen Adela und Pepe erfährt ist sie die einzige, die nicht davon spricht die beiden zu trennen. Auf Grund ihrer Fähigkeit mitzufühlen und ihrer Unschuld könnte sie das Model für eine menschlichere Art von Leben sein, deswegen auch die Anspielung auf den biblischen Namen und deren Historie. Ihre Schwachheit und ihre Weigerung zum Kampf machen sie jedoch zur Komplizin der grausamen Welt der Bernarda Alba.
5.2.3 Amelia
Die 27järhrige Amelia ist die schüchternste und introvertierteste der Frauen. Die Welt, in der sie lebt, kennt sie und für sie geht es darum sich anzupassen, nett zu sein und verbindlich. Sie weißt Martirio daraufhin, dass ihre Schuhe offen sind und fragt sie, ob sie ihre Medizin genommen hat (Vgl. S.1368). Ihren Schwestern geht sie mit ihrer Höflichkeit auf die Nerven. Ihre Mutter weist sie ebenfalls zurecht, als diese ein ungebührliches Verhalten an den Tag legt: „Madre, no hable usted así” (S.1360). Vor Männern und der Ehe fürchtet sie sich und sie bringen sie in Verlegenheit: „A mi me da vergüenza de estas cosas” (S.1385). Auf die Frage, wen sie heiraten werde, bleibt sie ohne Antwort. Wie Magdalena hat sie sich entschlossen nicht zu leben, dieser Entschluss macht sie jedoch nicht aggressiv, sondern eher zur passiven Zuschauern, da sie auch nie in den Momenten mit großer Spannung spricht. In der letzten Szene wissen wir von ihrer Anwesenheit nur durch die Szenenanweisung Lorcas. Amelia gibt die Hoffnung auf: Da sie weis, dass die Gesellschaft einer Frau wie ihr nichts bietet, resigniert sie, erfüllt ihre Pflichten klaglos auf eine unterwürfige, höfliche Art und Weise und wartet auf den Tod. Burton stimmt hier mit mir überein und meint dazu: „Women are constantly urged by men and women alike to endure patiently, suffer in silence, and resign themselves to their fate“ 12 Ihre Funktion im Stück ist die Rolle der, welche die anderen gegen „ esta crítica que no nos deja vivir” (S.1369) verteidigt. Außerdem stellt sie die Normalität dar im Vergleich zu den anderen Schwestern. 13
12 Burton, Julianne S.266
13 Morris: C.B. La casa de Bernarda Alba. Valencia: Grant & Culler 1990.
Martirio ist der komplexeste Charakter der Gruppe. Sie ist die vierte Tochter von Bernarda und 24 Jahre alt. Von ihr wissen wir, dass sie hässlich ist und eine körperliche Behinderung hat. Als Grund für ihre Deformierung gibt sie an, dass sie seit ihrer Kindheit Angst hatte vor Männern und Gott sie deshalb schwach und hässlich auf die Welt kommen ließ, damit die Männer von ihr ablassen würden (Vgl. S.1370). Wie ihr Name schon sagt lebt sie in einem Martyrium. Sie liebt Pepe nicht, hat aber ein brennendes Verlangen nach ihm und kämpft mit Adela um ihn nicht nur verbal: „Ese hombre sin alma vino por otra. Tú te has atravesado” (S.1436), sondern droht ihr auch mit körperlicher Gewalt: „Yo romperé tus brazos “ (S.1414). Als der Brief Pepes in ihren Laken gefunden wird, wundern sich alle darüber, da sie sich zuvor sehr kalt und reserviert verhalten hat. Ihre Antwort ist, dass es sich nur um einen Scherz handele. Sie weiß genau, dass Angustias, die Pepe nicht liebt, keine echte Rivalin ist, sondern nur Adela, von der sie möchte, dass sie von den anderen mit Pepe in Flagranti erwischt wird. Als sie schließlich erkennt, dass es für sie keine Hoffnung auf Pepe gibt, kehrt sie zur althergebrachten Ordnung zurück: Sie beschuldigt Adela, ruft die Mutter herbei um die Vereinigung der beiden Liebenden zu verhindern und verlässt das Haus mit der Mutter um Pepe zu suchen und mit ihr den Tod Pepes vorzutäuschen. Als dann Adela Selbstmord begeht ist ihr einziger Kommentar: „Dichosa ella mil veces que lo pudo tener“ (S.1442). Damit zerstört sie das Bild, das sie von sich selbst erschaffen hat und das sie den anderen vorspielt. La Poncia erkennt ihren Charakter und sagt über sie: „Esa es peor. Un pozo de veneno” (S.1431). In Wirklichkeit flieht sie nicht vor den Männern. Sie erkennt beim Anblick von Adelas Tod, dass auch sie ihr Leben dafür gegeben hätte im Tausch für die Lieb Pepes und der Möglichkeit sich mit ihm zu vereinigen: „¡Le quiero!