Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Kapitalrente und Klassenanalyse 6
2.1 Der total wealth von Akteuren. 6
2.2 Über Kapitalrenten, antagonistische Interessen und Ausbeutung 10
2.3 Stärken und Schwächen der Theorie. 14
3 Die Erweiterung des total wealth-Konzepts 23
3.1 Die Bedeutung von ökonomischem Kapital 23
3.1.1 Die Eigenschaften von ökonomischem Kapital 23
3.1.2 Die Investition in ökonomisches Kapital 24
3.1.3 Die Renten aus ökonomischem Kapital. 25
3.1.4 Zusammenfassung 38
3.2 Die Bedeutung von Humankapital 39
3.2.1 Die Eigenschaften von Humankapital. 40
3.2.2 Die Investition in Humankapital aus individueller Sicht 42
3.2.3 Die Investition in Humankapital aus relationaler Sicht 45
3.2.4 Die Renten aus Humankapital 49
3.2.5 Zusammenfassung 59
3.3 Die Bedeutung von Sozialkapital 62
3.3.1 Die Eigenschaften von Sozialkapital 63
3.3.2 Die Investition in Sozialkapital aus individueller Sicht 66
3.3.3 Die Investition in Sozialkapital aus struktureller Sicht 70
3.3.4 Die Renten aus Sozialkapital 76
3.3.5 Zusammenfassung 85
4 Die Wechselwirkungen von ökonomischem, Human- und Sozialkapital. 88
4.1 Humankapital als Funktion von Sozialkapital 89
4.2 Exkurs: Kulturkapital statt Humankapital? 92
4.3 Ökonomisches, Humankapital, Sozialkapital und status attainment 95
4.4 Zusammenfassung: Das 3K-Modell vom total wealth 98
5 Zusammenfassung und Ausblick: Was bleibt von den Klassen? 104
6 Literatur 110
Verzeichnis der Abbildungen. 117
1
1 Einleitung
„Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich ein-
fallen ließ, zu sagen: dies ist mein und der Leute fand, die ein-
fältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Gründer der
bürgerlichen Gesellschaft.(…) wie viel Not und Elend (…) hätte
derjenige dem Menschengeschlecht erspart, der die Pfähle he-rausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinen Mit-
menschen zugerufen hätte: ‚Hütet euch, auf diesen Betrüger zu
hören; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte al-
len gehören und die Erde niemandem.“ 1
Mit diesen Worten beginnt Jean Jacques Rousseau eines der Kapitel in seinem Diskurs über die Ungleichheit unter den Menschen. Sie machen ihn zum Wegbereiter der soziologischen Klassenanalyse. Bei Rousseau ist das Eigentum an Ressourcen - hier an Boden - der Grundstein für die Entstehung sozialer Klassen. Mit dem Eigentum eines Akteurs an einer Sache - das macht das Bild von den Pfählen und dem Graben deutlich - ist der Ausschluss anderer Akte ure von dieser Sache und damit von deren Nutzen verbunden. Über das Eigentum entsteht dem Eigentümer so ein Vorteil, der zugleich ein Nachteil für den oder die Eigentumslosen ist.
Die Idee vom Eigentum und der damit verbundenen Entstehung von sozialen Klassen wird ein gutes Jahrhundert später von Karl Marx fortgeführt. Ähnlich Rousseau gibt es auch in seinem Gesellschaftsbild eine Klasse von Eigentümern, die Kapitalisten und eine Klasse von Eigentumslosen, die Arbeiter. Der Grundtenor der urmarxistischen Theorie ist bekannt: Da Angehörige der Arbeiterklasse über kein oder zumindest über kein ausreichendes Maß an Kapital zur Sicherung ihrer Existenz verfügen, sind sie gezwungen, ihre Arbeitskraft an die Kapitalisten gegen die Zahlung eines Lohns zu verkaufen. In diesem System, wie Karl Marx es beschreibt, kommt es zur Ausbeutung der Arbeiter, da sich die Kapitalisten des Mehrwerts der Arbeit bedienen. Der Mehrwert entsteht, da die Arbeiter länger für den Kapitalisten arbeiten, als zur Existenzsicherung erforderlich wäre. Er ist mit anderen Worten eine Rente, die durch den Faktor Arbeit
1 Rousseau (1993), S. 165
2
entsteht, aber auf Seiten des Kapitals zu Buche schlägt. Diesen Tatbestand bezeichnet Karl Marx als Ausbeutung, die zwangsläufig zu antagonistischen Interessen zwischen der Klasse der Arbeiter und der Klasse der Kapitalisten führt. 2 Wie bei Jean Jacques Rousseau ist auch bei Karl Marx das Eigentum an Ressourcen der Ausgangspunkt allen Übels.
Zu den ersten großen Kritikern der marxistischen Theorie darf Max Weber gezählt werden. Er kritisiert die Einteilung der Gesellschaft in nur zwei Klassen, wie Karl Marx sie vornimmt, und das mit dieser Einteilung verbundene Verständnis von Klasse als Schicksalsgemeinschaft. Max Weber setzt dem seine Sichtweise von Klasse als Lebenschance entgegen. Diese Chance wird definiert als das Kapitalvolumen, das einem Akteur zur Verfügung steht. Das Kapital ist auch bei Max Weber in der Gesellschaft ungleich verteilt. Aber wie das Wort Chance zum Ausdruck bringen soll, ist mit dieser Ungleichverteilung kein unausweichliches Klassenschicksal verbunden. Das ungleich verteilte Kapital schafft und begrenzt ökonomische und soziale Handlungsspielräume gesellschaftlicher Akteure unterschiedlich und hat bis zu einem gewissen Grad auch Einfluss auf deren Interessenlage, doch von einem kollektiven Klasseninteresse ist bei Max Weber keine Rede. Im Vordergrund stehen Akteure mit möglicherweise ähnlichen sozioökonomischen Ausgangslagen, aber daher nicht notwe ndigerweise gleichen Interessenlagen. Aus diesem Grund sieht Max Weber auch keine Grundlage für strukturell bedingte Ausbeutung und ihr entsprechende antagonistische Interessen. 3
Die gegensätzlichen Positionen von Karl Marx und Max Weber teilen noch he ute die soziologische Klassenanalyse in zwei Lager. In „Toward a Sounder Basis for Class Analysis“ 4 und einer Reihe weiterer Aufsätze 5 unternimmt Aage B. Sørensen den Versuch, beide Ansätze der Klassenanalyse auf eine gemeinsa- 2 Vgl.Marx (1998), (2001 2 ), a.a.O.
