Was bei anderen Dichtern die weltanschauliche Ausweglosigkeit, ist bei Benn pure Menschenverachtung. Der Mensch erscheint in seiner Dichtung oft erst im Stadium der Verwesung seiner physischen Substanz. Kurzer biographischer Einblick: (1886-1956)
Während Dichter wie Trakl und Kafka ihre Einsamkeit still ertrugen, entwickelte der Pastorssohn und Berliner Arzt eine äußerst polemische Vortragsweise seiner Egozentrik, die zu dem ziemlich radikal und makaber war.
Bevor Benn als Militärarzt in beiden Weltkriegen eingesetzt wurde, war er Fachmediziner für Haut-und Geschlechtskrankheiten.
Nicht umsonst fragt man sich, wie ein Mensch solche gedanklichen Bilder von toten oder dahinvegetierenden Menschen entwickeln kann.
Der Krieg verstärkte diesen Ekel vor der animalischen Natur des Menschen nur noch mehr. > S. 370 Für die Expressionisten waren die drückenden Verhältnisse zum einen ein sozialtechnisch lösbares Problem. Zum anderen sahen sie in der Demütigung des Einzelmenschen die Verkümmerung von Geist und Seele des Individuums schlechthin.
So weist der Dichter Paul Zech auf den allmählichen Verfall des Menschlichen hin. Es fehle der Lebenshauch. > “bleiche Mädchen“, in einer Fabrik arbeitend, „schon zu reif für Traum und Träne (...) an den Schwielen Wucherung verschollener Pläne (...)“;>“blasser Krüppel“ Trotzdem die meisten jungen Dichter wie Johannes R. Becher selbst bürgerlicher Herkunft waren, fühlten sie sich als Ausgestoßene der Gesellschaft. „Ich nasser Docht, der niemals Feuer fängt“
Auf die prestige- und machtsüchtige Bürgerwelt antwortend, schrieben Dichter wie Albert Ehrenstein: „Und ob die großen Automobile sausen Aeroplane im Aether sausen Es fehlt dem Menschen die stete, welterschütternde Kraft. Er ist wie Schleim, gespuckt auf eine Schiene.“
Mit Versen wie diesen ernteten die Expressionisten natürlichen nichts als maßlose Entrüstungen in Reihen der bürgerlichen Gesellschaft. Entgegen den Dichtern visionierte das naive Publikum von der mühelosen Karriere, der andauernden Gesundheit und dem schmerzlosen Schönen. Trotz der vielen Widersprüche und der Gegensätzlichkeit in den Gedankengängen und Werken der expressionistischen Schriftsteller, verband sie jedoch alle ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl, das gemeinsamen sozialen und ideologischen Voraussetzungen zugrunde lag.
Die Vertreter:
- G. Benn, G, Trakl, G, Heym, P. Zech, E. L.-Schüler, E. Stadler, Alfred Lichtenstein, A. Wolfenstein, Karl Otten, F. Werfel, J. R. Becher... -Kafka von einigen auch dazu; übte jedoch selbst Kritik an Bewegung d. E.
Die pol. Haltung der zahlreichen Dichter war schon zur Entstehungszeit der Gedichte nicht einheitlich. So verlaufen sich ihre Entwicklungen in den späteren Jahrzehnten in verschiedene, ja beinahe gegensätzliche Richtungen.
Ein Teil lässt sich in der Zeit nach 1912 von pol. utopischen Vorstellungen tolstoischer Prägung leiten, so v. a.: Walter Hasenclever, Ludwig Rubiner, Réne Schickele und Karl Otten. Ihr zentrales Motiv war „der aktivistische Mensch, der sich den Weg ins Reich der Gewaltlosigkeit bahnt.“
Die gleiche Tendenz, jedoch von anderen Gedankengängen durchzogen, spürt man auch im Frühwerk von J. R. Becher und Rudolf Leonhard. Diese schließen sich später der revolutionären Arbeiterklasse an und werden zu den bedeutendsten Repräsentanten der sozial. Literatur.
Sprache:
Zu den Auffälligkeiten der expressiven Sprachgestaltung ist auf jeden Fall die Rückkehr zur Bildlichkeit zu nennen. Diese wirkt noch von den frz. Symbolisten und den Impressionisten nach und ist durch die donnernde, expressive Wortwahl noch viel intensiverer Wirkung. So werden Sinnbilder je nach Gedankengang des Autors nicht mehr nach traditionellen Mustern umschrieben, sondern erscheinen oftmals in verzerrter apokalyptischer Darstellung. Diese sind meist nicht ausschweifend, sondern in enorm gestrafften Ellipsen formuliert, das die Wirkung dessen verstärkt. Das ist besonders bei G. Trakl zu beobachten.
Von den Formulierungen der Gefühlslyrik abgewandt, war nun eine extreme, provozierende Wortwahl das Werkzeug der Schriftsteller. An die Stelle von euphemistischen Umschreibungen alter, traditioneller Motive tritt das direkte, düstere Wort. So betitelte G. Heym den guten, stillen Mond höhnisch als einen „Henker, vor der Wolken Block“, den nach Blut hungere. Alfred Lichtenstein entfremdete das idyllische Landschaftsbild mit den Worten: „zerlumpte Bäume strolchen in der Ferne, betrunkene Wiesen drehen sich im Kreise.“ Diese Verfahrensweise wird als „die expressive Deformation“ der Sprache bezeichnet. Ein weiteres Merkmal ist auch die auffallende Unverbundenheit der Metaphern, die dem Gegenüberstehen der Farben im E. und der Instrumente in der Musik entsprach. > Dies war ein Ausdruck versagter Kommunikation, wie sie die Expressionisten damals sahen.