“ (S.1437). Martirio hat eine andere Art von Macht entdeckt, die einzige, die in ihrer Welt Menschen ohne Geld ausüben können: Einen firmen Charakter, der die schwächeren unterwirft. Es zeichnet sich ab, dass Martirio, die mit ihrer Mutter auszog um Pepe zu töten, eines Tages, dann wenn Bernarda stirbt, in diesem Haus befiehlt und dessen Bewohner Hass, Gewalt, Trauer und Gefangenschaft auferlegt. Martirio ist aber nicht nur Täterin, sondern auch Opfer, da sie von Bernarda aus Gründen der Tradition gezwungen wurde sich von dem Mann zu trennen, der sich um sie bemühte, weil er nicht ihrer Schicht angehörte.
Adela ist die Antagonistin zur Gruppe der Frauen des Hauses und gleichzeitig auch mit ihren 20 Jahren die jüngste und schönste der Schwestern. Dies sieht man schon an ihrem ersten Auftritt: „un abanico redondo con flores rojas y verdes“ (S.1361). Ihr farbenfroher Fächer steht im Kontrast zu dem Schwarzen von Angustias. Ihr Name und ihre Person stehen für Fortschritt. Sie weigert sich die Trauerzeit, welche die restlichen Frauen respektieren, acht Jahre lang zu akzeptieren und mit den althergebrachten Traditionen brechen: „Yo no puedo estar encerrada.[...] no quiero perder mi blancurea en estas habitaciónes: [...] ¡Yo quiero salir!” (S.1376). Ihre Verzweifelung mit der sie das Gefängnis verlassen will stellt sie in Opposition zum traditionellen Haus. Adela hat jedoch keinen eigenen Willen, den hat sie noch nicht entwickeln können in der Umgebung in der sie lebt, und deshalb muss sie sich mit einem Element von außerhalb motivieren. Dieses Element ist Pepe, die Fleischwerdung der Lust und ihre Möglichkeit zur Flucht: „Mirando sus ojos me parece que bebo su sangre lentamente” (S.1392). Allerdings weis Adela von Pepe nicht viel: Sie kennt ihn als Person nicht, weder kennt sie seine Gedanken, noch seine Gefühle oder Zukunftspläne. Ihr ist dies auch egal, da er für nicht seine Person von Interesse ist, sonder nur der Sex. Deshalb sagt sie auch: „Vamos a dejar que se case con Angustias, ya no me importa, pero yo me iré a una casita donde él me ver a cuando quiera, cunado le venga en gana” (S.1438). Adelas verzweifelter Kampf um Flucht erreicht seinen Höhepunkt, als sie Bernardas Stock mit folgenden Worten zerbricht. „En mí no manda nadie más que Pepe” (S.1439). Bernarda erkennt jedoch sogleich, dass es Adela nicht so sehr um Freiheit geht, sondern eher darum, dass sie nur jemand anderem gehorchen will. Deshalb zieht sie aus um Pepe zu töten und tut so, als ob er tot wäre. Adela denkt nicht nach als sie die Nachricht seines Todes ereilt und begeht Selbstmord, da sie fühlt sie könne nicht länger im Haus leben. Ihre Verzweiflungstat bringt nichts, da sie nichts an dem bestehenden System ändert, die Lügen der Mutter und das Schweigen der Schwestern tragen dafür Sorge, dass alles hinter verschlossenen Türen bleibt. Adela erlebt eine sehr schmerzhafte Überraschung, als sie von der bevorstehenden Hochzeit zwischen Angusitas und Pepe erfährt. Die Wirklichkeit vor Augen realisiert sie, dass sie mit Pepe nur liiert ist, weil sie ein sexuelles Verlangen nach ihm hat „este fuego que tengo levantado por piernas y boca“ (S.1392). Es ist nur verständlich, dass sie annimmt Pepe zu heiraten, da beide ledig sind und der gleichen Schicht angehören. Sie kann allerdings nicht verhindern, dass Pepe, der berechnend und kalt ist, eine fast Vierzigjährige mit Geld heiraten
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will, ohne auch nur daran zu denken seiner Geliebten davon zu erzählen. Obwohl sie weiß, das sie von ihm nichts erwarten kann möchte sie nicht auf ihn verzichten.