3 Vgl. Weber (1976), a.a.O.
4 Vgl. Sørensen (2000), a.a.O.
5 Vgl. Sørensen (1996), (1998), (i.E.), a.a.O.
3
me theoretische Grundlage zu stellen. Mit seinem Konzept vom total wealth übernimmt er von Max Weber dessen Definition von Lebenschance und stellt ausgehend davon über das Prinzip der ökonomischen Rente eine Verbindung zu den Elementen der Ausbeutung und den antagonistischen Interessen der marxistischen Klassenanalyse her.
Dieser viel versprechende Ansatz ist auch Ausgangspunkt dieser Arbeit. Im ersten Abschnitt soll daher z unächst die rentenbasierte Klassenanalyse nach Sørensen unter Berücksichtigung ihrer Stärken und Schwächen nachgezeichnet werden. Das von Aage B. Sørensen eingeführte allgemeine Modell des total wealth von Akteuren wird im zweiten Abschnitt in die Faktoren ökonomisches, Human- und Sozialkapital aufgeteilt. Von Interesse sind dabei die spezifischen Eigenschaften der genannten Kapitalformen, die Investition von Akte uren in und die Entstehung von Renten aus diesen Ressourcen. Vor diesem Hintergrund wird diskutiert, ob mit diesen Renten Momente der Ausbeutung und antagonistische Interessen verbunden sind, so wie Aage B. Sørensen sie sieht.
Darauf aufbauend werden die Wechselwirkungen zwischen ökonomischem-, Human- und Sozialkapital zu untersuchen sein. Dies geschieht vor dem Hinter-grund der Ansätze von James S. Coleman, der Humankapital als eine Funktion von Sozialkapital sieht 6 , und von Pierre Bourdieu mit seinem Versuch, Humankapital durch Kulturkapital zu ersetzen. 7 Der Abschnitt endet mit dem Entwurf eines status attainment-Modells in Anlehnung an das ursprüngliche Modell nach Blau und Duncan 8 und einer Zusammenfassung der Faktoren ökonomisches, Human- und Sozialkapital zu einem erweiterten Konzept des total wealth.
Die Arbeit schließt mit einer Diskussion der Frage, was letzten Endes von den Klassen bleibt. Lassen sich anhand des total wealth und den für Akteure damit verbundenen Opportunitäten und Restriktionen Klassen ableiten oder führt er
6 Vgl. Coleman (1988), (1990), a.a.O.
7 Vgl. Bourdieu (1983), (1999 11 ), (2000), a.a.O.
8 Vgl. Blau / Duncan (1967), a.a.O.
4
nicht vielmehr zur Erkenntnis, dass der Begriff der Klasse in der heutigen Gesellschaft ausgedient hat?
5
2 Kapitalrente und Klassenanalyse
2.1 Der total wealth von Akteuren
Wie eingangs erwähnt, steht das total wealth-Konzept von Sørensen in der Tradition der weberianischen Klassenanalyse. Max Weber selbst definiert Klassen als
„(…) typische Chance 1. der Güterversorgung, 2. der äußeren
Lebensstellung, 3. des inneren Lebensschicksals, (…) welche
aus Maß und Art der Verfügungsgewalt (oder des Fehlens sol-
cher) über Güter oder Leistungsqualifikationen und aus der ge-
gebenen Art ihrer Verwertbarkeit für die Erzielung von Einkom-men oder Einkünften innerhalb einer gegebenen Wirtschafts-
ordnung folgt.“ 9
Durch die Definition von Klasse als Lebenschance steht das Individuum im Mittelpunkt der Analyse. Jeder Akteur einer Gesellschaft verfügt über ein bestimmtes Volumen an Kapitalressourcen, das seine Handlungsmöglichkeiten und seine Handlungsgrenzen definiert.
Dem entspricht die Definition von Aage B. Sørensen, der die Lebenschance oder in seinen Worten den total wealth w eines Akteurs i definiert als:
Dabei steht c für einen Grad an Kontrolle, die i über eine Ressource j ausübt. Der objektive Wert der Ressource j wird durch v wiedergegeben. 10 Auch für Sørensen umreißt der total wealth die Ausgangslage eines jeden Akteurs für Transaktionen mit anderen Akteuren auf Märkten. Ähnlich Max Weber steht auch hier zunächst das Individuum im Mittelpunkt. Der total wealth ist die Eigenschaft eines Akteurs, nicht die einer Struktur . Gleichwohl erkennt man auch einen ersten Hinweis auf die später deutlicher werdenden strukturellen Elemen- 9 Weber(1976), S. 177
10 Vgl. Sørensen (2000), S. 1533. Ähnliche Definitionen finden sich bei Marsden (1983), S. 688
und bei Coleman (1990), S. 682 zur Bestimmung der Macht eines Akteurs in einem sozialen
Netzwerk bzw. in einem sozialen System.
6
te der Theorie Aage B. Sørensens. Mit dem Kontrollfaktor c geht er davon aus, dass ein Akteur nicht unbedingt alle Kontroll- oder Eigentumsrechte an einer Ressource besitzt. Sie können mit einem oder mehreren anderen Akteuren geteilt werden. Oder ein Akteur muss, um seine Marktinteressen verwirklichen zu können, seine Ressourcen mit denen anderer in Verbindung bringen.
„Individuals maximize their wealth by maximizing the return on
their assets, employing them in the production of goods and
services. This usually means that they will need the use of other
assets controlled by other actors. Therefore they need to tran-
sact with these other actors.” 11
Diese Transaktionen von Akteuren finden auf Märkten statt. Klassenlagen können vor diesem Hintergrund als Marktlagen von Akteuren bezeichnet werden, da sie über Märkte vermittelt werden. In dem zuletzt von Max Weber angeführten Zitat findet man einen Hinweis auf die beiden Märkte, mit denen die Lebenschancen eines Akteurs im wesentlichen verbunden sind. Es sind dies der Güter- bzw. Kapitalmarkt (Güterversorgung) und der Arbeitsmarkt (äußere Lebensste llung), die den Lebenslauf eines Akteurs (inneres Lebensschicksal) bestimmen. Hier verwirklichen sich (oder scheitern) die Lebenschancen von Akteuren. Da Max Weber von „typischen“ Chancen spricht, kann man davon ausgehen, dass mit einem bestimmten Kapitalvolumen zwar mehr oder weniger idealtypisch verlaufende Lebenswege verbunden sein können, allerdings lässt sich aus dem Kapitalvolumen allein kein zwingendes Lebens - oder Klassenschicksal ableiten.