So folgen in einem von Trakls Herbstgedichten auf den Versteil „Sonne, herbstlich dünn und zag (...)“ plötzlich die Worte „Sterbeklänge von Metall\ und ein weißes Tier bricht nieder (...)“.
Die Wirkung war grell, ausdrucksstark, explosiv und rauschhaft.
Mit ihren Assoziationen, Bildern, Fantasien und Träumen zerstörten sie die gewohnte realistische und impressionistische Vorstellung von Raum und Zeit.
Mit ihrer zerrissenen Syntax, mit der sie konsequent einen Weg suchten, sich von alten Konventionen abzuwenden, und der ausdrucksstarken Wortwahl verübten sie eine völlig neue Art der Offenheit, in dem sie den Blick auf die verborgensten, menschlichen Fantasien lenkten.
Mit einer bisher ungewohnten Schroffheit und Absolutheit in der bürgerlichen Literatur betrachteten die Schriftsteller die bürgerliche Gesellschaft in einer Krise als instabil und bedroht. Gängige poetische Verfahrensweisen waren die Allegorie, die Bildverdichtung und die Typisierung, Komposita, Nominalverbindungen...>S. 72\73
- das Emblem: einmal definiertes Versatzstück, das dann in einen beliebigen Bildbezug hineingestellt, sich seinen Kontext selbst schafft;
- bei Heym: Stadt-, Tod- und Kriegschiffren
- bei Trakl: Nacht, Dunkel, Abend, Sterne
- Reihungstechnik bei Hoddis
- Überschreiten grammatischer Regulitäten
- Fehlen des lyr. Ich: schafft Distanz in der Darstellung
- Übermächtige, mythisierte Personifikation der zu erfassenden Umwelt
- Einzelne, klare Gestalten verschwimmen in Namen- und Konturlosigkeit (redukte Neologismen)
Ereignisse in Wirtschaft und Gesellschaft:
- Das Wilhelminische Kaiserreich gewann zunehmend an wirtschaftlicher Stärke und daraus resultierte in den Jahren nach 1910 eine unverkennbare Strategie der Aufrüstung und der militärischen Machtdemonstration.
- Zudem erlebte die Waffen produzierende Schwerindustrie eine Hochkonjunktur.
- Die Menschen, das Volk, empfanden Stolz beim Gedanken daran, Untertan zu sein und der Obrigkeit Folge leisten zu dürfen. Diese ergriff sobald alle Teile des privaten und öffentlichen Lebens.
- Industrie und Technik entwickelten sich in der Zeit rasant:
- Zu dem Zeitpunkt fanden auch in der Bevölkerung strukturelle Veränderungen statt, was auf die wachsende Mobilität zurückzuführen ist.
- Trotz der Euphorie über die neue Technologie und den Fortschritt war die Atmosphäre erfüllt von existenzieller Unsicherheit
Reaktionen:
Im Hinblick auf die heftigen Reaktionen zur damaligen Zeit der Veröffentlichungen, hat sich die Wirkungsweise auf den Leser stark verändert.
Mittel, wie der Traditionsbruch, die Satzbauzertrümmerung und die Entfesselung der Metapher schockieren heute kaum noch jemanden.
Die heutige Lesergeneration von heute hat meiner Meinung nach auch eine völlig andere Haltung zu dem damaligen Verlangen nach Freiheit und Auflehnung gegen festgefahrene Gesellschaftssysteme. Dagegen berührt die Lyrik nach wie vor mit der tiefen Sehnsucht nach einer besseren Welt, nach einem neuen besseren Menschen.
„Niemals in der Weltdichtung Scholl so laut, zerreißend und aufrüttelnd Schrei, Sturz und Sehnsucht einer Zeit, wie aus dem wilden Zug dieser Vorläufer und Märtyrer (des Friedens), deren Herz nicht von den romantischen Pfeilern des Amor oder Eros, sondern von den Peinigungen verdammter Jugendjahre, verhasster Gesellschaft, aufgezwungener Mordjahre durchbohrt wurde. Aus irdischer Qual griffen ihre Hände in den Himmel (...)“ Kurt Pinthus,“ Menschheitsdämmerung“, 1919
Quellen:
„Grundlagen\ Stile\ Gestalten der deutschen Literatur“; Cornelsen „1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen“, Insel-Verlag „Geschichte der Deutschen Literatur“, Band 9 „Menschheitsdämmerung - Ein Dokument des Expressionismus“, Reclam
Arbeit zitieren:
Anne Ahrens, 2001, Der Expressionismus Aufbruch und Zusammenbruch einer Illusion, München, GRIN Verlag GmbH
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Dirk
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Das von Dir verwandte Zitat stammt nicht aus Kleine Aster, sondern aus Der Arzt.
am Monday, February 10, 2003-