Ihre Figur ist die einer Frau die jemand anderen liebt, bevor sie sich selbst lieben, respektieren und kennen lernen konnte. Ihr Ende ist am schlimmsten da es die Verneinung ihrer Geste, aller ihrer Gesten mit sich bringt, durch das Schweigen, das ihre Mutter allen auferlegt. Für das Dorf wird Adela die sein, die nicht geliebt hat, die nicht geliebt wurde, die keinen Hass und auch keine Verzweiflung kannte, die weder eine Entscheidung fiel noch unter den übrigen Schwestern herausstach. Ihre Mutter weigert sich zum Schluss sogar sie bei Namen zu nennen: „La hija menor de Bernarda Alba ha muerto virgen“ (S.1442). Dies ist für Bernarda essentiell, da es für eine Frau leichter ist als für einen Mann „ in die Antistruktur zu fallen. [...] jeder Verdacht einer solchen [sexuellen Äußerung] zerstört ihre Reputation [...] Ihr Rechtfertigungs- und Interpretationsspielraum ist geringer 14 . Denn
der Mütterlichkeit, Zurückhaltung und Keuschheit der María stehen Liderlichkeit und sexuelle
Verderbtheit der puta gegenüber. María ist eher Mutter als Gattin. Während ihre Sexualität tabu
ist, gilt die Sexualität der puta als öffentlich und vom Kollektiv der macho benutzbar. 15 Adela wird in dem Meer aus Trauerzeit und Schweigen untergehen und in Vergessenheit geraten. Es ist so, als ob sie hinter den weisen Mauern nie geliebt hätte.
5.3 La Poncia
La Poncia ist eine sechzigjährige Frau, die Bernarda Alba schon seit 30 Jahren dient und aus einfacheren Verhältnissen als Bernarda und ihre Töchter kommt und deswegen viel mehr Freiheiten als diese hat: Denn sie kann das Haus verlassen, mit allen reden, sich so ausdrücken wie sie es möchte. Sie ist aus freien Stücken im Haus und entscheidet sich immer wieder aufs neue zu bleiben, wenn sie einen Vorwand hat zu gehen. Für die anderen ist sie der Bezugspunkt zur Welt, dem Leben außerhalb der Mauern des Hauses: „días enteros mirando por la rendija para espiar a los vecinos y llevarle el cuento“ (S.1352). Im Gegensatz zu den Frauen des Hauses lebt sie wirklich ihr Leben und genießt es auch. Sie erzählt den Töchtern von ihrer Ehe und führt ihnen somit vor Augen, dass es auch eine andere Seite der Männer und der Liebe gibt. La Poncia ist die einzige, die auf Grund ihrer Persönlichkeit und den Rechten ihrer Klassenzugehörigkeit die Dinge beim Namen nennt und der Realität ins Gesicht schaut. La Poncia weiß genau, dass
14 Haller, Dieter S.95
13
Bernarda sich in dem Dorf nur so aufführen kann, weil sie dort die reichste ist; „No, Bernarda , a cambiar ... Claro que en otro sitios ellas resultan las pobres” (S.1367). Während Bernarda den Schein aufrecht erhält, erkennt Poncia die Einstellungen, errät die Gedanken und sieht die Konsequenzen voraus und warnt ihre Herrin auch: „Yo sólo te digo: abre los ojos y verás.“ (S.1407) und: „Bernarda: aquí pasa una cosa muy grande“ (S.1408). Sie erlebte körperliche Lust mit ihrem Mann und gesteht deshalb Adela und Pepe das Recht auf eine Beziehung zu. Da sie aber in einem Haus voll von Hass lebt und dort nur des Geldes wegen arbeitet, bewahrt sie ihr Schweigen und akzeptiert die Regeln. Ihr Charakter jedoch ist weniger mürrisch als jener der anderen Frauen, denen sie dient: Sie ist die einzige, die sie zum Lachen bringt und ist hinter dem Rücken von Bernarda Komplizin der Schwestern. Ihr Hass konzentriert sich auf Bernarda deren Fehler sie vor Augen hat und deren Verhalten sie missbilligt: „¡Mal dolor de clavo le pinche en los ojos!