Ähnlich verhält es sich mit Max Webers Unterscheidung von Besitz-, Erwerbs-und sozialen Klassen. Auch hier zieht Max Weber keine stringente n Grenzen, sondern gibt drei mögliche Dimensionen zur Beschreibung typischer Chancen vor. So unterscheiden sich Akteure nach ihrem Eigentum an Waren und Gütern (Besitzklassen), nach ihrer Stellung auf dem Arbeitsmarkt (Erwerbsklassen) und schließlich nach ihrer allgemeinen gesellschaftlichen Stellung (Soziale Klassen), die sich bis zu einem bestimmten Grad aus den beiden erstgenannten
11 Sørensen (2000), S. 1534
7
Faktoren ableitet. 12 In gewisser Weise findet man hier bereits bei Max Weber eine Unterscheidung von ökonomischem, Human- und sozialem Kapital zur Bestimmung der sozialen Position eines Akteurs, wie sie im weiteren Verlauf dieser Arbeit zu treffen sein wird.
Betrachtet man also das Vermögen eines Akteurs als dessen soziale Ausgangslage, dann ist damit auch die Frage verbunden, ob mit gleichen oder ähnlichen Ausgangssituationen von Akteuren auch typische Handlungsmuster oder -interessen verbunden sein müssen:
„Es [gibt] ökonomische Interessen, und zwar an die Existenz
des ‚Markts’ gebundene, welche die ‚Klasse’ schaffen. Gleich-
wohl aber ist der Begriff ‚Klasseninteresse’ ein vieldeutiger und
zwar nicht einmal eindeutig empirischer Begriff. (…) Bei glei-cher Klassenlage und auch sonst gleichen Umständen kann
(…) die Richtung, in welcher etwa der einzelne Arbeiter seine
Interessen mit Wahrscheinlichkeit verfolgen wird, höchst ver-schieden sein, je nachdem er z.B. für die betreffende Leistung
nach seiner Veranlagung hoch, durchschnittlich oder schlecht
qualifiziert ist.“ 13
Es existieren demnach marktgebundene Interessen, die mit Blick auf die ihnen zugehörigen Handlungsziele zwar klassifizierbar sind, sich aber nicht auf ein kollektives Klasseninteresse reduzieren lassen. Zwei Beispiele hierfür wären das Ziel eines Händlers, seine Ware zum bestmöglichen Preis auf dem Gütermarkt oder das Ziel eines Arbeiters, seine Arbeitskraft gegen den bestmöglichen Lohn auf dem Arbeitsmarkt zu veräußern. Diese Interessen dürften allen Händler und allen Arbeitern gemein sein, dennoch sind sie kein kollektives Interesse einer Klasse der Händler und im anderen Fall einer Klasse der Arbeiter. Die Homogenität der Interessen ergibt sich nicht aus dem Umstand, dass Händler und Arbeiter jeweils gleichen Klassen angehören, sondern dass ihre Interessen jeweils mit dem gleichen Markt verbunden sind. Würde ein Arbeiter versuchen, ein Gut auf einem Markt zu verkaufen, wären seine Interessen denen des Händlers gleich, ohne dass er dann der Klasse der Händler a ngehört.
12 Vgl. Weber (1976), S. 177
13 Weber (1976), S. 532
8
„Jede Klasse kann also zwar Träger irgendeines, in unzähligen
Formen möglichen ‚Klassenhandelns’ sein, aber sie muß es
nicht sein. (…) der Umstand, dass Menschen in gleicher Klas-
senlage auf so fühlbare Situationen, wie es die ökonomischen
sind, regelmäßig (…) in der dem Durchschnitt adäquatesten In-teressenrichtung reagieren (…), darf vollends nicht zu jener Art
pseudowissenschaftlichen Operieren mit dem Begriff (…) des
Klasseninteresses führen, die (…) ihren klassischsten Ausdruck
in der Behauptung eines begabten Schriftstellers gefunden hat:
daß zwar der Einzelne sich über seine Interessen irren könne,
die ‚Klasse’ über die ihrigen aber unfehlbar sei.“ 14
Anhand dieser deutlich formulierten an Karl Marx gerichteten Kritik Max Webers kann man ersehen, dass kollektive Interessen und kollektives Handeln nicht mit Klasseninteresse und Klassenhandeln gleichzusetzen sind. Nicht die Klasse bestimmt das Interesse von Akteuren, sondern die Märkte, auf denen Akteure ha ndeln, tun dies. Das oberste Prinzip jeden Marktes ist, wenn man so will, dass die auf diesem handelnden Akteure gleichermaßen ein Interesse daran haben, ihren jeweiligen Nutzen zu maximieren, indem sie ihre Lebenschancen bestmöglich wahrnehmen und diese gewinnbringend umsetzen. Dabei muss es sich nicht immer um den Nutzen eines einzelnen Akteurs handeln. Es kann dies auch ein kollektiver Nutzen sein, den eine Gruppe von Akteuren gemeinsam verfolgt. So haben die Mitglieder von Gewerkschaften ein bestimmtes gemeinsames Interesse daran, der Arbeiterschaft in Lohnverhandlungen mit der Unternehmensseite ein stärkeres Gewicht zu verleihen. Sie vertreten für den Moment der Lohnverhandlung das gemeinsame Interesse von Arbeitern an einem höheren Lohn oder Gehalt. Die Politik von Gewerkschaften kann sich andererseits auch gegen die Interessen von Arbeitern stellen. So, wenn Gewerkschaften das Zustandekommen betriebsspezifischer Vereinbarungen zwischen Arbeitne hmern und Arbeitgebern verhindern, die zu beider Vorteil wären.
