1. Einleitung
Ludwig Tieck bezeichnete sich selbst als Experten und glühenden Verehrer William Shakespeares. Gerade als Theaterliebhaber sah er die glückliche Eignung Shakespeares Erzählungen für die Bühne. Tieck konnte in ihm den Inbegriff der künstlerischen Vollendung sehen, indem er sich bei seinen Betrachtungen sowohl in die Lage des Zuschauers, als auch in die des Regisseurs versetzte. Besonders Shakespeares Schaffen von Illusionen hatte Tieck beeindruckt, “denn ohne Illusion ist kein Vergnügen bei einem [...] Kunstwerke möglich”. Das Genie des Dichters besteht nun darin, den Zuschauer für seine Täuschung zu gewinnen. Im folgenden wird anhand des Aufsatzes “Shakspeare´s Behandlung des Wunderbaren” gezeigt werden, wie Tieck Shakespeares Verfahren der Glaubhaftmachung des Wunderbaren beurteilte. Danach wird auf den zeitgenössischen Begriff des Wunderbaren eingegangen werden, damit gezeigt werden kann, von welchen Theorien Tieck bezüglich dieses Themas beeinflußt wurde. Anschließend wird Tiecks Verhältnis zu Shakespeare genauer betrachtet werden.
2. “Shakspeares´s Behandlung des Wunderbaren”
Ludwig Tieck beginnt seinen Aufsatz “Shakspeares´s Behandlung des Wunderbaren” mit dem Ziel, den der Dichter mit seiner “wunderbaren” Erzählung erreichen will: die Phantasie des Lesers oder Zuschauers soll, entgegen seinen Willen, angeregt werden. Er soll sich der Geschichte hingeben, ohne dauernd über sie nachzudenken, oder sie gar zu analysieren. Die Frage, mit der Tieck sich dann auseinandersetzt, ist die, wie der Dichter die Täuschung für seine übernatürlichen Wesen gewinnt. Er geht der Frage anhand des Beispieles von Shakespeares Komödie “Der Sturm” nach, da er meint, daß die Welt des Wunderbaren im Sturm am vollkommensten ist, denn hier griff Shakespeare mehr als in seinen anderen Stücken auf Gestalten des zeitgenössischen Volksaberglaubens zurück. Er macht im folgenden deutlich, daß Shakespeare in der Komödie vier Mittel angewandt hatte, um seine übernatürlichen Darstellungen glaubhaft zu machen. Hier wird zudem erkennbar, daß das
Verfahren in der Anwendung des Wunderbaren in der Komödie ein anderes ist, als in der 1
Tragödie.
Als ersten Punkt führt er aus, daß die dargestellte Welt vollkommen wunderbar sein muß und das die unnatürlichen Ereignisse nicht absolut unerklärlich sein dürfen. Tieck unterscheidet hier zwischen dem Leser, der die Geschichte durch die Augen des Dichters sieht, und dem Zuschauer eines Schauspiels. Dieser erwartet nämlich eine größere Wahrscheinlichkeit des Gezeigten, da er das Spiel durch seine eigenen Augen betrachtet. Hierin liegt auch die größte Schwierigkeit des Dichters: er muß den Unglauben der Zuschauer befriedigen, beziehungsweise ganz vermeiden, denn wenn der Unglaube in einem Augenblick zu groß wird, wird auch die gewollte Illusion unglaubwürdig. Daher darf der Zuschauer nicht wieder in die reale Welt zurückversetzt werden, damit die Täuschung nie unterbrochen und dadurch zerstört werden kann. Das kann durch das Nachahmen des Traumzustandes erreicht werden: beim Träumen verliert man bei einer unaufhörlichen Verwirrung die Urteilskraft, mit der man sonst Wahrheit und Fiktion zu unterscheiden weiß, wodurch das Wunderbare natürlich wird und Teil der nun erlebten Welt. Erst beim Erwachen fängt man an, an dem Zauber zu zweifeln 2
und man wird sich der Täuschung bewußt.
Um nun das Publikum nicht “erwachen” zu lassen, hatte Shakespeare die dargestellte Welt im Sturm nie gänzlich ohne das Wunderbare gezeigt, denn er hatte das Publikum von Anfang an in diese unnatürliche Welt hineingeführt, so daß der Glaube des Publikums an sie gefestigt wird, und hatte sie dann im ganzen Ablauf der Geschichte nicht wieder verlassen lassen. In einer Tragödie hingegen ist die Geisterwelt stets für den Zuschauer entfernt und meist unbegreiflich. Sie spielt auch nur eine der wirklichen Welt untergeordnete Rolle, da sie hier nur zum Ziel hat, die gewünschten Gefühle des Publikums zu verstärken, nicht erst zu 3
schaffen.