“ (S.1352). Poncia möchte das Leben einer Magd lustiger machen, María Josefa mehr Freiheit geben, den Schwestern mehr Lieb geben, den Armen mehr Almosen geben. Bernarda hingegen nimmt diese Missbilligung wahr und hasst die Untergebene für das, auf was sie nicht verzichten kann: Ihre ständige stereotype Ausübung der Macht hat sie der nötigen Flexibilität beraubt, Probleme ohne Verbot oder Bestrafung zu lösen, und sie weiß, dass Poncia dieser Flexibilität fähig ist, welche sie unverwundbar macht. Bernarda sagt zwar: „Me sirves y te pago“ (S.1368), aber die Beziehung der beiden ist verwobener als das. Denn beide Frauen kennen von einander wohl gehütete Geheimnisse und neutralisieren ihre Käfte mit der schweigenden Drohung, diese dem Dorf zu erzählen: Bernarda weiß, dass Poncias Mutter eine Prostituierte war und die Magd kennt die Wahrheit über das zu vermählende Ehepaar, den Wahnsinn von María Josefa und die düsteren Geheimnis um die Beziehung von Adela und Pepe. Sie bleiben zusammen aus Furcht davor was die anderen sagen würden. Die Spannung kommt von außerhalb, von den Nachbarn, die wir nie sehen. „Eso no lo sé yo. En el pueblo hay gentes que leen también de lejos los pensamientos escondidos” (S.1409).
5.4 La Criada
La Criada spielt in dem Stück keine bedeutende Rolle, sie hat nur sehr wenige Auftritte und diese auch nur um ihre Meinung über die Probleme des Hauses zu sagen oder andere Charaktere in ihrer Glaubwürdigkeit zu unterstützen. Sie erkennt jedoch auch gleich die Gefahr eines Mannes
15 Haller, Dieter S.95
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unter fünf unverheirateten Frauen: „Bernarda cree que nadie puede con ella y no sabe la fuerza que tiene un hombre entre mujeres solas” (S.1430) und „Es tan orgullosa que ella misma se pone una venda en los ojos” (S.1430).
5.5 María Josefa
María Josefa ist 80 Jahre alt und die poetische Person, der niemand Gehör schenkt und die immer Recht hat: Sie ist die Stimme des Autors. Sie vereint die Eltern Jesus in ihrem Namen und zeigt damit besondere symbolische Bedeutung, als Charakter der für das Christentum steht und dessen Wertesystem. Durch sie zeigt Lorca, dass Andalusien immer noch das Land der Liebe, Zärtlichkeit und Fröhlichkeit ist. „yo quiero un váron para casarme y para tener alegría” (S.1380). María Josefa ist die einzige vernünftige Person, welche die Welt so sieht wie sie sein sollte: Voll von Leidenschaft, Großzügigkeit und Zärtlichkeit, Fruchtbarkeit und Gemeinschaftlichkeit. „Verrückt sind diejenigen, die ihr Schicksal herausfordern, die Türen schließen, die Zäune aufstellen, die Liebende trennen und die, welche Jugendliche einsperren und ihre Kinder marginalisieren“ 16 . Deswegen will sie nicht schweigen „No, no me callo. No quiero ver a estas mujeres solteras rabiando por la boda haciéndose polvo el corazón, y yo me quiero ir a mi pueblo.” (S.1380). Sie mag in dem Stück verrückt erscheinen, aber sie verteidigt in jedem Moment die Freiheit einer Person, ihr Recht sich fortzupflanzen und so zu leben wie eine Frau: „¡Quiero irme de aquí! ¡Bernarda! ¡A casarme a la orilla del mar!” (S.1381).Verrückt sind in diesem Werk die, die des Geldes wegen heiraten und diejenigen, die ihre Fenster verschließen um weder die Landschaft zu sehen noch das Lachen von draußen zu hören.