Die Position Max Webers lässt sich wie folgt zusammenfassen. Unter Klassen werden idealtypische Lebenslagen von Akteuren verstanden. Die Lebenslage eines Akteurs wiederum lässt sich über dessen Vermögen bzw. Eigentum an Ressourcen im weitesten Sinne bestimmen. Die einem Akteur zur Verfügung
14 Weber (1976), S. 533
9
stehenden Ressourcen definieren zwar bis zu einem gewissen Grad seinen Handlungsspielraum auf dem Kapital- und/oder Arbeitsmarkt; sie sind aber keine Determinanten seiner Handlungsinteressen im Sinne eines Klasseninteresses. Dem entsprechend können seine marktbezogenen Interessen zwar entlang einer oder mehrerer Dimensionen gleich denen anderer Akte ure mit ähnlichen Ausgangslagen sein, müssen es aber nicht.
Diese Position übernimmt Aage B. Sørensen in seiner Definition des total wealth von Akteuren. Mit Blick auf eine hinreichende Klassentheorie geht ihm der Sta ndpunkt Max Webers allerdings nicht weit genug:
„These class concepts do not propose or assume an explicit
theory of inequality or how inequality produces interests, but
presumably assume that the inequalities creating the different
life conditions are created by the market or some other mecha-
nism.(…) Weber assumes standard economic theory of how
people obtain unequal returns on their assets and ressources.
However, this theory does not identify under what circum-
stances economic interests will be antagonistic, resulting in
conflict.“ 15
Nach Aage B. Sørensen gibt es in der Gesellschaft aber durchaus Momente strukturell bedingter Ausbeutung und den damit verbundenen antagonistischen Interessen. Und sie sind es, die das Wesen einer hinreichenden Klassenanalyse ausmachen.
2.2 Über Kapitalrenten, antagonistische Interessen und Ausbeutung
Die Prinzipien der Ausbeutung und der antagonistischen Interessen gehen im wesentlichen auf Karl Marx und seine Theorie vom Mehrwert der Arbeit zurück. In einer für den ‚einfachen Arbeiter’ gedachten, gekürzt und vereinfachten Variante seiner Kritik der politischen Ökonomie schildert Karl Marx die Entstehung des Mehrwerts anhand eines Beispiels wie folgt: Er geht davon aus, dass ein Arbeiter zur Sicherung seines Lebensunterhalts täglich sechs Stunden arbeiten muss, und dass der ursprüngliche Tageswert seiner Arbeit drei Geldeinheiten beträgt. Verkauft der Arbeiter seine Arbeitskraft an einen Kapitalisten und erhält
15 Sørensen (2000), S. 1527
10
von diesem bei einer Arbeitszeit von sechs Stunden einen Tageslohn in Höhe von drei Geldeinheiten, so entspricht dieser Lohn exakt dem Wert seiner Arbeit. Muss der Arbeiter für den gleichen Tageslohn länger als sechs, zum Beispiel acht Stunden für den Kapitalisten arbeiten, so produziert er innerhalb dieser zusätzlichen zwei Arbeitsstunden mit seiner Arbeit einen Mehrwert, der dem Kapitalisten anheim fällt. 16 Über die Aneignung des Mehrwertes der Arbeit durch den Kapitalisten ist nach Karl Marx der Tatbestand der Ausbeutung erfüllt und bildet so die Grundlage für antagonistische Interessen zwischen der Arbeiterklasse und der Klasse der Kapitalisten. Die Klasse der Arbeiter hat anders als bei Max Webers Lebenschancen keine Möglichkeit, ihrem Klassenschicksal zu entkommen. 17
Die berechtigte Kritik von Aage B. Sørensen an der Mehrwert-Theorie ist, dass der Mehrwert der Arbeit und damit auch die Aneignung desselben durch den Kapitalisten empirisch nicht nachweisbar sind, da der Mehrwert keinen Einfluss auf beobachtbare Größen hat, wie es Preise für Waren sind . 18 Zudem, nimmt man Bezug auf die neoklassische Produktionstheorie vom abnehmenden Grenzertrag und den steigenden Grenzkosten, so ist die Entstehung eines Mehrwertes bzw. einer Rente auf Seiten des Kapitals und zu Lasten des Fak-tors Arbeit nicht möglich. Ein Unternehmer zahlt dem Arbeiter einen Gleichgewichtslohn, dessen Höhe vom Marktmechanismus bestimmt wird und exakt der erbrachten Faktorleistung des Arbeiters entspricht. 19
Wie auf dem Arbeitsmarkt entstehen auch auf Gütermarkten bei vollkommenem Wettbewerb keine Renten, da alle Anbieter auf diesem Markt Preisnehmer sind. Kann zum Beispiel ein Akteur A1 aufgrund seines höheren Kapitalvolumens bei gleichen Produktionskosten mehr produzieren als ein Akteur A2, so kann er zum gegebenen Marktpreis auch eine größere Menge als A2 auf dem Markt
16 Vgl. Marx (1998), S. 94ff
17 Vgl. Marx (2001), S. 179-292
18 Vgl. Sørensen (2000), S. 1529
19 Vgl. Sørensen (2000), S. 1531 und Frank (2000), S. 487-493
11
absetzen. Damit hat A1 rein rechnerisch ein höheres Ertragsvolumen als A2, aus dem sich aber kein struktureller Marktnachteil für A2 ergibt. Die Marktnachfrage ist gegeben, und welchen Anteil des Marktes A2 bedienen kann, hängt nur von seinen Produktionsmöglichkeiten, nicht aber vom Marktanteil des Akteurs A1 oder der anderen Anbieter ab.
Auf Märkten wie dem Kapital- und Arbeitsmarkt treffen nach Max Weber und Aage B. Sørensen die unterschiedlichen Lebenschancen von Akteuren aufein-ander. Entsprechend den ungleichen Ausgangslagen von Akteuren sind ihre zu erwartenden Markterträge unterschiedlich hoch. Auf diese Weise lässt sich an-hand der Marktlagen von Akteuren das Ausmaß sozialer Ungleichheit bestimmen. Mit der Ungleichheit allein sind, wie am Beispiel des Arbeits- und Gütermarktes gezeigt wurde, noch keine Momente der Ausbeutung oder daraus resultierende antagonistische Interessen verbunden. Allerdings trifft dies nur zu, geht man aus von perfekten Märkten mit einer Vielzahl von Anbietern und Nachfragern, vollkommener Information und der für alle beteiligten Akteure gleichermaßen bestehenden Möglichkeit, den Markt jederzeit zu betreten oder diesen zu verlassen.