Die Erzählung des Sturms handelt an sich von keiner außergewöhnlichen Begebenheit: ein Fürst, Prospero, wurde von seinem Bruder um sein Reich gebracht und ist danach mit seiner Tochter, Miranda, auf einer einsamen Insel gestrandet. Durch einen Sturm, obgleich von Prospero verursacht, werden seine Feinde auf eben diese Insel geschlagen, damit Prospero sich an ihnen rächen kann. Erst durch die Zauberkräfte Prosperos und die ihm untertänigen
1 Ludwig Tieck, Shakspeares´s Behandlung des Wunderbaren, S. 39, 41.
2 Ludwig Tieck, Shakspeares´s Behandlung des Wunderbaren, S.42f.
3 Ludwig Tieck, Shakspeares´s Behandlung des Wunderbaren, S. 45, 63f.
Geister, mit denen er seinen Plan durchführt, wird das Spiel wunderbar. Jedoch kann man sagen, daß die Rettung Prosperos und seiner Tochter auf die Insel schon dem wunderbaren 4
nahe kommt:
Miranda: “[...] Welch böser Streich, daß wir von dannen mußten! [...] Wie kamen wir an Land?” 5
Prospero: “Durch Gottes Lenkung. [...]”
Von Bedeutung ist, daß das Publikum von den erstaunlichen Ereignissen nicht erschreckt oder erschüttert werden darf, da es sonst abrupt aus der Illusion gerissen werden würde, gleich wie man aus einem Alptraum mit Schrecken erwacht. Um dies zu vermeiden, führte Shakespeare die ungewöhnlichen Bewohner der Insel und deren außergewöhnlichen Kräfte, wie schon erwähnt, gleich zu Beginn ein. So sind dem Zuschauer die Mächte der Geister und Prosperos zwar weiterhin unerklärlich, aber er gibt sich damit zufrieden, vorher davon in Kenntnis gesetzt geworden zu sein und fühlt sich somit in das Geschehen einbezogen und sich in dieser 6
Welt sicher:
Ariel: “Heil, großer Meister! [...]”
Prospero: “Hast du, Geist, Genau den Sturm vollbracht, den ich dir auftrug?” 7
Ariel: “In jedem Punkt. [...]”
Auch das Umgehenm der Figuren des Stückes mit den Wundern trägt zu dieser Sicherheit bei. Sie sind zwar überrascht und haben keine natürliche Erklärung für sie, aber sie nehmen sie einfach als Wunder hin, ohne dabei Angst zu empfinden: Ferdinand: “Dies ist ein majestätisch Schauspiel und harmonisch 8
zum Bezaubern. Darf ich diese für Geister halten?”
4 Ludwig Tieck, Shakspeares´s Behandlung des Wunderbaren, S. 45f.
5 zitiert nach: William Shakespeare “Der Sturm”, I. Akt, 2. Szene.
6 Ludwig Tieck, Shakspeares´s Behandlung des Wunderbaren, S. 47f.
7 zitiert nach: William Shakespeare “Der Sturm”, I. Akt, 2. Szene.
8 zitiert nach: William Shakespeare “Der Sturm”, IV. Akt, 1. Szene.
Arbeit zitieren:
Imke Barfknecht, 2001, Ludwig Tieck - "Shakespeare´s Behandlung des Wunderbaren", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur: Ludwig Tieck - "Shakespeare´s Behandlung des Wunderbaren" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Imke Barfknecht hat den Text Ludwig Tieck - "Shakespeare´s Behandlung des Wunderbaren" veröffentlicht
Imke Barfknecht hat einen neuen Text hochgeladen
Behandlung von Colitis und Morbus Crohn
Praxisreihe Traditionelle Chin...
Barbara Kirschbaum, Josef Hummelsberger, Mazin Al Khafaji
Ancient Medicine: Selected Papers of Ludwig Edelstein
Ludwig Edelstein, Owsei Temkin, C. Lilian Temkin
German Socialist Philosophy: Ludwig Feuerbach, Karl Marx, Friedrich En...
Wolfgang Schirmacher, Karl Marx, Ludwig Fuerbach
Expectations and the Meaning of Institutions: Essays in Economics by L...
Ludwig M. Lachmann, Don Lavoie
Ludwig Wittgenstein Cambridge Letters: Correspondence with Russell, Ke...
Ludwig Wittgenstein, George Henrik Von Wright, McGuinness
Ludwig Wittgenstein: A Comprehensive Bibliography
Francois Lapointe, Ludwig Wittgenstein, Francois H. Lapointe
0 Kommentare