6 Schlusswort
Mit den Frauen in Bernardas Haus, die für alle Frauen Spaniens stehen, muss man einfach Mitleid haben. Sie sind gefangen in einem starren Gesellschaftsgefüge dessen Zwänge sie selbst aufrecht erhalten und deren Befolgung für sie selbst oft mit Schmerz verbunden ist. Adela ist die einzige der Schwestern, die dagegen aufbegehrt, die Großmutter hat nicht die Kraft um gegen ihre Tochter Bernarda zu bestehen und die Mägde sind einerseits finanziell von Bernarda abhängig, aber auch wie vorher gezeigt moralisch durch die Wertvorstellungen der Gesellschaft an eine gute Frau. Keine der Frauen ist moralisch frei von Schuld und doch wären alle bereit den
16 Vgl. Degoy, Susanna S.174
15
ersten Stein zu werfen. Die Schwestern schaffen es nicht sich von der Indoktrination der Gesellschaft zu lösen. Ihre Freiheit besteht darin in einem anderen Haus selbst oberste Befehlsgewalt zu sein „Woman´s only autonomy comes when the dominant figure [her husband] in her life disappears“ 17 . In dem Gesellschaftsgefüge Bernardas kann es keine individuelle Freiheit sein, weil jeder eine Reflexion des anderen ist und man seine Rolle im Gefüge einnehmen und spielen muss. Die Frauen haben dann nur noch die Wahl sich dabei zu inszenieren oder dies sein zu lassen.
Literaturverzeichnis:
Burton, Julianne: „The Greates Punishment: Female and Male in Lorca´s Tragedies” In Beth Miller (Hrsg.): Women in Hispanic literature - Icons and Fallen Idols. Berkeley: University of California Press 1983, S. 259-279.
Degoy, Susana: En lo más oscuro del pozo - Figura y rol der la mujer en el teatro de Garcica Lorca. Buenos Aires: Nuevohacer 1996
Floeck, Wilfried: „Frederico García Lorca - La casa de Bernarda Alba“ In Volker Roloff/ Harald Wentzlaff-Eggebert (Hrsg.): Das spanische Theater Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Düsseldorf: Schwann-Bagel 1988, S.370-384.
Garcia Lorca, Frederico: Obras Completas. Madrid: Aguilar 1957.
17 Burton, Julianne S. 264.
16
Haller, Dieter: Machismo und Homosexualität: Zur Geschlechtsrollenkonzeption des Mannes in Andalusien. Heidelberg, Univ., Diss.,1991.
Lorenz, Günther W.: Frederico García Lorca. Karlsruhe: Stahlberg 1961.
Morris: Cyril B.: La casa de Bernarda Alba. Valencia: Grant & Culler 1990.
Ramos Espejo, Antonio: García Lorca en los dramas del pueblo. Sevilla: Centro Andaluz del Libro 1998.
Rogmann, Horst: „Frederico Garcías Lorcas Theater: Variationen eines Themas“ In Wilfried Floeck (Hrsg.): Spanisches Theater im 20. Jahrhundert - Gestalten und Tendenzen. Tübingen: Francke 1990 (Mainzer Forschungen zu Drama und Theater; Bd. 6) S.135-153.
Vásquez, Mary S.: “Prisoners and Refugees: Language of Violence in The House of Bernarda Alba and During the Reign of the Queen of Persia” In Katherine Anne Ackley: Women and Violence in Literature. Garland: New York 1990 S. 221-236.
Arbeit zitieren:
Marc Knittel, 2001, Rolle der Frau in "La casa de Bernarda Alba", München, GRIN Verlag GmbH
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