Renten, die zu struktureller Ausbeutung führen und Ursache für antagonistische Interessen sind, entstehen nach Aage B. Sørensen dann, wenn Märkte eine oder mehrere dieser Bedingungen nicht erfüllen. In seinen Ausführungen greift er auf den Rentenbegriff der klassischen Ökonomen Adam Smith, David Ricardo und Alfred Marshall zurück. Adam Smith selbst definiert Renten wie folgt:
“The rent of land, it may be thought, is frequently no more than
a reasonable profit or interest for the stock laid out by the land-
lord upon its improvement. This, no doubt, may be partly the
case upon some occasions; for it can scarce ever be more than
partly the case. The landlord demands a rent even for unim-
proved land, and the supposed interest or profit upon the ex-
pense of improvement is generally an addition to this original
rent. Those improvements, besides, are not always made by
the stock of the landlord, but sometimes by that of the tenant.
When the lease comes to be renewed, however, the landlord
12
commonly demands the same augmentation of rent as if they
had been all made by his own.” 20
Nach Aage B. Sørensen kann hier von der Ausbeutung des Pächters durch den Grundeigentümer gesprochen werden, da sich dieser (in den Worten von Karl Marx) in der von Adam Smith geschilderten Situation des Mehr werts der Arbeit des Pächters bedient. Die Steigerung des Bodenwertes ist ein Ertrag, der allein durch die Arbeit des Pächters ohne Zutun des Grundeigentümers entsteht. Ta tsächlich aber erhöhen die verbesserten Eigenschaften des Bodens den Wert der Eigentumsrechte des Grundeigentümers, so dass der Ertrag aus der verbesserten Bodenqualität diesem und nicht dem Pächter zugute kommt. Die antagonistischen Interessen aus dieser Beziehung liegen auf der Hand. Der Pächter hat ein Interesse daran, einen Teil dieser für den Grundeigentümer entsta ndenen Bodenrente für sich zu gewinnen. Der Grundeigentümer hat dem entgegen ein Interesse daran, dies zu verhi ndern. 21
Aage B. Sørensen sucht, wie eingangs erwähnt, nach strukturell bedingten Momenten der Ausbeutung und den damit verbundenen antagonistischen Interessen. In einem früheren Aufsatz über die strukturellen Grundlagen sozialer Ungleichheit definiert er diese Form der Ausbeutung wie folgt:
„The idea is that properties of positions in social structure are
relevant for how much income and other rewards occupants of
these positions obtain independently of the characteristics of
these occupants. Thus the advantage or disadvantage of a l o-
cation in social structure is obtained independently of how this
location influences the economic productivity of an individual.” 22
In Verbindung mit obigem Beispiel kann man folgendes sagen: Der Vorteil aus der Bodenrente entsteht dem Grundeigentümer auf den ersten Blick unabhä ngig von seinen und den individuellen Eigenschaften des Pächters, allein über
20 Vgl. Smith (1776), a.a.O
21 Vgl. Sørensen (2000), S. 1535f
22 Sørensen (1996), S. 1334
13
die Verteilung der Eigentumsrechte in der Beziehung beider Akteure und ist damit der Definition entsprechend struktureller Natur.
Bei genauerer Betrachtung allerdings ist die Entstehung der Rente nicht rein strukturell bedingt, sondern lässt sich entsprechend Aage B. Sørensens Definition vom total wealth, entgegen aber seiner auf diese Definition folgenden Argumentation auf struktureller Ebene auch auf die individuellen Eigenschaften der Akteure zurückführen. Im genannten Beispiel ist das Eigentumsrecht Teil des total wealth des Grundeigentümers. Die Fähigkeit, das Land mit seiner Arbeitskraft zu bewirtschafte n, ist auf der anderen Seite Teil des total wealth des Pächters. Die Verteilung der Eigentumsrechte ist daher zwar ein strukturelles Merkmal, die Eigentumsrechte selbst aber sind individuelle Eigenschaften der individuellen Akteure.
Eine Zusammenführung des total wealth als individuelle Lebens - oder Marktchance von Akteuren im Sinne Max Webers mit dem Phänomen der Ausbeutung und antagonistischen Interessen im Sinne der marxistischen Klassentheorie bleibt Aage B. Sørensen, wie im folgenden Abschnitt zu sehen sein wird, schuldig.
2.3 Stärken und Schwächen der Theorie
Aufgrund der Neuheit des theoretischen Konzepts von Sørensen hält sich die Anzahl der Kritiker bislang in Grenzen. Mit Blick auf die Stärken und Schwächen einer rentenbasierten Klassenanalyse werden im folgenden die Kommentierungen von John Goldthorpe 23 und Erik O. Wright 24 berücksichtigt.
John Goldthorpe macht seine Vorbehalte an zwei Punkten fest. Zunächst stellt er die von Sørensen beschriebene strukturell bedingte Verteilung von Renten innerhalb einer Gesellschaft in Frage. Er bezweifelt, dass alle Klassenkonflikte Konflikte über Renten sind und umgekehrt, dass alle Rentenkonflikte gleich Klassenkonflikten sind. Nach Sørensen entstehen Renten immer dann, wenn
23 Vgl. Goldthorpe (2000), a.a.O.
24 Vgl. Wright (2000), a.a.O.
14
der Wettbewerbsmechanismus von Märkten gestört ist. Unter dieser Voraussetzung gelingt es einigen Marktteilnehmern, entweder auf Seiten des Angebots oder auf Seiten der Nachfrage Renten zu erwirtschaften, die zu Lasten jeweils der eine n oder der anderen Fraktion gehen. Der Umkehrschluss wäre, dass es in einer Gesellschaft mit vollkommenen Märkten keine Renten und damit keine Ausbeutung und antagonistische n Interessen gibt.
Vor diesem Hintergrund wendet John Goldthorpe ein, dass die Genese des Sozialstaats einem Eingriff in die Sphäre des Marktes und des Wettbewerbs gleich kommt. 25 So wäre mit der sekundären Umverteilung von Vermögen durch eine progressive Steuer eine Renten kreierende staatliche Maßnahme, die einen Vorteil der unteren zum Nachteil der oberen Einkommensschichten bedeutet. Nach der Definition Sørensens müsste hier entsprechend von einer Ausbeutung der oberen durch die unteren Schichten der Gesellschaft die Rede sein. Diese Schlussfolgerung empfindet John Goldthorpe als schwierig, da er im Sozialstaat die demokratische Übersetzung des Klassenkampfes sieht. Der Wohlfahrtsstaat verteilt zwar Renten um, stört aber nicht die Effizienz des Marktes, sondern fördert sie insoweit, als durch eine Umverteilung von Vermögen die Verschwe ndung von Humankapitalressourcen verhindert wird. 26 John Goldthorpe führt dieses Argument im Rahmen seiner Kritik zwar nicht weiter aus, vermutlich aber zielt sein Argument darauf ab, dass durch eine Umverteilung mehr Menschen die Möglichkeit haben, Humankapital in ausreichendem Maße zu akkumulieren und so gesamtwirtschaftlich gesehen ein Vorteil für alle Akteure einer Gesellschaft entsteht.
Der zweite Kritikpunkt John Goldthorpes bezieht sich auf die vielfältige Art und Weise, in der Renten entstehen können.
„Moreover, the heterogeneity of rents and of the conflicts to
which they give rise would serve to inhibit the degree of forma-
tion of Sørensen’s exploitation classes’, as in turn would the
25 Vgl. Goldthorpe (2000), S. 1575
26 Vgl. Goldthorpe (2000), S. 1577
15
degree of shifting and cross-cutting of the lines of conflict that
would surely be found. Many individuals would be exploited in
one context, but act as exploiters in another.” 27
Eine Lokalisierung von Klassen ist demnach nicht mehr möglich. Renten teilen die Gesellschaft in Fragmente, anhand derer sich keine Klassen mehr ableiten lassen. Möglich ist vor diesem Hinte rgrund die Ausbeutung von Arbeitern durch Unternehmen. So wenn ein Arbeiter über eine Innovation, die seinem Humankapital zuzuschreiben ist, den Wert eines Unternehmens mehr steigert, als die Höhe seines Gehalts reflektiert. Umgekehrt kann ein Arbeiter zum Ausbeuter eines Unternehmens werden, wenn seine Arbeitsleistung nicht messbar ist, und er diesen Vorteil dazu nutzt, weniger zu leisten, als seinem Gehalt entspricht. Schließlich kann es auch zur Ausbeutung von Arbeitern durch Arbeiter kommen, wenn Gewerkschaften Mindestlöhne durchsetzen, die über dem Marktlohn liegen und so auf dem Arbeitsmarkt zu Arbeitslosigkeit führen. Auf diese Zusammenhänge wird im weiteren Verlauf der Arbeit genauer einzugehen sein.
Diese widersprüchlichen Beziehungen um Renten, Ausbeutung und antagonistische Interessen machen eine Definition von Klassen unmöglich. Die Kritik John Goldthorpes ist angebracht, geht man davon aus, dass mit der Klassenanalyse ein mehr oder weniger eindeutiges Oben-Mitte -Unten-Schema verbunden sein muss. In der Tat lässt sich mit dem Rentenkonzept kein Klassenschema dieser Art konstruieren. Dennoch bleibt die Argumentation in ihrem Kern richtig. Re nten, egal nun, ob sie ‚oben’ oder ‚unten’ entstehen, bedeuten einen Vorteil eines oder einer Gruppe von Akteuren zum Nachteil anderer Akteure. Ob man diesen Zusammenhang im ökonomischen Sinne als pareto suboptimal, als dead-weight loss oder in einem soziologischen Sinn als Ausbeutung bezeichnet, ist im Prinzip egal. Richtig ist weiter, dass vor dem strukturellen Hi n-tergrund unvollkommener Märkte gegensätzliche Interessen unter den Marktteilnehmern oder gegenüber Akteuren, denen der Zutritt zu einem Markt verwehrt bleibt, entste hen. Sie zielen entweder darauf ab, Renten zu erhalten oder diese zu zerstören.
27 Goldthorpe (2000), S. 1576
16
Um Klassen lokalisieren zu können, so macht John Goldthorpe an anderer Stelle deutlich, Akteure
„(…) [are] expected to show some degree of homogeneity not
only in the kinds and levels of ressources that their members
command but further in their exposure to structural changes
and, in turn, in the range of at least potential interests that they
may seek to uphold.“ 28
Dieser Aussage nach liegen die Standpunkte Sørensens und John Goldthorpes nicht so weit auseinander, wie die oben geschilderte Kritik vermuten lässt. Beide gehen davon aus, dass sich Klassen zum einen über das Ausmaß der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen und zum anderen über daraus resultierende gemeinsame Interessen bestimmen. Der Unterschied liegt allein darin, dass Sørensen die gemeinsamen mit dem Eigentum an Ressourcen verbundenen Interessen über die Existenz von Renten, bzw. deren Erhaltung oder Zerstörung definiert. John Goldthorpe hingegen bestimmt die gemeinsamen Interessen über das Eigentum und über die nach Skills zu bestimmende Ste llung eines Akteurs auf dem Arbeitsmarkt. 29
Die zweite Kritik an Sørensens Konzept kommt von Erik O. Wright. Er stimmt mit Aage B. Sørensen überein, dass Klassenkonzepte den Tatbestand der Ausbeutung zu berücksichtigen haben und weiter, dass Ausbeutung auch ohne Bezugnahme auf die Mehrwert-Theorie von Karl Marx nachzuweisen ist. Ähnlich John Goldthorpe kritisiert Erik O. Wright an Aage B. Sørensen, dass Renten die Phänomene Ausbeutung und antagonistische Interessen nicht hinreichend erklären können. Er begründet seine Kritik anhand zweier Beispiele für employment rents. Das erste Beispiel sind Renten, die durch Transaktionskosten entstehen. Dies ist unter anderem der Fall, wenn die Arbeitsleistung eines Arbeiters nicht über Stückzahlen messbar ist. Damit ein Arbeiter unter dieser Bedingung dennoch eine seinem Gehalt entsprechende Leistung bringt kann der Unternehmer entweder als positiven Anreiz einen Lohn zahlen, der über
28 Erikson / Goldthorpe (1992), S. 31
29 Vgl. Erikson / Goldthorpe (1992), S. 37f
17
dem eigentlichen Marktlohn liegt, oder er stellt als negativen Anreiz Supervisoren ein, die die Arbeitsleistung überwachen. Erik O. Wright argumentiert, dass hier keine Renten entstehen, die ein Vorteil des Arbeiters zum Nachteil des Unternehmers sind. Diese Transaktionskosten seien vielmehr Kosten, die dadurch entstehen, dass der Unternehmer über die genannten Maßnahmen versucht, eine Ausbeutung durch die Arbeiter zu verhindern. 30
In diesem Argument findet sich m.E. kein Widerspruch zu Sørensen, vielmehr kann man seine These damit untermauern. In der von Erik O. Wright beschriebenen Situation hätten die Arbeiter die Möglichkeit, Renten über die Unmessbarkeit ihrer Arbeitsleistung zu erzielen, indem sie weniger arbeiten als ihrem Gehalt entspricht. Diese Möglichkeit der Erzielung einer Rente steht den Interessen des Unternehmers entgegen. Der Argumentation Sørensens entsprechend wird das Interesse des Unternehmers dahin gehen, diese Möglichkeit zu zerstören. Die beiden von Erik O. Wright beschriebenen Maßnahmen sind nichts anderes, als Umsetzungsstrategien dieses Interesses. Im Fall des ‚Leistungsbonus’ können alle beteiligten Arbeiter die Rente zu ihrem Vorteil realisieren. Rekrutiert der Unternehmer im anderen Fall einige Supervisoren aus den Reihen der Arbeiter mit einem ihrer Position entsprechenden höheren Entlo hnung so realisiert dieser Teil der Arbeiterschaft die strukturell bedingte Rente.
Das zweite von Erik O. Wright angeführte Beispiel befasst sich mit employment rents, die von Gewerkschaften kreiert werden. Erik O. Wright gibt Aage B. Sørensen recht, wenn er davon ausgeht, dass die Politik der Gewerkschaften Lohnunterschiede reduziert. Dadurch entstehen Renten zu Gunsten von Low-Skill-Arbeitern und zum Nachteil von High-Skill-Arbeitern. Der Argumentation Erik O. Wrights folgend lässt sich anhand dieser Form von Renten keine Ausbeutungsbeziehung zwischen den beteiligten Gruppen nachweisen. Von Gewerkschaften erzielte Solidaritätslöhne und die damit verbundenen Lohndifferenzen bezeichnet Erik O. Wright gleichermaßen als Lohn und Preis einer Klassensolidarität, die insgesamt gesehen die Position aller Arbeiter gegenüber der
30 Vgl. Wright (2000), S. 1568f
18
Kapitalseite stärkt und damit langfristig gesehen auch für alle Arbeiter mit Blick auf Lohnverhandlungen von Vorteil ist. 31 Dieser Argumentation steht entgegen, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad mit steigendem Einkommen abnimmt. Diese Tatsache kann als Ausdruck antagonistischer Interessen, wie Sørensen sie sieht, verstanden werden. Das Beispiel der Gewerkschaften wird, wie weiter oben bereits angekündigt, später Gegenstand einer genaueren Betrachtung sein.
Wie man sieht haben die Grundannahmen der von Sørensen vorgeschlagenen rentenbasierten Klassenanalyse gegenüber der von John Goldthorpe und Erik O. Wright angeführten Kritik Bestand.
Die besondere Stärke seiner Theorie gründet sich m.E. in dem Versuch, die Klassenanalyse sowohl auf eine individuelle, als auch auf eine strukturelle Grundlage zu stellen. Die Verbindung der individuellen mit der strukturellen Komponente lässt sich schematisch wie folgt darstellen:
Individuelle Komponente 1: Der total wealth ist die Eigenschaft eines Akteurs und gibt dessen Gesamtvermögen an Ressourcen wieder. Ausgehend von diesem Kapitalstand versuchen Akteure, den Ertrag aus diesen Ressourcen über Prozesse der Investition und Produktion zu maximieren. An dieser Stelle wird deutlich, dass Sørensen - ohne diesen Aspekt selbst auszuformulieren - seiner Klassenanalyse auf der individuellen Seite ein rationales Handlungsmodell zu Grunde legt. Akteure investieren in ihr Kapital, um unter Abwägung der Kosten und Nutzen ihrer Investitionsentscheidung, einen möglichst hohen Ertrag zu erzielen.
Verbindung zwischen individueller und struktureller Komponente: Die Grenzen und Möglichkeiten des Handelns von Akteuren werden von den ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen - dem total wealth - bestimmt. Der total wealth ist nicht allein eine Eigenschaft
31 Vgl. Wright (2000), S. 1569f
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des Akteurs, sondern weist zugleich eine n strukturellen Aspekt auf. Dies ist dann der Fall, wenn der Akteur nicht die vollen Kontroll-oder Eigentumsrechte über bzw. an einer Ressource besitzt, sondern diese mit einem oder mehreren anderen Akteuren teilt. Entsprechend müssen auch die Erträge aus dieser Ressource unter den beteiligten Akteuren aufgeteilt werden. Dieser Zusammenhang führt zur strukturellen Komponente der Theorie.
Strukturelle Komponente: Die aus gemeinsam kontrollierten Ressourcen anfallenden Renten und die Art, wie sie zwischen den Akteuren geteilt werden sind strukturell bedingt. Sind diese Renten dauerhafter Natur, und gehen sie weiter in der oben genannten Beziehung zwischen Akte uren ganz oder teilweise zum Vor- bzw. Nachteil eines oder mehrerer anderer Akteure, so lassen sich Momente der Ausbeutung und antagonistische Interessen nachweisen, die dann ihres Ursprungs nach strukturell bedingt sind.
Individuelle Komponente 2: Trotz ihrer strukturellen Natur lassen die antagonistischen Interessen einen Rückschluss auf die individuelle Ebene zu. Letzten Endes sind es individuelle oder kollektive Akteure, die entlang dieser Interessen handeln. Diese Handlungen zielen entsprechend der Stellung des oder der Akteure in der von Renten bestimmten Beziehung entweder auf eine Zerstörung oder auf eine Erhaltung der Renten ab.
Mit Recht kann bei Aage B. Sørensen daher von einer ‚Sounder Basis for Class Analysis’ gesprochen werden. Er überwindet mit der Konzeption des total wealth zum einen die in der marxistischen Theorie dominierende Sichtweise von einem mit der Klasse unausweichlich verbundenen Klassenschicksal. Zum anderen berücksichtigt er mit der Analyse strukturell bedingter Ausbeutung und antagonistischer Interessen entgegen der weberianischen Klassenanalyse die gesellschaftliche Verteilung der Lebenschancen von Akteuren und deren Auswirkungen.
Dennoch weist die Theorie in der vorliegenden Form zwei zusammenhängende
20
Schwachpunkte auf. Dem Verständnis Max Webers von Klasse als Lebenschance folgend führt Sørensen den total wealth als Bestimmungsgrundlage der Möglichkeiten eines Akteurs, auf Märkten Renten zu erzielen, ein.
„The total wealth controlled by actors defines their class situa-
tion with respect to class as life conditions. The assets con-trolled will determine their incomes and the variability of their in-
comes (…) the total wealth and its composition create the be-
havioral dispositions that are accountable for the inoculation
and socialization mechanisms associated with class as life con-
ditions, which I will amplify below.” 32
An dieser Stelle folgt ein argumentativer Sprung zur Beschreibung der Entstehung von Re nten. Die gegenseitige Bedingtheit von total wealth und Re nten wird entgegen Aage B. Sørensens Ankündigung in diesem Sinn im weiteren Verlauf des Artikels nicht erneut aufgegriffen. Das Potenzial des total wealth, gesellschaftliche Akteure entsprechend ihren Kapitalressourcen einer Position in der Sozialstruktur zuordnen zu können, bleibt somit ungenutzt.
Die schwache Verbindung zwischen individueller und struktureller Komponente lässt sich m.E. über eine formale Erweiterung des total wealth-Konzepts verstärken. Die bisher vorliegende Darstellung als einfache Summe aller einem Akteur zur Verfügung stehenden Ressourcen greift zu kurz, da sie den Besonderheiten verschiedener Kapitalformen und den jeweils mit ihnen verbundenen Märkte nicht ausreichend Rechnung trägt. Das Gesamtvermögen eines Akteurs setzt sich im Einzelnen zusammen aus seinem ökonomischen, seinem Human-und seinem Sozialkapital. Mit diesen Kapitalformen und ihren Eigenschaften sind unte rschiedliche Investitionsstrategien verbunden, die zu unterschiedlichen Renten und dem entsprechend unterschiedlichen Strategien zu deren Erhaltung bzw. zu deren Zerstörung führen können.
Die zweite Schwäche des total wealth -Konzepts ist, dass es das Vermögen eines Akteurs nur statisch bezogen auf einen bestimmten Zeitpunkt zu beschreiben vermag. Die soziale Mobilität von Akteuren zum Beispiel über eine Verän- 32 Vgl.Sørensen (2000), S. 1534
21
derung des Vermögensstandes können so nicht erfasst werden. Eine Möglichkeit, diese Schwäche auszugleichen, ist es, neben den Eigenschaften der einzelnen Kapitalformen die mit ihnen verbundenen Investitionsmöglichkeiten im Hinblick auf ihren Ertrag genauer zu betrachten.
Wie eingangs angekündigt geht es daher im folgenden Abschnitt zunächst um die Beschreibung der Eigenschaften dieser Kapitalsorten und der mit diesen für Akteure verbundenen Investitionsanreize . Weiter wird untersucht, unter welchen Voraussetzungen Akteure in der Lage sind, mit diesen Kapitalressourcen Re nten zu erzielen, und ob mit diesen Renten im Sinne von Aage B. Sørensen Momente der Ausbeutung und folglich die Entstehung antagonistischer Interessen verbunden sind. Der Abschnitt endet mit einer erweiterten Definition des total wealth von Akteuren.
22
3 Die Erweiterung des total wealth-Konzepts
"Differential initial wealth is of normative interest (...) because it
may well be the central injustice of a capitalist system (...).Class
is of interest as a positive statistic of class struggle, and hence
of social transformation (...).But although exploitation is related
to both class and wealth, it does not appear to be of direct i n-
terest from either the positive or the normative viewpoint." 33
3.1 Die Bedeutung von ökonomischem Kapital
Der erste Faktor zur Bestimmung des Gesamtvermögens eines Akteurs ist das ökonomische Kapital. Es steht an erster Stelle, da es die zentrale Bezugsgröße auch für die anderen Kapitalformen ist. So kann sich eine Investition in Humankapital in Form eines höheren Einkommens auf das ökonomische Kapitalvolumen eines Akteurs auswirken. Oder, betrachtet man Normen als eine Form von Sozialkapital, das Transaktionskosten auf Märkten reduziert, so ergibt sich wiederum ein direkter Bezug auf das ökonomische Kapital eines Akteurs.
Ein weiterer mehr pragmatischer als theoretischer Grund liegt darin, dass sich das Konzept der ökonomischen Rente seinem Ursprung in der klassischen Ökonomie nach zunächst auf ökonomisches Kapital und dessen Eigenschaften bezieht. Allein daher ist es sinnvoll, sich zunächst mit der Investition in und den Renten aus ökonomischem Kapital zu befassen, bevor man sich aufbauend darauf den anderen Kapitalform auf eine dem entsprechende Weise zuwendet.
3.1.1 Die Eigenschaften von ökonomischem Kapital
Zum ökonomischen Kapital zählen alle finanziellen und materiellen Ressourcen, die einem Akteur zur Verfügung stehen. Ökonomen unterscheiden vor diesem Hintergrund Realkapital und Finanzkapital. Diese Unterscheidung kann hier ganz im Sinne von Karl Marx vernachlässigt werden:
„Historisch tritt das Kapital dem Eigentum überall zunächst in
der Form von Geld gegenüber (…). Jedoch bedarf es nicht des
Rückblicks auf die Entstehungsgeschichte des Kapitals, um das
Geld als seine erste Erscheinungsform zu erkennen. (…) Die-
33 Roemer(1988), S. 89
23
Arbeit zitieren:
Stephan Pflaum, 2002, Skilled Out? Über die Bedeutung von ökonomischem Kapital, Humankapital und Sozialkapital, München, GRIN Verlag GmbH
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